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Sonnenschein

Das Mädchen ohne Vergangenheit

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1.Kapitel: Neues Zuhause, neues Leben

Das soll unser neues Zuhause sein?, dachte ich mir, während ich aus dem Fenster starrte. Da lag Müll, dahinten war eine kleine Grube in der Straße und die Hochhäuser, die hier überall herum standen, sahen auch nicht gerade einladend aus mit ihrem schmutzigen Anstrich den kleinen Fenstern, die aussahen, als würden sie gleich auf den Bürgersteig fallen. Und das Dach erst! Überall nur Vogelkacke. Ich seufzte tief und schlug mit meinem Kopf gegen die Fensterscheibe. Ich unterdrücke die Worte, die ich gerade zu Mama sagen wollte, denn ich wusste, dass sie nichts dafür konnte. Es war doch nicht ihre Schuld, dass Papa sich mit ihr scheiden lies und dass Mama dann kurz darauf auch noch ihre Arbeit verloren hatte. Dann stand sie da, ohne Mann, ohne Arbeit und ohne Geld. Nur mich hatte sie noch. Wir wären ja nicht umgezogen, wenn Papa uns nicht vor die Tür gesetzt hätte.
Das Einzige, was er uns noch erlaubt hatte, war unsere Sachen zu holen und ab zu hauen. Wir hatten Glück, dass wir eine Zeit lang bei meinem Onkel Herbert, Mamas Bruder, wohnen durften, denn es war nicht einfach eine Wohnung zu finden, die für die unser Geld reichte, doch wir hatten es trotzdem geschafft. Und das war das Ergebnis: lauter hässliche Hochhäuser!

„Wir sind schon fast da, Liebes!“, sagte Mama aufmunternd und schaute lächelnd zu mir rüber. Auf einmal krachte es so sehr, dass wir beide beinahe mit dem Kopf gegen die Decke geknallt wären. Die ganzen Umzugskisten kullerten durch das Auto. Ich hoffte nur, dass dabei nichts kaputt gegangen ist, was wertvoll für uns war.
„Na ja... bis auf diese Paar Gruben sieht es hier doch ganz nett aus“, meinte Mama. Ganz nett? Ein Paar Gruben?, dachte ich.
Auf der Straße waren fast nur Gruben. Aber Mama meinte es doch nur gut.
„Schau mal da vorne ist ein kleiner Supermarkt“, sagte ich und zeigte auf einen Laden, der sich etwas zwischen den Blöcken versteckte. „Vielleicht findest du dort einen Job“ Mum lächelte.
„Ach Fabien!“, seufzte Mama. „Du bist wirklich der wertvollste Schatz, den ich besitze!“
„Mama, ist das nicht die Einfahrt?“, fragte ich unsicher und blickte in einen kleinen Hof, in dem einige wenige geparkte Autos in der Sonne brieten.
„Oh, ja! Danke Liebes!“, murmelte Mama und bog ein.
Kritisch betrachtete ich die wenigen Bäume, die um den Parkplatz eingepflanzt wurden. Es schienen die einzigen Farbflecken zu sein, in diesem dreckigen Grau. Als Mama eingeparkt hatte, schnallte ich mich ab und stieg aus. Sofort verzog ich das Gesicht.
Stickige heiße Sommerluft klebte zwischen den Häusern.
In meinem alten Zuhause war die Luft auch im Sommer schön frisch und die vielen grünen Bäume hatten kühle Schatten gespendet, doch hier waren nur einige mickrige Bäumchen, die es nicht hinbekamen die Luft so zu reinigen, dass man hier atmen konnte. In spätestens drei Tagen liege ich tot da, weil ich erstickt bin!, stellte ich mir niedergeschlagen vor und knallte die Autotür zu. Ich zwang mich zu einem netten Lächeln und ging rüber zum Kofferraum, wo Mama schon die ersten Umzugskartons ab lud.
„Komm ich helfe dir!“, sagte ich und packte mit an. Gemeinsam schafften wir es alle Kisten in das Treppenhaus zu bringen.

Wir hatten Glück, dass sich unsere Wohnung im dritten Stockwerk befand und nicht noch weiter höher, denn wie wir herausfanden, war der Aufzug zur Zeit defekt. Während Mum die Schlüssel suchte musterte ich mit hochgezogenen Augenbrauen das Treppenhaus. Der Anstrich blätterte inzwischen ab und auf die Wände waren bekritzelt mit teilweise ekelhaften Dingen, die glücklicherweise gar nicht nicht lesbar waren. Bevor ich noch mehr von diesen Kritzeleien aufschnappen konnte, fand Mum endlich die Hausschlüssel und sperrte auf. Mühsam schoben wir die Umzugskartons in die noch leere Wohnung. Geschafft!

