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Wespe

Die Mondstundendiebe

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Kapitel 1

„Der Mond. Ein mächtiger Verbündeter, der Träume wahr machte und Türen öffnete, wenn man von dieser Welt in eine andere schlüpfen wollte.“ (Cornelia Funke, "Herr der Diebe")

Elinor wartete. Die Kerzenflamme flackerte leicht in ihrer Atemluft, ließ die Schatten über die Wände der Dachkammer tanzen, und ihren Schein auf Elinors Haar, wie Funken in der leichten Luft der Nacht. Der geflochtene Zopf, aus dem sich um ihr Gesicht etliche Strähnen gelöst hatten, fiel ihr über die Schulter und kitzelte leicht den Umschlag des Buches in Ihrem Arm. Noch jetzt hörte sie die Geschichten in den bedruckten Seiten raunen, die Namen der Figuren flüstern; Windgesicht, Solevej und der namenlose Junge…
Heute würde sie sich von allen wieder trennen, von ihnen und der wunderbar abenteuerlichen Welt, in der sie lebten. Doch sie wusste, dass es ihr nicht lange schwerfallen würde. Schon lange nicht mehr. Jeder Abschied bedeutete ein neues Buch, ein neues Abenteuer, neue Freude und Feinde. Ja, in Elinors Leben kamen und gingen die Bücher wie die Menschen im Leben eines anderen. Sie lebte in ihren Welten, las und träumte sich an ihre Seite auf den Seiten, und wartete sonst sehnsüchtig auf die Nacht - und auf den Mond.

Silbrige Fäden webten sich nun in das schimmernde Gewand der Dunkelheit, auf dem die Kerze kaum mehr gewesen war als ein kleiner Fleck ausgelaufener Tinte. Der sanfte Schein des Mondes drang durch die am Tag so soliden Wände und füllte den kleinen Raum mit seinem blassen Licht. Rasch, doch ohne Hast, blies Elinor die kleine Kerze aus, stand auf und schob das Buch unter ihre Bluse. Dann trat sie vor das Bild, das an ihrer Wand hing. Das Mondlicht spiegelte sich auf dem Glas des Rahmens, das Perlmuttschimmern ließ das Kinderbild dahinter nicht mehr erkennen. Ohne zu Zögern setzte Elinor einen schmalen Fuß auf den kleinen Schemel darunter, legte einen Moment lang ihre Hände auf das Glas, dann zog sie sich geradewegs hinaus auf das Dach. Es war noch kälter geworden, und Elinor brauchte etwas länger als üblich, um auf den Dachfirst hinaufzugelangen, der Raureif auf den Dachziegeln ließ sie abrutschen. Endlich oben angekommen, richtete sie sich auf und balancierte vorsichtig dort entlang. Obwohl sie diesen Weg schon viele Male gegangen war, spreizte sie die Arme noch immer etwas ab, wie ein Vogel. Frei wie ein Vogel, denn dies war ihre Zeit. In diesen nächtlichen Mondstunden wurde Elinor zur Diebin.

Unter ihr lagen die Gassen der alten Stadt verlassen da, so wie es bislang immer gewesen war. Zwischen den eng stehenden Häusern hing der Nebel dicht am Boden, als sei er noch zu dünn, zu schwach, um den sternenklaren Himmel über den Dächern zu verschleiern, den Kampf aufzunehmen gegen das klare Licht der Sterne und das sanften, erhellenden Schein des Mondes.
Ein Glück, dass die Häuser so eng stehen, dachte Elinor immer wieder, wenn sie von einem Dach auf das nächste sprang, obwohl sie diesen Weg schon so oft zurückgelegt hatte.
Und ihr alles so vertraut war: Die Ziegel unter ihren Füßen, das Fenster des Studenten, unter dem sie sich immer ducken musste, weil er bis spät in die Nacht lernte, der leise Geruch nach Salz und Rosen in der kalten Nachtluft, die Leuchtsterne und Fensterbilder an den Scheiben der Kinder – und die Stille, die schaffte, was den Nebel nicht gelang; hinaufzureichen von dem Straßenpflaster, über das sich seit Jahrhunderten die Menschen drängten, die uralten Mauern voller Kletterrosen hinauf, bis hoch zu den Sternen, die wohl schon am längsten Wächter über die Geschicke dieses Ortes waren.
Ja, alles war wie immer in jener Nacht, in der sich alles änderte.

