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Jasmin

Das Tor zur Gegenwart

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Kapitel 1: Suche nach Jos

Hallo ihr Lieben, ich bin mal wieder auf Cornelias Website gestoßen und da sah ich, dass so gut wie alles neu war. Ich hab mich riesig übr diese Veränderung gefreut. Und ich dachte bei mir, dass ich vielleicht doch noch einen Versuch starten sollte, in dem ich euch meine Geschichte erzähle. Ich hab es schon einmal getan, bin leider daran gescheitert. Einige werden sie unter ''Das Tor zur Gegenwart'' kennen. Ich habe sie noch einmal komplett überarbeitet (bitte verzeiht mir das). Die Namen und auch die Story sind anders, doch im Kern ist es immer noch das selbe. Ich würde mich über einen kleinen Kommentar von euch freuen. Ich hoffe ihr werdet es mögen. Eure Jasmin

Jos. Jos, wo bist du denn?«, schrie ich. Schon seit Stunden laufe ich durch den kalten Wald und suche ihn. Der Wald sieht wie verzaubert aus. Man erkennt ihn gar nicht mehr wieder.
Im Sommer tragen die Bäume hier dichte Blätterdächer. Die Sonne dringt kaum durch sie hindurch, aber das verleit dem Wald ein angenehmes Kühl. Wenn man über den geglätteten Waldboden läuft, gib dieser leicht nach und man fliegt regelrecht durch den Wald. Überall sind die schönsten Grüntöne zu sehen. Das Gras leuchtet meist in einem sehr hellen Grün, wogegen die Blätter des Ahorn giftgrün ist. Viele Tiere bahnen sich einen Weg durch das dichte Gestrüpp, welches auf dem Waldboden verteilt ist. Vögel zwitschern und Blumen erstrahlen in violetten, gelben, roten und blauen Farben. Überall sind kleine Lichtungen verteilt, auf denen man wunderschöne Spaziergänge machen kann.

Der Herbst ist sogar noch schöner. Da tragen die Bäume die fantastischsten Blätterdächer die man nur finden kann, denn die letzten Sonnenstrahlen versetzen sie in ein atemberaubendes Licht. Der Waldboden leuchtet in allen möglichen Farben. Die Blätter der Bäume lassen den Wald durch die Strahlen der Sonne in einem ganz neuen Licht erscheinen, als in den vergangenen Monaten. Bäume tragen rote, gelbe, und grüne Blätterdächer. Diese ganze Zusammenstimmung ist einfach perfekt. Das Vogelgezwitscher ist unüberhörbar und an jedem Fleck sieht man Pilze aus der Erde sprießen.

Aber im Winter ist alles wie tot. Alle Baumkronen sind kahl und man sieht nur noch die nackten Zweige. Überall sieht man Fußspuren von Tieren, die vergeblich auf der Suche sind, etwas essbares zu finden. Der Wind weht wie ein Ungeheuer durch den Wald und bringt Tod und Verderben mit sich. Jedes Jahr hört man von unzähligen Todesopfern durch Kälte. Dann verstummt das Vogelgezwitscher und man sieht keinen einzigen Vogel mehr am täglichen grauen Himmel. Hin und wieder hat sich jedoch ein Vogel am tristen Himmel verirrt. Die Chancen dieser Tiere sind sehr gering. Der Winter ist das absolute Gegenteil, aller anderer Jahreszeiten. Er bringt grauen.

Überall liegt Schnee in dichten Massen über dem Waldboden. Alles sieht grau und kalt aus. Die Bäume tragen keine Blätter. Sie sind nackt. Ohne Kleider. Es sind nur noch hölzerne, kahle, nackte Lebewesen. Genau aus diesem Grund kann ich den Winter nicht leiden. An jeder Ecke fehlen Farben. Es macht mich traurig das alles zu sehen. Das Wetter, hier draußen, schlägt vom einen auf den anderen Moment um. Man kann nichts mehr vorhersehen. Zum heutigen Tag kommt noch hinzu, dass es etwas nebelig ist. Genauso ein Wetter kann ich überhaupt nicht leiden. Nebel und Kälte.

Matt bewege ich meine trägen Füße nach vorn. Jeder einzelne Schritt kostet mich unheimliche Kraft. Ich verfluche mich abermals dafür, dass ich solch ein Sportmuffel bin. Der Schnee liegt in Unmengen da. Er ist nass und schwer. Die schlimmste Mischung, die Schnee haben kann.
Den Waldweg den ich anfangs entlang gelaufen bin, sieht man nicht mehr. Ich hatte ihn vor einer Weile verlassen, da ich nicht glaubte das sich Jos dort aufhalten würde. Verlaufen kann ich mich, durch das Verlassen des Weges, nicht. Der Wald, in dem ich mich befinde, liegt genau hinter unserem Haus. Ich war hier schon so oft, dass ich mich auch mit verbundenen Augen zurecht finden würde. Selbst wenn so viel Schnee liegt wie heute, weiß ich ganz genau wo ich mich befinde. Das hier ist mein zweites Zuhause. Ich habe so viele Stunden und Tage hier verbracht, dass ich alles in- und auswendig kenne.

In den nächsten Tagen soll es noch einmal ziemlich viel schneien. Hier in England ist das eher ungewöhnlich. Trotz der Tatsache das wir hier noch nie so viel Schnee hatten, kann ich ihn nicht leiden. Es ist ein absoluter Ausnahmefall, dass so viel Schnee gefallen war. Schnee ist einfach so kalt und nass. Ich bin über jedes Jahr froh welches uns kaum Schnee beschert. Ich hoffe dennoch, dass sich die Meteorologen geirrt haben, und wir keinen Schnee mehr bekommen. Es ist ein zu harter Winter, für die Verhältnisse hier.

Ich war an einem großen Ahornbaum angekommen. Auch seine Blätter waren nicht mehr an ihrem gewohnten Platz, so wie im Sommer. Ich lief auf den Baum zu und legte meine Hand auf den Stamm des Baumes. Er war schön rau. Ich liebte es, die Rinde der Bäume zu befühlen. Diese Tat verleite mir immer ein Gefühl der Freiheit. Viele die dieses Geheimnis, wie ich es nenne, kennen halten mich für verrückt, doch wie soll ich es denn ändern? Ich liebe es einfach. Ich liebe es hier draußen zu sein und die Freiheit zu spüren. Meine Unabhängigkeit so gut wie in den Händen zu fühlen. Wir Menschen sind an so viel gebunden, da brauchen wir einen Ruhepol. Keiner kann das leugnen, Wir alle brauchen einen Ausgleich zu unserem Alltag. Wer diesen nicht hat, müsste durchdrehen.

Ich lasse meine Hand am Stamm des Baumes hinunter gleiten und spüre die einzelnen Konturen. Narben haben sich in den Stamm gebrannt. Ein Herz wurde hinein geritzt mit den Initialen K+G. Ich fahre mit meinen Fingern die Schrift nach. Harz klebte an den Rändern des Herzens. Das Herz wurde erst vor kurzem hinein geritzt. Ich halte kurz inne und schaue mich um. Etwas hatte sich bewegt. War es Jos? Ich rief seinen Namen, doch ich bekam keine Antwort. Vielleicht war es auch nur der Wind, der ein paar Äste in Bewegung gesetzt hat.

Jos! Ich muss ihn suchen. Wie konnte ich mich nur so davon ablenken? Ihm hätte in der Zwischenzeit etwas passieren können. Ich laufe auf eine Felswand zu. Oft war ich hier mit Jos gewesen. Wir konnten uns hier prächtig austoben. Ich stellte mich vor den Fels und überlegte wie ich am besten hinauskommen könnte. Als ich kleiner war, war das einfacher gewesen. Ich setzte einen Fuß auf den glitschigen Fels, dann packte ich einen der hervorragenden Felsvorsprünge und zog mich daran hinauf. Ich hoffte das ich das nicht umsonst tue. Jos würde sich hier hoch trauen. Mit einem Sprung wäre er oben gewesen. Er war groß und ich traute ihm das zu. In der kleinen Höhle, in der wir immer waren, wollte ich nachschauen. Mein Bauch sagte mir, dass ich ihn nicht dort finden würde. Doch wie oft lag heutzutage das Bauchgefühl falsch? Ich kletterte immer weiter den Fels hinaus. Je höher ich kam, desto gefährlicher wurde es, denn der Fels war nass.

Das letzte Stück zog ich mich über die Kante, die in unsere Höhle führt. Meine Hose bekam ein paar üble grüne Flecken ab, doch wenn Jos hier sein würde, war es mir die Sache wert. Ich packte die Taschenlampe aus, die ich in meiner Umhängetasche bei mir trug. Das Licht flackerte auf, als ich sie einschaltete. Die Höhle wurde vollkommen ausgeleuchtet. Sie war klein und ausgelegt mit Moos, welches sich voll gesaugt hatte mit Wasser. Ich lief darüber und merkte wie das Wasser heraus floss. Schnee bedeckte das Moos an einigen Stellen vollständig. Das Moos hatten wir im vergangenen Herbst gesammelt. Ich hatte es mit Jos gesammelt. Alice war auch dabei gewesen. Sie liebte den Wald eben so sehr wie ich. Eigentlich waren wir zu alt für eine Höhle, doch wir beide konnten nicht ohne eine leben. Schon seit unserer Kindheit hatten wir uns in jedem Winkel des Waldes einen Unterschlupf gesucht. Wenn wir hier waren, wollten wir hier oben sitzen und die Natur genießen. Von hier oben kann man fasst durch den gesamten Wald schauen. Es tut gut, wenn die frische Luft hier oben jeden Winkel der Lunge erreicht und vollständig ausfüllt.

»Jos«, rief ich. Ich konnte ihn hier nirgends sehen. Enttäuschung stieg in mir hoch und drohte mein Herz in aller Schwärze zu ersticken. Ich hatte geglaubt ihn hier oben endlich finden zu können, stattdessen war ich hier oben allein mit meiner Trauer. Er war nicht da. Das zu spüren war ernüchternd. Verzweifelt, da ich nicht wusste wo ich noch suchen sollte, machte ich mich daran, den Fels wieder heil zu verlassen.
Als ich wieder festen Boden unter den Füße verspüre, laufe ich weiter in den Wald hinein. Jos hatte sich vielleicht verlaufen und wusste nicht mehr zurück. Ich musste zusehen das ich ihn wiederfand. Links und rechts von mir säumten sich Bäume in die Lüfte. Ihre Äste breiteten sich aus wie ein breites Netz, welches die ganze Umgebung eingenommen hat. Der Himmel veränderte langsam seine Farbe. Das grau wandelte sich allmählich in ein schwarz um. Es würde bald dunkel werden und dann würde sich ein schwarze Schleier über den Himmel legen. Ich beschleunigte meine Schritte.

Jos ist unser Hund. Er ist ein drei Jahre alter Rüde und total verspielt. Sein Fell ist schwarz weiß gefleckt. Er sieht richtig lustig aus, wenn er durch den Schnee rennt, denn man sieht dann nur die schwarzen Punkte die sich immer weiter bewegen. Ich vermisste ihn schrecklich. Heute morgen war er nicht da gewesen als ich aufwachte. Jeden morgen wacht Jos vor meinem Bett und steht nicht eher aus, bis ich die Augen geöffnet habe. Doch heute war alles anders.
Meine Geschwister, Taylor und Hayley, haben sich früh, nachdem wir das Verschwinden von Jos mitbekommen haben, mit mir auf die Suche nach ihm gemacht. Bis jetzt sind wie auf der Suche nach ihm, aber ich hab noch kein Zeichen von den beiden bekommen. Der Akku meines Handys ist total am Boden. Ich habe kein Netz hier im Wald und könnte auch sonst nichts empfangen von den beiden. Mum und Dad konnten nicht mit uns suchen, denn sie mussten arbeiten gehen. Taylor hat noch Urlaub. Er hat ihn sich extra in unseren Ferien geben lassen, damit er wieder ein wenig mehr Zeit mit uns verbringen kann. Wir haben ihn in letzter Zeit kaum zu Gesicht bekommen. Hayley war nicht so begeistert, dass sie so zeitig aufstehen musste, denn sie ist ein Morgenmuffel. Früh kommt sie selten ohne irgendwelche Drohungen aus dem Bett. Aber als sie dann hörte, dass es um Jos geht ist sie wie ein Blitz aus dem Bett geschossen und hat sich freiwillig dazu bereit erklärt, dass sie uns bei der Suche hilft.

Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wann wir überhaupt aufgebrochen sind. Nur, dass ich schon seit Stunden im kalten Wald umher irre. Das letzte mal, dass ich richtig gegessen haben war heute morgen zu Frühstück. Mein Magen lässt mich das nun vorwurfsvoll spüren. Er knurrt so laut, das ich es kaum noch übertönen kann. Die Kälte kriecht meinen Körper hinauf und jagt mir eine Gänsehaut auf.
Du hättest dir wenigstens eine wärmere Jacke anziehen und auch noch was zum essen einpacken können, tadelte die Stimme meiner Mum im hinteren Teil meines Kopfes, bei jedem Schritt den ich tat. Ja, pflichtige ich ihr bei. Ich weiß das sie Recht hat. Doch sie hat zu oft Recht. So oft, dass ich es ihr nicht mehr allzu oft beipflichten will.

Immer weiter lief ich. Fast schon aus Routine. Ich wusste nicht mehr so recht was ich da eigentlich tat. Meine Füße bewegten sich schon von allein. Ich spürte sie gar nicht mehr richtig. Alles was sich unterhalb meiner Hüfte befand war taub, doch es machte mir nichts aus. Mir gedankenversunkenem Blick schaute ich auf eine Uhr. Der Schlag traf mich fast. Es ist schon dreiviertel fünf. Kein Wunder warum der Himmel immer und immer dunkler wird. Widerwillig drehte ich mich auf dem Absatz um und gehe in die entgegengesetzte Richtung. Ich muss nach hause. Im Dunkeln werde ich Jos nicht finden können. Es würde mir nichts nützen wenn hier auch noch allerlei Tiere um mich herum kriechen, und ich nichts anderes mehr im Sinn habe, als das was um mich herum laufen könnte.

Ich rannte um Bäume, Büsche und Zweige, weiche Ästen aus, die mir ins Auge stechen könnten und rufe immer wieder Jos' Namen, in der Hoffnung ihn vielleicht doch noch hier finden zu können. Der Wald wir immer unheimlicher. Ich war im Winter noch nie so spät im Wald und verstehe jetzt auch warum das keiner tut. Man denkt ja jedem Moment das jemand hinter einem Baum hervorspringen könnte und einen verschleppt. Vorsichthaber habe ich meine Taschenlampe eingeschaltet, doch das Licht, welches durch mein rennen immer hin und her springt, verstärkt das Gefühl von Angst immer weiter in mir.
Bäume, die ich so liebte, kommen mir jetzt wie Riesen vor, die einen zu ersticken drohen. Die Luft um mich herum wird immer dünnen, so habe ich das Gefühl, doch mein Verstand weiß, dass das nicht sein kann. Der Schnee schien immer höher zu werden, da es begonnen hat zu schneien.
Nach einer Weile schien sich der Wald endlich zu lichten, und ich sah ein kleines Licht leuchten. Das Licht kam aus dem Fenster unsere Küche. Als ich näher km, erkannte ich Hayley die aufgebracht mir Mum redete. Was hatten die beiden zu besprechen und wo war Taylor? Hatten sie Jos vielleicht schon gefunden? Voller Erwartungen stürmte ich los. Erst vor unserer Einfahrt verlangsamte ich meine Schritte. Mein Herz pochte mir bis zum Hals. Hoffentlich hatten sie Jos gefunden.

Wie wild drückte ich die Klingel in die Vorrichtung. Das Auto von Taylor, mit dem er heute morgen aufgebrochen war, stand noch nicht in der Einfahrt. Bestimmt war er noch auf der Suche. Aber wenn die Jos schon gefunden haben mochten, dann hätten sie ihn doch anrufen können damit er nach hause kommen soll. Eine merkwürdige Vorahnung machte sich in mir breit, doch ich wollte nicht daran denken. Es durfte nicht so sein, wie ich es dachte. Es durfte einfach nicht. Als Mum die Tür öffnete stürmte ich sofort ins Haus.
»Wo ist Jos?«, fragte ich sie, als ich eingetreten war. Ich schaute Mum an, doch ihr Blick lies nichts gutes verheißen.
»Setzt sich erst mal in die Küche, mein Schatz«, sagte sie und versuchte mich ruhig zu stellen. Ich wollte nicht glauben was sie mir da sagte. Was soll das heißen? Was Jos etwa immer noch da draußen?

Angst ergriff wieder meinen Geist und versuchte mich zu unterwerfen. Widerwillig zog ich meine Jacke und auch die Schuhe aus, und folgte Mum in die Küche, wo schon Hayley mit einem dampfendem Tee auf mich wartete. Ich setzte mich auf die Eckbank und Mum machte mir ebenfalls eine Tasse Tee. In dieser Zeit sagte keiner ein Wort. Hayley starrte stumm vor sich hin und zählte wahrscheinlich die ganzen Blumen, die auf unserer Tischdecke abgebildet waren. Ihre hellbraunen Haare hingen ihr ins Gesicht, so das ich ihre Augen nicht sehen konnte.
Mum machte sich an meinem Tee zu schaffen und äußerte sich mit keinem Wort über Jos. Unruhig spielte ich mit meinen Fingern, damit ich etwas zu tun hatte. Als Mum endlich fertig war und die dampfende Tasse mit Früchtetee vor mich hinstellte sah auch Hayley auf. Ihre Augen waren unergründlich. Ich konnte nichts daraus ablesen. Mum setzte sich neben mich auf einen Stuhl Sie schlug die Beine übereinander und sah mich an.
»Und?«, fragte ich gereizt. Ich wollte endlich wissen warum sie sich so komisch verhielten. Wo war Jos?
»Er ist noch nicht wieder aufgetaucht, Maddie«, sagte Hayley. Sie wirkte total angespannt. Wahrscheinlich hoffte sie, dass Taylor jeden Moment auftauchen würde, und uns sagen würde, dass er Jos gefunden hatte.
»Wo ist Taylor?«, fragte ich weiter. Wenn er noch nicht da war, gab es möglicherweise noch Hoffnung.
»Er kommt erst später. Er will noch weiter suchen«, antwortete mir nun Mum. Die Finger hatte sie fest um ihre Tasse geschlungen. Auch ich wärmte meine Finger am heißen Tee. Es tat gut, nach dieser Kälte, eine solche Wärme zu spüren. Vorsichtig kostete ich den Tee, doch ich verbrannte mir augenblicklich die Zunge. Dazu kam noch, dass mein Bauch ungeheuerlich laut knurrte.
»Komm, ich mach dir erst mal etwas warmes zu essen.« Hayley stand auf und machte sich am Herd zu schaffen. Sie war eine ausgezeichnete Köchin. Denn wir von der Schule kamen, und Mum noch auf Arbeit war, dann kochen wir immer zu zweit, doch bei mir funktionierte das die so gut wie bei ihr. Zusammen brät sie ein paar Eiern und Speck in der Pfanne an. Dazu wirft sie zwei Toasts in den Toaster und lässt diese schön goldig braun werden. Die Toasts legt sie auf einen angewärmten Teller, legt die Eier mit Speck oben drauf und verziert alles noch mit einem kleinen Sträßchen Petersilie, so wie ich es am liebsten habe. Dann reicht sie mir das Essen und ich bediente mich ausgiebig.
»Wollt ihr nicht auch was essen?«, fragte ich mit vollem Mund. Ich hatte kräftig zugelangt um meinen Baum zu stillen.
Beide schüttelten den Kopf und ich lies es dabei bewenden, und hing wieder meinen Gedanken nach, die sich ausschließlich um Jos drehten. Ich hoffte so sehr, dass Taylor ihn gefunden hatte. Nachdem ich aufgegessen hatte und auch noch eine halbe Flasche Wasser in mich hinein geschüttet hatte, ging ich ins Wohnzimmer. Ich stellte mich vor den Ofen um mich weiter aufzuwärmen. Irgendwann folgte mir Hayley, die sich einfach stumm neben mich setzte. Mum rief Dad an, der immer noch auf Arbeit war. Ich hörte nicht was sie sagte, denn sie schloss die Tür hinter sich. Stumm saßen wir da. Wie eben Hayley starrte ich nun stumm vor mich hin. Ich hatte keine Lust mit irgendjemandem zu reden.

Als es schon weit nach acht war klingelte es endlich an der Haustür. Sofort sprang ich auf und rannte nach draußen um sie zu öffnen. Taylor stand vor mir. Seine Haare wirkten noch dunkler, durch das Wasser, welches sich in seinen Haaren gesammelt hatte. Er zitterte ein wenig, doch er lies es sich nicht weiter anmerken. Vollkommen durchnässte und ohne Jos stand er da vor mir. Die Enttäuschung war mir anzusehen.
»Es tut mir leid, Maddie, aber ich konnte ihn nirgends finden. Er ist weg, einfach verschwunden«, sagte er mit bedrückter Miene. Die Worte kamen nur sehr schwer über seine Lippen, das wusste ich. Dennoch traf es mich wie ein Schlag. Jos war nicht da; er war weg. Verschwunden. Wie konnte er nur abhauen und wo war er?
Tränen brachen aus meinen Augen. Sie waren heiß und rannten mein Gesicht hinunter. Ich hielt sie nicht auf, sondern lies sie einfach laufen. Sofort legte Taylor einen Arm um mich.
»Hey, nicht weinen, Kleine. Der kommt schon wieder.«
»Woher willst du das wissen? Was ist wenn ihm etwas passiert ist?«, schnieft ich durch den Schleier aus Tränen hindurch.
»Ach was, der ist schlau. Das weißt du doch. Dem passiert so schnell nichts«, sagte Taylor mit sanfter Stimme. Ich wusste das er Recht hatte, doch ich war einfach zu verzweifelt. Ich konnte nicht anders, als dauernd daran denken, was ihm passiert sein könnte. Es sieht ihm einfach nicht ähnlich einfach so zu verschwinden. Die Frage ist auch die: Wie konnte er überhaupt abhauen. Wir haben nachts immer alle Türen und Fenster geschlossen. Er muss in der Nacht ausgerissen sein. Zumindest war er weg, bevor jemand im Haus aufgewacht war.
»Lass uns erst mal rein gehen, sonst erfriere ich hier draußen noch. Ich bin total durchgeweicht«, sagte er und schob mich durch die Haustür ins Haus. Drinnen zog Taylor seine Schuhe aus, und ein widerlicher Geruch kam aus seinen Schuhen in meine Nase gekrochen. Auch er rümpfte angewidert die Nase.
»Ich glaube ich muss erst mal duschen gehen. So kann ich mich nicht in die Küche trauen. Mum schmeißt mich doch gleich wieder raus«, meinte er und verschwand mit angehaltener Nase ins Bad. Ich würde warten bis er fertig sein würde. Vielleicht konnte er mir dann berichten, ob nicht doch eine Spur von Jos gesehen haben könnte. Ich machte mir jedoch wenig Hoffnung. Denn er ohne Jos hier war, dann konnte er auch keine Spur von ihm gefunden haben.

Müde schleifte ich mich wieder ins Wohnzimmer. Eigentlich war es höchste Zeit ins Bett zu gehen. Ich war so müde, dass ich kaum nicht ein Auge aufhalten konnte. Doch ich durfte jetzt nicht nach oben gehen. Taylor musste mir doch noch alles erzählen.
Hayley hatte sich im Sessel zusammen gekauert und las ein Buch. Sie war ein ebenso großer Bücherwurm wie ich. Wir liebten Bücher über alles. Als wir noch kleiner waren hatten wir uns geschworen irgendwann einmal eine eigene Bibliothek zu haben. Doch langsam verflog dieser Traum in alle möglichen Himmelsrichtungen, wie Sand der vom Wind davon getragen wurde.
»Und?«, fragte Hayley, »Hat er Jos?«
Eigentlich hätte sie sich diese Frage sparen können, dachte ich bei mir. Ich war ohne Jos hier herein gekommen. Ich neigte meinen Kopf leicht zu Seite und schaute sie mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung an. Sie verstand was ich damit ausdrücken wollte. Ohne ein Wort und mit entschuldigendem Blick wand sie sich wieder ihrem Buch zu.
Nach einer Weile kam Taylor und stellte sich, frisch geduscht, vor den Ofen. Ich verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und starrte durch das Fenster, welches ihm genau gegenüber war, in die Nacht. Der Himmel hatte sich mittlerweile in absolute Dunkelheit gehüllt.
»Weißt du?«, begann er zu reden, »Ich bin den ganzen Tag umhergeirrt. Ich war im Ort nebenan und hab an jeder Haustür geklingelt, doch jeder hat felsenfest behauptet, Jos noch nie gesehen zu haben. Was soll ich da machen?«
Seine Finger fingen an verrückt zu zucken. Mit angestrengtem Gesicht steckte er sie in seine Hosentaschen, um es zu verbergen.
»Hat ihn nicht mal einer gesehen?«
Er schüttelte den Kopf.
»Vielleicht hat jemand nicht richtig hingeschaut, als du ihm das Foto gezeigt hast? Bist du ganz sicher, dass ihn noch nie jemand gesehen hat?« Ich konnte nicht verstehen, denn ich war mit Jos oft dort spazieren gegangen.
»Nein, ich bin mir hundertprozentig sicher, dass jeder genau hingeschaut hat. Ich hab es den Leuten doch genau unter die Nase gehalten.« Er wirkte überzeugend, doch ich konnte das nicht akzeptieren.
»Taylor -«, begann ich zu drängeln.
»Maddie, wenn ihn keiner gesehen hat, dann hat es keinen Zweck dort weiter zu fragen. Außerdem kann ich mich dort nicht nochmal blicken lassen. Einer hätte mir fast die Nase gebrochen, als er mir total genervt die Tür vor der Nase zuschlug.«
»Mr White?«, sagte ich.
Taylor nickte heftig. Wir alle kannten Mr White von Mums Arbeit. Er war unausstehlich.
»Der Mistkerl zählt nicht. Der würde immer lügen, wenn es wichtig ist«, entgegnete ich wütend. Ich konnte diesen alten Geizhals nicht ausstehen. Er war der unsympathischste Mensch in ganz England.
»Ich weiß.«
»Aber dennoch hätte er ihn gesehen haben können. Er wohnt ziemlich nahe am Wald. Wenn Jos im Wald ist, dann hätte er ihn sehen müssen.«
»Ich denke nicht, dass Mr White den ganzen Tag am Fenster steht und nach draußen schaut, in der Hoffnung ein Hund läuft vorbei. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.«
Ich wusste ja, dass er schon wieder Recht hatte, doch ich wollte mich an diesem kleinen Funken Hoffnung festhalten.

»Was ist, wenn er jetzt da draußen, in der Dunkelheit, ist und nicht mehr weiß wo er hin soll? Oder was ist wenn ihm sogar etwas schlimmes zugestoßen ist?«, fragte ich weiter.
»Du steigerst dich da zu sehr rein, Maddie. Er ist ein schlaues Kerlchen. Er weiß was er machen muss, und das weißt du auch. Woher hat er wohl all die klasse Trick, die er immer macht? Nicht von mir, nicht von Mum oder Dad und auch nicht von Hayley«, er hielt kurz inne, bevor er weiter sprach, »die hat er alle von dir. Er weiß, wie er diesen einen Tag da draußen überstehen wird.«
Durch diese Worte schöpfte ich ein wenig Mut, doch ich hatte immer noch wahnsinnige Angst um ihm. Aber war das nicht normal?
»Mum will eine Anzeige in der Zeitung machen lassen. Vielleicht finden wir ihn dadurch«, meldete sich auf einmal Hayley zu Wort. Ich dachte das sie die ganze Zeit lesen würde, doch wahrscheinlich hatte die jedes Wort gehört, welches wir gesagt hatten.
»Hört sich doch gut an. Dadurch finden wir ihn bestimmt schneller«, stimmte mein großer Bruder zu. Ich wünschte ich hätte eine Portion von seinem Optimismus. »Ich werde Mum das Bild geben, mit dem ich heute umher gelaufen bin. Glaub mir, damit wird uns die Suche um einiges leichter fallen.«
»Hm«, brummte ich nur vor mich hin. Ich wollte die Sache zuversichtlich angehen, doch so recht schien es mir nicht zu gelingen. Ausgerechnet in diesem Moment musste ich ausgiebig Gähnen.
»Ich würde vorschlagen du gehst erst mal schlafen. Die Dinge werden Morgen schon ganz anders aussehen, als heute.«
Das sagst du so einfach.
Ich sah es ein und schleppte mich nach oben in mein Zimmer. Ich war total am Ende. Meine Glieder waren schwer wie Blei und ich konnte sie kaum noch bewegen. Mit einen lauten Knack lies ich mich auf mein Bett fallen und schlief sofort ein.

Ich hatte wirre Träume, von einem riesigen Vogel der aussah, als würde er aus der Dinosaurierzeit stammen und von einem blutrünstigem Tier, welches ich nicht genau definieren konnte. Als ich aufwachte, war mein Kopfkissen benetzt mit vielen Tränen, die ich in der Nacht geweint hatte. In meinen Augen klebt noch der Schlaf, doch nach einer kalten Dusche komme ich mir vor wie neu. Der Himmel hat eine leichte rosa Farbe angenommen, doch die Sonne ist noch nicht erschienen. Noch ein wenig wankend gehe ich nach unten in die Küche. Mum und Dad, Hayley und Taylor, alle sitzen schon am Tisch und frühstücken ausgelassen. Mich wundert das Hayley schon so früh wach ist. Ist irgendwas los?
»Morgen, Liebling«, begrüßt mich Mum. Ihre blonden Haare für die Arbeit zu einer schönen Hochsteckfrisur nach oben gesteckt. Sie sieht sehr schön damit aus. Mum ist die einzige in unserer gesamten Verwandtschaft, die blonde Haare hatte. Ganz leicht hat sie Wimperntusche aufgetragen, so damit ihre langen und vollen Wimpern noch besser zur Geltung kommen. Sie trägt ein Jackett unter dem sie eine strahlend weiße Bluse an hat. Mum ist Immobilienmaklerin, doch hier in der Nähe hat sie dadurch nicht so viel Arbeit. Sie muss immer weit fahren um zu ihrem Büro zu kommen.
»Morgen alle zusammen«, sage ich fröhlich in die Runde und setzte mich auf die Eckbank neben Hayley. Dad hat die Zeitung aufgeschlagen und liest angestrengt einen Artikel.
»Was willst du trinken?«, fragte Mum und stand schon auf.
»Orangensaft«, antworte ich ihr, wie an jedem anderen Morgen auch. Während Mum den Orangensaft aus dem Keller holen geht, was ich auch hätte machen können, wenn Mum mir nicht zuvor gekommen wäre, gönne ich mir eine Schüssel Müsli.
»Hier.« Mum reicht mir den Saft, als sie wieder in der Küche ist. Ich nehme ihn und schenke mir volle in. Nach ein paar Zügen ist das Glas leer. Ich schenke mir abermals ein und trinke auch dieses Glas leer. Ich hatte gar nicht bemerkt wie durstig ich war.
»Die haben die Anzeige rein gestellt. Ich hoffe das wir ihn damit finden«, sagt Dad, als ich Müsli in mich hinein stopfe. Was für eine Anzeige? Etwas regte sich in meinem Kopf, doch ich wusste nicht was es war.
Dad schaute mich an. »Willst du sie mal lesen?«, fragte er mich. Ich nickte. Dad reichte mir die Zeitung. Genau auf der Titelseite war ein Hund abgebildet. Jos. Wie konnte ich das nur vergessen? Wie konnte ich nur so rücksichtslos sein und einfach vergessen, das Jos da draußen war, ganz allein und in dieser Kälte.
»Wir müssen sofort los. Wir müssen ihn weiter suchen«, rief ich aufgeregt in die Runde. Sofort war jedes Augenpaar auf mich gerichtet.
»Jetzt lass uns doch erst mal frühstücken. Denn wir fertig sind können wir weiter machen mit der Suche«, beruhigte mich Mum. »Dein Dad und ich können euch leider wieder nicht unterstützen; wir müssen zur Arbeit.« Mum schaute auf ihre Uhr. Ihre Augen wurden augenblicklich größer. »Oh nein«, stammelte sie und stand schnell auf. Sie strich sich ihren Rock glatt. »Ich muss los. Bin schon viel zu spät«, rief sie, während sie schnell die Küche verlies und sich im Flur anzog. Fertig, in Jacke und Schal gepackt, kam sie zurück und gab Dad einen Kuss.
»Macht's gut. Und sagt mir unbedingt wenn ihr Jos gefunden habt, ja?«, dann verschwand sie durch die Haustür und wir hörten wenige Minuten später hörten wir, wie sie aus der Ausfahrt brauste.
»Na jetzt lies endlich mal die Anzeige«, drängte mich Taylor. Ich starrte auf sein Handgelenk. Seine Uhr zeigte viertel nach acht an. Mum war schon viel zu spät. Neun Uhr muss sie immer im Büro sein, dass schafft sie nie und nimmer.
Ich nahm die Zeitung wieder in die Hand, die ich neben mich abgelegt hatte und betrachtete wieder das Bild auf der Titelseite. Das Bild zeigte Jos, wie er bei uns im Garten mit einem Ball spielte. Ich selbst hatte dieses Foto geschossen. Ich las:

Vermisst
Der drei Jahre alte Rüde Jos wird seit gestern 9 Uhr vermisst. Jos ist ein Dalmatiner und sehr zutraulich. Er trägt ein rotes Halsband auf dem sein und der Name des Besitzers eingraviert ist. Wer Jos gesehen hat, möge dies bitte sofort der unten stehenden Nummer melden.

Unsere örtliche Zeitung ist nicht weit verbreitet, doch sie hat es auf den Punkt gebracht. Hoffentlich finden bald jemand Jos. Er darf da nicht eine Nacht länger draußen bleiben. Dennoch werde ich weiter suchen. Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass ihn jemand findet.
Ich schlang meine Müsli herunter und stand auf.
»Wo willst du den hin?«, fragte mich Hayley.
»Na ich will weiter nach Jos suchen. Ich kann doch nicht hier sitzen und warten, dass sich jemand meldet.«
»Na dann lass uns wenigstens mitkommen.« Sie schaute Taylor herausfordern an. »Wir helfen dir.« Taylor nickte zustimmend.
Ich verschwand nach draußen in den Flur und zog mich Winterfest an. Wenig später waren auch Taylor und Hayley fertig angezogen und wir wagten den Schritt nach draußen. Bittere Kälte schlug uns ins Gesicht. Neuer Schnee war gefallen, der die Straßen und Dächer der Häuser bedeckte. Überall waren Schneehügel aufgetürmt. Taylor schloss die Tür hinter sich zu.
»Okay, und wie stellen wir das nun an?«, fragte er.
»Ich geh auf jeden Fall nochmal in den Wald. Vielleicht ist er ja dort«, sagte ich sofort und ein wohlwollendes Gefühl durchströmte mich. Ich war mir sicher, dass er dort sein würde.
»Ich glaube ich frag noch mal alle im Dorf«, meine Hayley und lief die Treppenstufen, die zur Haustür führten, nach unten. »Was machst du, Tay?«, fragte sie Taylor. Er lies ein brummen von sich hören.
»Ich werde noch mal im Nachbardorf fragen«, und dann wand er sich an mich und schaute mich mit durchdringenden Augen an, »und dort werde ich auch noch mal unseren allerbesten Freund Mr White fragen.« Ich lachte ihn an, denn es war die Antwort die ich hören wollte.
»Wann werden wir uns wieder hier treffen?«, fragte Hayley weiter.
»Ich würde erst mal sagen so gegen eins. Wir brauchen ja auch noch was zu essen«, bei diesem letzten Wort grinste er übernatürlich. Seine Hände hatte er in seine Hosentaschen geschoben, um sie vor der Kälte zu schützen.
»Warum?«, nörgelte ich. Denn ich ihn bis nicht gefunden hatte wollte ich auf keinen Fall aufgeben.
»Maddie, wir können nicht ewig nach ihm suchen. Außerdem haben wir ja auch noch die Anzeige. In der Zwischenzeit kann doch jemand angerufen haben.«
»Mh«, brummte ich wieder und ging dann die Ausfahrt entlang. Hayley folgte mir, werden sich Taylor in sein Auto schwang. Er hatte es sich erst vor kurzem, von seinem eigenen Geld, welches er nun verdiente, gekauft. Am Ende der Ausfahrt verabschiedete ich mich von Hayley, die weiter die Straße nach unten lief und gleich beim ersten Haus anhielt und klingelte. Ich bog nach links am und lief neben unserem Zaun her. Er war schon alt und musste dringend mal erneuert werden. Wir hatten es uns den letzten Sommer vorgenommen, doch es ist nichts draus geworden.
Als ich den Zaun umrundet hatte, und nun hinter unserem Haus stand, lag der endlos weite Wald vor mir. Ich atmete tief ein und hoffte, dass ich ihn doch wenigstens diesmal finden würde

Kapitel 2: Fuchsgeflüster

Ich betrat den Wald und fühlte mich sofort zuhause. Ich liebte diesen Ort. Der Duft der mir in die Nase stieg war beruhigend. Er roch nach frischem Holz.
Ich hatte mir vorgenommen zuerst an unserer Höhle zu schauen. Es war möglich, dass Jos sich gestern Abend, als ich nicht mehr gesucht habe, dort hin geschleppt hat. In Gedanken malte ich mir schon aus wie ich ihn in die Arme nehmen würde, wenn ich ihn endlich gefunden hab. Er war schon viel zu lange weg. Er konnte längst erfroren sein. Doch daran wollte ich nicht denken.
Ich bahnte mir einen Weg durch den Schnee und lief dabei immer weiter in den Wald hinein. Anfangs standen die Bäume weit verstreut, doch je weiter ich mich voran kämpfte, desto dichter standen sie. Hin und wieder versperrten mir umgestürzte Bäume, die der Last des Schnees nicht mehr stand gehalten hatten, den Weg und ich musste große Umwege laufen, da die Bäume hier sehr hoch gewachsen waren. Kleine Büsche wucherten aus dem Waldboden hervor und hatten sich einen Weg durch den Schnee erkämpft. Spitze Dornen krochen aus ihren Ästen hervor und ragten gegen den Himmel, der sich leicht erhellt hatte. Heute würde ein trüber Tag werden. Nebel verhinderte die Sicht in weite Fernen. Schon in den Nachrichten war dies angekündigt worden. Je weiter ich in den Wald vordrang desto kälter wurde es. Es war fast so, als würde etwas dunkles in den Tiefen des Waldes lauern und darauf warten, dass endlich jemand sich weit genug hinein traute. Ich wusste nicht woher sie kommen sollte, doch ich verspürte Angst. Irgendwas hatte sich zu gestern verändert. Es wirkte alles unheimlicher, düsterer.

Bald schon konnte ich unsere Höhle erblicken. Ich kletterte, wie am Tag zuvor, den Fels nach oben und fand – endlose Stille. Jos war wieder nicht hier. Enttäuschung machte sich in meinem Körper breit. Ich hatte so gehofft ihr hier zu finden. So sehr, dass es mir die Tränen, beim Anblick dieser lehren Stelle, in die Augen trieb. Schnell wischte ich sie weg. Ich wollte kein Zeichen von Schwäche zeigen. Ich musste weiter suchen, noch war es nicht zu spät. Ich kletterte den Fels wieder herunter. Er war nass und das Moos, welches sich angesetzt hatte, klebte wie Schwämme daran. Die Füße wurden mir mit einem mal weggerissen. Ich schlug mit meinem Kopf auf den harten Stein. Alles um mich herum wurde dunkel, wie die Nacht, und verschluckte was um mich war.

Jos kam auf mich zu gerannt. Seine Ohren bewegten sich im Wind. Er wurde immer schneller. Bald würde er bei mir sein. Immer, immer näher kam er mir. Ich streckte die Arme aus, um ihn zu empfangen. Nur noch wenige Meter und er würde – durch mich hindurch rennen. Ich konnte ihn nicht in die Arme schließen, denn er rannte gerade aus durch mich durch. Kälte durchfuhr mich an der Stelle, wo er mich durchlief. Verwirrt drehte ich mich um. Jos war einfach weiter gerannt. Er schien mich nicht bemerkt zu haben. Direkt in den Wald, der sich hinter mir befand, lief er zu. Aber da war noch etwas, dass seine Aufmerksamkeit erregt haben muss, denn ein paar Meter vor ihm rannte ebenfalls jemand. Wo wollte Jos hin? Ich stand auf, denn ich war in die Hocke gegangen. Wind wehte mir durchs Haar und um meine nackten Beine. Ich trug ein strahlend weißes Kleid. Wie kam ich in dieses Kleid? Eine Lichtung umgab mich, auf der Blumen in alles erdenklichen Farben blühten. Ich grub meine Füße tief in die Erde. Es war ein wohlwollendes Gefühl. Der Himmel war von einem intensivem blau.

Ich folgte Jos, so schnell ich ohne Schuhe rennen konnte. Der Wald hatte ihn schon verschluckt. Je näher ich ihm kam, desto kälter wurde es. Alles wurde trüb und düster. Doch nicht jeder Fleck war von diesem grau, welches mich umgab. Man konnte hier und da rote Flecken erkennen. Wie Farbe, aber doch anders. Ich näherte mich einem dieser großen roten Flecke. Sie waren flüssig. Wabberten am Boden und wurden dennoch nicht eins mit ihm. Ich streckte einen Finger danach aus. Doch -

Ein unbeschreiblicher Schrei drang zu meinen Ohren. Es hörte sich an, als würde jemandem das Herz aus der Brust gerissen werde. Und da erkannte ich was diese wabbernde rote Farbe, nur wenige Zentimeter von meinem Finger entfernt, war. Blut. Hier wurde gemordet. Überall waren diese Flecken gewesen. Hier musste etwas umherwandern. Ein Mörder. Und Jos – Jos war … hier. Irgendwo im Wald. Dieser Schrei … oh nein!

Mit schnellen Schritten lief ich durch den Wald. Alles wirkte nun noch erdrückender als zuvor. Irgendwas war hier, dass nicht genug vom töten bekam und jemand hatte geschrienen, und … Jos. Wie konnte das passieren; warum war er hier? Ich rannte weiter, in die Richtung aus der ich den Schrei vermutet hatte. Meine Füße schmerzten. Blut rann an einigen Stellen meine helle Haut hinunter. Es sah aus, wie ein Bach, der sich seinen Weg über alle Ebenen der Erde bahnte.
Noch ein Schrei!
Diesmal noch schrecklicher als zuvor und er kam ganz aus der Nähe. Ich schaute mich hilfesuchend um, obwohl ich wusste das hier keine Hilfe sein würde. Wo war Jos? Und dann sah ich es. Nur wenige Meter von mir entfernt. Überall Blut. Mir wurde übel. Ich krümmte mich nach vorn, um dem Drang der Natur nachzugeben. Mein ganzer Magen entehrte sich vollständig. Als ich meinen Blick erhob, ging ich mit zitternden Händen auf die Gestalt zu, die da stand und sich über Jos gebeugt hatte.
»NEIN!«

Jos lag da. Tot. Überall Blut und kein Entkommen. Über ihm gebeugt stand ein Fuchs. Wunderschön, nicht einen Makel hatte er aufzuweisen. Wie konnte ein so schönes Tier nur so mörderische Taten vollbringen?
Der Fuchs wand sich von Jos ab und kam nun auf mich zu geschlichen. Seine Pfoten setzten bei jedem Schritt majestätisch auf dem Boden auf.
»Nun zu dir, mein Schatz«, sagte der Fuchs mit süßlicher Stimme. »Hast ja schon die halbe Arbeit erspart.« Sein Blick fiel auf meine geschundenen Füße und im nächsten Moment stürzte er sich mit gefletschten Zähnen und Blut verschmiertem Maul auf mich.
Ich riss meine Augen weit auf. Ein Traum, alles nur ein Traum, beruhigte ich mich, doch es gelang mir nicht. Mein Herz klopfte so laut, dass ich befürchtete jeder im Umkreis von zwei Kilometern könnte es hören. Mein Körper hebt und senkte sich schneller, als ich es gewöhnt war. Um mich herum war alles dunkelrot. Das war nur ein Traum, sagte ich mir immer und immer wieder, wehrend sich das dunkelrot in ein zartes rosa verwandelte und dann allmählich verschwand.

Ich lag auf dem Waldboden im Schnee. Mein Kopf schmerzte fürchterlich. Ich musste vom Fels abgerutscht sein, als ich auf ein Nest voll Moos gestiegen war. Doch diese Tatsache konnte mich immer noch nicht beruhigen. Noch nie hatte ich solch einen schrecklichen Traum. So etwas konnte doch nicht von allein kommen. Mühsam setzte ich mich auf. Der Schnee war in meine Kleider gefahren und durchnässte sie bis auf den letzten freien Winkel. Ich war völlig durchweicht.

Wie lang hatte ich hier gelegen? Ich zog den Ärmel meiner Jacke zurück und schaute auf meine Uhr. Es war zehn vor zwölf. In etwa einer Stunde musste ich wieder zuhause sein; so hatten wir es ausgemacht, doch ich war bis jetzt keinen Schritt weiter gekommen, und mein Kopf schwirrte immer noch. Was war nur los mit mir? Das war nur ein Traum gewesen, nicht die Realität. Ich musste deswegen nicht gleich durchdrehen. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich hier so schnell wie möglich weg musste. Ich fühlte mich nicht mehr sicher hier. Dieser Traum – er war hier, in diesem Wald gewesen. Was war wenn? Nein, das ging nicht. Nur ein Traum.
Ich stand auf und sah mich um. Keine roten Flecken; nirgends. Ich musste mich an einem nah gelegenen Baum festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Hätte ich doch nur etwas zu trinken mitgenommen, damit mein Kreislauf wieder richtig in Schwung kam. Aber an so etwas denkt man immer erst, wenn es zu spät ist. Nachdem ich mich etwas besser fühlte, machte ich ein paar Schritte nach vorn. Es ging. Jetzt musste ich nur noch schnell weg von hier.

Langsam, und bedacht darauf, stur gerade aus zu schauen, machte ich mich auf den Weg. Ich wollte meinen Blick nicht vom Weg, den ich nehmen musste, abwenden. Alle Bäume wirkten auf einmal wie Beobachter. Ich fühlte mich beobachtet. Schrecklich beobachtet. Warum musste ich nur diesen schrecklichen Traum haben … und Jos. Warum musste Jos so etwas durchleiden?
Ich beschleunigte meine Schritte. Ganz in meiner Nähe war ein Knacken zu verspüren. Verschreckt drehte ich mich um. Nichts war zu sehen; nur das ewige weiß des Schnees und Bäume, hinter denen man sich super verstecken kann. Was war hier?
Maddie, dass bildest du dir nur ein, sagte die Stimme von Taylor in meinem Kopf.
Ich weiß, gab ich zurück, doch es beruhigte mich nicht. Warum war niemand hier? Warum bin ich nur wieder hier her gegangen, obwohl ich doch im tiefsten inneren wusste, dass Jos hier nicht sein würde? Ich straffte meinen Rücken und versuchte eine gerade und stolze Haltung hin zu bekommen. Es gelang nicht bei weitem so, wie ich es mir erhofft hatte, doch ich fühlte mich etwas besser.
Du wirst jetzt mit erhobenem Haupt hier raus spazieren, als wenn nichts gewesen wäre, okay?, sagte Taylor wieder. Ich nickte, tat was er mir sagte und regte mein Kinn in die Luft. Ich schielt immer wieder nach unten, um ja nichts zu übersehen, was da am Boden lag. Es war nicht mehr weit und ich würde unser Haus sehen können. Dann war ich in Sicherheit, müsste mich nicht mehr fürchten.
Nie hätte ich gedacht, dass mir der Wald so viel Angst einjagen könnte. Das mein zweites Zuhaue mir das Fürchten lehren würde. Niemals.

Etwas knackte. Mein Körper zuckte zusammen. Ich konnte es nicht verhindern. Vorsichtig, mit der Vorahnung, dass mich gleich ein blutrünstiger Fuchs anspringen würde, wie der, den ich in meinem Traum gesehen hatte, drehte ich mich um. Aber da war nichts. Was wurde hier gespielt? Von ein paar Minuten hatte ebenfalls etwas geknackt , und ich konnte es nicht gewesen sein. Ich hatte acht gegeben, auf nichts zu treten. Irgendjemand musste hier sein. Der Wind war heute zu schwach als das er hätte Äste zu Bruch bringen konnte. Ich hielt der Versuchung stand nachzusehen wer, oder was, da war. Ich beschleunigte meine Schritte weiter, und rannte nun fast.
Du bist gleich da, sagte ich mir immer wieder, nicht mehr weit und ich bin zuhause.
Doch dann war da wieder dieses Knacken. Und noch etwas kam dazu. Ein Keuchen. Ein Keuchen eines Lebewesens. Ich wollte mich nicht umdrehen, ich hatte viel zu viel Angst, doch es blieb mir nichts anderes übrig, so sagte ich mir.
Nur wenige Meter hinter mir rannte ein Fuchs. Blutrünstig und die Zähne gefletscht. Wie der Fuchs aus meinem Traum, oder waren es die selben? Nein, das konnte nicht sein; ich sah nirgends rote Flecken. Hastig drehte ich mich wieder um und rannte weiter. Dieses Tier durfte mich auf keinen Fall bekommen.
Ich hatte doch gewusste, dass heute etwas anders war. Anders als sonst. Es war ein ganz merkwürdiges Gefühl gewesen, als ich den Wald betreten hatte und nun hatte es sich bewahrheitet.
Das Keuchen hinter mir wurde immer lauter; er kam näher. Immer näher! Meine Hirnzellen strengten sich so sehr an, dass es fast weh tat.
Überlege dir was, sagte die Stimme in meinem Kopf.
Ja, aber was, gab ich zurück.
Weiß ich doch nicht. Du bist die die hier in der Klemme steckt.
Du bist mir keine große Hilfe, weißt du das.
Ja, sagte die Stimme und lies ein hässliches Lachen von sich erklingen. Ich antwortete ihr nicht mehr, hatte ich doch das Gefühl verrückt geworden zu sein, wenn ich mit mir selbst sprach. Es half mir doch alles nichts.

Ich rannte immer weiter gerade aus, doch nach nur wenigen Metern – ein Baum. Warum musste dieses blöde Ding gerade jetzt da liegen? Ich konnte nicht bremsten und der Baum lag zu hoch um darüber springen zu können, und zu lange um darum herum zu rennen. Mir bleib also nur noch eine Möglichkeit übrig. Kurz bevor ich den Baum endgültig erreicht hatte, lies ich mich fallen und streckte den rechten Fuß weit nach vorn. Ich glitt unter dem Baum hindurch, wie sie es immer in Filmen zeigten. Auf der anderen Seite sprang ich wieder auf und rannte weiter. Ich hörte ein wütendes Knurren, doch im nächsten Moment war es schon wieder verschwunden und ich hörte wieder das Keuchen des Fuchses hinter mir. Ich hatte ihn also noch nicht abgeschüttelt. Er war der Fuchs aus meinem Traum, wenn er so war, wie in meinem Traum, dann konnte ich nicht genügend Meter zwischen uns bringen.
Doch wenn er der Fuchs aus meinem Traum war? Aber was war wenn das gar kein Traum gewesen war; wenn es real war? Was war dann mit Jos?
Abrupt blieb ich stehen.
Jos.
Nein, das durfte nicht wahr sein.

Ich drehte mich um und sah wie der Fuchs auf mich zu gerannt war. Er war wenige Meter von mir entfernt als er stehen blieb. Seine Zähne, die er mit Genuss ableckte, waren spitz und sahen aus, wie kleine Messer. Dein Fell hatte eine dunkelrote Farbe. Seine Pfoten waren weiß, so dass es aussah, als hätte er weiße Stiefel an. Der Schwanz des Fuchses zuckte aufgeregt hin und her. Seine Augen waren durchdringend und schwarz. Rabenschwarz.
Der Fuchs neigte sich nach vorn und machte sich zum Absprung bereit. Ich rückte immer weiter zurück bis ich schließlich an einen Baum stieß. Auch der Fuchs kam näher. Ich machte mich darauf gefasst gleich von ihm angefallen zu werden, doch es blieb aus.
»Ha - b?«
Von irgendwo her kamen gebrochene Worte. Sie mussten vom Wind zerstreut worden sein, so dass ich nicht alles verstand.
»Hallo? Ist hier wer? HILFE!« Ich schrie so laut ich konnte. Hier war jemand. Hier war endlich jemand, der mich retten konnte, von diesem Biest. Ich wartete ebenso wie der Fuchs vor mir; immer von in Angriffsstellung.
»HALLO? IST DA JEMAND?«, schrie ich noch lauter als zuvor. Verängstigt und mit Blick auf den Fuchs drängte ich mich weiter an den Baumstamm. Warum griff er nicht an?
Ich lauschte angestrengt, doch niemand antwortete mir. Hier musste doch jemand gewesen sein, ich hatte Worte gehört. Verzweifelt rannen mir Tränen über die Wangen. Nicht schon wieder. Ich zog meinen durchweichten Ärmel über die Hand und wischte alle tränen weg. Ich sah, wie der Fuchs eine Fratze zog.
»Bin da!«, sagte eine wütend klingende Stimme ganz in der Nähe.
»ICH BIN HIER!«, schrie ich mit lauter Stimme zurück.
»Ich weiß. Ich auch«, sprach die Stimme weiter. Sie war so nah, dass es fast unmöglich war, dass mein Retter mich übersehen konnte. Ich schaute mich um, sah aber niemanden. Wo war die Person, die gesprochen hatte, es konnte doch nicht -
»Wo?«, rief ich weiter. Es war unmöglich was ich dachte. Nicht hier, nicht auf dieser Welt. Würde ich jetzt wirklich verrückt werden? Meine Nägel krallten sich tief in den Stamm des Baumes; so sehr das mir die Nägel brachen. Ich zog sie wieder heraus, und spürte schmerzlich, dass keiner meiner Nägel heil geblieben war.
Wäre ich doch nur nicht von diesem Fels abgerutscht, und hätte ich doch nur nicht diesen Traum gehabt; vielleicht wäre ich dann nicht hier, in dieser Situation, gewesen.
»Wo sind -«, weiter kam ich nicht, denn der Fuchs hatte sich aus seiner Starre befreit und stürzte sich auf mich zu. Schützend hielt ich die Hände vor mein Gesicht. Es war das letzte was ich tat, bevor ich abermals in dunkle, unbekannte Gewässer stürzte.

Ich war als drittes Kind einer glücklichen Familie geboren worden. Ich war ein Wunschkind gewesen. Klein, wehrlos; wie jedes andere Kind auch. Meine Familie kümmerte sich liebevoll um mich. Sie liebten mich über alles. Ich stritt manchmal mit meinen Geschwistern, wie alle Geschwister, auf unserem blauen Planeten auch, doch wir vertrugen uns immer.
Jedes Jahr machten wir Urlaub. Fast jedes Jahr in einem anderen Land. Ich besuchte schon Länder wie Frankreich, Spanien, Deutschland, Dänemark, Italien, den ganzen Europäischen Standard eben, doch Norwegen hatte es uns bis jetzt am meisten angetan. Ich war gern dort. Die Wälder waren ein einziger Augenschmaus. Man konnte nicht genug davon bekommen. Felsen waren mit Flechten und Moosen überwachsen. Alles war grün. Die Sonne beschien kleine Flüsse und Seen und gab einer Vielzahl an Mücken Lebensraum. Ich konnte diese kleinen Tiere nicht ausstehen, doch sie gehörten zu Norwegen, wie der Tee zu uns. Norwegen ist ein umwerfendes Land. In Norwegen konnte man wandern bis man keine Berge mehr ersehen konnte. Das Land war unangetastet. Elche streiften durchs Land, doch ich hatte bisher nur einen einzigen gesehen. Als ich klein war, sagte ich einmal zu meinen Eltern, dass, wenn ich einmal groß sein würde, ich nach Norwegen auswandern würde. Doch mittlerweile hatte sich dieser Wunsch gelegt. Ich hatte begriffen, dass diese Urlaube, eine Ausnahme bleiben mussten, um als atemberaubend wahrgenommen zu werden. Wenn ich dort einmal leben würde, würde ich die wahre Schönheit des Landes nicht mehr erkennen. Würde sie als selbstverständlich abstempeln.
Als ich etwa zehn war, hegte ich den Wunsch Schriftstellerin zu werden. Ich wollte Bücher schreiben und von der ganzen Welt dafür geehrt werden. Ich wollte mit Büchern mein Geld verdienen. Ich wollte die besten Bestseller des Planeten schreiben. Noch viele Jahre nach meinem Tod sollte von mir und meinen Werken berichtet werden. Ich wollte so viele Bücher schreiben, dass mein ganzes Zimmer darin untergehen würde, da die Bücherstapel bis an die Decke reichen würden. Ich setzte mich jeden Nachmittag, nach der Schule, an meinen Schreibtisch, hatte ein Heft aufgeschlagen und wartete das mit die Geschichten zuflogen, doch sie taten es nie. Ich konnte immer nur schreiben nachdem ich schlecht geträumt hatte. Ich schrieb von glücklichen Welten, in der alle Menschen genug hatten, von allem was sie fürs überleben brauchen; schrieb von Fantasie-Welten in denen ich der Held war; ich schrieb von meinen Träumen. Es waren keine langen Geschichten. Meist gingen sie nur etwa zwei, drei Seiten, doch ich war zufrieden mit meiner Arbeit. Doch irgendwann hatte ich keine Lust mehr, zu schreiben. Mir taten sie Knochen weh, wenn ich den Stift zu lang in den Händen gehalten hatte. Ich hörte also auf zu schreiben und legte mein Heft, welches immer dicker geworden war, beiseite.
Aus dem Wunsch Schriftstellerin zu werden, entwickelte sich der Wunsch mit Hayley eine Bibliothek zu eröffnen. Andere glücklich zu machen, mit Büchern. Anderen das lesen zu ermöglichen, wenn sie selbst nicht genug Geld hatten sich Bücher zu leisten. Wir würden hart arbeiten, Jahre lang, bis wir das Geld für eine Bibliothek zusammen haben würden, dann würden wir viele Bücher kaufen und unsere Bibliothek in einer kleinen Stadt eröffnen. Wir würden bis dahin hart gearbeitet haben. Wir würde ein Strahlen auf Kindergesichter zaubern. Manchmal hatten wir uns vorgestellt wie wir uns ein Wohnmobil kaufen würden, und dann eine fahrende Bibliothek eröffnen. Wir würden um die Welt reisen und Kindern und anderen Menschen, dass lesen ermöglichen. Doch auch dieser Wunsch verflog mit der Zeit, je mehr wir in der Schule kämpfen mussten und je mehr Hayley ihre Leidenschaft fürs Kochen entwickelte.
Je älter wir wurden, desto mehr wurden wir von der Schule gefordert; wie auch sonst wollten wir zu Wissen kommen? Manchmal kamen wir tagelang nicht nach draußen, da wir lernen mussten. Die Ferien kamen uns da immer sehr gelegen, nach anstrengenden Wochen in denen wir eine Arbeit nach der anderen schrieben. Früher sagten wir immer, dass Ferien das beste an der Schule waren, doch heute weiß ich das das nicht so ist. Die Schule im Allgemeinen ist das beste. Wie sonst sollten wir so viele Freunde kennen lernen, wie in der Schule? Nirgends, finde ich. Wenn es die Schule nicht geben würde, hätte ich Alice nie kennen gelernt. Hätte nie so eine gute Freundin gefunden wie sie. Der jetzige Stand der Dinge ist folgender: Alice und ich, wir wollen, wenn die Zeit breit ist, in eine größere Stadt ziehen. Aus diesem Nest hier, in dem wir leben, können wir nie ausbrechen. Können uns nicht entfalten. Wir sind an unsere Umgebung gekettet. Allzu weit von einem Wald entfernt sein, wollten wir jedoch nie, zumindest hatte ich das gedacht. Bis heute. Ich wusste nicht, wie ich mich jetzt entscheiden würde, nach diesem Alptraum.

Ich dachte über all diese Dinge nach, wärend ich nicht bei Bewusstsein war. Ich wusste nicht ob ich überhaupt einen Zustand hatte. Ich konnte weder die Augen öffnen, da sie wie zugeklebt wirkten, noch konnte ich irgend ein anderes Körperteil bewegen. Um mich herum siegte die Stille, doch ich wusste, dass dies nicht der Realität entsprechen konnte. Ich konnte meine Gedanken hören, als würde ich mit mir selbst sprechen, also musste ich zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit schweben. Ich fühlte mich leicht wie eine Feder, hatte das Gefühl gleich vom Boden abzuheben. Aber war ich das nicht schon längst? War ich nicht schon längst vom Boden abgehoben und hatte mich in den Himmel der Spinner begeben?

Etwas regte sich neben mir. Ich schien durch den Nebel zu wandern, der mich die ganze Zeit umgeben hatte. Er wurde immer durchscheinander. Ich lief meinem Bewusstsein mit offenen Armen entgegen. Länger wollte ich mich nicht in diesem wirren Zustand befinden. Als ich das Bewusstsein erreichte wurden meine Augen befreit von ihrem Kleber. Ich konnte sie öffnen. Anfangs war alles verschwommen, doch je länger ich sie offen hielt, desto besser wurde mein Blick.
Ich war eingekreist von einer Vielzahl an Bäumen. Alle standen sie um mich und es wirkte so, als würden sie mich anstarren. Ich rieb mir den Kopf. Ich war schon wieder dagegen gefallen. Es war ein Wunder, wenn ich keine Gehirnerschütterung haben würde. Ich hatte vollkommen vergessen was passiert war. Vielleicht war ich noch ein wenig durcheinander von meinem Sturz. Meine Kleider waren wieder durchnässt, obwohl ich eher glaubte, dass sie von meinem letzten Sturz immer noch nass durchweicht.

Ich setzte mich auf und hielt in meiner Bewegung inne, um mich an meine Umgebung zu gewöhnen. Obwohl ich den Wald gut kannte, wusste ich nicht wo ich mich befand. Noch nie war ich an diesem Fleck gewesen. Alles hier war verworren. Überall stand Gestrüpp, welches sich ineinander verflochten hatte. Bäume wuchsen an jedem freien Platz und schienen sich gegenseitig zu erdrücken. Felsen ragten aus der Erde, wie Sand am Mehr; ich stellte fest, dass ich selbst auf einem lag. Der Himmel hatte sich schon leicht verdunkelt. Schon einige Zeit musste ich hier liegen.

Ein Räuspern war zu hören. Erschrocken, von der plötzlichen Ruhestörung, drehte ich mich um und blickte direkt in die rabenschwarzen Augen eines Fuchses. Sie funkelten zornig. Ich rappelte mich so schnell auf wie ich nur konnte und versuchte zu fliehen, doch noch ehe ich den nächsten Baum erreicht hatte, stand der Fuchs vor mir. Seite scharfen Zähne waren mir entgegen gerichtet.
»So einfach geht das nicht«, sagte eine aggressive Stimme aus seinem Maul. Bestimmt war es eine Marionette, oder so etwas ähnliches, die von weitem gesteuert wurde. Ich versuchte einen Sender zu entdecken, der das Tier steuerte, doch nichts dergleichen konnte ich auf die Schnelle entdecken. Hier musste mich jemand einen üblen Scherz erlauben. Kein Tier dieser Welt konnte von Natur aus sprechen. Menschliche Intelligenz musste im Spiel sein.
»Bist in der Falle, Menschenkind. So schnell wirst du hier nicht mehr nach draußen finden«, die Stimme wurde von Wort zu Wort angriffslustiger.
»Ist hier jemand?«, schrie ich, und meine Stimme stieg in die Höhe. Ich konnte selbst hören das sie zitterte und schämte mich im nächsten Moment darüber, dass ich Schwäche zeigte.
In so einem Moment würde jeder Schwäche zeigen.

Diese Stimme, in meinem Kopf, war mir neu. Ich hatte sie noch nie gehört, und konnte sie deswegen keinem Gesicht zuordnen. Es war eine männliche Stimme gewesen. Sie wirkte beruhigend und aufmunternd auf mich, doch ich machte mir nun neue – unnötige, wie ich fand – Gedanken. Hatte sie dem Menschen gehört, der diesen Fuchs steuerte? Konnte diese Person nun auch noch in meinen Geist eindringen und mir Dinge in den Kopf flüstern?
Es war eine ganze Weile still, nachdem ich in den Wald hinaus geschrien hatte, doch niemand gab mir Antwort. Wer sprach durch diesen Fuchs?
»Du dummes Kind, ich stehe vor dir! Ich hielt dich nicht für so dumm, doch du lässt es mich noch einmal überdenken.« Mit gebannten Augen starrte ich auf den einzigen bewegenden Punkt der sich mir hier: der Fuchs. Sein Maul hatte sich eindeutig bewegt, doch ich konnte einfach nicht glauben, dass dieses Tier gesprochen haben soll.
Mit einem Satz sprach der Fuchs auf mich zu und legte seine Pfoten so auf meine Schultern, dass ich an den Baumstamm gepresst wurde. Ich konnte mich nicht fortbewegen. Die Augen des Fuchses waren hasserfüllt auf mich gerichtet. Sie brannten wie Feuer auf mir und verängstigten mich noch mehr, als ich es so schon war. Ich drehte den Kopf zur Seite, da ich befürchtete gleich Hauptspeise dieses Monsters zu werden.
»GLAUBST DU ES JETZT?«, fragte eine knurrende Stimme, und sie kroch genau aus dem Maul des Fuchses. Ich konnte nicht anders als hinsehen. Der Fuchs hatte wirklich sein Maul bewegt. Ich konnte es nun nicht mehr leugnen; dieser Fuchs konnte wahrhaftig sprechen. Aber wie war das möglich? War es ein Gendefekt?
»Weißt du wie wir das jetzt machen?«, sagte der Fuchs.
Ich schüttelte den Kopf und drückte ihn dabei so weit wie nur irgendwie möglich an den Stamm des Baumes. Meine Haare klebten mir vor Anstrengung im Gesicht. Ich wollte sie wegstreichen, doch ich hatte Angst, den Fuchs dadurch nur noch mehr zu provozieren.
»Wir machen das jetzt so: Ich lass so einem schwächlichen Monster, wie dir, zwei Minuten. Will ja auch noch ein bisschen Spaß haben.«
Nach diesen Worten stieß er sich von mir ab, entfernte sich jedoch nur so weit von mir, dass nur wenige Zentimeter zwischen uns lagen.

