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Solei

Die Gutenachtgeschichte

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Kapitel 1

Die Geschichte ist eine Ansammlung von Quatsch und Unsinn die ich vorletzte Weihnachten fur meine Freunde geschrieben habe, letztens bin ich wieder darüber gestolpert und habe fast genauso viel Spaß beim wiederlesen wie beim schreiben gehabt. Da die Geschichte fur meine Freunde war, heißen alle Bösewichte (wenn ich die Namen auch abgewandelt habe) nach Lehrern die wir nicht mögen, aber ich habe auch immer wieder Bücher erwähnt. Welche Andeutungen auf Bücher findet ihr? Eine der eindeutigsten war ja die Stadt Ombra XD

Sophia-Anna und ihre große Schwester waren allein zuhause da ihre Eltern von den Bojkovs zum Abendessen eingeladen worden waren.
Die Schwestern hatten vor einer Weile zu Abend gegessen und nun war es für Sophia höchste Zeit zu schlafen. Doch sie war und blieb hartnäckig hellwach. Anna hatte alles versucht, sie hatte mit ihr ein Duplo-Schloss gebaut, ihr vier Lieder vorgesungen und fünf Geschichten vorgelesen, doch es hatte nichts gebracht. Noch immer hüpfte Sophia putzmunter auf ihrem Bett herum und bettelte um eine weitere Geschichte.
„Nein, nein und nochmal nein! Du solltest schon längst schlafen!“ weigerte sich Anna vehement.
„Bitte, Anna! Eine von deinen Geschichten, von deinen eigenen! BITTE!“
„Nein!“
„Liebe, liebe Anna, BITTE!“
Sophia kniete sich auf ihre gesteppte Bettdecke und blinzelte Anna mit großen, bittenden Rehaugen an.
„Nein! Nó! No! Njet! Niente!“ Erschöpfte Anna ihr erstaunliches Sprachrepertoire.
„Bitte Anna, deine Geschichten sind einfach die Besten!“
Das saß, doch Sophia legte sicherheitshalber noch eins obenauf:
„Ich gehe dann auch gleich schlafen, versprochen!“
„Na gut.“ gab Anna sich, wie eigentlich immer, geschlagen.
„Was für eine Geschichte willst du denn?“
Sophia lächelte glücklich und kroch unter ihre Bettdecke.

„Eine unglaubliche, unmögliche, wie in einem Märchen, nur VIEL besser!“
Ihre Augen leuchtete erwartungsvoll.
„So wie die, die ich dir erzählt habe, als du in den Ferien Grippe hattest?“
„Ja! Aber mit anderen Leuten. Mit einem Drachen, und einer Prinzessin, und mit Abenteurern!“
Anna lächelte und starrte kurz in die prickelnde Leere während eine Unmenge an Ideen ihre Gedankenwelt stürmten und sie versuchte so viele wie möglich miteinander in Einklang zu bringen.
„Gut. Ich werde dir eine Geschichte erzählen, aber denk bloß nicht, sie wäre nicht wahr, nur weil du dir eine erfundene gewünscht hast! Ich habe sie ganz hinten in meinem Geschichtsbuch gefunden, die Stelle war mit Erdbeermarmelade zugeklebt, wahrscheinlich damit sie nicht einfach von einem leichtsinnigen Schüler gelesen werden kann. Ich wünsche mir oft, ich hätte diese Geschichte nie gelesen. Noch heute stellen sich mir die Nackenhaare auf wenn ich nur daran denke. Bist du dir sicher das du sie hören willst, Sößchen?“
Sophia nickte eilig, ihre Augen waren weit aufgerissen und glänzten.
„Gut, wie du willst. Aber sag nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.

Diese Geschichte spielt in einem kleinen Fürstentum, zu einer Zeit, als das wünschen zwar noch weit verbreitet war, aber nur noch selten half. Tatsächlich gab es unter dem einfachen Volk die Redewendung 'Sich zu Tode wünschen.' Nach Süden hin wurde das Fürstentum vom Meer begrenzt, doch zur damaligen Zeit beschränkte sich die Seefahrt auf kleine Fischkutter, wodurch dies fürs weitere uninteressant ist, da keiner der Protagonisten Back- von Steuerbord unterscheiden kann. Im Westen und Norden erstrecken sich der Dunkle und der Lichte Wald, beide waren gefürchtet und sagenumwoben, und wurden nach Möglichkeit gemieden. Hinter den Wäldern befand sich das Gebirge, und sowohl hinter dem Gebirge als auch Inlands der Östlichen Grenze des Fürstentums gab es zahlreiche kleine Fürstentümer, Kaisertume, Königsreiche und sogar von Magiern verwaltete Landstriche.
Die Hauptstadt unseres kleinen Fürstentums hieß Ombra, hier befand sich auch der Fürstenpalast, in dem die liebliche Prinzessin Mirabelle lebte, und von wo aus der Verwalter Novni bis zu ihrem 17 Geburtstag stellvertretend für sie, die Regierungsgeschäfte führte.
Novni war ein sehr strenger Regent. Straftäter und Steuersünder wurden von ihm direkt und ohne Zwischenstopp zu dem bösen Zauberer Allebech Kotzmotz gebracht, der sie, je nach Laune, in Vieh oder Alltagsgegenstände verwandelte.“

Anna grinste, zufrieden über die Verschlagenheit ihrer beiden Antagonisten.

„All-tags-ge-gen-stände?“ Wiederholte Sophia, Silbe für Silbe, verständnislos.
„Hm. Also, ein Schweinehirte, der es gewagt hatte bei der Fürstlichen Küche ein Schwein abzuliefern, das nur ein Ohr hatte, obwohl Novnis Lieblingsspeise in Karamell flambiertes Schweineohr war, wurde in ein Seidentaschentuch verwandelt und der benachbarten Prinzessin Amisoc, die gerade erkältet war, geschenkt. Und ein Höfling, der bei Tisch so unmanierlich aß das mehrere Damen in Ohnmacht fielen, wurde, warum auch immer, in ein Suppenhuhn verwandelt und am folgenden Tag verspeist.“
Sophia zog einen Flunch. „Das gilt nicht! Das mit dem Suppenhuhn ist aus deiner letzten Geschichte!“
Anna verdrehte die Augen, doch Sophia weigerte sich trotzdem es gelten zu lassen.
„Okay, okay, ein anderes Beispiel. Ein Bandit der es irgendwie schaffte eine Truhe Steuergold in die Finger zu bekommen, wurde, nach dem sie ihn drei Tage lang gejagt hatten, von Allebech Kotzmotz in einen goldenen Nachttopf verwandelt.“
„Na und? Gold ist schön. Außerdem war er ein Räuber, und Räuber sind böse und müssen bestraft werden.“ meinte Sophia bestimmt.
„Findest du das auch dann, wenn...“ Anna lächelte maliziös „...wenn der Nachttopf in der einzigen öffentlichen Latrine des städtischen Rathauses stand, dessen Bürokraten allesamt Durchfall hatten, da ihr mageres Entgelt nur für ganz billigen Wein reichte und sie trotzdem den Anschein waren wollten und welchen kauften?“
„Igitt“ meinte Sophia schlicht. Sie war von Anna schon viel gewohnt.
„Gut. Nun verstehst du sicher, weshalb das Volk Novni gleichermaßen hasste und fürchtete und alle dem siebzehnten Geburtstag der lieblichen Prinzessin Mirabelle, ihrer aller Ehr und Hoffnung, entgegenfieberten?“
Sophia nickte, doch Anna erzählte schon weiter.