Kapitel 2

Hier das zweite Kapitel meiner „Mondstundendiebe“. Wir haben einen kleinen Perspektivenwechsel, aber ihr werdet sehen, dass die Geschichten zusammenlaufen. Ich würde mich sehr über Kommentare freuen! Übrigens: Der Name „Elinor“ kommt nicht von der Elinor aus „Tintenherz“, auch wenn beide büchervernarrt sind. Mir ist die Parallele auch eben erst aufgefallen… Viel Spaß beim Lesen, ich hoffe sehr, es gefällt euch!

„Nein, da kannst du unmöglich hoch!“, zeterte eine leise Stimme in Lus Innerem, „Siehst du nicht die ganzen Dornen? Und erst dieser Geruch, das ist doch…“Hier beschloss Lu, sie zu ignorieren. Im Grunde stimmte es ja, und, oh, wie oft hatte sie sich schon selbst geschworen, nie wieder ein Haus an Rosenranken zu erklimmen, aber Auftrag war Auftrag. Und sie hatte sich doch selbst so bemüht, Spionin zu werden. Also biss Lu die kleinen spitzen Zähne zusammen, legte die Ohren an, als wappne sie sich zum Kampf und sprang lautlos hinauf, geradewegs  in die Rose, die sich mit ihren Ranken an die Mauer klebte wie eine Spinne an die Zimmerdecke.

Sogleich spürte sie einen stechenden Schmerz in einer ihrer Pfoten, ein Dorn hatte sich hineingebohrt. Lu verbiss sich den Schmerz und kletterte flink weiter hinauf. Zum Glück musste sie nur ein Stockwerk höher, dann gab es einen anderen Weg.„Nun, diese Spitzen haben auch ein Gutes“, dachte Lu selbstzufrieden, als sie, nun nicht mehr ganz so leichtfüßig, auf dem Fensterbrett ankam, „So schnell war ich noch nie.“

Sie strich sich über das mondhelle Fell, verflucht, selbst dort hatten sich die Dornen verfangen. Ärgerlich schlug sie mit der Kralle nach ihnen, doch dann besann sie sich. Jetzt war keine Zeit für Eitelkeiten. Schließlich musste sie vor dieser kleinen Bücherdiebin auf dem Dach der Bibliothek sein, um den anderen Bescheid zu geben. Sie schwang sich eine Etage höher, streifte dabei flüchtig einen Vorsprung in der Mauer, dann sprang sie den wie Treppenstufen geformten Giebel hinauf. Jetzt war es nicht mehr weit.

Ja, Katzenaugen waren praktisch, sehr praktisch, gerade in diesem Licht, das die Welt wie eine ungewöhnliche Zeichnung aussehen ließ, nur aus Schwarz- und Grautönen. Lu kauerte in der Regenrinne am Dach der Bibliothek, das kalte Metall legte sich an ihr Fell wie ein eisiger, aber maßgeschneiderter Mantel. Perfekt für eine so kleine Katze.„Wenn dieses Menschenmädchen nicht bald auftaucht, werde ich noch zu einem Eisblock, bevor ich meinen ersten Auftrag erledigt habe“, brummte sie vor sich hin, während sie unauffällig über den Rand zum Schornstein hinüber spähte.

Da war sie ja, endlich, die kleine Bücherdiebin mit dem langen Zopf. Nicht einmal ducken tat sie sich, als sie da über das flache Dach trabte. Glaubte dieses eingebildete Mädchen etwa, sie wäre allein auf den Dächern der nächtlichen Stadt? Pff. Vorsichtig schob Lu sich in der Regenrinne rückwärts, bis der Schornstein sie vor den Blicken des Mädchens verbarg, dann zog sie sich heraus, schüttelte sich, um die Steifheit in ihren Gliedern loszuwerden, und suchte nach dem Regenrohr, das Felicia ihr beschrieben hatte.

„Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich gar keine richtige Katze mehr bin.“, dachte sie, als sie daran herunterrutschte, „Ich arbeite nicht nur mit Menschen zusammen, ich lasse mir sogar ihr Tricks beibringen…“

Fast hätte sie in Gedanken das Fensterbrett verpasst. Gerade noch rechtzeitig setzte sie den Fuß darauf, sonst hätte sie diesen Steinriesen noch einmal erklimmen müssen. Und die Nachricht womöglich zu spät abgeliefert.

Lu legte sie eine Pfote an die Scheibe, an der anderen fuhr sie die Krallen aus und kratzte eine dünne Spur in das Glas, erst im Kreis, dann zweimal gerade – wie ein Einkunstläufer, nur mit einem Geräusch, dass ihr fast übel wurde. Offensichtlich hatte sie sich das Kratz-Signal endlich richtig eingeprägt, denn zwischen den schier endlosen Regalreihen voller Bücher, die Lu trotz der Dunkelheit ausmachen konnte, erschien der rothaarige Kopf eines Mädchens, fast als würden Flammen zwischen den Büchern fließen.

Sie, Felicia, nickte kurz, um zu zeigen, dass sie die Vorwarnung verstanden hatte, dann verschwand sie wieder, offenbar ein eindringliches Flüstern auf den Lippen, das aber selbst Lus Katzenohren durch die Scheibe nicht vernehmen konnten, und ließ die Katze in der kalten Nachtluft zurück. Missmutig rollte Lu sich auf der Fensterbank zusammen und starrte zum Mond hinauf. Wenigstens er blieb bei ihr.

Kapitel 3

Voila, Kapitel drei, jetzt wieder aus der Sicht von Elinor.

Elinor erinnerte sich noch gut daran, wie laut ihr Herz gepocht hatte, als sie zum ersten Mal über die steile Leiter im Inneren des Schornsteins und durch den reich verzierten Kamin in die vornehme Privatbibliothek geklettert war. Wie die Sterne ihr aufmunternd zugezwinkert hatten, am Ende der langen, nachtschwarzen Röhre. Nur gut, dass der Kamin schon so lange nicht mehr benutzt wurde, sonst hätten ihre Fingerspitzen sicher verräterische Rußspuren auf den Seiten hinterlassen. Inzwischen fühlte sie sich in dieser Stadt zuhause wie an kaum einem anderen Ort, zwischen den Gassen aus Regalen, verwinkelt wie die der uralten Stadt, die still und geheimnisvoll draußen vor den hohen Fenstern im Mondlicht lag. In jedem der einzelnen Bücherhäusern, die jedes nur darauf wartete, dass sie die Tür zu den vielen, wunderbaren Welten öffnete, von denen jedes eine andere zwischen den Seiten verbarg.

Oh, wo war sie schon überall gewesen, in London, China, dem Land der Dämmerung, Mittelerde, Nimmerland und zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, sie war in deutlich weniger als achtzig Tagen um die Welt gereist, obwohl ihr Körper doch dabei nie ihre Dachkammer verließ, oder diese „Bücherstadt“, wie Elinor sie getauft hatte. In ihrem Zimmer unterm Dach störte sie beinahe nie jemand, so konnte sie sich ungestört davon-träumen, und auch hier war ihr bislang noch keine Menschenseele begegnet.

Dennoch ging ihr erster Gang noch immer zwei Regalegassen geradeaus, dann nach rechts und links an der Wand entlang, wo neben der pompösen Doppeltür an einem Haken ein überraschend kleiner, filigran geformter Schlüssel hing. Mit dem schloss Elinor die Tür immer vorsichtshalber noch einmal von innen ab, falls doch noch einmal jemand im Haus beschließen sollte, mitten in einer mondhellen Nacht durch die Bibliothek zu spazieren.

Doch in dieser Nacht hing an dem Haken kein Schlüssel. Elinor bückte sich und tastete an der Fußlatte und am Teppich, denn vielleicht hatte ihn am Tag nur jemand unaufmerksam aufgehängt und er war herunter gefallen. „Du brauchst nicht mehr abzuschließen.“, sagte eine ruhige Stimme hinter ihr. Elinor fuhr herum, wobei sie leicht ins Stolpern geriet, weil sie gleichzeitig noch versuchte, sich aufzurichten.