Ich wusste für einen Moment nicht so recht was ich nun tun sollte, doch dann übernahmen meine Beine die alleinige Kontrolle. Ich rannte davon, so schnell ich nur konnte. Ich wusste nicht in welche Richtung ich mich bewegte. Ich konnte nur hoffen, dass er die richtige war.
Wie konnte mich dieses Tier hier her bringen? Ich wäre viel zu schwer für ihn gewesen. Aber die eigentliche Frage war doch eher: Warum um Himmels willen konnte dieses Monster reden? Noch nie hatte ich etwas vergleichbaren erlebt. Noch nie hatte ein Tier sprechen können. Das Wellensittiche es konnten, nachdem sie es von den Menschen erlernt bekommen hatten war mir klar, aber ein Fuchs konnte so etwas einfach nicht.
Es war einfach unmöglich.

Meine Beine trugen mich durch den Wald, als hätte ich keinerlei Schwierigkeiten damit. Leichtfüßig sprang ich durch hohen Schnee und ebenso ungezwungen wich ich Hindernissen aus, die mir in den Weg kamen. Bäume zogen an mir vorbei, wie allerlei Gebäude, wenn man durch eine große Stadt fuhr. Ich bekam nicht mehr viel mit, außer den Weg, den ich eingeschlagen hatte und den ich nun fest im Auge behielt.
Nach einer Weile hörte ich ein leises Keuchen.
Oh nein! Der Fuchs war schon so weit heran gekommen, dass er mich in wenigen Minuten haben wird, wenn ich nicht schneller sein würde. Meine Beine bewegten sich schneller, doch das würde nicht lange so bleiben. Bald wird mir die Puste ausgehen und dann war ich ihm schutzlos ausgeliefert. Vielleicht sogar bald tot.
Denk nicht an diese Dinge, denkt an etwas glückliches.

Es war die selbe Stimme wie vorher. Diese beruhigende männliche Stimme. Doch ich hatte nun keine Zeit darüber nachzudenken wem sie gehörte, und warum jemand über meine Gedanken mit mir sprach; ich musste weg von hier, weg von diesem Monster!
Der Wald veränderte sich mit jedem Schritt weiter. Er wurde immer durchschaubarer. Die Bäume standen nicht mehr so dicht beieinander, es lagen kaum noch umgeknickte Bäume im Weg und auch Schnee lag immer weniger. Langsam erkannte ich den Wald, so wie ich ihn immer gesehen hatte, wieder. Doch das einzige was nicht hier her gehörte war das ständige Keuchen hinter mir, dass immer näher zu kommen schien. Nicht mehr lang und ich würde im regelrecht ins Maul springen.

Ich erkannte die alte Linde, bei der ich einmal mit Dad gewesen war, und auch die Gruppe kleiner Sträucher, an denen im Sommer saftige Beeren wuchsen. Jetzt kam mir wieder alles bekannt vor. Ich würde es nicht mehr weit haben, um hier raus zu kommen. Nicht mehr weit und ich würde unser Nachbardorf erreicht haben. Da war ich in Sicherheit. Der Wald lichtete sich immer weiter und bald standen die Bäume so weit auseinander, dass man, mit ausgestreckten Armen, keinen mehr erreichen konnte.
Nur noch wenige Meter und …

Ich erreichte den Waldrand, doch ich hatte kaum noch Luft in der Lunge. Ich wusste das ich es nicht hätte tun sollen; ich hätte einfach weiter rennen sollen, doch ich drehte mich um, um zu sehen wir weit der Fuchs entfernt war. Er stürzte immer noch durch den Wald, doch er war tatsächlich nicht weit entfernt gewesen. Sein Gesicht war immer noch wutverzerrt, doch auch Angst spiegelte sich nun wieder. Mir war es gleich, was er jetzt empfand, ich wollte nur noch weg. Ich drehte mich wieder um und rannte weiter, dass Feld, welches sich vor mir erstreckte, hinunter. Kleine Häuschen standen in einer Reihe, zu beiden Seiten, genau vor mir. Ich stürzte auf das erstbeste Haus zu und klingelte wie wild an der Klingel. Ich drehte mich noch einmal um und sah hinauf zum Waldrand. Der Fuchs, oder besser gesagt dieses Monster, stand am Waldrand und schaute hinunter. Seine Augen waren auf einmal ganz rot. So sah es zumindest von hier unten aus. Der Waldrand war etwa hundert Meter entfernt, doch ich glaubte zu erkennen, dass es so war.

Was bildest du dir eigentlich ein, du Landstreicher?«, dröhnte eine laute Stimme in meine Gedanken. Erschrocken zuckte ich zusammen und drehte mich zur Tür. Vor mir stand Mr White dessen Augen ebenso funkelten, wie die des Fuchses. Warum musste ich unter all diesen Häusern auch gerade dieses hier erwischen?
Ich stammelte irgendwas von falschem Haus und drehte mich um.
»Hey, ich kenn dich. Du bist doch das Mädchen von den Jhons'. Deine Mutter ist mir bekannt. Die wird sich freuen, sag ich dir«, rief mir Mr White hinterher, als ich die Ausfahrt wieder hinaus lief. Ich verabscheute diesen Mann bis aufs tiefste meiner Seele. Er war eine abscheuliche Person. Im Sommer war ich einmal hier mit Jos. Als wir hier vorbei liefen musste Jos sein Geschäft auf Mr Whites Rasen verrichten. Zu meinem Glück war dieser gerade draußen, so dass er alles gesehen hatte. Ich glaube mit seinem Geschrei hätte er selbst die Bären aus ihrem Winterschlaf aufgeweckt.

»Maddie, was ist passiert?«
Ich hob meinen Blick und sah wie Taylor die Straße entlang lief.
Taylor! Ich hätte längst zuhause sein müssen. Wie spät war es wohl? Ich lief auf ihn zu und er umarmte mich fest.
»Man haben wir uns Sorgen um dich gemacht.« Er lies mich los und schaute mich streng an. Diesen Gesichtsausdruck hatte ich bei ihm noch nie gesehen. Er passte nicht so recht zu meinem immer freundlichen Bruder.
»Wir hatten doch gesagt, dass wir uns gegen eins wieder zuhause treffen. Warum warst du nicht da?«
»Ich -«
»Wir haben dich überall gesucht. Ich bin extra noch mal her gefahren um zu sehen ob du hier bist.«
»Ja, ich -«, doch Taylor lies mich wieder nicht ausreden. Er hatte sich ernsthaft Sorgen um mich gemacht.
»Und dann hab ich gesehen wie du das Feld hier runter gestürzt bist und hinter dir dieser Fuchs. Dann hast du auch noch dauergeklingelt bei Mr White. Sag mal hast du eigentlich gar nichts dazu zu sagen?«
Was soll den das Theater hier?
»Du lässt mich doch nicht mal zu Wort kommen«, protestierte ich. Taylor schaute verdutzt.
»Habt ihr Jos gefunden?«, fragte ich. Das war die einzige Frage, die für mich in diesem Moment zählte. Taylors Brustkorb hebt und senkt sich schnell. Er musste tief durchatmen bevor er er mir antworten konnte. »Ja wir haben ihn wieder und -«
Diesmal war ich es die nicht ausreden lies. »Und wo war er?« Ich sprang ihn fast an so sehr freute ich mich darüber. Dies war die beste Nachricht seit Tagen.
»Sag ich dir im Auto. Die Leute hier schauen schon.« Er drehte sich um und lief voraus.
Verwundert schaute ich ihm nach. Aber er hatte Recht. An einigen Fenstern standen Leute und starrten uns an. Als hätten sie den ganzen Tag nichts besseres zu tun, als aus dem Fenster zu schauen bis irgendwas auf ihrer Straße passiert.

Ich folgte Taylor über die glatte Straße. Durch den Schnee war das Wasser gefroren und hatte die Straße zu einer Eisbahn verwandelt. Vorsichtig bewegte ich mich vorwärts.
Taylor hatte sein Auto eine Straße weiter geparkt. Ich stieg ein und sofort kam mir eine angenehme Wärme entgegen. Hier drin war es wesentlich wärmer als draußen. Ich schnallte mich an und Taylor lenkte das Auto aus der Parklücke.
»Und? Wo war Jos nun?« Ich war ganz hibbelig. Mein Gesicht glühte vor Freude. Ich konnte sie nicht zurückhalten. Warum sollte ich das auch tun?
»Eine Frau hatte ihn gestern gefunden und mit nach Hause genommen, da sie niemanden gesehen hatte, zu dem er gehörte. Heute morgen hat sie dann die Anzeige in der Zeitung gelesen und hat ihn her gebracht.« Er machte eine kurze Pause und sprach dann weiter. »Zum Glück war Hayley schon da gewesen, sonst hätten wir wohl weiter gesucht.«
»Wo hat sie Jos gefunden?«, wollte ich wissen.
»Er muss in den Wald gerannt sein, denn als sie dort mit ihrem eigenen Hund spazieren gewesen war, kam er auf sie zu gerannt. Sie hat niemanden sonst im Wald gesehen, also nahm sie ihn mit.«
Jos war also doch im Wald gewesen. Ich hatte es gewusst. Ich hatte nicht falsch gelegen mit meiner Vermutung. Ein wohlwollendes Gefühl durchströmte mich. Ich musste grinsen. Es war einfach wunderbar das Jos nun wieder da war und ich würde ihn in wenigen Minuten in die Arme schließen können.

Taylor fuhr die Landstraße entlang die in unser Dort führte. Ich schaute verträumt nach draußen. Der Himmel verdunkelte sich immer weiter. Dicke Wolken waren zu sehen, sie versprachen neuen Schnee für die Nacht. Schnee hatte ich für dieses Jahr genug gesehen. Wir hatten zwar erst Mitte Februar, doch für mich reichte all der Schnee, der bis jetzt den Weg auf die Erde gefunden hatte. Es war mehr als genug.
Mein Blick schweifte auf den Wald, der nur wenige Meter entfernt war. Was mir heute passiert war, würde sich für immer in meinen Kopf meißeln. Ich würde dies nie vergessen. Das wusste ich jetzt schon. Zu einprägend war diese Begegnung gewesen.
Ich schreckte hoch. Für einen Augenblick hatte ich gedacht rote Augen gesehen zu haben, doch im nächsten Moment waren sie schon wieder verschwunden. Ich rieb mir die Augen. Ich war müde. Mein Blick musste mir einen Streich gespielt haben. Der Fuchs wusste nicht wo ich war. Er konnte mir nicht gefolgt sein. Es war unmöglich.
»Ist irgendwas?«, riss mich Taylor aus meinen Gedanken.
»Was?«, fragte ich verwundert. Ich hatte nicht recht gehört was er sagte.
»Ich habe gefragte ob irgendwas ist. Du bist gerade so zusammengezuckt.« Er wand den Blick von der Straße ab.
»Nein … ich hab nur … hab mich nur versehen. Es ist nichts.« Taylor nickte und schaute dann wieder auf die Straße die vor ihm lag.
Es dauerte nicht mehr lang und wir waren zuhause. Mum kam sofort aus der Tür gestürzt, als wir in die Einfahrt bogen. Sie musste schon auf uns gelauert haben. Als sie auf gleicher Höhe mit mir war schlang sie ihre Arme besorgt um mich und fing an zu weinen. Sie durchnässte meine Kleider wieder, die so schon nass waren.
»Weißt du, was du uns für einen Schrecken eingejagt hast? Tu so etwas nie wieder.« Sie nahm mein Gesicht in die Hände. »Hast du mich verstanden? Tu so etwas nie, nie wieder.« Ich nickte gehorsam. Dann umarmte sie mich wieder. Diesmal fester.

Kapitel 3: Nächtliche Begegnung

Mum schleifte mich nach drinnen, wo Dad und Hayley sofort in den Flur gestürzt kamen. Dad hatte sein besorgtes Gesicht aufgezogen, Hayley hingegen strahlte übers ganze Gesicht. Sie war froh mich wieder zu sehen. Hayley kam auf mich zu uns schloss mich in die Arme, wobei sie Mum beiseite stieß, doch sie war so froh, dass ich wieder da war, dass sie nichts sagte.
»Was machst du den für Sachen?«, fragte sie mich vorwurfsvoll, doch ich wusste das sie es nicht so meinte. Hayley war einfach nur froh, dass ich wieder da war.
»Keine Ahnung«, sagte ich schuldbewusst. Ich hatte nicht gewollt das sich alle solche Sorgen um mich machen.
»Mach das nie wieder, hast du verstanden?« Sie lachte. In ihrem Gesicht konnte ich die Sorgen sehen, die sie sich, während meinem Verschwinden, gemacht hatte. Ich lächelte sie aufmunternd an und ihr Gesicht entspannte sich wieder.

Als Jos meine Stimme hörte, kam er, wie vom Blitz getroffen, aus dem Wohnzimmer gerannt. Ich bückte mich um ihn in Empfang zu nehmen. Er bellte vor Freunde als ich ihn in die Arme geschlossen hatte. Mein kleiner ist wieder zuhause, dachte ich bei mir. Er war endlich wieder da. Ich hätte ewig so da hocken können. Meinen geliebten Hund im Arm und die Welt im Stillstand. Doch ich wurde aus meinen Gedanken gerissen als Dad sprach.
»Wo hast du eigentlich gesteckt?«, fragte er. Dad hatte sich zwischen Taylor und Mum hindurch gequetscht und umarmte mich nun ebenfalls. Er drückte mich fest an sich, fast zu sehr. Er hatte immer so einen festen Griff.
Ich wusste nicht was ich auf diese Frage antworten sollte. Es war einfach zu kompliziert die Wahrheit zu sagen. Sie würden mich doch alle für einen Spinner halten. Ich konnte ihnen einfach nicht von meinem Traum erzählen. Nicht von dem sprechenden Fuchs, der mich durch den ganzen Wald gejagt hat. Nichts von beidem würden sie mir glauben. Auch wenn es meine Familie war. Es klang einfach zu verrückt.
Ich glaubte es ja selbst kaum.
»Ich hab am Fels nach Jos geschaut. Ihr wisst schon, der Fels an dem wir unsere Höhle haben«, bei diesen Worten spürte ich wie mein Gesicht zu glühen anfing. Ich hatte ihnen so gut wie nie von unserer Höhle erzählt, weil ich es peinlich finde in meinem Alter noch so etwas wie eine Höhle haben. Doch keiner schien es zu bemerken. »Ich bin also den Fels nach oben geklettert und da war Jos nicht. Als ich dann auf dem Weg nach unten war, muss ich wohl abgerutscht sein und mit dem Kopf auf den Fels geschlagen sein, denn als ich aufwachte, war es schon fast dunkel. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern und bin durch den Wald geirrt. Ich wusste nicht mehr wo ich war. Bei Mr White bin ich dann raus gekommen und hab bei ihm geklingelt.«
Mum hielt den Atem an, dann stürzte sie auf mich und untersuchte meinen Kopf.
»Nicht das du eine Gehirnerschütterung hast. Geht es dir gut? Kannst du mir sagen wie du heißt? Weißt du wie alt du bist?«
Ich schaute sie verwirrt an, antwortete aber brav. »Mir geht es gut Mum. Ich heiße Madeline Jhons, doch alle nennen mich nur Maddie. Ich bin fünfzehn Jahre alt.« Ich kam mir ein wenig albern vor, dass zu sagen, doch wenn es meine Mum überzeugte, dass ich keine Gehirnerschütterung habe, dann war es mir doch recht.
»Gut, scheint alles in Ordnung zu sein. Aber dein Kopf sieht gar nicht gut aus. Du musst hart gefallen sein. Eine Blutkruste hat sich gebildet. Komm al mit, ich will das verarzten.« Ohne ein weiteres Wort zu sagen ging sie davon.
»Na los, an die Arbeit. Ihr müsst bestimmt noch irgendwas im Haushalt machen. So wie ich eure Mutter kenne hat sie euch was aufgegeben«, sagte Dad und verstreute und im Flur. Hayley seufzte tief, doch sie verschwand in die Küche, wo es so klang, als würde sie den Tisch denken. Auch Taylor machte sich widerwillig auf den Weg.

Ich ging zuerst in mein Zimmer, wobei mir Jos folgte, und tauschte meine nassen Kleider gegen trockene aus, bevor ich zu Mum ging. Sie hatte einige medizinischen Dinge auf den Tisch gelegt. Ich konnte Desinfektionsmittel erkennen und Wattetücher. Jos rannte mir immer zwischen den Beinen herum. Ich konnte kaum einen Schritt ohne ihn tun. Gedankenverloren strich ich ihm durch das Fell.
»Setzte du dich bitte auf den Stuhl hier, Maddie?«, sagte sie. Ich tat was mir gesagt wurde. Als ich mich auf den Stuhl setzte geriet dieser ins Wanken. Ich hatte den erwischt, den Das schon seit einer Ewigkeit reparieren wollte, denn er drohte jeden Moment in zwei zu brechen.
»Mr White will sich nun bei dir beschweren, weil ich bei ihm geklingelt hab«, sagte ich Mum um mich abzulenken, denn das Desinfektionsmittel brannte in meiner Wunde. Mum tupfte es vorsichtig mit den Wattetüchern auf meinen Kopf.
»Dieser Mann ist die reinste Qual, sag ich dir«, versicherte mit Mum. Ich konnte hören wie sie sich das Lachen verkniff.
Sie band meine Haare, die sie zuvor aus meiner Versetzung gezogen hatte, zu einem Pferdeschwanz zusammen.
»So das hätten wir! Was das mit Mr White angeht, ich werde versuchen ihn wieder gerade zu biegen, wenn er sich meldet.« Jetzt musste sie wirklich lachen. Ich mochte es wenn Mum lachte. Man wurde immer davon angesteckt.
»Ihr habt nicht mehr lange Ferien, da dachte ich mir, dass ich mir mal frei nehme und wir mal alle was zusammen unternehmen können. Was hältst du davon?«
Ich schaute sie strahlend an. Schon lange hatten wir nichts mehr zusammen gemacht. Mum musste immer so lange arbeiten, heute war sie sehr früh da gewesen, da sie sehr anspruchsvolle Kunden hatte, die sich nur mit dem besten zufrieden gaben. Und was Dad anging, der war oft so sehr gestresst von seiner Arbeit, dass er sich lieber mit etwas anderem entspannte. Aber wenn Mum so etwas sagte, dann bedeutete das sehr viel. Mum würde sich bestimmt gegen Dad durchsetzten und gewinnen. Vielleicht konnten wir endlich mal nah London fahren. Schon lange wollte ich mal wieder in unsere Hauptstadt. Bis jetzt hatte ich nur ein paar mal dieses Vergnügen, doch ich liebte all die Lichter, die in der Nacht leuchteten.
»Ich finde das großartig. Können wir nach London. Oh bitte, da will ich schon lange mal wieder hin.«
»Ich dachte du liebst das Land mehr als die Stadt«, erwiderte Mum schmunzelnd. Sie war gerade dabei den Verbandskasten wieder an seinen Platz zu bringen. Einzelne Haarsträhnen waren aus ihrer Hochsteckfrisur gefallen und baumelten ihr nun im Gesicht.
»Tu ich ja auch, aber die Lichter faszinieren mich so, weißt du. Es ist so tollt wenn alles um mich herum leuchtet und strahlt, in allen möglichen Farben. Es sieht immer so aus wie kleine bunte Sterne die so nahm sind, als könnte man sie mit der Hand berühren.«
»Wenn du möchtest können wir nach London gehen, doch wir müssen auch die anderen überzeugen. Vor allem deinen Vater.«
Ich zuckte mit den Schultern, da dies wohl ein Klacks sein würde und folge Mum nach unten. Wir gingen die frisch gemachte Treppe nach unten. Erst vor ein paar Wochen wurde bei uns eine neue Treppe eingesetzt, da die alte zu zerfallen drohte. Wir hatten nun, wie auch die alte, eine schöne Holztreppe. Doch hier viel einem sofort auf, dass sie nicht mehr so fürchterlich knarrte, wenn man darüber ging. Auf jeder Stufe waren kleine Teppiche ausgelegt, so das man nicht so schnell auf den glatt geschliffenen Stufen ausrutschen konnte.
Jos rannte hinter mir her. Er bellte freundlich und wedelte dann mit dem Schwanz. Er wollte gestreichelt werden, also tat ich es auch. Ich fuhr ihm durch das kurze Haar. Nachdem ich ihn eine Weile das gegeben hatte, was er wollte, ging ich ebenfalls nach unten in die Küche, wo Mum und Hayley waren.

Hayley hatte sich am Herd zu schaffen gemacht hatte. Sie kochte. Eigentlich gab es bei uns nur mittags etwas warmes zu Essen, aber wahrscheinlich waren alle auf der Suche nach mir gewesen, so dass keiner etwas gegessen hatte.
Mein Magen knurrte, als mir der Geruch von leckeren Spaghetti mit Bolognese in die Nase kroch. Hayley machte jedes einfache Essen zu einem Festschmaus. Ich mochte es, wenn sie kochte. Auf Zehenspitzen schlich ich zu ihr und schaute ihr gespannt über die Schulter. Gerade fertigte sie die Bolognese an. Es roch so gut. Mein Magen knurrte noch mehr.
»Hast du manchmal Hunger?«, fragte mich Hayley sarkastisch. Sie musste schmunzelt. Mit einer Hand rührte sie die Spaghetti um, mit der anderen würzte sie die Bolognese.
»Ach was, dass kommt dir nur so vor«, spielte ich mit.
»Ich hol mal die zwei Männer«, schaltete sich Mum ein und verschwand aus dem Zimmer.
Da Hayley nur die Teller auf den Tisch gestellt hatte, macht ich mich daran weiter zu decken. Ich nahm Besteck aus dem Besteckkasten und legte jedem einen Löffel und eine Gabel hin; danach holte ich für jeden ein Glas aus dem Schrank und schenkte Blutorangensaft ein, den Mum vor kurzen im Supermarkt entdeckt hatte und von dem keiner von uns genug bekommen konnte. In die Mitte des Tisches stellte ich eine Kerze und zündete sie an. Wir hatten das lang nicht mehr getan. Früher stand jeden Abend eine brennende Kerze auf dem Tisch. Warum sollte ich diese Tradition nicht wieder zum Vorschein bringen?
Taylor trudelte nach kurzer Zeit auch ein. Seine Haare waren verstrubbelt, doch es machte ihm nichts aus. Er liebte es, wenn sie so aussahen, auch wenn ich das mit keinem Winkel meines Gehirns verstehen konnte. Taylor schlenderte zur Eckbank und lies sich darauf fallen. Die Bank lies ein merkwürdiges Geräusch von sich hören. Knacks. Doch sie brach nicht, so wie es sich angehört hatte.
Als Hayley mit kochen fertig war, kamen auch Mum und Dad herein. Beide setzten sich an ihre Plätze. Hayley nahm sich von jedem den Teller und lud ihn mit einer großen Portion Spaghetti Bolognese voll. Es sah so lecker aus. Hayley hatte die Spaghetti, wie es sein sollte, ganz unten platziert. Darauf kam die kräftig rot schimmernde Bolognese. Der Parmesan verschönerte alles, und stahl selbst dem kleinen Strauch Petersilie die Show. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
»Dann haut mal rein«, sagte Hayley. Keiner lies sich das zweimal sagen. Alle schlugen beherzt zu. Man konnte nur noch das klirren auf den Tellern und schlürfen der Spaghetti hören.

Jos lag in einer Ecke der Küche in seinem Hundekörbchen. Er hatte sich zusammengerollt und schlief. Man konnte es an seinem, immer gleichmäßig, hebenden und senkenden Brustkorb sehen. Er sah so friedlich aus. Ich musste schmunzeln, wie so oft, bei seinem Anblick. Die ganze Last, die ich in den letzten zwei Tagen gespürt hatte, viel von mir. Ich konnte meine Schultern wieder unbekümmert heben. Ich hatte mir so viel Sorgen um ihn gemacht. Was wäre passiert, wenn diese Frau ihn nicht gefunden hätte? Wäre er dann immer noch da draußen um dunklen Wald? Womöglich bei diesem Fuchs? Ich schüttelte schnell den Kopf, um diesen grausigen Gedanken zu verwerfen. Ich wollte nicht daran denken.
Zum Glück aber war diese Frau zur rechten Zeit am rechten Ort. Ich hatte ihr das Leben meines Hundes zu verdanken. Wir konnte ich mir jemals bei ihr bedanken? Ich seufzte vor Erleichterung.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Mum das Wort ergriff und damit die Stille, die geherrscht hatte, unterbrach.
»Ich hab mir gedacht, dass ich in den nächsten Tagen mal frei nehme, und wir alle mal einen tollen Ausflug machen.«
Ich nickte eifrig, um Mums Worte zu untermalen. Taylor sah nicht bei weitem so begeistert aus, wie ich es mir gewünscht hätte.
»Wo sollst den hingehen?«, fragte Hayley zwischen zwei Bissen.
»London«, posaunte ich heraus. Dads Mundwinkel sanken nach unten. Wie erwartet, aber diese harte Nuss werden wir schon knacken können, hoffte ich. Ich schaute zu Taylor; er sah nun wesentlich zufrieden aus.
»Wenn es nach London geht bin ich dabei«, er sah glücklich aus. Wahrscheinlich war er aber eher froh für einen Tag aus dieser Einöde, wie er es immer sagte, entfliehen zu können.
»Ich komm auch mit. London - mh - dass haben wir auch lang nicht gemacht, oder? Ist mal was anderes«, stimmte auch Hayley zu. Sie lud sich gerade eine weitere Portion Spaghetti auf den Teller.
»Will noch jemand was«, fragte sie beiläufig und schaute dabei ganz besonders Dad an. Ich ergriff die Chance nicht noch einmal aufstehen zu müssen und reichte ihr meinen Teller. Ich bekam ihn wenige Sekunden später, gefüllt, wieder.
»Ach komm schon Dad«, jammerte ich, als er nichts sagte. Er war der einzige der sich quer stellte.
»Da ist es so voll«, nuschelte er als Entschuldigung. Ich lies es nicht gelten.
»Dad, du bist bei so etwas nie mit dabei, warum kannst du nicht einmal nachgeben?«, fragte ich.
»Nur ein einziges Mal, bitte«, unterstützte mich Hayley. »Danach kannst du machen was du willst, aber komm wenigstens diesen einen Tag mal mit uns.«
Dad schaute sie an. Sein Gesicht war unverändert. »Ich kann auch so machen was ich will. Ich bin erwachsen, schon vergessen?« Er legte eine kurze Pause ein. »Wenn ich mitkomme, und nur dieses eine Mal, dann will ich etwas als Gegenleistung.«
Dads Gesicht sah zufrieden aus. Doch wir wussten alle, wenn er so etwas sagte, dann konnte nie etwas gutes für uns dabei herausspringen. Wir alle schauten ihn skeptisch an, doch wenn er weiter sprechen sollte, dann mussten wir etwas sagen.
»Alles was du willst«, meinte Hayley. Sie klang überzeugend. Fast so als würde sie es auch so meinen. Ich musste schmunzelt. Mal wieder. Dieser Zweierkampf, zwischen den beiden, war immer ziemlich unterhaltsam.
»Okay«, Dad wirkte nun noch zufriedener.
Ich war mir nicht so sicher, was würde diesmal dabei herauskommen? Beim letzten mal, als wir so etwas hatten, wurden wir dazu verdonnerte mit ihm, im Sommer, bei der größten Hitze die es nur geben konnte, den Dachboden auszumisten. Dort oben war es so stickig gewesen, dass man kaum Luft gekommen hatte. Dad lag in dieser Zeit draußen, im Garten, in der Hängematte und hat geschlafen. Wir, Taylor, Hayley und ich, hatten jedoch den ganzen Tag gebraucht um den Dachboden zu entrümpeln. Le tage darauf waren gezeichnet vom Regen. Es war der letzte richtig schöne Sommertag gewesen, den wir vollkommen versäumt hatten.
»Ich möchte das ihr mit mir mal wieder Tante Meg besucht.«

Okay, es konnte noch schlimmer kommen, als beim letzten Mal. Tante Meg, war Dads ältere verrückte Schwester. Sie hatte keinen Mann und auch keine Kinder. All das fand sie für überflüssig. Außerdem versuchte sie Dad immer einzureden, dass Mum ihn betrügen würde. Wie um Himmels Willen kam Dad darauf sie besuchen zu gehen?
»Wir haben sie schon lange nicht besucht, und ich hatte es mir vorgenommen, das bald nachzuholen. Wenn ihr mir da so eine gute Gelegenheit bietet, dann muss ich sie nutzen.«
Unsere Gesichter waren wie versteinert. Keiner von uns hatte wirklich Lust zu Tante Meg zu fahren. Sie war verrückt. Das allein reichte, um sie zu beschreiben.
»Von mir aus.« Hayley sagte dies als würde sie das nichts angehen. Ich sah sie verwirrt an. Wusste sie denn nicht mehr, wer Tante Meg war, oder warum antwortete sie gar nicht danach, wie ich sie kannte? Warum sagte sie zu? Wegen London, oder weil sie Dad eins auswischen wollte? Wenn ja, dann hat es nichts gebracht.
»Gut, ich komm mit. Wann fahren wir los«, sagte Dad munter. Er lachte; hatte sein Ziel erreicht. Schön für ihn. Mein Sommer würde gelaufen sein. Ich wollte nicht zu Tante Meg. Ich mochte sie nicht.
»Ich dachte eigentlich, dass wir in zwei Tagen fahren könnten. Da ist doch sowieso Freitag, da macht es nichts aus, wenn ich fehle«, meldete sich Mum wieder.
Taylor hatte sich, seit er das die Worte Tante Meg gehört hatte, nicht mehr gerührt. Ich stupste ihn an, damit er wieder zu sich kam, doch er bewegte sich nicht.
»Tay«, flüsterte ich, doch er regte sich nicht. »Taylor«, versuchte ich es weiter, doch noch immer wollte er keinen Muskel bewege.
»Ich will nicht zu Tante Meg, die ist doch durchgeknallt«, schoss es plötzlich aus seinem Mund. Dad schaute ihn böse an.
»So spricht man nicht von seiner Tante«, sagte er wütend. Es gab wenige Situationen in denen man Dad wütend sah.
»Ja, aber es stimmt doch. Sie hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.« Taylor sah überzeugt aus.
»Sie ist meine Schwester. So hast du nicht über sie zu reden, verstanden?«
»Nein.«
»Wie bitte?«, fragte Dad noch wütender als zuvor. Ich zog den Kopf ein. Warum musste dieses Gespräch auf einem so sehr kippen. Ich wollte doch nur mit meiner Familie nach London fahren. Jos war aufgewacht und drehte neugierig seinen Kopf zu uns herüber. Er gähnte einmal herzhaft und schaute mich dann fragend an.
»Ich sagte: Nein«, wiederholte sich Taylor.
»Hör bitte auf«, flüsterte ich ihm zu. Er schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Das möchte ich auch meinen«, sagte Dad auf meine Worte; er musste mich gehört haben.
»Ich möchte das du nach oben gehst und gründlich über deine Worte nachdenkst.«
Taylor stand auf und lief zur Tür. Ich schaute ihm traurig nach. Was sollte das alles? Das war doch kein Grund sich zu streiten. Es war doch nur Tante Meg. Ich möchte sie nicht, das gebe ich auch gern zu, aber einen Tag wird man überstehen können.
Taylor drehte sich an der Tür noch einmal um. »Nur zu deiner Information. Ich bin volljährig. Du hast mir also nichts mehr zu sagen, ja.«
»Dann brauchst du auch nicht mehr bei uns wohnen«, Dads Stimmer war schneidend scharf.
»Hör bitte auf Brayen«, flüsterte Mum und hielt Dad am Arm fest.
»Vielleicht tu ich das ja auch«, schrie Taylor nun. Ich hielt mir die Ohren zu. Ich wollte das nicht hören. Warum stritten sie sich nun so heftig. Dieser Grund war absolut belanglos.
Taylor ging davon. Wenige Augenblicke später konnte man hören, wie oben eine Tür mit voller Wucht zugeschlagen wurde.
»Und ihr geht jetzt am besten auch nach oben«, sagte Dad.
Wir standen wortlos auf. Jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Traurig ging ich aus der Küche.
»Komm Jos«, rief ich über die Schulter und hörte wie Jos aufsprang und mir folgte.
Hayley und ich sagten kein Wort. Wir gingen beide in unsere Zimmer. Der Ausflug nach London war wohl geplatzt, dachte ich mir. Und dabei hatte ich mir so gewünscht dort hingehen zu können.

Ich schloss leise die Tür und lies mich auf mein Bett fallen. Auf keinen Fall konnte ich jetzt schlafen. Nicht nach diesem Tag und dieser Aktion gerade eben. Mein Körper sträubte sich dagegen, da er vollkommen ausgelaugt war. Ich war erschöpft, dass musste ich zugeben, doch ich sah keinen Grund jetzt zu schlafen. Jos sprang auf mein großes Bett und lies sich darauf nieder. Eigentlich durfte er nicht auf mein Bett, von Mum aus, doch ich lies ihn jede Nacht dort schlafen.
Mein Blick viel auf meinen Nachttischschrank, der neben meinem Bett stand und auf dem das Buch lag, welches ich zur Zeit las. Ich streckte meinen Arm so weit aus wie es nur ging und bekam es zu fassen.
Ich las ein paar Seiten, doch ich konnte mich nicht wirklich darauf konzentrieren. Ich war viel zu aufgedreht. Ich legte das Buch wieder beiseite, wütend darauf, dass ich mich nicht konzentrieren konnte. Jos war wieder eingeschlafen. Er grunzte neben mir. Ich fuhr ihm durchs Fell.
Ich verspürte auf einmal den Drang mich zu bewegen. Langsam erhob ich mich aus meinem Bett und lief zum Fenster. Ich setzte mich in die kleine Ausbuchtung, die von drei großen Fenstern umgeben war. Sie war an allen Seiten mit Kissen gefüllt und eine Decke lag auf dem Holzgrund. Ich setzte mich oft hier her, wenn ich nachdenken musste.
Ich lehnte mich an eines der Fenster. Die Dunkelheit hatte sich schon vor Stunden in den Tag gefressen und das ganze Licht verschluckt. Draußen war es vollkommen dunkel, bis auf eine kleine Laterne, die die Straße spärlich beleuchtete. Gerade so, dass man einige Meter sehen konnte.
Ich zog meine Beine bis unters Kinn und blieb so sitzen. Meinen Kopf bettete ich auf meine Knie und starrte auf die kleine Laterne.
Mit einem mal merkte ich wie erdrückend die Hitze in meinem Zimmer war. Sie drückte auf meiner Brust und drohte mich zu ersticken. Ich öffnete das Fenster. Die angenehme Kälte umhüllte mein Gesicht vollständig, und ich konnte wieder einen klaren Gedanken fassen. Ich lies mich zurück in meine Kissen fallen und entspannte mich endlich. Ich konnte nachdenken. Über all die schlimmen Dinge die mir heute widerfahren waren. Ich konnte nachdenken, ohne Angst zu verspüren.

Warum konnte dieser Fuchs sprechen, war die erste Frage die in meinem, nun leren Kopf, umher schwirrte. Vielleicht war dieses Tier ein Versuchsprojekt gewesen, was irgendeine wissenschaftliche Institution veranstaltet hatte. Bestimmt konnte heutzutage so etwas gehen. Sie mussten dieses Tier irgendwie chemisch oder technisch bearbeitet haben, so dass es unsere Sprache sprechen kann. Nachdem der Versuch geglückt war, haben sie es dann in die Natur gelassen, damit es sich fortpflanzt und weitere sprechende Tiere zeugt. Das war die einzige logische Erklärung für dieses Phänomen, die ich mir liefern konnte.
Die zweite Frage, die ich mir stellte, war, wie war Jos eigentlich nach draußen gekommen? Wir hatten immer alle Fenster und Türen, in der Nacht, geschlossen. Es wäre unmöglich für ihn gewesen nach draußen zu gelangen, und dennoch ist es ihm gelungen. Irgendjemand musste die Tür aufgemacht haben, oder ihn nach draußen gebracht haben. Aber wer? Niemand war ins Haus gelangt.
Bei dem Gedanken, dass jemand bei uns eingebrochen sein könnte, bekam ich Gänsehaut auf Armen und Beinen. Ich verwarf diesen Gedanken und schaute wieder nach draußen. Die frische Luft, die in mein Zimmer drang, war angenehm kühl. Ich reckte mein Gesicht gegen das Fenster, so dass ich noch mehr Luft abbekam. Ich starrte in die Nacht. Oft tat ich das wenn ich hier saß. Ich liebte es die Sterne und den Mond zu beobachten. Aber heute erkannte man nichts von beidem, denn der Himmel war von dunklen Schneewolken verdeckt.
Ich lehnte mich zurück, und genoss den Anblick den ich auf die kleine Laterne hatte. Ein starker Luftzug wehte in mein Zimmer und lies die Gardinen wehen. Meine braunen Haare wurden mir ins Gesicht geweht. Ich strich sie zurück hinters Ohr, wo sie mich nicht stören konnten. Solch ein starker Windstoß war nichts Seltenes im Winter. Oft wehte es so stark. Nachdem sich der Luftzug gelegt hatte und genug frische Luft den Weg in mein Zimmer gefunden hatte schloss ich das Fenster.
Eigentlich war es Zeit endlich ins Bett zu gehen. Wir hatten es kurz vor Mitternacht. Ich musste lange dagesessen haben. Ich lauschte, ob sich noch jemand im Haus bewegte, doch es herrschte eine Totenstille.

Gerade als ich mich wieder ins Bett legen wollte, um endlich zu schlafen, kam ein riesiger Schatten über mein Fenster. Durch das kleine Licht, das die Laterne spendete, konnte ich den Schatten sehen. So schnell wie er kam war er auch schon wieder verschwunden. Ich ging sofort zum Fenster zurück um nachzuschauen. Aber da war nichts, also legte ich mich hin, wobei ich immer wieder einen Blick auf das Fenster legte. Was war das gerade eben gewesen? Die Laterne auf unserer Straße war zwar bemitleidenswert, aber mein Zimmer beleuchtete sie dennoch ein wenig, und gerade eben war nichts mehr von diesem Licht da gewesen. Das konnte ich mir nicht eingebildet haben.
Ich schloss die Augen, da mich auf einmal eine unglaubliche Müdigkeit überwältigte, die gerade eben noch nicht da gewesen war. Mit einem letzten Blick auf meine Umgebung sah ich wie etwas Riesiges an meinem Fenster vorbei flog. Dann fielen mir die Augen zu.

Als ich sie wieder öffnete schaute ich sofort auf meinen Wecker. Es war jetzt genau Mitternacht. Ich hatte nicht einmal fünf Minuten die Augen geschlossen. Auch merkte ich, dass die plötzliche Müdigkeit von eben wie weggeblasen war. Ich verspürte nichts mehr davon. Es kam mir eher so vor als müsste ich unbedingt etwas tun.
Aber was war das gewesen was ich, bevor ich die Augen schloss, gesehen hatte? Ich stand auf und ging wieder zum Fenster. Die Laterne auf unserer Straße war erloschen. Das war noch nie passiert. Sie hatte bis jetzt immer gebrannt. Selbst wenn Schneesturm war. Die Laterne hatte noch nie ihr Licht verloren.
Gerade als ich das Fenster wieder öffnen wollte, schwebte etwas unmittelbar vor mir vorbei. Ich konnte nicht definieren was es war. Nur das es riesig war. Das konnte der Schatten von eben gewesen sein!

Ich drückte mir die Nase platt an der Fensterscheibe um ihn noch einmal in meinem Blick einfangen zu können. Aber ich sah ihn nicht. Ich war neugierig. Was war das gewesen?
Ich ging wieder zu meinem Bett, nahm mir vorsichtig meine Bettdecke und das Kopfkissen, wobei ich Jos beiseite schieben musste, doch er schien nichts zu merken und schlief einfach weiter, und ich ging wieder zu meiner Ausbuchtung. Dort legte ich alles hin wie ich es auch zum Schlafen benötigte und legte mich in meine neues Bett für heute Nacht.
Ich drehte mich wieder dem Fenster zu. Als ich das tat flog der riesige Schatten wieder vorbei. Ich richtete mich auf, und schnappte mir die Taschenlampe die neben mir lag und leuchtete in die Nacht. Aber wieder sah ich nichts. Es war stockdunkel. Und wieder flog der Schatten an meinem Fenster vorbei. Was war das, und was sollte das ganze überhaupt bedeuten?
Der Schatten flog einen hohen Bogen vor meinem Fenster nach oben, ich konnte ihn nun sehen. Es war kein Schatten sondern ein riesiger Vogel, oder? Es hatte Flügel, aber es sah nicht wirklich aus wie ein Vogel. Es sah eher aus wie ein ... wie ein Greif. Ich kannte diese Tiere aus meinen Kinderbüchern die ich einmal gelesen hatte. Aber das konnte nicht sein. Es wäre verrückt gewesen.
Das Tier hatte wunderschönes Gefieder, welches dem eines Adlers glich. Kopf und Hals des Tieres war der eines Adlers. Weiße Federn, die in der Dunkelheit leuchteten, und wunderschöne bernsteinfarbene Augen, welche aus dem Gefieder hervorschauten. Der Schnabel war ebenfalls bernsteinfarben. Mächtige Flügel drangen aus den Schultern des Greifs. Sie waren so groß, wie das Tier selbst, und über und über mit weißen und grauen Federn versehen. Prachtvoll glitten sie ihm Wind der Nacht. Der restliche Körper des Greifs, war der eines Löwen. Er war majestätisch und hatte eine bräunliche Farbe. Es war nicht eine dieser verblassten Farben, die man bei den Löwen im Zoo sah, sondern eine die von selbst strahlte, eine an der man sich nicht satt sehen konnte.
Ich konnte den Blick kaum von diesem Tier wenden, weshalb ich mir einbildete es nur in meiner Fantasie zu sehen. Aber das stimmte nicht. Dieses wunderschöne Tier war wirklich nur ein paar Meter von mir entfernt.

Am liebsten wäre ich darauf zugelaufen, aber er schwebte. So majestätisch wie nur ein Greif es tun konnte. Immer hatte ich geglaubt das diese Tiere nur der Fantasie von armseligen Dichtern entsprungen sind. Hiermit wurde ich eines besseren Belehrt. Aber eigentlich dürften sie dennoch nicht existieren. Ich verstand nicht warum dieses Tier hier mitten in der Dunkelheit auftauchte und vor meinem Fenster herumflog. Hatte es etwa etwas mit meinem merkwürdigen Tag zu tun? Mit Jos' Verschwinden, mit dem sprechenden Fuchs? Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter.
Der Greif schlug einen Bogen und kam auf mich zugeflogen. Genau vor meinem Fenster machte er halt. Er blieb in der Luft stehen, nur seine mächtigen Flügel hielten ihn nun in der Luft. Seine bernsteinfarbenen Augen bohrten sich in meinen Kopf ein. Sie wirkten majestätisch, aber auf keinen Fall überheblich. Mit seinem Schnabel klopfte er vorsichtig an die Fensterscheibe. Ich schaute ihn beeindruckt an.

Passierte mir das alles gerade wirklich? Warum hatte ich nur solch ein Glück? Ich rieb mir die Augen um mich zu vergewissern das ich nicht träumte. Da klopfte er wieder an die Scheibe.
Ich öffnete also das Fenster, und der Greif hielt sich mit seinen Pfoten am Fenstersims fest. Sein Kopf war genau so groß wie mein ganzes Fenster, dennoch streckte er ihn hindurch. Vorsichtig wich ich zurück. Es konnte ja sein das er gleich zuhaken könnte. Mit seinen Schnabel könnte er mit Sicherheit einen erwachsenen Mann mit nur einem Schlag töten.
Er streckte seinen Kopf, und lies etwas auf mein Kopfkissen fallen. Ich sah nicht genau was es war, aber ich erkannte das Sabber daran klebte. Ein wenig angewidert hob ich es auf, und betrachtete es. Ich konnte zwar kaum etwas erkennen, aber ich sah dass es ein Schlüssel war. Und ein Zettel hing daran.
»Was ist das?«, fragte ich den Greif, der mich immer noch mit seinen Blicken löcherte. Ich hatte die ganze Zeit seinen Blick auf mir gespürt. Als Antwort jedoch stupste er mich herzlich am Arm an, und ging mit seinem Kopf wieder aus meinem Fenster. Er verstand mich anscheinend nicht.
Ich streckte meine Hand aus, was ich damit machen wollte wusste ich in diesem Moment auch nicht, aber der Greif legte seinen Kopf an meine Hand. Meine Hand lag nun oberhalb seines kräftigen Schnabels. Ich streichelte ihn kurz, dann wand er sich ab, und ich nahm meine Hand zurück. Seine kräftigen Flügel fingen nun an zu schlagen. Er hatte sich wahrscheinlich mit seinem ganzen Gewicht auf meinen Fenstersims gelehnt.
Der Greif lies den Sims los und schwebte einen Meter vor meinem Fenster. Er nickte mir noch einmal kurz zu, und verschwand dann wieder in der Dunkelheit der Nacht.

Als er verschwunden war, ging die Laterne auf unserer Straße wieder an. Ich verstand. Er hatte dafür gesorgt, dass uns niemand sehen konnte. Ich schloss das Fenster und versuchte diesen wunderschönen Moment in meine Gedanken einzubrennen. Dieses Erlebnis wollte ich nicht mehr vergessen. Ich nahm meine Taschenlampe und machte sie an. Dann nahm ich den Schlüssel und den Zettel. Zuerst betrachtete ich den Schlüssel genau. Er war alt und sah wunderschön aus, und ungefähr so groß wie meine Hand war er. Ich legte ihn behutsam beiseite und nahm mir nun den Zettel vor.
Er musste ebenfalls alt sein, denn das Papier war schon vergilbt. Ich faltete ihn auseinander und eine schöne geschwungene Handschrift war zu sehen. Solch eine schöne Handschrift hatte ich noch nie gesehen. Ich starrte sie an und las die drei Wörter, welche dort geschrieben standen: Geh zum Fuchs
Was sollte das denn nun schon wieder bedeuten? Sollte ich mich in Lebensgefahr bringen und diesem Monster begegnen? Das konnte ich auf keinen Fall tun. Ich werde nie wieder zu diesem Fuchs gehen, wenn ich nicht will, dass ich in den nächsten fünf Minuten tot bin.
Ich legte den Schlüssel und den Zettel neben mein Bett und schlüpfte hinein. Meine Decke zog ich mir bis unters Kinn. Ich hatte keine Ahnung ob ich jetzt noch einmal einschlafen konnte. Ich schloss meine Augen und versuchte krampfhaft einzuschlafen. Jetzt, nach all dem, war ich nicht im geringsten müde. Ich wartet auf eine weitere Müdigkeitswelle, wie ich sie eben gespürt hatte, aber sie kam nicht.

Kapitel 4: Ablenkung

Der Ausflug, den wir nach London machen wollten, wurde gestrichen. Dad hatte am nächsten Tag so schlechte Laune, dass man ihn nur im größten Notfall ansprechen hätte können. Taylor ging es genau so. Den ganzen Tag über hatte er eine schlechte Miene aufgesetzt, die jeden verzweifelt lies. Nicht einmal ich konnte mit ihm reden, obwohl ich mich so gut wie immer mit ihm verstand. Er wand sich sofort ab, wenn irgendjemand in seiner Nähe war.

Als wir am Morgen am Tisch saßen, sagte keiner ein Wort. Keiner traute sich etwas zu sagen und damit einen neuen Streit herauf beschwören. Trauer breitete sich in mir aus. Ich hatte mir so sehr gewünscht diesen Ausflug zu machen. Ich wollte London sehen und neue Ideen für neue Geschichten gewinnen, doch das war mir nun verwehrt.

Aber ich fühlte mich auch schuldig, für das war gestern Abend passiert war. Ich hatte vorgeschlagen, dass wir nach London gehen. Ganz genau hatte ich gewusste das Dad nicht mitkommen würde, doch ich habe es in die hinterste Ecke meines Kopfes gedrängt und wollte es einfach nicht wahrnehmen. Ich habe dafür gesorgt, dass dieser Streit entstand.

Ich tat alles, was mit Mum, am Morgen, aufgetragen hatte. Ich tat alles um mit mir ins Reine zu kommen, doch es half nicht. Die ganze Arbeit lenkte mich nicht so davon ab, wie ich es erwartet hatte. Ich hatte den Kopf frei und musste notgedrungen nachdenken. Über all das, was gestern geschehen war.

Fragen schwirrten mir im Kopf umher. Warum war mir dieser Greif begegnet? Und warum aufgerechnete an dem Tag, an dem ich einen sprechender Fuchs traf? Das musste doch etwas zu bedeuten haben. Aber die eigentliche Frage war: Warum wurde von mir verlangt noch einmal diesem Fuchs zu begegnen? Er würde mich umbringen, wenn ich ihn noch einmal sehe. Es war ein blutrünstiges Tier, welches nach meinem Blut dürstete. Dieses Tier war nicht normal.

Auf keinen Fall wollte ich diesem Tier wieder begegnen. Ich würde es nicht tun. Nie und nimmer. So schnell wie nur irgendwie möglich wollte ich diesen Tag, der mir Freude und Schmerz zugleich gebracht hatte, vergessen. Es war ein Erlebnis gewesen, dass man seinem schlimmsten Feind nicht wünscht.

Ich würde einfach nicht auf diesen Brief reagieren, auch wenn der Greif noch so anmutig gewesen war, und seinen ganzen Scham versprüht hatte. Ich werde es nicht tun.

»Maddie«, ermahnte mich Hayley, »wo bist du denn mit deinen Gedanken? Nun pass doch auf!« Ihr Gesichtsausdruck zeigte das sie verärgert war.

Gerade eben hatte ich ein Glas fallen gelassen, und nun verteilten sich die Glassplitter auf dem Fußboden. Unbeholfen versuchte ich die Splitter einzusammeln, doch ich schnitt mich daran. Blut floss mir über die Hand und tropfte auf den Boden.

»Maddie«, schimpfte Hayley nun lauter.

Ich hielt die andere Hand unter meine Wunde und ging damit über das Waschbecken um es auszuspülen. Wasser vermischte sich mit dem Blut und verdünnte es großzügig. Es fand in einem Rinnsal den Weg in den Abfluss des Beckens.

Ich schaute ihm verträumt hinter her, während das Wasser weiter auf den Schnitt floss.

»Weißt du, dass du heute total unkonzentriert bist? Du machst echt nur das, was du nicht machen sollst. Ich weiß das du sauer bist, dass wir nicht nach London können, aber es lässt sich nun mal nichts daran ändern.« Hayley war gerade dabei, die Scherben mit dem Besen zu beseitigen. Sie kehrte alles zusammen und schmiss es dann in den Müll.

Nachdem kein Blut mehr aus dem feinen Schnitt an meiner Hand quoll, machte ich den Wasserhahn zu und klebte ein Pflaster darauf. Eigentlich hätte ich es nicht gebraucht, aber ich liebte Pflaster.

Hayley wischte das Blut, was auf den Boden getropft war, auf und schaute mich dann an. Sie hatte den Kopf in die Seite gelegt. Das tat sie nur, wenn sie ganz genau wusste, dass etwas nicht stimmte.

»Was ist los?«, fragte sie prompt.

»Nichts«, versicherte ich ihr. »Mir geht es gut.«

Ich hielt mir die Hand und rieb über das Pflaster. »Ich glaube, ich geh mal frische Luft schnappen«, erwiderte ich auf ihren fragenden Blick und verschwand aus der Küche. Von drinnen hörte ich ein seufzten, doch ich drehte mich nicht noch einmal um.

Ich konnte normalerweise über alles mit Hayley reden, doch das hier war etwas anderes. Etwas ganz anderes, dass mir keiner Mensch der Welt glauben würde.

Ich ging nach oben in mein Zimmer, wo ich Jos auf meinem Bett vorfand.

»Na los, Kleiner. Wir besuchen mal wieder Mrs Lennon.«

Sofort sprang Jos auf und kam auf mich zugerannt. Ich schnappte mir die Hundeleine und ging nach unten. Jos folgte mir.

Mrs Lennon war eine etwas in die Jahre gekommene Frau. Sie betrieb einen Süßwarenladen, den ich gern aufsuchte. Bei ihr gab es immer die besten Süßigkeiten der ganzen Umgebung. Einen besseren Süßwarenladen konnte man sich nicht vorstellen.

Ich zog mich an und ging nach draußen. Dort band ich Jos an die Leine und lief mit ihm die Straße entlang, nach ein paar hundert Metern bogen wir nach rechts in eine kleine Seitenstraße ein und steuerten gerade aus auf den Marktplatz zu.

Da wir in einem kleinen Dorf lebten lag hier alles unmittelbar nebeneinander. Ich schlenderte die kleinen Gässchen entlang, die zu Mrs Lennon's Laden führten. Ich mochte es hier entlang zu gehen. Gern betrachtete ich die Schaufenster, der kleinen Läden die die Straße zu beiden Seiten säumten.

Ich bog nach linkt um die Ecke und dann noch einmal und stand direkt vor Mrs Lennon's Laden. Er lag etwas versteckt, aber wenn man ihn kannte war es gar nicht mehr so schwer ihn zu finden. Der Laden ist ein echter Geheimtipp für Touristen, wenn sich denn einmal jemand hierher verirrt.

Was Mrs Lennon's Laden noch so besonders machte, war, dass ich Jos mit ihnen nehmen durfte. Die anderen Ladenbesitzer waren immer verärgert, wenn ich das tat. Sie fanden alle, dass Jos ihren Laden dreckig machen würde. Aber Mrs Lennon liebte Jos und deswegen durfte er auch mit hinein.

Ich öffnete die Ladentür und das vertraute Klingeln der Glocke über der Tür hallte mir entgegen, als ich eintrat. Sofort kam eine kleine, etwas dickere Dame hinter der Ladentheke hervor und auf mich zugeschossen. Sie hatte mich sofort erkannt. Herzlich schloss mich Mrs Lennon in die Arme. Sie hatte, trotz der Kälte draußen, einen langen Rock an, ebenso wie eine helle Bluse, mit etwas Spitze am Kragen. Ihr Haar war streng zu einem Dutt nach hinten gebunden.

Hier im Laden war es angenehm war. Eine Lampe, die an der Decke befestigt war, erhellte den Raum so, dass er gemütlich wirkte. Fast alles hier war aus Holz. Es sah bezaubernd aus.

Ich löste mich langsam aus ihrer Umarmung und schaute sie an.

»Wie geht es Ihnen? Ich war ja so lang nicht mehr da. Das tut mir wirklich leid.«

»Ach was, Maddie. Das ist nicht schlimm. Ich will dich doch nicht von deiner Freizeit lösen. Mir geht es gut. Ich bin ja so froh, dass du wieder da bist. Und Jos. Na mein Kleiner?«, sie beugte sich zu Jos hinunter und streichelte ihn ausgiebig. Jos freute sich und legte sich auf den Boden, um auch am Bauch gekrault zu werden.

»Aber wie geht es dir? Was hast du so gemacht in letzter Zeit?«, sie schaute fragend von Jos auf, der immer noch am Boden lag und ihre Streicheleinheit genoss.

»Mir geht es den Umständen entsprechende gut«, erwiderte ich. Das war die Wahrheit. Aber auch ihr würde ich nichts weiter sagen.

»Wir haben in den letzten zwei Tagen nach Jos gesucht. Er war verschwunden. Zum Glück haben wir ihn wieder. Er scheint sich von dem Schock erholt zu haben.« Wir schauten beide auf Jos hinunter. Seine Zunge hing ihm raus.

»Ja, ich habe davon gelesen. In der Zeitung. Dein Vater hat eine Anzeige hinein gestellt. Ich wollte schon anrufen, da ist mir aufgefallen, dass ich eure Nummer gar nicht habe.«

»Ich kann sie Ihnen geben, wenn sie möchten.«

»Das wäre nett. Warte -« Sie löste sich von Jos und lief zur Theke. Jos schaute ganz verwundert auf und erhob sich dann. Ich löste die Leine von ihm, damit er sich frei bewegen konnte. Er legte sich in das Körbchen,welches neben der Tür stand und das Mrs Lennon extra für ihn gekauft hatte, damit er sich irgendwo hinlegen konnte.

Ich ging zu Mrs Lennon, die mitlerweile einen Zettel hervor gekramt hatte, und nahm den Stift den sie mir hinhielt. Ich schrieb in großen Buchstaben, damit sie es auch ohne Brille lesen konnte. Nachdem ich unsere Nummer auf den Zettel gekritzelt hatte gab ich ihr alles wieder zurück und sie bedankte sich.

»Weißt du, ich hab was für dich. Du warst so lange nicht da, und ich hab dir schon ewig nichts mitgegeben. Was möchtest du haben, meine Liebe?« Immer wenn ich zu ihr kam, gab sie mir einen kleinen Beutel voller Süßigkeiten mit. Ich konnte sie einfach nicht davon abbringen. Sie hielt daran fest, wie an einem Tau, kurz vor dem Absturz.

»Wenn es möglich wäre, würde ich gern die Saftgummibären, die, die sie beim letzten Mal hatten, und Marzipanschokolade nehmen. Die schmecken so lecker.«

»Was fragst du da noch? Natürlich geht das. Ich muss sie nur schnell holen.«

Sie verschwand hinter der Theke, hinter der eine Tür lag die zu ihrem Lagerraum, und die Treppe hinauf, in ihre Wohnung, führte. Wenige Momente später stand sie vor mir, mit einem Pappkarton in der Hand.

»Warten sie, ich nehme ihnen das ab«, sagte ich und nahm ihr den Karton aus der Hand.

Sie verzog erleichtert ihr Gesicht, welches sie entspannte.

»Sie sollten wirklich nicht so schwere Sachen tragen«, ermahnte ich sie.

Ihr Kopf bewegte sich zu einem Nicken.

»Was soll ich den sonst machen? Ich kann dich doch nicht an den Laden binden, wo du doch noch so viel machen kannst. Ich hab mein ganzes Leben geschuftet und ich weiß wie das ist. Scheußlich, sag ich dir! Ich will dir das ersparen, Kind.«

»Aber sie können mich doch rufen, wenn sie mich brauchen. Ich komme gern.«

Sie schüttelte den Kopf und beugte sich über den Karton, den ich inzwischen auf die Theke gehievt hatte.

»Ach was. Ich weiß doch das du das gern machst, das freut mich auch, aber ich möchte dich hier einfach nicht festketten. Du sollst leben. Nicht arbeiten. Aber nun genug damit. Ich musst dir doch noch was geben.«

Sie kramte in dem Karton umher und fand schließlich nach was sie gesucht hatte. Sie holte eine Tüte Saftgummibären hervor und legte sie neben den Karton.

»Könntest du den Karton bitte wieder hinter tragen, Liebes?«, bat sie mich. Ich nahm den Karton wieder von der Theke und lief damit durch die Tür.

Der Lagerraum was sehr klein und die Kartons häuften sich bis unter die Decke. Eine Leiter stand in einer freien Ecke. Sie diente wahrscheinlich dazu, dass Mrs Lennon an jeden Karton herankam. Sie war sehr klein und deshalb hatte sie Schwierigkeiten alles zu erreichen. Ich stellte den Karton auf einen Stapel weiterer Kartons und verlies den Raum.

Mrs Lennon suchte in einem ihrer vielen kleinen Holzschränke, die sich an allen Seiten des Ladens erstreckten. An jeder Wand standen Schränke mit unzähligen kleinen Schubfächern, in denen die alte Dame ihre Süßigkeiten gelagert hatte. Kleine silberne Schilder beschrifteten jeweils den Inhalt des Schubfaches.

Ich fand es hier wie in einem Märchen. Ein kleiner Laden, vollkommen aus Holz, Schubfächer, in denen Süßigkeiten lagerten, besser konnte es doch gar nicht kommen.

»Ah, hier haben wir es doch!«, rief Mrs Lennon aus, als die das Gesuchte gefunden hatte. Sie hielt triumphierend zwei Tafeln Marzipanschokolade in die Höhe. Vorsichtig stieg die von der wackeligen Leiter herunter, auf der sie stand. Sie stellte die Leiter beiseite und legte die Tafeln auf den Tisch.

»Warte, ich packt es dir noch ein.«

»Das brauchen sie doch nicht. Ich kann es auch einfach in meine Tasche tun«, widersprach ich.

»Nein, nein. Ich bestehe darauf. Ach, ich bin doch so glücklich, dass du wieder da bist, meine Liebe, so froh.« Sie musste lachen, als sie diese Worte sagte.

Sie nahm, aus einem Schubfach hinter der Theke, einen Beutel. Er war mit selbstgemachten Papierschneeflocken beklebt. Sie machte diese Beutel selbst. Ich beneidete Mrs Lennon immer dafür, wie viel Geduld sie mit solchen Sachen hatte.

Behutsam legte sie die beiden verschiedenen Süßigkeiten in den Beutel.

»Warte«, rief sie aus. Ich zuckte erschrocken zusammen. Solch einen Aufschrei hatte ich noch nie von ihr gehört.

»Ich musst dir doch auch noch etwas für deine Geschwister einpacken«, sagte sie.

Also das war nun wirklich nicht nötig. Ich würde liebend gern auch mal etwas allein essen. Taylor und Hayley aßen für ihr Leben gern Süßes. So etwas hielt bei uns nie lang. Ich war immer froh, wenn ich überhaupt noch etwas abbekam.

Mrs Lennon wehte in ihrem langen Rock durch den Laden und griff hier und da in einen der Schubkästen, um etwas heraus zu höhlen. Ich lies sie machen.

Nachdem sie noch ein paar mal hin und her gehuscht ist, hatte sie alles beisammen und legte es ebenfalls in den Beutel, den sie mir dann mit einem Grinsen im Gesicht überreichte.

»Das war wirklich nicht nötig, aber danke.«

»Das mach ich doch gern für dich. So, jetzt bin ich aber gespannt. Wie ist das den mit Jos passiert? Es interessiert mich brennend.«

Ich hatte anscheinend ihre Neugierde geweckt.

»Um ganz ehrlich zu sein, weiß ich das selbst nicht einmal. Ich habe Ihnen doch einmal erzählt, dass Jos jeden Morgen vor meinem Bett wacht, bis ich wach bin! Aber vor zwei Tagen war das nicht der Fall. Jos war nicht da, und das ist bis jetzt noch nie vorgekommen. Wir haben also im ganzen Haus nach ihm gesucht, aber da war er einfach nicht. Nah dem Frühstück sind wir nach draußen gegangen und haben ihn dort gesucht. Den ganzen langen Tag. Aber keine Spur von Jos.«

Ich schaute hinüber zu ihm. Er lag schlummernd in seinem Körbchen. Es sah so friedlich aus, wie er dort lag.

»Ich hab mir riesige Sorgen um ihn gemacht; konnte kaum schlafen. Am nächsten Tag haben wir weiter gesucht. Ich bin in den Wald gegangen, um dort nach ihm zu suchen.«

Den Teil mit dem Fuchs lies ich aus. Es ärgerte mich schon, dass ich nur an dieses Monster dachte, also redete ich schnell weiter.

»Als ich nach hause kam, was er dann endlich da. Eine Frau hatte ihn, am Tag zuvor, im Wald gefunden und ihn mitgenommen, da er ganz allein war. Sie hatte die Anzeige in der Zeitung gesehen und ihn zu uns zurück gebracht. Ich weiß gar nicht wie sehr ich ich danken kann.«

Mrs Lennon nickte. Sie hatte ein lächeln aufgesetzt und strich mir über die Finger. Sie hatte sehr dünne Haut, welche von vielen blauen Adern durchzogen war. Sie schämte sich nicht für ihre Hände, wie es viele in ihrem Alter taten. Das mochte ich so an ihr. Sie schämte sich für fast nichts. Sie akzeptierte sich selbst so, wie sie war.

»Es freut mich unheimlich, dass du ihn wieder hast«, sagte sie.

»Mich auch«, erwiderte ich und schaute noch einmal zu Jos.

»Aber nun rede ich nicht mehr über mich; wie geht es ihren Kindern? Sie haben schon lang nichts mehr darüber erzählt.«

Sie freute sich wenn ich danach fragte.

Ihre Kinder waren Mrs Lennon´s ganzer Stolz. Doch sie waren schone erwachsen und hatten das Dorf verlassen. Deshalb sah Mrs Lennon sie nur noch selten.

Ihr Sohn war nach London gegangen, wo er nun selbst Frau und Kinder hatte. Er hatte eine gute Arbeit bekommen können und kam nur selten um seine Mutter zu besuchen. Meistens kam er mit seiner Familie in den Ferien, da er da genügend Zeit hatte.

Mrs Lennon´s Tochter hingegen studierte in Oxford. Ich wusste nicht was sie studierte, das hatte Mrs Lennon mir nie gesagt und so neugierig, dass ich danach fragen musste, wollte ich auch nicht sein. Ich fand es in Ordnung wenn sie mir nicht alles über ihre Kinder erzählte, denn ich berichtete ihr auch nicht alles haarklein aus meinen Leben.

Aber seit ich denken kann ist Mrs Lennon allein. Ihr Mann muss gestorben sein, vor Jahren schon, denn ich hatte ihn nie kennengelernt. Doch viel mehr wusste ich auch nicht, nur das er wohl an Krebs verstorben sein musste. Mrs Lennon redete nicht gern über vergangenes, aber ich glaubte eher, dass sie den Schmerz, den der Verlust ihres Mannes, in ihr Herz geschlagen hatte, unerträglich fand.

»Ach gut. Wie immer eben. Viel zu viel Arbeit und die arme Mutter bleibt auf der Strecke.“

Sie versuchte zu lachen, aber es gelang ihr nicht ganz. Sie wirkte gequält. Ich versuchte sie aufzumuntern.

„Ach, kommen sie. Sie wissen es doch selbst besser. Ihre Kinder freuen sich wenn sie zu Besuch sein können, aber sie müssen auch für ihr eigenes Leben sorgen können.« Ich versuchte beruhigend zu klingen. Ich legte die Hand auf ihre. Sie umschloss meine großmütterlich und schüttelte sie.

»Ich weiß ja, dass du Recht hast«, sie seufzte, »aber ich fühle mich manchmal von ihnen vernachlässigt.« Sie sah niedergeschlagen aus.

»Aber sie wissen doch, dass sie immer anrufen wenn ihnen dazu Zeit bleibt. Sie lieben sie.« Das schien sie ein wenig aufzumuntern. Sie lächelte matt.