„Doch das süße Mirabellchen war nicht nur der Inbegriff einer wunderschönen Prinzessin, nein! Sie war auch noch eine vollendete Tänzerin und hatte einen wachen Verstand, dazu ihr blitzschnelles Köpfchen und ihre exzellente Erziehung.
Man konnte sich Niemand besseres für den Thron wünschen.“ Anna stand auf und schloss das Fenster, da es zu regnen begonnen hatte. Kleine Regenfinger tippten leise gegen das Glas. „Selbstverständlich hatte Mira Novnis Versuche, sie mit seinem Sohn zu verkuppeln bemerkt, und sie schloss daraus, dass er vorhatte, weiterhin an der Macht zu bleiben. Tatsächlich hielt sie Novni mit der Zeit für so Machtbessesen wie er es auch wirklich war. Daher begann sie sich genauer über die tödlichen Unfälle ihrer Eltern zu informieren.“
„Hat Novni Miras Eltern umgebracht?“ kombinierte Sophia das eben gehörte blitzschnell mit den vielen Geschichten die Anna ihr schon erzählt hatte.
„Ja. Miras Vater hat er Rattengift in das Badewasser geschmuggelt, so das dieser bald darauf eines recht unschönen Todes starb.“
„Und Miras Mutter?“
„Die musste er gar nicht umbringen. Zu jener Zeit waren dir Fürstinnen noch nicht so wichtig, er hat sie an einen sehr peniblen, deutschsprachigen Indianerstamm verkauft, den lärmenden Maiskolben.“ Anna sah Sophia erwartungsvoll an.

Sophia starrte verständnislos zurück. Sollte sie gegen das Meucheln unschuldiger Personen protestieren? Oder vielleicht die Existenz eines Indianerstammes anzweifeln der einen Duden besaß? Doch plötzlich lächelte sie. „Und dann versucht Novni Mira umzubringen/zu enteignen/ kidnappen/ enterben/ mit seinem Sohn zu vermählen oder sonstwie dauerhaft an die Macht zu gelangen, wird aber von einem tapferen und edlen Jüngling daran gehindert der Mira heiratet und sie leben glücklich bis an ihr Lebensende. “Anna! Ich will kein überzuckertes, unrealistisches Dysney-Märchen hören!“ Wütend funkelte sie ihre Schwester an, diese starrte entrüstet über diese Zumutung zurück, doch bald darauf zuckten die Mundwinkel der beiden, ein leises Kichern war zu hören und dann bebten ihre Schultern vor Lachen. Als ob sie nicht beide nur allzu gut wussten das Anna sich nie etwas so langweiliges ausdenken würde! Einmal hatte sie, nur um es mal auszuprobieren, sogar die Hauptfigur umgebracht, auf Sophias drängen hin jedoch wiederbelebt. Anna fing sich als erste wieder und räusperte sich vielsagend. Sophia legte sich wieder hin und nahm ihren Teddy auf den Schoß, damit er auch alles gut mitbekam.

„In der Nacht, in der unsere Geschichte ihren Anfang nimmt, entlud das sich seit Tagen in schwüler Hitze ankündigende Gewitter über dem ganzen Fürstentum. Der Wind pfiff durch die Häuser wie es ihm gefiel und riss aus purem Spaß zahlreiche Bäume aus, der Regen prasselte durch die Kaminschlote, erstickte die kümmerlichen Feuer und der Donner war so laut das die Vögel davonflogen und erst im nächsten Jahr wiederkehrten.“ Sophia hörte mit schiefgelegtem Kopf dem Regen zu der tatsächlich gegen ihre Zimmerfenster prasselte und kuschelte sich tiefer in ihre warme Decke.
„Als plötzlich, KABUMM!, die beiden großen Torflügel eines schiefen schwarzen Turmes mitten in den Marrammarschen, der Niemand anderem gehörte als dem Helden vieler Abenteuersagen, dessen Namen man nur erwähnen musste um sämtliche Bösewichter dieser und anderer Welten zum schlottern zu bringen, dem Bezwinger von Voldi-Moldi, Natterntopf, Valentinchen, dem Nerd der Dinge, Streuselkuchen und vieler anderen, kurz: dem furchtlosen, edlen, unbezwingbaren, allseitsbewärten: Winny Pooh, mit einem lauten Knall aufgingen und an die Steinwände krachten. In der Tür stand ein hochgewachsener junger Mann mit aschblonden Haaren die ihm nass im Nacken klebten, verstimmt blickenden grauen Augen und einem weiten, schwarzen, klitschnassen Umhang.