Am Regal, nur ein paar Schritte entfernt, lehnte ein Junge, nicht viel größer als Elinor.
Beinahe genau dort war sie eben erst vorbeigegangen, wie hatte sie ihn nicht bemerken können? Doch sicher nicht nur wegen seiner dunklen Hautfarbe? Sonst machte diese es für ihn sicher erheblich leichter, mit dem Schatten zu verschmelzen, aber dich nicht hier, in der mondlichtdurchfluteten Bibliothek.

Einige Regalreihen weiter links löste sich noch eine Gestalt aus den Geschichtengassen, ein Mädchen diesmal, noch ein ganzes Stück größer als der Junge, mit rotem Haar. Elegant ließ sie den kleinen Goldschlüssel zwischen ihren Fingern herumwirbeln. Elinor wich zurück, doch schon nach wenigen Schritten stieß sie mit dem Rücken gegen die Wand, also presste sie sich stattdessen gegen die gestickten Buchstaben auf dem Stoff, mit dem sie bespannt war.

Der Junge lächelte leicht, aber es war kein schmutzig-fieses Grinsen, wie es so oft von den Bösewichten in Elinors Büchern gelächelt wurde. Bei diesem funkelten seine dunklen Augen wie die Sterne am Ende des Schornsteins in jener Nacht, als Elinor sich zum ersten Mal in die Bibliothek geschlichen hatte. Er schien sie damit beruhigen zu wollen.
„Keine Angst, wir tun dir schon nichts, Elinor.“ Woher, bei allen Buchstaben dieser Welt und Nimmerland, kannte er ihren Namen? „Wir brauchen dich nur, deine Hilfe, wenn… wenn du einverstanden bist.“ Hilfesuchend blickte er zu dem Mädchen hinüber, offenbar führte sie normalerweise das Wort.

„Wir werden es dir erklären.“, ergänzte sie. Sie lächelte nicht, und ihre Augen, grau wie die nächtlichen Schatten, waren unergründlich. „Fang nur nicht an zu schreien, das könnte alles nur noch unnötig komplizierter machen.“ Elinor spürte einen Funken von Ärger, und in dem leeren Loch, das Schreck und die Überraschung, in der nachtleeren Bibliothek plötzlich noch zwei andere Kinder anzutreffen, hinterlassen hatte, wurde er schnell größer.

Für wie dumm hielt dieses Mädchen sie, bloß weil sie gut einen halben Kopf kleiner war?
Als ob sie nicht selbst wüsste, dass ein Haufen Kinder, die nachts in einer wildfremden Privat-bibliothek aufgegriffen wurden, mindestens eine Menge Ärger erwartete. Und außerdem, und Elinor wusste selbst, wie naiv das war, doch sie konnte einfach nicht anders, als diesem Jungen mit den Funkelaugen zu vertrauen. Wenn die beiden wirklich vorgehabt hätten, sie hier zu überfallen, so hätten sie es doch viel leichter dann tun können, als sie mit dem Rücken zu ihnen ahnungslos an der Wand gestanden hatte. Und doch waren diese Kinder sicherlich nicht zufällig in dieser Nacht in ihre Bücherstadt gekommen, nein, sie hatten hier auf sie gewartet.
Warum nur?

Kapitel 4

Die beiden stellten sich Elinor als Felicia und Felipo vor.
Sie lächelte ein wenig über die Ähnlichkeit dieser Namen, wo sie doch so offensichtlich nicht miteinender verwandt waren. Natürlich, ganz sicher konnte sie sich nie sein, doch die beiden schienen einfach grundverschieden.

Felipo, mit seinen dunklen Funkelaugen, die sein Gesicht noch viel kindlicher wirken ließen und es schwer machten, sein Alter abzuschätzen. Fast hätte Elinor gesagt, er wäre noch jünger als sie selbst, obwohl er doch etwas größer war. Er hatte kurze, krause Haare, dunkler noch als seine Haut, und musterte Elinor hin und wieder so verstohlen, dass sie beinahe lachen musste. Erleichtert grinste er zurück. Felicias Blick dagegen war kühl und abschätzend, aus ihren grauen Augen, wie Stahltüren, die keinen Blick hinein zuließen. Sie wollten einfach nicht recht in dieses Gesicht passen, das mit den Sommersprossen, umrahmt von langen, roten Haaren sogar beinahe hätte niedlich sein können, trotz ihrer Größe.

