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Amolina

Der Montagsjunge

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Kapitel 1

Ich habe mich mal wieder dazu entschlossen, eine neue Idee festzuhalten und bin schon gespannt, wohin sie mich führen wird. Auf jeden Fall ist es mal eine Geschichte, die vom Stil für mich neu ist. Erst einmal ist sie aus der Perspektive eines jungen Mädchens geschrieben. Und dann ist es auch noch so eine Art von Geschichte, die ohne magische Wesen, Zauberkräfte, fremde Welten und sonst was auskommen muss. Es ist also irgendwie ein persönliches Experiment. Deswegen würde ich mich riesig über eure Meinung freuen :) Ganz liebe Grüße, Amolina

 

Miss Liz Baldwin

[X] Mädchen / [   ] Junge

Alter: 7 Jahre (*14. Juli 2008)

Wohnort: New York (mit „Mom“ und „Mrs Johnson“), 4B

Größe: 1,25 Meter

Augenfarbe: Grün

Haarfarbe: Blond

Merkmale: Meistens mit „Mrs Johnson“ da

Status: Ich

Erfasst: 13. Juli 2015, 4B

 

Das ist Liz Baldwin. Oder einfach nur Liz. Ganz nach Steckbrief, wie Ms Blair es ihr beigebracht hat. Ms Blair hält sowieso viel von Steckbriefen. Zumindest dann, wenn es um Geschichten geht, die man lesen soll. Damit man einen besseren Überblick hat und sich die Charaktere immer gut vorstellen kann. Zumindest sind das ihre Gründe, einen Steckbrief zu schreiben. Oder schreiben zu lassen.
Liz hat eigene Gründe:

1. Ms Blair scheint es wichtig zu sein. (Und Ms Blair hat bei solchen Sachen viele gute Ansichten.)

2. Liz scheint es sinnvoll zu sein. (Denn mit Steckbriefen weiß man immer, wen genau man gerade vor sich hat. Sehr praktisch für jemanden, der fast jeden Tag anderen Menschen vorgestellt wird.)

3. Jeder könnte Liz' Vater sein. (Und Liz will wissen, dass sie vielleicht seinen Steckbrief bei sich hat. Wenn sie ihn schon nicht kennt und nie gesehen hat.
Dann wäre er immer bei ihr.)

 

Ms Blair sammelt ihre Steckbriefe in einer Mappe. Mit ganz vielen anderen Sachen. Eine ihrer wenigen schlechten Ansichten, wie Liz findet. Wenn man anfängt, ernsthaft Steckbriefe zu schreiben, muss man sie an einem Ort sammeln. Und nur sie. Nichts anderes. Liz hat angefangen, das zu tun. Vor einer Stunde, um genau zu sein. Der Ort für ihre Steckbriefe:

Ein Notizbuch. IHR Notizbuch.

Sie wird es überall mit hinnehmen und Steckbriefe über Fremde führen, die sie sieht. Das hat sie sich vorgenommen. Und über Moms Bekannte, die sie trifft.
Über all die Menschen, die Mom abends mitbringt, wenn sie dann endlich heimkommt. Die dann mit ihr in dem Schlafzimmer verschwinden und Mrs Johnson Liz an der Hand in ihre Wohnung im Stockwerk über ihnen nimmt und ihr Geschichten vorliest, bis man eilige Schritte die Treppe hinunter laufen hört und Mom kurz danach Mrs Johnson anruft, um zu sagen, dass es für Liz nun aber höchste Zeit sei, ins Bett zu gehen.

Noch sitzt sie in Mrs Johnsons Wohnzimmer. Oder Küche. Oder Esszimmer. Vielleicht ist es auch ihr Schlafzimmer. Es gibt nur zwei Türen. Die Haustür und eine andere. Vielleicht gibt es gar kein Schlafzimmer und Mrs Johnson schläft auf dem Sofa. Wie Liz in Moms Wohnung.

Das Notizbuch liegt auf ihrem Schoß. Die erste Seite ist mit ihrem Steckbrief beschrieben. Die restlichen sind nur von kleinen Kästchen übersäht, die sich auf dem Papier dicht an dicht drängen. Ob sie überhaupt für alle Menschen reichen werden, die sie jetzt sammelt? Sie kann nicht sagen, wie viele es werden. Wie viele Tage hat das Jahr? Denn bald so viele von Moms Bekannten könnten es werden. Bald jeden Tag kommt einer. Manchmal zwei. Dafür an einem anderen Tag keiner.