„Drarry?“ fragte Winny Pooh vorsichtig.
„Nein.“ fauchte sein Gast und pfefferte den Umhang an die Garderobe.
„Oh. Streit? Willst du eine schöne Tasse Tee?“ Winny Pooh schob in kurzerhand in die Küche und stellte sich auf einen Hocker um seine honiggelbe Lieblingsteekanne herauszuholen.
„Nein.“ elegant lies sich sein Gast auf einen der Wabenförmigen Hocker sinken die an dem Tresen standen. „Schlimmer noch. Schlechte Neuigkeiten.“
„Oh.“ Winny Pooh lies die Teetasse die er in der Hand hielt erschrocken fallen und setzte sich eilig auf einen zweiten Hocker. „Was ist passiert? Hoffentlich ist es nichts schlimmes?“
Der Gast blickte missmutig auf seinen übersüßten Tee.
„Doch.“
„Was?“
„Das schlimmstmögliche für euer beschränktes kleines Land voller Schlammblütler, Muggel und seltsame Wesen: die Prinzessin wurde entführt.“
„Was?!“ fassungslos starrte Winny Pooh ihn an.
„Das heißt 'Wie Bitte'“ Wurde er umgehend korrigiert.
Winny Pooh versuchte sich darin seinen Gast mit Blicken zu töten, doch das schien diesen nicht zu stören.
„Da ich annehme das deine Frage genau formuliert 'Wie Bitte' lautet, wiederhole ich es noch einmal. Ich sagte, die Prinzessin sei entführt worden.“
„Oh.“ Winny Pooh stand unter Schock. „Oh. Das ist nicht gut“
„Das ist gar nicht gut“ berichtigte ihn sein Gast mit einem seltsamen Lächeln. „Aber das ist jetzt ja wohl dein Problem.
Ich muss nach Hause.“ Genauso elegant wie er sich hingesetzt hatte, stand er auch wieder auf, warf sich seinen klammen Umhang über und wollte schon wieder verschwinden, als Winny Pooh ihn aufhielt.
„Warte! Was meinst du damit das das nun mein Problem wäre?“ Die Panik in seiner Stimme brachte den anderen dazu sich mit einem kleinen belustigten Lächeln umzudrehen.
„Nun, ich dachte eigentlich das wäre offensichtlich, aber weil du es bist, erkläre ich es dir gerne noch einmal.“ Winny Pooh nickte hastig. „Du bist Derjenige der sie retten muss.“
Immer noch lächelnd machte er sich los und apparierte mit einem lauten Knall.“

„Nein!“ unterbrach Sophia ihre Schwester. „Das kannst du nicht machen! Winny Pooh passt da nicht rein, schon gar nicht als Prinzessinen-Retter! Mach das sofort wieder rückgängig!“ Verwirrt blinzelte Anna sie an. „Und wenn du schon dabei bist, Draco Malfoy hat nichts, aber auch GAR NICHTS in der Geschichte zu suchen, streich ihn am besten gleich mit.“
„Okay, okay!“ Anna warf resigniert die Hände in die Luft.
„Wenn du meinst. Ich habe auch schon eine Idee wer stattdessen Mira retten könnte. Aber wer soll dann die abscheuliche Angewohnheit haben andere Leute unliebsam mit schlechten Nachrichten zu überraschen, damit die furchterregenden Darbietungen dieser Geschichte nach dem allerletzten Akt kein Schlimmes Ende nehmen?“
Sophia schloss die Augen und überlegte.
„Peter“ Sagte sie dann.
„Nein, der ist zu nass.“
„Tom“
Anna schüttelte den Kopf „bereits vergeben.“
„Sven“
Wieder schüttelte Anna den Kopf. „Zu beliebt“
Sophia kaute angestrengt auf ihrer Unterlippe.
„Paul.“ Schlug sie dann vor.
„Hmm“ Anna legte zweifelnd den Kopf schief.
„Herbert. Philip. Eddie. Anselm. Melchior. Hans-Jürgen. Edgar. Mülltonne.“ schloss Sophia in einem letzten verzweifelten Versuch, den Unglücksraben zu finden.
„Mülltonne?!“
„Hast Recht, dumme Idee. Wie wärs mit Nevermore? Wie der Rabe von Edgar Allan Poe?“ Sophia war für ihr Alter schon sehr gebildet.
„Nein. Zu traurig. Was hältst du von Zwerg?“
Sophia schürzte die Lippen. „Das ist fantasielos.“
Doch Anna zuckte nur mit den Schultern.
„Egal. Er heißt jetzt Zwerg.“
„Ist aber keiner?“
„Genau.“ Beide grinsten.

„Gut, nun... ach ja: In der Nacht, in der unsere Geschichte ihren Anfang nimmt, entlud das sich seit Tagen in schwüler Hitze ankündigende Gewitter über dem ganzen Fürstentum. Der Wind pfiff durch die Häuser wie es ihm gefiel und riss aus purem Spaß zahlreiche Bäume aus, der Regen prasselte durch die Kaminschlote, erstickte die kümmerlichen Feuer und der Donner war so laut das die Vögel davonflogen und erst im nächsten Jahr wiederkehrten.
Als plötzlich, KABUMM!, die beiden großen Torflügel eines schiefen schwarzen Turmes mitten in den Marrammarschen, der Niemand anderem gehörte als dem Helden vieler Abenteuersagen, dessen Namen man nur erwähnen musste um sämtliche Bösewichter dieser und anderer Welten zum schlottern zu bringen, dem Bezwinger von Voldi-Moldi, Natterntopf, Valentinchen, dem Nerd der Dinge, Streuselkuchen und vieler anderen, kurz: dem furchtlosen, edlen, unbezwingbaren, allseitsbewärten: Ritter Suppenlöffel dem Schrecklichen, aufschwangen und mit einem lauten Knall an die Steinwände krachten.

In dem Torbogen, hinter sich der theatralisch blitzende Himmel, stand eine kleine Gestalt. Hastig zog Suppenlöffel sie herein und schloss die Torflügel wieder. Erst als die Gestalt ihre blauen Gummistiefel und die pitschnasse Regenjacke in die Ecke gepfeffert hatte und mit einer großen Tasse heißem Kakao auf einem der steifen, altehrwürdigen, staubigen zwölf Stühle an der altehrwürdigen, staubigen und ovalen Tafel saß, die altehrwürdige, staubige, Standuhr eins schlug und Suppenlöffel der Gestalt die Haare mit einem (zum Glück weder altehrwürdigen noch staubigen) Handtuch trockenrubelte, sprachen sie.
„Gibt es noch einen anderen Grund für dein Kommen außer dem innigen Wunsch eines baldigen Todes durch eine Lungenentzündung?“ fragte Suppenlöffel ungehalten.
Ein leises Lachen ertönte.
„Selbstverständlich. Auch wenn allein der Kakao den Weh gelohnt hätte.“ Die Uhr tickte leise und der Wind fuhr heulend durch die Ritzen in den Wänden der oberen Stockwerke.
„Es gibt Neuigkeiten.“
Suppenlöffel stand auf und brachte das Handtuch weg, dann machte er sich mit dem Rücken zu seinem Gast daran Kekse zu suchen. „Wann gibt es die nicht?“ Mit knirschenden Scharnieren bückte er sich um eine Dose Plätzchen vom Vorjahr unter einer mottenzerfressenen Tischdecke hervorzukramen.
Staub wirbelte auf.
„Schlechte Neuigkeiten.“