»Ich hab ja noch dich!«, sagte sie und lies meine Hand los.

»Übrigens ich habe, kurz bevor du zu mir gekommen bist, einen Brief für dich bekommen. Ich weiß nicht warum der zu mir gekommen ist, aber es steht dein Name drauf.«

Sie ging durch die Tür hinter der Ladentheke, der in den Lagerraum führte und kam sogleich mit einem vergilbten Umschlag wieder heraus.

Ich wusste nicht warum, aber ich hatte sofort ein ungutes Gefühl, als ich den Brief sah. Mrs Lennon übergab mir den Brief und ich betrachtete ihn ausführlich. Es stimme, er war an mich gerichtet. Madeline Jhons stand da geschrieben. Ich drehte den Brief um, aber da stand kein Absender. Merkwürdig. Der stand doch immer drauf. Ich riss den Brief auf und zog einen ebenfalls vergilbten Zettel hervor. Ich faltete ihn auseinander und schaute erschrocken auf drei, in wunderschöner Handschrift geschriebener, Wörter.

Geh zum Fuchs.

Was sollte das? Ich werde da nicht hin gehen. Nie wieder. Und warum bekam ich diesen Brief? Wer hatte ihn geschickt? Nur Hayley wusste, das ich nun mit Jos nach draußen gegangen war, aber sie wusste auch nicht das ich zu Mrs Lennon ging.

Genau in diesem Moment kam ein Kunde in den Laden und Mrs Lennon war beschäftigt. Es war der dicke Dorfpfarrer. Kein Wunder das der hier immer einkaufen ging, so wie er aussieht. Er begrüßte mich freundlich und wand sich dann wieder Mrs Lennon zu.

Während die beiden beschäftigt waren, stopfte ich den Brief schnell in meine Tasche.

Nach ein paar Minute, nachdem der Pfarrer alles bekommen hatte was er wollte, und den Laden verlassen hatte, wand sich Mrs Lennon wieder mir zu.

»Und, was steht drin?«, fragte sie.

»Ist nur ein Brief meiner Brieffreundin«, log ich sie an. Ich wollte sie nicht anlügen, aber in dieser Sache ging es nun mal nicht anders.

Sie nickte vorbehalten. Bestimmt hätte sie gern mehr darüber erfahren, aber ich lies es nicht zu. Ich wand mich wieder Jos zu. Er lag auf seiner Decke und war eingeschlafen. Typisch. Wenn er mal ein ruhiges Plätzchen gefunden hatte, dann schlief er auch noch.

Ich ging auf den Hocker neben der Theke zu und setzte mich darauf. Mrs Lennon saß auf ihrem hohen Hocker hinter der Theke. Wir redeten noch ein bisschen miteinander. Der Brief wurde mit keiner Silbe mehr erwähnt. Ich war froh darüber, denn ich hätte nicht gewusst, was ich noch dazu sagen sollte.

Nach einer Stunde verlies ich mit Jos den kleinen einladenden Laden. Ich versprach Mrs Lennon bald wieder zu kommen. Sie umarmte mich noch einmal zum Abschied und ich ging in den späten Nachmittag nach draußen. Jos hatte ich wieder an die Leine genommen und zusammen liefen wir wieder nachhause.

Als wir dort angekommen waren wurde dir Tür schon aufgerissen, als ich noch nicht einmal einen Fuß auf unser Grundstück gesetzt hatte. Hayley empfing mich. Ihre schönen dunkelblonden Haare wehten im kalten Wind.

»Na komm schon rein! Ich haben was für dich.« Bei diesen Worten grinste sie mich an. Ich musste unwillkürlich auch lachen. Als wir ins Haus gingen kam uns eine angenehme Wärme entgegen. Ich zog meine Wintersachen aus und ging, nachdem ich Jos von seiner Leine befreit hatte, ins Wohnzimmer. Dort lagen auf dem Tisch mindestens drei vergilbte Briefe.

Meine gute Laune war mit einem Schlag wie weggeblasen.

 

Kapitel 5: Entscheidung mit Folgen

Bewegungslos starrte ich auf die Briefe. Angst schoss durch meine Glieder wie Pfeile durch die Luft. Der Atem stockte mir. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Woher kamen diese Briefe?

Der Greif konnte es nicht gewesen sein; am Tag hätte er es nicht gewagt sich der Öffentlichkeit zu zeigen. Er wäre aufgefallen. Und bei Nacht konnte er es nicht gewesen sein, denn erstens hätte ich die Briefe dann schon gesehen, und zweitens hatte ich da meine Entscheidung, dass ich nicht noch einmal zu diesem Fuchs gehen würde, getroffen.

Aber wer konnte mir diese Briefe sonst zugeschickt haben? Der Brief, den mir Mrs Lennon gegeben hatte, enthielt lediglich einen einfachen Zettel. Es stand kein Absender darauf. Ich konnte nicht sagen wer mir das geschrieben hatte. Aber es musste die selbe Person gewesen sein. Es war die selbe, schön geschwungene Handschrift, gewesen, wie die des ersten Briefes.

Doch woher hatte die Person, die mir diese Briefe zukommen lässt, gewusst das ich heute zu Mrs Lennon gehe? Es war eine spontane Idee gewesen zu ihr zu gehen. Die Einzige die davon gewusst hatte war Hayley. Und Hayley stand nun neben mir und fragte mich woher ich diese Briefe bekommen hatte. Sie konnte es nicht gewesen sein. Allein ihr Gesicht zeigte die Ratlosigkeit die in ihr herrschte.

Wenn es Hayley nicht war, wer war es dann?

Ich ging auf die Briefe zu und nahm sie in die Hand.Sie waren genau so wie dir, den ich gerade von Mrs Lennon bekommen hatte. Ich widerstand dem Drang die Briefe zu öffnen. Auf der einen Seite war ich neugierig, was darin stand; vielleicht war es etwas neues, vielleicht stand da ja, dass das nur ein Scherz war und das sich das jemand blödes ausgedacht hat, um mich zu ärgern. Auf der anderes Seite wollte ich nicht wissen was in diesen Briefen stand. Zu groß war die Angst, dass abermals die Aufforderung darin stand, dass ich zu diesem Monster aus Fleisch und Blut gehen sollte.

»Na los, mach schon auf. Vielleicht finden wir im Umschlag einen Hinweis, wer das geschrieben haben könne«, meinte Hayley. Sie wirkte aufgeregt, als hätte sie ein Geheimnis, zum greifen nahe, und wäre kurz davor es zu entdecken.

»Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Ich möchte nicht wissen, was da drin steht. Ich hab gerade eben schon so einen bekommen, und ich will nicht noch einen lesen.«

»Sind wohl Liebesbriefe, was?« Hayley klang auf einmal ganz erfreut. Ihre Augen funkelten. Nun war sie wirklich neugierig, und wenn sie das war, konnte man sie nur schwer wieder loswerden.

»Das sind keine Liebesbriefe«, protestierte ich. Wie konnte sie so etwas nur denken? »Von wem sollte ich die den bekommen?«

»Ich weiß nicht? Von Jesper Davenport, vielleicht?«

Hayley grinste.

»Der schaut dich nämlich immer so an, weißt du? Ist schon ein bisschen merkwürdig.« Sie fühlte sich eindeutig überlegen, und ich muss zugeben, das war sie auch.

»Er ist unser Nachbar«, sagte ich aufgebracht. »Kein Wunder wenn er mich anschaut. Er wohnt nebenan. Schon vergessen? Außerdem hat er eine Freundin!«

»Woher weißt du das denn so genau?«

Ich schaute sie ärgerlich an. Ich hatte ganz andere Sorgen, als Jesper Davenport. Viel andere. Wichtigere.

»Er hat es mir förmlich auf die Nase gebunden, als ich bei ihm vorbei gelaufen bin. Reicht das als Begründung?«

»Fürs erste«, versicherte mit Hayley und setzte ein noch breiteres Grinsen auf, als das was sie schon im Gesicht hatte. Ich verschwand mit den Briefen aus dem Wohnzimmer und ging in mein Zimmer. Jos wartete dort schon auf mich. Er schaute aber nur kurz hoch, als ich das Zimmer betrat, und legte sich dann weiter schlafen. Wahrscheinlich hatte er noch nicht genug davon bei Mrs Lennon bekommen. Ich lies ihn in Ruhe.

Ich schmiss meine Tasche in eine Ecke des Zimmers und hörte wie der Beutel Süßigkeiten knirschte. Gemächlich lief ich zu meiner Tasche und nahm ihn heraus. Die Schokoladentafel war zerbrochen, doch der Rest war ganz geblieben. Ich legte die Süßigkeiten auf meinen Nachttischschrank; die Tafel Schokolade jedoch nicht. Ich brauchte nun etwas zur Aufmunterung. Ich war verzweifelt und brauchte einen kleinen Lichtpunkt.

Es hieß, dass Schokolade glücklich macht. Ich kann das bezeugen. Es stimmt. Schokolade macht glücklich. Nachdem ich die ganze Tafel gegessen hatte, und ich könnte mich ärgern das ich das getan habe, denn nun hatte ich nichts mehr für später, fühlte ich mich gut. Als wäre ich in eine weiche Wolke gehüllt und alle Sorgen zogen von mir, wie zwei Magnete voneinander abstoben, wenn man sie mit der falschen Seite aneinander hielt.

Nachdem ich noch eine Weile auf meinem Bett lag und vor mich hin döste, hörte ich wie Mum durch die Haustür schritt. Ich schreckte hoch und sah auf meine Uhr. Ich hatte ganze drei Stunden so dagelegen und an die Decke gestarrt.

Mum unterhielt sich mit Hayley. Ich hätte verstehen können was die beiden miteinander sprachen, doch ich hatte nicht das Bedürfnis danach. Ich verschloss meine Ohren für dieses Gespräch und besann mich auf das, was ich tun musste.

Ich musste etwas über den Absender dieser Briefe heraus finden. Ich musste wissen wer diese Briefe geschrieben hatte, und warum es so wichtig war, dass ich diesen Fuchs noch einmal aufsuchte.

Mittlerweile hatte ich schon fünf solcher Briefe bekommen. Diese Person hielt es also für besonders wichtig, dass ich da noch einmal hin gehe. Doch wer war diese Person, und was hatte sie für ein Anliegen? Ich konnte mir beim besten Willen keine Erklärung dafür liefern. Niemand den ich kannte, würde so etwas tun. Keiner kam auf diese Idee, außerdem konnten sie gar nicht auf diese Idee kommen, denn keiner wusste das ich von einem Fuchs verfolgt wurde. Ich hatte es niemandem gesagt. Es musste also jemand von Außerhalb sein. Niemand, zu dem ich einen Draht hatte.

Ich verschränkte die Arme hinter meinem Kopf und lies meine Gedanken treiben.

Vielleicht gab es ja etwas über das Internet zu erfahren. Vielleicht gab es schon einmal so ein Ereignis, dass ein Fuchs sprechen konnte. Das er jemanden verfolgt hatte.

Ich sprang auf und lief zu meinem Laptop. Er lag unter Bergen von Papier vergraben auf dem Schreibtisch. Ich nahm ihn weg, und ging wieder auf mein Bett, wo ich ihn anschaltete.

Nachdem ich den Begriff sprechender Fuchs in das dafür vorgesehene Feld eingegeben hatte spuckte das Internet innerhalb von einer halben Sekunde etwa dreimillionen-einhundertvierzigtausend Ergebnisse aus, doch nichts hatte mit einem wirklich sprechenden Fuchs zu tun. Es ging auf fast jeder Seite nur um Computerspiele oder Filme. Der Rest war Zeichentrick. Ich löschte den Begriff wieder und versuchte es noch einmal mit einem anderen.

Ich probierte Monsterfuchs aus. Ebenso wie monströser Fuchs und unheimliche Füchse, doch nichts half mir weiter. Das Internet hatte noch nichts vergleichbares gesehen, so schien es mir. Vielleicht war ich doch die einzige, der so etwas bisher passiert ist? Vielleicht bin ich die einzige auf der Welt, die einem blutrünstigen Fuchs begegnet ist, der sprechen konnte.

Ich legte den Laptop neben mich auf mein Bett. Da schweifte mein Blick über meine Fensterbank. Ich kramte meine Sachen zusammen und setzte mich dorthin. Hier konnte ich immer besser nachdenken.

Schnee fiel vom Himmel. Jede einzelne Flocke war so groß, dass man durch das Fenster greifen und sie auffangen hätte wollen. Ich lehnte meinen Kopf ans Fenster.

Konnte mir denn niemand ein Zeichen geben, was ich tun sollte? Ich wusste nicht, was ich dieser Geschichte tun sollte. Diese Widersprüche, die sich gegenüber standen, waren zu groß. Ich wartete und wartete auf das Zeichen, welches ich mir erwünscht hatte, doch es tauchte nicht auf.

In dieser Nacht schlief ich unruhig. Ich träumte vom Fuchs, der meine Kehle zerfleischen wollte. Er jagte mich durch den dunklen Wald. Kein Licht schien durch die Blätter der Bäume. Nur meine kleine Taschenlampe erhellte den weg vor mir. Ich sah kaum wo ich hinrannte. Hinter mir wurde das Keuchen des Fuchses immer Lauter. Nach ein paar Metern stolperte ich über eine gigantische Wurzel und fiel zu Boden. Ich hörte wie der Fuchs zum Sprung ansetzte und auf mich stürzte. Noch bevor er seine Messerscharfen Zähne in meinen Hals rammen konnte, wachte ich schreien auf.

Alles um mich herum war still. Ich konnte nur meinen Atem hören, welcher meinen Brustkorb schnell auf und ab woben lies. Auf dem Flur waren Schritte zu hören, und dann flog meine Tür auf.

Aus Angst der Fuchs würde in mein Zimmer stürmen, zog ich meine Decke fest über meinen Kopf.

»Maddie? Maddie, geht es dir gut?«, kreischte die Stimme von Taylor. Er musste mich gehört haben als ich schlief; sein Zimmer lag direkt neben dem meinem.

Froh, dass es nicht der Fuchs war, sondern nur mein Bruder, zog ich die Decke zurück und schaute ihn an.

»Mir geht es gut. Hab nur schlecht geträumt«, sagte ich ruhig. Ich wollte ihn nicht hören lassen, das ich Angst hatte. Doch mein Atem ging immer noch verdächtig schnell.

»Das möchte ich auch hoffen. Ich dachte bei dir ist jemand eingebrochen und will dir was antun.« Taylor sah wirklich besorgt aus. In seinen Augen konnte ich noch die Furcht ablesen, die nach und nach verschwand.

»Schön das du solche Sachen denkst, wenn ich schreie«, erwiderte ich ironisch.

»Schlaf einfach weiter«, er fasste sich verschlafen an den Kopf und verwuschelte seine Haare, »und pass auf, dass du nicht mehr so schlecht träumst, ja?«

Ich nickte, und er verschwand wieder in sein Zimmer.

Wie sollte ich den bestimmen was ich träumte?

Mein Puls war immer noch auf hundertachtzig. Sollte dieser Traum das Zeichen sein, welches ich erwartet hatte? Denn ja, dann war es auf jeden Fall auf meiner Seite, denn nach diesem Traum würde ich auf keinen Fall zu diesem Tier gehen. Nie und nimmer!

Am nächsten Morgen wachte ich zeitig auf. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und schaute auf. Sofort schoss mir mein nächtlicher Traum in den Kopf. Ich wollte nicht daran denken. Ich wollte doch all das vergessen.

Also stieg ich aus meinem Bett, ging ins Bad und machte mich fertig für den Tag. Wir hatten nur noch wenige Tage Ferien und die wollte ich richtig nutzten. Um ehrlich zu sein hatten wir nur noch drei davon. Das Wochenende inbegriffen.

Ich ging nach unten in die Küche. Mum und Dad waren gerade am frühstücken. War es so zeitig. Die beiden aßen eigentlich immer halb sieben, damit sie zeitig auf Arbeit konnten.

Ich schaute auf die Uhr. Es war wirklich erst kurz vor halb sieben. Ich musste ziemlich schlecht geschlafen haben, denn in den Ferien war ich nie so zeitig auf.

»Morgen Mum, morgen Dad!«, begrüßte ich die beiden.

Sie sahen verwundert auf.

»Was denn? Ich konnte nicht schlafen.«

»Wir haben ja gar nichts gesagt. Gut geschlafen?«, meinte Dad immer noch verwundert. Ich nickte nur, dass sollte als Antwort genügen. Wie es aussah, hatten sie meinen Schrei in der Nacht nicht gehört. Das ersparte mir unzählige Fragen.

Ich setzte mich an meinen Platz.

»Hier«, Mum zeigte auf meinen Teller, »da sind ein paar Briefe, die heute morgen für dich gekommen sind. Sie waren schon im Briefkasten. Da muss wohl jemand zeitig aufgestanden sein, um sie hinein zu werfen.«

Ich starrte auf meinen Teller. Mir war nicht aufgefallen das dort sechs vergilbte Briefe lagen. Mein Herzschlag ging augenblicklich in die Höhe. Warum tat dieser jemand das?

Unwiderruflich wurde ich, an alles was ich vergessen wollte, zurück erinnert. Ich nahm die Briefe, ging zum Mülleimer und warf sie hinein.

»Willst du sie nicht lesen?«, fragte Mum. Auf ihrer Stirn hatte sich eine tiefe Falte gebildet. Sie verlief über ihre ganze Stirn. Sie tat das immer wenn sie etwas nicht für richtig hielt.

»Nein.« Meine Antwort war kurz und eindrücklich.

»Derjenige der das geschrieben hat, hat sich bestimmt große mühe gegeben, und du schmeißt es jetzt einfach weg, ohne ein Wort gelesen zu haben.« Mum bedauerte das, was ich getan hatte, doch ich blieb hart. Ich würde diese Briefe nicht noch einmal lesen. Ich hasste diese Briefe.

»Er wird es verstehen.« Meine Stimme klang härter als ich es beabsichtigt hatte, doch sie erzielten ihre Wirkung. Mum sagte kein Wort mehr dazu.

An diesem Tag lies ich meine Seele baumeln. Ich las mein Buch fertig (wobei ich das hätte schon vor Wochen tun können, da es nicht mehr viel gewesen wäre) und spiele mit Jos im Haus. Der Schnee war zu hoch, als das man hätte draußen etwas machen können. Wir wären blitzschnell im Schnee versunken.

Ich wünschte mir den Frühling mehr herbei denn je, doch es würde noch ewig dauern, bis er gekommen war. Es war Ende Februar, und damit war es noch nicht zu erwarten, dass wir in naher Zeit irgendetwas grünes erblicken würden, was auch wirklich aus dem Boden wuchs.

Das Wochenende verstrich wie Sand, der vom Wind verweht wurde, und die Schule fing wieder an. Ich musste morgens zeitig aufstehen, damit ich den Bus schaffte. Jeden Tag kam es mir früher vor. Ich wurde jeden Tag müder. Es war eine große Umstellung nach den Ferien. Doch etwas blieb die ganze Zeit: die Briefe! Jeden Tag bekam ich die doppelte Anzahl der Briefe vom Vortag. Es wurden nicht mehr und nicht weniger. Unser Briefkasten hielt der Masse nicht mehr stand, und quoll aus allen Ecken und Kanten. Die Briefe passten einfach nicht mehr hinein. Irgendwann wurden sie sogar in einem Beutel geliefert.

An den freien Tagen stand ich früh auf, um zu sehen wer mir immer diese Briefe schickte, doch egal wann ich aufwachte, die Briefe waren schon da. Es war wie verhext.

Ich merkte jeden Tag mehr, wie Mum und Dad sich ärgerten. Die Briefe liessen kaum noch Platz in unserem Briefkasten für die wichtigen Briefe. Jeder einzelne Brief war zerknittert und kaputt.

Die Nachbarn schauten morgens komisch, wenn sie in ihren Morgenmänteln die Post herein holten, und vor unserer Tür einen Beutel mit unzähligen Briefen vorfanden.

Unsere Mülltonne quoll über; mit jeden Tag mehr. Ich schämte mich so für all das, was passierte. Ich sah die schuldbewussten Blicke die mir Mum, Dad, Hayley oder sogar Taylor, der sich endlich wieder mit Dad versöhnt hatte, zuwarfen. Hayley dachte immer noch das es Liebesbriefe waren, doch das widerlegte sich an einem Mittwoche.

Ich kam gerade von der Schule nach hause. Hayley war schon vor mir da gewesen, da sie die letzte Stunde Ausfall hatte. Am Morgen hatte ich keine Zeit gehabt den Beutel Briefe wegzuschmeißen, da ich sonst zu spät zum Bus gekommen wäre und ihn verpasst hätte. Ich hatte ihn also in die Küche gestellt um ihn am Nachmittag zu entsorgen. Als ich jedoch in die Küche kam, saß dort Hayley und hatte die ganzen Briefe ausgebreitet auf dem Tisch liegen. Fast jeder war geöffnet. Sie las gerade einen, als ich hinein kam.

»Was soll das heißen?«, fragte sie mich ärgerlich. Sie hatte Wut, dass merkte ich sofort. Wut auf mich und diese blöden Briefe, doch was sollte ich auch gegen sie machen?

»Ich weiß es auch nicht«, gab ich zurück.

»Ich dachte es sind so was wie Liebesbriefe.«

»Wie oft hab ich dir den gesagt, dass es nicht so ist?«

»Dir kann man nicht immer alles glauben!«

Was sollte das denn schon wieder heißen?

»Warum liest du das überhaupt?« Ich ging zügig auf sie zu und sammelte alles Briefe halbherzig ein. Ich stopfte sie in den Beutel zurück und entriss ihr auch den, den sie in der Hand hielt.

»Das hat dich gar nichts anzugehen.«

Entrüstet sah Hayley mich an. »Diese Briefe machen dich kaputt, Maddie! Shift du sie bekommst schaust du nur noch um dich, als würdest du verfolgt werden. Den ganzen Tag bist du nur in Gedanken versunken, und ich weiß ganz genau warum. Du denkst immer nur an diese Blöden Briefe.« Hayley schrie mich an. »Du musst aufhören damit, verdammt noch mal. Hast du gehört. Hör auf diese Briefe zu lesen. Sie machen dich verrückt. Ich hab zwar keine Ahnung was das zu bedeuten hat, was da drin steht, aber such die Person die das schreibt und sag ihr sie soll aufhören.«

Tränen waren in Hayleys Augen getreten.

»Du weißt doch gar nicht wie das ist«, schrie ich zurück. »Du hast doch keine Ahnung!«

»Wie auch, wenn du mir nichts sagst? Wie soll ich dich den verstehen?«

Ich drehte mich um und wollte gehen. Ich wollte mich nicht mit ihr auseinander setzten. Auch wenn die Wut in mir kochte, und der Topf überzulaufen drohte. Doch Hayley war schnell er als ich. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und packte mich am Arm. Sie grub ihre Finger tief in meinen Arm. Ich hatte keine Chance zu entkommen. Warum tat sie das?

»Lass mich dir helfen«, flehte sie. Ihre Stimme war ganz sanft. »Bitte!«

Ich wollte mich losreißen. Wollte wegrennen. Wegrennen von der Wahrheit. So weit wie nur irgendwie möglich.

»Las mich los!«, schrie ich sie an.

»Ich will dir doch nur helfen, Maddie. Bitte lass mich dir helfen.«

»Lass mich los«, wiederholte ich noch lauter.

»Du schaffst das nicht allein. Ich kenn dich lange genug um zu sehen, dass du an deine Grenzen gestoßen bis.«

»LASS MICH LOS!« Ich schrie nun so laut, dass selbst in meinen Ohren weh tat.

Ich fühlte mich beflügelt meine ganze Wut heraus zu schreien, doch im nächsten Moment sackte ich in mich zusammen. Was tat ich hier? Ich schrie meine Schwester an, weil sie mir helfen wollte. Ich schrie sie an, weil sie mir ihre Hilfe angeboten hatte, und sie hielt es aus. Sie stand vor mir; stark. Doch ich wusste, dass das alles nur Fassade war. In ihr sah es ganz anders aus.

Mit einem Ruck lies Hayley meinen Arm los. Die Tränen liefen ihr nur so die Wangen hinunter. Genau in diesem Moment ging die Haustür auf.

»Hallo?« Taylor. »Bin grad von der Arbeit gekommen. Jemand da?«

Tief verletzt, durch ihre Worten, und ohne ein weiteres Wort zu sagen verschwand ich aus der Küche. Mir liefen ebenfalls die Tränen übers Gesicht. Nicht weil Hayley mich angeschrien hatte, sondern weil es stimmte was sie gesagt hatte. Diese Briefe liesen mich verrückt werden. Sie machten mich zu einem Menschen der ich nicht war. Die ganze letzte Zeit hatte ich mich immer beobachtet gefühlt. Ich hatte nach dem Verursacher dieser Briefe Ausschau gehalten. Ich war übernächtigt, weil ich lang aufblieb, oder nur kurz in den Morgen schlief, um zu sehen wer all diese Briefe ablieferte.

Als ich durch die Küchentür ging rannte ich mit Taylor zusammen. Ich schnaubte und lies ihn stehen. Ich erwartete schon irgendeine Frage die mir dumm vorkommen würde, doch sie blieb aus.

»Was ist denn mit der los?«, fragte Taylor stattdessen Hayley. Ich nächsten Moment schmiss ich meine Zimmertür mit aller Kraft die ich aufbringen konnte zu. Der Boden unter meinen Füßen vibrierte und es wunderte mich, dass die Tür nicht in zwei Teile zerbrach. Ich stürzte mich auf mein Bett und weinte tausend Tränen.

Wieso hatte ich das getan? Der Grund dafür war belanglos, wo Hayley doch Recht hatte. Würde sie mir verzeihen? Würde ich mir verzeihen?

Mein Kissen wurde immer nasser und nasser und irgendwann musste ich es aus dem Bett schmeißen, damit nicht noch mehr nass wurde. Jos kam zu mir, doch ich scheuchte ihn weg. Ich wolle allein sein, sagte ich zu ihm.

»Maddie?«

Es klopfte an meiner Zimmertür. Taylor.

»Maddie, bitte mach auf!«

Ich hatte die Tür zugeschlossen.

»Was willst du?«, fragte ich störrisch. »Hau ab!«

Es war einen Moment vollkommene Stille. Ich konnte Jos' Atem hören. Er ging regelmäßig. Langsam trapste Jos zur Tür und kratzte daran, dann fing er an zu winseln. Er wollte raus.

»Las mich rein«, bat Taylor. Seine Stimme klang sanft. Vorkommen ohne Vorurteile.

Widerwillig, aber dennoch guter Dinge stand ich auf, schloss die Tür auf und lies Jos hinaus. Taylor blieb etwa einen Meter vor meiner Tür stehen. Ich schloss die Tür so weit, dass nur ein winziger Spalt offen blieb. Durch diesen Spalt schaute ich Taylor finster an. Ich wollte nicht sofort klein beigeben, es würde schwach rüber kommen.

»Was willst du?«, fragte ich abermals.

Taylor bewahrte Ruhe und schaute mich sanft an. »Ich wollte mit dir reden. Was war da gerade los?«

Ich schloss die Tür um ein paar weitere Zentimeter. »Das weißt du doch selbst. Du hast immerhin mit ihr gesprochen.«

Ich wollte mit ihm sprechen, doch auf der anderen Seite stand mein Ego und es lachte mich gehässig an. Seine Augen waren zu kleinen Schlitzen verengt und lachten. Ich konnte dieses Häufchen von Stolz nicht ausstehen.

»Sie meinte das ich mit dir reden müsse und das es um die Briefe ginge.« Eine schöne Art sich raus zu reden! Ich verschwand von der Tür und lief auf mein Bett zu. Ich lies mich einfach fallen, wie ich es vorhin auch schon getan hatte. Taylor folgte mir auf leisen Sohlen. Er schloss die Tür hinter sich und setzte sich neben mich aufs Bett.

»Komm schon, ich bin dein großer Bruder; du kannst mir doch alles erzählen. Egal was es ist.«

Wer von euch da draußen kennt dieses Gefühl nicht? Mit seinen Geschwistern kann man alles teilen. Man kann sich die Klamotten teilen, das Essen und auch einige Geheimnisse, aber dann gibt es wieder Dinge, die kann man einfach nicht sagen. Die können nicht aus einem heraus und man kann sie einfach nicht zu Worten formen.

Genau dieses Gefühl hatte ich gerade. Ich konnte Taylor einfach nicht davon erzählen. Warum: Er würde mich für verrückt halten. Er würde es vielleicht noch verstehen, wenn ich ihm sagen würde, dass diese Briefe mich in den Wahnsinn treiben, aber wenn ich ihm sagen würde, warum sie mich in den Wahnsinn treiben, würde er mich für verrückt halten. Wer will schon freiwillig von seinem Bruder für verrückt gehalten werden? Keiner!

Geschwister sind doch die, die einen auffangen – abgesehen von den Freuden – wenn man in einer Krise steckt, aber auf keinen Fall möchte man von ihnen als nicht mehr von dieser Welt eingestuft werden.

»Genau das ist es: Gerade weil du mein Bruder bist kann ich nicht darüber mit dir reden«, ich klang mürrisch, doch das war genau das, was ich fühlte.

»Du konntest bis jetzt über alles mit mir reden«, argumentierte er. Das stimmte. Bis jetzt konnte ich ihm, ebenso wie Hayley, alles erzählen.

»Es sind andere Zeiten angebrochen!«

»Was soll das denn jetzt wieder heißen: andere Zeiten? Wo sind wir denn? Vor dem zweiten Weltkrieg?« Taylor breitete sich auf meinem Bett aus. Wir starrten nun beide an meine Decken, an der zahlreiche Poster von Städten oder Ländern hingen, zu denen ich gern einmal reisen würde.

Paris stand ganz weit oben auf meiner Liste. Ich würde den Eiffelturm besichtigen und unzählige Fotos davon schießen.

Das zweite Ziel wäre London gewesen. Ich liebte unsere englische Hauptstadt. Sie war so schön. Ich würde, wie beim letzten mal, mit London Eye fahren und die Stadt für kurze Zeit von oben sehen. Danach würde ich auf der Themse eine kleine Schiffstour machen und Big Ben fotografieren. Ich hatte beim letzten mal schon so viele Fotos von ihm gemacht, doch für mich waren es noch nicht genug.

Das dritte Ziel auf meiner Liste war New York. Dort würde die Statue of Liberty auf mich warten. Auch fand ich New Yorks Kosenamen bezaubernd: Big Apple. Dieses Wort lies sich so richtig schön auf der Zunge zergehen.

»Sehr lustig, über so was macht man keine Scherze. Es gibt gewisse Dinge die ich dir einfach nicht sagen kann, versteh doch.«

»Ich versteh dich schon. Mir ging es doch früher nicht anders. Mum war manchmal echt der Horror, sag ich dir. Aber versuch es doch einfach mal es mir zu erklären.« Taylor lies einfach nicht locker. Er wollte es wohl unbedingt wissen.

Draußen fiel der Schnee in winzigen, jedoch dichten, Flocken vom Himmel. Der Winter wurde von Tag zu Tag schlimmer. Mittlerweile verachtete ich die Farbe weiß. Etwas schlimmeres als weiß gab es für mich nicht mehr.

»Das mit Mum ist etwas anderes. Immerhin ist sie unsere Mutter, der erzählt man aus Prinzip nicht alles. Auch wenn sie einen immer damit nervt alles zu erzähle.«

»Das hast du auch wieder Recht.«

»Hab ich doch immer.« Wir mussten lachen. Ein bisschen Sarkasmus kann nicht schaden, wenn man sich in einem hüfthohem Loch befindet.

Ich starrte zum Fenster hinaus. Mein Bett stand genau gegenüber von meinem Fenster. Wenn ich nicht einschlafen konnte schaute ich einfach ein paar Meter weiter aus dem Fenster und schon war es um mich geschehen. »Ich hasse den Schnee«, sagte ich nach einer kurzen Pause.

»Das sagst du uns Jahr für Jahr aufs neue. Außerdem ist das ein toller Themawechsel. Du willst dich raus winden.«

»War einen Versuch wert«, nuschelte ich. Warum konnte er nicht locker lassen?

Meine Laune hatte sich wenigstens gebessert. Ich fühlte mich schon viel besser als vor unserem Gespräch. Meine Seele fühlte sich leichter an. Langsam richtete ich mich auf.

»Ich will da einfach nicht drüber reden, ja? Ich bekomm das schon hin, in den nächsten Tagen wird sich etwas ändern, dass verspreche ich.« Ich hielt Taylor meine Hand hin. Mit einem Grinsen im Gesicht schlug er ein.

»Abgemacht.« Freundschaftlich wuschete er mir durchs Haar. »Das ist die Maddie, die ich kenne. Mum wird übrigens bald da sein; wir sollten also mal den Tisch decken. Abendbrot, sag ich nur.« Er stand auf, half mir hoch zu kommen und wir gingen nach unten.

Ich hatte ihm mein Versprechen gegeben und ich würde es nicht brechen. Denn es mich wieder ganz machen wird, dann werde ich zu diesem Fuchs gehen. Mit einer Flasche Pfefferspray und anderen Schutzmitteln würde ich es schon überleben.

 

Kapitel 6: Unvorhersehbare Wendung

Am nächsten Tag, als die Schule endlich geendet hatte, fuhr ich mit Alice nach hause. Sie hatte mir wie immer einen Platzt frei gehalten. Denn sie das nicht jeden Tag tun würde, wäre ich verloren, denn ich müsse immer stehen, und wenn man das tat, wurde man mit dem Rest der Schüler, die standen, zusammengepfercht wie in einem überfüllten Schweinestall. Ich hatte schon ein paar mal überlegt ob ich ihr die Sache mit dem Fuchs erzählen soll. Natürlich würde ich sie dabei in eine Geschichte verpacken, doch ich hatte bis jetzt noch nicht den Mut dazu.

Wir fuhren eine steile Kurve um ein altes Haus. Bald würde wir in unser Dorf fahren; ich hatte also nicht mehr viel zeit. Jetzt oder nie, sagte ich mir und atmete tief ein, um noch ein bisschen Zeit zu gewinnen.

»Alice?« Meine Stimme klang zaghaft. Es war ein Wunder, dass sie nicht ganz versagte.

»Mh?« Alice' Haare wehten durch die Luft als sie sich vom Fenster wendete und mich anschaute. Sie hatte so schöne Haare. Blond; fast golden und unheimlich weich. Es war selten, dass sie ihre Haare offen trug, denn meistens band sie sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Aber wenn sie ihre lange blonde Mähne offen trug, wurde sie von allen Seiten bewundert oder beneidet. Letzteres von mir.

Ich bekam meine Haare nie so hin wie sie. Denn ich morgens durch meine störrischen Wellen (Ich hatte leider Wellen und keine Locken.) kämmte, sahen sie innerhalb einer halben Stunde wieder so aus wie vorher.

Alice hatte hervorstechende grüne Augen. Sie waren wie das Grün von Gras im Frühling wenn es zum ersten mal Regen genossen hat, und in einer intensiven Farbe strahlte.

»Was denn?«, fragte Alice.

»Ich wollte dich was fragen«, gab ich wieder. Warum hatte ich ihre Aufmerksamkeit erregt? Vorwürfe durchzuckte mich, denn ich war mir nicht mehr so sicher in meinem Vorhaben, wie vor ein paar Minuten.

Ich atmete noch einmal tief durch und versuchte die richtigen Worte zu finden. »Ich wollte dich etwas fragen«, wiederholte ich. Alice schaute mich mit schief gelegtem Kopf an. »Ich hab da wieder was neues im Kopf.« Ich hoffe sie verstand was ich ihr sagen wollte.

»Na dann sprich. Ich will es hören.«

»Ich will nur deine Meinung hören!«, sagte ich zuerst, damit keine falschen Gedanken aufkommen. »Ich habe bis jetzt nur einen Rohentwurf, und weiß noch nicht ob das was werden kann, deswegen wollte ich dich fragen ob das glaubwürdig kling. In meiner Geschichte geht es um ein Mädchen das durch den Wald läuft. Sie ist auf der Suche nach etwas, als sie plötzlich so etwas wie eine Vision hat. Darin geht sie durch einen Wald, der voll mit roten Flecken ist. Am Anfang denkt sie noch das diese Flecken Farbe sind, doch dann stellt sich heraus, dass diese Flecken Blut sind.«

Ich machte eine kurze Pause, denn Übelkeit überwältigte mich, bei dem Gedanken an diesen Traum.

»Es ist also Blut; diese roten Flecken. Als das Mädchen weiter geht, voller Angst, sieht sie einen Fuchs, der über und über mit Blut befleckt ist. Er will sie töten. Genau in dem Moment, in dem der Fuchs sie töten will, erwacht sie wieder. Sie will nur noch verschwinden. Weg aus diesem Wald und von dieser Vision.

Wenige Augenblicke später aber kommt ein blutrünstiger Fuchs auf sie zu und bringt sie zu Fall.Der Fuchs kann sprechen und offenbart ihr deswegen, dass er sie jagen will. Doch der Fuchs möchte auch ein wenig Spaß dabei und lässt ihr deswegen einen kleinen Vorsprung. Durch den gesamten Wald jagt er das Mädchen, doch sie kann ihm entkommen. Erst zuhause realisiert sie wirklich was passiert ist.

»Was hältst du davon?«

Ich hatte Alice die ganze Zeit nicht angeschaut. Zu große Angst hatte ich davor sie könnte die Wahrheit in meinen Augen sehen. Wie sie brennt und mir die Haut versenkt.

»Also ich finde die Story absolut genial.« Alice Hände schießen in die Höhe und ein paar Leute in unserem Umkreis drehen sich zu uns um. »Wie kommst du aus so was, dass ist großartig.«

»Ist mir in der letzten Nacht in den Kopf geschossen«, presste ich schmerzlich hervor.

»Das ist Wahnsinn. Das musst du weiter schreiben. Hast du schon mehr?« Es freute mich für sie, wenn sie das so fantastisch fand, ganz im Gegenteil zu mir.

»Nein, ich hab noch nicht mehr. Aber ich wollte doch fragten ob das realistisch klingt!«

»Na klar klingt das realistisch, dass ist eine Geschichte. Warum wollte es denn nicht so sein?« Wieder drehten sich einige zu uns um. Konnten die nicht mal nur auf ihre Dinge achten? Ich hatte ernsthafte Probleme!

»Nein, ich meine nicht für eine Geschichte«, flüsterte ich. Ich hatte das seltsame Gefühl als wäre es ruhiger um uns geworden und alle Ohren waren auf Empfang geschallten.

»Ich meine, ob das auch realistisch in unserer Welt wäre. Hier bei uns. Ich will die Geschichte nämlich sehr treu unserer Welt schreiben, weißt du.« Letzteres fügte ich schnell hinzu, damit sie abermals keinen Verdacht schöpfen konnte. Aber wie sollte Alice auch? Sie hielt das Ganze für eine Geschichte.

»Sag das doch gleich.« Auch Alice flüsterte jetzt. »Für unsere Welt klingt das zu absurd. Entschuldige bitte wenn ich das jetzt sage, aber es wäre vollkommen unmöglich, dass so etwas passiert. Kein Tier dieser Erde, abgesehen von ein paar Vögeln, denen man das beigebracht hat, kann sprechen. Das würde dir keiner glauben. Aber für eine Geschichte geht es doch nicht besser.«

»Schön wärs«, brummte ich so leise, dass es selbst Alice nicht hören konnte.

»Was? Ich hab dich nicht verstanden.«

»Ist auch nicht so wichtig.«

Ich dachte über Alice' Worte nach. Wenn sie Recht hatte, dass all das unmöglich wäre, dann hätte ich mir alles nur eingebildet. Wirklich alles. Ich hätte mir den Fuchs eingebildet, auch dass er sprechen kann, diesen Traum im Wald und … die Briefe. Nein, die Briefe waren echt, und auch den Greif hatte ich wirklich gesehen. Ich hatte ihn doch berührt, die weichen Federn unmittelbar über seinem Schnabel berührt. Ich konnte mir das einfach nicht eingebildet haben, es war zu realistisch.

Es gab viel zu viele Widersprüche in dieser Geschichte. Nichts war real, und doch alles. Vielleicht war das Leben gerade deswegen so lebenswert? Ich wusste es nicht.

»Ich hab doch noch eine Frage«, drängte ich, denn bald würden wir an unserer Haltestelle sein, und ein weiteres Mal würde ich mit Sicherheit nicht davon sprechen wollen. »Was würdest du denken, wenn dir das passieren würde, was ich dir gerade eben erzählt habe? Wie würde es dir ergehen?« Ich wollte Alice nicht zu einer Antwort drängen, aber meine Stimme hatte genau diesen Tonfall angenommen, der dies ausdrückte. Ich setzte ein Lächeln hinterher.

»Mh, da muss ich erst mal genauer drüber nachdenken!« Alice legte ihre schmalgliedrigen Finger an ihr Kinn und dachte nach. Nach einer Weile (ich betrachtete in dieser Zeit ängstlich die Straße und sah die Haltestelle immer näher rücken) gab sie mir endlich ihre Antwort. »Ich glaube ich würde mich für verrückt halten. Da kann doch nicht gehen so etwas, oder? Ich meine wir leben ja schon in einer modernen Welt, aber so etwas ist echt übertrieben. Keine Firma auf diesem Planeten, die sie noch so erfolgreich, würde es hinbekommen, dass Tiere sprechen könnte. Das wäre total abgefahren, weil ich dann endlich mal verstehen könnte was meiner lieber Hundsagte, aber nein … ich halte das für unmöglich.«

Jetzt erst sah auch sie, dass ich gleich aussteigen musste.

»Um es kurz zu fassen: Ich würde mich vollkommen für verrückt halten und auch an mir zweifeln, ob ich das wirklich gesehen hatte, oder ob mir da nicht die Macht der Natur einen Streich gespielt hätte. Reicht das als Antwort?«

»Ja, danke, das ist super. Bestimmt kann ich die Hauptrolle der Geschichte damit etwas glaubwürdiger gestalten. Ich danke dir, du bist die Beste.« Ich nahm Alice von der Seite in dein Arm und verabschiedete mich anschließend von ihr.

»Du auch«, ihr Lächeln war unfehlbar.

Der Bus hielt an und ein wildes Gedrängel fand statt. Unser Ort war zwar klein, aber hier lebten einige junge Familien mit zwei bis drei Kindern. Ich stolperte den Kleinen hinterher, die aus dem Bus sprangen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Durch das Gewicht, das nun fehlte, kam der Bus ins schwanken. Ich ruderte mit den Armen um nicht zu stürzen.

Hayley, die ebenfalls mit im Bus gesessen hatte, wartete auf mich, damit wir zusammen nach hause laufen konnten.

Wir hatten das Gespräch nicht noch ein weiteres mal angeschnitten und ich war froh darüber. Wahrscheinlich hatte Tay ihr alles gesagt. Wie er es immer tat. Allerdings konnte ich mich darüber nicht sonderlich beschweren, denn bei mir tat er genau das gleiche. Er sagte mir auch immer, was er mit Hayley besprochen hatte.

»Weißt du was ich überhaupt nicht verstehe?« Hayley klang verärgert. »Wie nur konnte diese Ziege mir den Kerl ausspannen?«

Was? Ich schaute sie fragend an. Was sollte das nun schon wieder bedeuten? Sie hatte mir in letzter Zeit nichts über einen Kerl erzählt.

»Sie ist einfach auf ihn zu gestiefelt und hat ihn nach einem Date gefragt. Was sollte das?« Ihre Augen sprühten nur so mit Blitzen. Ihr Kopf wand sich in meine Richtung, doch sie schaute mich nicht an. »Und was macht er auch noch? Sagt natürlich ja.«

»Ich -«

»Ach weißt du was«, schnitt Hayley mir das Wort ab, »sagt lieber nichts. Ich will weiter in meinen Träumen schweben können. Nur ein einziges Wort jetzt und die Blase, in der ich schwebe, zerplatzt.«

Verdutzt schaute ich sie an, sagte jedoch, wie sie es verlangt hatte, kein Wort. Schweigend und jeder in seinen eigenen Gedanken liefen wir nach hause.

Was war das gerade für ein Aussetzer bei ihr gewesen? Wir konnten doch immer über alles reden? Machte sie dieser Typ so fertig, und wenn ja, warum hatte sie mir bis jetzt noch nicht von ihm erzählt? Hatte das vielleicht mit meiner eigenen Verschlossenheit zu tun, die ich in den letzten Tagen an die Oberfläche gebracht hatte? Hatte ich mich nicht richtig um sie gekümmert; sie vernachlässigt?

Schuldgefühle zerdrückten mich schon wieder. Warum musste ich mir immer alles so sehr zu herzen nehmen? Warum konnte ich nicht einfach mal locker sein?

Du kannst jetzt nicht an so etwas denken. Denk daran, was du heute tun wolltest!

Ich erschrak höllisch, als ich diese Stimme wieder in meinem Kopf hörte. Es war die selbe Stimme, die ich bei der Suche nach Jos gehört hatte. Diese beruhigend männliche Stimme. Was hatte sie wieder in meinem Kopf zu suchen? Noch vor ein paar Tagen hätte ich vielleicht gedacht, dass ich sie mir nur eingebildet hätte, doch jetzt war sie so klar und hell in meinem Kopf, dass sie unmöglich meinen Gedanken entspringen konnte.

Was hatte die Stimme mit Denk daran, was du heute tun wolltest gemeint? Hatte ich denn heute etwas – der Fuchs. Ich hätte es fast vergessen. Ich hatte mir heute vorgenommen, zu diesem Fuchs zu gehen.

Sofort sauste mein Herzschlag in die Höhe. Ich hätte es vergessen, wenn diese Stimme nicht gekommen wäre. Mein Blick wanderte in den Himmel, aus dem schon wieder vereinzelte Flocken kamen. Ich würde nicht drum herum kommen. Ich hatte Taylor mein Wort gegeben, und das würde ich halten.

Ich beschleunigte meinen Schritt, denn im dunklen wollte ich nicht noch einmal diesem Fuchs gegenüber stehen. Wir liefen die Straße entlang, unsere Einfahrt hinauf und ins Haus.

So schnell ich konnte verdrückte ich das Essen, welches Hayley gemacht hatte. Ich beneidete sie jedes Mal aufs neue, wenn sie so gut kochte. Nachdem ich fertig war, beendete ich meine Hausaufgaben und zog mich an. Ich packte Pfefferspray, welches ich in der Garage gefunden hatte, in meine Tasche, ebenso wie ein kleines stumpfes Taschenmesser. Man weiß ja nie.

Als ich meine Taschenlampe unter dem Kopfkissen hervor holen wollte, fiel mir etwas auf. Auf meinem Kopfkissen lag, fein säuberlich hingelegt, in Brief. Es war nu ein einziger. Nicht wie in den vergangenen Tagen viele auf einmal. Nur dieser eine Brief. Er sah auch nicht aus, wie die die ich bisher bekommen hatte. Ein Wappen aus rotem Wachs diente als Verschluss des Briefes. Noch nie hatte ich einen solchen Brief gesehen. Das Wappen kam mir nicht im weitesten Sinne bekannt vor. Ich hatte es noch nie gesehen. Das Wachs war an der Seite ausgefranst, doch in der Mitte war ein deutliches, blassweißes, L zu erkennen. Was hatte das zu bedeuten?

Neugierig öffnete ich den Brief. Vielleicht war es ja eine Erklärung, die die vorherigen Briefe erklären würde. Bestimmt war es eine Entschuldigung, für das was ich in den letzten tagen durchleiden musste.

Weit verfehlt. Als ich den Zettel hervor holte, erblickte ich nur den gleichen Text, wie zuvor. Geh zum Fuchs. Was auch sonst!

Ich musste jetzt gehen, wenn ich noch im Hellen gehen wollte.

Denk an den Schlüssel! Nimm den Brief mit und ganz wichtig dein Handy.

Diese Stimme klang schon so vertraut, das ich das Gefühl hatte sie schon ewig zu kennen. Nur ein Gesicht konnte ich nicht zuordnen. Diese schöne Stimme war wieder da, und sie hatte recht. Wie konnte ich nur diese wichtigen Dinge vergessen?

Ich rannte zu meinem Nachttischschrank, holte den Schlüssel heraus und steckte ihn in meine Tasche. Hinterher lies ich gleich den Brief mit den L gleiten. Das Handy steckte ich in meine Hosentasche, da konnte der Fuchs nicht so schnell herankommen, wenn er mich den zerfleischen wollte.

Ich verabschiedete mich von Jos, der mich mit seinen großen Teddybären anschaute, und rannte die Treppe hinunter. »Hayley, ich mach mal zu Alice.« Ich musste lügen, sonst hätte sie mich nie gehen gelassen. Ihre Antwort konnte ich jedoch nicht hören, denn ich war schon aus der Tür gerannt.

Ich lief durch unser Grundstück, kletterte etwas unbeholfen über den Zaun und verschwand zwischen den Bäumen. Sofort überkam mich ein ungutes Gefühl. Ich wusste nicht so recht was ich davon halten sollte, also versuchte ich es weitestgehend zu ignorieren.

Je tiefer ich in den Wald kam desto merkwürdiger fühlte es sich an. Früher fand ich an diesem Ort Geborgenheit und Frieden. Jetzt hatte ich das Gefühl das hier nur noch Gefahren auf mich lauerten. Ich hielt meine Umhängetasche fest umklammert. Auf keinen Fall durfte ich die nun verlieren. Meine Füße trugen mich nun noch mit äußerster Willenskraft, die ich, so wie es schien, nicht mehr lange haben werde. Ich wollte umdrehen, aber dafür war ich schon zu weit gegangen. Es gab von nun an kein Zurück mehr. Ich versuchte dieses Wort aus meinem Wortschatz zu verstreichen.

Unglaublich nah war ich nun schon dem Bau des Fuchses. Ich überlegte vor jedem Schritt, wo ich hintreten sollte, damit der Fuchs mich nicht schon von weitem hören konnte.

Meine Beine zitterten vor Angst. Genau in diesem Moment, verstand ich nicht im geringsten warum ich hier her gekommen war. Was hatte ich mir dabei gedacht? Klarheit? Wohl eher nicht. Wer konnte sie mir auch liefern? Ein sprechender Fuchs, der nur auf mein Fleisch und Blut aus war?

Ich hatte den Hang, auf dessen Spitzer der Fuchsbau lag, erreicht. Das Pfefferspray holte ich aus meiner Tasche und umklammerte es fest. Ich hoffte so sehr das ich es nicht gebrauchen müsste, ebenso wie das stumpfe Messer. Meine Stiefel gruben sich in den Schnee als ich den Hang erklomm. Oben angekommen schaute ich mich um. Der Fuchs war nicht zu sehen. Ich konnte meine Stimme nicht in Zaum halten als ich nach ihm rief. Sie zitterte.

»Fuchs!«, rief ich. Das Geräusch meiner Sprache hallte im Wald wieder und schoss mir mit einer unheimlichen Kraft wieder entgegen. Niemand antwortete mir. Ich rief noch ein weiteres Mal nach ihm. Aber auch diesmal kam mir keine Antwort entgegen. Er war also offensichtlich nicht da. Erleichterung überkam mich, aber auch ein leichter Hauch von Enttäuschung. Irgendwie wäre es doch schön gewesen wenn ich eine Antwort bekommen hätte, auf meine Fragen.

Ich lief den Abhang vorsichtig nach unten, wobei ich sorgfältig darauf achtete nicht hinunter zu fallen.

»Hallo Menschenkind!«, sagte eine schleimige Stimme hinter mir.

OH NEIN!, war das erste was ich denken konnte. Warum hatte ich nur zweimal gerufen? Langsam drehte ich mich um.

»Hi -«, war das einzige was ich gerade noch so heraus brachte, bevor meine Stimme verebbte. Das Gesicht des Fuchses war zu einer merkwürdigen Grimasse verzogen.

»Schön dass du mich wieder besuchen kommst. Ich dachte schon du kommst nich wieder, nachdem du mir nur um ein Haar entwischt bist«, sagte er in seinem schleimigen Tonfall weiter. Langsam kam er auf mich zu. Ich wich ein paar Schritte zurück.

»Eigentlich -«, weiter kam ich nicht, denn der Fuchs schnitt mir das Wort ab.

»Na, na, na. Nicht so voreilig, Süße. Jetzt rede ich!« Er kam weiter den Abhang hinunter gelaufen. Das Wort Süße gefiel mir aus seinem Mund gar nicht. Es klang gefährlich. Also würde er mir ein letztes Abschiedswort geben um mich anschließend zu verspeisen.

»Weißt du, nachdem du mir nur um ein Haar entkommen bis, war ich ziemlich wütend! Ich hätte zehn Bären reißen können«, sein Gesicht hatte bei diesen Worten einen harten Ausdruck angenommen, »aber ich tat es nicht, weil ich meine Ziele verfolge bis ich sie erreicht habe. Das bedeutete das ich dich heute leider nicht wieder einfach so gehen lassen kann. Nein, nein, das kann ich nicht!« Er lachte. Wahrscheinlich war er sich wieder so sicher, sein Ziel zu erreichen, wie beim letzten Mal.

»Aber das -« Wieder lies er mich nicht ausreden.

»Ich hatte doch gesagt, dass ich nun rede. Es ist sehr schade das du mich nicht ausreden lässt. Das macht mich nämlich wütend«, sagte er süßlich. Sein Kopf war leicht geneigt und er starrte mich unentwegt an. Ich wand den Blick kurz ab, denn ich konnte seinen auf mir nicht weiter ertragen, danach versuchte ich ihm standhaft entgegen zu blicken. Es war nicht leicht. Sein Blick war einer von diesen, die einen direkt durchbohren könne.

»Ein paar Tage habe ich dich noch immer beobachtet, in der Hoffnung dich doch noch zu erwischen, aber nein, die Dame ist sich ja zu schade allein einen Fuß vor dir Tür zu setzten. Ich hatte es aufgegeben nach dir zu suchen. Aber da du nun eigenständig gekommen bist, um dich mir auszuliefern finde ich das ganz entzückend. Nun habe ich mein einziges Ziel, welches mir jemals entkommen ist, doch noch erhascht.«

Er war nun unten angekommen und stand mir genau gegenüber. Nur wenige Meter trennten uns und er kam immer weiter zu mir geschlichen. Seine Pfoten glitten stolz über den kalten Schnee.

Wenn ich jemals gefühlt hätte, nah am Tod zu sein, dann war es ohne Zweifel dieser Moment.

Ohne eine leiseste Vorahnung sprang der Fuchs auf mich zu. Er legte seine Pfoten auf meine Schultern und drückte mich zu Boden. Da ich meine Hände in den Jackentaschen verborgen hatte, viel ich hart auf den Kopf. Ich hatte mich nicht abfangen können. Meine Hände riss ich aus den Jackentaschen, da mich ein fürchterlicher Schmerz durchbohrte. Ich hatte den Schlüssel und das Pfefferspray in den Händen gehalten; nun flog beides in einem hohen Bogen in den Schnee.

Augenblicklich stürzte der Fuchs darauf zu. Doch als er sah was dort lag sprang er erschrocken zurück, sah genauer hin und sprang wieder zurück. Ich verstand nicht was er da sucht. Dann nahm er plötzlich den Schlüssel ins Maul und rannte auf mich zu. Ich schlug meine Hände vors Gesicht und wurde schon im nächsten Moment gepackt. Der Fuchs hatte in meine Jacke gebissen und schleifte mich, mit sich, den Hang nach oben. Ich strampelte wild um mich schrie so laut ich konnte, aber was half das schon? Niemand würde mich hören.

Als der Fuchs mich nach oben gezogen hatte, schleifte er mich in den Fuchsbau. Mein Ende war nah!

Ich wurde durch einen engen Gang gezerrt, in dem ich mich keinen Zentimeter bewegen konnte. Der gang war viel zu eng für mich, doch der Fuchs lies mich nicht los und zog mich immer weiter. Nach ein paar Metern war der Gang, zu meinem großen Glück, nicht mehr so eng. Im Gegenteil. Ein riesiger Raum umgab mich nun. Wie ich aus meiner misslichen Lage erkennen konnte war er mindestens drei Meter hoch und sechs Meter lang. Ich wurde eine kleine Abneigung hinunter gezogen und gelangte somit auf den Boden des Raumes. Ich erkannte, aus meiner Sichtweise, welche stark eingeschränkt war, dass drei Gänge an den Raum angeschlossen waren. Überall hingen Fotos herum, bei denen ich mir sicher war, dass sie sich bewegten und die Tiere in den Fotos miteinander sprachen. Ich war zu sehr fasziniert von all dem was ich sah, dass ich ganz vergaß in welcher Gesellschaft ich mich befand.

Der Fuchs zerrte mich durch den Gang welcher links außen war. In diesem Gang war es dunkel und ich glaubte sogar zu spüren wie mein Rücken nass wurde. Mum wird sich bestimmt freuen wenn ich mit einer schlammüberzogenen Jacke nach Hause komme. Aber das war jetzt mein geringstes Problem, denn ich musste erst einmal nach hause kommen.

Der Gang war gestützt von unzähligen Wurzeln, die den Gang wahrscheinlich am Leben erhalten sollte, so wie er aussah. Am Ende des Ganges war ebenfalls ein großer Raum, nur war dieser hier noch größer als der vorherige.

Während mich der Fuchs versuchte zu einer Feuerstelle zu zerren sah ich mich ein wenig um, wenn auch unter Schmerzen, da der Fuchs ein Büschel meiner Haare erwischt hatte und nun kräftig daran zog. Am Feuer, welches in einem schönen Kamin brannte, standen zwei Sessel, welche sehr einladend wirkten. Außerdem lag vor den Kamin irgendein Fell. An der Decke hing ein überdimensionaler Kronleuchter aus Wurzel auf dem tausende Kerzen standen und brannten. Wahrscheinlich brannten die hier ewig. Ich hätte eher Angst, dass mir das hier alles abbrennen würde.

Als der Fuchs mich endlich zum Feuer gehievt hatte lies er mich los. Er legte sich auf einen der Sessel und starrte mich an. Ich war verängstigt, also konnte ich nichts sagen. Immerhin befand ich mich im Bau eines Fuchses der mich vor ein paar Tagen töten wollte. Ich beschloss erst einmal abzuwarten was jetzt passieren würde.

Nach einer Weile, in der mich der Fuchs nicht einen Moment aus den Augen gelassen hatte, und mich unbeirrt an funkelte, wurde die Stille endlich unterbrochen.

»Woher hast du den Schlüssel?« Wut schwankte offen in seiner Stimme. Ich zuckte zusammen bei dem Klang seiner Stimme.

Was sollte ich sagen? Die Wahrheit? Was würde er tun, wenn ich es sagen würde?. Würde er meine Informationen nutzen und mich dann kaltblütig ermorden? Ich hatte ihm nichts entgegen zu setzten. Ich war schwächer als er. Er mag zwar kleiner sein als ich, doch er hatte mich ohne große Probleme hier her tragen können; was würde er also anstellen wenn ich ihn verärgern würde?

Ich überlegte eine Weile, dann entschloss ich mich die Wahrheit zu sagen, da es mir ja nichts bringen würde zu Lügen. Ich bin ja her gekommen um Antworten zu kassieren. Außerdem schien er im Moment nicht auf dem Höhepunkt seines aggressiven Limits.

»Den übergab mir vor ein paar Tagen ein Greif«, sagte ich dennoch mit einem unguten Gefühl. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter und ich konnte spüren wie mir warm wurde. Warum hatte ich das getan? Ich hatte doch mit niemandem sonst darüber gesprochen. Weder mit Alice noch mit Hayley. Warum sagte ich es dann einem Fuchs der nichts anderes als meinen Tod im Blick hatte?

»Warum?«, fragte der Fuchs weiter.

Ich zuckte mit den Schultern.

Langsam erhob sich der Fuchs und kam auf mich zu geschlichen. Ich konnte nicht ein einziges Mal hören wie er den Boden berührte und dennoch sah ich es. Ich drückte mich immer weiter in den Sessel. Als er vor mir stand, sprang er auf die Sessellehne des Sessels und schaute mir tief in die Augen.

»Warum hat dir dieser Greif den Schlüssel übergeben?« Seine Augen sprachen Bände. Ich konnte förmlich die Lichtblitze sehen, die aus ihnen hervorsprangen und mich schockten.

»Ich weiß es wirklich nicht!« Verstand er denn nicht?

»Man bekommt nicht alle Tage etwas von einem Greif« zischte der Fuchs mir zu, »uns wenn das so ist, dann hat es etwas zu bedeuten. Hast du mich verstanden?«

Ich nickte heftig mit dem Kopf.

»Hat er etwas zu dir gesagt?« Weiterhin war seine Stimme bissig und von Wut getränkt. Warum brachte er mich nicht einfach um und nahm sich meine Tasche? Ich nützte ihm nicht viel. Ich war der Ahnungslosere von uns beiden, nicht er.

»Weist du vielleicht wozu er gut ist?«, fragte ich vorsichtig weiter. Ich wollte ihn auf keinen Fall auf die Palme bringen.

»Wenn ich es wüsste würde ich dich nicht fragen, du dummes Gör.« Da war wieder der Fuchs, denn ich kennen und fürchten gelernt hatte. Er schaute mich an als wäre ich sein Frühstück. Keinen einigen Millimeter hatte er sich bisher bewegt. »Es ist nicht gut in meiner Gegenwart dumme Fragen zu stellen!«

Ich nickte wieder. Ich bekam nicht einen Ton heraus. Meine Kehle war wie zugeschnürt. War das eine Warnung? War ich zu weit gegangen, oder was wollte er mich damit sagen? Würde ich bald meinen letzten Atemzug tun? Ich hatte mich doch noch nicht mal von Mum und Dad, oder von Hayley und Taylor verabschiedet. Warum war ich nur hier her gekommen? Was hatte ich überhaupt erwartet? Etwa Antworten? Die konnte ich mir wohl bald von einem warmen hellen Ort erhoffen, wenn dort überhaupt jemand sein würde.

»Und warum bist du zurückgeschreckt als du den Schlüssel gesehen hast?«, ich versuchte meine Worte sorgfältig zu wählen, »Du musst etwas wissen. Ohne Grund wäre niemand zurück geschreckt.«

Das Gesicht des Fuchses gewannt einen merkwürdigen Ausdruck, aber ich versuchte nicht darauf zu achten. Meine Augen hielt ich auf seine gerichtet, jedoch bereitete mir das höchste Anstrengung.

»Das geht dich nicht das Geringste an!«, zischte er mir ins Ohr. »Du solltest deine Zunge besser unter Zaum halten, wenn nicht, wird sie dir bald nichts mehr nützen.«

»Dann kann ich ja wieder gehen, oder?«, werfe ich ihm entgegen. Ich stand schnell auf, schnappte mir den Schlüssel den er einfach so vor seinen Sessel gelegt hatte und wollte gehen. Doch bevor ich auch nur einen Schritt gehen konnte, stand er bereits vor mir.

»«, meine er und seine Stimme bekommt einen bedrohlichen Unterton. Ich weiche wieder zurück. Verängstigt, aber dennoch genervt, setzte ich mich wieder hin. Ich verschrecke die Arme vor meiner Brust und schaue ihn durch die kleinen Augenschlitze, die ich gebildet hatte, an. Ich forderte eine Erklärung und er hatte sie mir gefälligst zu liefern.

»Ich möchte jetzt augenblicklich wissen, warum du mich hier festhältst! Ich habe später noch etwas vor, und ich möchte nicht zu spät kommen«, lüge ich. Er muss es ja nicht wissen. »Außerdem hast du dich gerade eben selbst entlarvt als du gesagt hast: Du gehst hier nirgends hin, wenn du diesen Schlüssel bekommen hast! Du musst etwas über diesen Schlüssel wissen, wenn du das gesagt hast.«

Ich konnte nicht genau verstehen was er sagte, als ich mit meinen letzten Worten geendet hatte, doch es hörte sich wie »Miststück« an. Was hatte ich ihm denn getan?

Ich schaute ihm fest in die Augen, als würde allein mein Blick etwas ändern. Natürlich war das vollkommener Schwachsinn, aber auf einmal veränderten sich seine Augen. Sie waren von einem tiefen Schwarz getränkt gewesen; mit einem mal jedoch wurde dieses Schwarz heller. Es veränderte sich. Der Fuchs riss seine Augen kurz auf und schloss sie dann wieder. Als er sie abermals öffnete, hatte er einen traurigen Blick. Er tat mir fast leid, sowie er aussah.

Die Farbe seiner Augen hatte sich nicht geändert. Immer noch war es ein helleres Schwarz als zuvor. Irgendwas war passierte. Ich wusste nur nicht was.

Wortlos stand er auf und entfernte sich von der Feuerstelle. Er steuerte direkt auf den Ausgang zu. Wollte er mich hier allein lassen und später, wenn ich flüchten würde, überfallen?

»He!«, rief ich, aber er dreht sich nicht um. Er machte nicht einmal die Anstalt mit zu antworten, doch kurz bevor er in den Gang trat drang seine laute Stimme zu mir.

»Bin gleich wieder da.«

Eine ganze Weile sitze ich allein in diesem riesigen Raum, und langweile mich tatsächlich fast zu Tode. Ich starre ins Feuer und setzte mich dann davor, aber nicht aufregendes passiert. Irgendwann, als ich mich schon entschlossen hatte in den nächsten fünf Minuten doch die Flucht zu ergreifen, kam der Fuchs endlich wieder in den Raum und setzt sich mir wieder gegenüber.

Er trug eine Art Tasche dabei, welche aussah als hätte er gerade von einer Rolle Stoff einen Fetzen abgeschnitten und ihn zu etwas gemacht, mit dem er Sachen durch die Gegend tragen kann.

Ich schaute ihm aufgeschlossen zu, als er eine Rolle Papier aus der Tasche holte und sie mir zu Füßen legte. Schon allein der Anblick, wie er etwas in den Händen hält und überhaupt greifen kann, irritiert mich.

»Mach sie auf.« Seine Stimme klang auf einmal wie verwandelt. Sie hatte weder diesen wütenden Unterton, noch trug sie etwas abschätzendes in sich. Was war in dieser Zeit, in der er weg war, passiert.

Ich hob die Rolle vorsichtig auf und rollte sie auseinander. Zum Vorschein kam der Plan eines Gebäudes. So sah es zumindest aus. Was sollte ich mit dem Plan eines Gebäudes anfangen, und was hatte das mit dem Schlüssel zu tun? Ich verstand gar nichts mehr und schaute fragend auf. Was soll mir das helfen?