Da es in der Bibliothek keine Stühle gab, beschlossen die drei Kinder, sich auf den blanken Boden von Elinors Bücherstadt zu hocken. Felicia nahm den vielarmigen Kerzenleuchter vom Kaminsims, Felipo zauberte von irgendwo Streichhölzer hervor, womit er die schlanken, blassweißen Kerzen anzündete.

Als sie endlich alle beisammen saßen, die Kerzen den großen Raum mit tanzenden Schatten füllte und ihr Schein sich auf dem Silber des Leuchters spiegelte, hörten sie plötzlich ein stetes, leises Klopfen. Erschrocken wandte Elinor sich der Tür zu, und fragte sich bestimmt zum zehnten Mal, ob die anderen eigentlich noch einmal abgeschlossen hatten. Sie drehte sich wieder zu den anderen um, um sie nun endlich zu fragen – und sah gerade noch, wie Felipo in einer der Geschichtengassen verschwand, aber in eine andere Richtung als sie erwartet hätte, zu den Fenstern. Als er zurückkam, saß eine kleine Katze auf seiner Schulter, die sich das mondhelle Fell leckte und hin und wieder nicht sehr freundliche Blicke auf Felicia abschoss.

„Das ist Lu.“, sagte er auf Elinors fragenden Blick hin und hockte sich wieder dazu.
„Unsere kleine Spionin.“ Dann wandte er sich mit vorwurfsvollem Blick an Felicia:
„Du hast sie auf den Fensterbrett sitzenlassen. Du weißt doch, dass sie das nicht mag…“
„Jaja, tut mir Leid.“, brummte Felicia, wobei es gar nicht danach klang. Elinor wurde langsam ungeduldig. Warum kamen sie nicht endlich zur Sache? Ihre Spannung stand ihr wohl ins Gesicht geschrieben, denn Felicia sah sie missbilligend an, bevor sie begann: „Also, Elinor,
es ist im Grunde ganz einfach: Du kommst jede Mondnacht durch ein Lichtfenster hierher, oder?“

Elinor nahm an, dass mit „Lichtfenster“ der Durchgang durch das Bild in ihrem Zimmer gemeint war, der sich nachts öffnete. Sie nickte.
„Nun, lange Zeit haben wir das auch gemacht, wenn auch getrennt, Felipo und ich haben uns erst hier kennengelernt.“, fuhr Felicia fort, „Aber in einer Nacht waren unsere Fenster mit einem Mal verschlossen. Wir haben alles versucht, aber man bekommt sie nicht wieder auf, keine Chance. Deshalb leben wir seit einiger Zeit hier.“
„Warum?“, fragte Elinor, obwohl sie Felicia ansah, wie ungern sie unterbrochen wurde. „Ihr müsstet doch nur ein paar Stunden warten, dann wird es morgen, und ihr könnt bei Licht ganz einfach von den Dächern steigen…“
„Hör dir das an!“ Felicia verdrehte die Augen. „Glaubt du wirklich, dies ist genau die Stadt, durch die du tagsüber spazierst? Nur eben bei Nacht? Ist dir denn nichts aufgefallen?“
„Aber..“
„Überleg doch mal, Elinor“, sagte Felipo sanft. „Diese Stadt ist eine Touristenmetropole.
Da liegen die Gassen nicht einfach wie leergewischt da, nur weil es dunkel ist. Hast du dich wirklich nicht gefragt, warum es immer so still ist? Oder warum nie Licht hinter einem Fenster brennt? Es ist ganz einfach: Der Mond öffnet manchen die Tür zu einer Art Parallelstadt, wir nennen sie „Mondstundenstadt“, aber das sind nur sehr wenige. Woran es liegt, dass ausgerechnet sie herkommen, wissen wir nicht. Vielleicht, weil sie hier etwas machen können, das sie sonst nicht können, sowie du zum Beispiel Bücher stielst.“

Elinor schluckte – und nickte. Ja, das leuchtete ihr ein. Und plötzlich begriff sie auch, warum die beiden Kinder in der Bibliothek auf sie gewartet hatten, warum sie ihr das alles erzählten.
„Ihr wollt, dass ich euch mitnehme.“, sagte sie langsam. Von einigen Kerzen tropfte schon Wachs auf den Parkettboden. „Durch mein „Lichtfenster“, wie ihr das nennt, zurück in die andere Welt.“ Felipo sah ihr in die Augen.  „Ja. Genau darum möchten wir dich bitten.“