Suppenlöffel kam mit der staubigen Dose zur Tafel zurück.
„Auch die gibt es oft, Zwerg.“
Schweigend aß dieser ohne eine Miene zu verziehen mehrere steinharte Plätzchen „Ich weiß. Aber diese sind auch für dich relevant. Genau dein Metier. Ich glaube du könntest dich sogar darüber freuen.“
Kurz war ein Funkeln hinter Suppenlöffels geschlossenem Visier zu sehen, dann beugte er sich hoffnungsvoll vor.
„Was ist passiert? Hat eine bösartige Hexe begonnen Kinder zu rauben? Gibt es im Osten eine neue Räuberbande? Bekriegen sich Elfen und Zentauren mal wieder um ein Hektar Wald? Versucht ein Verrückter Alchemist den Fürstenpalast in die Luft zu jagen? Oder,“ wieder war da dieses Funkeln, diesmal länger, mal hätte es glatt für ein Lächeln halten können. „Oder hat mein allerliebster Lieblingsfeind Daniel, dieser ungezogene Drache, wieder etwas angestellt? Seinen Drachenhort bei der falschen Leuten aufgestockt? Einen Bauernhof in Brand gesteckt?
Ein unschuldiges Mädchen entführt?“

Zwergs Lächeln misslang kläglich.
„Fast. Er hat die Prinzessin entführt.“
„Yeah!“ Suppenlöffel boxte glücklich mit seiner Eisenfaust in die Luft.
Zwerg verschluckte sich an seinem Kakao. „Was?!“ japste er.
„Das heißt 'Wie Bitte'“ korrigierte Suppenlöffel liebenswürdig.
„Die liebliche Prinzessin Mirabelle, unser aller Ehr und Hoffnung, wird entführt, und du sagst einfach 'Yeah'?“
„Nicht einfach so, Zwerg. Ich meine es auch so.“
Suppenlöffel kippelte mit seinem Stuhl nach hinten um Zwergs fassungslose Miene besser im Blick zu haben.
„Warum freust du dich?“
„Weil endlich mal wieder richtig was los ist! Die letzten Aufgabe waren erschreckend langweilig und unwichtig. Man könnte fast meinen der Capo der Fürstlichen Leibwache  würde mir nichts mehr zutrauen. Aber jetzt... . Die Prinzessin, das Kronjuwel des Fürstentums, wurde entführt, und zwar von meinem Erzfeind! Ist das nicht einfach wunderbar?“ Suppenlöffel kippte mit dem Stuhl in die Gerade und wurde wieder ernst. „Keine Sorge, ich hole sie noch vor ihrem siebzehnten Geburtstag zurück in den Palast.“

Zwerg blickte Suppenlöffel erleichtert und dankbar an, doch plötzlich errinerte er sich an die genauen Anweisungen und ein diabolisches Lächeln zuckte über sein Gesicht.
„Übrigens, deine Knappen warten draußen.“
„Wie Bitte?!“ Suppenlöffel fiel fast von seinem Stuhl.
„Ich habe doch keine Knappen! Hatte ich nie und werde ich auch nie haben!“
Zwerg trank seinen Kakao aus und sammelte seine Sachen auf. „Doch, jetzt schon. Anweisungen vom Capo der Fürstlichen Leibwache höchstpersönlich, es sind seine Söhne, Zwillinge.
Sie werden dir keine Schande machen.“ Im Torbogen, der einen vom Sturm reingewaschenen hereinbrechenden Morgen zeigte, drehte er sich noch einmal zu dem schockstarren Suppenlöffel um. „Es ist ihre Ritterprüfung, zerstöre ihnen Bitte nicht ihre Chance.“

Kapitel 2

Obwohl sie Grund verschieden waren und aussahen, hatten Mathäus und Levius ihr ganzes Leben lang nur als „die Zwillinge“ gegolten. Schon immer. Wenn einer von ihnen als Baby in die Hose gemacht hatte, hatte ihre Mutter zur Amme gesagt:
„Die Zwillinge müssen gewickelt werden“.
Als Levius mit acht dem Koch mehrere Schokocroissants stahl, bekamen „die Zwillinge“ Küchenverbot, als Mathäus Schwierigkeiten beim Fechten hatte, bekamen beide Nachhilfe und als Levius sich Streit mit dem aufgeblasenen Sohn von Novni einfing, bekamen sie eine Tracht Prügel. Sie hatten gehofft das sich das auf Prinzessinnen-Suche ändern wurde, schließlich war Ritter Suppenlöffel der Schreckliche nicht irgendein verkalkter Erwachsener, sondern eine Mythengestalt, ach was! Eine Legende! Doch das gebellte „Knappen!“ mit dem er sie begrüßt hatte, war keine große Verbesserung. Tatsächlich hatte es mehr nach einer Beleidigung geklungen, selbst wenn sie an dem Wort an sich nichts beleidigendes finden konnten. Sie arbeiteten verbissen und leidenschaftlich daran einmal gute Ritter zu werden, und Knappe sein war nun einmal eine nötige und ehrenvolle Vorstufe. Viele Jungen träumten davon Knappen sein zu können, es war also nichts beleidigendes daran einer zu sein. Levius seufzte. Telepathisch mit Mathäus zu diskutieren, während sie auf Pferden durchgeschüttelt wurden, brachte nie etwas, das einzige, das noch schlimmer war, war mit sich selbst zu diskutieren, beides war absolut aussichtslos.

'Levius?' Mathäus meldete sich wieder in seinem Hinterkopf.
'Hm?'
'Es könnte sein das es so abschätzig geklungen hat, weil er uns nicht mag weil … sein eigentlicher Knappe weggelaufen ist?'
Der Ansatz schien zu stimmen, aber... 'Das kann es nicht sein.
Er hatte nämlich noch nie einen Knappen. Viel wahrscheinlicher ist, das er beleidigt ist, schließlich hat er nicht um Knappen gebeten und ist bis jetzt auch ohne gut ausgekommen.'
Levius beobachtete wie Mathäus, der vor ihm ritt, langsam nickte. 'Er muss glauben das Vater ihm nicht traut.'
'Na ja, haut eigentlich auch hin, oder? Er hat Angst, der Löffelritter könnte es irgendwie so arrangieren, das Prinzessin Mira ihn heiratet, aber Vater will ja einen von uns beiden auf dem
Furstenthron sehen. Das wäre ja auch was, oder? Stell dir nur das Gesicht von Novris Sohn vor, wenn er bemerkt, das seine ganze Arschkriecherei umsonst war...'