Doch bevor ich auch nur ein Wort sagen kann, tut er es.

»Ich bin Darwin«, meint er und hält mir die Pfote hin.

 

Kapitel 7: Nachsitzen bei Mr Adams

Ich sah in diesem Moment mit Sicherheit dämlicher aus, als Onkel Rupert, als er vor der gesamten Verwandtschaft, an seinem Geburtstag, in den Gartenteich gefallen war..

»Maddie«, stellte ich mich verdutzt vor.

»Schön dich kennen zu lernen, Maddie«, mein Darwin gelassen. Nichts von dem Fuchs den ich in den letzten Tagen kennen gelernt hatte, war noch übrig, so hatte ich den Eindruck.

»Willst du mich jetzt nett behandeln, um mir im Nachhinein, wenn ich nicht hinschaue, den Kopf ab zu beißen?« Ich war vollkommen verunsichert. War das ein falsches Spiel was er hier mit mir trieb? Es reichte ja schon, dass er sprechen konnte, und auch das er mich umbringen wolle (okay, dass war bei weitem nicht verständlich), doch das er auf einmal nett zu mir war, verunsicherte mich doch am meisten. Warum tat er das jetzt?

»Ich möchte dich nicht um die Ecke bringen, während du nicht hinschaust. Ich wollte mich bei dir entschuldigen, dass ich dir in den letzten Tagen so verängstigt habe«, meinte er. Ich glaubte so etwas wie ein Lächeln auf deinen Lippen gesehen zu haben.

Der hat vielleicht leicht Reden. Angst? Ich hatte Todesangst. Kaum auf die Straße hab ich mich getraut.

»Verzeihst du mir«, fragte er freundlicher denn je.

»Ich weiß nicht so recht, was ich jetzt glauben soll!«, antwortete ich. Hatte er gedacht, dass ich, wenn er das sagen würde, auf Knien angekrochen kommen würde und seine Entschuldigung annehmen würde? Ich konnte doch keinem, der mich umbringen wollte, einfach so verzeihen. Selbst wenn es ein sprechendes Tier war.

»Ich kann dich verstehen. Lass dir Zeit.« Wie konnte er bei so einer ernsten Sache nur so gelassen bleiben? Mich zerriss es innerlich fast vollständig, und er sagte das als wäre es das alltäglichste auf dieser Welt.

»Wie soll ich dir jetzt noch trauen können?«, fragte ich misstrauisch. Ich konnte mich einfach noch nicht dazu durchringen ihm zu trauen.

»Ich kann es dir nicht sagen. Es ist deine eigene Entscheidung. Du musst sie selbst treffen. Ich muss nur mit den Folgen zurecht kommen.« Ich konnte sehen wir schwer es für ihn war, sich dieses Lächeln abzugewinnen.

»Was wäre, wenn ich dir jetzt trauen würde. Was würde mir das bringen?«

»Vielleicht ein paar Antworten; vielleicht aber nur noch mehr Fragen! Aber was hast du auch schon zu verlieren?«

Er hatte recht. Was hatte ich schon zu verlieren?

Vielleicht dein Leben?

Es war wieder die Stimme in meinem Kopf, doch es war nicht diese männliche Stimme, die ich kurz vor meinem Aufbrechen gehört hatte. Es war meine eigene Stimme. Es war die Stimme meines Verstandes. Diese Stimme wusste genau, dass ich der Versuchung, die Darwin mir gerade gegeben hatte, nicht standhalten würde.

Mein Buch kribbelte merkwürdig als ich den Namen des Fuchses in Gedanken aussprach. Hatte ich ihm etwa schon verziehen?

»Ich vertraue dir!« Meine Zunge war schneller gewesen als meine Gedanken. Doch sie hatten recht. Ich musste ihm einfach vertrauen. Er hatte vielleicht doch Antworten auf all die Fragen, dir mir immer öfter durch den Kopf schwirrten.

»Es freut mich das zu hören!«

»Hast du ein paar Antworten auf meine Fragen?«, sagte ich.

»Kommt ganz auf die Frage an«, war seine Antwort. Ich musste schmunzeln. Genau diese Art von Humor mochte ich am liebsten. Selbst wen es die eines Fuchses war.

»Warum verstehe ich dich? Warum sprichst du und ich höre jedes einzelne Wort, jeden Laut, den du von dir gibst?«

Es war die erste Frage, die deutlich aus dem ganzen Gewirr an Fragen hervor stach, welches mir im Kopf umher schwirrte. Ich hatte mich das in den letzten Tagen oft gefragt. Warum konnte ich ihn verstehen? So weit mir bekannt war, gab es niemanden, den ich kannte oder von dem ich gehört hatte, der ebenfalls Tiere verstehen konnte. Es musste etwas sehr seltenes sein.

»Das ist leider eine Frage auf die ich dir keine vernünftige Antwort geben kann. Ich muss zugeben, dass ich es nicht weiß. Mir ist noch nie etwas vergleichbares untergekommen. Ich habe noch nie davon gehört, doch ich bin mir sicher, dass es mit dem Schlüssel zu tun hat.«

Diese Antwort half mir nicht unbedingt weiter, doch es war eine Antwort. Die Antwortet eines anderen, nicht die eigene, die ich mir immer gebildet hatte.

»Was hat es mit dem Schlüssel auf sich?«

Wieder zuckte er mit den kleinen Schultern. Es war so ungewöhnlich das zu sehen. All diese Bewegungen, die er machte, kannte ich bisher nur von Menschen. Es sah einfach nur komisch aus, wenn er sie machte.

»Darauf kann ich dir, so leid es mir auch tun, wieder keine Antwort geben. Aber es ist unsere Aufgabe es in den nächsten Tagen heraus zu finden.«

Welche nächsten Tage? Ich hatte mir beim besten Willen nicht vorstellen können, dass es nächste Tage gibt. Nervös faltete ich die Karte, die ich immer noch in der Hand hielt, auseinander und wieder zusammen.

»Du musst etwas wissen. Als du mich überfallen hast«, ich betonte das überfallen besonders, damit er merkte, wie sehr er mich damit erschreckt hatte, »habe ich den Schlüssel verloren. Du bist darauf zu gestürzt und dann davor zurück geschreckt.« Erwartungsvoll schaute ich ihn an. Er musste einfach etwas wissen. Warum hatte ich sonst zu ihm kommen sollen?

»In diesem Moment war ich nicht ich selbst. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Vielleicht war es die Tatsache, dass du ein Mensch bist?« Sein Gesicht hatte sich zu einer ernsten Maske verwandelt.

Vielleicht war es die Tatsache das du ein Mensch bist? Dieser Satz machte mich nachdenklich. War es ihm zu verübeln, dass zu denken? Wohl eher nicht. Wir waren Menschen, die natürlichen Feinde eines Fuchses. Welche feinde, als uns, hatte ein Fuchs noch zu befürchten? Wir machten Jagd auf diese Tiere, wegen ihren Fells oder einfach nur weil es Spaß macht. Ich hatte noch nie etwas für die Jagd übrig gehabt, doch in diesem Moment verabscheute ich die mehr als jemals zuvor.

Ich wollte das Thema wenden und entschied mich weiter Fragen zu stellen. »Was hat die ganze Sache mit dem Greif zu tun? Du sagtest, dass ein Greif nicht ohne Grund kommt.«

Darwin wirkte einen Moment als wüsste er nicht so recht was ich meinte, doch dann fing er sich wieder und antwortete mir. »Es stimmt; ein Greif kommt nie ohne ernsten Auftrag. Man kann es in den alten Büchern lesen, die vor langer Zeit, sehr lang vor unserer eigenen Zeit, geschrieben wurden. Darin heißt es, dass ein Greif immer mit einer wichtigen Botschaft kommt. Wenn er kommt, dann ist es von höchster Wichtigkeit. Man sollte seine Botschaften nicht links liegen lassen.

Was hat er die überreicht. Außer dem Schlüssel natürlich. Ich bin neugierig. Erzähl es mir.«

Ob ich ihm die Sache mit den Briefen sagen sollte? Ich wusste nicht so recht. Andererseits konnte es mir auch nicht schaden, wenn ich es ihm sagen würde.

»Ich hab noch einen Brief bekommen, in dem stand Geh zum Fuchs. Ich dachte erste, dass ich auf dem Arm genommen wurde, da du mich eher umbringen, als mir deine Hilfe anbieten wolltest. Ich hab ihn also ignoriert. Aber dann kamen jeden Tag diese Briefe in denen dieser eine Satz stand. Es wurden, von Tag zu Tag, immer mehr. Irgendwann wurde ich regelrecht dazu gezwungen ihnen zu folgen. Heute jedoch bekam ich nur einen einzigen. Er war anders. Auf ihm stand kein Absender, ebenso wie auf den anderen Briefen, doch ein roter Stempel in Wachs diente als Verschluss. Das war bei den anderen Briefen nicht der Fall. Ich hab ihn mit, wenn du ihn mal sehen möchtest.«

Ohne auf seine Antwort zu warten holte ich den Brief aus meiner Tasche und überreichte ihn Darwin.

Läuft doch bestens!

Ich musste grinsen als ich die, mir inzwischen vertraute, männliche Stimme in meinem Kopf hörte. Sie hatte mich also die ganze Zeit über belauscht. Ein schauriger Gedanke und doch beruhigend.

Mein Blick fiel wieder auf Darwin, der das Wappen fast mit seiner Nasenspitze berührte, so nah hielt er sich den Brief vor das Auge. Eingehend studierte er den Brief. Drehte und wendete ihn in alle möglichen Richtungen. Öffnete ihn, schaute hinein, untersuchte das Papier, die Schrift. Denn mich nicht alles täuschte musste er den Brief nun vollkommen auswendig können. Als er alles untersucht hatte, schaute er auf.

»Ich habe noch nie etwas in der Art gesehen. Das Wappen kenne ich nicht. Ich habe es noch nie gesehen. Ein L -« Er fuhr mit einer Pfote über den Stoff des Sessels, mit der anderen hielt er sich weiter den Brief vor die Nase. »Ich kenne mich mit Wappen eigentlich ziemlich gut aus, aber das hier ist mir absolut neu. Warum habe ich es nur noch nie gesehen?« Letzteres war mehr an sich selbst gerichtet.

»Was machen wir jetzt?«, fragte ich ungeduldig. Wir saßen nun schon eine Weile hier, und überlegten, doch uns viel nichts weiter zu den Briefen ein.

»Wir könnten in die Bibo gehen und da nachsehen, ob wir etwas finden.«

Verdutzt schaute ich ihn an. »Wohin gehen wir?« Ich hatte dieses Wort noch nie gehört.

»In die Bibliothek. Warum?«

Diese Abkürzung hatte ich zuvor noch nie gehört. Für mich war eine Bibliothek eine Bibliothek und keine Bibo. Ich schüttelte den Kopf um Darwin zu verstehen zu geben das es egal sein.

»Du kannst man die Karte wieder in die Hand nehmen. Ich zeig dir da mal was.«

Ich tat wie mir gesagt wurde. Durch das ständige auf und zuschlagen der Karte, und durch die Bewegungen, die ich die ganze Zeit über mit meinen Händen gemacht hatte, war die Karte zu Boden gefallen und ich hatte sie ganz vergessen. Ich hob sie wieder auf und faltete sie auseinander.

Darwin sprang von seinem Sessel und kam zu mir herüber. Er sprang auf die Armlehne und machte es sich dort gemütlich.

»Was ist das für eine Karte?«, fragte ich ihn, als er es sich gemütlich gemacht hatte.

»Das ist der Plan meines Baus. Vielleicht brauchst du ihn ja, aber ich denke nicht, dass du ihn lange benötigen wirst. Mein Bau ist relativ überschaubar, wenn man ihn erst einmal gesehen hat.« Er hob eine Pfote und strich das zerknitterte Papier auf meinen Beinen glatt.

»Schau sie dir erst einmal genau an!«, forderte Darwin mich auf.

Ich gehorchte. War ich williger geworden? Es war eigentlich nicht meine Art, alles zu tun, was mir aufgetragen wurde.

Konzerntrier dich!

Ich schüttelte den Kopf und schaute angestrengt auf die Karte.

In der unteren linken Ecke war die große Eingangshalle abgebildet. Eine schöne Handschrift, in der Mitte der Halle, zeichnete diese aus. Es waren die drei Gänge angeknüpft, durch dessen ersten wir gelaufen (oder sollte ich besser sagen gezerrt) waren. Hier hing der wunderschöne Kronleuchter,. Der zweite und mittlere Gang führte in einen kleineren Raum, an den drei weitere Gänge angeschlossen waren. Einer davon, der rechte, führte in eine riesige Bibliothek. In diese würden wir wohl gleich gehen. Die Bibliothek war drei Mal so groß wie der Raum in dem ich mich gerade befand. Die beiden anderen Gänge führten in Räume, die, wie ich erkennen konnte, eine Art Küche war, mit einer Feuerstell und einem Tisch. Der andere Raum war ein Speiseraum, in dem Darwin wohl all seine Lebensmittel für den Winter aufbewahrte. Oder generell alles zum Leben darin lagerte.

Ein Raum jedoch, und das viel mir erst eben auf, war mit einem großen Schloss versehen. Es war der Raum der an den dritten Gang anschloss, der von der Eingangshalle ausging. Der Raum war von einer Eisenkette umschlungen und ein Schloss hing davor. Ich konnte nicht erkennen was darin war. Es war rein gar nichts abgebildet, was mir hätte sagen können was sich hinter der Kette befand. Was da wohl drin ist? Es machte mich sofort neugierig. Warum ist dieser Raum verschlossen? Warum kann ich nicht erkennen was darin abgebildet ist

»Was befindet sich hinter diesen Ketten«, fragte ich, wobei ich mir große Mühe gab meine Neugierde zu verstecken.

»Nichts.« Darwins Stimme war kalt und ohne Leben. Ich zuckte zusammen als ich dieses Wort hörte. Genau diesen Ton hatte er angewendet als er mich gejagt hatte.

»Wir gehen jetzt am besten in die Bibliothek.«

»Wie spät ist es eigentlich?«, fragte ich. Wir saßen doch schon eine ganze Weile hier. Ich musste doch sechs Uhr zuhause sein.

»Für uns hat Zeit keine Bedeutung«, sagte Darwin und sprang von meiner Armlehne.

Ich zog mein Handy aus meiner Umhängetasche und erhellte das Display. Sechs Uhr fünfundzwanzig zeigte mein Handy an.

»Ach du Schande; ich muss los. Mum reist sich bestimmt schon die Haare aus vor Sorgen.« Ich sprang ebenfalls auf.

»Ich bring dich heim.« Darwin schien wieder erfreut zu sein. Gemeinsam liefen wir durch den wurtzelgestützten Gang und hinein in die Eingangshalle.

»Den Eingang werde ich bei Gelegenheit vergrößern. Ich glaube die passt da kaum durch.«

Glaubte er das wirklich? Ich konnte mir ein sarkastisches Lachen nicht verkneifen.

»Wenn du mich nicht umbringen willst, dann wäre das vielleicht doch keine so schlechte Idee«, antwortete ich.

»Leg dich bitte hin und beweg dich nicht«, sagte er zu mir. Ich steckte den Schlüssel und die Karte in meine Tasche, welches ich beides noch in der Hand hielt. Danach legte ich mich auf den Boden, legte meine Hände an meinen Körper und hielt die Luft an. Darwin packte mich am Kraken meiner Jacke und zog mich hinter sich her auf dem Bau. Draußen lies er mich wieder los und ich konnte aufstehen. Notdürftig klopfte ich meine Jacke aus und wir liefen nach hause.

Darwin lief bis an den Waldstück hinter unserem Haus mit, obwohl, wie er sagte, das nicht mehr sein Revier sei. Er schien sich nicht vor seinem scheinbaren Rivalen zu fürchten.

»Ich kann ja morgen wieder kommen. Also am Nachmittag. Da können wir ja nach dem Schlüssel suchen«, schlug ich vor. Darwin willigte ein und ich verabschiedete mich von ihm.

Mum empfing mich an der Haustür, fragte aber nicht wo ich gewesen war. Ist mir auch recht. Auf die Schnelle wäre mir keine passende Ausrede eingefallen. Jedoch bleib mir die Predigt über meine schmutzige Jacke nicht erspart. Ich erfand eine wirklich schlechte Lüge und brummte etwas, das wie hingefallen klang, vor mich her, als sie mich danach fragte.

Am Tisch saßen schon alle und warteten auf mich.

»Wo bist du gewesen, Mann«, fragte Hayley als ich in die Küche kam.

»Ich war bei Alice; hab ich dir doch gesagt!«

»Aber du hast nicht erwähnt, dass du erst so spät zurück kommst!«, konterte sie vorwurfsvoll.

Ich drehte mich um und schaute auf die Uhr, die genau über dem Herd hing.

»Es ist kurz vor sieben. So spät ist das auch wieder nicht. Außerdem ist mit nichts passiert. Jetzt beruhige dich mal wieder.« Wie konnte sie nur wegen so etwas einen Aufstand machen? Ich verstand es nicht.

»Wenn ich das früher gemacht hätte, dann hätte Mum mir aber die Hölle heiß gemacht, sag ich dir«, schaltete sich Taylor in das Gespräch ein. »Sie hätte mich eine Woche lang nicht mehr nach draußen gelassen.« Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Denn er von der Vergangenheit und seinen schrecklichen Erlebnissen sprach, musste er immer lachen. Ob ich das später auch mal machen würde?

»Jetzt übertreibst du aber«, verteidigte sich Mum, »wenn dann wäre es nur eine halbe Woche gewesen!«

Bei diesen Worten brachen wir alle in schallendes Gelächter aus. Dad verschluckte sich beinahe an seinem Orangensaft.

»Okay, gut jetzt«, sagte Mum, obwohl sie selbst noch am meisten lachte »lasst uns jetzt endlich anfangen mit essen. Mein Magen rebelliert schon.«

Wir versuchten nicht mehr so heftig zu lachen, doch es gelang uns erst nach einigen Minuten damit aufzuhören.

Ich schlang mein Essen so schnell wie nur möglich hinunter, denn ich wollte in mein Zimmer verschwinden, und über den Tag nachdenken. Es war so viel passiert, was ich mir einfach nicht erklären konnte. Ich würde es auch nicht schaffen diese Fragen zu beantworteten, doch ich würde sie sortieren.

Als ich aufgegessen hatte entschuldigte ich mich mit der Ausrede müde zu sein und verschwand nach oben. Jos lief mir freudig hinterher. Ach, ich liebte diesen kleinen süßen Hund einfach abgöttisch. Seine Pfoten streiften die Treppe nur ganz leicht; es sah so aus als würde er über jede Stufe schweben.

In meinem Zimmer setzte ich mich auf meine Fensterbank. Ich schlang mir Decken um den Körper und streichelte Jos, der sich neben mich gelegt hatte.

»Manchmal wäre es wohl doch besser ein Hund zu sein, nicht wahr?« Jos hob den Kopf als ich das sagte und schaute mich mit müden Augen an.

Warum könnte ich Jos eigentlich nicht verstehen? Der Gedanke schoss mir in den Kopf, als ich mich fast in seinen Knopfaugen zu verlieren drohte. Warum hatte ich jeden Laut, den Darwin von sich gegeben hatte, verstanden, aber keinen einzigen von Jos? Ich fand keine Antwort darauf und verwarf sie einfach. Vielleicht verstand ich einzig und allein Darwin.

Der Himmel war rabenschwarz. Man konnte nur vereinzelt Sterne funkeln sehen. Früher hatte mir meine Mum immer erzählt, dass die Sterne zu Boden fallen würden und einem dann den Weg weißen. Manchmal wünschte ich, dass es wirklich so wäre. Das sie mir jetzt den Weg weißen würden. Morgen würde ich zwar zu Darwin gehen, und hatte damit eigentlich einen Weg, doch ich fühlte mich nicht hundertprozentig sicher damit. Was sollte ich nur tun? Wo war mein Wegweiser?

Jos hob wieder verträumt den Kopf und schaute mich neugierig an. Ich fuhr ihm über das kurze Haar.

Er hatte es einfach. Ich wünschte mir manchmal einfach so ein Leben wir er haben zu können. Ganz besonders jetzt.

In dieser Nacht durchlebte ich den vergangenen tag unzählige Male. Ich sah immer wieder Darwins Zähne. Wie er mich umbringen wollte und wie er dann auf den Schlüssel sprang; wie er mich in seinen Bau schleppte und wie er mir am Ende die Hand gab und sich mit mir versöhnte. Jedes Mal, wenn der Traum fast zu ende war, flammte der Schlüssel vor einem weißen Hintergrund leuchtend rot auf. Dann begann alles wieder von vorn.

Als ich am nächsten Morgen auf stand, war der Himmel immer noch rabenschwarz. Ich schaute auf meine Uhr. Rote Lampen projizierten mir die Uhrzeit in die Luft. Es war genau sechs Uhr. Gleich würde mein Wecker klingeln. Ich hatte ihn immer auf fünf nach um eingestellt. Denn er schallte bleib einem nichts anderes übrig als aufzustehen. Es war einfach ein ohrenbetäubendes Geräusch. Ich schaltete den Alarm aus und schälte mich aus meiner warmen Decke.

Ich schaffte es gerade noch so den Bus zu bekommen. Ich hatte getrödelt und meine Strafe bestand nun darin, den ganzen Weg bis zur Bushaltestelle zu rennen. Vollkommen erschöpft kam ich an und sprintete die letzten Meter in den Bus hinein, bevor er weiter fuhr.

Ich regte den Hals in alle Richtungen bis ich Alice sah. Sie hielt mir wie immer einen Platzt frei.

»Morgen, Maddie«, begrüßte mich Alice vergnügt.

»Hi«, antwortete ich ihr keuchend. Mehr hatte ich nicht heraus gebracht. Ich war noch zu erschöpft.

»Sag mal, hast du eigentlich die große Hausaufgabe in Biologie?« Musste sie mich immer gleich mit Hausaufgaben belagern, wenn ich in den Bus stieg?

Aber Hausaufgabe? Biologie?

Das. War. Schlecht.

Warum hatte ich das nicht gewusst?

»Oh, bitte sag mir nicht, dass du sie nicht hast!« Alice hatte meinen Gesichtsausdruck bemerkt und schaute mich bemitleidenswert an.

»Welche Hausaufgabe?«, flüsterte ich. Angst schwang in meiner Stimme mit. Ich hasste es, wenn ich meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Mein Bauch fühlte sich dann immer so komisch an, als würde ein Krieg darin wüten und man bekam alles gegen die Bauchdecke.

»Mr Adams wird dir was tun, wenn du sie nicht hast. Ich kann sie dir gern geben, damit zu abschreiben kannst!«, bot Alice mir an. »Wenn du es schaffst das ganze bis zur nächsten Stunde fertig zu bekommen, dann kommst du vielleicht noch davon.«

Bis zur nächsten Stunde? Wir hatten gleich in der ersten Stunde Biologie. Allein das war ein Grund nicht in die Schule zu gehen, denn Mr Adams konnte mich nicht leiden, seit dem Moment, als ich zum ersten Mal in sein Zimmer kam. Er hatte selbst Taylor und Hayley verachtet, und dass nur, weil Taylor immer solch einen Mist bei ihm gebaut hat. Mr Adams glaubt wahrscheinlich das bei uns beiden, Hayley und mir, auch nicht alles stimmt, aber da irrt er sich. Ich glaube, dass Mr Adams seinen Frust von Taylor an uns auslässt, um irgendjemanden für Taylors Taten zu bestrafen.

Ich konnte schon vor mir sehen, wie er mich vor der ganzen Klasse zur Schnecke machte. Herablassend!

Mein Tag war gelaufen. Ich sackte in meinem Sitz zusammen.

»Danke für das Angebot, aber wir haben in der ersten Stunde Bio. Das schaff ich nicht mal, wenn es nur eine kleine Hausaufgabe wäre.«

Die Aufgaben, die uns Mr Adams immer für zuhause mitgab, erforderten meistens eine Antwort, für die man ein ganzes Blatt vollschreiben musste.

»Ja, aber -«

»Ist nicht so schlimm, Alice. Das muss ich jetzt über mich ergehen lassen.«

Der Bus fuhr um die nächste Kurve und ich damit einer Biologiestunde entgegen, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Alles was ich mir im Bus schlimmes ausgemalt hatte, bewahrheitete sich in der ersten Stunde. Ich betrat schon betrübt das Zimmer. Mr Adams saß auf seinem Drehstuhl am Lehrerpult. Der Stuhl war beängstigend in die Tiefe gegangen. Ich hatte mich in fast jeder Stunde gefragt, wann dieser Stuhl endlich zusammenbrechen würde.

Ein hässliches grinsen breitete sich auf Mr Adams' Gesicht aus, als er mich die Tür hinein gehen sah.

Ich setzte mich an meinen Platzt in der letzten Reihe neben Alice. Am Anfang des Schuljahres hatte sie sich noch besträubt, sich hier hinter zu setzten. Doch jetzt war sie mir unheimlich dankbar, denn Mr Adams hielt sich meist im vorderen Teil des Zimmers auf. Man konnte nicht mehr sagen das er dick war. Er war einfach nur noch fett. Es wunderte mich jedes Mal wieder aufs neue, das er für diesen Job zugelassen wurde.

Als die Stunde begann wuchtete er sich aus seinem Stuhl und stellte sich vor die Klasse.

»Morgen, ihr Rotznasen.«

Die ganze Klasse lies ein betrübtes »Morgen« von sich hören und setzte sich dann sofort wieder.

»Die Hausaufgabe bitte. Ich sammle sie ein.« Bei diesen Worte ruhte sein Blick ununterbrochen auf mir.

Er wusste, dass ich sie vergessen hatte. Ich sah es ihm genau an. Er wollte sich einen Spaß daraus machen, mich zu demütigen.

Es bebte der Boden, bei jedem Schritt den er tat. Uns mit jedem Schritt kam er näher. Als er bei uns angekommen war, stellte er sich in seiner vollkommenen Größe vor unserem Tisch auf. Alice überreichte ihm mit zitternden Händen ihren Hefter, den sie extra angelegt hatte.

Als wüsste er nicht, dass ich sie nicht habe, steckte er seine fleischigen Hände nach meiner Arbeit aus.

»Ich hab sie nicht«, sagte ich deprimiert.

»Ah, unsere Madam hat keine Hausaufgabe«, antwortete er provokativ auf mein Geständnis. Er sagte es so laut, dass jeder in der Klasse es hörte und sich augenblicklich umdrehte, um ja nichts zu verpassen. Warum liebte es jeder Schüler, wenn ein anderer zu Schnecke gemacht wurde?

Ich spürte wie mir die Schamesröte ins Gesicht schoss.

Schrecklicher Moment!

Darauf hatte Mr Adams bestimmt schon lange gewartet. Ich hatte ihm ja nie eine Gelegenheit dazu gegeben.

Er schob seinen ekligen Bierbauch über unseren Tisch und lies ihn dann geräuschlos darauf fallen. Entsetzt rutschte ich ein Stück nach hinten. »Wir haben es wohl mittlerweile gar nicht mehr nötig unsere Hausaufgaben zu machen, was?«

Ein widerliches Grinsen setzte sich auf sein Gesicht und lies seinen Schnurrbart tanzen.

»Wissen Sie was ich mit Schülern mache, die ihre Hausaufgaben nicht machen?«, fragte er und beugte sich zu mir herunter. Übler Mundgeruch schoss mir entgegen und drehte meinen Magen um hundertachtzig Grad.

»Nachsitzen!«, antwortete ich und versuchte dabei so gelassen wie nur irgendwie möglich zu klingen. Ich legte einen Arm über meinen Kopf, so das mich sein Mundgeruch nicht so sehr umhauen kann, wie er beabsichtigt.

»Wenigstens, weiß unsere Miss Superschlau solche Dinge, anstatt ihre Hausaufgaben zu machen. Ich sehe Sie heute Nachmittag 14 Uhr in meinem Büro, und keine Tricks. Ich werde deine Eltern benachrichtigen das du hier bleibst«

»Aber ich -« Bei dem Gedanken, dass ich damit erst später zu Darwin konnte wurde mir ein weiteres mal übel. Was hatte dieser Mann nur für einen Mundgeruch? Einer Zahnbürste war er wohl nie in seinem Leben begegnet!

»Kein Wiederwort; haben wir uns verstanden?« Seine Wurstfinger bohrten sich durch die Luft zu mir durch. Kurz vor meinem Gesicht stoppte er. »Haben wir uns verstanden?«, wiederholte er noch lauter, als ich nicht antwortete.

»Jawohl!« Es viel mir äußerst schwer dieses Wort aus meinem Mund zu bringen. Sollte er doch dahin gehen, wo der Pfeffer wächst.

Als er sich von mir abwendete, und seinen Bauch wieder von unserem Tisch nimmt, höre ich ihn noch leise zu sich selbst sagen: »Freu mich schon drauf.«

Ja, ich mich auch, wissen sie? Sie alter hinterhältiger Stinkstiefel.

Eine dünne Fettschicht hat sich dort abgesetzt, wo sein Bauch gelegen hat. Alice und ich schauen uns an und verziehen unser Gesicht. Es ist einfach nur eklig, dass dieser Mann nicht einmal den Anstand hat, sich ein ordentliches Hemd zu kaufen, welches auch seinen kompletten Bauch verdeckt.

Als es 14 Uhr war stand ich vor Mr Adams Büro. »Herein«, ertönte es von drinnen, als ich anklopfte.

Ich trat ein, und sofort kam mir ein widerlicher Geruch aus Schweiß und Deodorant entgegen geflogen. Er haut mich fast um, aber ich versuche die Fassung zu bewahren und trat ein. Das Büro ist vollgestopft mit Regalen in denen viele Sachbücher über die Natur, Tiere und Menschen stehen. An der Wand hingen einige Fotos von Schülern unserer Schule, auf denen auch Mr Adams zu sehen war. Wahrscheinlich seine Lieblingsschüler. Ich würde da wohl nie hängen, worauf ich aber auch gerne verzichten kann. Wenn ich die Schule hinter gelassen haben werde, werde ich stolz auf mich sein, wenn ich dort nicht hänge.

Mr Adams saß hinter seinem Schreibtisch. Sein Bauch klebt am Schreibtisch fest. Ich schaue schnell weg, da sich mein Mittagessen sonst wieder melden würde.»«

»Madeline Jhons, schön Sie zu sehen.« Er genoss es sichtlich, mich hier zu haben und mir Nachsitzen aufzudonnern.

»Ganz meinerseits«, erwiderte ich sarkastisch. »Es freut mich ganz besonders, den Nachmittag heute mit ihnen zu verbringen.« Ich hatte schon befürchtet, dass es allein für diesen Satz einen ganzen Nachmittag Nachsitzen gab, doch er ignorierte meinen letzten Satz vollkommen.

»Wir sind hier zum Nachsitzen Miss Jhons! Ich bin Ihr Lehrer, wenn ich Sie daran erinnern darf«, meint er bissig »Da möchte ich entweder mit Mr Adams, oder mit Sir angeredet werden. Verstanden?«

Na mit Sir werde ich sie auf keinen Fall anreden, dachte ich bei mir. Ich war kurz davor diese Worte laut auszusprechen, doch ich verkniff es mir im letzten Moment. Die Folgen dieser Aussage möchte ich mir im Traum nicht ausmalen.

Ich nicke. »Jawohl, Mr Adams!«

»Gut. Dann können wir ja anfangen«, meinte er und schwang sich ungeschickt aus seinem Bürostuhl. Er schwang sich um seinen Schreibtisch herum und lief auf einen kleinen Schultisch, welcher in jedem Klassenzimmer vorzufinden war, zu. Auf dem Tisch lag ein Buch. Ein Buch über unser momentanes Thema in Biologie. Mutation und Mudifikation.

Wie ich dieses Thema liebe!

Wahrscheinlich handelte auch die Hausaufgabe davon und ich darf sie jetzt hier machen.

»Setzt Sie sich«, sagte Mr Adams forsch. Ich tat was er sagte und lies mich auf den Stuhl fallen.

»Da Sie es nicht im mindesten für nötig empfindest, deine Hausaufgaben zu machen, wirst du sie hier gewissenhaft nachholen. Ich habe Ihre Eltern benachrichtigt. Ich habe sie über Ihre Stundendisziplin informiert. Ebenso wie über Ihre Einstellung zu Ordnung und Fleiß. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie heute nicht sehr herzlich empfangen werden.«

Für was hielt der sich eigentlich? Und warum zog er da meine Eltern mit hinein. Das hier war eine Sache zwischen ihm und mir.

Außerdem, warum dachte er, dass ich nicht herzlich begrüßt werde? Hielt er meine Eltern für Barbaren?

»Ihre Eltern wurden darüber informiert, dass es estwas länger dauern wird. Ich gebe ihnen maximal zwei Stunden.«

Zwei Stunden? Wie sollte ich das schaffen? Das Blatt, dass vor mir lag, umfasste fünfzehn Aufgaben, die mehr als einfach aussahen.

»Ich habe mein Buch im Schließfach. Wären Sie so nett, und würden es mich holen lassen?«, fragte ich mit zuckersüßer Stimme.

»Seh ich so aus?«

Natürlich nicht!

»Sie befinden sich hier in einer schulischen Einrichtung. Nicht bei Wünsch dir was! Aber ich will nicht so streng mit Ihnen sein. Immerhin möchte ich Ihnen eine Chance geben. Sonst wären Sie hoffnungslos verloren, so wie es sich an Ihren Noten ablesen lässt.

Nehmen sie, was sie finden können. Die Zeit läuft ab«, er schaute auf seine protzige Uhr »jetzt.« Mit diesen Worten drehte er sich um und lies sich wieder in seinen Drehstuhl fallen. Er knackte beängstigend.

Sofort sprang ich von meinem Stuhl auf und rannte in Mr Adams' Büro umher. Wie sollte ich in diesem Wirrwarr das richtige Buch finden?

Ich lief auf das riesige Bücherregal zu. Zu meinem Glück war alles nach Klassen nummeriert. Ich griff in das richtige Regal und holte unser Biologiebuch heraus.

Mr Adams beäugte mich kritisch. Er verunsicherte mich zutiefst. Aber genau das wollte er doch erreichen. Jedoch würde ich ihn daran hindern.

Mit erhobenem Haupt lief ich zurück zu meinem Tisch. Das Buch fest unter meinen Arm geklemmt. Mr Adams machte sie eine Notiz in sein Heft. Als ich saß holte ich mein Mäppchen aus meinem Ranzen. Ich schlug das Buch auf und legte los. Je mehr Aufgaben ich ausfüllen konnte, desto sicherer wurde ich mir, bei dem was ich schrieb. Ich arbeitete die vollen zwei Stunden durch und gab mir keine pause. Mein Magen fing, gegen Ende der gegebenen Zeit, an sich zu melden, doch ich ignorierte ihn einfach. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie ein hämisches Grinsen über Mr Adams Gesicht wanderte.

Am Ende schmerzten meine Finger. Sie brannten und waren verkrampft. Doch ich war stolz auf mein Werk. Ich hatte volle vier Seiten geschrieben. Allerdings war ich nicht fertig geworden. Drei Aufgaben fehlten mir.

»Ihre Blätter«, forderte Mr Adams schroff. Er hielt seine dicken Finger in meine Richtung. Ich übergab ihm meine Blätter. Als er sie sah weiteten sich seine Augen für einen Moment, doch dann wurde sein Gesicht wieder ausdruckslos.

»Verschwinden Sie.«

Ich lies mir das nicht zweimal sagen und verschwand ohne ein Wort aus der Tür. Als ich sie geschlossen hatte, hörte ich wie Mr Adams hinter mir zu fluchen anfing. Jedoch machte ich mir nicht die Mühe etwas zu verstehen.

Jetzt musste ich an nichts schulisches mehr denken. Ich war frei, was meine Gedanken anging. Denn meinen Kopf hatte ich den restlichen Tag nicht mehr frei bekommen. Immer musste ich an Darwin denken.

Andauernd hatte ich aufpassen müssen, dass mich meine Lehrer nicht bei meiner Träumerei erwischten. Alice musste mich ziemlich oft davor bewahren gegen jemanden zu laufen. »Wo bist du nur heute mit deinen Gedanken«, fragte sie mich jedes Mal. Ich gab ihr nie eine wirklich sinnvolle Antwort, da ich schon wieder bei Darwin war.

Ich hatte den Schultag ohne Verletzungen hinter mich gebracht (abgesehen von der Tatsache, dass ich bei Mr Adams nachsitzen musste), was mich im Nachhinein wunderte.

Ich durchquerte die Eingangshalle der Schule und lief nach draußen.

»Mensch, Maddie. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass dir was passiert sein könne, aber dann hat Alice mir gesagt das du zu Mr Adams musst. Wie schlimm war es?«

Ich hatte Hayley nicht gesehen. Sie saß auf einer der Bänke vor der Schule. Ihre Haare waren zerstrupelt und sie wirkte müde.

»Na wie immer eben. Warum bist du nicht nach hause gegangen? Du musst doch nicht auf mich warten.«

»Ich weiß nicht! Aber jetzt lass uns gehen. In fünf Minuten fährt der nächste Bus. Den schaffen wir noch.«

Wir stürzten los und schafften den Bus tatsächlich noch. Der Bus war nicht so sehr gefüllt, wie zur üblichen Zeit. Hayley und ich redeten die ganze Fahrt über über Mr Adams. Er bekam sein Fett ordentlich weg.

Der Bus hielt und wir stiegen aus. Und damit fing die Qual an. Meine Nerven wurde von Mr Adams strapaziert. Doch Hayley musste mich unbedingt fragen: »Wo warst du wirklich gestern?«

Ich hatte ihr doch eindeutig gesagt, dass ich bei Alice war.

»Ich war bei Alice«, sagte ich eindringlich. Es wunderte mich, dass sie das vergessen hatte.

»Du willst mich wohl verarschen, oder? Ich hab doch dein Zucken gesehen, als du es gestern am Abendbrottisch gesagt hast. Ich kenn dich Maddie; du warst nicht bei Alice!«

Ein Lachen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Wer ist er?«, fragte sie hibbelig.

Dachte sie das wirklich? Das ich bei einem er war?

Na gut, ich konnte diese Tatsache nicht wirklich leugnen. Ich war bei einem er, aber nicht bei so einem, wie sie es meinte. Irgendwie fand ich es lustig, dass sie das dachte. Ich konnte mir ebenfalls ein Lachen nicht verkneifen.

»Ich war bei Alice«, beharrte ich. »Und es gibt keinen er, wie du ihn dir denkst!«

»Dann gibt es also doch einen er, nur nicht so wie ich ihn meine? Ich hab dich durchschaut, Schwesterherz.«

»Hast du nicht. Es gibt überhaupt keinen er. Und jetzt hör auf mit der Fragerei. Ich will mich nicht über so etwas unwichtiges mit dir reden.«

Ich weiß, dass es schroffer klang als ich es beabsichtigt hatte, aber ich konnte meine Worte nicht zurück nehmen. Sie waren gesprochen.

»So etwas nennst du unwichtig? Das wird einmal dein ganzes Leben bestimmen.«

Wo sie recht hat hat sie recht. Dennoch liesen wir dieses Thema fallen.

»Ich glaube dir trotzdem nicht, dass du bei Alice warst.«

»Du wirst mich jetzt den ganzen Weg damit nerven, oder?« Ich befürchtete schon das Schlimmste. Denn Hayley eins konnte, dann einen so lang tot quatschen, bis er nicht einmal mehr atmen konnte.

»Jup!«

Sie hielt, was sie versprach. Die nächsten zehn Minuten war ich ihr Opfer. Als wir das Haus betraten taten mir die Ohren weg. Sie hatte so beherzt auf mich eingeredet, dass ich kein einziges Wort mehr hören wollte.

Mum hielt die Tür auf und begrüßte uns beide mit einem Kuss auf die Wange.

»Na los kommt rein, das Abendbrot ist schon fertig.«

War es wirklich schon so spät? Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz nach sechs. Hatte ich wirklich so lange in der Schule gesessen? Ungläubig betrat ich unser Haus.

Drinnen setzten wir uns sofort an den Tisch. Mein Magen knurrte immer noch. Diesmal kräftiger als zuvor.

Ich kam fast um vor Hunger.

Darwin!

Wie hatte ich das nur vergessen können? Sofort überkam mich ein schlechtes Gewissen. Er hatte bestimmt schon den ganzen Nachmittag auf mich gewartet.

Ich schlang mein Essen so schnell wie ich konnte in mich hinein und verdrückte mich dann nach oben.

Ich betrat mein Zimmer und traute meinen Augen nicht.

 

Kapitel 8: Schlüsselzauber

Darwin saß auf meinem Fensterbrett. Zum Glück war Jos nicht hier, sonst hätte er gebellt wie niemals zuvor.

»Was hast du hier zu suchen?«, fragte ich ihn verblüfft und schloss schnell die Tür. Wie konnte er nur auf die Idee kommen in mein Haus zu spazieren und vor allem, wie kam er überhaupt hier her kommen?

»Ich musste einfach kommen! Ich hätte es nicht länger ausgehalten. Du bist ewig nicht gekommen und da dachte, dass sie dich geholt haben. «

Wovon redete er? Wer waren sie?

»Wovon sprichst du da überhaupt?« Ich war empört. Wie konnte er nur in mein Zimmer kommen? Denn ihn jemand gesehen hätte! Er wäre nur noch ein Häufchen Asche. »Versprich mir das du das nie wieder machst. Komm nie wieder unerlaubt in mein Zimmer!«

»Sie. Sie waren bei mir. Sie haben meinen Bau durchsucht. In jede Ecke geschaut, als ich geschlafen hatte. Ich hab sie gerochen. Ein widerlicher Geruch. Nach Alkohol und Zigaretten. Alles ist so wie es war, also vermute ich, dass sie nach etwas gesucht haben.

Ich hatte gedacht, dass sie bei dir sind. Das sie dich mitgenommen haben. Du kamst nicht. Weißt du eigentlich was für Sorgen ich mir gemacht habe?« Darwin klang ernsthaft besorgt. Sein Gesicht wie Sorgenfalten an der Stirn auf. Ich war gerührt. Er hatte sich tatsächlich Sorgen um mich gemacht, wobei wir uns doch noch nicht einmal richtig gut kannten.

»Aber wonach sollten sie denn gesucht haben? Entschuldige bitte wenn ich das sage, aber was sollten sie bei dir holen?« Ich war verwirrt. Wie konnte jemand bei Darwin einbrechen, kurz nachdem all diese merkwürdigen Dinge um mich herum geschehen sind?

»Sie haben nach dem Schlüssel gesucht! Eine andere Erklärung kann es dafür einfach nicht geben. Er muss sehr wertvoll sein. Hast du ihn noch?«

Sofort überrollte mich eine Hitzewelle. Hatte ich den Schlüssel wirklich noch? Ich rannte wie vom Blitz getroffen zu meinem Nachttischschrank und riss die oberste Schublade auf.

Der Schlüssel lag noch genau an der Stelle an der ich ihn hingelegt hatte. »Er ist noch da!«, rief ich vielleicht ein bisschen zu laut aus. Hoffentlich hatte mich keiner gehört. Wenn jetzt irgendjemand nach oben kommen würde? Nicht auszudenken.

Darwin kam herbei gerannt und schaute hinein. »Ist es auch wirklich der Echte? Könnte es nicht sein, dass sie den echten Schlüssel heraus genommen und durch einen anderen ersetzt haben?«

Auf diese Idee war ich noch gar nicht gekommen. Doch sie war realistisch.

»Ich glaube nicht, dass das eine Fälschung ist. Jos war die ganze Zeit in meinem Zimmer. Er hätte gebellt, wenn jemand fremdes herein gekommen wäre, und dass hätte dann -«

Ich wurde unterbrochen.

»Madeline?«

Mum kam die Treppe nach oben. Sie hatte und doch gehört.

Panisch schaute ich mich um. Wenn sie Darwin sah, dass würde sie durchdrehen.

»Du musst hier sofort verschwinden. Meine Mum kommt. Wenn sie dich sieht, dann kann ich für dein Überleben nicht garantieren.«

In wenigen Sekunden würde sie in mein Zimmer kommen.

»Schnell. Unters Bett mit dir, und gib ja keinen Mucks von mir.« Ich hob meine Decke an, so dass Darwin unter mein Bett kriechen konnte. Ich lies sie so fallen, dass die den Raum unter meinem Bett vollkommen verdeckte.

Keine Sekunde zu spät, denn im nächsten Moment erschien meine Mum in der Tür.

»Mit wem sprichst du, Madeline?«

Ich konnte es nicht leiden, wenn sie mich so nannte. Sie sollte mich Maddie nennen.

»Mit niemandem!«, beharrte ich. Ich lief durch mein Zimmer und setzte mich auf meine Fensterbank. Ich musste so weit weg von meinem Bett, damit sie ja nicht darauf aufmerksam wurde.

»Ich hab doch genau gehört, dass du gesprochen hast. Für Selbstgespräche bist du ja noch ein bisschen zu jung, oder?«

Ich sah ihr an, dass sie mir nicht glaubte. Aus dieser Nummer kam ich also nicht mehr raus. Ich winkelte meine Beine an und legte meine Arme darum.

»Ich … ich hab mit Alice telefoniert.« Ich griff neben mich und hoffte insgeheim, dass dort mein Handy lag. Und ich hatte Glück. Ich hielt es in meinen Händen und hielt es meiner Mum entgegen. »Siehst du, hier liegt mein Handy.«

»Du weißt genau, dass ich dir nicht glaube. Ist hier jemand?« Sie drückte sich vom Türrahmen ab und lief in mein Zimmer. Warum konnte sie mir nicht glauben? War ich so leicht zu durchschauen?

Mum lief in meinem Zimmer umher. Sie schaute hinter jeden Schrank, der sich als Versteck bieten könnte. Nur mein Bett hatte sie noch nicht untersucht.

»Warum tust du das?«, fragte ich. Ich hatte doch wenigstens in meinen eigenen vier Wänden Privatsphäre verdient!

»Du weißt ganz genau warum ich das mache«, antwortete sie mir, während sie hinter mein Sofa schaute, »wir hatten das schon mal. Nur bei Hayley. Und was kam dabei heraus? Irgendein Typ hatte sich unter ihrem Bett versteckt.«

Ich konnte mich noch ziemlich gut daran erinnern. Hayley hatte drei Wochen Hausarrest bekommen. Ein riesiger Streit war ausgebrochen und Tyson (so hieß der Typ, der sich in ihrem Zimmer versteckt hatte) war roter als eine Tomate geworden. Ich erinnerte mich nicht gern an diesen Tag. Er war schrecklich gewesen, für jeden.

»Apropos Bett. Ich hab da noch nicht geschaut!«

»Mum. Langsam wird es echt blöd. Hier drin ist keiner. Find dich damit ab. Wenn, dann würde ich dir das sagen.«

»Genau so hatte Hayley das auch gesagt.«

Sie wollte wohl einfach nicht locker lassen.

Kann mir denn keiner helfen?

Alles wird gut werden. Ich bin bald bei dir!

Die Stimme. Sie hatte mich nicht verlassen. Sofort erfüllte mich eine bekannte Wärme, die mich immer überkam, wenn ich diese Stimme in meinem Kopf hörte.

Mum lief auf mein Bett zu und bückte sich. Sie hob meine Decke beiseite und schaute darunter. Sie drehte sich in alle Richtungen und schlug dann meine Decke wieder zurück. »Ich glaube dir!«, sagte sie felsenfest.

Sag ich doch!

»Auf einmal! Ich finde es immer so toll, wie sehr du mir vertraust, Mum. Das überrascht mich immer wieder.«

»Man kann nie vorsichtig genug sein, mein Schatz.« Sie erhob sich und kam auf mich zu. Ich hatte mich in der Zwischenzeit in die Mitte meines Zimmers gestellt und die Hände in die Hüfte gestemmt.

Mit offenen Armen lief meine Mum auf mich zu und nahm mich fest in die Arme. »Du hast ja keine Ahnung wie sehr ich dich liebe, meine kleine Maddie.«

Wurden wir jetzt gefühlsduselig?

Ich bin doch schon … ach was solls! Ich hatte lang keine solche Umarmung mehr von ihr bekommen. Ich legte ebenfalls meine Arme fest um Mum.

»Ich hab dich auch lieb!«

Mir war egal, dass Darwin unter meinem Bett lag. In diesem Moment zählte nur diese liebevolle Umarmung. Was mich jedoch interessiertere: Wie hatte Mum Darwin nicht sehen können? Unter meinem Bett war es nicht dunkel genug, dass man etwas übersah.

Ich musste gähnen. Die Müdigkeit überfiel mich mit einem Mal genau so stark wie damals, als ich den Schlüssel erhalten hatte. Doch ich wusste ganz genau, dass diese Müdigkeit nicht von dem greif stammen konnte. Es war meine eigene Müdigkeit, die ich heute den ganzen Tag mit mir umher geschleppt hatte.

»Ich glaube ich lass dich jetzt schlafen, meine kleine. Du siehst total fertig aus.« Mum löste sich aus der Umarmung und brachte mich an mein Bett. Ich legte mich darauf und schloss die Augen.

Jetzt nur nicht einschlafen, sagte ich mir.

Nur nicht einschlafen!

Mum gab mir noch einen Kuss auf die Stirn, bevor sie die Tür schloss. Ich blieb noch eine Weile liegen, bis ich mich endlich dazu überwinden konnte, die Augen zu öffnen. Darwin saß auf meinem Fensterplatz.

»Ich dachte schon du seist eingeschlafen!«, begrüßte er mich aufs neue.

»Glaub mir, lang hätte es nicht mehr gedauert.« Ich stützte mich auf meinen Arm und drehte mich in seine Richtung.

»Ich dachte schon deine Mutter würde mich sehen, doch sie hat einfach durch mich hindurch geschaut«, beantwortete Darwin die Frage, die mir auf der Zunge gelegen hatte.

»Ich hab mich schon gefragt wie sie dich hatte übersehen können. Ich frag mich wie das hatte passieren können. Es war viel zu auffällig.«

»Wir können es uns nicht leisten, jetzt über solche belanglosen Dinge zu sprechen«, sagte Darwin leise, denn jemand kam wieder die Treppe nach oben. Wir hielten den Atem an. Ich ging zur Tür und schloss sie mit dem Schlüssel ab.

»Wir müssen weiter über den Sinn des Schlüssels reden. Was hat er zu bedeuten? Ich hab mich das in den letzten Tag so oft gefragt, doch ich kam auf keine vernünftige Antwort. Es ist schon verrückt genug, dass wir beide miteinander sprechen können!« Er schaute mir tief in die Augen, als würde er dort etwas ergründen.

»Mir geht es nicht viel anders als dir, aber -« Ich unterbrach mich selbst mit einem weiteren gähnen. Ich war so müde. »Aber wir müssen es so schnell wie möglich heraus finden; wenn ich nur daran denke, dass diese Leute, die bei dir eingebrochen sind, dass gleiche noch einmal tun können, dann wird mir ganz übel.« Ich konnte meine Augen kaum noch aufbehalten.

»Wir … wir müssen das morgen machen, ich glaube nicht, dass du in diesem Zustand noch klar denken kannst. Tut mir leid, wenn ich dir da sagen muss, aber du siehst so müde aus, dass man glauben könnte du schläft bis in den Sommer hinein.« Er hatte ein besorgtes Gesicht aufgelegt.

»Du hast ja recht. Ich bin so müde«, ich musste mich wegen eines Gähnens unterbrechen, »das ich kaum noch ein Auge aufhalten kann.«

Ich lief auf mein Bett zu.

Darwin sprang auf mein Fensterbrett. »Wie kommst du jetzt raus?« Ich stand vollkommen neben mir. Die Müdigkeit zerrte an mir um mich auf ihre Seite zu ziehen.

»Lass mich das ruhig machen, ich find schon allein raus. Du brauchst jetzt Schlaf. Wir sehen uns morgen wieder. Gute Nacht!« Ich bekam seine Worte nur noch durch einen dicken Schleier der Müdigkeit mit. Kaum hatte er zu ende gesprochen war ich eingeschlafen.

 

Lautes Hämmern lies mich auffahren. Wo kam dieses unmögliche Klopfen her? Konnte man nicht mal in ruhe schlafen? Es war noch dunkel draußen, doch die Sonne würde bald versuchen aus den Wolken hervor zu schauen.

»Maddie, jetzt mach doch die verdammte Tür auf!«, drang Mums Stimme von draußen.

Die Tür! Ich hatte sie gestern Abend nicht wieder aufgeschlossen. Ich raffte mich aus meinem Bett und rannte zur Tür um den Schlüssel herum zu drehen. Die Tür schwang auf.

Wütende Augen funkelten mir entgegen. »Das klären wir später«, sagte Mum mit ausgestrecktem Zeigefinger. »Deine Schwester ist schon längst in der Schule. Du hast die erste Stunde verschlafen. Ich will dich in zehn Minuten unten sehen. Ich fahr dich!«

Noch bevor ich Antworten konnte drehte sich Mum noch einmal um. »Kein Wiederwort. Ich bin stinksauer!«

Ich gehorchte ihr und erschien zehn Minuten später in meiner Schuluniform unten in der Küche. Ohne ein Wort zerrte mich Mum ins Auto. Ich konnte mir gerade noch so meine Jacke schnappen und die Schuhe anziehen.

»Warum hast du dein Zimmer zugeschlossen?«, sagte sie vorwurfsvoll als wir im Auto saßen.

»Ich wollte meine ruhe haben?«, sagte ich. Ich hatte Angst etwa falsches zu antworten. Wenn Mum in diesem Zustand war, dann war eigentlich nicht mit ihr zu spaßen.

»Madeline, ich bin stinksauer, also hör auf deine Späßchen zu treiben!«

Den Rest der Fahrt sprachen wir beide kein Wort miteinander. Mum lies mich vor der Schule raus. Sie drückte mir noch eine Entschuldigung in die Hand, dann verschwand sie mit aufdröhnendem Motor. Es war eine Entschuldigung wegen eines Arzttermins. Wenn sie nicht so sauer gewesen wäre hätte ich Mum am liebsten einen Kuss gegeben.

Als ich im Klassenzimmer erschien wurde ich von allen angegafft. Als wäre ich die Queen persönlich. Ich reichte meiner Klassenlehrerin, Mrs Cole, die Entschuldigung, schenkte ihr ein verlegenes Lächeln und verschwand auf meinen Platz neben Alice. Mrs Cole las sich den Zettel durch und machte ohne weitere Unterbrechung mit dem Unterricht weiter. Das sah ihr ähnlich

»Wo warst du? Ich hab die ganze Zeit auf dich gewartet. Bei dieser Kälte!« Alice Vorwurf war berechtigt. Wir hatten vor ein paar Jahren mal ausgemacht, dass, wenn jemand zu spät kam, der andere vor der Schule auf einen wartet. Es sei denn man bekam eine SMS in der stand, dass man krank ist.

»Sorry, hab verschlafen!«

Alice lachte leise vor sich hin. Ich konnte jedoch sehen, dass ihre Lippen noch ein wenig blau waren. Hoffentlich würde sie sich keine Erkältung zuziehen. Warum mussten wir auch Schulkleidung tragen? Im Winter war das viel zu kalt dafür.

Der restliche Tag verlief ohne große Schwierigkeiten, doch ich war froh, als ich ihn endlich hinter mich gebracht hatte. Die ganze Zeit über hatte ich den starken Drang Alice alles zu erzählen. Alles über Darwin, die Jagd im Wald, den Greif. Doch ich traute mich nicht, genau wie im Bus, als ich ihr alles erzählen wollte, es jedoch verpackt hatte in eine Geschichte.

Ich lief gerade nach hause, als mich eine Hand an der Schulter packte. Ich schrie laut auf, so wie wir es in der Schule gelernt hatten, als uns gezeigt wurde wie man sich gegen Vergewaltiger, Diebe oder andere ungebetene Gäste verteidigen soll. Gleichzeitig wirbelte ich herum und machte einen dieser Karate Bewegungen die immer in den Filmen gezeigt wurden.

Erschrocken zog ich meine Hände wieder zurück als ich sah, wer da seine Hand auf meine Schulter gelegt hatte. Ich konnte deutlich spüren wie mir heiß wurde und die Schamesröte in meinem Gesicht platz nahm.

»Oh mein Gott, Entschuldigung. Ich … ich wusste nicht das du es bist«, stammelte ich los.

»Ist kein Ding. Wen hast du denn erwartet?« Jesper Davenport, mein Nachbar, schaute erschrocken drein, versuchte das jedoch mit einem umwerfenden Lächeln zu kaschieren.

Ich überging die Frage. »Wie geht’s dir? Wir haben lang nicht mehr miteinander gesprochen.« Um ehrlich zu sein war das auch gut so. Jesper sah zwar gut aus, aber er konnte manchmal eine echte Nervensäge sein. Seine blauen Augen strahlten, als habe er nur auf diese Worte gewartet.

»Na ja, ging schon mal besser. Läuft gerade nicht so gut mit Ellie.«

Auch das noch. Jetzt kommt er mit seinen Beziehungs-problemen! Ellie war die Freundin, von der er mit letztens unbedingt erzählen musste. Ellie, die sein ganzes Leben verändert hatte und für die er so viel empfand wie nie zuvor bei einem anderen Menschen. Ich hatte ihn damals einfach reden lassen, weil ich schnell nach hause musste. Das war vor etwa einem Monat gewesen als er mir das erzählt hatte. Wie sich Gefühle ändern konnten!

»Wird schon wieder werden«, sagte ich. Ich legte meine Hand auf seine Schulter um meinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen.

»Ich bin ja so froh das ich dich hab, Maddie.« Jesper war stehen geblieben. Er kam einen Schritt auf mich zu und schlang seine Arme fest um mich. Ein bisschen zu fest, würde ich meinen. Er erdrückte mich fast.

Geh zurück. Schieb ihn weg!, war der einzige Gedanke den ich fassen konnte. Ich löste mich sanft aus der Umarmung und schaute ihn verwirrt an. Was sollte das?

»Sag mal spinnst du?«, schrie jemand hinter uns.

Na toll, schlimmer geht anscheinend doch immer.

Ellie.

»Das ist nicht so wie es aussieht«, verteidigte sich Jesper, der sofort geschallten hatte. Ich stand da wie erstarrt. Was ging hier vor sich?

»Was soll das heißen es ist nicht so wie es aussieht? Für mich sah das ziemlich nach etwas aus!« Die Wut entstellte Ellies Gesicht stark. Ihre schön geschwungenen Augenbrauen waren weit nach oben gezogen und riesige Fragezeichen standen in ihren türkisblauen Augen. Sie stand vor uns, die Hände in die Hüfte gestemmt.

»Da komm ich extra hundertfünfzig Kilometer bis hier her gefahren und dann muss ich so was sehen? Seit wann läuft das schon?«

»Da läuft gar nicht, Mann. Sie ist -«

»Lüg mich nicht an, Jesper Nicholas Davenport.«

Jesper zog scharf die Luft ein. »Das hast du nicht gesagt!«, sagte er. Er klang erzürnt. Fast drohend.

Ich brachte schnell zwei Schritte Sicherheitsabstand zwischen mich und die beiden Streitenden.

»Wehe du haust ab, mit dir hab ich noch ein Hühnchen zu rupfen«, kreischte Ellie. Sie zeigte mit ihren rot lackierten Fingernägeln auf mich. Ich konnte sehen das sie leicht zitterten.

»Ich beweg mich keinen Zentimeter«, erwiderte ich ruhig. Ja nicht die Ruhe verlieren, Maddie!

»Du hast gesagt du würdest es niemals sagen«, rief Jesper laut dazwischen. Sofort wand sich Ellie wieder ihm zu.

»Was? Das dein zweiter Name Nicholas ist? Als wenn das schlimm wäre! Spiel dich nicht so auf!«

»Du hast es mir versprochen«, rief Jesper wie ein kleines Kind, welches um ein Spielzeug bettelte, »du hast es geschworen. Bei der Kette die ich dir gegeben habe.«

Jetzt hatte er ihr auch noch, nach einem Monat Beziehung, eine Kette geschenkt. Verstand er überhaupt etwas?

»Als wenn es jetzt noch darauf ankommt. Du betrügst mich auf offener Straße. Wo alle zusehen können. Denkst du überhaupt noch an meine Gefühle? Sind die dir ganz egal?« Tränen standen in Ellies Augen. Sie rollten ihr die Wange herunter und spülten Wimperntusche darüber. Sie sah aus als würde sie zu einer Halloweenparty gehen wollen.

Ich versuchte mich unauffällig umzuschauen. Wenn mich hier jemand sah, denn ich kannte, würde das vielleicht in einer Story enden, die ich mir so nicht wünschte. In so einem kleinen Ort, wie unserem, sprachen sich manche Dinge schneller umher als einem lieb war.

Eine alte Dame schaute aus einem Fenster gegenüber. Sie saß am Fenster und trank nebenbei einen Tee. Ist wahrscheinlich doch besser, als den ganzen Tag nur Kreuzworträtsel zu lösen.

»Sie sind mir überhaupt nicht egal, du -« Wieder schnitt Ellie Jesper das Wort ab. Ich wand mich den beiden wieder zu.

»Warum tust du das dann?«

Du lässt ihn doch gar nicht zu Wort kommen, wollte ich schon hinein rufen, doch da ergriff Jesper endlich das Wort.

»Sie ist meine Nachbarin, verdammt nochmal. Ich hab mich nur mir ihr unterhalten und mich dafür bedankt.«

»Seit wann muss man sich denn fürs zuhören bedanken?« Vielleicht war Ellie keine helle Leuchte. Viele bedankten sich, wenn ihnen zugehört wurde. Wenn man eine rede gehalten hatte oder wenn der beste Freund einem zugehört hat. Wer tat das nicht?

»Ich tu das!«

»Aber nicht bei mir.« Allmählich wurde mir Ellie wirklich unsympathisch. Ich hatte sie, seit ich sie das erste mal gesehen habe (Ich hab sie und Jesper mal durchs Fenster beobachtet. Das ging ziemlich gut, weil unsere beider Fenster auf der gleichen Höhe sind. Haltet mich jetzt ja nicht für einen Stalker!) für eine dieser unerreichbaren gehalten. Jemanden der beliebt und auch noch überaus clever ist. Einen dieser goldenen Sternchen, die es an jeder Schule gibt.

»Du redest ja auch die ganze Zeit nur über deine Nägel und was du als nächstes kaufen willst!«

So langsam verlor ich die Geduld. Ich wollte nach hause. Ich musste zu Darwin.

»Hier, Leute. Ich geh dann mal.« ich hätte genau so gut gegen eine Wand reden können. Die beiden hörten mich gar nicht. Jeder war nur auf den anderen fixiert und auf den Streit. Ich konnte also unbemerkt flüchten.

Als ich um die nächste Ecke gebogen war rannte ich los. Ich rannte bis ich vor unserer Tür stand. Mit einem Ruck zog ich den Schlüssel auf meiner Tasche und schloss die Tür auf. Das Haus lag in vollkommener Stille. Hayley hatte noch Handballtraining und würde erst später kommen. Mit den anderen war vor vier Uhr nicht zu rechnen.

Ich machte mir zwei Sandwichs und verschlang sie. Danach erledigte ich meine Hausaufgaben notdürftig und schrieb einen Zettel damit jeder wusste wo ich bin.

 

Hab mir was zum Mittag gemacht. Bin jetzt bei Alice. Werden wahrscheinlich in die nächste Stadt gehen. Bin gegen sechs wieder da. Bis dahin.

Kuss, Maddie.

 

Mum wollte immer alles genau wissen was ich tat. Hoffentlich würde sie nicht bei Alice anrufen. Ich konnte nur hoffen das Mum einen anstrengenden Tag hatte und sich zuerst ein heißes Bad nehmen würde.

Ich schnappte mir meine Tasche, schmiss ein paar Sachen hinein die ich brauchen konnte – den Schlüssel, die Karte von Darwins Bau, etwas zu trinken – den ganzen Schnickschnack den ein Mädchen, dass einen sprechenden Fuchs kannte, eben braucht.

Ich sog meine gummiüberzogenen Stiefel an, und deckte mich auch sonst dick ein. In Darwins Bau würde es zwar warm sein, doch draußen war es immer noch bitterkalt.

Darwin musste mich schon von weitem gerochen haben, denn er kam aus seinem Bau als ich den Hügel erreichte. »Maddie, schön dich zu sehen. Vor allem ausgeschlafen«, setzte er mit einem Grinsen hinzu.

Hatte ich so schlimm ausgesehen?

»Es freut mich auch dich zu sehen!«

»Na los, gehen wir rein, bevor ich noch zu einer dieser Figuren in einem Labyrinth im Winter werde. Und glaub mir, diese Dinger sehen scheußlich aus.«

Ich musste lachen als er das sagte. Ich folgte ihm. Darwin hatte den Eingang tatsächlich vergrößert. Als ich hindurch robbte hatte ich wesentlich mehr Platz als beim letzten Mal.

»Wird dein Bau denn jetzt nicht leichter entdeckt werden?«, fragte ich als ich in der großen Eingangshalle stand.

»Ich habe vor, noch eine Art Tür einzubauen. Ich dachte das ich sie mit Blättern und Gras tarnen werde. Je nachdem was die Jahreszeit gerade hergibt. Momentan ist es wohl eher der Schnee.« Wir liefen den linken gang entlang und kamen wieder in den Raum mit diesem wunderbaren Kronleuchter. Ob er wohl ein Einzelstück war?

Das Feuer brannte, wie schon beim letzten mal. Darwin legte sich vor die wärmende Feuerstelle; ich lies mich in einen der Sessel fallen. Irgendwie war ich erschöpft. »Ich muss mich nur ein wenig aufwärmen, danach können wir mit der Suche starten.«

»Kein Problem«, erwiderte ich.

Wir saßen so eine ganze Weile. Es störte mich nicht einfach so mit ihm zu sitzen. Das einzige Geräusch was man hören konnte war das knistern des Feuers und unser gleichmäßiger Atem.

Darwin richtete sich auf und streckte seine Pfoten weit vom Körper. »Okay, von mir aus können wir nun anfangen.« Ich nickte und stand ebenfalls auf. Die Wärme hatte mir gut getan. Ich legte meine Jacke ab und lies sie auf dem Sessel liegen. Mir war richtig heiß.

