X

Mittwoch, der 31. August 2016

Plauderstunde mit Eduardo, Philipp und Julia rund um das Thema Hörbücher


EDUARDO GARCÍA (MANAGING PARTNER, ATMENDE BÜCHER)
PHILIPP FEIT (MANAGING PARTNER, ATMENDE BÜCHER)
JULIA MEIER (PRODUCTMANAGER, ATMENDE BÜCHER)

 

Foto: Michael Orth

 

LIEST MAN ANDERS, WENN MAN HÖRBÜCHER PRODUZIERT?

Wenn ich etwas lese, dann ist es schon so, dass ich mir direkt vorstelle:
Wie könnte das klingen? Bei Landschaften denke ich zum Beispiel gleich: Wie klingt diese Landschaft, was könnte interessant sein? Bevor man in so eine Produktion geht und das liest, entwickelt man schon Gedanken dazu, was könnte Spannung erzeugen, was Atmosphäre, was könnte neu sein, wie könnte das alles klingen, wie bringe ich den Eindruck in einer anderen Welt zu sein rüber? Man fängt an, sich schlau zu machen. Wenn die Geschichte zum Beispiel in Schottland oder in Norwegen spielt, was wäre da ein interessantes Instrument?

Philipp und ? und Eduardo (Foto: Michael Orth) WAS IST DAS SCHWIERIGE AN EINER HÖRBUCHPRODUKTION?

EDUARDO: Du hast nur diesen Moment. Der Sprecher performt.
Was du hörst beim Aufnehmen, musst du sofort einstufen: Passt das oder nicht? Hört es sich gut an oder nicht? War da ein Fehler oder stimmte alles? Das geht ohne Pause, am laufenden Band sozusagen. Und die ganze Zeit musst du alles überprüfen. Zusätzlich, in der Funktion, dass du die Tonaufnahme überwachst, hast du auf noch andere Dinge zu achten: Hat der Sprecher da hörbar geatmet? War da ein Schmatzer? Wie war die Betonung? Wie war die Pause jetzt eben gerade? Und das über Stunden. Wenn jemand hinter dir dann in einen Apfel beißt, dann

JULIA. Oder dem Sprecher knurrt der Magen und du denkst: Himmel, warum hast du vorher nichts gegessen?

Julia (Foto: Michael Orth)EDUARDO: Und du musst sofort entscheiden: Kann ich das stehen lassen oder nicht? Hacke ich da jetzt sofort rein oder nicht? Unterbreche ich jetzt den Sprecher oder ist der gerade in so einem Flow, dass der Fehler nicht so ins Gewicht fällt, dass du sagst: Unterbrich ihn jetzt nicht, der ist gerade so toll dabei und spielt eine ganz schöne Rolle, da ist es mit der Betonung an dieser einen Stelle jetzt egal. Und das ist eben der Film, der abläuft.
Wir machen dann Aufnahme-Einheiten von ungefähr einer Stunde. Ein schönes Maß  für eine Aufnahme sind so vier bis fünf Stunden am Tag. Irgendwann tritt eine Ermüdung ein. Zuerst bist du noch total wählerisch, exakt, sorgsam, aber spätestens nach der vierten Stunde lässt die Konzentration schon nach.
Das zur Produktionsart. Dagegen sind Musikproduktionen mit einem ganzen Orchester oder einer lauten Metal-Band die reinste Entspannung.

Eduardo und Philipp (Foto: Michael Orth) HABT IHR DAS GEFÜHL, DASS ES SCHWIERIGER IST, FÜR KINDER ZU PRODUZIEREN ALS FÜR ERWACHSENE?

PHILIPP: Ich denke, mit einem Hörbuch für Erwachsene kann man eher blenden. Da kann man dem Ganzen so einen intellektuellen Schein geben. Kinder sind kritischer und ehrlicher.

EDUARDO: Ich bin nach einer Produktion immer nach Hause gekommen und hab' es gleich meinen Kindern vorgespielt. Und die haben dann gesagt: Warum hat der das denn so gemacht? Oder: Den hab' ich mir ganz anders vorgestellt.
Ich hab' meinen Kindern auch oft vorgelesen, mit Stimme verstellen und ganz viel Herzblut. Bis dann irgendwann aus den Kissen kam: Papa, hör auf, das is' voll peinlich. Da merkt man dann, wie anstrengend es ist, ein guter Vorleser oder Sprecher zu sein.