Der schwärmerische Ton von Mathäus brachte Levius zum lachen und wären sie nicht geritten so hätten sie sich bald vor lachen auf dem Boden gewälzt. Suppenlöffel schüttelte über so viel jugendlichen Übermut nur den Kopf und ärgerte sich insgeheim
das die beiden für ihre Gespräche eine Geheimfrequenz benutzten. Es hätte ihm einen Heidenspaß bereitet sie zu belauschen.“

Anna lächelte als sie sah, dass Sophia endlich eingeschlafen war. Sie deckte sie noch einmal richtig zu und schob mehrere Kuscheltiere zur Seite um ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben.
„Gute Nacht Sophia“ flüsterte sie bevor sie die Tür schloss.
In der Nacht träumte Sophia von Annas Geschichte. Sie traf Suppenlöffel und seine beiden Knappen auf einer staubigen, kleinen Straße die, umsäumt von Feldern, durch die pralle Sonne, und mehrere kleinen Dörfer, Richtung Norden führte.
Sie belauschte die telepathischen Gespräche zwischen Mathäus und Levius und machte sich einen Spaß daraus, einen Graßhalm zwischen Suppenlöffels Rüstungsscharniere zu schieben und ihn solange zu kitzeln, bis er scheppernd vom Pferd fiel. Obwohl der Traum eigentlich ziemlich kurz war, hatte sie das Gefühl, wochenlang mit dem unglücklichen Trio Richtung Norden gereist zu sein. „Einmal wurden sie von Räubern uberfallen, der Kampf war ziemlich ungleich, so 25 gegen drei, aber sie haben trotzdem haushoch gewonnen! Du hättest es sehen sollen. Es war einfach unglaublich! Sie können richtig gut kämpfen“.

Während Sophia Anna von ihrem Traum erzählte, mahlte sie ein Bild. Ihre Stimme überschlug sich beim Erzählen vor Aufregung.
„Einmal waren sie sogar in einer Stadt, da gab es einen richtigen Feuerspucker, der hat mit fünf Fackeln jongliert und hat Feuer gespuckt und wieder geschluckt und dann, dann hat er mit dem
Feuer getanzt“. Sophias Augen strahlten.
„Getanzt? Wie denn das?“
„Getanzt halt! Er hat so komische Armbewegungen gemacht und dann hat das Feuer getanzt. Und am Schluss hat er aus dem Feuer Blumen wachsen lassen. Er hat sogar eine gepflückt und sie mir ans Nachthemd gemacht. Sie war so schön Anna! Golden und Orange, und sie hat die ganze Zeit Funken gesprüht! Aber dann hat der Wind sie ausgemacht, es ist aber immer noch ein bisschen Asche da, guck mal“.
Sophia zeigte auf den rechten Ärmel ihres weißen Nachthemdes. Anna beugte sich vor, sie konnte tatsächlich einen klitzekleinen grauen Fleck entdecken. Doch das war egal. Viel wichtiger war etwas ganz anderes: „Du bist allein, in deinem Nachthemd, durch eine Stadt gelaufen die du nicht kennst?!“
Sophia blinzelte irritiert.
„Natürlich kannte ich die Stadt! Sie kam in deiner letzten Geschichte vor, es war die Stadt in der Rapunzel geboren wurde. Das Nachthemd hatte ich an, weil Mama mir verboten hat in Klamotten zu schlafen. Das weißt du doch! Außerdem“ Sophia schnappte empört nach Luft „Außerdem war ich nicht allein! Suppenlöffel hat seine Einkäufe erledigt und ich bin ihm nachgelaufen.“
'Und außerdem war es ja nur ein Traum' setzte Anna, die sich inzwischen beruhigt hatte, in Gedanken hinzu.
„Was hat er denn für Sachen gekauft?“
„Vieles. Ein neues Hufeisen, Essen, Klamotten, so Sachen halt.“ Sophia machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Und Tee“, fiel ihr dann noch ein, „Jede Menge Tee. Früchtetee, Elfenglitzertee, Schmiertee und Bananentee. Und noch mehr Tee, ganz viel ganz komischen Tee. Das war in so einem komischen Laden, der hatte einen breiten Tresen aus Holz und dahinter stand ein Mädchen, das war schon ganz alt, aber größer als du, über zwölf, das hat den Tee in kleine Tütchen gepackt.

Der Teeladen hatte auch ein kleines Café, da saßen zwei Männer am Tisch, die waren ganz blass und hatten schwarze Haare und ihre Augen waren genauso rot wie ihr Tee. Dabei haben sie heißes Wasser getrunken. Einer hat dann den Kopf gehoben und mich angelächelt, dass war total gruselig, weil er so lange dünne Zähne hatte, ich glaube es war ein Vampir. Und dann ist ein Tropfen Blut von einem Zahn getropft und er hat gegrinst.“
Sophia schauderte noch im Nachhinein.
„Hattest du große Angst?“
„Nein, Suppenlöffel war ja da. Aber weißt du was komisch war?
Als der Vampir einen Schritt in meine Richtung gemacht hat, ist das Mädchen, hab ich dir das schon erzählt, dass sie irre rote Locken hatte?, über den Tresen gesprungen. Sie war sehr schnell, Suppenlöffel hatte nicht einmal genug Zeit um sein Schwert zu ziehen. Das Mädchen hat dann den Vampir mit einem Schwert bedroht, das ganz dünn war und geleuchtet hat. Dann hat sie 'Beim Erzengel! So dumm, sie in einem Nephilim Café anzugreifen, kannst du doch nicht sein!' gerufen und es sind noch ein paar Leute, die älter als zwölf waren, gekommen. Und die Vampire sind raus gerannt. Einer von den Leuten hatte ganz blondes Haar, es sah aus wie gefärbt.“
„Was waren das für Leute?“ fragte Anna neugierig.
Sophia machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Leute halt. Ich wollte mich noch bedanken und fragen ob ihre Schwerter echt, oder Star Wars Spielzeuge waren, aber dann ist Suppenlöffel gegangen, und ich wollte ihn nicht verlieren“ antwortete Sophia ungerührt und widmete sich wieder ihrem Bild. Sorgfältig malte sie hinter den Feuertänzer ein Cafe. Auf dem Schild stand 'IT'S TEA TIME'.