Ich lief unbeirrt auf den Gang zu, aus dem wir gekommen waren. »Warte, das ist nicht nötig«, rief Darwin mir zu. Verwirrt drehte ich mich um. Wir waren immer diesen gang entlang gelaufen.

»Das wäre ein unnötiger Umweg«, sagte er ruhig. Ein zufriedener Ausdruck hatte auf seinem Gesicht platz gesucht. »Ich zeig es dir.« Darwin lief auf ein Regal zu – das einzige welches im Raum stand – und schob es beiseite. Es hatte Rollen am Boden, so dass es leicht zu bewegen war. Jedoch waren die Rollen so klein, dass sie mit bloßem Auge kaum zu sehen waren. Ich musste meine stark zusammenkneifen um überhaupt etwas sehen zu können.

Hinter dem Regal kam ein Gang zum Vorschein. Er war etwa hundertfünfzig Zentimeter hoch und nicht sehr lang. Etwa zwei Meter. Auf der anderen Seite war eine weitere Tür. »Na los, sonst kommen wir heute nie voran.«

Der hatte aber auf einmal eilig.

»Ich muss dir unbedingt etwas zeigen. Dir werden die Augen aus den Höhlen kullern.« Was für eine schöne Vorstellung; doch ich musste lachen. »Ich hab gestern gesehen das du Unmengen Bücher hast, da wird dir das bestimmt gefallen.«

Er hatte Recht; ich besaß wirklich Unmengen an Büchern. Ich hatte selbst noch die Kinderbücher im Schrank stehen, weil ich mich einfach nicht von ihnen trennen konnte.

Ich folgte Darwin in den Gang. Als wir uns beide hinein gegangen waren, schob ich hinter mir das Regal wieder an seinen Platz zurück.

Ich musste mich bücken, um mich im Gang bewegen zu können. Leider war ich nicht die kleinste. Im Gegenteil. Ich war eine der Größten in unserer Klasse, was mich missfiel.

Für einen kurzen Moment war es stockdunkel und ich wusste nicht mehr aus welcher Richtung ich gekommen war, doch da erhellte sich der Gang und ich konnte erkennen, dass Darwin die andere Tür geöffnet hatte. »komm mich«, forderte er mich auf.

Ich konnte wieder aufrecht gehen als ich draußen stand. Auch die Tür war keine Tür, so wie ich sehen konnte, sondern ein riesiges Gemälde, welches sich aufklappen lies. Der Raum, in dem wir standen, war kleine als die Eingashalle, aber immer noch riesig. Überall hingen Bilder an den Wänden. Gedankenverloren lief ich umher.

Da war ein Bild mit einem alten Fuchs. Er hatte leicht graue Haare bekommen. Ein Monokel saß auf seiner Nase und verlieh ihm einen klugen Eindruck. Warum besaßen Füchse Bilder. Diese Bilder waren bis aufs kleine Detail gemalt.

»Das ist mein Urgroßvater, wie ihr es nennen würdet. Er war ein eindrucksvoller Fuchs. Hat die Stadt der Füchse gegründet. War das so eine Art Bürgermeister. Ich hab ihn jedoch nie kennen gelernt.«

Es gab eine Stadt der Füchse?

»Warum lebst du nicht in dieser Stadt?«, fragte ich. Es war schon ein wenig merkwürdig, wenn es eine Stadt gab und er nicht darin wohnte. Wozu gab es sie dann?

»Das hat verschiedene Gründe.« Seine Augen hatten sich wieder verschlossen. Er hatte genau den gleichen Ausdruck im Gesicht, wie, wo ich ihn nach dem Raum, mit der Kette davor, gefragte hatte.

Ich versuchte mich nicht verletzt zu fühlen. Warum blockte er ab, wenn es um diese Dinge ging?

Ich wand mich ab, doch Darwin blieb stehen. »Warum habt ihr Füchse Gemälde? Und auch noch so Detailgetreu? Das könnt ihr doch gar nicht malen.«

Ich konnte deutlich hören wie Darwin erleichtert Seufzte. Er war froh über den Themawechsel. »Ob du es glaubst oder nicht, wir Füchse haben auch … ähnliche Berufe wie ihr. Wir haben Maler, die solch schöne Bilder malen können, oder Köche. Wir haben das was wir brauchen. Genau wie ihr Menschen. Manchmal seit ihr doch nicht so«, er schien einen Moment zu überlegen welches Wort er einsetzten konnte, »dumm, wie ihr immer tut.«

Ich ignorierte diese Beleidigung meiner Spezies.

»Wolltest du mir nicht etwas zeigen?«, fragte ich.

»Zuerst musst du deine Karte hervor holen. Ich muss dir zeigen wo wir sind. Hast du sie mit?« Ich nickte, lief auf ihn zu und holte nebenbei die Karte hervor.

Darwin zeigte mir, dass der Raum, in dem wir uns befanden, an den zweiten Gang aus der Eingangshalle anknüpfte. Von hier aus schlossen drei weitere Gänge an, die alle in verschiedene Richtungen abzweigten.

Ich steckte die Karte wieder ein und folgte Darwin in den rechten äußersten gang. Er führte direkt in die Bibliothek. Sie wurde nicht durch eine Tür vom Gang getrennt. Mein Herz pochte mit einem mal schneller als es sollte. Machte mich diese Bibliothek wirklich so nervös?

Meine Erwartungen werden noch übertroffen. Diese Bibliothek ist die größte die ich jemals in meinem Leben gesehen habe.

Wir stehen auf einer Art Empore. Rechts von uns führt ein Treppe in die, etwa vier Meter unter uns liegende, Bibliothek. Zwei Meter über uns befand sich eine verzierte Decke. Es waren Füchse darauf abgebildet. Die Bücherregale waren aus sehr altem Holz, so wie ich das einschätzte. Sie hatten sich durch all die Jahre dunkel gefärbt. Mindestens einhundert Regale stehen hier nebeneinander aufgereiht. Zwischen jedem Regal war nur ein Meter Platz. Nach meinen Befürchtungen zumute hätten nur die Hälfe der Regale in den Raum gepasst, wenn weniger platz zwischen den einzelnen Regalen geherrscht hätte. Selbst an den Wänden standen Regale. Nur an einer kleinen Stelle standen keine. An diesem kleinen Fleck befindet sich eine Feuerstelle, (Hoffentlich brennen die ganzen Bücher eines Tages nicht an. Es würde einen verehrenden Schaden anrichten.) ein paar Sessel und ein Lesepult.

Gerade als ich mir ausmale wie viel Bücher wohl hier standen, bat mich Darwin mitzukommen. Wie gingen die Treppenstufen nach unten, und ich muss aufpassen das ich nicht die Treppe nach unten stürze, so sehr pocht mein Herz gerade.

Als wir unten angekommen waren, liefen wir auf die Leseecke zu, wie ich sie insgeheim getauft habe. Darwin setzt sich auf einen der Sessel, also tat ich es auch. Wir saßen nebeneinander und starren in das Feuer. Es knistert schön und einzelne Funken sprühen in der Luft umher. Einer landest genau auf meinem Sessel. Er glüht und fraß sich dann in den Stoff des Sessels.

»Und, wie gefällt es dir?«, fragte mich Darwin.

»Ich weiß gar nicht wo ich hier anfangen soll«, antwortete ich. Ich konnte spüren wie meine Augen funkelten. Ich hatte noch nie so einen schönen Ort gesehen. »Es ist wie in einem Traum. Meine Finger kribbeln schon total. Ich brauch unbedingt etwas zwischen den Händen. Darf ich?«

Darwin nickte und ich sprang sofort auf. Ich lief zu einem nahen Regal und stellte mich davor. Wie hoch es war. Ich kam mir vor wie eine Ameise vor einem Baum. Vorsichtig strich ich über die Buchrücken und lief mit dieser Geste das ganze Regal entlang. Ich atmete den Geruch von alten Büchern ein. Der Geruch erinnerte mich an meine Grandma. Auch sie hatte auf dem Dachboden ein paar alte Bücher gehabt, die ich bei jedem Besuch durchgeblättert hatte. Leider war sie vor vier Jahren verstorben.

Ich lief wieder zurück und stellte mich dann wieder vor das Regal. Ich überlegte welches Buch ich wohl als erstes aufschlagen sollte. Ohne groß weiter darüber nachzudenken griff ich in das Regal und hatte ein uraltes Buch in der Hand. Es sah so zerbrechlich aus; als würde es jeden Moment in sich zusammen fallen.

Ich schlug es auf und atmete den Geruch der von diesem einzelnen Buch ausging voller Begierde ein.

»Etwas schöneres gibt es nicht, nicht wahr?« Ich zuckte zusammen. Überhaupt nicht hatte ich mitbekommen das Darwin aufgestanden war.

»Ja, da hast du recht. Ich würde am liebsten gleich einziehen.« Ich hörte ein gurgelndes Geräusch, welches ich als Lachen kennzeichnete. »Ich hab noch nie zuvor so viele Bücher auf einmal gesehen.«

»Ich bin ziemlich stolz auf all das hier, muss ich schon zugeben. Meine Vorfahren haben das alles hier gesammelt. Ich habe sehr wenig dazu beigetragen. Um ehrlich zu sein, weiß ich selbst nicht mal, was hier alles für Bücher stehen.«

»Das glaub ich dir gern.«

Mit einem mal hatte ich das Gefühl als würden sich meine Augen in die Augenhöhlen zurück ziehen. Es tat nicht weh, doch es verursachte ein merkwürdiges Gefühl in mir. Die Bilder der letzten Wochen rauschten vor meinen Augen vorbei. Wie ich Jos im Wald gesucht hatte, der Traum den ich hatte, wie Darwin mich verfolgte. Der Greif tauchte vor mir auf. Er war wunderschön. In seinem Schnabel hielt er den Schlüssel. Ich sah wieder, wie er ihn mir übergab. Wieder tauchte Darwin auf, wie er mich im Wald in seinen Bau zerrte; dann wie er mir die Pfote entgegen hielt. Dann hörten die Bilder auf. Meine Augen traten wieder an ihren rechtmäßigen Platz.

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Was war da gerade passiert? Ich drehte mich zu Darwin. Er stand immer noch neben mir und … bewegte sich nicht. Er stand da wie erstarrt.

Ich beugte mich zu ihm hinab. »Darwin? Darwin, alles in Ordnung?« Er regte sich nicht. Langsam bekam ich Panik. Was ging hier vor sich? Warum sah er aus wie erstarrt?

Ich drehte mich um. Für einen Moment glaubte ich einen Schatten zwischen den Regalen verschwinden zu sehen, doch dann war er verschwunden.

Alles nur Einbildung, Maddie. Das bildest du dir alles nur ein. Deine Augen sind noch in deinen Augenhöhlen verschwunden. Du nimmst alles vollkommen falsch war.

Der Mut, den ich mir zusprechen wollte, war keine große Hilfe. Mein Blick blieb am Feuer, welches in der Feuerstelle brannte, hängen. Es bewegte sich.

»Und deswegen haben wir dann alle Bücher hier in diese Bibliothek gebracht. Du musst wissen … Maddie?« Darwin klang verwundert. »Maddie, wo bist du?«

»Ich bin hier!« Darwin drehte sich blitzschnell um. Ich stürzte mich auf ihn. Verbarg mein Gesicht in seinen seidig weichen Fell. »Ich hatte ja solchen Angst. Alles stand mit einem mal still. Nichts hat sich mehr bewegt.« Tränen liefen meine Wangen hinab, wie ein reißender Strom.

»Ist ja alles gut, meine Kleine. Alles ist in Ordnung. Was hast du gesehen?« Ich konnte seine Pfote auf meiner Hand spüren.

In Kurzform schilderte ich was ich erlebt hatte. Eine Weile stand Darwin einfach nur vor mir und überlegte. Ich hatte mich hingekniet, damit ich ihm direkt in die Augen sehen konnte. »Das ist äußerst merkwürdig. Ich habe mal von etwas ähnlichem gehört, aber da waren es nicht die Augen. Dem armen Fuchs sind die Krallen in die Pfoten gefahren und haben ihn dabei stark verletzt. Er ist an inneren Blutungen gestorben.«

An inneren Blutungen? Sollte mir das etwa weiter helfen?

»Darwin! Das hilft mir nicht gerade weiter. Willst du mir noch mehr Angst einjagen, als ich ohnehin schon hab?«

»Entschuldige bitte, manchmal weiß ich nicht, dass ich in der Gesellschaft eines Menschen bin.

Wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass du keine Verletzungen davon getragen hast, nicht wahr?« Ich nickte. Denn ich welche hätte müsste ich es doch merkten, oder? Zumindest dachte ich das immer. Aber hieß es nicht, dass man davon nichts mitbekam?

Hör auf zu denken Maddie; du machst es für dich selbst nur noch schlimmer, mahnte ich mich. Ich leerte meinen Kopf so das nichts mehr darin war. Keine Gedanken kreisten mehr vor meinem inneren Auge und ihr fühlte mich in vollkommener Geborgenheit.

»Lass uns nach dem Schlüssel suchen«, sagte ich leicht beduselt. Ich fühlte mich als würde ich auf Federn getragen werden. Darwin schaute mich fragend an, lief aber auf einen der Sessel zu. Ich folgte ihm. Als wir uns gesetzt hatten (Darwin lag auf seinem Sessel) griff ich in meine Tasche und holte den Schlüssel hervor. Ich legte ihn auf die Armlehne des Sessels und wir beide starrten ihn an.

Wie schön er doch war. Ich hatte ihn bisher noch nie so genau betrachtet wie jetzt. Der gesamte Schlüssel war bronzefarben. Er hatte eine kreisförmiges Ende, an dem man den Schlüssel anfassen konnte. Darin war eine Sonne abgebildet. Zu allen vier Himmelsrichtungen waren Sonnenstrahlen ausgefahren; am Ende der Strahlen standen die jeweiligen Himmelsrichtungen: Norden, Süden, Westen und Osten. Sie mussten mit einer feinen Nadel in den Schlüssel geritzt worden sein, denn die Schrift war dünn und ohne Makel. Es war die selbe Schrift, wie auf den Briefen, die ich täglich erhalten hatte. Eine kleine Kugel war unter dem Griffstück angebracht. In den gesamten Hals des Schlüssels waren einzelne Bilder eingeritzt. Ein Tor welches zu schimmern schien; zwei Männer, die eine Krone zwischen sich hielten und kräftig daran zu ziehen schienen; ein Schloss, welches auf einem Felsen stand und unglaubliche Macht ausstrahlte. Zwischen den Bildern waren noch Symbole eingraviert, welche jedoch keine Bedeutung für mich ergaben.

»Was wohl die Bilder und Symbole für eine Bedeutung haben?« Meine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.

»Ich weiß es nicht. Ich habe noch nie solche Symbole gesehen. Es muss eine alte Schrift sein, vielleicht sogar schon ausgestorben. In welchem Buch könnte das wohl stehen?« Darwin erhob sich langsam und lief auf die Regale zu. Ich nahm den Schlüssel in die Hand und wollte ihm folgen, da durchfuhr mich eine Welle der Wärme. Es wäre nicht ungewöhnlich gewesen, wenn ich neben dem Kamin gestanden hätte, doch das tat ich nicht. Die Feuerstelle war vier Meter von mir entfernt und die Wärme kam direkt aus … dem Schlüssel.

»Darwin!« Er stand sofort neben mir. »Der Schlüssel ist ganz warm. Er pulsiert. Wie … wie ein Herz. Er bewegt sich.« Wie konnte so etwas sein? Er war doch aus einfachem Metall gefertigt. »Hier!« Als ich meine Hand öffnete, um Darwin den Schlüssel zu geben, lag der wie tot in meiner Hand, er bewegte sich nicht. Doch ich konnte es spüren, wie er unter meiner Haut lebte. Ich übergab ihn Darwin und wartete auf seine Antwort.

»Das wird ja immer merkwürdiger. Was ist das für ein Ding? Das kann unmöglich nur ein Schlüssel sein!«

Der Schlüssel hatte mittlerweile angefangen zu vibrieren. »Hier, halt mal!«, forderte Darwin mich auf und übergab mir den Schlüssel wieder. Ich musste mir Mühe geben ihn noch festhalten zu können, so sehr bewegte er sich hin und her.

»Warum ich? Kannst du das denn nicht besser. Darwin!« Doch der hörte mich schon gar nicht mehr, er war um die nächste Ecke in eine der vorderen Reihen gebogen. Mit zuckender Hand folgte ich ihm. Der Schlüssel hatte eine unglaubliche Kraft; ich musste große Kraft aufwenden um ihn festhalten zu können. Er zuckte in meiner Hand umher.

»Darwin, was machst du da?«, schrie ich. Der Schlüssel erhitzte sich immer weiter. Ich würde ihn nicht mehr lange halten können.

»Ich habs gleich. Ich habs gleich gefunden.« Ich konnte deutlich Panik aus seiner Stimme heraus hören.

»Wir haben jetzt keine zeit irgendein Buch zu finden, das Ding wird immer heißer, ich kann ihn nicht mehr lange halten.«

Ich hatte den Satz gerade ausgesprochen, da rutschte der Schlüssel zwischen meinen Fingern hindurch, flog in die Luft und blieb genau vor mir in der Luft schweben.

»Darwin!«, rief ich. Er rannte immer noch das Regal entlang, nach irgendwas auf der Suche. »Darwin«, schrie ich wieder. Konnte er sich denn nicht umdrehen? »Darwin, verflucht noch mal.« Meine Stimme überschlug sich beinahe. Endlich drehte er sich um, als er mich erblickte weiteten sich seine Augen.

»Was um Himmels Willen -«, weiter kam er nicht, denn der Schlüssel schwebte binnen Sekunden einige Meter zurück und schoss dann mit großer Geschwindigkeit auf mich zu.

»Runter«, rief Darwin mir zu, doch ich hörte ihn wie durch eine dicke Wand. Eine unsichtbare Kraft drückte mich zu Boden und der Schlüssel schoss über mich hinweg. Ich drehte mich um, um ihm zu folgen. Der Schlüssel schwebte in der Luft, am Ende des Regals.

»Alles in Ordnung mit dir?« Darwin hatte eine Pfote auf meine Schulter gelegt. Ich blickte zu ihm auf. »Mir gehts bestens«, versicherte ich ihm. Mühsam stand ich auf.

»Schau mal«, ich zeigte auf den schwebenden Schlüssel, »als würde er warten.« Darwin nickte und wir liefen auf den Schlüssel zu. Kurz bevor wir ihn erreicht hatten sauste er mit hoher Geschwindigkeit den langen Gang entlang. Wir rannten aus den Regalen heraus und liefen hinter dem Schlüssel her. Darwin lief vor mir, denn er hatte bessere Augen als ich und konnte jeden noch so kleine Bewegung sofort wahr nehmen. So rannten wir durch die große Bibliothek. Zwischen Regalen und Gängen hindurch, immer dem Schlüssel hinterher, der in der Luft schwebte.

»Was hat dieser Schlüssel vor?«, fragte ich Darwin während wir rannten. Der Schlüssel war schon wieder hinter der nächste Ecke verschwunden. Ich war vollkommen außer Puste. Wieder einmal ärgerte ich mich über meine eigene Unsportlichkeit.

»Ich hab nicht die leiseste Ahnung.«

Wir tauchten zwischen den nächsten Regalen unter. Der Schlüssel wartete auf uns, doch als er uns sah flog er weiter. Doch es ging nicht mehr weiter. Wir waren in einer Ecke der Bibliothek gelandet. Immer wieder flog der Schlüssel gegen das Regal an der Wand. Er klatschte gegen die Bücher, flog zurück und klatschte dann wieder gegen die Bücher. Was sollte das?

»Vielleicht ist da eine Tür?« Eine Idee war es wert.

»Da ist keine Tür. Ich kenne diese Bibliothek. Ich kenne nicht alle, aber diese Bibliothek kenne ich inn- und auswendig.«

»Was für einen Grund sollte es sonst dafür geben, dass er da immer wieder gegen fliegt?«, fragte ich aufgebracht.

»Orientierungslosigkeit?«

Ich lief auf den Schlüssel zu, als ich neben ihm stand wich er ein Stück zurück, so dass ich Platz hatte. Wie in sämtlichen Filmen fing ich an die Bücher heraus zu ziehen, auf der Suche nach einem unentdeckten Mechanismus.

»Hör auf damit, das bringt doch nichts.« Darwin blieb stur.

»Woher willst du das wissen?«, fragte ich während ich zwei Bücher auf einmal heraus zog. Ich hörte ein wütendes Schnauben hinter mir, dann kam Darwin ebenfalls an das Regal und fing an die unteren Bücher heraus zu ziehen.

Ich zog ein dickes grünes, in Leder gebundenes Buch heraus. Ein klicken ertönte und im nächsten Moment befanden wir uns in einem unbekannten Raum.

 

Kapitel 9: Der Raum der tausend Bücher

Hallo ihr Lieben, hier sind die nächsten drei Kapitel, sie haben ein wenig auf sich warten lassen, doch nun sind sie da. Es ist auch mein Lieblingskapitel: Die Stadt der Füchse dabei. Ich würde mich über einen dagelassenen Komi freuen. Auch über Verbesserungsvorschläge.

Was war das?«, fragte Darwin. Wir standen beide in vollkommener Dunkelheit.

»Ich weiß es nicht. Wo bist du Darwin, ich kann nichts erkennen.« Ich konnte hören wie etwas dumpf auf den Boden viel und dann zerbrach. Es war unmittelbar neben mir.

»Mist!«

»Darwin? Warst du das?«

»Ja.«

Ich streckte meine Hand aus um zu ertasten wo ich mich befand. Direkt hinter mir konnte ich das Regal mit den vielen Büchern fühlen. »Gibt es hier denn kein Licht«, fragte ich wütend. Man konnte nichts sehen, und so wie es schien hatte selbst Darwin Schwierigkeiten.

Im nächsten Moment erhellte sich der Raum. Alle paar Meter hingen an den Wänden Fackeln, die sich der Reihe nach von selbst anzündeten. »Wow!«, entfuhr es mir. Wir befanden uns in einem großen Raum, der, wie die Bibliothek, über und über mit Regalen gefüllt war. Über mehrere Etagen erstreckten sich Bücherregale, befüllt mit unzähligen Werken. Ein großer Tisch stand im Zentrum des Raumes. Er war aus altem Holz gefertigt und an den Beinen waren verschiedene Muster eingeritzt. An der hohen Decke hing ein Kronleuchter aus Wurzeln der über und über mit Diamanten besetzt war. Das Licht der Fackeln spiegelte sich in jedem Diamanten und warf bunte Regenbogenfarben an die Wände. An einigen freien Wänden hingen Bilder in wuchtigen Rahmen. Sie sahen sehr alt und wertvoll aus.

Überall, egal ob auf Regalen oder auf dem großen Tisch, lag Zentimeterdick der Staub.

»Oh mein Gott. Das ist ja so was von abgefahren. Und du hast nichts davon gewusst. All die Jahre.« Ich konnte meine Begeisterung kaum verstecken. Ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen welches gerade ein Pony zum Geburtstag bekommen hatte.

Langsam liefen wir in den Raum hinein. Als wir ein paar Schritte gelaufen waren erklang hinter uns ein Klicken. Wir drehten uns um und sahen gerade noch wie das Regal voller Bücher im Boden verschwand und ein Kamin, in dem Feuer brannte, hinter dem Regal hervor kam. Vor dem Kamin lag nun ein Teppich der aussah als wäre er aus Eisbärfell.

»Was war das denn eben?«

Wie sollten wir den jetzt wieder hier heraus kommen? Ich lief auf den Kamin zu. Darwin folgte mir. Der Teppich war weich; ich sank ein paar Zentimeter ein.

»Wie sollen wir jetzt wieder hier heraus kommen?«, sagte ich. Hier war nirgends ein Hebel oder etwas ähnlichen, was einen Mechanismus auslösen würde und wir wieder auf die andere Seite kommen.

Etwas fing neben meinem Ohr an zu surren. Ich drehte mich herum und sah, dass der Schlüssel genau vor mir schwebte. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich trat einen Schritt zur Seite und der Schlüssel flog auf den Kamin zu. Darwin und ich traten einen Schritt zurück um genau sehen zu können was der Schlüssel nun tat.

Der Schlüssel flog auf die Ablage, die über dem Kamin angebracht war, zu. Darauf standen zwei Leuchter mit jeweils drei Armen. Auf jedem Arm brannte eine weiße Kerze. Jedoch sah es nicht aus als wären es echte Flammen. Sie sahen künstlich aus, blau und violette Flammen. Zwischen den beiden Leuchtern war ein großes Bild an der Wand angebracht. Es war in einem dicken Rahmen aus Gold verpackt. Es war eine wunderschöne Herbstlandschaft abgebildet, mit vielen Bäumen und Laub auf dem Boden. Licht viel durch das Blätterdach der Bäume und füllte den Boden mit Leben.

Kurz vor einem der Leuchter hielt der Schlüssel an. Dann schoss er darauf zu und lies den Leuchter den hinten kippen. Das Klicken ertönte wieder und der Kamin rückte wieder in die Wand zurück. Das Bücherregal kam unter ihm hervor und viel mit einem Ruck in seine rechtmäßige Position.

»Das ist so was von abgefahren«, stieß ich hervor. Ich kam mir vor wie in einem Film. Einem Film in dem es um verborgene Rätsel, Schatzkammern und actiongeladene Verfolgungsjagden ging. Gerade wären wir an der Stelle in der wir eine dieser Schatzkammern entdecken würden.

»Ich sehe das eher nicht so, aber gut. Jetzt wissen wir wenigstens wie wir hier wieder heraus kommen. Danke … äh Schlüssel«, sagte er dem Schlüssel entgegen. Ich sah, dass er nicht recht wusste was er hätte sonst sagen können.

»Dann widmen wir uns doch mal diesen wunderbaren Werken«, rief ich vergnügt aus und drehte mich um. Ich wollte unbedingt durch jeden der Gänge laufen, Stunden hier drin verbringen.

Darwin überholte mich und lief auf einen Lesepult zu, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. »Was haben wir denn hier?« Er sprang auf den Hocker der davor stand und beugte sich über das Dicke Buch welches auf dem Pult lag. Es war in dickes Leder gebunden und roch nach vergilbten Papier und Staub. Darwin pustete über das Papier und eine Zentimeterdicke Staubschicht bewegte sich in Richtung Boden.

»Hier scheint lange niemand mehr gewesen zu sein.«

»Ich wusste ja nicht einmal das es diesen Raum überhaupt gibt. Doch wenn ich es gewusst hätte, dann wäre ich wohl nicht mehr hier heraus zu bekommen gewesen.« Darwin lachte. »Ich komm mir vor wie im Traum.«

»Stell dich hinten an, Darwin.«

Beide verfielen wir in schallendes Gelächter.

»Was ist das für ein Buch?«, fragte ich nachdem ich mich etwas beruhigt hatte.

»Ich weiß es nicht, aber ich vermute mal, dass hier drinnen alle Werke aufgerührt sind, die es hier gibt. Drüber, in meiner Bibliothek, gibt es ja auch so ein Buch.«

»Nicht nur die Bibliothek drüben ist deine. Das hier gehört auch dir. Es war in deinem Bau, also ist alles deine.«

Darwin hielt seine Nase immer noch über das Buch.

»Aber warum habe ich nichts davon gewusst?« Er schaute auf. »Warum hat mir nie jemand von diesem Raum erzählt?«

»Vielleicht gab es einen guten Grund dir diesen Raum vorzuenthalten? Vielleicht sollte er im verborgenen bleiben.«

Darwin sprang vom Hocker und lief auf den großen Tisch zu. Er umrundete ihn einmal vollständig und blieb dann vor mir stehen. »Wollen wir uns ein wenig umschauen? Bestimmt gibt es hier noch ein paar andere Überraschungen.«

Wir machten uns sogleich auf den Weg in die erste Etage. Die Treppen hatten breite Stufen und waren aus schwarzem Marmor gefertigt. Sie glänzten im Licht der Fackeln. Die widerspiegelnden Farben der Diamanten huschten immer wieder über einzelne Stufen und gaben dem Marmor einen noch wertvolleren Akzent. Das Geländer war auf purem Gold gefertigt. Der Knauf am unteren Ende der Treppe hatte die Form eines brüllenden Löwen. Unsere Füße hinterließen Abdrücke auf dem Marmor, der von Staub übersät war. Wie lang hier wohl keiner mehr gewesen war?

Selbst meine ungeübten Augen konnten erkennen das dieser riesige Raum mehrere Millionen Pfund wert sein musste. Ich fuhr mit den Fingern über das Geländer, genau so wie ich es im Wald immer über Bäumen tat. Als wir das Ende der Treppe erreicht hatten liefen wir auf die Ebene der ersten Etage. Der Fußboden war ebenfalls aus schwarzem Marmor. Die Regale waren fein säuberlich aufgereiht. Die gesamte obere Etage war in einem Kreis um den Raum gewunden.

Vom Geländer aus konnte man eine Etage tiefer genau auf den Großen Tisch schauen, der in der Mitte stand. Von hier oben konnte man erkennen, dass selbst in die Tischplatte Motive eingraviert waren, jedoch waren sie zu klein um etwas erkennen zu können.

Über uns konnte man den Kronleuchter besser erkennen als von unten. Die Diamanten mussten so groß sein wie ein kleines Hühnerei. Sie waren fein geschliffen, genau so, wie man sie immer in den Nachrichten sah.

Die Etage wurde von etwa zwanzig Säulen gestützt, die alle aussahen wie in der Zeit des Klassizismus. Sie waren mit feinen dünnen Rillen durchzogen.

»Ich komm gar nicht mehr raus aus dem Staunen.« Darwins Augen leuchteten. Ich konnte es genau sehen.

»Ich auch. Das einzige was mich hier stört ist der ganze Staub. Hier liegt der ja Zentimeter hoch. Denn jemand eine Allergie dagegen hätte, würde er hier nicht glücklich werden.« Es war wirklich fürchterlich. Überall wehten Wollmäuse umher. Sie hatten sich zu dichten Gebilden entwickelt die auf dem Boden oder den Regalen thronten.

»Ich glaube das erste was wir hier machen müssen, ist erst einmal gründlich entstauben.«

»Ich gebe dir recht. Vorher brauchen wir gar nicht erst anfangen nach irgendwas zu suchen. Hier findet man ja sonst nichts, wenn es unter solch einer Schicht Staub begraben liegt.«

Wir liefen einmal durch die gesamte Etage und schlenderten dann gemütlich zur nächsten Etage hinauf. Hier sah es nicht viel anders aus, als in der ersten. Überall standen akkurat aufgereihte Regale. Leitern mit Rollen, damit man sie umher schieben konnte, standen an einigen Regalen. Jedoch sahen sie mehr morsch als heil aus. Auch in der dritten und vierten, der letzten, Etage konnte man das gleiche sehen, wie zuvor. Der Schlüssel war die ganze Zeit über neben mir her geflogen. Als wäre er lebendig. Als könnte er genau sehen wo ich hinging. Immer wieder hatte ich einen verstohlenen Blick zu ihm geworfen, doch ich hatte keine Anzeichen von Augen daran erkennen können.

»Gehen wir wieder nach unten?«, fragte ich als wir auch die vierte Etage umrundet hatten. Darwin nickte und wir machten uns auf den Weg. Wir liefen die Marmortreppe nach unten und liefen auf die andere Seite der Etage. Jede Treppe war gegenübergesetzt einer anderen. Sodass wir eine halbe Ewigkeit brauchten eh wir wieder unten waren.

Als wir beinahe unten angekommen waren klingelte mein Handy. Laut erklang 30 Seconds of Mars mit ihrem Song Up in the air. Ich liebte dieses Lied über alles.

»Hallo?«

»Maddie!«, dröhnte mir die Stimme meiner Mum entgegen. »Hast du eine Ahnung wie spät es ist?«

»Nein.« Es war zwecklos ihr in dieser Situation etwas vor zu machen. Sie klang ziemlich wütend.

»Wir haben es bereits sieben Uhr. Wo auch immer du bist, mach dass du nach hause kommst. Das wird ein Nachspiel haben, meine Liebe!«

Wir liefen weiter nach unten und auf den Kamin zu. Ich war mir sicher, dass Darwin das Gespräch genau hören konnte. Er hatte so guter Ohren, er konnte alles hören. »Ich bin noch bei Alice, bin gleich zuhause.«

»Jetzt hör auf mir dauernd deine Lügen aufzutischen. Du bist nicht bei Alice. Du warst nie bei ihr. Ich hab angerufen, weil du ewig nicht gekommen bist?«

Mist, Mist, Mist!

»Hast du denn überhaupt eine Ahnung was du mir und deinem Vater antust. Was du uns allen damit antust. Taylor war kurz davor die Polizei zu rufen. Wo bist du, Madeline.«

Wenn Mum mich Madeline nannte dann musste sie so was von sauer sein. Sie tat das so gut wie nie. Nur wenn sie richtig wütend war.

»Ich bin gleich da.«

»Sag mir wo du bist. Dein Dad wird dich abholen.«

»Mum, ich bin so gut wie zuhause. In zehn Minuten bin ich da.« Ich wartete nicht auf ihre Antwort sondern legte sofort auf. Ich wusste das ich sie damit noch wütender gemacht hatte, doch ich durfte auf keinen Fall gefährden das sie heraus bekam wo ich war.

»Okay, ich muss in zehn Minuten zuhause sein, sonst kann ich mir gleich ein Ticket zur Hölle kaufen.«

Darwin nickte und wir rannten los.

Ich legte den Leuchter auf dem Kamin um und er verschwand in der Wand. Es kam mir endlos lang vor bis das Regal auf dem Boden gefahren war. Als es dann endlich Klick gemacht hatte zog ich das grüne in Leder gebundene Buch heraus und das Regal drehte sich mit uns auf die andere Seite. Darwin rannte voraus, ich hinterher. Ich schnappte mir meine Jacke von einem der Sessel an der Feuerstelle in der Bibliothek und wir verschwanden in Richtung Ausgang des Baus.

In der Eingangshalle blieb ich stehen. »Darwin, der Schlüssel!«, rief ich aus. Erschrocken weiteten sich seine Augen, im nächsten Moment wurden sie jedoch wieder zu den rabenschwarzen Knöpfen die ich kannte.

»Hinter dir, Maddie«, sagte er erleichtert. Ich drehte mich um und schnappte den Schlüssel einfach mit der Hand. Augenblicklich wurde er wieder schwer und kam mir leblos vor. Doch ich konnte mir in diesem Moment keine Gedanken darüber machen; ich musste so schnell wie möglich nach hause.

Wir brauchten etwa sieben Minuten durch den Wald. Am Waldrand blieben wir kurz stehen.

»Also, Darwin. Wie ich meine Mum kenne wird sie mir Hausarrest geben, was bedeutet das ich erst in nicht absehbarer Zukunft wieder das Haus unerlaubt verlassen darf. Wir müssen damit«, ich zog den Schlüssel hervor, »noch ein Weilchen warten.«

Darwin trat von einer Pfote auf die andere. Ihm war kalt, ich konnte es daran erkennen wie er sich verkrampfte. Er war tief im Schnee versunken. »Ich werde bei Gelegenheit in deinem Gefängnis vorbei schauen«, erwiderte er mit einem leichten Lachen.

Ich beugte mich zu ihm hinunter und drückte ihn fest. »Danke, dass du das mit mir hier aushältst!« Ich musste lachen, obwohl es in dieser Kälte absolut absurd war. Ich konnte fühlen wir Darwin eine seiner Pfoten auf meine Schulter legte.

»Kein Problem, meine Kleine.«

Ich löste mich von ihm und lief auf unser Haus zu.

 

Zwei Wochen hatte ich Hausarrest bekommen. Zwei ganze Wochen! War das denn zu fassen?

Als ich an der Tür geklingelt hatte kam Mum sofort angestürmt, riss die Tür auf und schrie mich an. Ich möchte es mir selbst ersparen darüber zu reden. Ich erinnere mich nicht gern an schlechte Momente, sie machen mich nur traurig.

Das einzig Gute in dieser Zeit zuhause war, dass ich mehr mit Alice machen konnte. Ich hatte sie in letzter Zeit vernachlässigt, wie ich fand. Es tat gut mit ihr etwas zu unternehmen, auch wenn es darin bestand in meinem Zimmer zu gammeln und alte Zeitschriften durchzublättern. Ich hatten Mum dazu überreden können mir Besuch zu erlauben, da Hausarrest nur darin bestand das Haus nicht zu verlassen (abgesehen von der Schule natürlich).

Darwin kam hin und wieder vorbei. Oft kam er erst spät, wenn es dunkel war und ihn niemand sehen konnte. Ich weiß nicht wie er es schaffte, aber er kam immer durch mein Fenster geklettert (ich lies es extra für ihn auf). Er wollte es mir jedoch auch nicht sagen. Er erzählte mir, wie er voran kam. Darwin hatte begonnen in dem versteckten Zimmer sauber zu machen. Jedoch würde es noch einige Zeit dauern, eh man von staubfrei reden konnte.

Da kam mir eine Frage in den Sinn. Denn Füchse fast genau so leben wie wir Menschen, mit all den Berufen und ähnlichen, warum haben sie dann keinen Strom? Das würde doch einiges erleichtern. Man könnte einfach einen Staubsauger benutzen um all den Staub zu entfernen.

Als der Hausarrest endlich aufgehoben war lies auch der Schnee nach. Die Sonne kam öfter als sonst hinter dichten Wolken hervor und beseitigte einen großen Teil des Schnees. Ich war heilfroh darüber, dass dieser lange Winter endlich ein Ende nahm und man in unserer Schuluniform nicht mehr so fror. Der Februar war damit in einen sonnigen März über gegangen. Das Gute war zwar, dass es jetzt nicht mehr schneite, dafür fing es jetzt an zu regnen, aber das war mir allemal lieber als Schnee. Sonne und Regen wechselten sich ab.

Als mein Hausarrest aufgehoben war, ging ich nicht zuerst zu Darwin, sondern zu Mrs Lennon. Ich musste sie einfach als ersten besuchen. Mir fehlten unsere Gespräche und der Duft des Süßwarenladens. Ich verbrachte einen schönen Nachmittag mit ihr. Es war einfach so wie immer. Sie schenkte mir Süßigkeiten und regte sich über die Schule auf. Ich atmete den Duft der ganzen Süßigkeiten ein und fühlte mich wie im siebten Himmel.

Doch dann wartete die Arbeit wieder auf mich. Ich musste zu Darwin und mit ihm weiter nach dem Sinn des Schlüssels suchen. Der Schlüssel jedoch hatte sich, seit meinem letzten Besuch in der Bibliothek, nicht mehr bewegt. Er war nicht mehr zu meinem fliegenden Schlüssel geworden. Er lag stumm in meinem Nachttischschrank.

Ich saß mit Darwin in dem versteckten Zimmer an dem großen verzierten Holztisch. Wir hatten den Schlüssel vor uns hingelegt und warteten nun darauf das er in die Luft schwebte.

»Das wird einfach nichts mehr. Irgendwas muss dieses Fliegen ausgelöst haben. Einen anderen Grund gibt es einfach nicht. Zumindest für mich«, unterbrach ich das lange Schweigen.

Darwin zog die Luft scharf ein und lies sie erst nach einer gefühlten Ewigkeit wieder heraus. »Du hast recht, es hat keinen Zweck weiter zu warten, wir müssen uns langsam an die Arbeit machen. Ich habe das Gefühl das uns die zeit davon läuft.« Darwin erhob sich von seinem Stuhl und sprang herunter. »Wir müssen jetzt irgendwas finden. Der Schlüssel hat uns hier rein gebracht, also muss er einen ziemlichen Grund dazu gehabt haben. Ich vermute irgendwas ist hier, was uns weiter helfen kann.«

Ich erhob mich nun ebenfalls. Mein Blick blieb jedoch missmutig auf dem Schlüssel haften. Warum konnte dieses blöde Ding sich nicht einfach wieder bewegen und und zu irgendeinem dieser dicken Bücher führen in dem etwas stand.

Wie durch ein Wunder schoss der Schlüssel in die Höhe. Er stockte und blieb für einen kurzen Moment bewegungslos in der Luft hängen.

»Wie hast du das gemacht?«, fragte Darwin freudig.

»Gemacht? Ich hab rein gar nichts gemacht.«

»Aber irgendwas musst du gemacht haben!« Darwin wurde ganz hibbelig.

»Ich hab nur – gedacht.« Aber konnte man dadurch einen Schlüssel zum Leben erweckt haben? Bestimmt nicht!

Das Schlüssel zuckte wie wild in der Luft herum, dann schoss er auf die Treppe zu. Wir folgten ihm. Während wir die Treppe nach oben stürzten drehte er sich im Kreis. Als wir endlich das Ende der Treppe erreicht hatten schoss der Schlüssel auf die andere Seite der Etage zu nächsten Treppe. Wir rannten weiter.

Als wir in der zweiten Etage ankamen konnte ich den Schlüssel nicht mehr sehen. Er war nicht da. Hatte ich ihn nicht gerade eben noch zwischen den Regalen gesehen?

»Da!«, rief Darwin mit einem mal aus und rannte auf eines der vielen Regale zu. An jedem der Regale war an der Seite ein goldenes Schild angebracht, auf dem mal lesen konnte, welchen Inhalt das Regal enthielt.

Darwin war vor einem großen Regal mit unzähligen Büchern stehen geblieben. Es waren alles dicke, in Leder gebundene Bücher. Sie hatten die unterschiedlichsten Farben. Grün, blau, rot, violett; sogar gelb war dabei. Einige Titel waren in goldenen Lettern geschrieben, die sich gebieterisch über das Leder spannten.

»Wo ist der Schlüssel?« Ich schaute mich um, doch konnte ihn nicht erblicken.

»Genau über dir. Siehst du ihn?« Darwin hatte eine Pfote ausgestreckt und zeigte mir die Stelle. Der Schlüssel schwebte etwa zwei Meter über mir, vor einem blauen Buch. Er stupste immer wieder dagegen.

»Da endlich«, dachte ich

»Da vorn ist eine Leiter. Kannst du sie holen; bei mir würde das länger dauern«, scherzte Darwin. Ich schenkte ihm ein Lächeln und holte die Leiter. Darwin, geschwind wie er war, kletterte die Leiter nach oben, die, extra für Füchse, etwas breitere Sprossen hatte. Er zog das Buch heraus und kletterte rückwärts die Leiter wieder nach unten. Darwin legte das Buch auf den Boden und der Schlüssel flog darauf zu. Wir traten beide einen Schritt zurück und liesen ihn gewähren.

Der Schlüssel schlug den Einband auf. Zum Vorschein kam altes Pergamentpapier. Kein Wunder, dass das Buch so dick war. Wind wehte auf und blätterte sanft einige Seiten um. Dann verebbte der Wind und auch der Schlüssel viel leblos zu Boden.

»Ich glaube, jetzt haben wir, was wir wollten.« Ich stürzte auf das Buch zu, denn ich hatte etwas vertrautes darin entdeckt. Vorsichtig nahm ich das Buch in die Hände und hielt es Darwin entgegen.

»Das ist der Greif, der mir den Schlüssel gegeben hat.«

»Bist du dir sicher«, fragte Darwin skeptisch.

Hundertprozentig. »Ich bin mir absolut sicher. Das ist genau der Greif. Ihn würde ich immer wieder erkennen. Er ist so schön.«

Darwin nickte nur. Ich nahm das Buch wieder an mich und schaute mir den Greif noch einmal genau an. Ja, es war ein und derselbe gewesen. Dieser majestätische Greif war einfach nur wunderbar.

»Lies doch mal das was daneben steht«, forderte mich Darwin auf.

Ich sah auf die andere Seite. Dort stand ein kleiner Text. Ich hatte ihn gar nicht bemerkt. Ich las vor:

Boda (Bote)

Aussehen: bernsteinfarbene(r) Augen/ Schnabel, Kopf eines Adlers, Körper eines Löwen, mächtige Flügel

Informationen: Boda ist der Greif des Zauberers Graham Camberlein, der vor allem durch die Herstel-lung des Weltenöffners bekannt wurde. Vor vielen Jahren verschwand Graham Camberlein und sein Greif. Keiner weiß, wo sich die beiden aufhalten könnten, doch jeder aus L. weiß ohne Zweifel warum die beiden verschwunden sind. Die Prophezeiung wird sich erfüllen.

Was für ein Text. Ich war erst einmal vollkommen perplex. »Was soll das alles bedeuten?«
Mir standen unheimliche Fragezeichen vor den Augen. Was war ein Weltenöffner? Und was hatte es mit L. Und der Prophezeiung auf sich?

»Ich weiß genau so wenig wie du. Aber ich glaube fest daran, dass wir die Antworten finden werden.«

Wir nahmen das Buch und den Schlüssel mit nach unten und setzten uns vor den Kamin, in dem ein schönes Feuer knisterte.

»Was könnte das wohl alles bedeuten? Fangen wir doch mal mit dem Weltenöffner an.« Ich hatte so eine grobe Vorstellung davon, doch was genau es sein sollte, war für mich ein Rätsel.

»Wie der Name schon sagt, es öffnet eine andere Welt«, sagte Darwin.

»Na toll, dass wird ja immer besser. Jetzt gibt es auch noch andere Welten. Das ist doch nur in Märchen so.« Ich schlug die Hände vors Gesicht. War das denn zu fassen? Meine Welt, die früher so schön und heil war, wurde immer komplizierter. Ich kam mir vor, wie ein Insekt in einem Spinnennetz, welches sich mit jeder Bewegung noch mehr verfängt.

»Alle Märchen und Mythen sind wahr. Die Menschen können jedoch nur sehr schwer zwischen Täuschung und Wirklichkeit unterscheiden. Sie sind leicht zu täuschen.«

Ich erschrak. Konnte ich noch zwischen Erfindung und Wahrheit unterscheiden? War das hier vielleicht alles nur Erfindung? War es meine eigene Erfindung? Vielleicht lag ich ja im Koma in irgendeinem Hospital und konnte mich nicht daran erinnern? War es möglich, dass ich mich nicht mehr an den Unfall erinnerte, den ich gehabt hatte? Dad hatte schon immer gesagt, dass ich eine viel zu wilde Fantasie hatte. Womöglich ging sie gerade mit mir durch.

»Maddie! Das hier ist real. Du bist real … ich bin real. Nichts hiervon denkst du dir nur aus. Entschuldige bitte, wenn ich das so hart gesagt habe, doch es ist wahr. Märchen und alle Formen von Mythen existieren wirklich.« Auf Darwins Stirn hatte sich eine tiefe Falte gezogen. Mit einem federleichten Sprung fuhr Darwin aus seinem Sessel hervor und sprang auf meine Sessellehne. Er passte ohne große Probleme drauf. Behutsam legte er eine seiner Pfoten auf meine Hand, die ich um meine angezogenen Knie geschlungen hatte.

»Okay«, presste ich mühsam hervor. Ich musste krampfhaft Träne unterdrücken. Warum liefen sie mir nur in letzter Zeit immer häufiger über die Wange. Früher … ja früher, war das nie so. Es kommt mir schon vor wie eine Ewigkeit. Als wären es Jahre her gewesen, in denen ich ein normales Leben hatte führen können.

»Dann machen wir weiter«, fragte Darwin mit sanfter Stimme. Ich wusste, dass er mich jetzt nicht überanstrengen wollte, doch es musste sein. Ich nickte ihm zu.

»Gut, dann weiter im Programm. Das mit dem Weltenöffner wird sich noch irgendwie klären, aber wollen wir doch mal über Graham Camberlein nachdenken.«

Ich atmete tief ein, um meinen Tränenfluss zu stoppen. Jedoch wolle er sich einfach nicht stoppen lassen. »Es tut mir leid, aber ich kann jetzt einfach nicht.« Wie ein Baby kam ich mir vor. Klein und hilflos. Allem was mir begegnet ausgesetzt.

»Das ist kein Problem, Maddie. Ich mach hier einfach allein weiter und gehst nach hause. Es war eine anstrengende Zeit für dich, und ich möchte dich nicht überanstrengen. Ich werde nach Graham Camberlein suchen und auch nach diesem Kürzel L. Wir werden uns dann einfach morgen beraten.«

Ich war froh, als ich endlich zuhause war. Es war Freitag, also konnte ich etwas länger aufbleiben. Ich schaute einen tollen Film mit meiner Familie. Es war schön zusammen zu sitzen und etwas gemeinsam zu tun. In den letzten zwei Wochen hatte ich zwar genug Gelegenheit dazu, doch an diesem Abend tat es mir besonders gut.

Die Sonne war zeitig untergegangen. Der Himmel hatte sich kurz vor ihrer Verabschiedung dunkelrot gefärbt. Als ich aus dem fernster schaute, dachte ich, dass ich etwas gesehen hätte, doch es war nur die Hecke, die sich im Wind wehte. Sie war in einen tiefen Schatten getaucht, doch man könnte vereinzelt sehen, wie die Blätter sich im Wind wogen.

Kapitel 10: Verschwunden

Als der Film zu ende war und ich noch dazu todmüde, verschwand ich nach oben in mein Zimmer. Ich ging ins Bad und machte mich für die Nacht fertig. Ich zog mir meine ausgebeulte Schlafanzughose an, die ich so liebte und ein ebenso altes T-Shirt. Im Schnellgang putzte ich mir die Zähne und lief dann in mein Zimmer.

Ein merkwürdiger Geruch kam mir in die Nase. Es roch nach Alkohol und Zigaretten. Wie kam dieser Geruch in mein Zimmer?

Ich lief auf meinen Schreibtisch zu und nahm meine Tasche herunter. Erschöpft lies ich mich auf mein Bett fallen. Ich leerte meine Tasche neben mir aus. Vollkommen erschöpft räume ich die Taschenlampe wieder an ihren Platz und lege die Karte wieder in die Schublade meines Nachttisches. Bei mir musste alles seinen rechten Platzt haben, sonst fand ich nichts wieder. Dann greife ich nach dem Schlüssel –

Ich taste in Lehre. Verwundert schaue ich auf mein Bett. Da ist kein Schlüssel. Vielleicht ist er noch in der Tasche, sage ich mir und durchsuche sie, aber da war auch nichts. Ich schaue auf mein Bett, und darunter, aber ich finde keinen Schlüssel.

Jos kam langsam durch die Tür getrottet.

»Jos«, sage ich verärgert. »Wo hast du den Schlüssel?« Doch anstelle einer Antwort schaute er mich nur mit seinem braunen Teddybäraugen an.

Sollte das ein Scherz sein? Wo hatte ich den Schlüssel nur hingelegt? Ich war mir ziemlich sicher gewesen, dass er in meiner Tasche gewesen ist. Ich hatte ihn hineingelegt, nachdem ich nach hause gegangen bin.

Gerade eben war ich noch hundemüde, doch jetzt fühlte ich mich wach wie noch nie. Irgendwas lief hier ganz und gar nicht nach Plan.

Ich durchwühle mein ganzes Zimmer nach dem Schlüssel. Jeden Winkel. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich ihn in meiner Tasche gelassen habe. Abermals schaue ich auf mein Bett und darunter, wühle noch einmal in meiner Tasche, aber da ist nicht mehr als Luft.

Verzweifelt sah ich mich in meinem Zimmer um. Vielleicht hoffte ich, dass mir einfallen würde wo der Schlüssel liegen könnte, aber was ich stattdessen sah war ein offenes Fenster. Ich hatte es vorher nicht geöffnet. Es war angelehnt. Nur ein winziger Spalt stand offen. Ich ging darauf zu, und was ich sah war erschreckend. Das Holz des Fensterrahmens war abgesplittert und lag auf meiner Fensterbank.

Das war vorher nie so gewesen!

Und das Fenster war geschlossen, als ich ging. Ich hatte es extra zu gemacht, damit ich in der Nacht nicht zu viel kalte Luft in meinem Zimmer hatte.

Hier war jemand eingebrochen!

Ich öffnete das Fenster ganz und schaute nach unten. Wenn hier jemand eingebrochen sein musste, dann musste er auch irgendwie nach oben gekommen sein. Mein Zimmer lag im ersten Stock. Das war nicht sonderlich hoch; doch gute vier Meter über dem Boden lag mein Fenster schon. Am Boden erblickte ich Fußabdrücke. Ich konnte sie kaum erkennen, da die Straßenlaterne immer noch eine erbärmliche Funzel war, doch die matschigen Abdrücke, die sich in die Wiese gegraben hatten schimmerten matt im Schein der Laterne.

Es war also jemand hier gewesen, der sich den Schlüssel genommen hatte, doch warum? Was hatte ein Fremder für einen Nutzen von einem Schlüssel, von dem keiner wusste wofür er war. Es sei denn …

Ich schlug mir heftig an den Kopf. Warum nur? Wieso war ich nicht früher auf diese Idee gekommen. Ich hätte es wissen müssen, in dem Moment als ich festgestellt hatte, dass der Schlüssel weg war.

Ich musste es so schnell wie nur irgendwie möglich Darwin erzählen. Ich schloss mein Fenster, schaute noch einmal auf den Boden, ob selbst dort Schlammspuren waren (waren sie nicht) und legte mich dann ins Bett.

Ich zog die Decke fest um meinen Körper.

»Jos?« Müde hob er seinen Kopf. Ich klopfte neben mich auf die Bettdecke. »Du darfst heute Nacht mit in mein Bett kommen. Na los, du darfst wirklich!« Hechelnd stand er auf und sprang mit einem federnden Sprung auf mein Bett. Le Matratze sank ein paar Zentimeter ein, als er sich neben mich legte. »So ist es gut. Jos, du musst heute Nacht ganz besonders auf mich aufpassen. Jemand ist eingebrochen.« Ich strich ihm über den Kopf. Seine schwarzen Augen musterten mich interessierter. Ich ärgerte mich unheimlich, dass ich ihn nicht verstehen konnte. Imme noch hatte ich keine Antwort dafür.

Irgendwann schlief ich endlich ein. Ich hatte zwar immer noch Angst, dass die Diebe zurück kommen würden, doch ich war sicher, dass Jos mich warnen würde.

Der Morgen war neblig und man konnte nicht sehr weit sehen. Ich fühlte mich, als würde ich gegen eine dicke, und durchdringbar Wand laufen. Ich schlief etwas länger, doch der Nebel wollte den ganzen Tag nicht verschwinden, auch dann nicht, als ich zu Darwin lief. Ich musste meine Taschenlampe mitnehmen, um sehen zu können.

Mum hatte ich gesagt das ich zu Alice gehen würde. Ich fühlte mich unheimlich schlecht, weil ich sie immer wieder belügen musste. Ich hasste lügen und ich konnte es auch nicht besonders gut.

Darwin wartete vor seinem Bau auf mich. Ich war noch nicht bei ihm angelangt, da sprang er schon den Hügel hinunter und rief mir zu: »Was ist passiert?«

Hatte mein Gesicht mich so sehr verraten?

»Ich … na ja, wir haben da ein Problem.« Ich atmete tief ein um Kraft zu tanken. »Der Schlüssel ist weg. Er wurde mir gestern gestohlen, als ich unten im Haus war. Ich … ich hab es nicht gemerkt!« Schon wieder liefen mir die Tränen die Wangen entlang. Ich konnte diese Heuelsuse, die aus mir geworden war, nicht leiden.

»Hey!« Darwin kam langsam auf mich zu. »Wir finden ihn schon wieder. Nur nicht weinen. Hey, Maddie -« Ich schaute auf und wischte mir mit dem Ärmel meiner Jacke den Rotz der aus meiner Nase lief ab. Wenn das nur Mum sehen würde; sie würde durchdrehen. Ich musste lachen als ich daran dachte.

»Ist doch schon wieder gut. Komm mit, meine Kleine. Wir trinken erst mal was schönes.« Ich fand, dass er das ganze besser auffasste, als ich gedacht hatte. Aber vielleicht sah ich manchmal immer noch den blutrünstigen Fuchs vor mir, der er war, als ich ihn getroffen hatte.

Wir liefen (ich kroch) durch den Gang der in den Bau und in die Eingangshalle führte. Dort wählte Darwin den zweiten, den mittleren, Gang. Der kleine Raum mit den vielen Bildern erleuchtete im Schein der Fackeln an den Wänden. Wir liefen nicht, wie ich gedacht hatte, zur Bibliothek, sondern nahmen den zweiten Gang, der tiefer in den Bau führte. Eine kurze Strecke liefen wir einfach nur den kahlen Gang entlang. Einzelne Fackeln erhellten manchmal die kahle Erdwand.

Das Licht wurde stärker und der Geruch von frischem Brot stieg mir in die Nase. Wir kamen in einen Raum, in dem ein kleines Feuer brannte. Ein Kessel mit einer blubbernden Flüssigkeit war darüber aufgehängt. Ein kleiner Tisch stand in der Mitte des Raums. Sechs Stühle waren darum aufgereiht. An den Wänden des Raums waren Regale mit allerlei Lebensmitteln aufgereiht. Eine Tür führte in einen Nebenraum.

»Willst du einen Kakao?«, fragte mich Darwin, nachdem ich mich umgesehen hatte.

»Wo willst du denn hier Kakao herbekommen?«, zog ich ihn auf. Schon allein die Frage war urkomisch.

»Ich hab mal welchen geklaut«, erwiderte er trocken.

»Was?«

»Warum denn nicht? Außerdem war die Familie nicht zu Hause, sodass mich keiner gesehen hat. Danke um den Mitgefühl.«

Ich setzte mich an einen der Stühle. »Ich bedaure, dass Sie sich in solch eine Gefahr begeben mussten, Herr Darwin. Es erfreut mich unheimlich, dass Sie noch leben.« Ich stand auf, vollführte eine Verbeugung vor Darwin und setzte mich wieder hin.

»Es freut mich, dass Sie solch einen Anteil an meinem leben haben, Fräulein Maddie! Jetzt möchte ich aber das sie mir einen Tee machen, immerhin sind Sie die Magd.«

Ich sprang auf und brach in lautes Lachen aus. »Warum bin ich die Magd und du der reiche Herr?« Für einen Moment konnte ich vergessen, weswegen ich hier gewesen war.

Darwin antwortete nicht, doch ich konnte sehen, dass er sich nur mühsam ein Lachen verkniff. Er lief auf eines der Regale zu und griff in eines der unteren Fächer. Heraus zog er tatsächlich eine Dose in der sich Kakao befand.

»Du bist echt unglaublich, weiß du das?«

»Tja, findet man nur ganz selten so was. Hast einen echten Glückstreffer gelandet, weißt du das?« Darwin schenckte mir etwas angewärmte Milch in eine Schale aus Holz, gab etwas Kakaopulver dazu und stellte es dann vor mich hin.

»Darf ich raten? Die Milch hast du auch geklaut.«

»Ich würde es ja nicht so bezeichnen, aber ja.«

Wir tranken eine Weile still vor uns hin. Darwin seinen Tee und ich den leckeren Kakao. Doch irgendwann unterbrach Darwin die Stille. »Wann ist es denn passiert?« Also hatte er doch die ganze Zeit darüber nachgedacht.

»Gestern Abend. Es war schon spät als ich ins Bett gegangen bin. Ich hab meine Tasche ausgeschüttet und hab den Schlüssel einfach nicht mehr gefunden. Ich war hundertprozentig Sicher, dass er in meiner Tasche gewesen ist, als ich sie hingelegt hatte. Ich hab mein ganzes Zimmer auf den Kopf gestellt, bis ich bemerkt hab, dass mein Fenster geöffnet war. Ich hatte es aber geschlossen als ich zu dir bin. Also muss jemand eingebrochen sein.

Ich hab schon eine Idee wer es sein könnte!« Ich merkte deutlich wie sich mein Gesicht verfinsterte.

»Wer?«

»Du hast mir doch erzählt, dass bei dir jemand war und alles durchwühlt hat, aber nichts mitgenommen hat! Das muss der selbe gewesen sein, der jetzt den Schlüssel geklaut hat.«

Darwin nickte. »Das wäre gut möglich, aber woher willst du überhaupt wissen, dass jemand in deinem Zimmer war? Er hätte dir doch auch unterwegs verloren gegangen sein können.«

Diese Frage war berechtigt, doch ich erstickte sie im Keim. »Ganz einfach: Aus meinem Fensterrahmen waren Holzsplitter heraus gebrochen worden. Jemand muss also mit einem Brecheisen vorgegangen sein, vermute ich. Und zweitens: Es waren matschige Fußabdrücke im Rasen zu sehen. Das muss der Dieb aus meinem Fenster gesprungen sein. Das komische an der ganzen Sache ist aber, dass er keine weiteren Spuren hinterlassen hat. Genau wie bei dir. Und es hat nach Alkohol und Zigaretten gestunken. So wie du es von dir erzählt hattest.«

Wieder nickte Darwin. Dieses ganze Nicken machte mich nervös. »Aber was will dieser Dieb mit dem Schlüssel anstellen? Wir haben ja noch nicht einmal eine Ahnung wie er funktioniert.«

»Vielleicht weiß er ja wie der Schlüssel funktioniert? Wäre ja eine Möglichkeit. Unser Problem ist jetzt nur, wo fangen wie an zu suchen, wenn wir nichts haben, nach dem wir suchen können?« Diese frage hatte ich schon die ganze zeit gehabt. Wir hatten keinen Anhaltspunkt mehr, nach dem suchen musste.

Plötzlich erhellte sich Darwins Gesicht. »Ich hab eine Idee!« Er sprang auf und lief zum Ausgang.

»Na hoffentlich eine, bei der wir auch den Schlüssel wieder bekommen. Sonst sind die ja über alle Berge mit dem.« Ich hatte so leise gesprochen damit Darwin es nicht verstehen konnte, doch er hätte es eh nicht mehr gehört. Er war schon im Gang verschwunden. Ich rannte ihm hinterher.

»Jetzt warte doch mal. Was hast du vor?«

»Lass dich überraschen«, rief er mir über die Schulter zu.

Na wenn das mal nicht nach etwas klingt. Darwin bog nach rechts ab, als wir wieder im Raum mit den Bildern standen. »Wo willst du hin?«

Ich bekam keine Antwort. Wärend ich rannte riss ich an meiner Tasche und zerrte die Karte heraus die Darwin mir gegeben hatte und sah nach wo wir hin rannten.

Die Stadt der Füchse.

 

Kapitel 11: Die Stadt der Füchse

Bist du verrückt geworden?«, schrie ich. Ich war vollkommen außer Puste. Als Darwin nicht antwortete schrie ich weiter. »Ich kann doch nicht einfach in eine Stadt voller Füchse gehen. Die werden mich doch töten. Hast du denn vergessen, wie du auf mich reagiert hast?«

Mir war unheimlich zumute. Wie würden diese Füchse auf mich reagieren? Oder besser, warum tat Darwin das überhaupt?

Darwin antwortete mir nicht. Auf keine meiner Fragen. Ich folgte ihm immer weiter den Gang entlang. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Gang ewig andauern würde. Meine Tasche schlug immer wieder gegen die dreckige Erdwand. Mich würde es wundern, wenn sie am Ende heil geblieben war.

Nach einer Weile, die mir in diesem erdrückenden Gang wie eine Ewigkeit vorkam, erreichten wir eine große Holztür. Sie war mit schönen Schnitzereien verziert. In der Mitte der Tür war ein großer Fuchs abgebildet. Einige Stellen der Tür waren mit Blattgold überzogen worden. Sie sah einfach nur umwerfend aus.

»Wow!«, rief ich aus.

Langsam öffnete Darwin die Tür. Sie hatte einen Knauf in der Höhe, wie ich es kannte, und einen in der Höhe von Darwin. Ohne große Probleme öffnete er sie.

Darwin atmete tief ein. »Ich war hier seit zwei Jahren nicht mehr. Warte hier bitte bis ich dich holen komme. Rühr dich nicht vom Fleck, hast du gehört? Wenn ich nach einer Stunde immer noch nicht da bin, gehst du bitte heim!«

»Warum -«, begann ich, doch Darwin lies mir keine Chance auszusprechen, sondern verschwand durch die Tür.

Was sollte das bedeuten, dass ich heim gehen sollte, wenn er nicht wieder kam? Und warum sollte er überhaupt nicht wieder kommen? Doch ich hatte jetzt nicht vor mir über so etwas den Kopf zu zerbrechen. Er hatte mir klare Anweisungen gegeben und die würde ich (ausnahmsweise) mal ausführen. Natürlich nur bis zu einem Moment, an dem es mir dann doch zu viel wurde.

Ich setzte mich auf den Boden. Er war trocken und klebte nicht an meinen Kleidern.

Es ärgerte mich zutiefst, dass der Schlüssel nun weg war. Ich hätte besser darauf aufpassen müssen. Was wäre wohl gewesen, wenn ich meine Tasche unten im Flur hätte stehen lassen? Wäre der Schlüssel dann noch da.

»Kümmer dich nicht darum, was passiert wäre wenn es so gekommen wäre. Mach dir keine Sorgen. Nicht mehr lang, und ich bin da! Es wird alles gut!«

Es war wieder diese Stimme. Ich hatte sie lange nicht mehr gehört. Seit … ja, wann war das eigentlich gewesen? Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Doch es beruhigt mich, sie wieder in meinem Kopf zu hören.

Was hatte er noch einmal gesagt? Nicht mehr lang und ich bin da! Würde ich etwa bald das Gesicht zu dieser Stimme sehen? Mein Puls begann sich zu beschleunigen. Was würde passieren, wenn er, dessen Stimme so schön war, vor mir stand? Und warum war er eigentlich in meinem Kopf? Wie konnte ich ihn da drin hören?

Ich dachte weiter nach und flog auf einer weichen Wolke voller Vorstellungen, Ängste und Sorgen weit weg.

Ein lautes Quietschen ertönte und die Tür schwang auf. Darwin streckte seinen Kopf hindurch. »Okay, ich glaube wir haben grünes Licht.« Aufmunternd nickte er mir zu. Ob ich ihm jetzt sagen sollte, dass ich Stimmen in meinem Kopf hatte, und das diese Stimme bald ein Gesicht bekommen würde?

Ich lies es bleiben. Darüber konnten wir auch später reden.

Langsam erhob ich mich vom Boden. »Glaubst du wirklich, dass das eine gute Idee ist, Darwin? Ich weiß nicht ob ich da rein will.«

»Ach was, mach dir keine Sorgen, das wird schon gut gehen. Sie sind freundlich. Wenn sie mich empfangen, dann doch wohl auch dich.«

»Du bist auch einer von ihnen!«, protestierte ich.

»Lange Zeit nicht, und jetzt komm!« Der Ton seiner Stimme verriet, dass er kein Wiederwort duldete. Grummelnd folgte ich ihm durch die Tür.