Hoffentlich kommt morgen keiner. Wenigstens dieses Jahr. Aber Mrs Johnson sagt, davon kann Liz nur träumen. Wann werden Träume wahr?

 

Das Notizbuch hat Mom Liz zu ihrem Geburtstag gekauft. Nicht geschenkt.
Denn Liz' Geburtstag ist erst morgen. Aber sie weiß, dass Mom nicht da sein wird, um es ihr zu schenken und Mrs Johnson nicht weiß, wo das Geschenk bis heute Morgen versteckt war. Denn sie geht nie in den Keller. Genauso wenig, wie Liz es normalerweise tut. Deswegen wäre es ja ein so gutes Versteck gewesen. Wenn Liz nicht das Nachbarsmädchen in den Keller hätte hineinlaufen sehen.
Das Nachbarsmädchen, von dem Liz sich wünscht, dass es in einer der anderen Wohnungen lebt. Es hatte ihr zugerufen, dass sie jetzt Fangen spielen. Dass Liz die Fängerin ist. Und das Nachbarsmädchen war in den Keller gelaufen, weil sie genau weiß, dass Liz dort ein bisschen Angst hat (schließlich hat Mrs Johnson das auch) und sie deshalb dort nicht so schnell laufen würde. Dann würde Liz es auch nicht so schnell fangen. Es kennt Liz gut, das Nachbarsmädchen.

Kapitel 2

Liz ist oben. In Mrs Johnsons Wohnung. Mom ist unten. In ihrer Wohnung.
Nicht in Liz'. Mom sagt, sie bezahlt die Miete. Sie sagt, sie kauft die Sachen in den Zimmern. Deswegen ist es ihre Wohnung. Mom sagt, es ist nicht Liz' Wohnung. Liz darf nur darin wohnen. Sie ist nur Gast. Zumindest sagt Mom das, wenn sie morgens hektisch zur Tür hinausstürmt, Mrs Johnson anruft, sie solle sofort hinunter kommen und nach Liz sehen. Mom sagt es, wenn sie nach Hause kommt. Dann, wenn die Laternen auf den Straßen wie Sterne die Stadt erleuchten. Manchmal fragt Liz sich, ob es gefallene Sterne sind. Ob Laternen der Ort sind, an dem Sternschnuppen landen. Sind es dann auch die Laternen, die die dafür sorgen, dass die Wünsche wahr werden?

Wenn Mom jeden Abend Mrs Johnson anruft und Mrs Johnson dann kommt, sie bei der Hand nimmt und hinauf in ihre Wohnung führt, ist es für Liz, als würde sie aus der Welt hinaus über eine Brücke in eine andere Welt geführt werden.
Und wenn Mrs Johnson dann ihre Wohnungstür öffnet ist es so, als würde vor ihr das Wunderland geöffnet werden. Manchmal ist es am selben Tag auch ein Zauberland oder eine Schatzkammer, je nachdem, wohin Liz gerade sieht und nach den vielen Malen, die sie bereits da gewesen ist, findet sie noch so viele neue Sachen. Es ist eben ein gutes Wunderland.

 

Mrs Johnson macht für sie beide Essen. Ganz so, wie jeden Abend. Ganz so, wie Mrs Johnsons das tun. Sie ist eine gute Köchin. Aber sie sagt, sie kann das nur so gut, weil ihre Mom eine noch viel bessere Köchin gewesen ist. Nur sagt sie das nicht häufig, denn jedes Mal, wenn sie das tut, wird Liz' Herz schwer und sinkt auf den Grund ihrer selbst wie die kleinen Steine, die sie manchmal in den See wirft.
Wenn Liz also ihre vornehme Miene aufsetzt und Mrs Johnson sagt: "Das ist aber ganz vorzüglich, meine Gute", dann lächelt Mrs Johnson ihr herzliches Lächeln, streicht ihr über den Kopf, ganz so, wie Mom das niemals könnte und antwortet: "Darling, wie schaffst du es nur immer, so süß zu sein wie meine Tartes?" und für einen Moment schweben sie beide in der stillstehenden Zeit wie zwei Schneeflocken im Winterwunderland im Kaufhaus.