Eine Woche später , es war ein Mittwoch, waren ihre Eltern wieder bei den Bojkovs eingeladen. Anna hatte Sophia ins Bett gebracht, und wollte sich gerade auf Zehenspitzen davonschleichen, als Sophia plötzlich wieder die Augen öffnete und sich aufsetzte.
„Anna?“ fragte sie schläfrig.
„Hm?“
„Wie geht die Geschichte weiter?“
Verblüfft sah Anna sie an. Dann nahm sie die Hand von der Türklinke und kniete sich neben Sophias Bett.
„Du solltest längst schlafen.“
„Wie geht die Geschichte weiter?“ Sophia sah sie mit kullerrunden Augen bittend an. Anna lächelte.
„Gut. Was war das letzte was du geträumt hast?“
„Sie sind an einen Wald gekommen“, antwortete Sophia und kuschelte sich glucklich in ihr Kissen.
„Nun“ Anna räusperte sich und rutschte auf dem Boden rum um eine bequemere Sitzposition zu finden.
„Der Wald an dessen Rand sie gekommen sind, war kein normaler Wald, es war der lichte Teil des Zauberwaldes, durch den der einzige Weg in die sieben Berge führte, auf dessen höchsten Gipfel Daniel hauste. Der Lichte Wald war natürlich nicht halb so gefährlich wie der Dunkle Wald. Es gab keine Werwölfe, keine bösen Hexen, keine Menschenfresser oder anderes schlimmeres Gesindel, dafür aber Elfen, Feen, Zauberinnen, Einhörner, Riesen, Zwerge, Nymphen, na ja kurz: alles was einen daran hindern konnte den Wald ohne größeren Zeitverlust zu passieren, ohne einen gleich umzubringen, zu verspeisen oder lebenslänglich zu verzaubern.“

Anna lehnte sich an Sophias Bett.
„Suppenlöffel und seine beiden Knappen standen am Waldrand. Sie alle hatten die Geschichten gehört, von den Männern die ein Jahr lang Zauberinnen als Wachhunde, oder Elfen als Geliebte
gedient hatten. Von Mädchen deren Haare von Zwergen zum Goldspinnen gestohlen worden waren und von Kindern die ihre Eltern verlassen hatten um bei Nymphen oder Einhörner zu leben. Suppenlöffel war der einzige von ihnen der schon einmal dort gewesen war. Er war noch ganz jung, gerade einmal 60 Jahre alt gewesen und hatte im lichten Wald eine Eiche fällen wollen, doch in der Eiche hatte ein Baugeist gewohnt, dessen Schwester, eine wunderschöne Flussnymphe, mit einem Regenmacher aus dem Wolkenvolk verlobt gewesen war, und es hatte plötzlich wie aus Kübeln geschüttet. Suppenlöffels Scharniere hatten zu rosten begonnen, und er steckte mehrere Jahre lang auf der Stelle fest, bis eines Tages ein Mädchen vorbeikam. Sie war das schönste Mädchen das er je gesehen hatte, und das sollte sich auch in den folgenden Jahren nicht ändern. Sie hatte ihn frisch geölt und er hatte ihr sein Herz geschenkt. Doch eines Tages war Dorothy gegangen und hatte es mitgenommen. Seit dem durchstreifte er ruhelos das Land und bestand in ihrem Namen die irrwitzigsten Abenteuer, denn erst das fehlende Herz, und somit das fernbleibende Mitgefühl mit Ganoven und Unholden, hatten ihn zu dem gemacht was er nun schon seit etlichen Jahrzehnten war: Ritter Suppenlöffel der Schreckliche.

Kapitel 3

Seit drei Tagen folgten sie dem rot gekachelten Weg durch die unglaubliche Vegetation des Waldes. Kleine purpurne Vögel mit Türkisen Flügeln flatterten ihnen mit einem Irrsinns Tempo um den Kopf, bis sie sie entnervt aufspießten und für ihr Abendessen aufbewahrten. Pralle, reife Früchte in knalligen Farben fielen ihnen, mit hörbarem Kichern, auf die Köpfe, und die kleinen, zarten Blüten an den Stämmen der augenscheinlich kilometerhohen Urwaldriesen wetteiferten um die betörendsten Düfte. Mathäus setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und lauschte dem beruhigenden klacken von Silberlöffels Schuhen auf den Kacheln hinter ihm. Obwohl sie bis jetzt niemanden begegnet waren, hatte er ein mulmiges Gefühl im Bauch. Er war sich nicht sicher ob es Levius genau so ging, doch er spürte, wie sich fremde Blicke in seinen Rücken brannten und seine Nackenhaare stellten sich auf, als er Geflüster vernahm. Bei jedem knackenden Ast, bei jedem Windrauschen zuckte er zusammen und stellte sich vor wie mit Steinhammern bewaffnete Zwerge, zauberkräftige Jungfrauen oder jähzornige Einhörner auf den Pfad sprangen und ihnen den Weg versperrten. Ein Ast zerbrach krachen unter Mathäus Stiefel und er bemerkte wie Levius erschrocken zusammenzuckte, anscheinend ging es Levius genauso.

„Memmen. Angsthasen. Kleinkinder.“ murmelte Suppenlöffel, dann lauter: „Ihr braucht doch keine Angst zu haben! Wir sind nicht im Dunklen Wald.“
„Zum Glück! Der Lichte ist unheimlich genug!“ konterte Levius.
„Du bist Page...?“
„Knappe Levius. Und mein Bruder ist Knappe Mathäus. In einem halben Jahr werden wir zu Rittern geschlagen.“
Mathäus konnte Levius Zähneknirschen förmlich hören.
„Ach wirklich?! Und warum schlottert ihr dann, seit dem wir den Wald betreten haben, vor Angst?!“
Die Verachtung in Suppenlöffels Stimme legte sich wie eine seiner Eisenfäuste um Mathäus Brust und drückte langsam zu. Er hatte Recht, sie benahmen sich jämmerlich, am besten wäre es, die Mission abzubrechen und unter Vaters strengen und Novnis stechenden Blick zurückzukehren.
'Lass dich von ihm nicht unterkriegen, er ist nur sauer und würde uns am liebsten gleich wieder loswerden. Tu ihm Bitte nicht den Gefallen und verlier den Mut.'
'Tu ich sowieso nicht, ihm einen Gefallen tun meine ich.'
'Gut.'
Levius wandte seine Aufmerksamkeit wieder Suppenlöffel zu. „Sind Sie sich sicher, das sie von uns reden? Seit wir im Wald sind, kontrollieren sie alle fünf Minuten das Wetter!“
Suppenlöffel zuckte ertappt mit den Schulterscharnieren und - sah schon wieder durch das Blätterdickicht auf den wolkenlosen Himmel. „Das ist etwas anderes... Knappe Levius.“
Suppenlöffel klapperte nervös mit seinen Fingergliedern.
„Ich habe in diesem Wald... schlechte Erfahrungen gemacht.“

Levius und Mathäus starrten ihn verwundert an. Mathäus bekam den Mund als erster wieder zu und öffnete ihn gleich wieder.
„Sie sind zweihundert Jahre alt und lassen noch ihre Nervosität an
jüngeren aus?!“ Stille. Dann marschierte Suppenlöffel an den beiden Jungen vorbei, drehte sich noch einmal um und sagte: „Ich bin ein ehrwürdiger Ritter und lasse nicht so mit mir reden, wenn ich noch so ein vorlautes Wort höre, bekommt ihr kein Abendessen!“ Der Rest des Tages verlief schweigsam. Der Abend verlief ebenfalls schweigsam. In der Nacht hielten sie sich die Ohren zu, doch es half nichts.
Diedel dum dum dum
Levius drehte sich auf die andere Seite und stopfte sich Moos in die Ohren.
Dudel diedel dam dam
Er steckte den Kopf in seine Reisetasche, die ihm als Kissen diente.
Dumdiedel dudel dim
Er wickelte sich seinen Reiseumhang um den Kopf.
Damdudel diedeldam dum dum