Ich setzte einen Fuß vor den anderen und blieb dann wie angewurzelt stehen. Unter der Stadt der Füchse hatte ich mir etwas ganz anderes vorgestellt. Etwas … unpopuläres! Ich hatte an eine Reihe Erdhügel gedacht, unter denen sich ein Bau versteckte, etwas kleiner als der von Darwin. Eine kleine grüne Fläche, ansonsten nur Dreck (Okay, diese Vorstellung ist wirklich mies von mir, doch so sah es in meinem Kopf aus.) Doch das hier überschritt meine Vorstellungen um einiges.

Ein besserer Name wäre gewesen: Die Stadt der Bäume. Irgendetwas mit Bäumen. Ich blickte auf eine von Bäumen übersäte Grünfläche, unter der Erde! Es war ein Wald unter einem Wald. Es war beeindruckend. Eine Kuppel aus Wurzeln spannte sich über die Erde, so dass nichts herunter fallen konnte und einen der Füchse zerquetschte.

Es lag kein Schnee hier unten. Es kam mir sogar so vor, als würden hier unten gar keine Jahreszeiten herrschen. Es sah aus, als würde es hier unten nur den Sommer geben. Eine Wolke voller Wärme umhüllte mich und brachte mich zum Schwitzen. Ich zog schnell meine Jacke aus und krempelte meinen Pullover nach oben.

Überall liefen Füchse herum. Einige waren klein, andere wiederum so groß wie Darwin. Er schien einer der größten zu sein. Ein paar von ihnen schauten misstrauisch zu uns herüber als sie mich sahen. Schnell brachten die Füchsin ihre Kinder in Sicherheit. Füchse kamen mit gefletschten Zähnen auf uns zu.

»Darwin, bist du dir jetzt immer noch sicher?«, fragte ich ängstlich.

Ich konnte genau sehen das es nicht so war, doch er nickte.

Ich schaute wieder zu Boden, um niemanden sehen zu müssen. Mein Blick viel auf viele schöne Blumen die ich noch nie gesehen habe. Pilze präsentierten sich an einigen Stellen der Welt.

Ein Knurren ertönte unmittelbar vor mir. Ich hob wieder den Kopf. Sofort stellte sich Darwin vor mich. Er fletschte ebenfalls seine Zähne.

»Was hast du hier zu suchen?«, fragte der Fuchs.

»Ich muss mit Yorick sprechen! Sofort!«

»Du bist hier nicht willkommen, Darwin. Ebenso wie das Gesindel was du mitgebracht hast.« Sein scharfer Blick fiel auf mich. Ich musste schlucken um nicht gleich wieder in Tränen auszubrechen. Ich wollte hier weg, doch das ging nicht. Um uns herum hatten sich, so wie es schien, die stärksten Füchse der Stadt versammelt. Alle waren in Kampfstellung und warteten nur noch auf das Zeichen, welches ihnen erlauben würde uns anzugreifen.

»Ich muss mit Yorick sprechen«, sagte Darwin nun härter.

»He, wartet!« Von weit her erklang eine Stimme. Einige drehten sich neugierig um, doch die meisten bewegten sich keinen Zentimeter, sondern starrten mich weiter voller Hass an.

»Wartet!« Rief der Fuchs wieder. Ich konnte von weitem sehen, dass er schmächtig war. Die Spitze seines rechten Ohrens war abgebissen. Sein Fell stand in alle Himmelsrichtungen ab. Er sah vollkommen heruntergekommen aus. Als er uns endlich erreicht hatte war er völlig außer Puste. Er tat mir so leid. So wie er aussah mussten sie ihn schlecht behandeln.

»Jetzt nicht Olias. Wir haben hier gerade etwas zu klären.« Der Fuchs wand seinen Kopf nicht von mir.

»Lucius! Lucius!« Seine Stimme klang erstickend. Dann sackte er zusammen.

Darwin wollte zu ihm stürzen, doch sofort sprangen drei Füchse auf ihn und hielten ihn in Zaum. Ich wollte nach ihnen treten. Ich wollte irgendetwas tun, doch ich fühlte mich so hilflos. Ich wurde von einem Heer von Füchsen an die verschlossene Holztür gedrängt.

»Darwin!«, rief ich aus.

»Tu was auch immer sie sagen!«, rief er mir unter der Last der drei Füchse zu.

»Das sprechen hat das Gesindel schon mal nicht verlernt«, rief Lucius gehässig aus. »Kümmert euch um Olias«, herrschte er seine Bande an. Einige rannten auf den verunstalteten Fuchs zu und brachten ihn dazu, dass er wieder die Augen öffnete.

»Hold denn endlich mal jemand etwas Wasser?«, schrie Lucius nun. Zwei Füchse lösten sich aus der Masse und verschwanden in den Wald. Wenige Minuten später kehrten sie mit einem Eimer aus Leder, der mit Wasser gefüllt war, zurück. Ohne irgendwelche Hemmungen kippten sie den Eimer direkt über Olias aus. Dieser fing heftig an zu husten. Als er sich wieder beruhigt hatte standen alle erwartungsvol um ihn herum. Wie konnte man nur so sein? Sie behandelten ihn doch wie Dreck. Doch wenn sie etwas von ihm wollten waren sie das komplette Gegenteil. Mich kotzte dieser Fuchs an. Dieser Lucius und seine Bande.

»Lucius!«, sagte Olias wieder.

»Was ist denn nun so wichtig, dass du das hier störst?« Er zeigte mit einer Pfote auf den am Boden legenden Darwin, der noch immer mit den drei Füchsen rang, und mich.

»Yorick möchte Darwin sehen. Er soll unverzüglich im Mutterbaum erscheinen.« Dann versagte seine Stimme wieder. Er starrte nur starr vor sich hin. Dann, ganz langsam, sank sein Kopf zur Seite.

»Ist … ist er tot?«, fragte ich. Ich konnte diese Frage kaum aussprechen. Es sah so schrecklich aus.

»Wurde eh langsam Zeit«, sagte einer der Füchse. Ich konnte nicht erkennen wer es war.

»Wie könnt ihr nur so grausam sein? Ich lasst doch eure eigenen Leute sterben!«, rief ich. Ich war wütend auf diese ganze Bande. Wütend darauf, dass sie uns hier fest hielten. Wütend, weil sie sich auf Darwin stürzten, ohne jeden ersichtlichen Grunde. Wütend darauf, dass sie uns nicht einfach halfen.

»Du hältst jetzt mal ganz schnell dein dreckiges Maul, du Mörder. Deine Rasse ist es doch, die uns umbringt. Dieser Fuchs wäre nicht gestorben, wenn ihr nicht gewesen wärt. Er wurde angeschossen; die Jagdhunde haben ihn gejagt, haben ihm ein Ohr abgebissen. Es ist gerade so entkommen. Wir würden unsere Leute niemals so zurichten. Da ist eure Schuld. Es ist eure Schuld das er so sterben musste!

Deine Rasse ist es, die Familien entzwei reißt. Ihr benutzt uns als Teppich oder Mantel.

Hat dir dein kleiner Freund hier denn nie erzählt warum er nicht bei uns lebt? Warum er nicht hier in der Stadt ist, sondern in seinem abgewrackten Bau wohnt? Vielleicht solltest du ihn das mal fragen?«

Lucius kam bedrohlich aus mich zu. Er sah stark aus. Ich würde keine Chance gegen ihn haben, wenn es so weit kommen würde.

»Hör auf, Lucius! Lass es!«, rief Darwin. Ich schaute verängstigt zu ihm hinab. Warum konnte sich nicht alles hier in Luft auflösen? Warum konnte das kein Traum sein, aus dem ich endlich erwachen würde?

»Was glaubst du warum er nicht bei uns lebt?«

»Lucius!« Darwins Ruf hallte in der ganzen Stadt wieder. Ich konnte es an den Wänden hören, wie der Schrei abprallte und weiter flog.

Doch Lucius ignorierte Darwin.»Seine Familie wurde umgebracht. Von deiner Rasse; von dir! Wenn du ihm jetzt noch in die Augen sehen kannst, dann sag es mir.« Zorn funkelte in seinen Augen, doch ich konnte auch sehen, dass er gerade eben etwas getan hatte, was er schon sehr lange hatte tun wollen.

Ich blickte zu Darwin. Tränen flossen ihm aus den Augen und benetzten sein Fell. Warum hatte er mir nie davon erzählt? Warum hatte er nie darüber mit mir gesprochen?

»Vielleicht war es die Tatsache das du ein Mensch bist!«, das hatte Darwin zu mir gesagt, als ich ihn richtig kennen gelernt hat. Vielleicht war es auch diese Tatsache gewesen, warum er nie mit mir darüber gesprochen hatte.

Tränen liefen mir über die Wangen. Sie flossen wie ein reißender Strom. Meine Beine gaben unter mir nach und ich sackte in das weiche Gras zusammen.

Warum taten wir Menschen das überhaupt? Etwa weil wir es toll fanden, wenn wir Pelz aus Fuchsfell trugen? Vielleicht! Doch der eigentliche Grund war doch, dass wir Spaß hatten, diese armen Tiere durch den Wald zu hetzen. Ihnen unsere Hunde hinterher zu schicken, damit wir lachen konnten, wenn der erste Schuss viel.

»War es das, was in dem Raum mit den Ketten war, Darwin? War es dass was du mir nicht erzählen wolltest? Oh es tut mir so leid. Es tut mir wirklich so leid!« Tränen tropften in das Gras. Blumen schossen aus den Stellen hervor, wo meine Tränen auf das Gras auftrafen. Verwundert blickte ich auf jede einzelne Blume. Sie sahen stark und zerbrechlich zugleich aus.

»Aufrichtige Tränen«, sagte irgendwo jemand. »Es heißt, wenn man den Boden mit Tränen benetzt und daraus Blumen wachsen, kommen die Tränen aus tiefstem Herzen.«

»Es ist mir scheißegal woher diese Tränen kommen, Yorick erwartet uns«, bellte Lucius aus der Menge hervor. »Nehmt sie zwischen euch und bringt sie zum König.«

Zähne zerrten an mir und brachten mich vollständig zum Fall. Dann packten sie mich an den Füßen und zerrten mich mit sich. Darwin nahmen sie zwischen sich und führten ihn wir einen Gefangenen zum Mutterbaum. Er hielt den Kopf gesenkt. Immer noch tropften einzelne Tränen in das Gras.

Wir wurden etliche Wege entlang geführt. Irgendwann verlor ich vollkommen die Orientierung. Ich vermutete, genau das war der Sinn der ganzen Sache.

Nachdem wir etliche male abgebogen und über kleine Hügel gelaufen waren, kamen wir an einen riesigen Baum. Er war wirklich gigantisch. Allein der Stamm musste einen Umfang von etwa sechzig Metern haben. Die Krone des Baumes konnte man nicht sehen, denn sie wurde von vielen kleineren Bäumen verdeckt. Ein großes Tor war aus dem Baumstamm getrennt. Es war groß genug, um in voller Körpergröße hindurch gehen zu können. Wir wurden in den Baumstamm gebracht. Im Inneren war eine große Wendeltreppe, durch die man weiter nach oben steigen konnte. Überall hatten sich Füchse versammelt. Auch hinter uns kam eine weitere Schar von Füchsen in den Baumstamm. »Aufstehen«, bellte Lucius als wir uns alle vor einem großen mir Gold verzierten Thron versammelt hatten. Die beiden Füchse liesen meine Jeans los und ich konnte mich aufrichten. Da das Gras weich und füllig gewesen war, hatte es meinem Rücken nicht so zugesetzt, wie ich gedacht hatte.

»Achtung, der König kommt!«, rief einer der Soldaten, die sich um den Thron gestellt hatten. Sie trugen einen klumpigen Helm und hatten eine viel zu große Lanze in den Pfoten.

Sofort verbeugten sich alle um mich herum. Selbst Darwin ging in die Knie und schaute zu Boden. Wir standen genau vor dem Thron, damit wir dem König vorgeführt werden konnten.

Ein heftiger Schmerz durchfuhr meinen Rücken sodass ich ebenfalls in die Knie gehen musste. Vorsichtig drehte ich mich um, um zu sehen, wer das gewesen war. Das bissige Gesicht eines Fuchses mit rostrotem Fell schaute mir entgegen. Schnell drehte ich mich wieder um.

Lauter Trommelwirbel ertönte und ein großer Fuchs, der überflüssigerweise einen roten Mantel, aus einem einfach zusammengenähten Stück Stoff, trug kam in mein Blickfeld. Er wurde von zwei weiteren Wachen umstellt, die sich jeweils rechts und links neben dem Thron aufstellten, als der König darauf platz nahm.

»Meine lieben Freunde«, er breitete die Pfoten zu einer einladenden Geste aus, »wir haben uns jetzt hier versammelt um über eine Ereignis der besonderen Art und Weise zu verhandeln!« Sein Blick viel auf mich und verdunkelte sich mit einem Mal. Seine Augen wurden eisig und waren mit einem mal von einem noch tieferen Schwarz getränkt, als es so schon war.

»Ich habe euch rufen lassen, um das Vergehen, welches ein ehemaliger Verbündeter von uns begangen hat.« Der König erhob sich auf seinem Thron und hob seine Stimme. »Jenen Kriegers, der gefallen ist!«

Alle fingen mit einem mal an zu lachen. Ich schaute vorsichtig zu Darwin. Sein Gesicht hatte einen harten Ausdruck angenommen. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sich arg zusammenreißen musste, um nichts gegen die Worte des Königs zu sagen.

Nur warum hatte der König ehemaliger Verbündeter gesagt? War Darwin denn nicht immer noch ein Verbündeter? Und warum begegnete ihm hier jeder mit solch einem starken Hass? Na gut, er hatte mich mit hier her gebracht; den Mörder! Doch das war lange kein Grund ihn so abwertend zu behandeln. Er war doch einer von ihnen.

»Darwin«, der König stieg von seinem goldenen Sitz und kam auf Darwin zu. Seine Wachen blieben dabei dicht bei ihm. »Warum hast du das getan?« Seine Stimme klang süßlich. Genau wie damals bei Darwin, als er kurz davor war mich umzubringen.

»Ich habe es nicht wegen -« Darwin wurde hart unterbrochen. Einer der Wachen hatte ihn mit seiner Lanze tief in den Brustkorb gestochen.

»He! Spinnt ihr!«, schrie ich. Ich sprang auf, doch sogleich waren alle anderen Gefolgsleute von Lucius aufgesprungen und stürzten sich auf mich. Mit unglaublicher Kraft wurde ich zu Boden gedrückt. Ich konnte mich nicht bewegen. Zwei Wachen des Königs stellten sich um mich und drückten mir mit ihren Lanzen ins Fleisch. Ich spürte wie meine Haut nachgab und sich ein feiner Rinnsal Blut durch meine Kleider drängte.

»Halt's Maul, du Mörder!«, rief einer der Füchse mir ins Ohr.

»Tu was sie sagen, Maddie, und es wird dir nichts getan«, sagte Darwin mit sanfter Stimme. Ich wusste, dass er mich ermutigen wollte, dass er mich beschützen wollte, doch in diesem Moment konnte er nichts das geringste tun. Er musste gegen seine eigene Angst ankämpfen.

»Zu dir komm ich später, Mensch«, sagte der König an mich gewandt. Sein Gesicht war abschätzend verzogen.

Er war doch selbst ein Mörder, so wie er sich gab. Er hatte ein Herz aus Stein!

Als wäre nichts gewesen drehte er sich wieder Darwin zu.

»Darwin, keiner hatte dich um deine Meinung gegeben! Ich weiß ja nicht, ob das beim letzten mal so unverständlich gewesen ist, aber: du bist hier nicht mehr willkommen! Ist das verständlich genug?«

Er hatte sich so weit herunter gebeugt, dass er dem zu Boden gestoßenen Darwin genau auf Augenhöhe war. Es wäre ein günstiger Moment um aufzuspringen und ihm an die Gurgel zu fallen, doch die Füchse, die mich zu Boden hielten, waren zu schwer als das ich sie hätte abschütteln können.

»Ist das verständlich genug?«, sagte der König nun lauter und mit mehr Druck in der Stimme.

Darwin gab kein Wort von sich.

»Ist das verständlich?«, schrie er nun. Seine Worte hallten im gesamten Baum wieder. Es war unglaublich laut. »Oder sollen wir dich an dein kleines Wehwehchen erinnern? Das, welches du bei deiner Verstoßung bekommen hast?«

Darwins Kopf schoss nach oben. Nicht etwa, weil er es so wollte, sondern weil einer der Wachen ihm am Kopf packte und ihn nach oben riss.

»Oh mein Gott«, rief ich aus. Sogleich verfestigte sich der Druck der Lanzen auf meinem Körper. Tränen stiegen mir wieder in die Augen und suchten sich einen Weg dem Boden nahe. Wie konnten sie so etwas tun?

Eine große Narbe bildete sich auf einem Hals ab. Sie bildete das Wort Verstoßener. Sie verlief über die komplette Voraderseite seines Halses. Genau über der Pulsader. Sie war so gezogen worden, dass man sie bei bloßem Anblick nicht sehen konnte, doch wenn Darwin den Kopf gehoben hätte, hätte ich sie sehen müssen.

»Na? Wie fühlt sich das an? So etwas auf dem Hals zu tragen?«

Darwin schaute zur Seite. Nicht in die Augen des Königs. In keine Augen.

»Ist es nicht ein schreckliches Gefühl, alles verloren zu haben? Familie, Volk und am schlimmsten: die Würde? Ist das nicht fürchterlich?« Der König zog scharf die Luft ein und spuckte Darwin mitten ins Gesicht.

Wie konnte er es wagen?

Mit einem mal hatte ich eine unglaubliche Kraft. Ich bäumte mich auf, stieß alles Füchse, die mich am Boden halten sollten weg und stürzte mich auf den König. Es ging alles ganz schnell. So schnell, dass keiner der Wachen schnell genug reagieren konnte. Ich wollte gerade ausholen, um diesem Biest eins richtig auf die Nase zu hauen, als sich scharfe Zähne in meine Wade schlugen. Ich jaulte auf und stürzte zu Boden.

Der König wurde in Sicherheit gebracht. Besser gesagt auf seinen tollen Stuhl. Wachen stellten sich um ihn, damit er besser geschützt war. In seinen Augen war der blanke Schock, über das was ich gerade getan hatte, zu sehen. Er hatte es nicht erwartet. Gut so!

Ich lag in der Zwischenzeit mit einem Fuchs am Bein und einer weiteren Meute die sich auf mich gestürzt hatte, und mich überall festhielt, begraben. Ich versuchte mich loszureißen und um mich auf diesen Schänder zu stürzen, doch ich kam keinen Zentimeter weiter.

Mein Blick war auf den König gerichtet, doch der hatte sein Maul nur zu einem frechen Grinsen verzogen.

»Maddie, Maddie!«, rief Darwin mir zu. »Bitte beruhige dich! Bitte tu ihm nichts!«

»Wie kannst du so etwas sagen? Er hat dich gefoltert! Er hat dich angespuckt! Nimmst du so etwas hin?«

»Ich muss; er ist der König!«

»Scheiß auf diesen Titel. Du kannst dir das nicht gefallen lassen. Wenn ihr so etwas mit euch machen lasst, seit ihr nicht mehr wert als wir Menschen. Ihr seid genau so grausam!«

Mit einem mal herrschte vollkommene Stille. Keiner machte mehr einen Mucks.

Ich atmete schwer. Meine Haare hatten sich aus dem Knoten gelöst, den ich mir heute gemacht hatte. Sie hingen mir teilweise im Gesicht, teilweise klebten sie an meiner Stirn fest. An den Oberschenkeln beider Beine bildeten sich dunkle Flecken ab. Das Blut hatte sich in meine Hose gefressen und färbte sie dunkler als der Stoff es war. Mein heller Pullover war voller Dreck. Im Grunde genommen: ich sah aus, wie jemand der gerade überfahren wurde und dann notdürftig zusammengeflickt wurde. Ich fühlte mich auch so.

Die Kraft, die ich gerade eben noch in mir gespürt habe, war nun verflogen und ich versuchte sie verzweifelt wieder zu holen, doch es war vergebens. Sie würde nicht wieder kommen. Nicht heute.

»Du kannst froh sein, dass ich dich nicht sofort umbringen lasse, Mensch. In zwei Tagen findet das Fest statt. Wir werden bis dahin alles vorbereiten.« Seine Stimme wurde lauter und freudiger, sodass es jeder hören konnte. »Es wird ein Fest geben. Jeder der kommen will, dem soll es nicht verwehrt bleiben. Habt ihr gehört? Es wird geköpft.« laute Jubelschreie drangen in meine Ohren. Doch ich vernahm sie nur noch durch einen dicken Schleier. Nichts fühlte sich mehr wahr an. Nichts war mehr richtig.

Mein Blick gleitete langsam zu Darwin. Er lies den Kopf fallen, als wäre gerade sein Genick gebrochen worden. Die Füchse um uns herum lachten aus vollster Kehle. Lucius am lautesten. Er kam langsam auf mich zu. Ich lag immer noch am Boden. Er war mir um Längen überlegen.

»Das hast du nun davon, dämliches Menschenpack.« Mit seiner Pfote wühlte er Dreck auf und spritzte ihn direkt in meine Augen. Der Staub brannte auf meinen Augen und ich hatte das Gefühl, dass mir jemand die Augen aus den Höhlen nehmen wollte.

»Ins Gefängnis mir ihnen!«

Was? Ich schaute verständnislos um mich. Ich hatte vollkommen die Orientierung verloren. Alles war aussichtslos. Anstatt der erhofften Hilfe hatten wir nur Hass empfangen.

Lucius und seine Männer rannten auf uns zu. Wir wurden gepackt und fest zu Boden gedrückt. Meine Beine fingen an zu schmerzen. Noch mehr als zuvor. Dreck gelangte in meine Wunde und ich konnte schon jetzt die großen Eiterbeulen, die sich bilden würden, sehen. Ich bekam Tritte ab und noch einmal biss einer der Füchse in meinen Arm. Auch Darwin ging es nicht anders, nur wehrte er sich nicht. Ich hingegen wollte mir das nicht gefallen lassen. Ich trat um mich, stieß ein paar Füchse zur Seite, doch mit jedem Fuchs weniger, kamen zwei weitere dazu. Irgendwann gab ich auf.

Wir wurden an Hand- und Fußgelenken gefesselt. Dicke Seile schlangen sich darum. Heiße Tränen rannen mir die Wangen hinunter. So oft wie heute hatte ich noch nie geweint. Doch darüber machte ich mir jetzt keine weiteren Gedanken.

Ich schloss die Augen.

Ich wollte nichts mehr sehen!

Nichts mehr spüren!

Nur noch weg!

Ich wurde auf irgendetwas gehoben und dann von einer jubelnden menge davongetragen. Ich wollte schreien, doch es würde mir nichts bringen. Also hielt ich den Mund. Es würde alles nur noch schlimmer machen. Und ich war am Ende!

Alle jubelten und feierten den Sturz des Feindes, wie sie es nannten.

Ich versuchte ruhe zu bewahren, doch in mir sah es komplett anders aus. Würde ich meine Familie jemals wieder sehen? Würden wir wirklich geköpft werden, so wie es der König gesagt hatte?

Die Fesseln waren so fest gezogen worden, dass sie mir ins Fleisch schnitten. Wie es wohl Darwin erging? Von seinen eigenen Leuten verraten?

Ich wusste nicht wohin sie uns trugen; ich konnte nichts mehr durch den Schleier der Tränen sehen. Doch es würde mir eh nichts nützen. Sie trugen uns kreuz und quer. Sie wollten uns verwirren.

Doch ich merkte wie wir eine kleine Anhöhe nach oben getragen wurden. Auf der anderen Seite ging es wieder nach unten. Dann nach links und immer weiter. Die Menge hatte ihre Jubelrufe noch einmal verstärkt. Alle folgten sie uns.

Auf einmal wurde es kälter. Ich schlug die Augen auf. Vor mir lag eine dunkle Höhle. An den Wänden hingen einzelne Fackeln. Doch sie bereiteten nicht viel Licht. Spinnenweben spannten sich von Fackel zu Fackel.

Wir wurden in die Höhle hinein getragen. Das letzte Fünkchen Hoffnung, wenn es denn jemals eins gegeben hätte, verschwand. Nach einer Weile blieben wir stehen. Zwei Füchse, ebenfalls mit einem Helm und einer Lanze bewaffnet, traten nach vorn und öffneten sein schweres Eisentor. Es quietscht als sie es öffneten.

Darwin und ich wurden unvorsichtig in den Kerker getragen. Im Inneren löste man uns jeweils die Fesseln.

»Einen schönen Aufenthalt! Wir sehen uns in zwei Tagen wieder! Wenn ihr da noch lebt!«, rief Lucius mit einem herrischen Lachen welches im gesamten Gefängnis widerhallte.

Wir waren verloren.

 

Kapitel 12: Die Geschichte des Verstoßenen

Hier kommt das nächste Kapitel. Darin werdet ihr erfahren, warum Darwin nicht in der Stadt der Füche lebt. Wer gespannt ist ... lesen, lesen, lesen! Und wenn möglich einen Kommentar da lassen.

Der Kerker war klein, doch er bot genug Platz für uns beide. Drei Fackeln hingen an den Wänden und beleuchten alles etwas. Spinnenweben haben sich durch den ganzen Raum gespannt. Die Wände waren aus Dreck und Erde, welche mit Wurzeln überzogen worden. An manchen Stellen war Dreck von der Wand abgekratzt worden.

Ich kauerte mich in eine Ecke des Kerker und griff unter Schmerzen an meine Fußgelenke. Sie taten unheimlich weh. Das Blut lief mir noch in einzelnen Rinnsalen die Gelenke herunter.

»Darwin? Alles in Ordnung mit dir?«, fragte ich vorsichtig, als mir wieder in den Sinn kam, dass ich nicht allein war. Darwin hatte bis jetzt kein einziges Wort gesagt.

Es war keine Antwort zu hören.

Ich erhob meinen Blick. Ich erkannte Darwin neben einer Seiten des eisernen Tors erkennen konnte. Er hatte den Kopf an eine Eisenstange gesenkt. Blut lief über den Boden. Es bildete einen kleinen Fluss, der sich in einer ausgekratzten Kuhle im Boden sammelte.

Langsam erhob ich mich. Ich lief auf Darwin zu. Er sah schrecklich aus. Sein Fell stand an einigen Stellen in alle Himmelsrichtungen ab. Blut klebte in seinem Fell oder war komplett verfilzt. Die Einstiche der Lanzen von den Wachen waren deutlich zu sehen.

»Darwin, ich möchte dir helfen. Bitte lass mich dir helfen!«, schon wieder rannen tränen meine Wangen hinunter. Es tat mir so leid, was an diesem Nachmittag passiert war. Alles tat mir leid. Denn ich gekonnt hätte, hätte ich alles rückgängig gemacht. Sofort.

Doch ich konnte nicht!

»Bitte lass mich dir helfen!«, flehte ich weiter, als Darwin wieder nicht antwortete.

Langsam nickte er.

Ich nahm meine Tasche von den Schultern. Sie wurde mir zur Glück nicht abgenommen.Ich öffnete sie und holte mein Taschenmesser heraus. Ich war unheimlich froh, dass ich es nach de letzten Wanderung im Wald darin vergessen hatte.

Als Darwin sah, was ich da aus meiner Tasche holte, zuckte er entsetzt zusammen.

»Keine Angst«, sagte ich mit sanfter Stimme, »das ist nicht wofür du denkst!« Ich legte es neben mich auf den kalten Boden. Danach griff ich wieder in meine Tasche und holte ein Päckchen Taschentücher hervor. Ich nahm den Bund meines Pullovers in die eine und das Taschenmesser in die andere Hand. Mit einem gezielten Schnitt hatte ich den Stoff meines Pullovers durchtrennt. Ich hielt den Fetzen in der Hand und teilte ihn in gleichmäßig große Streifen.
»Bitte halt jetzt still. Ich möchte das verbinden.«

Vorsichtig nahm ich ein paar Taschentücher in die Hand und tupfte damit Darwins Wunden ab. Er sah ihm an, dass es ihn unheimlich schmerzte, doch er sagte keinen Ton, sondern litt im Stillen. Nachdem ich das Blut aus seinem Fell gewischt hatte, nahm ich die Wasserflasche aus meiner Tasche und goss etwas Wasser über seine Gelenke.

»Ah!«, schrie Darwin auf. Er biss die Zähne zusammen, doch der Schrei ertönte bereits in den Gängen und hallte an den Wänden wieder.

»Entschuldige bitte«, sagte ich.

»Maul halten da vorne! Einige vertragen hier keine Laut-stärke«, dran es aus dem hinteren Teil des Gefängnisses.

Sofort fing es in mir an zu brodeln. Ich musste mich arg zusammenreißen um nicht aufzuspringen und diesen scheußlichen Kreaturen etwas böswilliges an den Kopf zu schmeißen.

»Okay, machen wir einfach weiter.« Ich versuchte ruhig zu klingen, doch selbst in meinen Ohren hörte es sich nicht so an.

Darwin versuchte mich aufmunternd anzulachen. Auch ihm missfiel es. Ich nahm wieder die Wasserflasche in die Hand und begann weiter mit der Säuberung der Wunden. Vorsichtig lies ich das Wasser über seine offenen Schnitte fliesen und spülte das Blut aus. Als ich das an allen Stellen getan hatte, nahm ich weitere Taschentücher und wickelte sie sachte um seine Gelenke. Mit dem Stoff, den ich von meinem Pullover getrennt hatte, band ich sie fest.

»Ist das gut so«, fragte ich Darwin?

Er nickte nur.

Mehr konnte ich nicht tun. Nicht für seine Wunden.

»Es tut mir leid, Darwin! Es tut mir so leid, was da passiert ist. Bitte entschuldige! Ich wollte nicht, dass sie dir da antun. Ich konnte einfach nicht zulassen, dass sie dir so etwas tun.«

»Es ist nicht deine Schuld. Ich hätte wissen müssen dass das passiert. Nach all den Jahren hätte ich es immer noch wissen müssen.«

»Was ist damals passiert?«, fragte ich vorsichtig. Immer wieder hatten sie davon gesprochen, was damals vorgefallen war. Doch keiner wollte es mir verraten.

Darwin atmete tief ein. Es schien ihn Überwindung zu kosten. »Ich werde es dir erzählen, doch erst muss ich mich ein wenig aufwärmen.«

Ich schaute mich fragend um. »Ihr ist leider nichts, womit du dich aufwärmen kannst. Aber ich könnte dir meine Jacke geben, wenn du möchtest.«

»Nein, nein. Behalte du lieber deine Jacke und zieh sie selbst an.« Mit einem kleinen Lächeln fügte er hinzu: »Und bitte hör diesmal wirklich auf mich!«

Ich tat was er mir gesagt hatte.

Nachdem ich meine Jacke anhatte sprach er weiter. »Hast du Feuerzeug in deiner Tasche?« Ich nickte und holte es hervor. »Dann schneide jetzt bitte mit deinem Messer einige Wurzeln ab und zünde sie an.«

»Aber -«, wollte ich protestieren, doch er lies mich nicht.

»Vertrau mir. Ich habe es selbst entwickelt – damals.«

Ich stand auf und nahm das Messer um Wurzeln von den Wänden und der Decke zu trennen. Sie gingen erstaunlich leicht zu lösen. Nachdem ich genügend für ein Feuer zusammen hatte, legte ich sie alle in der Mitte des Kerkers auf den Boden. Ich stapelte sie übereinander und legte ein Taschentuch in die Mitte, welches ich anzündete. Ich trat einen Schritt zurück und das Feuer fing hohe Flammen. Sofort wurde es gemütlich warm und auch die überwiegende Dunkelheit verschwand aus der Zelle.

»Wunderbar, aber brennt es nicht alles an hier?«

»Nein, es wird nichts anbrennen. Es ist durch magischen Boden gesichert. Du wirst niemals erleben, dass in der Stadt etwas Feuer fangen wird. Es sei denn, man wünscht es ausdrücklich.

Würdest du mich bitte -« Ich verstand auch ohne, dass er es sagen musste. Ich lief auf ihn zu, schob meine Arme vorsichtig unter seinen Körper und hob ihn hoch. Er war schwerer als ich ihn mir vorgestellt hatte, doch ich lies es mir nicht anmerken. Langsam lies ich ihn neben dem Feuer zu Boden gleiten.

»So wird es doch gleich viel besser!«

Ich setzte mich ihm genau gegenüber, jedoch so, dass ich ihn noch gut erkennen konnte. Er sah nun viel besser aus, als noch vor einer Stunde. Sein Gesicht zeigte zwar immer noch, dass er litt, aber er sah dennoch besser aus.

»Ich wurde damals in eine Königsfamilie geboren«, begann Darwin. Shift Blick war fest ins Feuer gerichtet. Die Flammen spiegelten sich in seinen Augen wieder und tanzten umher. »Mein Vater war der König und ich sollte sein Reich eines Tages übernehmen, da ich der Älteste war. Zusammen mit meinen Brüdern und Schwestern wuchs ich im Mutterbaum auf.

Ich wusste schon früh, dass ich eines Tages eine schwere Last tragen würde, doch es interessierte mich nicht sonderlich. Ich wollte die Zeit genießen, die ich noch bis zu meiner Thronbesteigung haben würde. Und so gab ich mich mit den anderen Fuchskindern aus dem einfachen Volk, wie es mein Vater immer nannte, ab. Wir alberten herum oder ärgerten die Mädchen. Da ich privaten Unterricht hatte, und nicht mit den anderen lernen konnte, hatte ich eigentlich nicht viel Freizeit. Neben der Schule musste ich noch auf einige andere Aufgaben, die ich eines Tages als König haben würde, vorbereitet werden. Ich sah meine Freunde nicht oft, doch etwas Zeit blieb mir immer.

Ich war oft traurig, dass ich nicht mit nach draußen kommen durfte; wenn die anderen spielten und das jagen übten. Ich fühlte mich ausgegrenzt und eingesperrt. In dieser Zeit wünschte ich mir nichts sehnlicheres als normal zu sein. Einer von ihnen. Weißt du?«

Ich nickte. Ich kannte dieses Gefühlt zur Zeit allzu gut.

»Doch das ging natürlich nicht. Zu jeder Zeit waren die Wachen meines Vaters bei mir. Sie sollten mich beschützen vor Feinden.

Einige Zeit später lernte ich Yorick kennen. Ich hatte ihn schon ein paar mal gesehen. Aber er gehörte nicht zu uns. Er war ein Schwächling; so sah ich das damals. Doch ich wusste nicht Bescheid. Na gut, ich will der Geschichte nichts vorweg greifen.

Meine Freunde grenzten sich immer mehr von mir ab. Sie wollten auf einmal alle nichts mehr mit mir zu tun haben. Die Wachen gingen ihnen auf die Nerven. Sie wollten unbeobachtet sein. Wollten ihr eigenes Ding machen, ohne ständig Augen im Nacken zu haben. So verlor ich alle Freunde, die ich zu solchen zählte.

Als ich eines Tages in die Bibliothek ging, sah ich wie Yorick da saß. Vorsichtig, da ich ja nichts wusste wie er auf mich reagieren würde, setzte ich mich zu ihm. Wir unterhielten uns prächtig und waren uns augenblicklich sympathisch. So wurde er zu meinem besten und einzigen Freund. Wir trafen und regelmäßig, lernten zusammen und er kam auch hin und wieder zu mir in den Mutterbaum.

Yorick lernte alles über meine Welt und ich lernte alles über die seine. Er hatte immer so ein kleines Notizbuch bei sich , in das er alles hinein schrieb. Ich hielt es für Spinnerein, doch er notierte sich alles, was wir besprachen. Somit lernte er alle Vorgänge in einem Königreich fest.

Meine Frau lernte ich etwa kurz vor meiner Krönung kennen. Ich traf sie hin und wieder in der Bibliothek. Sie war eine wunderbare Füchsin. Ihr Fell war leuchtend rot. Ihr Gang war stolz, doch nicht übertrieben. Ich war hin und weg als ich sie das erste mal kennen lernte. Sie war das Beste was mir jemals passiert ist.«

Darwin unterbrach sich um Luft zu holen. Ich griff in meine Tasche und holte die Wasserflasche hervor. Ich schraubte den Verschluss ab und ging zu Darwin. Mit meiner Hand formte ich eine Schale und gab etwas Wasser hinein. Fast schon gierig nahm Darwin das Wasser zu sich.

»Ich danke dir!« Darwin schenkte mir ein Lachen und ich setzte mich ihm wieder gegenüber.

»Noch vor meiner Krönung heiratete ich Amelia, meine Frau. Ich wollte das wir diesen Akt schließen, bevor etwas noch größeres geschehen würde. Ich war von da an mit meinem Leben zufrieden. Ich wühlte mich angekommen.

Zu meiner Krönung wurde ein großes Fest veranstaltet«, setzte Darwin seine Erzählung fort. »Das ganze Volk kam und feierte seinen neuen König. Wir feierten bis in die tiefe Nach hinein. Meine ehemaligen Freunde kamen auf einmal alle wieder an und wollten mir beistehen. Sie wollten wichtige Ämter übernehmen. Doch ich zeigte kein Interesse daran und schickte sie weg. Die einzigen mir denen ich wirklich feiern wollte, war meine Familie, meine Frau und Yorick. Nach mehr war mir eigentlich nicht zumute. Doch das Fest war berauschend und auch ich schaute etwas zu tief in eine Schale.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ein wildes Treiben ausgebrochen. Viele schrien oder rannten wie wild umher. Es war ein heilloses durcheinander. Ich wusste nicht was los war. Noch immer dröhnte mir der Kopf von zu viel Wein.

Ich werde mir das wohl nie verzeihen.« Darwin brach ab. Sein Kopf war gesenkt. Ich konnte ihm nicht in die Augen schauen.

»Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht willst. Es ist okay für mich.«

»Nein, nein; du musst das wissen, sonst kannst du das alles heute nicht verstehen.«

Ich nickte, weil mir auf einmal ein dicker Klos im Hals stak. Was würde jetzt wohl kommen, wenn es ihn so zusetzte?

»Ich fragte einen der vorbei rennenden Diener was los sein, doch er schrie nur: »Der König ist tot, der König ist tot.« und rannte weiter. Ich verstand nicht so recht was er damit sagen wollte, da ich ja direkt vor ihm stand. Also lief ich zu den Gemächern meiner Familie. Und als ich in das Gemach meiner Eltern einbog, erkannte ich endlich was der Diener gesagt hatte.

Mein Vater lag tot auf dem Boden -« Tränen tropften aus den Augen. Er wischte sie weg, doch sie flossen immer wieder nach. »Seine Kehle war aufgeschlitzt und überall lag Blut. Er war tot und ich war nicht bei ihm gewesen. Ich habe ihn nicht beschützen können, weil ich unbedingt zu viel trinken musste. Es war meine Schuld, dass er dort liegen musste, dass er nicht anders hätte von uns gehen können. Alles war meine Schuld.« Mit einem kräftigen Zug zog Darwin die Nase hoch. »Überall rannten Füchse umher, einige versuchten meinen Vater wieder zurück zu uns zu holen, doch es war schon längst entschieden. Ich glaube, sie taten das nur wegen mir.

Ich weiß nicht mehr was danach passiert war, die nächsten Wochen bekam ich nicht viel mit. Ich wusste nur, dass ich geschwächt war. Von allem was passiert war. Ein dunkler Schleier hatte sich über mich gelegt, durch den ich nur schlecht sehen konnte. Meine Frau und Yorick standen mir immer zur Seite und haben mich aufgemuntert, doch das wirkliche Leben ging für mich erst nach der Geburt unserer drei Kinder weiter. Ich erkannte erst wieder das das Leben lohnenswert war, nachdem Dexter II, der nach meinen Vater benannt wurde und ebenfalls einmal König werden würde, Ivy und Jayden geborgen wurden. Alle drei waren für mich wie eine Wiedergeburt. Ich erkannte was mir das Leben alles bietet und was ich verpasst hatte.

Ich wollte den Kindern ein guter Vater sein. Ich wollte nicht das sie so groß wurden wie ich. Ich wollte das sie ohne all die Wachen aufwachsen konnten, unter denen ich die ganze Zeit immer gelitten hatte. Ich genoss es mit ihnen zusammen zu sein, mit ihnen Spaß zu haben. Wir machten regelmäßig Ausflüge in eure Welt. Immer auf der Hut vor Menschen. In eurer Welt jedoch waren die Wachen unvermeidlich. Wir mussten Acht geben, damit uns einer von euch nicht in die Finger bekommt. Nie ist etwas passiert.

Doch an einem Tag, es war Sonntag, ich weiß es noch ganz genau, machte meine Frau mit den Kindern einen Ausflug allein. Ich konnte nicht dabei sein, da ich den fünften Todestag meines Vaters vorbereiten musste und mitten in der Planung steckte. Ich schickte viele Wachen mit, damit sie ausreichend geschützt waren. Doch es brachte nichts. Keiner kam zurück. Sie … sie waren alle tot.«

Wieder brach Darwin zusammen. Ich stand auf und lief zu ihm hinüber. Langsam lies ich mich neben ihn gleiten.Ich wusste nicht so recht was ich tun sollte, also fuhr ich ihm sachte durch das Fell, während er von Heulkrämpfen geschüttelt wurden.

Wie es wohl für mich wäre, wenn meine Familie auf einmal nicht mehr nach hause kommen würde? Wenn alle die ich über alles liebe, auf einmal nicht mehr da wären. Ich wäre am Boden zerstört, wüsste weder ein noch aus. Ich wäre vollkommen am Ende.

Ich muss ganz Ehrlich sein: Ich möchte nicht einmal so weit denken, dass so etwas passieren könnte. Zu schrecklich wäre die Vorstellung davon.

Immer weiter strich ich Darwin über das inzwischen weichere Fell. Er tat mir so leid und ich wusste ihm einfach nicht zu helfen, was mich ärgerte.

»Okay, es geht wieder!«, sagte Darwin nach einiger Zeit leise. Ich hielt jedoch nicht auf ihm über das Fell zu streichen.

»Maddie? Könntest du vielleicht noch ein paar Wurzeln nachlegen? Ich hätte nicht gedacht, dass es so lang dauert.«

Ich nickte, stand auf und schnitt mir meinem Messer noch ein paar Wurzeln von der Decke. Ich schmiss sie über die restlich verbliebenen Wurzeln und sofort wurden die Flammen wieder größer. Dann setzte ich mich wieder neben Darwin und wärmte mich erst einmal die Finger. Darwin fuhr in der Zwischenzeit fort mit seiner Geschichte.

»Wie gesagt, dass war der zweite tiefe Schlag in meinem leben und ich konnte ihn noch schlechter wegstecken als den Tod meines Vaters. Ich fühlte mich Tod. Ich wollte sterben. Genau zu dieser zeit griff dann Yorick an.

Er hatte all die Jahre auf eine geeignete Gelegenheit gewartet. Er hat sich all die Jahre nur wegen einem Ziel mit mir beschäftigt: Er wollte selbst den Thron. Yorick griff mich in meinem tiefsten Zustand an. Er hatte leichtes Spiel. Wie es das Gesetz verlangte mussten wir einen Kampf austragen. Vor dem gesamten Volk. Wäre dieses Gesetzt nicht gewesen, hätte ich ihm den Thron freiwillig übertragen.

Ich hatte alles verloren. Meine Frau, meine Kinder, meinen Vater und jetzt auch noch Yorick. Meine Kraft hatte sich in nichts aufgelöst. Von einem auf den nächsten Moment.

Ich lies den Kampf über mich ergehen; verlor und bekam diese Narbe. Sie ist das Erkennungszeichen eines Verstoßenen. Sie ist mein Erkennungszeichen. Sie ist das was ich nun bin.

Nach all diesen Verlusten bin ich freiwillig gegangen. Ich wollte nicht mehr an all den Schmerz erinnert werden der mir zugefügt wurde. Yorick bekam den Thron und mir wurde mein Bau zugeteilt. Man wollte mich eh nicht mehr sehen.

Yorick änderte alles von Grund auf. Du hast gesehen, was daraus geworden ist.«

Ich konnte nichts sagen. Ich war einfach nur erschrocken. Wie konnte jemand so viel leid aushalten? Wie konnte jemand all das über sich ergehen lassen und dennoch immer noch so viel Kraft ausstrahlen?

»Das tut mir alles so schrecklich leid, Darwin!«

»Ich habe noch nie verstanden, warum du dich immer für etwas entschuldigst, wofür du nichts kannst!«

Ich fuhr ihm wieder über das Fell. Es war so schön weich. So rein. Voller Unschuld und dennoch lastete auf ihm ein unheimlich großer Berg voller Leid und Trauer.

»Hast du mich deshalb im Wald angegriffen, als ich nach Jos gesucht hatte?«, fragte ich mit krächzender Stimme. »Hast du mich angegriffen, weil ich dich an die … an die Mörder deiner Frau und Kinder erinnert habe?«

Darwin nickte. »Ich dachte, dass ihr alle gleich seid. Das jeder Mensch dem anderen gleicht. Du hast mich eines besseren Bekehrt. Dafür möchte ich dir danken. Dennoch kann man nicht allen von euch trauen.«

Da hatte er wohl recht!

»Was glaubst du wer deinen Vater umgebracht hat?«

»Yorick!«, schoss es aus Darwins Mund hervor. »Er hat es mir ins Ohr geflüstert, als er mich aus der Stadt verstoßen hat. Er sagte es mir am Eingang zu meinem Bau.Er wollte mich schon damals stürzten, doch er sah, dass ich immer noch zu stark für ihn war, also konnte er mich noch nicht herausfordern.«

»Aber das ergibt doch keinen Sinn. Warum sollte er das gleich nach deiner Krönung tun? Das war doch schon von vornherein ein Schuss in den Ofen!«

Darwin zuckte mit den Schultern.

»Für ihn ergab alles einen Sinn. Bis heute bin ich nicht dahinter gestiegen. Aber bei einem bin ich mir sicher: Er hat es nicht bereut. Er ist heute noch genau so stolz auf seine Tat wie früher.«

Dann herrschte erst einmal Stille. Keiner von uns beiden sagte etwas. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

»Was glaubst du wird jetzt passieren?«, fragte ich, nachdem ich das Feuer ein weiteres mal neu entfacht hatte, da es wieder vollkommen herunter gebrannt war.

Darwin seufzte tief. »Ich weiß es nicht. Wir werden wohl enthauptet werden, so wie es Yorick gesagt hat. Es sei denn ein großes Wunder passiert!«

 

Kapitel 13: Der Fremde

Dieses Kapitel ist mal wieder etwas länger, aber es passiert auch einiges. Ich hoffe es gefällt euch. Danke an alle, die schon einen Kommentar dagelassen haben.

Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Es fühlte sich angeschwollen und rot an. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich geweint hatte.

»Was ist, meine Liebe?«, fragte Darwin besorgt.

»Ich weiß auch nicht. Ich habe glaub ich einfach nur Angst, dass ich meine Familie nie wieder sehen werde. Dass ich Mum nicht noch einmal sagen kann das ich sie liebe.

Jetzt fällt wieder alles auf mich ein. Ich mag das nicht.«

Jetzt war Darwin es, der mit seiner Pfote über meine Schulter strich. »Glaub mir, dass wird nicht passieren. Wir finden schon einen Weg hier raus. Wir haben doch noch zwei Tage. Bis dahin kann viel passieren.«

Ich fühlte mich ausgelaugt. Ohne ein Fünkchen Hoffnung. Vollkommen am Boden. Mit der Kraft die ich noch hatte, stand ich auf und lief die paar Meter zum eisernen Tor.

»He! Ihr Wachen! Ihr müsst uns hier raus lasen. Wir haben keinem etwas getan, also macht doch endlich!« Mit beiden Händen umfasste ich die eisigen Gitterstäbe und begann kräftig daran zu rütteln.

»Maddie!« Ich drehte mich um. »Das wird nichts bringen. Sie werden nicht nachgeben!«

Ich wusste nicht ob er die Wachen oder die Gitterstäbe meinte. Vermutlich beiden.

»Das ist mir egal«, antwortete ich störrisch. Ich würde uns hier heraus bringen. Und zwar jetzt!

»Habt ihr mich nicht gehört? Ihr sollt und hier raus lassen.«

»Kannst du da vorne endlich mal die Schnauze halten?«, rief jemand aus einer der Zellen weiter hinten. Ich konnte nichts erkennen, da es zu dunkel war.Wenn die Füchse schon so weit mit ihrem Fortschritt waren, warum hatten sie dann immer noch kein Licht erfunden?

Auf jeder Seite des Höhlenganges war Zelle an Zelle erbaut worden. Sie schienen komplett überfüllt zu sein, denn auf einmal waren viele leuchtende Augenpaare an den Gitterstäben, die ich noch erspähen konnte, zu sehen. Es waren mindestens vier Füchse in jeder der kleinen Zellen untergebracht. Wie lange sie hier wohl alle schon saßen? Und wegen welchen niedrigen Vergehen saßen sie hier? Denn wir schon wegen so etwas hier saßen, wofür mussten sie büßen?

»Halt doch selbst dein Maul«, rief ich verärgert zurück. Ich war wütend. Auf alles was sich mir bot. Einfach alles. Am meisten wohl auf das Leben, und so wie es sich uns in den Weg stellte.

»Das ist ja ein Mensch«, rief eine aufgeregte Stimme mir gegenüber. »Seht ihr das, dass ist ein Mensch!«

Danke für diese treffsichere Identifizierung!

Mit einem mal wurde es in den Gängen lauter. Gemurmel ertönte und einige riefen wildes Zeug durcheinander. Fragen wurden lauter.

»Was hat er hier zu suchen!«

»Wofür haben sie es eingesperrt?«

»Wie ist das Monster überhaupt zu uns gekommen?«

»Werden sie es erhängen?«

Von überall her drängte sich Fragen in mein Ohr uns suchten sich einen Weg zu meinem Gehirn um verstanden zu werden.

Ich versuchte die Fragen auszublenden und rüttelte weiter an den Gitterstäben. Doch es nützte nichts. Als die Stimmen um mich herum etwas abgenommen hatten, rief jemand von ganz hinten: »Hau ihm eine runter. Für all das was er uns angetan hat!«

Vereinte Jubelrufe stimmten ein.

»Hat die lange Zeit hier das Gehirn aufgefressen, oder was? Hier sind Gitterstäbe! Wie soll ich denn an es ran kommen?«

Die Jubelrufe waren verebbt und in der Höhle war es mucksmäuschenstill geworden. Ich konnte hören, wie vereinzelte Wassertropfen auf den Boden fielen und in eine Pfütze tropften.

»Frag es, warum es hier ist?«, rief die Stimme aus einigen Zellen weiter, nach einer Weile.

»Kannst du nichts selbst fragen?«, brüllte eines der Augenpaare mir gegenüber.

Um das Gespräch zwischen den beiden nicht länger mit anhören zu müssen, und um mich nicht weiter als »es« bezeichnen zu lassen, wollte ich von ganz allein antworten, doch da kamen schon Wachen mit ihren langen Lanzen angerannt um unsere Gespräche zu unterbinden.

Sie klopfen mit ihren Metallspitzen an die Gitterstäbe und drängte uns damit in den hinteren Teil der Zellen zurück.

»Ruhe!«, schrie einer der Wachen in eine Zelle, die etwas weiter vorn lag. Dann kam er zu uns gerannt, baute sich vor uns auf und zischte durch die Gitterstäbe: »Und du hältst gefälligst dein dreckiges Maul, du Mörder! Haben wir uns verstanden?«

Die anderen Wachen hatten sie wütende Menge bereits unter Kontrolle gebracht.

»Das Letzte was wir hier brauchen können, ist die Störung unserer Zivilisation von einem Menschen! Abschaum!« Mit diesem Wort drehte sich die Wache um und stolzierte mit den anderen den Gang entlang. Hinaus in die Freiheit. Er hatte es so abschätzend gesagt, dass ich fühlte wie ich rot wurde. Waren wir wirklich so grausam? So abwertend?

Um mich zu rechtfertigen rannte ich wieder an das Zellentor und wollte mit einer geballten Ladung gemeiner Wörter ausholen, doch Darwin hinderte mich daran. »Lass gut sein, Maddie! Es wird eh nichts ändern. Es würde es nur noch schlimmer machen.« Darwin hatte dir ganze Zeit über geschwiegen.

Ich drehte mich um und lief ruhig zu Darwin zurück. Langsam lies ich mich wieder neben ihm nieder und wärmte mich erst einmal auf.

»Was soll ich nur machen? Und was wird Mum dazu sagen?« Mir stockte der Atem!

Mum!

Ich hatte gar nichts an sie gedacht? Wie konnte ich nur? Wie musste sich mittlerweile den Kopf zermalmen, nach irgendeiner Antwort wo ich stecken würde. Und ich saß immer noch in diesem blöden Loch und hatte keine Ahnung wie ich hier jemals wieder raus kommen sollte.

Oh, Mann. Was war ich nur für eine Tochter!

»Darwin!« Er schaute erschrocken auf. Wahrscheinlich hatte er mir gar nicht zugehört und war in seinen eigenen Gedanken vertiefe gewesen. »Darwin! Meine Mum! Was soll ich ihr sagen? Sie denkt dass ich bei Alice bin! Und wir werden hier nicht so schnell wieder raus kommen.«

Mir wurde mit einem mal die Härte dieser Tatsache bewusst. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ich spürte wie Darwin mit eine Pfote, ganz leicht, auf den Arm legte und voller ruhe und wärme sagte: »Nimm doch einfach diese merkwürdige kleine Box, durch die du immer gesprochen hast! Sag ihr das du heute nicht nachhause kommst, sondern das du bei deiner Freundin bleibst.«

Wieso war ich da nicht schon eher drauf gekommen? Manchmal hatte ich echt das Gefühl, das Darwin mehr von uns Menschen wusste, als ich.

Ich ergriff meine Tasche und zerrte mein Handy heraus. Zum Glück hatten mir die Biester nicht meine Tasche abgenommen. Ich wäre gerade eben verloren gewesen.

Mit zittrigen Fingern gab ich in die Tasten ein:

 

Maddie

Mum? Kann ich heute bei Alice übernachten? Bitte, dass haben wir lange nicht gemacht. Ich hab auch all meine Sachen schon hier, du brauchst mir nichts zu bringen. P.S. Sorry, dass ich jetzt erst geschrieben hab; hab die Zeit völlig vergessen.

 

Ich hatte keinen Empfang, doch ich versuchte dennoch die SMS weg zu schicken. Wie wild sprang ich im Raum umher und flehte, dass endlich ein Balken auf meinem Display erscheinen möge. Nach einer Weile fand ich eine geeignete Stelle zum versenden der SMS und schickte sie ab.

Ich hoffte nur noch, dass Mum noch nicht bei Alice angerufen hatte. Denn das so sein sollte, dann war ich echt im Arsch.

Eine gefühlte Ewigkeit verharrte ich in dieser Stellung. Einen Arm, mit dem Handy, weit von mir gestreckt, damit die eingehende SMS mich auch erreichen konnte. Still betete ich, dass sie ihr Handy bei sich haben würde. Denn oft lag es irgendwo im Haus, und Mum fand es nicht, wenn sie es brauchte.

Doch ich sollte Glück haben. Nach nur drei Minuten kam ihre Antwort.

 

Mum

Klar Schatz! Macht euch einen schönen Abend. Morgen bist du aber wieder gegen sieben zurück, okay? Grüß Melinda von mir. Hab dich lieb. Bis morgen.

 

Ich las die SMS mindestens fünf mal durch und konnte mein Glück einfach nicht fassen. Sie schien noch nicht bei Alice angerufen zu haben. Und auch ihr Handy hatte sie dabei gehabt. In diesem Fall schien es das Leben doch gut mit mir zu meinen.

Ich war froh, dass Mum mir glaubte, aber ich saß dennoch hier fest. Damit Mum nicht auf falsche Gedanken kam schickte ich ihr sofort eine Nachricht zurück.

Maddie

Danke!!! Ich richt's aus. Hab dich unendlich lieb. Bis morgen.

Dann lies ich mein Handy wieder in meine Tasche gleiten. Zuvor aber schaute ich noch auf die Uhr. Es zeigte 18.10 Uhr an. Da hatte ich ja noch richtig Glück gehabt. Mum erlaubte meist nur eine halbe Stunde Verspätung nach der vereinbarten Zeit.

Ein zweiter guter Fakt war, dass heute Samstag war und wir wenigstens noch den gesamten Sonntag Zeit hatten um uns etwas guten einfallen zu lassen, damit wir hier so schnell wie möglich raus kamen.

Ich lies mich wieder auf den kalten Boden neben Darwin sinken.

»Was wollen wir jetzt machen?«, fragte ich Darwin.

Ich war vollkommen ratlos. Zwar hatte ich uns Zeit verschafft, doch bringen tat sie uns nicht viel, wenn wir keine Idee hatten.

»Ich weiß auch nicht«

Er sah es also auch als hoffnungslos hier heraus zu kommen, aber irgendwie mussten wir von hier verschwinden. Wir mussten den Schlüssel finden; seine Bedeutung erforschen.

Wenn ich so drüber nach dachte hatte dieser Schlüssel mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Er hatte meine Vergangenheit verändert, beeinflusst meine Gegenwart und würde meine Zukunft, so wie ich sie mir vorgestellt habe, vollkommen aus den Fugen bringen.

 

Draußen, in der Dunkelheit der Nacht, wehte ein Sturm. Bäume wiegten sich im Wind. Ein junger Mann trat hinter einem Baum hervor. Der Wind wehte durch sein dunkles Haar. Er wirkte siegessicher. Ein Lachen trat auf seinem Gesicht auf. Dann ging er los. Hinein in das Abenteuer seines noch jungen Lebens.

 

Etliche Stunden waren vergangen und uns viel nicht das geringste ein, wie wir hier wieder heraus kommen sollten.

Sich durch die Wand zu graben war schon mal auszuschließen. Es würde zu lange dauern und unsere letzten Kräfte verzehren. Außerdem konnte Darwin nicht graben, da ihm die Gelenke immer noch schmerzten. Die Metallschicht unter der Erde würde uns ebenfalls hindern.

Auch konnten wir nicht durch die Tür gehen, da sie fest verriegelt war. Sie war viel stabiler als sie wirkte. Und selbst wenn wir es nach draußen schaffen würden, müssten wir immer noch an den Wachen vorbei, und diese hatten Lanzen mit spitzen Schaften. Und selbst wen wir das schaffen würden, wenn wir die Wachen überlistet hätten, stände uns ein ganzes Königreich voller Füchse gegenüber.

Ich war frustriert über unsere Ausweglosigkeit und musste irgendetwas dagegen tun; also nahm ich meine Tasche wieder an mich und holte mein Notizbuch heraus, welches ich immer bei mir trage. Der Stift steckte noch darin. Ich fing an zu schreiben. Ich schrieb mir meinen Frust von der Seele.

Ort: Gefängnis; Stadt der Füchse

Datum: Samstag, der 23. Februar

Stimmung: hoffnungslos

Mein Leben ist ein einziges großes Abenteuer geworden, welches ich am liebsten mit jedem auf dieser Welt tauschen würde. Am Anfang war ja alles noch toll; verwirrend, aber toll!  Ich traf auf einen blutrünstigen Fuchs, der sich als richtig guter Freund herausstellte. Ein Greif, den ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde, hat mir einen verzauberten Schlüssel (was sich aber erst später herausstellte) gegeben und mich damit mitten ins Abenteuer hinein geschickt. Ich sollte zurück zu diesem Fuchs (Darwin) gehen; was ich nach reichlichem Überlegen auch gemacht habe. Aus der Feindschaft wurde schnell Freundschaft und wir machten uns gemeinsam auf die Such nach dem Sinn des Schlüssels. Irgendwann (gestern, um genau zu sein) wurde mir dann der Schlüssel gestohlen. Darwin hatte daraufhin die 'tolle' Idee seine Fuchsfreunde, die gar nicht mehr seine Freunde, sondern Feinde, waren, zu fragen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Gefängnis! Anstelle von Hilfe hatten wir Hass und Abscheu empfangen. Aber ich möchte Darwin absolut keine Vorwürfe machen. Er wollte mir helfen und hat es nur gut gemeint. Ich bewundere ihn dafür, dass er das getan hat, nach allem was er hier erlebt hat.

Rückblick: Darwin war der Sohn des Fuchskönigs. Er sollte einmal das Königreich übernehmen. Nach einiger Zeit hatte er keine Freunde mehr, da sich alle von seinen Wachen, die die ganze zeit bei ihm waren, belästigt fühlten. Irgendwann traf er den Schwächling Yorick. Er wurde sein bester Freund. Auch seine Frau lernte Darwin in dieser Zeit kennen. Die beiden heirateten kurz bevor Darwin den Thron bestieg. Zu seiner Krönung wurde Darwins Vater ermordet. Da fiel er in ein tiefes Loch. Erst mit der Geburt seiner 3 Kinder schöpfte er wieder Lebensmut. Eines Tages machten Darwins Frau und die Kinder einen Ausflug ins Freie. Dabei wurden sie von den Jägern erschossen. Dadurch war Darwin nun vollkommen am Ende. Er hatte alles verloren: Vater, Frau und Kinder. An diesem Tag forderte Yorick (immer noch Darwins bester Freund) Darwin zu einem Duell um den Thron heraus. Yorick hatte diesen Übergriff Jahrelang geplant. Da Darwin verlor wurde er aus der Stadt verbannt und Yorick wurde der neue König.

Darwin trifft keine Schuld. Viel mehr Schuld hat dieser Yorick. Er hat uns ins Gefängnis geworfen und will uns nun in zwei Tagen köpfen. Es soll ein großes Fest geben, und alle sollen zusehen können. Mann, ich hab echt Angst, dass das wirklich passieren wird (das mit dem köpfen). Ich hab meiner Familie nicht noch einmal sagen können, dass ich sie liebe. Ich hab keinen der vier noch einmal in den Arm genommen. Was werden sie tun, wenn ich nicht mehr nach hause komme? Ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen! Ich habe sie angelogen. Hab ihnen gesagt, dass ich bei Alice bin. Eigentlich kann uns, Darwin und mich, nur noch ein Wunder hier heraus holen. Und das wird nie passieren. Wir sitzen hier fest und werden in zwei Tagen ohne Kopf durch irgendeine Geisterwelt spazieren. Mir geht es schlecht. Ich hab keine Kraft mehr und irgendwie will ich auch jetzt nicht mehr. Ich bin einfach nur fertig. Mein letztes Fünkchen Hoffnung hab ich verloren und ich weiß nicht wie ich es wieder bekommen soll.

Mir ging es etwas besser nachdem ich all das aufgeschrieben hatte. Doch damit kamen wir hier trotzdem nicht raus. Ich hoffe nur, dass unser Wunder sich etwas beeilen möge, auch wenn es das nicht gibt. Aber allein die Vorstellung davon ist doch etwas beruhigend.

Ich packte das Buch wieder weg und setzte mich zurück zu Darwin. Mittlerweile war das Feuer schon wieder weit herunter gebrannt, weswegen ich sofort wieder aufsprang und nachlegte. Darwin hatte angefangen zu zittern. Er konnte sich kaum bewegen, da seine Fußgelenke so schmerzten.

Als ich mich wieder setzte fühlte ich wie mir die Augen schwer wurden. Ich versuchte gegen die Müdigkeit zu kämpfen, doch ich versagte kläglich. Langsam sank ich auf den Boden. Ich benutzte meine Jacke als Kopfkissen und sank in einen tiefen Schlaf. Mein Körper würde sich hoffentlich wieder regenerieren.

Die Verletzungen die ich davon getragen hatte waren tief. Wie ich es vorhergesehen hatte, hatten sich Eiterbeulen an den Stellen gebildet, an denen die Wachen mit ihren verdreckten Lanzen in meine Haut eingedrungen waren. Die Fesseln hatten sich in meine Gelenke gefressen und sie aufgeschürft. Eine Blutkruste hatte sich darüber gebildet. Der Schorf kratzte, aber ich versuchte die ganze Zeit nicht daran zu denken.

Es war kurz vor Mitternacht als sich vollkommene Stille über das Gefängnis senkte. Nur die Wachen liefen ab und zu in den Gängen entlang und kontrollierten, ob alles so verlief, wie es sollte.

Am Abend hatten wir alle noch einmal rohes Fleisch bekommen. Es sollte unser Essen darstellen. Es war recht wenig, wie ich fand; so wenig, dass es kein Wunder war, dass die meisten Füchse hier so dünn waren. Ich selbst konnte es nicht anrühren. Noch nie hatte ich rohes Fleisch gegessen und ich hatte auch kein Verlangen danach. Dieser Anblick, der sich mir dadurch geboten hatte, würde sich für immer in meinen Gedanken eingenistet haben. Ich hatte Darwin alles überlassen, doch auch ihm war nicht so sehr nach essen zumute. Ich musste ihn eine ganze Weile überreden etwas zu essen. Er sah schwach aus. Seine Verletzungen beanspruchten seine ganze Aufmerksamkeit.

Ich wachte von einem ungewöhnlichen Geräusch auf. Erschrocken schaute ich auf, doch Darwin schlief.

Da war es wieder!

Ich stand auf. Das Feuer war erloschen. Auch die Fackeln in den Gängen brannten nicht mehr. Selbst bei uns in der Zelle war nur ein leichtes Flimmern zu erkennen. Im Grunde genommen war es stockfinster.

Wieder ertönte das Geräusch. Es hörte sich an, als würde etwas in Wasser fallen. Aber keinen Grund zur Panik. Es war bestimmt nur ein tropfendes Rohr, so wie ich es heute Nachmittag schon mal gehört hatte.

Doch das schnelle Herzklopfen lies sich nicht vertreiben. Ich zog mir meine Jacke an und setzte mich in eine andere Ecke der Zelle. Das Geräusch wurde immer lauter. Warum konnte es nicht einfach aufhören?

Da ich noch etwas schlaftrunken war rieb ich mir die Augen. Vielleicht hatte ich mir das Geräusch doch eingebildet, denn ich war nach wie vor müde. Der gestrige Tag war sehr antretend gewesen. Während das Geräusch immer und immer lauter wurde kramte ich mein Handy aus meiner Tasche. Die Uhr zeigte 4.36 Uhr an. Ich hatte also doch etwas geschlafen.

Pfatsch! Pfatsch!