„Na dann zeig ich dir mal unser neues Zuhause!“, kündigte Mum an und führte mich durchs Haus. Die Küche hatte sie schon zusammen mit Onkel Herbert fertig eingerichtet. Es fehlten nur noch Töpfe, Besteck, Teller, Tassen, Schlüsseln... - eben alles, was in die Küche gehörte. Dann führte sie mich ins Wohnzimmer. Bis auf ein kleines Sofa, auf dem Mum vorerst schlafen würde,
war es leer. Das Badezimmer war auch schon fertig und sonst gab es noch ein weiteres Zimmer. Meines. Es war nicht besonders groß, aber ich meinte, dass ich es mir hier dennoch ziemlich gemütlich machen könnte.
„Dein Onkel kommt heute noch uns baut dir das Bett zusammen, dann hast du schon mal einen Schlafplatz“, kündigte Mama an. „Ist okay“, sagte ich und überlegte, was ich jetzt machen sollte.

Mein Zimmer war ein leerer Raum mit vier weißen Wänden und keinen Möbeln. Nur ein flauschiger grüner Teppich bedeckte den Boden. Im Haus konnte ich so gut wie nichts machen, außer die Umzugskartons durchs Haus zu schieben, also beschloss ich erst einmal nach draußen zu gehen. „Mama ich schau mich mal um, oke?“, fragte ich.
Mum meinte nur: „Sei aber bis sieben wieder daheim!“
„Geht klar!“, rief ich, als ich aus dem Haus lief.

Draußen traf ich auch schon Onkel Herbert. Er hatte immer so verwuschelte braune Haare, als wäre eine Bombe explodiert. Als er mir mal erklärt hatte, dass er sie nicht glatt kämmen konnte, riet ich ihm Haargel zu benutzen, aber das konnte er ja nicht immer anwenden.
„Hallo“, sagte ich, als er an mir vorbeiging.
„Hallo Fabien. Wie geht’s dir so?“, fragte er.
„Wie soll's mir schon gehen? Grässlich, natürlich! Sieh dich nur mal um! Würdest du hier leben wollen? Und noch dazu sind meine Freunde etwa eine Stunde weit weg“, antwortete ich ehrlich.
„Ich hab deiner Mutter ja gleich gesagt sie soll diesen Typen nicht heiraten, der liebt doch nur sein Geld, aber sie hat ja nicht auf mich gehört. Und das hat sie jetzt davon“, meinte Onkel Herbert aufgebracht. „Na ja. Sollte mal besser oben helfen...“, murmelte er noch.
Gleich darauf verschwand er hinter der Haustür.

Mein Vater... dieser Dreckskerl! Hat sich einfach ne andere gesucht. Wahrscheinlich fand er Mum nicht hübsch genug. Bei diesem Thema wurde ich immer so wütend, dass ich alles um mich werfen könnte. Am liebsten hätte ich ihm den Hals umgedreht oder ihn so lange gefoltert, dass es von selbst umkommt. Schadenfroh schlenderte ich durch mein neues Wohngebiet. Es sah überall gleich aus. Immer der gleiche Abstand der Häuser, zwischen den Häuserblöcken mit ihren Parkplätzen die Selbe endlos lange Straße mit tiefen Gruben.  

Da! Ein Grünfleck! Hoffnungsvoll joggte ich darauf zu. Bäume. Überall nur Bäume und ein Weg, der dadurch führte. Das sieht mal um Einiges besser aus, dachte ich erleichtert und betrat den Weg. Kies knirschte unter meinen Turnschuhen und da war noch ein anderes Geräusch. Es klang gläsern. Ich schaute auf den Boden. Wer hätte das gedacht? Glasscherben, leere Zigarettenschachteln, aus gerauchte Zigaretten und – ich traute meinen Augen kaum – eine Spritze. Spritzt man sich damit nicht Drogen in den Körper. Mir schauderte. Sollte ich weiter gehen? Könnte es sein, dass weiter hinten Süchtige treffe, die mir was anbieten? Oder, dass sie mich nach Heroin oder so nem Zeug fragen und mich verprügeln, wenn ich ihnen antwortete, dass ich nichts habe? Die ganze Zeit stand ich wie angewurzelt da, während ich keinen Entschluss fassen konnte. Weiter oder zurück gehen? Es lag alles am Rande des Weges. Weiter hinten im Wald konnte ich noch mehr so ein Zeug entdecken. Angeekelt wandte ich meinen Blick davon ab. Weiter oder zurück gehen?