 

In der Küche stehen viele Töpfe und Dosen mit magischem Pulver, das Essen lecker macht und etwas, das sich Teeservice nennt und sowieso allerlei andere Dinge, deren Namen Liz nicht kennt und die sie nicht anfassen, nur anschauen darf.

Das Zimmer ist eine Wundertüte mit seinen Regalen und Schränken und Vitrinen. An manchen Tagen erscheint es weniger wie eine Küche. Oder ein Wohnzimmer. Oder Esszimmer. Oder vielleicht auch Schlafzimmer. Oder wie auch immer sich dieser wundervolle Raum in Wirklichkeit nennen darf. An manchen Tagen ist es mehr die Schatzkammer und Mrs Johnson die Schatzmeisterin und mitten darin ist dann Liz und sie scheint wie eine Reisende aus einem fernen Land, die die ganzen Dinge darin noch nie gesehen hat und für die sie deswegen umso besonderer sind.

Für Mrs Johnson ist ihre Schatzkammer so normal wie für Liz Moms abgesessene Couch, auf der sie in Moms Wohnung schlafen darf. Aber Mrs Johnson sagt, sie mag es, eine Reisende aus einem fernen Land bei sich zu haben. Sie sagt, es macht sie selbst zu einer Reisenden.

Wenn Mrs Johnson kocht nimmt sie von allen ihren magischen Pulvern ein bisschen und tut sie mit vielen anderen Sachen in einen Topf und alle paar Minuten lässt sie Liz probieren und fragt, was noch fehlt. Und Liz sagt dann "Salz", weil das am Ende doch immer fehlt. Und Mrs Johnson geht dann zu dem kleinen Fenster über dem Tisch an dem sie Sachen schneidet und isst und Zeitung liest und mit Liz ihre Hausaufgaben macht und auf dem ganz viele kleine Töpfe mit grünen Pflanzen darin stehen. Sie zeigt Liz, wie man richtig Blätter zwischen den Fingern reibt, damit die Finger genau so riechen, wie die Blätter schmecken, die Pflanzen aber heile bleiben, damit man sie noch essen kann. Mrs Johnson weiß viel über Pflanzen. Und die Pflanzen mögen Mrs Johnson.

Wenn man die Arme auf das Holz legt und den Kopf darauf und zu den Pflanzen hinüber schielt, dann kommt es einem so vor, als stünde man vor einem Dschungel. Und Liz ist die Forscherin und Mrs Johnson die Gärtnerin, die für das Essen einzelne Blätter pflückt. Die Farne im Dschungel. Und ein paar Stängel sammelt. Die Bäume. So schrumpft Mrs Johnsons Dschungel mit jedem Tag aber über Nacht wächst alles wieder nach. Sie sagt, dass das vom Gießen und der Wärme kommt. Das mögen die Kräuter.

Manchmal stellt Liz sich vor, wie es wäre, wenn in den Töpfen ein richtiger Dschungel wüchse und Mrs Johnson die Kräuter nicht gießen müsste, weil kleine Wolken darüber regnen und die Wärme von einer kleinen Sonne hinter den Wolken und nicht von der Heizung käme. Manchmal redet Liz mit den Pflanzen. Sie fragt, ob sie die richtigen Wolken nicht vermissen. Aber sie sind sehr schweigsam.
Er ist ein guter Zuhörer, der Dschungel.

3 Kommentare

Annelie am 12. November 2015

Tolle Geschichte! Ich freue mich sehr, dass es eine Fortsetzung geben wird

Amolina am 15. September 2015

Ja, weiterschreiben möchte ich auf jeden Fall! Ich habe auch noch ein paar weitere Kapitel, möchte aber alles neu schreiben. Die einzelnen Ideen bleiben, besondere Textstellen auch, aber es gibt auch ein paar Dinge, die rausfliegen werden. Mal sehen. Ich gucke aber, dass hier bald Neues kommt

Feuerelfe am 13. September 2015

Eine interessante Geschichte. Ich finde, dein "Experiment" macht sich gut , auch wenn ich noch nicht alles verstehe, aber das kommt vermutlich noch, wenn du weitere Kapitel schreibst. Du schreibst doch weiter, oder? Lg Feuerelfe