Das Geräusch wurde lauter. Ich hatte es mir nicht eingebildet. Ganz sicher nicht. Doch jetzt vermutete ich eher, das es eine der Wachen war, die nur einen Rundgang machte und alles überprüfte.

Meine Beine waren von meiner unvortelhaften Haltung eingeschlafen. Während ich sie ausstreckte fiel mein Blick auf das Gitter der Zelle.

Dort stand jemand und er hatte nicht die Größe eines Fuchses.

Ich fuhr auf. In Sekundenschnelle war ich auf den Beinen. Ich taumelte etwas, da sich meine Beine erst an das Gefühl des Stehens gewöhnen mussten. Mit meinen Händen krallte ich mich in die Wand.

Dort stand ein Mensch vor unserer Zelle!

Wie kam diese Person hier her? Ich konnte nicht erkennen wie er aussah, da das Licht zu schwach war. Doch ich erkannte das er eine stattliche Große hatte und seine Arme gut durchtrainiert waren.

Die Person machte sich über das Schloss her. Mit flinken Fingern öffnete er das Schloss der Zelle und die Tür schwang auf. Sie knarrte nicht einmal, so wie sie es bei unserem Einzug getan hatte. Geschickt lies der Mann das Messer in einer Tasche seiner Hose verschwinden. Dann schaute er mich an.

Er schaute mir genau in die Augen. Und dann lachte er siegessicher.

»Madeline? Madeline Jhons?«, fragte er.

Beim Klang seiner Stimme erschrak ich zutiefst.

Er war es!

Er war die Person, die ich seit Wochen im Kopf hörte. Er hatte diese schöne Stimme. Dieser Mann war es gewesen, der mir die ganze zeit immer wieder geholfen hatte, der mir Tipps gegeben hatte und der mich glauben lassen hatte, dass ich nicht ganz bei Verstand war.

Er hatte Wort gehalten. Er war gekommen, damit alles gut wird. Das waren seine Worte gewesen.

»Bist du Madeline?«`, wiederholte er seine Frage nun dringlicher. Ich nickte.

Zielstrebig lief er auf mich zu und nahm mich am Arm. Selbst aus der Nähe konnte ich sein Gesicht nicht erkennen. Zugern hätte ich gewusst, wer mich da am Arm packte.

Er wirkte total gelassen, während mir das Herz bis zu Hals schlug. Wer war das? Und was wollte er hier?

»Wer bist du?«, fragte ich mit erstickender Stimme. Konnte ich nicht einmal ein normales Wort heraus bekommen?

»Das tut hier nichts zu Sache! Wir müssen hier verschwinden, bevor die Wachen aufwachen. Ich will das nicht umsonst gemacht haben.« Er zog mich mit sich in Richtung Gitter.

Ich blieb abrupt stehen. »Wir müssen Darwin mitnehmen.« Wie hätte ich ihn nur vergessen können? Und wie konnte ich einfach so mit einem Fremden mitgehen?

»Wen?«, fragte die beruhigende Stimme aus der Dunkelheit verständnislos. Stumm zeigte ich auf Darwin der immer noch schlief.

Mit einem kurzen Blick beäugte der Mann Darwin, dann antwortete er bestimmt: »Das geht nicht! Ich muss dich hier raus bringen, nicht ihn!« Seine Stimmlage gewährte kein Wiederwort, doch ich ignorierte es.

»Wenn wir ihn nicht mitnehmen, kannst du gern allein wieder raus gehen! Ich geh nicht ohne ihn.« Meine Stimme war nur noch ein Flüstern. Denn ich jetzt laut reden würde, würden alle anderen Füchse aufwachen und wir wären erledigt. Wir alle drei.

Ich hatte auf ein Wunder gehofft und hier war es. Denn es dieses Wunder schon gab, dann musste es auch uns beide mitnehmen und nicht nur einen.

»Komm jetzt! Wir haben keine Zeit mehr.«

»Nein!«

Ein verärgertes Schnauben wurde laut. Dann verlockte sich der Griff um meinen Arm und der Mann lief auf Darwin zu und hob ihn ohne Schwierigkeiten hoch. Ich schnappte mir meine Tasche. Meine Jacke trug ich bereits.

Kurz bevor wir durch das Tor in unsere Freiheit gingen drehte sich der fremde noch einmal zu mir um. »Ich möchte, dass du jetzt genau das tust was ich dir sage. Kein Wiederwort!«, setzte er mit etwas Nachdruck hinzu.

Ich nickte.

»Gut, dann bleib jetzt dicht hinter mir und verhalte dich ganz leise.« Dann lief er durch das Tor und lief nach links den Gang entlang. Ich folgte ihm und lief beinahe in ihn hinein, denn er war nur einen Schritt gelaufen. Steine kamen ins Rollen und stießen gegen die Wände.

»Leise!«, zischte der Fremde mir verärgert zu. Ich lief rot an. Zum Glück konnte er es nicht sehen. Woher sollte ich wissen, dass er gleich neben der Zelle wartete?

Vorsichtig legte er Darwin auf den Boden und lief dann auf das Tor zu um es zu schließen. Ich ging neben Darwin in die Knie. Er schlief tief und fest. Wenigstens konnte er sich erholen. Er hatte keine Ahnung was hier gerade passierte. Ich strich über sein noch etwas zerzaustes Fell. »Alles wird gut werden. Wir kommen hier raus. Ich versprech es dir.«

Der Fremde war inzwischen fertig. Er hatte das Tor wieder mit dem Schloss versehen und hob Darwin hoch. »Die Wachen sind schon mal außer Gefecht gesetzt. Wir müssten also ohne Probleme hier raus kommen«, sagte er im Flüsterton. Ich schaute ihn verständnislos an, doch er lachte nur. Ohne mich weiter zu beachten lief er los. Ich folgte ihm. Nun mit etwas Abstand.

Da lief ein Fremder vor mir; Darwin in den Armen und rettete uns aus dem Gefängnis. Ich wusste weder wer er war, noch warum er das überhaupt für uns tat! Und was war, wen er derjenige war, der uns den Schlüssel geklaut hatte, und jetzt auch uns mitnehmen wollte?

Was solls! Er holte uns hier raus. Doch konnten wir weiter sehen.

Es dauerte nicht lange und ich konnte den Ausgang sehen. Licht fiel herein. Die Kälte des Gefängnisses verschwand und eine angenehme Wärme umgab mich. Ich atmete tief ein und genoss jeden Atemzug. Als ich weiter gehen wollte kam ich ins straucheln. Mein Blick war auf vier Wachen gefallen, die alle gefesselt am Boden lagen. Ihre Pfoten waren alle unter dem Bauch zusammen gebunden. So wie sie es bei Darwin gemacht hatten. Das Maul der Wachen war mit Klebeband versiegelt, sodass sie keinen Laut von sich geben konnten. Schrecklich aber effektiv. Vier Augenpaare funkelten uns wütend an. Das hatte der Mann also mit »Die Wachen sind schon mal außer Gefecht gesetzt.« gemeint.

In die neue Freiheit, die ich genoss, konnte man sich kaum satt sehen. Man glaubte nicht, wie sehr einem ein paar Stunden in einem Gefängnis zusetzen konnte. Ich fühlte mich mit einem mal Gesund und voller Hoffnung. Doch hier draußen war es noch dunkler, als im Gefängnis. Man konnte die Hand vor Augen kaum erkennen.

»Komm schon«, rief mir der Fremde leise zu. Er war mir schon ein paar Schritte voraus. Als ich zu ihm aufgeschlossen hatte, legte er sich Darwin über die eine Schulter und hielt ihn mit einem Arm fest. Darwin zeigte keine Regung, sondern schlief seelenruhig weiter. Wie konnte man nur so einen tiefen Schlaf haben? Mit der andern Hand nahm mich der Fremde an die Hand. Er hatte starke Hände. Sie waren ein wenig rau. Wahrscheinlich von der Arbeit, die er immer verrichten musste, was auch immer das war.

Zusammen liefen wir durch die Stadt. Ich hatte keine Ahnung wo er mich hinführte, doch anscheinend hatte er eine genaue Vorstellung von allem hier. Es schien als wäre er hier groß geworden. Geschickt wich er Bäumen aus, die auf unserem Weg in die Freiheit standen.

Irgendwann wurde er jedoch langsamer. Der Griff um meine Hand verstärkte sich etwas. Ein paar Schritte weiter blieben wir stehen. Etwa 50 Meter vor uns liefen viele Füchse umher. Sie trugen alle Fackeln, die die Umgebung erleuchteten. Sie hatten sich um eine Tür in der Wand versammelt. Zumindest das was von der Tür noch übrig geblieben war, denn sie war vollkommen aus den Angeln gehoben worden und lag ein paar Meter neben einem klaffenden Loch auf dem Boden. Wilde Gespräche wurden geführt.

Ich konnte ein paar Wortfetzen aufschnappen.

»Wir müssen das sofort dem König melden«, rief einer der Füchse.

»Suchtrupps müssen los geschickt werden«, sagte ein anderer. Sie schienen alle äußerst besorgt.

»Da muss einer von den Mördern dahinter stecken! Hat jemand nach den Gefangenen gesehen?«, fragte ein Dritter. Als er diese Worte ausgesprochen hatte fing ein noch größeres Gewusel an als zuvor.

»Was wenn sie uns jetzt alle umbringen?«, fragte eine verängstigte Stimme.

»Stell dich nicht so schwach. Das können die doch riechen und dann bist du der erste auf denen ihrer Liste.« Sofort zogen einige der Füchse verängstigt ihren Schwanz ein.

»Ruhe«, rief einer dessen Stimme ich nur zu gut fürchten gelernt hatte. Lucius! Sofort wurde alles still. »Darnius, du rennst so schnell dich deine Pfoten tragen können zum König und berichtest ihm von diesem Vorfall. Wirds bald!« Sofort entfernte sich einer der Füchse in Richtung Mutterbaum.

Ich hielt den Atmen an. Der Fuchs rannte nur wenige Meter an uns vorbei. Wir mussten so schnell wie möglich von hier verschwinden. »Wir müssen hier weg!«, sagte ich dem Fremden zugewandt. Wir kauerten beide hinter einem Baum. Die Hände immer noch verbunden. Langsam nickte er. Wir standen gemeinsam auf. Vorsichtig lugte der Mann hinter dem Baum hervor. Als er sich sicher war, das niemand uns sehen konnte, rannten wir hinter den nächsten Baum.

Wir waren noch nicht weit gekommen, als einer der Füchse laut rief: »Da sind sie!«

Scheiße!

Ohne groß darüber nachzudenken rannten wir los. So schnell unsere Füße uns tragen konnten rannten wir durch den Wald. Die Füchse waren in Scharen hinter uns her. Ich konnte laute Rufe wahrnehmen. Sie riefen nach den anderen. Nach Verstärkung. Als wenn sie diese nötig hätten. Wir waren ihnen schutzlos ausgeliefert.

Der Fremde lies mich die ganze Zeit nicht los. Er hielt mich weiterhin fest und zog mich mit sich. Er war unglaublich schnell. So etwas konnte nur ein geübter Sportler. Das würde auch seine Muskeln erklären. Ich - wie auch sonst - regte mich wieder einmal still und heimlich über meine Unsportlichkeit auf. Wenn ich doch nur ab und zu nur ein wenig laufen gehen würde, dann müsste mich dieser Mann nicht so durch den Wald ziehen, sondern könnte neben mir laufen.

Wir liefen an den Rand der Stadt. Dort, wo eine große Wand aus Erde sich gegen den Himmel erhob. Die eine freie Hand die ich noch hatte, hielt ich an die Wand. So das meine Fingerspitzen die Erde nur ganz leicht berührten. Das Leuchten der Fackeln, die die Füchse hinter uns verbreiteten, schien uns in den Rücken, doch wir konnten gut sehen. Besser als zuvor.

Was würde wohl passieren, wenn sie uns erwischen würden? Und sie würden uns ganz bestimmt erwischen. Wir waren in der Unterzahl. Aber so was von. Eigentlich brauchte nur einer der Füchse neben uns zu laufen und wir wären erledigt. Der einzige Fluchtweg den wir hatten, war der gerade aus. Denn wir doch endlich das Tor zu Darwins Bau erreichen würden. Vielleicht war uns dann doch eine Chance gewährt?

Vereinzelt standen Bäume ganz nah bei uns. Um die Füchse zu verwirren zerrte mich der Fremde immer zwischen ihnen hindurch. Ich fand es anfangs einfach nur Zeit-verschwendung. Keiner der Füchse würde auf so einen alten Trick reinfallen. Doch ich hatte mich geirrt. Jeder Fuchs folgte uns auf dem gleichen Weg, den wir vorlegten. Sie rannten alle zwischen den Bäumen hindurch. Einige hängten wir dadurch sogar ab. Da manche Lücken, durch die wir rannten, zu eng waren, und alle Füchse gleichzeitig hindurch wollten, überrannten sich einige und blieben zurück. Doch irgendwann durchschaute Lucius uns und lenkte die anderen. So das sie nicht mehr zwischen den Bäumen hindurch liefen. Damit liesen auch wir es sein. Denn nun war es wirklich reine Zeitverschwendung.

Ein leichter Wind wehte, wo auch immer er herkommen sollte. Es war nicht der Wind, den wir selbst verursachten, denn er kam von hinten. Er wehte uns direkt in den Rücken und verschaffte uns damit einen leichten Antrieb. Doch auch die Füchse wurden schneller.

Nach einer Ewigkeit – so kam es mir vor – erreichten wir endlich das Tor zu Darwins Bau. Ich konnte es von weitem sehen, denn Wachen standen davor. Zu jeder Seite standen zwei dieser Kämpfer mir ihren viel zu großen Lanzen. Als sie das Geschrei hörten, welches die Füchse hinter uns veranstalteten, drehten sie sich in unsere Richtung. Sofort nahmen sie ihre Kampfstellung ein und richteten die Lanzen auf uns.

»Das schaffen wir nicht«, rief ich dem Mann unter keuchen zu. Er schüttelte nur mit dem Kopf. Sollte das jetzt eine Zustimmung sein oder nicht? Wir kamen den Wachen immer näher und die Füchse hinter uns wurden nicht langsamer. Wir waren doch vollkommen verloren. Denn ich allein gewesen wäre hätte ich mich ergeben und wäre freiwillig in die Hände des Feindes gelaufen, doch das konnte ich jetzt nicht. Der Fremde zog mich mit sich direkt auf die Wachen zu.

Darwin schief immer noch auf dem Rücken des Mannes. Allmählich wurde ich wütend auf Darwin, weil er mich hier allein lies und seelenruhig ein Schläfchen machte.

Zwei Meter vor den Wachen, die von ihrem Platz nicht einen Zentimeter gewichen waren, lies der Fremde mich los. Ich blieb stehen und kam mir vor wie ein Ungeziefer, dass man so schnell wie möglich beseitigen wollte. Ich war es auch. Wie ein Blitz stürzte der Mann auf die Füchse zu und stieß sie mit kräftigen Tritten beiseite. Es gab bei jedem der Füchse ein schmerzhaftes Geräusch, und dann sank einer nach dem anderen in sich zusammen. Sie lagen leblos am Boden. Es ging so schnell, dass ich kaum begriff was da gerade geschehen war. Wie hatte er das hinbekommen?

Gerade als wir auf die Tür zugehen wollten wurde das Geschrei der Füchse hinter uns lauter. Ich drehte mich verdutze um. Lucius war mit seiner Armee zu uns gestoßen. Alle standen sie vor uns. Ihre Zähne gefletscht und nur darauf wartend das ihr Anführer ihnen das Zeichen zum Angriff gab.

»Na wen haben wir denn da? Hast es also doch geschafft raus zu kommen?« Sein Blick viel auf den Mann neben mir. Er hatte sich vor mich gestellt um mich zu schützen. Sein Körper versprühte einen gut riechenden Duft. Doch ich konnte auch riechen, dass er einige Meter gerannt sein musste.

»Verstärkung hast du also auch mitgebracht? Ist ja entzückend. Da haben wir eben morgen noch einen Kopf mehr rollen. Leute?«, Lucius drehte sich zu seinen Gefährten um, »ich mach da allein, verstanden? Ich will das vollkommen auskosten. Und wehe einer kommt mir in die Quere!« Sein Blick war wieder auf den Mann vor mir gerichtet. Die Füchse gingen alle einen paar Schritte zurück. Der Mann legte Darwin zu Boden und schob mich dann einige Meter beiseite. Ich verfolgte das folgende Geschehen gespannt.

Beide stellten sich gegenüber. Der Mann breitete seine Arme wie in einem Wrestlingring aus. Als wäre das der Kampf seines Lebens. Das Licht war wieder etwas gedämpft, sodass man keine Details erkennen konnte. Ich hatte meinen Blick fest auf das Gesicht des Mannes gerichtet, doch ich konnte einfach nichts erkennen. Er war vielleicht Mitte zwanzig, doch genau feststellen konnte ich es nicht.

Von einem auf den anderen Moment ging es los. Es traf ein wie ein Blitz. Ich erschrak, doch die Gesichter der anderen blieben wie versteinert. Sie starrten alle nur auf das Treiben was sich vor ihren Augen abspielte. Beide hatten sich mit einem mal aufeinander gestürzt. Lucius schlug seine Krallen heftig in den Rücken des Mannes. Er zeigte jedoch keine Reaktion, sondern schmiss den Fuchs weit von sich. Lucius schlug mit einem lauten Knall gegen die Wand. Erde bröckelte von der Wand und fiel auf den Körper von Lucius. Nach wenigen Sekunden war der Fuchs wieder auf den Beinen und stürzte sich erneut auf den Mann ihm gegenüber. Blut floss. Spritzte umher und traf mich mitten im Gesicht. Ich schrie auf. Ich wusste nicht wessen Blut es war, denn beide Beteiligten bluteten. Ich wischte das Blut von meinem Gesicht und es tränkte meinen hellen Pullover. Es fraß sich in den Stoff und breitete sich aus. Auch auf den Körpern der beiden drang Blut. Das T-Shirt unseres Retters hatte sich dunkelrot gefärbt. Ebenso wie das Fell von Lucius.

»Stirb!«, schrie Lucius laut aus und schlug seine Krallen in die Brust des Mannes. Ich spürte wie sich die Welt in diesem Moment langsamer drehte. Ich nahm plötzlich alles deutlicher war. Ich konnte die Angst in Lucius' Augen sehen. Angst vor einer Niederlage. Ich sah, das von weit her weitere Füchse gerannt kamen. Zur Unterstützung, oder weil sie einfach das Geschehen mitverfolgen wollten, ich weiß nicht warum. Einer der Männer aus Lucius Armee kratzte aufgeregt mit einer Pfote auf dem Boden und hinterließ kleine Furchen. Dann, so schnell wie es gekommen war, verschwand diese Schwerelosigkeit. Und ich hörte, dass ich schrie!

Und schrie!

Und schrie!

Lucius zog seine Pfote aus der Brust des Mannes. Vier feine Löcher um die sich Blut sammelte, bildeten sich auf dem Shirt des Mannes ab. Ich konnte nicht mehr an mir halten, sondern stürzte auf ihn zu. Lucius sprang vom Körper des Mannes und lief langsam ein paar Schritte zurück um das Bild zu betrachten welches sich ihm bot.

Langsam fuhr die Hand des Mannes zu seiner Brust. Er fühlte die Stichwunden und stolperte ein paar Meter zurück, sodass ich ihn auffangen musste, damit er nicht vollständig stürzte. »Alles gut? Geht es dir gut? Hallo? Hörst du mich?«, schrie ich ihn an, doch ich erhielt keine Antwort. Sein Blick fiel auf Lucius. Er funkelte ihn an. Dann ganz leicht – so das nur ich es sehen konnte – zuckte das Auge des Mannes. Er schaute zu Darwin und im nächsten Moment hatte er mich wieder am Arm gepackt, Darwin aufgehoben und zerrte uns durch die Tür zu Darwins Bau.

Die Tür war schneller verschlossen als ich denken konnte. Mit unserem ganzen Gewicht drückten wir uns dagegen. Ich konnte wütende Schreie hinter mir vernehmen, dann kratzen an der Tür.

»Was war das denn? Ich dachte du stirbst gleich!«, brachte ich unter würgen heraus. Ich legte die Hände auf meine Knie damit ich mich etwas entlasten konnte. Das Herz schlug mir bis zum Hals und noch höher.

»Lass deinen Feind immer in einem falschen Glauben.«

Tolle Lebensweisheit!

»Wo sind wir hier?«, fragte der Mann flüsternd. Ich konnte hören das auch er erschöpft war. Langsam nahm er Darwin von der Schulter und legte ihn vor sich auf den Boden. Darwin sah beinahe wie tot aus. Er hing schlaff in den Armen des Mannes, als er ihn hinlegte. Nur sein gleichmäßiges Atmen verriet ihn.

»In Darwins Bau«, gab ich zu Antwort.

»Ist hier irgendwas, dass wir vor die Tür stellen können? Möbel oder so was? Lange werden wir hier nicht stehen können und die da draußen werden nicht so schnell nachgeben.«

Ich nickte. »Wenn du da den Gang lang läufst und den ersten Gang rechts nimmst müsstest du in die Küche kommen. Dort stehen ein paar Stühle und ein Tisch.«

In Gedanken lief er den Gang entlang; dann nickte. »Schaffst du das allein?«, fragte er.

»Werden wir ja sehen!« Ich stemmte mich mit aller Kraft gegen das Tor. Wenn das Ding doch nur einen Riegel hätte mit dem man es einfach verschießen konnte! Es dauerte eine ganze Weile bis der Fremde wieder kam. Er hatte drei Stühle übereinander gestapelt und kam damit den Gang entlang gelaufen. Ich trat etwas beiseite, um Platz für die Stühle zu schaffen. Wir klemmten die Stühle unter die Türgriffe und verankerten sie fest im Boden. Es würde nicht lange halten, doch lang genug um sich etwas neues auszudenken.

Als wir fertig waren wurde Darwin wieder hochgehoben und ich ging voran. Wir liefen den langen Gang entlang. Ich wollte dem Fremden nicht gleich alle Geheimtüren in diesem Bau zeigen – wer weiß wo das hinführen würde – deswegen lief ich in die Eingangshalle. Vorn dort aus schlug in den Weg zur Feuerstelle ein. Dessen Raum den ich nach der Bibliothek am meisten mochte. Wegen des schönen Kronleuchters.

Der Fremde legte Darwin vor die Feuerstelle, die man in der Dunkelheit gerade so ausmachen konnte. Dann beugte er sich vor um selbst Feuer zu machen.

»Lass man. Ich mach das schon!«, kam ich ihm zuvor.

Dankbar setzte er sich in einen der Sessel. Ich nahm ein paar Holzscheite, die neben der Feuerstelle gestapelt lagen, und legte sie zu einem Haufen in der Mitte der Feuerstelle zusammen. Die Flammen schlugen in die Höhe, als ich das Feuer entfacht hatte. Es Knisterte und umhüllte mich mit einer wunderbaren Wärme. Ich fühlte mich geborgen.

Als ich mich ebenfalls erschöpft in einen der Sessel fallen gelassen hatte, konnte ich endlich das Gesicht des Fremden erkennen. Seine Augen waren geschlossen, doch er schlief nicht. Seine Haare waren von einem dunklen Braun und etwas länger. Sie gingen ihm bis über die Ohren. Ganz leicht waren sie gelockt. Als er die Augen öffnete, erkannte ich das sie von einem hellen Grün waren. Es sah aus, als würde man direkt in eine Wiese sehen, die nur so strotzte vor Grün.

Als er merkte das ich ihn anschaute, lies ich meinen Blick schnell in eine der hinteren Ecken des Raumes fallen. Nach einer Weile, als er seine Augen wieder geschlossen hatte, setzte ich fort. Er hatte einen muskulösen Körper. Wahrscheinlich war er Leistungssportler, wie ich vermutet hatte, denn er war unglaublich schnell gerannt. Seine Größe schätzte ich auf etwa einen Meter neunzig. Wobei ich mir mit meinen ein Meter zweiundsiebzig ziemlich klein vorkam.

Dieser Mann, wie ich gedacht hatte, war kein Mann. Es war ein Teenager, genau wie ich. Er musste etwas zwei, drei Jahre älter sein als ich. Also siebzehn oder achtzehn.

Wieso hatte er mich gerettet?

Wieso war er in meinem Kopf gewesen, und wer war er?

»Na los, frag schon!«, sagte er mich geschlossenen Augen. Ich fühlte mich ertappt. Hatte er doch gemerkt das ich ihn die ganze Zeit angestarrt hatte?

»Ich merkt doch das du mich ansiehst.« Er hatte es mit bekommen! »Stell mir all deine Fragen.« Langsam öffnete er seine Augen und schaute mich direkt an. Ich fühlte mich total unbehaglich. Meine Beine hatte ich bis zum Kinn gezogen und umklammerte sie mit den Armen.

»Wer bis du?«, war die erste Frage die mir am wichtigsten erschien.

»Stimmt, hatte ich ganz vergessen. Dylan Smith.« Er beugte sich nach vorn und reichte mir die Hand hin. Ich nahm sie entgegen und reichte ihm meine. Er hatte warme Hände und einen starken Händedruck. Ich konnte es nie leiden, wenn die Leute einem die Hand gaben und so leicht zudrückten, dass man die Hand des andern gar nicht spürte. Ich hatte dann immer das Gefühl, dass der andere so schnell wie möglich die Flucht ergreifen wolle. Das er mich gar nicht begrüßen möchte, oder so etwas in der Art. Ich fand es schrecklich. Doch Dylan hatte einen guten Händedruck.

»Maddie Jhons«, gab ich zurück.

»Ich weiß!« Ein frechen Grinsen huschte über sein Gesicht.

»Woher?«, fragte ich verdutzt. Meine Kehle hatte sich zusammengezogen. War er doch einer der Leute in mein Zimmer eingebrochen waren? Wollte er jetzt auch mich holen?

»Das ist eine lange Geschichte!«

»Ich möchte sie hören. Wir haben ja jetzt Zeit, bis Darwin aufwacht.«

»Ein andermal vielleicht!« Ein andermal versprach eine ziemlich lange Zeitspanne. Würde er etwa von nun an immer hier sein? Würde er uns vielleicht helfen? Oder war er doch der Dieb?

»Warum habe ich dich die ganze Zeit über in meinem Kopf gehört?« Als ich merkte wie bescheuert diese Frage war, wurde ich rot im Gesicht. Ich vergrub es hinter meinen Knien.

»Also ich meine … ich hab deine Stimme in meinem Kopf gehört. Du hast mir geholfen, damit. Weißt du, hast Tipps gegeben und so was!«

»Telepathie!«

»Was?« Ich verstand nicht.

»Telepathie. Die Kraft des Gedankenlesens. Ich kann Gedanken lesen und mich im Kopf eines Menschen um hören. Ich kann dadurch auch im Kopf des andern sprechen.«

Ist das abgefahren. Warum hab ich das nicht?

»Warum kannst du das? Kann man das lernen?« Ich war mit einem mal richtig aufgedreht.

»Nein. Es wird einem angeboren, und dann nur aus einem bestimmten Grund. Aus einer Bestimmung, die man erfüllen muss. Es hat immer einen Grund, wenn man so etwas kann.«

Als ich das hörte, war ich etwas enttäuscht. Es wäre schön gewesen, ab und zu mal in den Kopf eines andern hinein hören zu können.

»Kannst … kannst du dann auch meine Gedanken lesen?« Oh mein Gott. Wenn er wüsste, was alles in meinem Kopf herum schwirrte. Schnell schaute ich weg um die Scham die mich überwältigte nicht ertragen zu müssen.

»Ich bedaure, nein! Obwohl ich gern wüsste, was du denkst. Vor allem bei der Last, die du tragen musst.« Gespannt wand ich meinen Blick wieder Dylan zu. »Ich kann in deinem Kopf sprechen und auch das Gespräch mithören, welches zu mit mir führst, doch deine Gedanken kann ich nicht lesen.«

Erleichtert atmete ich aus. »Aber du hast mir doch immer in schwierigen Situationen geholfen. Da musstest du doch wissen, wie es in meinem Kopf aussah. Sonst hättest du mir doch niemals bei den meisten Dingen helfen können.«

Ein lachen wehte über sein Gesiecht und lies eine reihe weißer Zähne aufleuchten. »Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Ein Freund von mir ist Wissenschaftler. Ich habe mich also in das Satellitensystem eingehackt und konnte damit alle Satellitenbilder dieser Erde abrufen. Vierundzwanzig Stunden konnte ich dich also überwachen und sehen ob es dir gut geht.«

Ich fühlte mich augenblicklich unbehaglich in seiner Nähe. Das klang wie ein Stalker.

»Keine Angst. Ich habe dich nicht ununterbrochen überwacht. Das mit dem hacken war noch der einfache teil. So etwas habe ich von Kind auf gelernt. Aber nun kommt mein Freund ins Spiel. Er hat etwas entwickelt, mit dem man auch durch harte Materie dringen kann. Ich kann also auch durch Hauswände schauen, oder durch die Erde. Dadurch habe ich dich auch hier gefunden. Na ja, so schwer ist das also nicht, immer zu wissen, was vor sich geht.« Er schloss seinen kleinen Bericht mit einem Grinsen ab.

»Kommt man dafür nicht ins Gefängnis, wenn raus kommst, was du gemacht hast?«

»Vermutlich, aber die haben immer noch nicht raus gefunden, wer sich ins System geschlagen hat. Knobeln wahrscheinlich immer noch dran. Aber ab jetzt brauch ich das ja nicht mehr. Jetzt bin ich ja da.«

Ich nickte. Das würde mir ordentlich Stoff zum Nachdenken geben. Gedankenlesen. Ich war froh, dass das bei mir nicht funktionierte. Doch irgendwie hörte sich das alles wie ein schlechter Witz an.

»Was hast du für Fähigkeiten?«

»Wie kommst du darauf, dass ich welche habe?« Ich konnte ihm ja nicht gleich alles auf die Nase binden.

»Ich weiß das du welche hast. Also, was ist es?«

Ich überlegte noch eine Weile ob ich ihm das sagen sollte, doch dann entschied ich mich dazu. Immerhin hatte auch er mir alles erzählt. »Ich kann mit Tieren sprechen. Ich verstehe sie und kann mit ihnen kommunizieren. Zumindest kann ich das mit Darwin und den anderen Füchsen; sie habe ich auch verstanden. Bis jetzt. Bei meinem Hund ging es nicht. Ich hab das schon ausprobiert. Schade eigentlich. Ich würde gern wissen, was er sagt.«

»Interessant. Ich hätte eher vermutet, das du fliegen kannst, oder so etwas ähnliches. Aber diese Fähigkeit lässt sich noch ausbauen. Denn wir ein bisschen üben, wirst du auch noch andere Tiere als diesen Fuchs verstehen können. Kannst du noch etwas?«

Ich schüttle den Kopf. Ich konnte nur das eine.

»Bist du dir sicher?«

Nicken.

»Das ist merkwürdig. In der Prophezeiung stand etwas von zwei Fähigkeiten.«

Prophezeiung? Davon hatte ich doch schon einmal gelesen. In dem Buch welches uns der Schlüssel gezeigt hatte. Ein Zauberer – Graham Camberlein – hatte den Weltenöffner gefertigt. Beide lebten in L., von dem wir immer noch nicht wussten, was es war, und dann war der Zauberer mit seinem greif verschwunden, weil sich irgendeine Prophezeiung erfüllen würde.

»Was ist das für eine Prophezeiung? Und was steht darin?«

Dylan schien über diese Frage etwas entsetzt. »Ich .. das gehört zu dieser Geschichte, weiß du? Das kann ich jetzt noch nicht sagen.«

Was sollte dieses Gestammel? »Und wann bekomme ich diese Geschichte zu hören?« Ich setzte eine betont freundliche Stimme auf, um nicht beleidigt zu klingen.

»Wenn die Zeit reif genug ist!« Diesen Satz konnte ich partout nicht ausstehen. Immer weide bekam man ihn zu hören. In den Nachrichten, in der Schule oder anderswo. Ich lächelte ihn an. Dann wechselte ich das Thema.

»Hast du den Schlüssel gestohlen?«, fragte ich gerade heraus. Wenn Darwin wach gewesen wäre, hätte er mich wahrscheinlich für diese Frage mit zornigen Blicken gestraft.

»Der Schlüssel ist weg?« Dylan war hellwach. Seine Augen waren gebannt auf mich gerichtet. Seine Finger hatten sich in die Lehne des Sessels gekrallt.

»Ja?«, gab ich ängstlich zurück.

Mit einem Klatsch schlug Dylans Hand gegen seine Stirn. »Oh nein, dann müssen wir ja ganz von vorn anfangen!«

»Womit von vorn anfangen?«

»Wie gesagt, dass gehört alles mit zu der Geschichte! Ich muss überlegen wie wir vorgehen können. Gibt es hier einen großen Raum, oder so etwas ähnliches? Ich muss nach-denken. Ich brauche platz.« Als wenn das nicht auch hier gehen würde.

»Die Bibliothek könnte in Frage kommen!«

Dylan nickte. Dann standen wir auf und Dylan nahm Darwin wieder über die Schulter. Das Feuer liesen wir brennen. Es dürfte eigentlich nichts anbrennen. Gemeinsam liefen wir in die Bibliothek. Auch dort entfachte ich ein Feuer und setzte mich anschließend in den Sessel vor das Feuer. Dylan lief die ganze Zeit auf und ab. Er machte mich unheimlich nervös.

»Hat es etwa mit dem Schlüssel zu tun, dass du hier bist?«, fragte ich irgendwann, als ich dieses ganze hin und her Gerenne nicht mehr aushielt.

»Natürlich!«

Auch das noch. Was würde jetzt noch alles auf mich zukommen. Zum Glück wusste ich nicht im Ansatz was die nächsten Wochen alles bringen würden. Ich hätte mich wahrscheinlich sofort irgendwo versteckt und wäre nie wieder raus gekommen.

 

Kapitel 14: Spurenjagd

Darwin wachte erst zwei Stunden später auf. In dieser Zeit hatte ich Dylan dazu gebracht endlich mal still zu sitzen und ihm von mir die Wunden verarzten zu lassen. Ich hatte ein paar Kräuter in Darwins Küche gefunden, von denen ich auch von Mum wusste, dass sie gut für solche Verletzungen waren, die Dylan sie hatte. Eigentlich wollte ich Dylan lieber zu einem Arzt bringen, doch er weigerte sich hartnäckig.

Nachdem mein Hunger zu groß geworden war, hatte ich Dylan und Darwin allein gelassen und war in die Küche verschwunden um mir etwas zu essen zu machen. Auch Dylan brachte ich etwas mit, doch er rührte es eine ganze Weile nicht an. Nachdem ich gegessen und alles wieder weg gebracht hatte, nahm ich mir irgendein Buch aus einem der Regale und blätterte desinteressiert darin herum. In Wirklichkeit beobachte ich Dylans Gang. Er lief geschmeidig, ohne eine Ruckartige Bewegung, so wie es von den Jungen aus meiner Schule kannte.

Einmal hatte ich versucht einzuschlafen, da die Müdigkeit an mir genagt hatte, doch ich konnte einfach nicht. Die Anwesenheit von Dylan brachte mich dazu nicht einmal ein Auge schließen zu können.

Ich war froh, als Darwin endlich aufwachte. Denn nun hatte ich endlich jemanden, dem ich die letzte Nacht berichten konnte. Doch Darwin verhielt sich genau so, wie ich es erwartet hatte.
Als er die Augen öffnete, kam Dylan in sein Blickfeld. Sofort sprang er auf. Er taumelte, weil ihn seine Fußgelenke immer noch schmerzten. Als er sich gefangen hatte stürzte er auf Dylan zu. Er fletschte die Zähne und sprang auf ihn zu.

»Darwin«, schrie ich. Erst jetzt erkannte er, dass auch ich im Raum war. »Hör auf Darwin!« Verwirrt, doch immer noch mit den Zähnen fletschend, schaute Darwin um sich. Ich lief zu den beiden und stellte mich direkt vor Dylan, so das Darwin ihn größtenteils nicht mehr sehen konnte. »Er hat uns gerettet Darwin!«

Jetzt erst blickte sich Darwin um. »Wie kommen wir hier her?«

Ich drehte mich um, und schaute in Dylans fragendes Gesicht, doch ich ignorierte ihn.

»Das war Dylan«, sagte ich zu Darwin gewandt. Ich ging in die Hocke um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Als ich erkannte das Darwin keine Ahnung hatte wer das war, korrigierte ich mich. »Das ist er.« Mit dem Finger zeigte ich hinter mich. Ich wollte Darwin keinen Moment geben um zu sprechen. Ich musste ihm das jetzt alles sofort erklären. »Dylan hat uns dort raus geholt. Du hast die ganze Zeit geschlafen. Wir wurden von Füchsen gejagt und angegriffen. Es war ganz schön knapp, aber wir haben es geschafft. Aber jetzt haben wir ein kleines Problem, denn die Füchse wollen in deinen Bau einbrechen. Sie kratzen schon die ganze Zeit an der Tür.«

Darwin schaute mich an. Er zeigte keine Bewegung, sondern schaute nur.

»Woher willst du wissen, dass er nicht einer von denen ist, die uns etwas antun wollten?«
Ein Auge hatte er fest zusammengekniffen. Ich wusste genau was er meinte. Die Diebe, die uns den Schlüssel gestohlen hatten. Aber ich war mir mittlerweile sicher, dass Dylan nicht zu ihnen gehörte.

»Ich weiß es einfach! Ich weiß es genau so, wie ich dir damals vertraut hatte; kurz nach unserem Kennenlernen. Ich hab es einfach gefühlt.«

»Was ist genau passiert?«

Wir setzten uns vor das Feuer, während Dylan weiter hin und her lief. Wir wärmten uns und ich erzählte Darwin alles, was wir in dieser Nacht erlebt hatten, und was er verpasst hatte. Ich erzählte ihm auch, was ich von Dylan erfahren hatte. Das er Gedanken lesen konnte, und dass er die ganze Zeit über in meinem Kopf gewesen war. Das er mir versprochen hatte zu kommen und dass er die ganze Zeit über, über mich gewacht hatte. Darwin hörte gespannt meiner Erzählung zu, doch immer wieder fiel sein Blick misstrauisch zu Dylan. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich die beiden nicht wirklich ausstehen konnten. Zumindest von Darwins Seite aus. Dylan wiederum schien es Spaß zu machen, Darwin zur Weißglut zubringen.

Ab und zu konnte ich Dylans Blick auffangen. Er sah es mit Genuss, dass Darwin ihn nicht leiden konnte. Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt und schon konnten sie sich nicht leiden. Oder zumindest der eine den anderen. Aber vielleicht dauerte es bei Darwin einfach ein bisschen, bis er volles Vertrauen zu Dylan aufbauen konnte.

Ich hoffte wirklich, dass Dylan uns mit dem Schlüssel half. So wie es schien hatte er einige Geheimnisse, doch vielleicht würde ich im laufe der Zeit einige aus ihm heraus bekommen können. Am meisten interessiertere mich aber die Geschichte die er nicht erzählen wollte.
Noch nicht, zumindest.

»Wir müssen so schnell wie möglich diesen Schlüssel wieder bekommen«, sagte Dylan plötzlich.

»Darauf sind wir auch schon gekommen«, zischte Darwin neben mir. In diesem Moment war ich heilfroh, dass Dylan ihn nicht versandt.Langsam strich ich Darwin durch das Fell. Es war weich, immer noch etwas von Blut verklebt, doch das würde er mit seiner täglichen Putztour hinbekommen.

»Habt ihr irgendetwas bemerkt. Irgendwelche Zeichen, die auf einen möglichen Täter hindeuten könnten. Vielleicht habt ihr ihn sogar gesehen?«

»Ich hab Abdrücke im Garten gesehen. Vielleicht sind sie ja noch?«

»Wann ist es passiert?«

»Freitag Abend. Ich hab es bemerkt, als ich in mein Zimmer gegangen bin. Das war vielleicht so gegen elf Uhr. Es muss also«, ich dachte angestrengt nach, »es musste also zwischen acht und elf Uhr passiert sein.«

Dylan nickte. »Okay. Habt ihr vorher etwas bemerkt? Irgendetwas, was darauf hingedeutet haben könnte, dass der Schlüssel gestohlen werden sollte?«

»In der Nacht, als ich Darwin kennen gelernt habe und ihm von dem Schlüssel berichtet habe, wurde bei ihm eingebrochen. Es wurde alles durchwühlt aber es wurde nichts mitgenommen. Darwin hatte mir erzählt, dass es nach Alkohol und Zigaretten gerochen hatte, genau wie bei mir am Freitag. Es war genau der Geruch, den Darwin beschrieben hatte. Also war es die selbe Person. Es wäre unwahrscheinlich, wenn jemand anderes den selben Geruch hätte.«

Dylan lief wieder auf und ab. Er hatte eine Hand ans Kinn gelegt und überlegt stark.
»Okay. Am besten wir gehen jetzt zu dir. Die Fußspuren müssten noch da sein, wenn sie sich im Matsch eingegraben haben.«

»Aber wir können jetzt nicht gehen!«, protestierte ich. »Die Füchse werden nicht mehr lange brauchen und dann sind sie in Darwin Bau. Sie werden ihn umbringen, so wie die drauf sind! Und ich kann auch nicht am helllichten Tage mit einem Fremden, den keiner kennt und einem Fuchs durch unser Grundstück laufen. Nichts für ungut, Leute.« Wie stellte er sich das den vor? Alle würden darüber reden und womöglich auch noch Darwin etwas antun. Nein, dass ging wirklich nicht.

»Dann erledigen wir das mit der Tür jetzt und das mit den Fußabdrücken erledigen wir heute Nacht.«

Das war keine schlechte Idee. »Aber heute Nacht werdet ihr doch nichts sehen.«

»Es hat mal jemand Taschenlampen erfunden!«, sagte Dylan mit einem Lachen.

Idiot!

Wir liefen alle zum Tor in die Stadt der Füchse. Das Kratzen war immer noch zu hören. Es waren bestimmt vier Stunden vergangen und sie hatten immer noch nicht aufgegeben.

»Wie wollen wir das stoppen?«, fragte ich.

»Ich könnte ja raus gehen«, sagte Darwin.

Dylan schaute mich fragend an. »Er will nach draußen gehen«, übersetzte ich für ihn.

»Ist er verrückt? Die werden ihn umbringen.« Obwohl Darwin Dylan nicht verstehen konnte, schenkte er ihm einen zornigen Blick. Aber es stimmte. Sie würden ihn umbringen. Yorick würde das bestimmt besondere Freude bereiten. Und Lucius würde ein großes Fest dafür veranstalten, wenn Darwins Kopf endlich rollt.

»Kannst du nicht irgendwie in die Gedanken von den Füchsen etwas verändern? Irgendwas, dass sie sich nicht mehr an das alles hier erinnern?« Ich deutete auf Darwin und mich.

»Ich weiß nicht ob dein kleiner Freund das will. Das ist ein ganz schöner Schritt. Er würde nie wieder zurück kommen können.« Wieder ein zorniger Blick. Ich glaube Darwin schaute nur noch zornig, wenn Dylan spricht.

»Darwin.« Ich kniete mich neben ihn. »Dylan könnte in den Köpfen der Füchse etwas verändern. Das sie sich … das sie sich nicht mehr an dich erinnern können. Das sie dich vergessen.
Sie würden all das hier nicht mehr wiedererkennen. Sie würden dich in Ruhe lassen!« Ich atmete tief durch, um den letzten Satz aussprechen zu können. »Möchtest du das?«

Ich konnte spüren, wie Darwin zusammensackte. Er wurde kleiner. Auch er musste schwer atmen. »Tut was nötig ist.« Mit diesen Worten drehte er sich um und lief den Gang entlang.
Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Selbst nicht, als er schon lang aus meinem Blickfeld verschwunden war.

Was hatten wir ihm nur für eine grausame Last auf gegeben? Es war schon schlimm verstoßen worden zu sein, aber man war immer noch in den Köpfen der anderen. Aber wirklich vergessen zu werden ist etwas anderes. Man kann nie wieder zurück.

Ein paar Tränen liefen mir über die Wangen. Ich wischte sie schnell weg, damit Dylan sie nicht sehen konnte. Doch das war eigentlich nicht nötig gewesen. Als ich mich umdrehte, erkannte ich das Dylan die Augen fest geschlossen hatte. Mit den Fingen hielt er seine Augen fest zu. Die andere Hand hielt er auf das Tor zu. Sie zitterte.

Sah so Gedanken lesen aus?

Ich lies mich auf den Boden fallen. Meine Jeans war sowieso hinüber. Ich würde sie wohl nie wieder anziehen können. Getrocknetes Blut klebte daran. An einigen Stellen war sie aufgerissen und zeigte meine nackten Beine. Langsam lies ich mich gegen sie Wand sinken. Meinen Kopf lies ich auf die angezogenen Knie fallen. Meine Nase lief; sie wurde von den Tränen, die mir über das Gesicht liefen, geleitet.

»So, das wäre geschafft«, sagte Dylan nach einer Weile. »Sie haben ihn vergessen.«

Ich nickte nur, denn ich konnte nicht sprechen. Ein dicker Klos hatte sich in meinem Hals festgesetzt und untersagte mir das Sprechen.

Langsam liefen wir gemeinsam den Gang entlang. Wir fanden Darwin in der Bibliothek. Er hatte sich vor der Feuerstelle zusammengekauert und Augen geschlossen. Er sah so traurig aus! Ich lief auf ihn zu und setzte mich im Schneidersitz neben ihn. Ich wusste, dass ich nichts machen konnte. Ich war schuld, dass er das jetzt machen musste. Denn ich nicht gewesen wäre, wäre er nie in diese Situation gekommen. Ich war es, die es vorgeschlagen hatte, dass sie ihn alle vergessen würden.

Oh Mann! Ich bin so bescheuert!

Ich wollte es gut machen. Also versuchte ich es allein mit meiner Anwesenheit. Vielleicht half ihm das ja.

Wir saßen eine ganze Weile so nebeneinander. Auch Dylan setzte sich hinzu; jedoch in einen der Sessel. Er hatte sich ein Buch geholt und las darin, doch ich hatte das Gefühl, dass er nicht richtig bei der Sache war, sondern immer noch nach-dachte. Immer wieder schaute er nervös auf, kratzte sich am Kinn und beugte sich dann wieder dem Buch zu.

»Wozu brauchen die den Schlüssel?«, fragte ich. Mir hatte diese Frage die ganze Zeit auf der Zunge gelegen; jetzt konnte ich sie nicht mehr zurück halten.

Dylan schaute von seinem Buch auf und schaute ich an; oder besser gesagt, er schaute durch mich hindurch. Vielleicht versuchte er gerade wieder in meinen Kopf zu kommen, um hören zu können, was ich denke. Sein Blick verfestigte sich wieder und jetzt schaute er mir direkt in die Augen. »Das hängt mit der Prophezeiung zusammen. Aber keine Angst, sie werden wieder kommen. Der Schlüssel allein ist machtlos.« Sein Blick wurde ernst. Seine Finger krallten sich in die Lehne des Sessels. »Ja, der Schlüssel allein ist machtlos. Sie brauchen dich!«

Augenblicklich wurde es mucksmäuschenstill. Selbst das Feuer hatte aufgehört zu knistern.
Das regelmäßige Atmen von Darwin war unterbrochen worden und er schaute besorgt auf.

»Mich?«

Dylan nickte.

»Was hat er dir angetan?« Darwin schoss in die Höhe. Ich suchte ihn sanft zu Boden zu drücken.

»Nichts. Er hat mir nichts getan.« Ein Grinsen, welches vollkommen fehl am Platz war, breitete sich auf Dylans Gesicht aus. Ich funkelte ihn wütend an. Sofort verschwand das Grinsen.
»Er hat gesagt, dass der Schlüssel allein machtlos ist. Sie … sie brauchen mich dazu.«

»Dich? Und das sagte er erst jetzt? Er lässt uns die ganze Zeit im Unglauben! Wie kannst du ihm glauben?« Darwins Stimme war laut geworden.

»Alles ist gut, Darwin. Ich bin doch noch hier. Mit geht es gut!« Ich fing wieder an, über sein weiches Fell zu streichen. Mein Blick fiel auf seine Gelenke. Die Taschentücher müssten unbedingt noch einmal gewechselt werden, oder am besten komplett abgemacht werden. Seine Wunden müssen neu gereinigt werden und er muss sich ausruhen.

»Aber«, er legte eine Pfote auf mein Bein, »ich will doch nur nicht, dass dir was passiert!
Du … du bist doch jetzt das einzige was ich noch habe.«

»Ich werde hier bleiben. Du wirst mich nicht verlieren. Versprochen. Darauf gebe ich dir mein – Fuchsehrenwort.« Ich hielt ihm meine Hand entgegen und er berührte sie mit seiner Pfote.
Sie war wunderbar weich. Ich konnte seine Krallen spüren. Sie waren scharf und würden einem bestimmt die Kehle durch ritzen können.

Dylan hatte die ganze Zeit über still zugehört. »Der Schlüssel allein ist nutzlos. Also werden wir jetzt warten, bis sie wieder kommen. Und sie werden wieder kommen. Wenn sie dich dann mitnehmen wollen, holen wir den Schlüssel wieder.«

Ich übersetzte für Darwin, damit auch er mitreden konnte. Vielleicht würde ich später einmal Dolmetscher werden. Dann könnten sich Menschen und Tiere besser einigen. Ich würde weltweit gefragt sein. Vielleicht!

»Dann müssen wir dich rund um die Uhr überwachen. Sie werden zugreifen wollen, wenn keiner in deiner Nähe ist.« Darwin schaute sich um. Ich nickte ihm zu und schenkte ihm ein Lachen.
Es würde sich merkwürdig anfühlen, den ganzen Tag und sogar noch die Nacht unter Beobachtung stehen so müssen, doch wenn es uns hilf, den Schlüssel wieder zu bekommen, dann bin ich gern dazu bereit.

Beide machten aus, dass sie jeweils sechs Stunden, im Wechsel, Wache halten würden.
Dylan würde dennoch ein Auge auf mich halten, wenn Darwin an der Reihe war, da er mehr ausrichten konnte. Darwin nahm es mit knirschenden Zähne hin, als er erkennen musste, dass Dylan recht hat.

So machte ich mich irgendwann auf den Weg nach hause. Zuvor hatte ich jedoch die Taschentücher von Darwins Fußgelenken entfernt. Ich hatte die Wunden gesäubert und ihn dazu verdonnert, sich auszuruhen. Außerdem hatte ich Darwin dazu überreden können Dylan in seinem Bau übernachten zu lassen, da er nirgends sonst hätte bleiben können. Nach einigem hin und her, war Darwin doch bereit dazu. Dylan wird im Raum mit dem Kronleuchter schlafen und darf sich nicht daraus entfernen.

Wir hatten ausgemacht, dass beide heute Abend einen Stein an mein Fenster werfen, damit ich weiß wann sie da sind. Dann untersuchen wir die Fußspuren und versuchen darüber etwas über den Täter heraus zu finden. Hoffentlich klappt es.

Dylan wird die erste Wache übernehmen, da Darwin immer noch etwas schwach auf den Beinen war. Er begleitete mich fast bis vor die Haustür. Er würde sich immer in meiner Nähe aufhalten, meinte er. Ich wusste nicht wie das gehen sollte, da mein Zimmer mit Blick zu Straße lag.
Er würde auffallen, wenn er die ganze Zeit vor unserem Haus stand.

Als ich an der Haustür klingelte schaute ich noch einmal an mir herab. Meine Hose war aufgerissen. Einige Teile meiner Jeans hingen am letzten Faden am Stoff meiner Jeans. Blut hatte sie dunkel gefärbt, und dort wo mich die Lanzen der Füchse verletzt hatten, tropfte Eiter durch die Hose. Mein Pullover war vollkommen verdreckt. Erde hing darin; Grasflecken hatten sich gebildet. Unter meinen Fingernägeln hatte sich eine ganze Müllhalte gesammelt. Auch hier war meine Haut eingerissen. Meine Haare hatten sich aus dem Knoten gelöst und hingen in mein Gesicht. Ich konnte es im Glas unserer Haustür sehen. Unter meinen Augen hatten sich Tränensäcke gebildet, einerseits weil ich in den letzten zwei Tagen mehr geheult hatte als sonst in einem Jahr und weil ich total übermüdet war. Aber um es kurz zu fassen: Ich sah aus wie ein Penner. Als wäre ich gerade frisch durch den Dreck gezogen worden.

Und genau so sah mich meine Mum als sie mir die Tür öffnete. Sie schrie auf und stürzte dann auf mich zu. Ganz fest umarmte sie mich. »Oh mein Gott, was ist mit dir passiert. Warum hast du uns nicht angerufen.«

Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich konnte einfach nur heulen (was sonst!!!). Die ganze Last der letzten Tage fiel von mir ab. Ich konnte meine Mum endlich wieder in den Armen halten. Wenn sie nur wüsste, was passiert ist. Sie würde mir niemals glauben.

Langsam gingen wir ins Haus. Beide weinten wir. Mum, weil sie nicht wusste was mit mir passiert war und sich das schlimmste ausmalte, und ich, weil ich keine Kraft mehr hatte. Ich hatte immer versucht stark zu bleiben, so wie ich es immer gelernt bekommen habe, doch jetzt brach meine Mauer endgültig zusammen. Ich heulte Rotz und Wasser. Mum und liefen in das Wohnzimmer, wo wir uns auf das Sofa fallen liesen. Beide hielten wir uns in den Armen.

Nachdem wir uns wieder etwas beruhigt hatten, erzählte ich ihr irgendetwas von einem schweren Sturz. Das ich auf dem Weg nach hause von einem Auto angefahren wurde und in den Seitengraben geflogen war. Das sich Steine in meine Haut gebohrt hatten. Für jede Kleinigkeit auf meinem Körper hatte ich eine andere Ausrede, nur nicht die Wahrheit. Mum wollte wissen, wer in dem Auto gesessen hatte. Doch ich meinte nur, das dass Auto von hinten gekommen ist und ich nichts gesehen habe, und als ich wieder zu mir gekommen sei, war das Auto weg. Fahrerflucht.

Ihr müsst mir verzeihen. Ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich konnte nichts von dem, was ich wirklich erlebt hatte erzählen. Ich kam mir so mies vor. Als würde sich mein Herz nach und nach immer weiter mit schwarzer Tinte vollsaugen und mein ganzes Herz verkümmern lassen.

Mum verarztete mich so gut es ging. Als sie sich nicht mehr zu helfen wusste gingen wir zum Arzt. Ich hatte erst einmal gründlich geduscht. Doch nur so, dass die Wasserstrahlen meiner geschundenen Haut nicht zu sehr zusetzten. Mum hatte mir gute Salbe auf meine Schürfwunden gegeben. Dann hatte ich weiche Kleider angezogen. Einen weiten Pullover und eine locker Sitzende Jeans. Als wir ins Auto gestiegen sind, sah ich Dylan gerade hinter einen Baum verschwinden. Als wir die Straße hinuntergefahren sind, schaute ich zurück. Dylan war aus seinem Versteck gekommen und schaute uns nach.

»Wo wollt ihr hin, verdammt noch mal. Das geht nicht. Was ist, wenn sie euch auflauern«, ertönte seine Stimme in meinem Kopf.

»Wir fahren zum Arzt. Das solltest du auch tun. Deine Wunden sind tief. Du wirst dir eine Entzündung einhandeln. Außerdem wird Mum schon gut auf mich aufpassen. Sie hat mich die ganze Zeit, in der ich nun schon zuhause bin nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen.«

Ich hörte ein tiefes Ausatmen. »Was hast du ihr erzählt?«, wechselte Dylan das Thema.

»Das ich von jemandem angefahren wurde und derjenige Fahrerflucht begangen hat. Wir können ihn also nicht anzeigen.«

»Okay. Pass auf dich auf!«, dann wurde der Kontakt abgebrochen und Dylan verschwand aus meinem Kopf. Ich konnte mir vorstellen, dass er mir heute Abend eine Predigt halten würde.
Er sah zwar gut aus, doch er war hartnäckig. Eine gute Kombination.

Der Doktor musste meine Einstiche nähen. Außerdem verschrieb er mir diverse Salben von denen ich nicht einmal die Namen richtig aussprechen konnte. Die ganze Zeit über machte sich Mum schreckliche Vorwürfe, dass sie mich alleine hat nach hause laufen lassen. Sie meinte, dass sie mich ja hätte abholen können. Ich versuchte dagegen zu halten; ihr zu sagen, dass sie nicht dafür könne, doch sie lies sich nicht überzeugen.

Als wir wieder nach hause kamen rannten Dad, Taylor und Hayley aus dem Haus. Sie hatten im Wald einen Ausflug gemacht. Nur Mum war da geblieben um auf mich zu warten. Als sie mich sahen, erschraken sie alle vollkommen.

»Oh Gott, Maddie!«, rief Dad und stürzte auf mich zu. Ich fuhr zusammen, als er meine Handgelenke berührte. »Was ist passiert?« Weil ich nicht antworten konnte, übernahm Mum das sprechen für mich. Als sie geendet hatte schlug Dad die Hände über dem Kopf zusammen.
»Da müssen wir eine Anzeige machen! Es kann nicht sein, dass jemand meine Tochter halb tot fährt und damit ungeschoren davon kommt. Wo ist das Telefon, ich ruf die Polizei an. Das kann ja wohl nicht wahr sein!« Dad stiefelte ins Haus zurück. Mir wurde heiß und kalt zugleich.

»Na kommst erst mal mit rein, bevor Maddie hier noch erfriert.«

Hayley und Taylor nahmen mich in ihre Mitte und führten mich dann ins Haus. Ich wahr froh die beiden wieder zu sehen. »Mensch, was machst du denn auch wieder?«, fragte Taylor und stupste mich in die Rippen. Ich fuhr zusammen. »Oh, 'tschuldigung.«

»Ist schon in Ordnung.« Wir setzten uns aufs Sofa.

»Maddie.« Ich schaute zu Hayley. »du siehst scheiße aus!« Sie versuchte ernst zu schauen, doch im nächsten Moment fielen wir alle drei in schallendes Gelächter. Ein Gelächter, welches ich seit tagen nicht mehr gebraucht hatte und welches mir neuen Mut gab. Es war das schönste Gefühl, seit Tagen. Mein Bauch tat mir weh, so sehr hatte ich gelacht.

Den restlichen Tag unternahm ich viel mit Hayley und Taylor. Wir spielten viele Brettspiele, was wir seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht hatten. Ich konnte so sehr lachen wie langem schon nicht mehr. Und wieder einmal wurde mir bewusst, was für ein Glück ich mit dieser tollen Familie hatte. Sie kümmerten sich alle rührend um mich und ich konnte ihnen alles erzählen.
Na ja, fast!

Dad rief bei der Polizei an und erstellte eine Anzeige gegen Unbekannt. Auch ich musste kurz mit der Polizei sprechen, doch ich konnte ihnen ja nicht viele Informationen geben, da ich nichts gesehen hatte. Als ich sprach, wurde mein Hals ganz kratzig und das Atmen viel mir schwer. Doch die Frau am Telefon schob es darauf, dass ich Angst hatte, noch einmal angefahren zu werden. Ich musste ihr meine Verletzungen schildern und sie versicherte mir, dass man nach dem Täter suchen würde. Doch das würde etwas dauern. Mir war es nur recht. Sollten sie doch bis in alle Ewigkeit suchen.

Mum schien sich immer noch Vorwürfe zu machen, denn sie kochte zum Abendbrot extra mein Lieblingsgericht. Cider Prok. Das sind in Scheiben geschnittene Kartoffeln und Schweinenackensteaks. Ich liebe es. Es ist mein absoluter Favorit, was das englische Essen angeht. Aber da die Zubereitung so lange dauert, hat Mum es sich vorbehalten, dieses Gericht nur zu besonderen Anlässen zu machen. Geburtstage zum Beispiel. Und heute.

Ich schaufelte ordentlich in mich rein. Ich hatte einen solchen Hunger, dass ich es kaum noch aushielt. Ich hatte ja letzte Nacht nichts essen können, da ich diesen Fleischbatzen partout nicht anfassen wollte. Er war einfach nur widerlich gewesen.

Je näher der Abend rückte, desto näher rückte auch die nächtliche Untersuchung, die wir machen wollten. Ich ging extra früh in mein Zimmer. Auch weil ich müde war und mich noch etwas ausruhen wollte. Morgen würde die Schule weide beginnen. Das Wochenende war wie im Flug vergangen. Aus der jetzigen Sicht.

Ich packte meinen Ranzen für morgen und legte mich dann auf mein Bett und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Jos kam herein getrottet. Er legte sich neben mich und ich kuschelte etwas mit ihm. Es war schon dunkel geworden. Gut so, dass würden Mum und Dad nicht bemerkten, wenn wir im Garten nach den Fußabdrücken suchen würden.

Dir Himmel wurde immer schwärzer. Vereinzelt kreuzten Vögelschwärme meinen Blick

Tock! Tock!

Ich schaute erschrocken auf. Das mussten Dylan und Darwin sein. Ich lief zum Fenster und öffnete es. Kalte Luft strömte mir entgegen.

»Wollen wir?« Darwin stand neben Dylan. Er schien sich unbehaglich zu fühlen. Sie hatten sich unter das Fenster geduckt und schauten zu mir hinauf.

»Ich bin gleich unten«, flüsterte ich und verschwand wieder in das warme Zimmer. Ich zog mir Straßenschuhe an und lief auf leisen Sohlen die Treppe hinunter. Aus dem Wohnzimmer drangen die Geräusche des Fernsehers. Ich schlich mich daran vorbei und öffnete die Haustür. Den Schlüssel hatte ich einstecken. Ganz langsam schloss ich die Tür wieder hinter mir und trat in den Schein der Laterne vor unserem Haus. Das Küchenfenster, unter dem Dylan und Darwin zuvor noch gehockt hatten, reflektierte das Licht.

Wenn der Dieb hier durch mein Zimmer gelangt war, dann musste er es unter äußerster Vorsicht gemacht haben. Das Haus war zur Straße gerichtet. Rein theoretisch hätte ihn jemand sehen müssen.

Ich trat heraus und wand mich nach rechts. Dylan und Darwin warteten hinter der Hausecke. »Wir können es nicht hier von tun. Man würde uns sehen, auch wenn das Licht einfach nur erbärmlich ist«, flüsterte mir Dylan zu. »Aber hier sind auch Spuren. Siehst du?« Er deutete mit dem Finger auf das matschige Gras. Und er hatte recht. Überall waren Fußabdrücke zu sehen. Ich betrachtete sie eingehend, und kam mir mit einem mal total dämlich vor. Ich musste mir die Hand fest auf den Mund pressen. Was hatten wir hier eigentlich vor? Dachten wir ernsthaft, dass wir anhand des Schuhabdrucks den Einbrecher finden würden, der mir den Schlüssel geklaut hatte? Das war absurd! Es gab so viele Schuhe auf dieser Welt, und fast jeder trug das Selbe Paar, oder einen Schuh von der selben Marke.

»Was lachst du denn so?« Darwin war zu mir gekommen und schaute mich fragen an. Ach er flüsterte.

»Das ist doch absolut bescheuert was wir hier machen!«, antwortete ich ihm. Dylan hatte sich inzwischen herunter gebeugt und hielt ein merkwürdiges Gerät auf den Schuhabdruck. Es leuchtete blau auf und schien den Abdruck zu analysieren, denn der Abdruck erschien auf dem Display des Geräts. Der Abdruck war deutlich hervorgehoben und man konnte ihn nun genauer erkennen.

»Ich meine, was bringt das denn, diesen Abdruck anzusehen? Auf der ganzen Welt gibt es die gleichen Schuhe. Da werden wir bestimmt nicht denjenigen finden, den wir brauchen.«

Ich schaute Darwin genauer an. Deine Fesseln sahen etwas besser aus. Ich hoffte nur, dass er nicht den ganzen restlichen Tag umher gelaufen war. Denn dann würde es nie ganz heilen.

»Okay, ich habs!«, sagte Dylan und erhielt unsere volle Aufmerksamkeit. Beide liefen wir zu ihm und beugten und über das Display. Dylan drückte ein paar Knöpfe und es erschienen einige Daten.

»Die Person muss etwa über einhundert Kilogramm gewogen haben. Außerdem war sie ganz schön schnell. Das zeigt die Tiefe des Abdrucks. Seht ihr hier?« Er fuhr mit dem Finger auf die Stelle an der man es genauer erkennen konnte.

Ich nickte.

»Die Schuhmarke war Adidas. Es ist jedoch ein älteres Modell. Muss schon um die fünf Jahre als sein. Wahrscheinlich ist der Schuh schon abgegriffen.«

Ich schaute weiter auf das Gerät. Was war das und warm hatte ich das noch nie gesehen?

»Hat das auch dein Freund entwickelt?«, fragte ich.

»Du lernst dazu«, meinte Dylan.

Ich fand diese Bemerkung abschätzend und ignoriere sie einfach. Vielleicht sollte ich mich auch mal mit diesem Freund in Verbindung setzten. Er schien interessant zu sein. Vielleicht konnte er mir einen Spicker für die Schule entwickeln, den kein Lehrer jemals finden würde und mir auch sämtliches Lernen erleichtern würde. Damit würde so vieles einfacher werden. Während ich in meine Gedanken versank erhob sich Dylan und lief etwas weiter. Wieder bückte er sich und analysierte einen weiteren Abdruck.

»Es war eine zweite Person hier!«, rief Dylan leise zu uns herüber. Wieder folgten wir ihm und schauten auf das Gerät. »Er muss betrunken gewesen sein. Die Fußabdrücke verlaufen in einer Schlangenlinie. Hier«, er stand auf und lief den Abdrücken nach, »Sie verlaufen ungerade und weichen immer wieder denen der ersten Person ab.«

Etwas raschelte. Dann knackte ein Ast. Wir drehten uns um. »Sie sind hier!«, sagte Darwin und fing an zu knurren.

»Woher weiß er es?«, fragte Dylan. Ich brauchte nicht zu fragen, ich wusste es auch so.

»Er kann sie riechen!«

»Zigaretten und Alkohol!«

Wir hatten und alle drei in einem Halbkreis aufgestellt und spähten in die dunkle Nacht hinein.

»Kannst du etwas erkennen, Darwin?« Ich wusste das er unglaublich gute Augen hatte. Er konnte fast alles sehen, selbst wenn es stockfinster war. Und er konnte alles riechen. So weit der Wind es tragen konnte.