Plötzlich hörte ich ein Geräusch von hinten. Obwohl es nur ein Kinderwagen war, der auf den Weg geschoben wurde, zuckte ich erschrocken zusammen. Moment! Ein Kinderwagen? Wenn eine Mutter mit einem Kind hier vorbei kam, kann weiter hinten sicher nichts Schlimmes sein! Also: Weiter gehen! Auch wenn ich mich dafür entschieden habe, hatte ich Angst davor, was mich weiter hinten erwarten würde. Nur zitternd tat ich meine zögernden Schritte.
„Da ist nichts“, redete ich mir ein, „überhaupt nichts“ Ein Spielplatz! Eine Tischtennisplatte! Nein, ich hatte wohl wirklich keinen Grund mich zu fürchten. Mit diesem Gedanken fiel mir auch eine Erklärung für den ganzen Müll ein. Es hätte schon wochenlang her sein können, dass hier jemand Drogen genommen hatte, nur hat keiner ihren Müll aufgeräumt.

Nun stand ich auf dem Spielplatz im sandigen – wieder dreckigen – Boden. Erneut sah ich etwas, das mich zusammen zucken lies. Eine Spritze. Vielleicht war meine Erklärung doch nicht die Richtige. Jetzt war ich mir so sicher, ob ich nicht doch lieber hätte umkehren sollen, als ich überlegt hatte. Am Besten gehe ich gleich wieder zurück, ich habe gesehen was ich sehen wollte, dachte ich, doch da fasste jemand mich an der Schulter. Ich wagte kaum mich umzudrehen, aus Angst jetzt jemanden zu treffen, der mich verprügeln würde. Schließlich tat ich es dennoch, denn es war wohl schon zu spät wegzulaufen. Ich starrte in gläserne hellblaue Augen, an denen die tiefsten Augenringe hingen, die ich je gesehen hatte. Ein so stinkender Mundgeruch schwebte in meine Nasenhöhlen, so dass ich glaubte im nächsten Moment zu erbrechen. Außerdem hätte sich der Typ echt mal rasieren können. Er steckte sich eine Zigarette in den Mund. Kurz darauf pustete er den ganzen grauen Rauch in mein Gesicht.

„Na was is? Wo is'n deine Kippe?“, fragte er mich.
„Hab keine“, brachte ich heraus, denn meine Lunge füllte sich mit dem ekeligen Rauch der Zigarette. Drei Weitere torkelten auf mich zu. Darunter war ein Mädchen, das gerade mal ein Jahr älter waren, als ich. Sie trug eine Wodka-Flasche bei sich. Die anderen Beiden waren auch nicht viel älter, vielleicht Fünfzehn oder Sechzehn.
„Na dann kriegste gleich ne. Oder lieber Wodka?“, bot er mir locker an. Das Mädchen war inzwischen bei mir und drückte mir die Wodka-Flasche in die Hand.
„Hier. Is nich der Beste, aber besser als nichts“, meinte sie schulterzuckend. Auch sie hatte Augenringe. Ihr blondes Haar hätte sie wunderschön gemacht, wenn sie nicht fettig un ungekämmt wären. Wann hatte sie das letzte Mal eine Dusche genommen?
„Ich... ich trinke nicht“, stammelte ich. Dann bekam ich einen Hustanfall, vom Gestank des stickigen Rauchs. Dabei lies ich die Wodka-Flasche fallen. Dumpf landete sie im Sand. Oh, nein! Gleich würde auch noch mein Frühstück in mir hochkommen!
Ich muss ganz schnell hier weg. Schnell!
„Is wohl dein Erstes Mal, nich?“, meinte ein Junge, der mit dem Mädchen zu mir gekommen war. Seufzend hob er die Wodka-Flasche auf und reichte sie mir.
„Was? Nein! Ich.. ich hatte nicht vor... will nicht...“, stotterte ich erschrocken. Mein Körper zitterte. Mein Hirn wurde ganz taub.
„Wie nich? Ach ja, weiß scho was'n meinst... Der brennt a bissl, aber is nich schlimm. Nach'm ersten Mal wirst du's lieben“, versprach er.
„N... nein... nein...“ Wieder musste ich husten. Ich wollte hier weg! Weit weg!
„Ach komm scho“, sagte das Mädchen. Wie jung sie nur alle waren.

„Muss... weg...“, hustete ich und schlug die Hand auf meiner Schulter weg. Dann rannte ich so schnell ich konnte davon.
„Du bist ein Feigling!“, rief mir jemand nach, aber ich rannte weiter, froh darüber, dass ich es endlich geschafft hatte weg von ihnen zu kommen. Ahnungslos, wohin ich überhaupt kommen würde, rannte ich zwischen die Bäume, in einen Wald hinein. Zigaretten, Spritzen, Zigarettenschachteln und Scherben bedeckten die Erde. Auch wenn ich mir sicher war, dass ich meinen Augen nicht vertrauen konnte, sah ich die Zigarettenschachteln und Spritzen überall. In den Bäumen hängen, auf dem Boden liegen... Es schien mir auch, als würde mich der stinkende Rauch verfolgen, obwohl da keiner war.