Um nicht zu ersticken, befreite Levius seinen Kopf wieder aus den verschiedenen Lagen Stoff.
Dim dum diedeldum dam dam
Frustriert schlug Levius die Hände auf die Ohren, er hätte Schreien mögen.
Dam dam dudeldiedem dum dam dam
Inzwischen hatten auch Mathäus und Suppenlöffel den Versuch zu schlafen aufgegeben, und waren aufgestanden.
Dumdiedel dam dum dum
Sie drehten sich gleichzeitig zu einem großen Baum um, aus dessen Gipfel das schiefe Gesinge zu stammen schien.
Dam dudeldiedel dim dam dam
Suppenlöffel und Levius machten für Mathäus eine Räuberleiter.
Dim di dim di dim di dum dum dum
Mathäus Stiefelkante schnitt Levius in die Hand als dieser sich auf den untersten Ast hievte.
Didi didi dum dam dam
Mathäus kletterte weiter am Stamm hoch, geschickt von Ast zu Ast springend, wie ein großes Eichhörnchen.
Dum dam didi dam dum dum

Längst näherte er sich der Lärmquelle. Levius sah noch, wie Mathäus den Kopf in ein besonders dichtes Blattgeflecht steckte, dann ging alles sehr schnell. Jemand kreischte mit einer unnatürlich hohen Stimme und Mathäus fiel schreckstarr rückwärts vom Baum. Gleich hinter ihm stürzte ein grün, lila, violett und türkisfarbenes Etwas, das geistesgegenwärtig von Levius aufgefangen wurde, während Mathäus in Suppenlöffels ausgebreitete Arme knallte und sich mehrere blaue Flecken holte, durch die Luft. Neugierig betrachteten die drei das Etwas. Es war ein kleines Mädchen, keinen Meter groß, jedoch mit den Proportionen einer zwölfjährigen, ein blasses Gesicht aus dem sie zwei große, braune, Augen schockgeweitet musterten. Pechschwarze, mit bunten Strähnen durchzogene Haare flatterten wie von einem eigenen Willen getrieben umher und verdeckten so fast die hauchfeinen, spitzen Ohren. Es war eine Waldelfe. Vorsichtig richtete sich die Elfe auf, schüttelte kurz die schillernden Flügel und flatterte dann klingelnd auf Augenhöhe.

„Ähm... hochwürdiges Lichtwesen, dürfte ich in unsrer aller Namen die Tatsache entschuldigen, Euch aus eurem Schlaf gerissen zu haben?“ fragte Suppenlöffel mit langsamer, bedächtiger Stimme auf Elbisch. Die Waldelfe antwortete mit einem Schwall von Flüchen auf unterschiedlichen Sprachen, Levius konnte Zwergisch, Türkisch, Italienisch, Himmlisch und einen seltenen Dialekt aus dem tiefsten Inneren des Lichten Waldes ausmachen.
„... Potzblitz und Dämonenpocken!!! Dreimal zugenäht und ausgespuckt!!! Beim Erzengel!!! Warum, verdammt und zum Donnerdrummel, werde ich dauernd mit einer... grundgütiger Waldboden!... mit einer FEE verwechselt?! Seh ich etwa aus, als hätte ich den lieben langen Tag nichts besseres zu tun als schön auszusehen und uralte, auswendiggelernte Floskeln auszutauschen?! Nein!!! Ich bin ganz sicher keine handtellergroße, selbstverliebte, verfluchte FEE!!!Und zum wievielten Mal muss ich erklären das ich kein kleiner, glitzernder, geflügelter Hohlkopf sondern eine authentische, reinrassige, originale WALDELFE bin?!“ Sie schnappte nach Luft und besah sich Suppenlöffel genauer. „Dir auf jeden Fall zum zweiten Mal. Hast du denn in all den Jahren nichts gelernt, Zuckerlöffelchen? Hast du dich schon wieder vor lauter Liebeskummer im Wald verlaufen und, geistesgestört wie du nun einmal bist, eine Elfe beleidigt?“ Wütend stemmte sie die kleinen Fäuste in die Hüften und funkelte ihn an. Suppenlöffel schraubte verlegen an seinem kleinen Finger herum. „ Hallo Mari. Knappen, darf ich euch die bezaubernde, schweigsame, immer gut gelaunte Waldelfe Marienkäfer Mondglöckchen Lichtenflechte vorstellen? Mari, das sind meine allerliebsten Knappen, Levius und Mathäus.“
Die beiden starrten Suppenlöffel an, dann Mari, dann tauschten sie einen Blick und sagten synchron: „Hi, Moon!“

Mari starrte die beiden an, dann fasste sie an ihren mondsichelförmigen Ohrring und begann zu strahlen.
„Hi! Schön Leute kennenzulernen die Wissen wie man mit Elfen umgeht, Dopplinge.“
„Keine Ursache.“
Mari lächelte. „Nun, Zuckerlöffelchen, was hat dich diesmal in den Wald verschlagen?“
„Ich muss mich untertänigst entschuldigen, hochwohlgeborenes Lichtwesen, doch ich befürchte, und bedaure zutiefst euch dies mitteilen zu müssen, das die Kenntnis dieser Information euch
enthalten bleiben muss.“
Mari blinzelte ungläubig und holte tief Luft für eine neue Schimpftirade, doch Mathäus hielt ihr den Mund zu.
„Er meint damit das er es dir nicht sagen will.“
„Wir wollen zum Gebirge.“ Fügte Levius besänftigend hinzu.
Mari biss Mathäus in die Hand und funkelte Suppenlöffel feindselig an. „Zum Gebirge, na toll. Das Gebirge“ setzte sie belehrend an „erstreckt sich über die gesamte Nordseite des Waldes und um es zu erreichen muss man durch den gesamten Wald latschen. Wenn man nicht gerade von Windbienen angegriffen wird, dann kann man die Strecke, wegen der Nebenwirkung ihres Giftes, nämlich auch fliegen.“
Levius musste zugeben, das sie es trotz der Tatsache, obwohl sie die Größe eines Kleinkindes hatte und einen Meter über dem Boden schwebte, schaffte bedrohlich zu wirken. Er hatte das
unangenehme Gefühl das sie, wenn sie sich weiter mit Suppenlöffel stritt, einwandfrei in der Lage war, ihnen das Leben ganz schön schwer zu machen. Es wäre auf jeden Fall besser wenn er sie dazu bringen könnte, ihnen zu helfen.
„Um genau zu sein,“ fügte er daher hinzu „wollen wir Jemanden auf dem Plateau von „ßy"""y^^^y***yß“ besuchen.“