»Ich sehe nichts als die Dunkelheit. Es ist zu finster.« Enttäuscht lies ich die Schultern etwas sinken.

Wieder ertönte ein Knacken. Diesmal weiter links. Wir drehten uns um und schauten in den Garten hinein. Von dort, hinter dem Zaun, kam das Geräusch her. Dylan löste sich aus dem Kreis und lief in den Garten hinein. Er hielt sich geduckt, damit man ihn durch das Fenstern zum Wohnzimmer nicht erkennen konnte.

»Was machst du denn da?«, rief ich ihm nach. »Bleib hier. Was ist wenn sie dich schnappen?«

Dylan blieb stehen und drehte sich um. »Ich habe geschworen dich zu beschützen und dir zu helfen, und das werde ich wegen so etwas nicht brechen.« Dann drehte er sich wieder um und verschwand in der Dunkelheit. Nervös fing ich an an meinen Fingernägeln zu knappern.

»Der ist doch total verrückt«, stieß ich aus und lies mich wütend an der Hausmauer sinken. Warum hatte er nicht auf mich gehört? Ich grübelte nach. Dann konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Eigentlich war es toll gewesen was er da gesagt hatte. Er hatte geschworen mich zu beschützen. Aber vor wem und warum? Ich fuhr mir durch die Haare und seufzte.

»Setz dich zu mir«, forderte ich Darwin auf. Er stand immer noch vor mir und schaute in die Nacht hinein.

»Es stinkt. Er kommt wieder!« Darwins Stimme klang ernüchternd. Und er hatte recht. Dylan erschien wieder im gedämpften Licht, welches der Fernseher absonderte. Geduckt kam er auf uns zu. In seiner Hand hielt er eine Packung Zigaretten.

»Wozu brauchst du die den?«, fragte ich, als er nur noch wenige Meter von uns entfernt war.

»Die sind nicht meine, sondern die hab ich gefunden. Waren wohl von den Männern, die uns beobachtet haben. Ich hab auch noch eine Zigarette gefunden. Sieh hatte noch gebrannt. Wurde nur notdürftig ausgetreten.«

Also hatte Darin recht gehabt. Es war jemand hier und er hatte uns beobachtet. Mir wurde mit einem mal noch unheimlicher als zuvor. Ich hasste das Gefühl beobachtet zu werden. Dann fühlte ich mich immer so unbehaglich.

»Wir haben alles was wir brauchen. Wir können dich nicht weiter gefährden. Wir brechen das ab. Du gehst jetzt rein ins Haus. Morgen machen wir weiter. Darwin übernimmt die Nachtwache.«

Ich lächelte Darwin zu und strich ihm über das weiche Fell. Ich wahr froh ihn zu haben. Auch wenn er nicht fiel ausrichten konnte, stellte er sich den Dieben und er würde mich beschützen. Das wusste ich genau. Und allein das zählte.

In dieser Nacht schlief ich erst kurz vor Mitternacht ein. Ich sorgte mich die ganze Zeit über um Darwin. Wenn ihm etwas zustoßen wird! Ich könnte es mir nicht verzeihen. Doch als ich schlief, wurde ich in merkwürdige Träume verwickelt.

Der Mond war mein Begleiter und Beobachter. Doch nicht der einzige.

 

Kapitel 15: Englische Geheimsysteme

Am nächsten Morgen wurde ich von Mum geweckt. Sie fragte mich ob ich mich fähig fühlte in die Schule zu gehen. Ich würde gehen. Ich brauchte jemanden, dem ich das Wochenende in einer Geschichte verpackt erzählen konnte. Ich brauchte die Meinung meiner besten Freundin.
Ich brauchte Alice.

Also schälte ich mich aus meinem Bett heraus. Zog mir meine öde Schuluniform an und ging nach unten. Hayley saß schon am Tisch und schaufelte sich ihr Müsli unter Zeitdruck in den Mund. Ihre Fingernägel hatte sie letzten Abend in einem schönen dunklen Rot gefärbt, welches mir sofort in die Augen stach. Ich begrüßte sie und setzte mich neben Hayley. Dann lud ich mir den Teller bis zum Rand voll, denn ich hatte immer noch Hunger.

Als die Uhr halb anzeigte stand ich auf und ging mir die Zähne putzen. Während ich mit der Zahnbürste kräftig meine Zähne bearbeitete schaute ich mich an. Ein Mädchen mit grünen Augen und langen Haaren starrte mir entgegen. Es hatte Sorgenfalten auf der Stirn und einige hässliche Schrammen im Gesicht. Dann lachte mich das Mädchen an und verfiel wieder in ihren sorgenvollen Blick.

Ich spuckte den Schaum in meinem Mund aus und spülte mir den Mund aus. Dann kämmte ich meine Haare und lies sie lässig über die Schultern fallen, damit sie die Schrammen in meinem Gesicht etwas verdecken konnten.

Viele Mädchen, die glatte Haare hatten, wünschten sich immer lockige Haare. Und viele, deren Haare schön gelockt waren, wünschten sich glatte Haare. Ich gehörte nicht zu denen. Meine Haare wellten sich leicht und ich war vollkommen damit zufrieden. Sie waren genau so, wie ich sie haben wollte.

Ich verließ das Bad und schnappte mir meine Jacke. Dann schulterte ich meinen Ranzen auf und verschwand nach einem kurzen Abschied aus dem Haus. Ich lief die Ausfahrt hinunter und blieb dann stehen. Vor mir stand Dylan und grinste mich an. Er hatte die Hände lässig in seiner Hose vergraben und schaute auf mich herab.

»Was machst du denn hier?«, fragte ich ihn verblüfft.

»Ich bring dich zum Bus«, sagte er, als wäre es das natürlichste auf der Welt. Langsam lief er los. Als ich ihm nicht folgte drehte er sich wieder um. »Na los, sonst verpasst du ihn noch!«

Ich überlegte noch einen Moment, ob ich ihm wirklich folgen sollte, und lief dann los.

»Na geht doch!«

Wir liefen auf den Fußweg. Keine zehn Meter waren wir gekommen als ich die Stimme eines nur allzu bekannten Gesichts hörte.

»Maddie!«, rief Jesper Davenport.

Der hatte mir gerade noch gefehlt. Gerade wo ich mal ein paar Minuten mit Dylan allein sein könnte, und ihm unendlich viele Fragen stellen könnte, kommt Jesper.

Was hatte das Universum gegen mich?

»Maddie! Ich hab dich so lang nicht mehr gesehen!« Er kam aus dem Gartentor heraus, lief einfach an Dylan vorbei und umarmte mich. Ich verhielt mich wie ein Brett und tat nichts zu dieser Umarmung hinzu. Vielleicht konnte ich ihn so viel schneller wieder los werden.

»Hast du Lust«, begann er einen Satz zu bilden, als er mich widere los gelassen hatte; da er es nicht schaffte, fing er wieder von vorn an. »Also, was ich sagen wollte, war: Hast du Lust mal mit mir ins Kino zu gehen?« Seine Wangen waren gerötet.

Er tat mir in diesem Moment echt leid. Er gab sich so viel Mühe, doch im Grunde machte er sich nur zum Affen. Dylan konnte das dämliche grinsen, welches er aufgesetzt hatte, nur noch mit großer Anstrengung in Zaum halten. Warum hatte er das? Sah er nicht, dass Jesper sich Mühe gab?

»Wenn du möchtest kannst du auch den Film aussuchen.«

Ich warf Dylan wieder einen Blick zu. Er grinste immer noch so blöd. Jesper folgte meinen Blick und erkannte endlich, dass wir nicht allein waren. Sein Gesicht wurde noch röter, als es vorher schon war.

»Wer … wer ist das?«, stotterte Jesper.

»Ihr Freund!«, antwortete Dylan anstelle von mir. Ich wollte protestieren, doch er lies mir keine Gelegenheit dazu. »Ich würde mich freuen, wenn du uns beide mal ins Kino einlädst« Ein breites Lachen erschien wieder auf seinem Gesicht. »Aber verrat uns nicht vorher was komm. Na ja, wir müssen jetzt aber auch los. Sonst kommt Maddie zu spät zur Schule. Und das wollen wir ja nicht.«

Jesper nickte stumm. Immer noch total perplex von Dylans Erscheinen.

Als würde er sich von einem alten Bekannten verabschieden, schlug Dylan Jesper auf die Schulte. Dann legte er demonstrativ den Arm um meine Schulter und schob mich davon.

»Warum hast du das gemacht?«, zischte ich, als wir außer Hörweite waren.

»Ich hab dir den Arsch gerettet. Du hättest mal seine Gedanken hören sollen. Außerdem habe ich geschworen dich zu beschützen. Auch vor solchen Typen. Du kannst dir jederzeit Tipps holen.« Bei diesem letzten Satz musste selbst er lachen. Sein Arm ruhte immer noch auf meiner Schulter. Meine Haut prickelte da, wo er mich berührte.

»Hör auf das zu machen. Er hat mir doch gar nichts getan. Wehe du tust das noch einmal.
Lass seinen Kopf los, und nimm endlich deinen Arm von meiner Schulter.«

»Jesper schaut immer noch her«, sagte Dylan mit sanfter Stimme. Er hatte sich zu mir herunter gebeugt und die Worte in mein Ohr geflüstert.

»Das ist mir egal. Ich möchte nicht das er denkt, dass du mein Freund bist!«

Ganz langsam hob Dylan seinen Arm und schon ihn in seine Hosentasche. »Ich versteh einfach nicht, warum ich nicht in deinen Kopf rein komme«, wechselte Dylan das Thema. Ich atmete erleichtert aus und nahm das Angebot gern ab.

»Ist wohl einfach besser so, dass du da oben nichts zu suchen hast«, sagte ich.

Wir hatten das Ende der Straße erreicht und bogen nach rechts ab. Die wenigen Häuser die diese Straße besiedelten waren von älteren Menschen bewohnt. Mrs Miller kam gerade heraus und holte die Morgenzeitung aus dem Briefkasten. Ich grüßte sie und wünschte ihr einen angenehmen Tag. Dylan nickte ihr freundlich zu.

Als wir vorbeigelaufen waren, fasste Dylan das Thema wieder auf. »Ich weiß nicht, ob das so gut ist, dass ich deine Gedenken nicht lesen kann. Vielleicht wäre es manchmal besser, wenn ich es könnte; dann würdest du dich nicht immer in solche Schwierigkeiten bringen.«

»Du kennst mich doch gar nicht!«

»Vielleicht! Aber ich kenne das, was aus dir werden wird. Und wenn ich eins und eins zusammenrechne und mir noch überlege, dass du in einem Gefängnis in der Stadt der Füchse gesessen hast, dann würde ich doch wohl meinen können, dass du schnell in Schwierigkeiten gerätst.«

Denn ich genauer darüber nachdachte, hatte er vielleicht doch recht. »Möglich«, meinte ich. »Aber woher willst du kennen, was ich einmal werden werde? Wer ich in der Zukunft sein werde? Das weiß ich ja noch nicht einmal.«

»Du weißt es nicht, und ich weiß es auch nicht hundert-prozentig. Aber die Prophezeiung weiß es. Und wenn sie es weiß, dass wissen es viele. Du kannst dich nicht dagegen beugen.«

Was für eine Prophezeiung? Er hatte schon mal davon gesprochen. »Was ist das für eine Prophezeiung und was steht darin?«, fragte ich. Ich platzte gleich vor Neugierde. Er redete immer wieder davon und dennoch sagte er nichts.

»Ich werde sie dir erzählen. Doch nicht mitten auf der Straße, wo sie jeder hören kann. Vielleicht bekommt sie jemand zu hören, für den sie nicht bestimmt ist und würde missbraucht werden. Wir können uns das nicht erlauben.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Prophezeiung missbraucht werden konnte. Aber ich sah es ein, dass es auf einer Straße nicht unbedingt angebracht wäre, so etwas zu sagen.

Wir liefen um eine weitere Hausecke und kamen auf den Markt. An der Bushaltestelle hatten sich schon einige kleine Kinder versammelt die wild umher turnten. Hayley war noch nicht da; sie würde bestimmt gleich kommen. Wir gesellten uns dazu und warteten auf den Bus. Als die alte Klapperkiste endlich kam, musste Dylan lachen. Ich konnte ihm leider nur recht geben. Dieses alte Ding, welches uns jeden Tag zur Schule brachte, war schon längst reif für die Schrotthalte.

Der Bus hielt und die kleinen Kinder rannten zur Tür. Jeder wollte noch einen der wenig freien Plätze ergattern. Ich konnte froh sein, dass ich Alice hatte, die mir jeden Morgen einen Platz frei hielt. Wenn sie nicht wäre, müsste ich immer stehen und würde herumgeschleudert werden, wie eine Kugel.

»Bringst du mich jetzt auch noch bis ins Klassenzimmer?«, fragte ich Dylan. Insgeheim hoffte ich es, doch er enttäuschte mich.

»Deine Freundin wird dich schon beschützen«, mit dem Kopf nickte er in Richtung des Busses. Ich drehte mich herum und schaute direkt in das Gesicht von Alice. Sie strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Ich drehte mich wieder zu Dylan um. Sein Gesicht hatte sich etwas angestrengt. »Hör auf ihre Gedanken zu lesen!« Ich boxte ihn in die Seite damit er aufhörte. Sofort wand er den Blick wieder auf mich.

»Ist wohl auch besser so. Ich möchte immerhin nicht weiter als süß bezeichnet werden.«

Als er das sagte, musste ich lachen. Natürlich musste Alice ihn als süß bezeichnen.
Immerhin war er nicht von schlechten Eltern.

»Ich hol dich heute Nachmittag wieder ab«, sagte Dylan schenkte mir ein strahlendes Lächeln und forderte mich auf in den Bus zu steigen.

Langsam drehte ich mich um und betrat den vollen Bus. Als ich den Gang, der voller kleiner Kinder war, entlang lief, lies ich meinen Blick nicht von Dylan gleiten. Ich wusste das Alice einen Platz gleich neben dem Ausgang reserviert hatte. Als ich bei ihr angekommen war, konnte ich endlich meinen Blick von Dylan reißen und setzte mich neben Alice.

»Was ist das denn für ein Hübscher?«, fragte sie sofort ohne großes drum herum. Ein lachen hatte sich auf ihrem Gesicht ausgebreitet und ich wusste genau was sie jetzt dachte. Das gleiche, was auch Jesper nun von mir hielt.

»Sag, wie lang geht das schon?« Das Grinsen war gar nicht mehr aus ihrem Gesicht zu bekommen. »Ich bin deine beste Freundin, ich muss über so etwas beschied wissen!«
Sie versuchte einen Schmollmund zu machen, doch es gelang ihr nicht.

Ich musste lachen. Ich konnte mich glücklich schätzen sie zu haben.

Nachdem ich ihr ihr alles, was ich wusste und was ich ihr sagen konnte, erzählt hatte, machte ich mich daran, die restliche Zeit zu nutzen, die wir noch zur Schule brauchten, um ihr von meinem Wochenende zu erzählen. Ich sagte ihr wieder, dass es ein Teil meiner Geschichte war, und das ich ihre Meinung dazu brauchte.

Alice war hellauf begeistert. Sie liebte dieses Kapitel. Am besten fand sie den Teil, als der Mann uns gerettet hatte. Sie wollte mehr über diese Figur wissen und auch wie es in der Stadt der Füchse ausgesehen hatte.

Ich hatte sie mit allen nötigen Informationen versorgt, bevor der Bus anhielt und wir aussteigen mussten

Der restliche Tag war wie jeder andere Schultag auch. Ich wurde von Mr Adams gepeinigt.
Denn wir bekamen endlich unsere Hausaufgabe zurück, welche ich ja bei ihm nachschreiben musste. Er hatte bis jetzt gebraucht um sie zu korrigieren. Bestimmt war er nur zu faul gewesen sie gleich fertig zu machen. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie er auf seiner Couch gesessen hatte, den Fernseher laufend und Chips in sich hineinstopfend. Neben ihm lagen die Arbeiten, doch er hatte einfach keine Lust sich zu strecken und nach ihnen zu greifen. Geschweige denn einen Stift zu erfassen und seine wurstigen Finger über das Papier gleiten zu lassen.

Als er mir meine Arbeit auf den Tisch klatschte, sah ich eine verschmierte zwei auf dem Papier. Ich konnte mein hämisches Lachen nicht unterdrücken und grinste in das fettes Gesicht von Mr Adams. Mit trampelnden Schritten lief er das Klassenzimmer nach vorn durch und führte seinen Unterricht. Er nahm mich die ganze Stunde immer und immer wieder dran, doch er erwischte mich nie, wenn ich etwas nicht wusste.

Biologie war die einzige Stunde, in der ich mich wirklich auf den Unterricht konzentrierte, da ich es auch wirklich musste. In den anderen Unterrichtsstunden hingen meine Gedanken ganz woanders. Wie die Prophezeiung wohl lauten würde? Immer wieder schweiften meine Gedanken zu diesem Thema, und zu Dylan. Wer war er wirklich und warum war er zu mir gekommen und half uns nun bei dieser Bestimmung, der ich folgen sollte. So hatte er es zumindest ausgedrückt. Dass ich ihr nicht entkommen könnte, egal was passierte.

Als das Schulklingeln ertönte, rutschte ich von meiner Hand ab. Ich hatte mich darauf abgestützt und auf die Uhr gestarrt, doch die Zeiger wollten einfach nicht schnell genug voran schreiten.
Ich packte meine Sachen, so schnell ich konnte, in meinen Ranzen und stürmte aus dem Zimmer. Alice folgte mir.

»Wo willst du denn so schnell hin?«, fragte sie mich.

»Ich hab jetzt noch was dringendes vor.«

»Du hast in letzter Zeit ziemlich viel vor«, sagte Alice.

»Ich -« Oh Mann. Sie hatte verdammt nochmal recht. Sie zwei Wochen Hausarrest waren die einzige Zeit gewesen in der ich mich wieder richtig mit ihr verabredet hatte. Diese zeit fehlte mir. »Hast du Lust, morgen mit mir in die Stadt zu fahren? Wir könnten mal wieder shoppen gehen.«

Als wäre nichts gewesen kam sie auf mich zu und umarmte mich. »Okay. Ich brauch sowieso einen neuen Pullover.«

»Du bist die Beste. Weißt du das?«

Alice lies mich los und schaute mich an. »Ich weiß!«, sagte sie mit einem lachen und gemeinsam liefen wir zum Bus.

Als ich endlich mit Essen und Hausaufgaben fertig war, rannte nach draußen wo Dylan schon auf mich wartete. Darwin war immer noch im Bau und sollte sich ausruhen. Ich glaubte nicht, dass ihm das gefiel.

»Gibt es etwas neues?«, fragte ich, als ich das Tor hinter mir schloss.

»Wegen der Fußabdrücke?«, fragte Dylan.

Ich nickte.

»Ich hab noch ein bisschen recherchiert. In England wurden diese Schuhe über zwei Millionen Mal verkauft. Das grenzt die Sache noch weiter ein.«

Ich fand nichts an, was die Sache eingrenzen sollte.

»Einer der Diebe muss also einer von zwei Millionen sein; er muss über einhundert Kilogramm wiegen, und er muss sportlich sein. Glaub mir, da gibt es nicht viele.«

»Ja, aber wie sollen wir diese Person finden?«

»Jeder, in ganz Großbritannien, ist in einem System eingetragen, welches der Geheimdienst besitzt. Es gib so ein System natürlich auch bei anderen Regierungsorganisationen, doch beim Geheimdienst kommt man am einfachsten ran. Wenn wir uns dort rein hacken, können wir diese Menschen nach gewissen Kriterien sortieren. Damit hätten wir dann ungefähr hundert Personen, die darauf zutreffen könnten.«

Ich musste erst einmal darüber nachdenken, was Dylan da gesagt hatte. Das klang alles so total absurd.

Wir liefen über das Feld neben unserem Haus und betraten dann den Wald. Die Luft hier war fiel gesünder. Ich konnte es riechen. Es roch nach feuchtem Holz und nassem Gras. Ein wunderbarer Geruch. Der Wind wehte mir um die Ohren und ich fuhr mit den Fingern über die Rinde der Bäume.

»Was machst du da?«, fragte Dylan verwundert.

»Ich genieße meine Freiheit«, sagte ich während ich die Augen schloss, und ein paar Meter blind lief.

»Und ich wette, dass du dich jetzt in dieses System rein hacken willst, und wir finden diese hundert Leute«, lenkte ich das Thema wieder auf die eigentliche Spur.

Dylan nickte. »Genau, dann haben wir erst einmal ein paar Informationen. Danach müssen wir dann nur noch warten, bis sie dich holen kommen. Ich glaube nicht das das noch allzu lange dauern wird. Nach dem, was gestern passiert war.«

»Aber was bringt es, dass wir so ein hohes Risiko eingehen und uns beim Geheimdienst einhacken, nur um ein paar lächerliche Informationen heraus zu finden, die wir im Grunde eh nicht brauchen?«

Dylans Gesicht spannte sich an. Er kratzte sich am Kopf und wand sich dann wieder mir zu. »Alles was wir bekommen können, müssen wir bekommen. Okay? Es ist egal was es für Informationen sind. Denn wir sie haben, können sie uns weiter bringen«, meinte er ernst.

Wer war das?

Betrübt wand ich mich dem Waldboden zu. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass ich heute etwas über die Prophezeiung erfahren würde. Auch sonst hatte ich eher das Gefühl, dass wir uns im Kreis drehten. Wir würden so nicht weiter kommen. Lief denn alles nur darauf heraus, dass ich mich kidnappen lasse?

Als wir an Darwins Bau angekommen waren, stand Darwin schon draußen und wartete auf und. »Hallo Maddie!«, rief er mir schon von weitem zu. Ich rannte ihm entgegen und nahm ihn in den Arm. Gemeinsam krochen wir durch den schmalen Gang in die Eingangshalle. Dylan folgte uns.

Als wir alle in der Eingangshalle standen, mustere Darwin Dylan noch einmal verabscheuend und verschwand in Richtung Bibliothek. Ich zuckte mit den Schultern und folgte ihm.

Wir liessen uns alle drei in die weichen Sessel vor dem Kamin in der Bibliothek fallen.
Ich konnte immer noch nicht fassen, wie man so viele Bücher auf einmal haben konnte.

Ich erkundigte mich nach Darwins Wunden. Es schien ihm gut zu gehen, doch er hinkte noch ein wenig.

Dylan griff neben sich und holte einen großen Rucksack hervor. Ich konnte mich nicht erinnern, dass erinnern Rucksack bei sich getragen hatte, als er uns rettete. Er nahm ihn zwischen die Beine und holte einen Laptop heraus. Er klappte ihn auf und fuhr ihn hoch.

»Kommt her«, forderte er Darwin und mich auf. Wir liesen uns beide neben ihm nieder.
Ich setzte mich auf die eine Lehne des großen Sessels, Darwin auf die andere.

»Finden die denn nicht heraus, das du in ihrem System bist?«, fragte ich besorgt. Was wäre wenn sie uns finden würden! Meine Eltern würden mir den Hals umdrehen., wenn der Geheimdienst auf einmal an unserer Tür klingeln würde.

»Ach was. Für die sieht das so aus, als wäre gerade einer ihrer Mitarbeiter im System.
Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.«

Als der Laptop hoch gefahren war startete Dylan ein Programm, welches sich bei einem leichten drüberfahren mit der Maus öffnete. Es erschien ein schwarzer Hintergrund, und dann ein Seitenfenster. Dort standen verschiedene Kriterien, bei denen man sich einhacken konnte.

Ich wollte auch solch einen Freund haben, der do etwas entwickelte. Man konnte sich viel ärger holen, doch auch vieles erleichtern.

Dylan drückte auf Buttons, gab Wörter ein und drückte wieder auf verschiedene Schaltflächen. Irgendwann verstand ich rein gar nichts mehr. Ich folgte nur noch seinen flinken Fingern, die sich geschwind über die Tastatur bewegten.

»So, dass wäre erstmal geschafft«, verkündete er freudig, als sich das Verzeichnis aller Menschen aus ganz England öffnete. Ich saß mit offenem Mund da.

»Das ist so unfair. Ich will auch so etwas können.«

»Ich wurde darauf vorbereitet. Seid ich ein Baby bin. Da würdest du ganz schön was zum nachholen haben.«

»Ist mir egal«, protestierte ich.

Darwin räusperte sich und deutete mit seiner Pfote auf den Bildschirm. »Oh ja, entschuldige bitte, Darwin.«

Dylan zog die Maus auf eine Fläche, in die man die verschiedenen Kriterien eingeben konnte, nach denen wir suchten. Er gab ein:

 

Mann

< 100 Kg

sportlich

Schuh: Adidas Originals ZX 500

 

Als er alles ausgefüllt hatte, drückte er auf Enter und eine Zeitspanne trat auf bis wann alles gefunden werden würde.

»Woher weiß der Geheimdienst so etwas?«, fragte ich. Kein Mensch wusste doch was jemand für Schuhe trug, oder wie viel er wog.

»Die haben ihre Augen überall«, meinte Dylan. Man beobachtete mich also auch so? Nicht nur Dylan tat das?

Als alles fertig geladen war wurde uns eine List von Männern angezeigt, die in Frage kommen könnte. Dylan drückte auf Drucken und auf einmal kamen frisch gedruckte Blätter mit den möglichen Tatverdächtigen auf dem Laptop heraus. An der Seite kam Stück für Stück ein Blatt Papier nach dem anderen heraus.

In meinem gesicht standen nur noch Fragezeichen. Ich wette das das Dylans Freund entwickelt hatte.

Als die Blätter alle ausgedruckt waren sammelten wir sie ein und legten sie vor uns hin. Natürlich nicht in die Nähe des Feuers. Zu jeder Beschreibung war auch ein Bild der jeweiligen Person. Die Kriterien, nach denen wir gesucht hatten, waren in Rot markiert.

»Erkennst du einen der Männer?«, sagte Dylan, als wir alle Männer mindestens einmal betrachtet hatten.

»Nein«, stieß ich hervor. »Ich kenne nicht einen der hier abgebildeten. Ich habe sie noch nie gesehen.« Ich fand immer noch, dass diese ganze Sache ins Nichts führte. Hier würden wir nichts finden.

»Bist du dir sicher? Schau lieber noch einmal nach«, asgte Darwin. Er stand am Rand der ganzen Zettel und schaute mich mit sorgsamen Gesicht an. »Vielleicht hast du etwas übersehen?«

Ich schaute noch einmal alle Blätter durch. Als ich fast am Ende angekommen war stockte ich. Das war doch …

»Ich kenne diesen Mann«, rief ich aus. Sofort waren Darwin und Dylan zu mir geeilt. »Das ist Mr White. Er wohnt bei uns im Dorf. Ich kann ihn nicht ausstehen und umgekehrt ist es nicht anders.« Wenn ich jetzt so darüber nachdachte konnte Mr White genau in unser Beuteschema passen. Er war dick. Sein Bierfass trug er immer voller stolz und in engen T-Shirt durch die Gegend. Zur teuren Jeans trug er ausgelatschte Turnschuhe, welche sein mehr oder weniger seriöses Aussehen sofort wieder zunichte machten. Außerdem hatte ich ihn schon ein paar Mal joggen gesehen. Gebracht hatte ihm das allerdings wenig.

»Das könnte er vielleicht sein!«, meinte Dylan nachdenklich. Intensiv musterte er das Papier. Dann nahm er es in die Hand und las es sich genau durch. »Nicht verheiratet. Keine Kinder.
Er ist Elektriker bei einer kleinen Firma in der nächsten Stadt. White wurde noch nie angezeigt wegen irgendwas. Auch sonst sieht es so aus als wäre er ein unbeschriebenes Blatt. Er sieht absolut langweilig aus.«

Was hatte man auch von jemandem wie Mr White zu erwarten. Er war griesgrämig und einsam. Seine Lieblingsbeschäftigung war es kleine Kinder zu tyrannisieren.

»Er ist ein Arschloch«, sagte ich gerade heraus. »Ich kann ihn von vorn bis hinten nicht ausstehen. Für mich hätte er allen Grund mich zu bestehlen. Aber ich wüsste nicht, was er mit einem solchen Schlüssel anstellen sollte.«

»Vielleicht weiß er mehr als wir?«, schlug Darwin vor.

»Wir wissen im Grunde gar nichts über den Schlüssel.« Jetzt kam wieder alles in mir hoch.
Ich spürte wie die Wut in mir kochte und ich sie kaum noch zurück halten konnte. »Wir haben verdammt nochmal nicht die leiseste Ahnung von dem Schlüssel! Wir suchen nach allem und doch nach nichts. Ich hab langsam die Schnauze voll, im Dunklen zu tappen.« Mit meinen Händen unterstützte ich meine Wut. Ich schlug hart auf die Sessellehne, die neben mir war.

Dylan lies das Blatt sinken, welches er immer noch in den Händen hielt.

»Ich werde es dir erzählen«, sagte er voller Gelassenheit. »Ich erzähle euch alles, wenn ihr nur die richtigen fragen stellt.«

Ich versuchte weiterhin einen wütenden Gesichtsausdruck zu machen, doch es gelang mir nicht mehr so gut. Ich war einfach viel zu schnell zu besänftigen.

»Komm Darwin!«, sagte ich und streifte das weiche Fell meines Freundes.

Kapitel 16: Die Wahrheit

Wir setzten uns vor das Feuer in die Sessel und lauschten Dylans Worten. Ich war ganz hibbelig. Endlich würde ich erfahren was wirklich Sache war. Aber würde ich es auch wirklich hören wollen. Was war wenn es etwas schreckliches war? Was, wenn es mich in Angst und Schrecken versetzen würde?

Nein, ich war stark geworden. Ich war in den letzten Wochen mehr gewachsen, als in einem ganzen Jahr. Ich hatte neu Kraft getankt. Ich war in mir selbst stark geworden. Ich war vorangekommen, nicht eingeschrumpft.

Ich wollte hören, um was es hier wirklich ging!

»Also gut, stellt mir eure Fragen und ich werde sie so gut ich kann beantworten!«, sagte Dylan immer noch in diesem ruhigen Ton. Als wäre er auf alles gefasst.

Ich atmete tief durch und stelle dann die Frage die mich am meisten interessierte.
»Was hat es mit dieser Prophezeiung auf sich? Ständig redest du davon.«

Dylan setzte sich gerade in seinen Sessel hin. Er wirkte etwas angespannt, doch ich wusste nicht warum. War die Prophezeiung so schlimm? Ich runzelte die Stirn und schaute auf seine Lippen; darauf, dass sie sich endlich bewegen mögen.

»Es ist nicht nur irgendeine Prophezeiung, Maddie.« Dylan sah mir tief in die Augen. Als wollte er mich durchbohren. Als wollte er wieder in meinen Kopf eindringen und versuchen meine Gedanken zu lesen. »Es ist deine Prophezeiung. Und sie allein entscheidet was geschehen wird. Sie kennt die Zukunft. Das ist deine Bestimmung, der du nicht entkommen kannst.«

Ich zog meine Beine bis zum Kinn an. Meine Finger zitterten, weswegen ich sie so fest wie nur möglich in meine Beine krallte.

Und dann sagte Dylan was in der Prophezeiung stand. Was in meiner Prophezeiung stand.
In meiner Bestimmung:

 

Wenn Lumenias dunkelste Stunde schlägt

Der Zeiger sich auf die Zwölf zudreht

Dann wird erblicken ein Kind die Welt

Welches eure Hoffnungen erhellt

Denn Lumenia wird erstehen

Aus Staub und Asche hervorgehen

 

Ein Kind mit zwei Gaben beschenkt

Voller Tapferkeit gedrängt

Mit Freunden gesandt

Und nimmer verbannt

Wird bekriegen

Und siegen

Wird gefeiert werden

Zum Schluss des Königs Krone erben

Zerstört das dunkle Werk

Stößt den Lord vom höchsten Berg

Denn Lord Blackwood wird zugrunde gehen

Man wird ihn nimmer wieder sehen

 

Ich konnte erst einmal nichts mehr sagen. Die Gedanken wirbelten nur so in meinem Kopf herum. Immer wenn ich dachte, dass ich es jetzt verstehen würde, kam ein Sturm und riss die Teile die ich gebildet hatte wieder auseinander.

Die Worte hatten sich in meinen Kopf gefressen. Leise sagte ich immer wieder die Laute die ich gerade gehört hatte. Ich würde Krieg führen! Ich würde siegen! Ich … ich – was hatte ich mir nur dabei gedacht? Warum wollte ich unbedingt diese Prophezeiung hören? Wieso wollte ich?

Neugierde!

Immer und immer wieder stand sie mir im Weg.

Es wurde gesagt, dass ich eine Krone erben würde? Welche Krone und warum ich? Konnte es sich hier nicht um eine riesige Verwechslung handeln? Mein Kopf brummte und ich konnte nun gar nichts mehr denken. Es herrschte nur noch eine große unerträgliche Stille.

»Was hast du mir ihr gemacht?«, schrie Darwin und unterbrach damit die Stille. Dylan konnte ihn natürlich nicht verstehen, also schaute er mich verständnislos an.

»WAS HAST DU IHR GESAGT?«, schrie Darwin nun lauter, als keiner von uns antwortete.
Er kam wieder auf Dylan zu und knurrte.

»Mach was«, forderte mich Dylan in Gedanken auf.

Langsam wand ich meinen Blick, der die ganze Zeit über auf dem Feuer gelegen hatte, Dylan zu. »Hör auf, Darwin!«, sagte ich matt. Meine Zunge fühlte sich schwer an. »Er hat nichts gemacht. Nur – die Wahrheit!«

Und was konnte manchmal schlimmer sein als die Wahrheit?

»Was hat er gesagt?«, fragte mich Darwin sanft. Er kam auf mich zu und sprang auf die Sessellehne. Vorsichtig und leise wiederholte ich den genauen Wortlaut, der immer noch in meinem Kopf brannte.

Darwin schaute ein paar Sekunden stumm auf den Boden. Dann fing er sich wieder.
»Ist er sicher, dass es sich hierbei um dich handelt?« Seine Stimme zitterte ein wenig.

Ich leitete diese Frage an Dylan weiter. Auch mir hatte sich diese Frage gestellt.
Gespannt wartete ich auf Dylans Antwort.

»Wann hast du Geburtstag?«, fragte Dylan und sein Gesicht war wieder angespannt.

»Am dritten November«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

»Dann gibt es keinen Zweifel daran, dass du die Auserwählte bis. Es wurde überliefert, dass der oder die Auserwählte am dritten November geboren werden würde. Außerdem hast du den Schlüssel bekommen. Und das auch noch von einem Greif. Greife irren sich nie. Sie wissen alles und das zur rechten Zeit. Es ist unmöglich, dass hier eine Verwechslung vorliegt.«

Ich sackte in mich hinein. »Bist du sicher?«, fragte ich Dylan noch einmal. Vielleicht hatte er sich einfach nur geirrt. Es konnte nicht sein, dass es sich hierbei um etwas so großes handelt!
Ich hatte gedacht, dass es sich um einen Schatz handelte, den wir finden müssen und der mir alles bisher passierte geschenkt hatte. Konnte es etwas so großes sein?

Kriege?

Königskronen?

Dem war ich auf keinen Fall gewachsen. Ich ärgerte mich über meine vorherigen Gedanken. Hatte ich nicht gesagt, dass ich gewachsen war? Das ich an Stärke zugenommen hatte? Das hatte ich, doch nun fühlte ich mich wieder schwach wie eine in die Ecke zurückgedrängte Maus.
Die in keine Richtung entwischen konnte, weil die Wahrheit vor dem sicheren Tod genau vor ihr stand.

»Wie soll ich das anstellen?«, fragte ich nach einer Weile mit zittriger Stimme.

»Ich weiß nicht. Ich kann dir nur auf dem Weg dahin beistehen. So wie es gesagt wurde.
Doch nur du allein weißt, wie der Schlüssel funktioniert. Und auch nur du kannst ihn benutzen. Aus diesem Grund werden auch die Diebe wieder kommen, denn allein werden sie zu nichts kommen.« Dylans Stimme war ruhig und gewissenhaft.

Ich war vollkommen durcheinander. Ich wusste gar nichts mehr. In meinem Kopf versuchten alle Gedanken auf einmal zu einer großen Sammelstelle zu gelangen, doch unterwegs verstopften sie alle Gänge und so kam nichts an. Ich fühlte mich leer.

»Woher … woher soll ich denn wissen, wie der Schlüssel funktioniert? Ich habe doch keine Ahnung? Wie kommt jemand nur auf so eine absurde Idee, ich könne das alles wissen?«
Mein Kopf qualmte förmlich. Ich war total durcheinander. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen?

»Ich weiß nicht wie er funktioniert. Das wurde in den alten Schriften nicht überliefert.«
Dylan richtete sich gerade in seinem Sessel auf. Seine Hände waren ineinander verschlungen und er bewegte sie angestrengt hin und her. »Du musst es allein wissen. Nur du kannst ihn steuern.«

»Aber wie?«, rief ich verzweifelt aus und warf meine Hände in die Höhe. »Ich hab doch keine Ahnung!«

Dylan löste eine Hand aus seinem Geflecht und rief sich damit am Kopf. Seine Stirn hatte sich in Falten gelegt. »Hat der Schlüssel noch nie etwas gemacht? Etwas unerwartetes? Ich weiß auch nicht. Irgendetwas, was normale Schlüssel nicht machen?«

Dieser Schlüssel war alles andere als normal gewesen. »Ja«, rief ich aus und Darwin zuckte unwillkürlich zusammen. »Weißt du noch?« Ich wand mich an Darwin. »Als wir die Bibliothek in der Bibliothek gefunden hatten? Damals hatte der Schlüssel gezuckt. Es hatte sich angefühlt als würde ein Herz schlagen. Ich konnte es zwar nicht sehen, aber ich habe es gespürt.«

»Genau!«, wand nun auch Darwin ein. »Er war umhergeflogen und hatte uns den richtigen Weg gezeigt. Wegen ihm haben wir die Bibliothek überhaupt erst gefunden. Er konnte fliegen.
Das muss es gewesen sein.«

Ich übersetzte schnell für Dylan.

»Das muss es gewesen sein! Was hast du gemacht, damit er das tut? Durch die Luft fliegen, meine ich.«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte keine Ahnung was ich damals gemacht hatte. Ich hatte nur angestrengt -

»Ich hab nachgedacht!«

Beide starrten mich verständnislos an. »Ich habe mir gewünscht, das wir etwas finden. Wir waren total verzweifelt; wussten nicht wo wir anfangen sollten zu suchen. Und als wir dann den Raum der tausend Bücher gefunden hatten, da haben wir dann nach weiten Hinweisen gesucht, und ich hab daran gedacht, dass wir doch endlich mal etwas finden mögen, und da hat uns der Schlüssel zu den Buch über den Greif von Graham Camberlein geführt.«

Dylan griff in seinen Rucksack und holte ein Notizbuch heraus. Mit schneller fließender Schrift schrieb er etwas auf.

»Was schreibst du da?«, fragte ich.

»Ich muss mir das notieren. Vielleicht brauchen wir das. Wir müssen sowieso alles aufschreiben, was wir heraus finden.«

Aufmerksam musterte ich ihn. Es war ganz still; nur das Kratzen des Stiftes über das Papier war zu hören.

»Gut!«, sagte Dylan, nachdem er seine Notiz zu ende geschrieben hatte, »das ist es also.
Wenn wir durch das Tor müssen, dann musst du den Schlüssel so einsetzen. Hast du verstanden?«

Ich nickte. »Durch welches Tor müssen wir gehen?« Es machte mich wahnsinnig wenn ich so vieles nicht wusste, und dennoch fürchtete ich mich nun vor der Wahrheit.

»Das Tor nach Lumenia.« Dylan erhob sich von seinem Sessel und lief angestrengt von links nach rechts. Wieder von rechts nach links; und immer so weiter. Ich konnte es nicht leiden, wenn er das tat. Es machte mich nervös.

»Um nach Lumenia kommen zu können, müssen wir durch ein Tor. Der Schlüssel ist für dieses Tor gedacht. Nur so kann man hinein oder hinaus gelangen. Einen anderen Weg gibt es nicht.«

Ein Murren ertönte von Darwin. »Frag ihn, warum wir dieses Lumenia nirgends finden können. Ich kenne dieses Land nicht. Dafür muss es einen Grund geben.«

Ich reichte die Frage weiter.

Ein kleines Lächeln erschien auf Dylans Gesicht, was ein weiteres Murren von Darwin herauf beschwor. »Lumenia ist schon vor vielen Jahrtausenden von der Landkarte verschwunden. Deshalb weiß heute keiner mehr davon, und auch deswegen sind keine Unterlagen darüber vorhanden. Man hat sie vernichtet.

Lumenia war einst ein sehr großes und mächtiges Land. Man kann es mit dem heutigen Australien vergleichen – zumindest was sie Größe des Landes angeht.« Dylan unterbrach sich kurz. »Habt ihr hier vielleicht eine Landkarte? Dann kann ich es euch besser erklären.«

Mit der Hand deutete ich auf eine an der Wand hängende Karte. Sie war alt und schon ein wenig ausgefranst. Die Karte hing direkt neben der Feuerstelle. Sie war ziemliche groß. Größer als Dylan. Gemeinsam gingen wir darauf zu. Dylan nahm sich einen dünnen Holzscheit, welche neben der Feuerstelle aufgestapelt waren.

»Etwa hier lag Lumenia.« Mit dem Holzscheit deutete er auf das Meer. »Lumenia lag direkt zwischen Mittelamerika und Afrika. Heute würde man es wohl als achten Kontinent zählen, wenn man berücksichtigt, dass hierbei die Antarktis auch als Kontinent gezählt wird.«

»Streber!«, zischte Darwin. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Ab und zu war es doch lustig, wenn sie sich nicht leiden konnten.

Dylan ignorierte Darwin, und fuhr fort. »Lumenia machte viel Handel mit den anderen Ländern. Doch sie betrieben auch Piraterie. Wenn sie das nicht bekamen, was sie wollten, schickten sie ihre Piraten los und holten es sich. Dadurch begann der Abstieg für Lumenia, wenn man es so sagen möchte. Es wurde immer schlimmer und jeder fürchtete sich vor den Piraten. Jetzt war Lumenia das gefürchtetste Land auf der Erde. Keiner wollte mehr mit ihnen Handeln und die Lumenianer machten es einem auch nicht leicht zu verhandeln.

Auch wurden immer mehr Länder ausgeraubt. Als es zu solch schlimmen Ausmaßen kam, dass viele Menschen ihr Leben lassen mussten, entschied sich das Ministerium für magische Länder dazu, Lumenia von der Landkarte verschwinden zu lassen. Lumenia war zu einer Gefahr für die Menschheit geworden. So begründete das Ministerium seine Entscheidung.«

Als Dylan eine kurze Pause machte, ergriff ich das Wort. »Es gibt ein Ministerium für magische Länder?« Ich hatte noch nie davon gehört.

»Natürlich gibt es das. Sie bewachen all die Länder, in denen Magie herrscht. Und glaub mir, da gibt es so einige. England zählt auch zu ihnen. Kennst du Harry Potter?«

Ich nickte. War doch klar. Jeder kannte Harry Potter. Diese Bücher gehörte in jeden Bücherschrank eines Kindes.

»Das ist alles wahr. Alles was in diesen Büchern steht. Das Ministerium für magische Länder sorgt dafür, dass niemand davon erfährt. Nur wurde es in diesem Fall doch der Menschheit gesagt, aber in eine Geschichte verpackt.«

Meine Augen wurden groß. Ich hatte sieben Bücher lang nur die Wahrheit gelesen? Das war unglaublich, oder wollte Dylan mich auf den Arm nehmen. »Ist das wahr?«, fragte ich, nun mit einigen Zweifeln.

»Natürlich. Hier geht es um weit mehr als du dir vorstellen kannst. Ich würde mir nicht erlauben, dir eine Lüge aufzutischen.«

»Könnte ich vielleicht auch mal erfahren, was ihr hier beide immer besprecht?« Darwin meldete sich zu Wort und klang nicht gerade amüsiert. Ich konnte mir vorstellen, dass es scheußlich ist, wenn man nichts versteht und immer weiter gesprochen wurde.

So schnell ich konnte, wiederholte ich alles, was ich bis jetzt erfahren hatte. In dieser zeit setzte sich Dylan auf einen der Sessel am Feuer. Während ich Darwin noch alles erzählte, stand Dylan auf und legte Holz nach. Es war düster in der Bibliothek geworden, da der Schein des Lichts nicht mehr so groß gewesen war, wie bisher.

»Frag ihn endlich woher er das alles weiß«, sagte Darwin, nachdem ich meinen Bericht beendet hatte. »Woher willst du wissen, dass er uns hier keine Lügen auftischt?«

Ich schüttelte so sehr den Kopf, dass meine Haare wild umher flogen. »Jetzt noch nicht. Ich will erst alles hören«, flüstere ich Darwin zu.

Darwin schaute mich bittend an. »Was ist, wenn er von den Dieben kommt? Wenn er uns nur hinhalten will, bis seine Freunde kommen und uns mitnehmen? Du weiß doch rein gar nichts über ihn!«

Darwins Sorgen waren berechtigt. Wir hatten keine Ahnung wer dieser Typ war. Nur seinen Namen kannten wir, doch woher hatten wir die Gewissheit, dass er auch stimmte? Dennoch hatte ich nicht vor, jetzt nach all dem zu Fragen, und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er einer der Diebe war und uns nur hinhalten wollte. Dazu war seine Reaktion zu echt, als ich ihm sagte, dass er Schlüssel verschwunden war.

Dylan hatte uns die ganze Zeit über zugeschaut, als wir miteinander gesprochen hatten.
Ich fühlte mich auf einmal ertappt. »Möchtet ihr noch mehr hören?«, fragte er.

Ich nickte. Darwin tat es mir nach einigem Zögern nach.

»Okay. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, beim Ministerium für magische Länder.
Das Ministerium wollte Lumenia verschwinden lassen. So das niemand mehr davon weiß.
Dafür brauchten sie einen mächtigen Vergessenszauber, denn Lumenia war ja auf der ganzen Welt bekannt. Außerdem musste Lumenia nicht nur aus den Köpfen der Menschen verschwinden, sondern auch aus dem Augen. Also wurde es mit einer Kuppel überzogen, die unsichtbar macht. Somit war Lumenia nicht mehr existent. Man konnte einfach durch Lumenia hindurch fahren, wenn man mit dem Boot unterwegs war, und keiner bemerkte es. Weder der Bootsfahrer noch die Einwohner von Lumenia.

Da Lumenia nun vergessen war – auch für die Mitarbeiter des Ministeriums – war die bahn frei für Lord Blackwood. Den Mann, den du töten wirst.«

Ich zuckte zusammen, als Dylan das erwähnte.

»Er kam an die Macht und herrschte von nun an. Niemand konnte ihn mehr aufhalten, denn die Bevölkerung war geschwächt, von ihrem Verschwinden. Von nun an wurde Lumenia mit all der Gewalt, die es auf der Erde verbreitet hatte, regiert. Und dann kam Graham Camberlein!«

»Der Zauberer«, rief ich aus.

Dylan nickte anerkennend. »Genau, er war ein Zauberer. Habt ihr etwas über ihn heraus gefunden?«

»Nicht direkt!«, erwiderte ich. »Eher über seinen Greif. Der, der mir den Schlüssel gebracht hatte. Camberlein wurde nur kurz erwähnt.«

»Mhh – das ist merkwürdig. Eigentlich sollte es nichts darüber zu finden sein. Wo habt ihr das gefunden? Kann ich es sehen?«

Fragend schaute ich Darwin an. Ich wusste nicht, ob ich Dylan den Raum mit den tausend Bücher zeigen sollte. Was, wenn Darwin doch Recht hatte, und Dylan einer der Diebe war, und jetzt versuchen würde und hier weiter auszurauben. Es waren so viele wertvolle Bücher dort aufbewahrt.

»Er möchte das Buch sehen, in dem wir Bode, den Greif von Graham Chamberlain, gefunden haben. Ich bin mir nicht sicher, ob wir es ihm zeigen sollen?« Meine Stimme war zu einem Flüstern geschrumpft. Ich wollte plötzlich nicht mehr, dass Dylan uns zuhörte. Was war, wenn er zu viel hörte?

»Einen Versuch ist es wert«, sagte Darwin zu meinem Erstaunen. Gerade war er es noch, der unsicher war, doch jetzt klang er gar nicht mehr so.

»Okay.« Ich wand mich wieder Dylan zu. »Wir zeigen es dir. Komm mit.«

Wir standen auf und liefen durch die Bibliothek. Dylan schnappte sich seinen Rucksack und folgte uns.

»Du traust mir nicht mehr!«, sagte Dylan leicht amüsiert. Er hatte zu mir aufgeholt und lief nun neben mir. Seine bloße Anwesenheit machte mich nervös. Er war mir so nah.

»Ich weiß einfach nicht mehr was ich denken soll! Da ist so vieles, was einfach unmöglich ist. Ich meine ein Ministerium für magische Länder? Das klingt mir ein bisschen nach zu viel Fantasie.«

Wieder musste Dylan lachen. »Mir würde es wohl genau so gehen, wenn ich das zum ersten mal hören würde. Doch das tu ich nicht. Ich kann dir nur sagen, dass du mir einfach vertrauen musst. Hier geht es um etwas so großes, das den lauf der Welt verändern kann, wenn wir nicht rechtzeitig versuchen es zu stoppen.«

Einen Moment musterte ich Dylan wortlos. Auch er schaute auf mich.

Woher kam dieser Fremde? Warum wusste er so viele merkwürdige Dinge? Und was war sein Ziel?

»Vielleicht kann ich dir vertrauen, wenn ich Beweise für all das hier habe.«

»Die hast du doch zur genüge!«

Verwundert schaute ich an. Ich hatte keinerlei Ahnung, wo ich Beweise hatte. Wir bogen um eine Ecke und gelangte in einen weiteren Gang, der vor vollen Bücherregalen nur so überquoll.

»Sie sind überall um dich herum«, ergriff Dylan wieder das Wort. Mit der Hand machte er eine kreisende Bewegung. »Die sind überall um dich herum. Hier«, er deutete auf Darwin. »dein kleiner Freund!«

»Darwin«, korrigierte ich ihn.

»Okay, Darwin!« Mit der Hand fuhr er sich durch das Haar, was es nur noch zerzauster mache, als es so schon war. Es sah gut aus, so wie es war. »Der Greif. Der Schlüssel, sogar die Stadt der Füchse.« Dylan holte tief Luft. »Ich!«

Ich – Dylan.

»Das alles ist echt. Das alles sind deine Beweise, dass das hier existiert. Das sind Beweise dafür, dass wir für etwas großes kämpfen. Das Opfer erbracht werden müssen, damit etwas neues entsteht.«

Er hatte recht. Das alles waren Dinge, die es deutlich sagten, dass ich nicht verrückt war.
Ich konnte einen Fuchs verstehen, konnte hören wie er mit mir sprach und wie ich ihm antwortete. Ich hatte einen verzauberten Schlüssel von einem Greif bekommen, der an mein Fenster geflogen war. Ich hatte in einem Gefängnis, in der Stadt der Füchse, gesessen und um mein Leben gebangt.

Ich hatte Dylan kennen gelernt. Der mich auf meinem Weg begleiten und beschützen wollte.

Braucht man mehr Beweise, um zu sagen, dass ich nicht verrückt war? Das all das hier wahr war?

»Ja, gut, das ist überzeugend, aber woher will ich wissen, dass das mit diesem Lumenia stimmt? Woher soll ich wissen, dass du mir keinen Mist erzählst? Das du nicht von diesen Dieben kommst, die den Schlüssel gestohlen haben, und versuchst nur Zeit zu gewinnen, damit ihr uns am Ende besser schnappen können?«

Dylan musste jetzt wieder lachen. Doch diesmal hallte es in der ganzen Bibliothek wieder. Wütend boxte ich ihm in die Schulter. Er zuckte ein wenig zusammen und hielte sich dann die stelle fest, an der ich ihn getroffen hatte. Das Lachen unterbrach er deswegen nicht.

Verärgert über die Unruhe drehte sich Darwin um. Wir borgen um eine weitere ecke. Gleich würden wir da sein.

»Hör auf!«, sagte ich heftig. Konnte er sich nicht zusammen reisen? »Das ist nicht lustig!
Ich dachte hier geht es um mehr?« Wütend schaute ich Dylan an.

Sein Lachen verschwand sofort. »Sorry, war wohl ein bisschen unangepasst!«

Konnte er wohl sagen.

»Die Sache ist die, wenn ich von den Dieben, wie du es nennst, kommen würde, hätte ich dich schon längst mitgenommen. Denkst du, du hättest eine große Chance gegen mich? Ich wäre schon längst über alle Berge mit dir.«

Bezeichnete er mich hier etwa gerade als schwach? Wieder boxte ich ihm in die Schulter. Diesmal heftiger.

»Autsch! Wofür war das denn?« Sein Gesicht hatte sich verzerrt. Hoffentlich vor Schmerz.

»Bezeichne mich nie wieder als schwach«, zischte ich. Ich versuchte ein verärgertes Gesicht zu machen, doch es gelang mir nicht besonders.

»Hab ich doch gar nicht!«

»Doch. Indirekt«, gab ich zurück.

Darwin, der die ganze zeit über vor uns gelaufen war, blieb stehen. Wir waren angekommen. Erwartungsvoll blieb Dylan vor dem Regal stehen.

»Dreh ihn bitte um, Maddie. Wir müssen ihm ja nicht unbedingt zeigen, wie es geht.«

Ihn packte Dylan an den Schultern und drehte ihn um, sodass er mit dem Rücken zum Regal stand. »Ihr traut mir immer noch nicht«, sagte er amüsiert.

»Man muss ja nicht übertreiben«, antwortete ich mit einem herzhaften Lachen.

Darwin lief nun auf das grüne, in Leder gebundene Buch, zu und zog es heraus. Augenblicklich wurden wir in der Wand verschluckt und befanden uns auf der anderen Seite des Regals.

»Wow!«, entfuhr es Dylan, als wir auf der anderen Seite ankamen. »So etwas hab ich noch nie gesehen.«

Ich konnte sehen, wie sein Blick über den Marmorboden glitt. Wie er an der großen Tafel hängen blieb, dessen Holzbeine so schön verziert waren. Wie sein Blick über die Treppen zu jeder Etage schweifte und wie er jedes Regal musterte. Ich hatte noch nie jemanden so begeistert gesehen.

»Da war ja schon die andere Bibliothek Wahnsinn. Das übertrifft es jedoch um einiges.« Langsam lief er auf eines der Regale zu, zog ein Buch heraus und blätterte es grob durch. Mit äußerster Vorsicht hielt er das alte Buch in den Händen, dann stellte er es zurück an seinen Platz.

»Na komm; wir zeigen dir das Buch.« Gemeinsam mit Darwin lief ich voraus. Wir liefen die Treppen nach oben, und zwischen Regalen hindurch. Als wir erreicht hatten, wo wir hin wollten, stieg ich die Leite empor und holte das blaue Buch mit den großen goldenen Lettern aus dem Regal. Ich schlug die richtige Seite auf und überreichte das Buch Dylan.

»Hier haben wir Camberlein gefunden. Na ja, mehr oder weniger; er wird nur mal kurz erwähnt.«

Dylan las sich den Text immer und immer wieder durch. »Eigentlich hätte das hier gar nicht stehen dürfen. Auf der ganzen Welt gibt es keinerlei Informationen über Lumenia.«

»Informationen kann man das auch nicht nennen«, meinte ich sarkastisch. »Ich meine wer kommt denn schon darauf das L. Lumenia heißt? Und was um Himmels Willen soll ein Weltenöffner sein?«

»Der Schlüssel«, stieß Darwin aus. »natürlich! Warum sind wir da nicht schon früher drauf gekommen? Der Schlüssel ist der Weltenöffner, Maddie. Er öffnet das Tor, damit wir von unserer Welt in die von Lumenia gehen können.«

Auch mir wurde es jetzt klar. Begeistert sprang ich einmal in die Höhe und umarmte dann Darwin. »Wir bekommen das hin! Hast du gehört? Das wird das Abenteuer unseres Lebens.«

Ein breites Grinsen breitete sich auf Darwins Gesicht aus. Seine Eckzähne kamen dabei gefährlich zur Geltung. Ich hatte wieder neuen Mut gefasst. Es mag zwar gefährlich sein, was da alles auf mich zukommt, doch mit meinen neuen Freunden war ich bereit dafür. In der Prophezeiung hatte gestanden: Mit Freunden gesandt. Schon damals hatte man gewusst, dass ich mit Freunden kommen würde. Sie wussten, dass ich das nur mit ihnen schaffen würde.

Langsam liesen wir uns auf den Boden der Bibliothek sinken. Ich lehnte mich an ein Regal und versuchte meinen Rücken zu entspannen. Darwin legte sich neben mich. Er rollte sich zu einer halben Kugel zusammen. Dylan saß uns gegenüber. Noch einmal erzählte ich Darwin in kurzen Sätzen, was Dylan mir gesagt hatte. Darwin nahm alles hin, ohne ein leises Geräusch. Nur hin und wieder nickte er oder bejahte meine Erzählung.

»Was hat dieser Camberlein eigentlich so besonderes gemacht? Ich meine, außer den Weltenöffner erfunden?«, fragte Darwin, als ich fertig war. Er hob den Kopf in Richtung Dylan.

Ich reichte die Frage weiter.

»Gute Frage, gute Frage«, murmelte Dylan vor sich hin. Dann hob er den Kopf und sprach zu uns. »Graham Camberlein ist der Erfinder des Schlupfwegtranks. Das ist ein Trank, nach dessen Einnahme man unsichtbar wird. Jedoch nur so lang der Trank hält. Also um die zwei, drei Stunden. Danach lässt die Wirkung nach und einzelne Körperteile werden wieder sichtbar, bis hin zur vollen Wiedererlangung der Sichtbarkeit.«

»Warum heißt er Schlupfwegtrank?«, fragte ich. Der Name ergab überhaupt keinen Sinn.
Was hatte das mit Unsichtbarkeit zu tun?

»Das ist ganz einfach: Man schlupft den Trank. Schlupfen ist in Lumenia ein anderes Wort für trinken. Man trinkt den Trank also, und dann ist man weg. Ganz einfach!«

Okay. Jetzt kam ich mir dämlich vor. War ja doch ganz logisch gewesen. Ich spürte wie mir die röte ins Gesicht kroch. Hoffentlich erkannte man es nicht zu sehr.

»Durch diesen Trank wurde Camberlein in ganz Lumenia bekannt. Auch über die grenze hinaus, aber dann wurde die Welt ja unter den Vergessenszauber gelegt und damit war Camberlein nur noch in Lumenia bekannt. Außerdem hat Camberlein auch noch ein Buch über wilde Drachen geschrieben. Er war der erste, der sie seit Jahrhunderten wieder erforscht hatte. Durch die Menschen, mussten sie sich immer weiter in die Berge zurück ziehen und verschwanden irgendwann vollständig. Camberlein hatte natürlich nicht gesagt, wo sie sich aufhalten, sonst wären sie wohl um-gebracht worden – denn ihre Haut war sehr kostbar – aber er hat sie wieder entdeckt.«

»Es gibt Drachen?«, rutschte mir begeistert heraus. Ich hatte schon einige Bücher über Drachen gelesen und ich fand sie einfach nur faszinierend. Ihre großen Flügel, das Feuer, welches sie speien konnten.

»Natürlich, aber Lumenia war bis vor langer Zeit das einzige Land, in dem Drachen lebten.
Erst seit etwa fünfhundert Jahren gibt es sie auch wieder bei uns.«

Ich war hellauf begeistert. Wenn es Drachen gab, was gab es dann noch? Würde ich auch welche sehen, wenn ich nach Lumenia gehen würde?

Wieder sagte ich alles Darwin. Er war weniger von den Drachen begeistert als ich, aber ich beachtete es nicht weiter. In meinem Kopf spielten sich schon einige Szenen ab, wie ich einem Drachen begegnen würde.

»Schade das dieser Zauberer nicht mehr lebt. Ich hätte ihn gern einmal kennen gelernt«, sagte ich nach einer Weile des Schweigens.

Dylan schaute mir in die Augen. »Er war es, der die Prophezeiung aufgestellt hat. Er wusste schon damals, was heute passieren würde.« Ein Lachen huschte über sein Gesicht. »Er muss ein sehr weiser Mann gewesen sein.«

»Fragst du ihn nun endlich, woher er das alles weiß und wer er ist?«, fragte Darwin, als wieder Stille herrschte.

Diesmal tat ich es wirklich. »Woher weißt du all das hier? All die Dinge, die du uns erzählt hast?«

»Ich habe sie von meinen Vorfahren«, antwortete Dylan. »Einer meiner Vorfahren konnte aus Lumenia flüchten. Er war mit Chamberlain befreundet. Durch ihn konnte er in unsere Welt flüchten – mithilfe des Schlüssels. Die beiden haben sich geschworen, dass sie Lumenia aus seiner Grausamkeit vor Lord Blackwood retten werden. So wurde alles immer weiter in unserer Familie vererbt. Stets an die männliche Linie. Wir wurden von klein auf ausgebildet für diese Mission. Deswegen bin ich hier.«

Nachdenklich schaute ich Dylan an. Konnte ich ihm das glauben?

Ja, konnte ich.

Seine Augen sahen tief bewegt aus. Es konnte nicht anders sein, als die Wahrheit.

»Was werden wir nun tun?«, fragte ich. »Was werden wir als nächstes tun?«

»Ich werde mal sehen, was ich über diesen Mr White herausfinden kann. Ich bin nichts so recht überzeugt von ihm. Vielleicht hat er doch etwas zu verbergen. Und du musst versuchen deine Fähigkeit auszubauen. Ich glaube, dass du als erstes nur auf Füchse eingestellt wurdest, weil du ja Darwin getroffen hast. Wir müssen zusehen, dass das auch bei anderen Tieren klappt.«

»Wir können das bei Jos – meinem Hund – probieren.«

»Ja, das wäre gut. Außerdem müssen wir noch heraus finden, was deine zweite Fähigkeit ist.
In der Prophezeiung stand etwas von zwei Gaben. Ansonsten«, er pustete einen Schwall Luft aus, »können wir nur warten, dass die Diebe zurück kommen und versuchen dich zu kidnappen. Sorry, wenn ich das so sage, aber nur so wissen wir, wo sie sind und wo wir den Schlüssel finden können.«

Ich schluckte schwer, doch ich war einverstanden. Wir mussten so schnell wie möglich herausfinden, wo der Schlüssel ist und wie wir ihn wieder bekommen können.

14 Kommentare

Joanna am 22. April 2017

Cool! Das hat mich gerade richtig gefesselt, und das klang nicht wie die ende... Schreibst du weiter? Ich wurde mich jedenfalls freuen wann es eine Fortsetzung gibt

Lisa am 7. Juni 2014

Ich bin jetzt beim dritten Kapitel, und du schreibst immer noch super! Ich finde es nur seltsam, dass beim dritten Kapitel der Hintergrund dunkel wird. Und später (habe ich beim runterscrollen bemerkt) sieht man sogar gar nichts mehr. Nur wenn man das markiert. Lg Lisa

Hmmm, Lisa, also bei mir sieht das alles ganz normal aus. Und alle weiteren Kapitel sind auch normal zu lesen... Liebe Grüße, Insa und Gästy

Lisa am 27. Mai 2014

Du schreibst total toll!!!!!!!!!!! Ich bin zwar erst beim zweiten Kapitel, aber ich freue mich schon auf die nächsten. Bis auf ein paar Rechtschreibfehler und ein bisschen Verwechselung der Zeitform ( Das ist gar nicht schlimm! ) ist deine Geschichte super. Lg Lisa

Cupcakequeen am 14. November 2013

Ich habe bis jetzt zwar nur das 1. Kapittel gelesen aber ich finde es wirklich toll! Es ist wirklich fesselnd und ich freu mich schon auf die folgenden! Wenn ich das lese geht mir wirklich das Herz auf! Die Beschreibungen von allem gefallen mir auch total! ECHT KLASSE! LG Cupcakequeen

Jasmin am 6. November 2013

Danke für all die netten Kommentare. Ich hab mich riesig darüber gefreut Für meine Geschichte brauche ich einen Namen der zu einem 'Bösewicht' passt. Es sollte am besten irgendwas mit LORD zusammen passen. Wenn ihr da was habt, dann schreibt es mir bitte. Danke

kevin am 3. November 2013

total colle geschichte!!! freue mich auf mehr kapitel und hoffe das es noch sehr lange weiter geht

kevin am 3. November 2013

voll colle story!!!!!!!!! wenn ich bei einem verlag arbeiten würde hätte ich deine geschichte auf jeden fall geholt

Schneewittchen am 31. Oktober 2013

Oh mein Gott, das ist ja ein richtiges Buch!! 235 Seiten!! Schade, dass ich den ersten Teil nicht kenne, so wie Ella, sonst könnte ich das vergleichen Aber die Geschichte an sich gefällt mir, auch wenn ich erst ein bisschen reingelesen habe* Ich werde auf jeden Fall weiterlesen!!! LG.

Ella am 17. Oktober 2013

Juhu, eine Fortsetzung!! Sehr gut gelungen, Jasmin. Ich freu mich auf mehr! Lg Ella

Jasmin am 15. Oktober 2013

Hab gerade nen neuen Komi gelesen, danke für deinen Tipp Sternenblau. Ich werde es ändern Es sind noch nicht alle meine Kapitel online, aber insgesamt habe ich schon 325 Seiten.

Sternenblau am 12. Oktober 2013

Mir ist gerade aufgefallen das du in Kapitel 8 "wie kam er überhaupt hier her kommen" geschrieben hast. Ist ja nicht schlimm ist mir nur aufgefallen. Respekt für die Text Menge. Wie viele Seiten sind das ?

Ella am 29. August 2013

Man hilft doch gerne Ich danke dir für die schöne Story Lg Ella

Jasmin am 29. August 2013

Danke Ella für deinen Komi. Du hast wirklich recht. Ich habs gleich ändern lassen. Danke für den Tipp

Ella am 28. August 2013

Einfach nur: GEIL Echt wunderbarer Schreibstil. Nur hat mir der frühere Titel besser gefallen. Der jetzige ist irgendwie so nichtssagend, so gewöhnlich. Ich will nicht fies sein oder so . . . Der erste hat mir einfach besser gefallen Lg Ella