Der Wald ist ja riesig!, dachte ich, als er immer noch kein Ende fand. Bald schon war ich so außer Puste, dass ich gegen einen Baum stolperte. Ich hab sie abgehängt, war mein einziger Gedanke. Nur das war wichtig. Schwer atmend lehnte ich mich gegen einen Baum. Langsam konnte ich wieder gleichmäßig atmen. Noch immer zitterte ich. Ruhig, ganz ruhig, befahl ich mir.

„Jetzt gehe ich erst einmal nach Hause“, murmelte ich.
Aber wohin? Hier waren überall nur Bäume. Zuerst alles grau, jetzt alles grün.
„Na toll!“, sagte ich niedergeschlagen. Ich hatte mich verirrt. Was jetzt? Oh, Mist! Ich hätte gleich umkehren sollen! Wie konnte ich nur so dumm sein zu glauben, dass ich doch keinen Süchtigen begegnen würde! Irgendwo hin musste ich ja jetzt trotzdem gehen, also ging ich einfach gerade aus weiter. Dabei versuchte ich die ganze Zeit über nicht auf den Boden zu schauen. Mir war immer noch übel vom Gestank und dem was ich gesehen hatte. Es war einfach nur schrecklich! Wieso hatte die Polizei sie noch nicht geschnappt? Welche Anzeichen auf Drogensüchtige wollten sie noch? Es war doch auf dem ersten Blick klar! Vielleicht kam die Polizei gar nicht mehr an diesen dreckigen Ort, überlegte ich. Dann muss ich sie informieren. Sonst kann ich unmöglich hier leben! Und wenn die Polizei erst mal informiert ist, kommen die Typen in den Jugendknast. Hoffentlich wird hier auch aufgeräumt. Ich stellte mir vor, wie das alles möglicherweise doch noch ein schöner Ort werden könnte. Kein Müll zwischen den Bäumen. Fröhliche Kinder auf dem Spielplatz. Es könnte so schön werden.

Ich war so sehr in meinen Gedanken vertieft, dass ich gar nicht merkte, wie ich an den Waldrand gelangte. Vor mir erstreckte sich ein großes Feld, das überwuchert war von allen möglichen Pflanzen (ich war noch nie gut in Bio gewesen, deshalb konnte ich nur sagen, dass hier ziemlich viele Gänseblüchen und Löwenzähne wuchsen, den Rest der Pflanzen kannte ich nur vom Sehen her). Mitten auf diesem Feld war ein hoher Müllhaufen aufgetürmt worden. Zögernd ging ich darauf zu. Wo war ich? Als ich den Müllhaufen erreicht hatte, hörte ich Stimmen. Doch nicht wieder Abhängige, oder? Jetzt sollte ich lieber sofort umkehren, dachte ich mir. Was jetzt passierte hätte ich mir denken können. War ja klar, dass ich auch diesmal nicht so schnell weg kam.

„Was machst du hier?“, rief ein Junge, der hinter dem Müllhaufen hervorkam, aber nicht auf mich zu ging. Er sah nicht so aus, als würde er Drogen nehmen oder rauchen oder sich betrinken, obwohl er etwa im selben Alter war, wie die Typen am Spielplatz. Mir kam es sogar vor, als wäre er richtig gescheit im Gegensatz zu den anderen.
„Was macht du hier?“, wiederholte er.
„Hab mich verlaufen“, murmelte ich.
„Pah! Verlaufen! Sie hat sich verlaufen, sagt sie. Als ob wir dir das abkaufen würden. Du kommst von den Pennern da hinten, stimmt's?“, sagte er. Weitere Jugendliche kamen hinter dem Müllhaufen hervor. Alle waren zwischen 13 und 16 Jahren.

Mit dem ersten Jungen waren es fünf. Drei Jungen und zwei Mädchen. Die Jungs sahen genau so gescheit aus, wie der, der mich so blöd angeredet hat. Anscheinend sahen sie nur so aus, als hätten sie was im Hirn, in Wahrheit ist da wahrscheinlich nichts drin. Dafür hatte ein Junge so blondes Haar, das es in der Sonne, wie Gold schimmerte, und schöne blaue Augen. Bei diesem Anblick fielen mir die Worte ein, die Jana, meine Beste Freundin mir vorher eingeschärft hatte. Selbst hinter dem süßesten Jungen könnte sich ein Betrüger verstecken. Würde hier höchstwahrscheinlich der Fall sein. Die andern Jungs hatten alle braune Haare. Bei dem Typen, der dachte ich sei von diesen Pennern, leuchteten durch dringliche grüne Augen, dessen Blicken ich auswich. Der andere braunhaarige Junge hatte schöne dunkle Augen, die seine Pupillen versteckten.