Langsam drehte Mari sich in der Luft zu ihm um. „Das Plateau von „ßy"""y^^^y***yß“ befindet sich auf der Spitze des höchsten Berges und damit in einer Höhe die Drachen sich mit Vorliebe als Wohnorte aussuchen. Auf diesem speziellen Plateau wohnt ein Drache namens Daniel, der erklärte Erzfeind eines gewissen Ritters namens Suppenlöffel der Schreckliche ist, der ganz zufällig dort hinreisen will nachdem dieser dem fürstlichen Palast einen Besuch abgestattet hat, der stellvertretende Fürst Novni lies allerdings öffentlich verkünden, es sei nichts gestohlen worden. Doch trotzdem befindet sich der berühmteste Ritter des Fürstentums auf dem Weg zum Gebirge, dazu noch Begleitung zweier Knappen.“ Mari machte eine kurze Pause und bedachte Suppenlöffel mit einem mörderischen Blick, dann flötete sie zuckersüß: „Zuckerlöffelchen, was hat der böse Daniel gestohlen?“ Suppenlöffel bedachte seinerseits Levius mit einem mörderischen Blick. „Nichts von Belang“ quetschte er schließlich hinter seinem geschlossenen Helmvisier hervor.
„Nichts von Belang? Ich glaube nur Novni, dieser selbstsüchtige Verräter, ist der Meinung, die liebliche Prinzessin Mira, das kluge Mirabellchen, unser aller Hoffnung, sei NICHT VON BELANG!!!

Suppenlöffel brauchte ein paar Sekunden um zu bemerken das er schon wieder in ein Fettnäpfchen getreten war, doch Mathäus hatte sich schon an die Schadensbegrenzung gemacht.
„Das hat er nicht so gemeint.“
„Und woher willst du das wissen?“ fauchte Mari.
„Weil wir sonst jawohl nicht auf dem Weg wären sie zu retten.“
„Das soll ich die glauben?“ fragte Mari, immer noch skeptisch.
„Wie können es dir ja schlecht beweisen, oder?“ klinkte sich Levius in das Gespräch ein.
„Doch.“
„Ja ach nee.“ Levius Stimme trof vor Ironie.
„Doch, wirklich.“ insistierte Mari „Ihr könnt mich mitnehmen, wenn ich mit eigenen Augen sehen würde wie ihr die Prinzessin rettet, würde ich euch sicherlich glauben.“ Ihre Augen funkelten abenteuerlustig, doch Suppenlöffel machte ihr einen Strich durch die Rechnung. „Nein! Nein, nein und nochmal nein! Wir nehmen keine Waldelfe mit in die Berge und schon gar nicht mit auf Rettungsmission! Nur Hohlköpfe lassen sich mit Elfen ein, da kommt nämlich nie etwas vernünftiges bei raus da sie überall intervenieren und so alles ins Chaos stürzen!“
„Ach ja? Und wie willst überhaupt bis zum Gebirge kommen, so ohne Führer? Legst du so großen Wert darauf dich zu verlaufen, möglicherweise vom Weg abzukommen, eventuell im Garten einer Zauberin herumzutrampeln, sie theoretisch so zu beleidigen, das du, ganz vielleicht, die nächsten zehn Jahre als Rübe verbringst, wenn dich nicht ein gefräßiger Goldesel auffrisst!“
„Ach ja?“ Giftete Suppenlöffel klappernd vor Wut zurück.
„Und wie, bitte schön, soll das gehen? Ich besitze keine zirkulierende Körperflüssigkeit, daher greift die Regel 162 im 'Buch der grundlegenden Zauber- und Hexenregeln', Ich kann gar nicht in eine Rübe verwandelt werden, auch in kein anderes Gemüse außer Kolrabi, und das nur weil Kolrabi eine sonderVitamindeklination besitzt!“
Kurz schien Mari durch dieses Argument außer Gefecht gesetzt, doch dann fing sie sich wieder.
„Gut, Dann frage ich meinen Cousin ob er zufällig ein paar Liter Regenwasser erübrigen kann!“
Es war klar das dies Maris letzter Trumpf gewesen war, doch genauso klar war auch das sie Suppenlöffels wunden Punkt getroffen hatte. „Gut, gut. Dann komm halt mit, du penetranter
Flugschimmelpilz, aber nur bis zum Waldrand!“
Mari strahlte.

6 Kommentare

Moira am 2. August 2014

Wow, echt super Geschichte! Die ganzen Referenzen, die Aufzählung der Bösewichte hat mich echt vom Stuhl gehauen vor Lachen. Herrlich!!

Julina am 5. Juni 2014

Hahahahahahahah, ich krieg mich garnicht mehr ein, Valentinchen, Natterntopf, Voldi-Moldi hahahahahahahahahahahahaha. Ich habe Harry Potter, der Zauberer von Oz, Herr der Ringe, Chroniken der Unterwelt, Tinten-triologie, Schneewittchen, Rapunzel

Pandora am 14. Februar 2014

Echt süß geschrieben. Ich hab als Buch noch Die Chroniken der Unterwelt und der Zauberer Kotzmotz gefunden, glaube ich. Kommt noch eine Fortsetzung?

Schneewittchen am 10. November 2013

Hahahaaa Ich hab mich fast weggeworfen vor Lachen, irgendwie hast du eine extrem genial lustige Art zu schreiben Jaaa auch ich habe Schneewittchen wiedererkannt *-* Gibts noch ne Fortsetzung? Ich würde sie auf jeden Fall lesen! LG Schneewittchen

Annika am 3. November 2013

SUPI geschrieben!! und auch sooo lustig!!! Nur hast du Disney falsch geschrieben (Du hast nämlich zwei mal y genommen... ;9) MfG Annika

Ella am 3. November 2013

Hahaha, die Geschichte ist eeeeecht so cool!!!!!! Wirklich genial geschrieben! Mmmh, ein paar Bücher hab ich entdeckt, aber ich bin nicht hundertprozentig Sicher. Also: Tintenblut; Winny Pooh; Herr der Ringe; Harry Potter; Rapunzel; Dracula; Schneewittchen.... So, mehr Hab ich glaub ich nicht entdeckt Ich hoffe wirklich, wirklich auf eine Fortsetzung!!! BITTE!!!! Lg Ella