Eduardo (Foto: Michael Orth) GIBT ES REGELN FÜR DIE SPRECHER, SO WAS WIE:
ICH DARF MORGENS NICHT DAS ODER DAS ESSEN ODER TRINKEN, WEIL SICH DAS AUF MEINEN ATEM, MEINE STIMME AUSWIRKT?

EDUARDO: Man sollte natürlich möglichst nichts Schleimbildendes wie zum Beispiel Milch vor einer Hörbuchaufnahme zu sich nehmen.  Also möglichst auch keinen Cappuccino. Du kannst kein Mineralwasser am Tisch stehen haben. Du hörst die Kohlensäure sprudeln. Bei unserer aktuellen Produktion mussten wir Rainer Strecker bitten, seine Hose auszuziehen, weil die zu sehr geraschelt hat.

Foto: Michael OrthPHILIPP: Es ist auch ein Problem, wenn jemand zu einem Termin kommt und vorher schon viele andere Termine hatte. Da ist einfach eine andere Spannung da. Extrem ist es, wenn jemand Computerspiele synchronisiert hat. Der hat stundenlang irgendwelche Orks schreien lassen und dann kommt er zu mir in die Aufnahme.
Das kann dann schwierig werden.

EDUARDO: Aus dem Grund beginnen wir mit einer Hörbuchaufnahme auch immer am Vormittag, spätestens um zehn Uhr. Dann ist man gegen fünfzehn Uhr fertig und muss dann auch echt mal was anderes machen.

WAS WAR EURE SCHLIMMSTE ERFAHRUNG, SEIT IHR HÖRBÜCHER PRODUZIERT?

Philipp (Foto: Michael Orth)
JULIA: Ich habe mal eine sehr bekannte Schauspielerin als Sprecherin versetzt, habe den Termin verschwitzt und bin zu spät gekommen.

PHILIPP: Mich hat irgendwann mal ein Regisseur zusammengebrüllt, aber das hab' ich mit Fassung getragen.


EDUARDO: Was dagegen eine besonders schöne Erfahrung war:
Ich durfte mal mit Henryk M. Broder "Erbarmen mit den Deutschen" aufnehmen.
Wir haben tagelang aufgenommen und es ging gegen Ende. Letzter Satz. Und er liest einfach weiter. Und ich dachte: Cool, der hat 'ne andere Buchausgabe. Er hat über Minuten weiter gesprochen. Letztlich war es so, dass er einfach noch etwas hatte, was er erzählen wollte. Er hat ohne Ähs und Ohs sein Schlussplädoyer gehalten.
Das war sehr beeindruckend.

WENN IHR EIN BACKREZEPT FÜRS HÖRBUCH GEBEN SOLLTET, WAS GEHÖRT AN ZUTATEN DAZU? DIE STIMME, DER STOFF, UND DANN GEHT ES LOS?

Julia (Foto: Michael Orth)JULIA: Was auch wichtig und vor allem hilfreich ist, ist das Hörbuchmanuskript. Das ist speziell formatiert, zum Beispiel endet jede Seite auch auf Punkt, damit der Sprecher beim Umblättern nicht mitten im Satz steckt und man auch das Rascheln nicht hört. Damit bereitet der Sprecher sich vor, kann unter anderem seine Betonungen festlegen.

Philipp und ? und Eduardo (Foto: Michael Orth)
HABT IHR EINE FAVORITENSTIMME:

PHILIPP und EDUARDO: Natürlich die Robert de Niro Stimme!

EDUARDO: Ich finde Jeremy Irons' eigene Stimme cool. Und die Synchronstimme von Robert Redford.

PHILIPP: Wen ich noch super finde, ist Till Hagen, der Kevin Spacey spricht.

EDUARDO: Die Synchronstimme von Uma Thurman. Allerdings bin ich noch nicht sicher, ob es nicht doch eher an Uma liegt.

JULIA: Ich mag Andreas Fröhlich gerne, immer noch. Der Bob Andrews der Drei ???. Und er spricht Edward Norton und John Cusack.

Foto: Michael Orth
DANKESCHÖN, IHR DREI, UND VIEL SPASS UND ERFOLG MIT 'ATMENDE BÜCHER'!

Und ihr? Habt ihr auch eine Lieblingsstimme? Oder Fragen an die Hörbuchmacher von Atmende Bücher? Dann schickt uns eine Email: mail@corneliafunke.com

Keine Kommentare