„Stimmt's hab ich gesagt! Da erwarte ich eine Antwort von dir du freche Göre!“, schrie mich der Junge mit den grünen durch dringlichen Augen an.
„Hör auf so mit ihr zu reden“, verteidigte mich ein Mädchen mit langem rabenschwarzem Haar. „Sie ist nicht von denen, oder hast du sie hier schon mal gesehen? Sie ist ein Neuling, falls du das nicht kapierst.“
„Danke. Das stimmt“, meinte ich schüchtern.

„Natürlich stimmt das. Geh Heim und lass uns in Ruhe“, befahl die Fünfte unter ihnen. Sie hatte einen dieser Haarschnitte, die zur Zeit total modern waren. Auf der einen Kopfhälfte wuchsen kurze Haare, auf der anderen langes Haar. Auch sie hatte braunes Haar, aber es war etwas heller und hatte rosa Strähnen auf der langhaarigen Kopfseite.
„Ich hab mich hier verirrt“, gab ich zu. Das Mädchen verdrehte die Augen und flüsterte dem anderen Mädchen zu: „War ja wieder klar.“
„Komm ich begleite dich“, sagte das Mädchen mit rabenschwarzem Haar und schritt in den Wald. Ich folgte ihr. Sie ging so zielstrebig in eine Richtung, dass ich mich jetzt sogar fragte, ob ich den Weg nicht selbst gefunden hätte.
„Wo wohnst du?“, fragte sie mich.
„Mary-McHeard-Straße 3“, antwortete ich. Sofort ging sie schräg rechts. Nein, ich hätte den Weg garantiert nicht gefunden. Der Rückweg erschien mir viel länger, als der Hinweg.
Außerdem war es so still, dass ich beschloss mich einfach zu unterhalten. Wer weiß, vielleicht gewinne ich so Freunde? Und die könnte ich in so einer Gegend ganz sicher gebrauchen.
Immerhin war sie keine Süchtige.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte ich.
„Ed“, sagte sie.
„Ed?“
„Ja! Hast du noch nie was von Spitznamen gehört? Wie heißt du?“
„Fabien“
„Also Fabi“
„Nein! Fabien“ Ed verdrehte die Augen.
„Bei uns wird man nur mit Spitznamen angesprochen. Also gewöhn dich mal besser daran und akzeptier das“, erklärte sie.
„Heißt das ich gehöre zu euch?“, fragte ich hoffnungsvoll.
Ed schnaubte nur verächtlich.
„Das hab ich nicht gesagt. Und jetzt hör auf so rum zu nerven“, sagte sie barsch. Das kann nicht so leicht werden mit Freundschaften schließen, stellte ich fest.
„So da wären wir“, sagte Ed. Wir blieben an einer überwucherten Steinmauer stehen.
„Was soll das? Willst du mich auf dem Arm nehmen?“, fragte ich.
„Mein Gott! Du checkst ja echt nichts“, zischte Ed. „Du musst drüber klettern. Kapiert?“
„Ja“, meinte ich genervt. Die ist ja mal super drauf. Versteht wohl nicht, dass ich eine keine Ahnung habe, während alles für sie so selbstverständlich ist. Ich kletterte auf die Mauer, was mir nicht wirklich schwer fiel, denn zwischen den Steinen befanden sich kleine Rillen in denen ich mich abstützen konnte. Als ich oben war, merkte ich, dass Ed weg war. Ich sprang hinunter. Hinter der Mauer waren die Hochhäuser. Warum ich sie vorher nicht bemerkt hatte?, überlegte ich, während ich mich auf den Weg zur Mary-McHeard-Straße 3 machte.

Der Tag verging ewig langsam. Onkel Herbert und Mama schraubten den ganzen Tag am Bett rum. In der ganzen Wohnung langen Holzspäne auf dem Boden, außer in der Küche. Deswegen verkroch ich mich dort. Selbstverständlich versuchte ich sofort das, was jedes Mädchen in meiner schrecklichen Lage tun würde: seine beste Freundin benachrichtigen. Meine war Jana Milchner. Eigentlich hatte ich gedacht dieser Tag könnte nicht noch schlimmer werden. Tja, nun stellte ich fest, dass ich hier keinen Empfang hatte. Gefangen im Elend. Abgeschnitten von der Außenwelt. Keinen Kontakt zur Rettung. Was kann schlimmer sein als das? Ich könnte heulen, schreien und um mich schlagen. Stadtessen beschloss ich ruhig zu bleiben und eine Tafel Schokolade zu verspeisen. In diesem Fall hatte ich wenigstens etwas Glück. Der neue Süßigkeitenschrank war bereits gefüllt mit drei Tafeln Schokolade. Ich nahm die erste Tafel heraus, als wäre es eine Trophäe. Man sagt ja schließlich, dass  Schokolade glücklich machen soll. Künstliches Glück also. Nicht bei mir. Gleich nach dem ersten Bissen schon packte ich die Tafel wieder ein, denn es half nichts gegen meine furchtbare Lage. Es schmeckte nur nach Zucker. Süßem Zucker, der meine Gefühle aufgesogen hatte und die ganze Schokolade scheußlich gemacht hatte. Sobald das Bett fertig war, die Holzspäne weggeräumt waren und Onkel Herbert gegangen war, verkroch ich mich im Bett, auch wenn es erst acht war und ich Sommerferien hatte. Wie schon immer setzte sich Mama zu mir aufs Bett, um mir eine gute Nacht zu wünschen. Wenigstens mit ihr konnte ich noch reden.

„Mama das ist schrecklich“, sagte ich.
„Wir kommen aus diesem Loch wieder heraus. Ich verspreche es dir“, tröstete Mum.
„Nur leider erst frühestens nach dem Ferien“, erinnerte ich.
„Wir schaffen das schon“ Mama streichte mir zärtlich durch mein weiches Haar. „Du findest hier ganz bestimmt Freunde und ich einen Job“
„Ich hab's versucht. Wirklich aber...“ Ich konnte mich nicht mehr unter Kontrolle halten. Das alles war zu viel für mich. Mit Schulstress konnte ich noch klar kommen, aber doch nicht damit.
„Da sind nur... Dro Drogenabhängige.... und Alkoholiker“, heulte ich.
„Ach du scheiße“, flüsterte Mama.
„Ja ich weiß“
„Weißt du was! Du darfst in den Ferien bei Jana schlafen, ist das ok?“, schlug Mum vor.
„Du bist dann ganz alleine hier. Nein.. ich lasse dich nicht allein“, widersprach ich.
„Herbert kommt doch“, erinnerte Mama.
„Na gut“

Die Nacht war ruhig und drückte sich wie eine schwere Last auf mich. Das war nichts Neues für mich, denn Lasten musste ich schon genug tragen. Doch heute war diese Last noch schwerer und presste sich mit doppelter Kraft auf mich, als würde sie nur darauf warten, dass ich stürze. Nur: Was war es, das mich unterdrückte? Meine Vergangenheit, die ich nie erlebte? Nein, es war noch etwas viel Tieferes. Ein Geheimnis. Nicht das, worüber ich mir schon immer Gedanken gemacht hatte. Es war dieses Mädchen, das heute aufgetaucht war. Ich hatte sie unfair behandelt, das war mir klar. Aber es waren keine Gewissensstiche, wie jeder vielleicht erwarten würde. Bei mir war das anders. Bei mir war alles anders. Obwohl ich Freunde hatte, fühlte ich mich, wie eine Außenseiterin. Alle anderen hätten womöglich jetzt schlechte Gewissen.
Ich jedoch war neugierig. Mein ganzes Leben lang schon war ich neugierig, wollte immer wissen, was meine Vergangenheit war.
Als dieses Mädchen auftauchte, kam es mir so vor, als hätte ich sie schon einmal gesehen oder sogar richtig gekannt. Trotzdem konnte ich mich nicht daran erinnern, wer sie war. Das ist ja irgendwie auch logisch, wenn ich mich nicht einmal an meine eigene Vergangenheit erinnern konnte. Ich musste sie kennen lernen.
Ich musste wissen, wer sie war. Vielleicht kann sie mir den Schlüssel zu meiner Vergangenheit geben. Jeder hatte ein Recht darauf zu wissen, wer man war. Also auch ich. Und dieses Recht werde ich auch bekommen. Koste es was es wolle. Das ist es wert!

2. Kapitel: Die Droge

Da lag sie wieder. Diese Müllkippe mitten auf der Wiese, die in der heißen Sonne gebraten wurde. Alles sah genauso aus wie gestern. Verlassen und dreckig. Kein Ort, an den man gerne hingehen würde. Wieso war ich noch einmal hergekommen? Ach ja, genau, weil ich das Beste aus meiner Situation machen sollte und wenigstens versuchen sollte Freunde zu finden. Das mit Jana hatte leider nicht funktioniert, weil ich nämlich festgestellt hatte, dass sie für zwei Wochen nach Frankreich in den Urlaub flog. Also hieß es für mich nur warten.
„Ich schicke dir eine Postkarte, versprochen“, hatte sie gestern noch am Telefon gesagt. Ich seufzte. Irgendetwas wollte, dass ich unbedingt diese Leute kennen lernte – sei es nun Schicksal oder eine andere größere Macht – diese Leute veränderten mein ganzes Leben.
 
Jedenfalls stand ich erneut auf der Wiese hinter der Müllkippe. Die Jugendlichen saßen oder lagen lässig auf dem trockenen Boden und ließen sich von der Sommersonne wärmen. Der Junge mit den goldenen Haaren und blauen Augen lehnte sich an etwas, das aussah, wie ein altes zerschlissenes Sofa. Im Gegensatz zum Vortag konnte ich ihn diesmal genauer mustern. Er hatte ein ovales Gesicht mit spitzem Kinn und einer sehr langen Nase, was ihm insgesamt einen rattenähnlichen Anblick verlieh. Fehlte nur noch, dass Schnurhaare aus seinen Wangen wuchsen. Ich unterdrückte ein Kichern und wandte stattdessen meinen Blick dem anderen Jungen zu, der braunes Haar und olivgrüne Augen hatte. Momentan konnte ich sein Gesicht allerdings nicht näher betrachten, da er über einen Gegenstand auf dem Boden gebeugt war, den ich ebenfalls nicht sehen konnte. Neben ihm saß der letzte Junge unter ihnen und reichte ihm etwas, das aussah wie ein kleines Glasfläschchen. Die beiden Mädchen saßen gegenüber von den Jungs und betrachteten konzentriert die Arbeit ihrer Freunde. Die Linke von ihnen war diejenige, die diesen supermodernen Haarschnitt hatte und die Rechte hatte dieses lange rabenschwarze Haar und genauso dunkle Augen.
 
„Nicht die schon wieder!“, stieß das Mädchen links von ihr zwar leise zu ihren Freunden aus, doch noch laut genug, dass ich sie hören konnte. Es sollte mich kränken, doch ich blieb hartnäckig.
„Lass mich raten, du hast kapiert, dass es außer den jämmerlichen Pennern nur noch uns in dem Viertel gibt, die deine potenziellen, nennen wir es Freunde werden könnten“, sagte der Junge mit dem Rattengesicht zu mir. Der Junge, der über dem Gegenstand gebeugt war, sah zu mir auf und lächelte schelmisch.
„Glaub nicht bei uns wirst du keine Drogen finden“, schärfte er mir ein, dann machte er eine einladende Geste und zeigte auf ein Stück Boden neben ihm. „Komm her!“
Ich nahm die Gelegenheit an und ließ mich neben ihn plumsen. Nun erkannte ich auch den Gegenstand: eine Spritze! Was hatte ich erwartet?
„Unsere Drogen sind allerdings… sagen wir berauschender“, kündigte der blauäugige Junge an.
„Du kannst probieren, wenn du magst. Wir geben die gerne etwas ab“, bot mir das Mädchen mit dem coolen Haarschnitt an.
„Nein danke“, lehnte ich ab. Sie schnaubte verächtlich und musterte mich mit einem missbilligenden Blick.
„Dank unserem geheimnisvollen Mädchen ohne Vergangenheit, Ed“, fuhr der Junge fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Seine blauen Augen leuchteten vor Begeisterung.
„Also, wie wir gerade festgestellt haben, kennst du meinen Namen bereits. Das ist Mel“, Ed zeigte auf das Mädchen mit dem Kurzhaarschnitt, „Stefan“, der Junge mit goldblondem Haar und Rattengesicht, „Kej“, der Typ mit blauen vor Begeisterung strahlenden Augen, „und Zack“, der Junge neben ihm, „Leute, das ist Fabi. Ich habe recherchiert, sie ist tatsächlich neu hier. Ihre Eltern sind geschieden, ihre Mama hat keinen Job mehr und sie ist nun einmal hier bei uns gelandet.“
„Woher weißt du so viel über mich?“, fragte ich perplex.
„Sie ist die rabenschwarze Spionin“, raunte Kej. Mel verdrehte wiedermal die Augen.
„Sagen wir mal, den persönlichen Teil hätten wir abgehakt“, sagte Ed.
„Moment“, unterbrach ich, „was ist mit euch?“
Die Jungs lachten, Mel sah mich mit einem Blick an, der mir sagen sollte: „Ernsthaft, Mädchen?“ und Ed runzelte die Stirn. Anscheinend hatte sie nicht verstanden, was ich wollte.
„Wie was ist mit uns?“, wiederholte sie.
„Na, ihr wisst etwas über mich. Ich will etwas über euch erfahren“, erklärte ich, möglichst freundlich. Falls es für sie so ausgesehen hatte, ich wollte niemandem zu nahe treten. Andererseits wussten sie auch sehr private Dinge über mich.
„Stefan wurde von seinem Vater oft verprügelt. Er wohnt jetzt bei mir. Kej könnte bald raus sein, aus diesem Loch. Seine Eltern haben sechzehn Jahre lang dafür gespart. Und er selbst ist einfach ein Genie. Mel ist eher die kreative unter uns. Sie will etwas Neues ausprobieren, weil sie von den strengen Regeln ihrer Familie gelangweilt ist. Ed ist im Waisenhaus aufgewachsen und ich lebe mit meinem Dad alleine in einer Wohnung und hoffe nach dem Abschluss studieren zu können“, fasste Zack im Schnelldurchlauf für mich zusammen, „Zufrieden?“, fragte er mit Nachdruck. Ich nickte.
 
„Gut sehr schön. Dann können wir jetzt zur Sache kommen“ Kej rieb sich ungeduldig die Hände. Bei diesem Anblick wurde ich nervös. Meine Hände fingen an zu schwitzen, was nichts mit der Hitze zu tun hatte und mein Herz raste.
„Was ist denn los mit dir, Kleine?“, fragte Mel höhnisch, „Angst vor Drogen?“
Ich schluckte und sah sie trotzig an.
„Probier’s wenigstens einmal aus“, sagte Zack. Seine grünen Augen schauten mich direkt an. Sie hatten eine beruhigende Wirkung auf mich, als ob sie sagen wollten „Du kannst mir vertrauen“ Merkwürdigerweise verschwand meine Nervosität dadurch. Gruselig. Wollte er mich manipulieren? War das ein mieser Trick? Ich wandte meinen Blick sicherheitshalber von ihm ab und betrachtete die Spritzte auf dem Boden. Sie war bereits mit einer hellblauen Flüssigkeit gefüllt. So hellblau wie Kejs Augen, der sie jetzt aufhob und mich erwartungsvoll anschaute.
„Also, du zuerst, würde ich mal sagen“, meinte er lässig. Er tat das ja auch jeden Tag.
„Nein“, sagte ich panisch. „Ich will nicht“
Sofort hämmerte mein Herz unnatürlich schnell und meine Augen weiteten sich vor Schreck.
„Einmal musst du da durch“, sagte Stevan. „Aber wie ich sehe brauchst du ein wenig Hilfe“
Hilfe? Was sollte das denn jetzt heißen? Er stand auf, warf den anderen einen auffordernden Blick zu und kam auf mich zu. Die anderen standen ebenfalls auf.
 
Instinktiv ergriff ich die Flucht. Doch ehe ich auch nur zwei Schritte getan hatte, packte mich jemand am Arm und rammte mir die Spritze in die Haut. Dann wurde ich losgelassen und mein Arm fiel schlapp herunter. Ich taumelte. Wohin wollte ich noch einmal rennen? Egal, Hauptsache rennen. Ich machte einen weiteren Schritt, verlor das Gleichgewicht und prallte mit meinem Kopf hart auf die Erde. Das letzte, das ich noch spürte, waren die Grashalme, die meine Wange kitzelten. Dann sah ich nur noch ein weißes Licht.

8 Kommentare

Joanna am 2. März 2017

Sehr schön beschrieben! Sollte ich irgendwo ähnlich landen, wurde ich die Nase in ein Buch stecken, staBt herumzulaufen. Eigendlich steckt meine Nase ständig in ein buch, also wird es kein großes Unterschied geben...

Gwendolyn am 3. November 2015

Die Geschichte ist echt interessant! Hoffentlich schreibst du weiter

Bastian am 12. Oktober 2015

Hi ich finde deine bucher echt toll ich habe schon viele gelesen und finde das am besten

Kassandra am 27. Februar 2015

Ich finde du hast diese Geschichte meiner Meinung nach sehr schön geschrieben. Es ist spannend und du hast das Thema gut zur Geltung gebracht! Ich freue mich über weitere Kapitel! : ) ( Tut mir leid das ich so spät komme... habe diese tolle Seite erst vor kurzem entdeckt)

Pandora am 8. März 2014

Super geschrieben!!! Bitte schick eine Fortsetzung.

Sonnenschein am 1. November 2013

Ich freue mich, dass es euch gefällt. Eigentlich hatte ich auch vor weiter zu schreiben, aber für die weitere Handlung muss ich etwas recherchieren, von daher kann es noch dauern

Nathalie am 31. August 2013

Das ist echt cool !!! Ich freu mich schon auf das zweite Kapitel!

Ella am 25. August 2013

Einfach nur: WOW!!!! Echt schön geschrieben (auch wenn es mir persönlich ein wenig zu lang war ) Schickst du noch ein zweites Kapitel? Lg Ella