 

Kapitel 5

Die Schornsteinfegerleiter stöhnte leicht unter ihrem Gewicht, als die vier hintereinander die rostigen Metallsprossen hinaufkletterten. Noch immer blitzen die Sterne dort oben auf sie hinunter, die unschuldigen, kleinen Schäfchen, immer bewacht von ihrem sanft leuchtenden Schäfer. Wie es in allen Liedern hieß. Lu dagegen fand, dass der Mond überhaupt kein guter Schäfer war. Zwar schaffte er es, seine Sternenschäfchen immer in der gleichen Formation zu halten, aber sie zogen doch stets nur langsam über ihre mitternachtsblaue Weide und verschwanden auf der anderen Seite wieder, ohne dass es den Mond je kümmerte. Längst nicht so pflichtbewusst wie Lu selbst.

Elinor zog sich als Erste in die winterkalte Nachtluft hinaus, dann Felicia, die noch einmal den Arm in die rußgeschwärzte Röhre streckte, um Felipo hochzuziehen. Gut, dass er sofort ihre Hand griff, denn seine hätte sie in der tiefen Dunkelheit, die wie Rauch von unten im Kamin aufzusteigen schien, vermutlich nie gefunden. Lu bildete das Schlusslicht. Kaum war sie auf die schmale Ummauerung des Schachtes gesprungen, legte sie auch schon den Schwanz um die Hinterpfoten und begann, sich geflissentlich das Fell zu lecken. Als fürchte sie, die rauchige Dunkelheit könnte sich darin verfangen haben. Dabei ist es doch weißer als eine Wolke Schneestaub, dachte Elinor und musste lächeln. Ja, das kleine Gespenst. Noch so ein wunderbares Buch. Erst jetzt fiel ihr ein, dass ihr letztes immer noch unter ihrer Bluse steckte. Sie würde es später zurückbringen. Neben ihr trat Felicia von einem Fuß auf den anderen, ungeduldig, aber doch vollkommen lautlos. Lu spürte ihren ärgerlichen Blick im Nackenfell, doch sie ließ sich Zeit. Ein bisschen Rache war zuckersüß. Schließlich sprang sie auf Felipos Schulter.

Elinor kam alles seltsam unwirklich vor, als die drei Kinder über die Dächer der Mondstundenstadt liefen. So war es oft, wenn Dinge, die einem so vertraut sind, dass man glaubt, alles über sie zu wissen, plötzlich Kopf stehen. Wenn die Gedanken durcheinanderwirbeln wie wohl geordnete Papierstöße in einem kräftigen Luftzug.
Nun, da Felipo und Felicia sie auf so Vieles aufmerksam gemacht hatten, konnte Elinor nicht mehr glauben, wie blind sie gewesen war. Aber sie hatte ja auch immer nur an ihre Bibliothek gedacht. Jaja, Elinor, das ist alles, was in deinen dunkelhaarigen Kopf reingeht. Du lebst n deinen Büchern, ohne einen blassen Schimmer zuhaben, was um dich herum passiert.
Und doch… die ganze Zeit über hatte sie das Gefühl, schon einmal jemand anderen gesehen, aus der anderen Stadt, der durch ein Fenster hinaufgeblickt hatte zu den zwinkernden Wächtern der Nacht...
„Ist es noch weit?“ Felipos Stimme schreckte Elinor aus ihren Gedanken.
„Da siehst du mal, was ich immer laufen musste, wenn ich ihr hinterher geschlichen bin.“, brummte Lu. “Hab mir fast die Ohren abgefroren.“
„Nein. Nur noch…“, Elinor war es schon immer schwergefallen, Entfernungen abzuschätzen. „Nur noch ein kleines Stück.“

Als sie endlich den Dachfirst über Elinors Zimmer entlang balancierten, wünschte sich Elinor sehnlichst, sie hatte ihre Strickjacke mitgenommen. Doch die hing, sicher verwahrt und völlig nutzlos, über einem Pfosten ihres Bettes. Felicia hatte nicht einmal Schuhe an, doch sie verzog keine Miene. Entweder war sie es gewohnt, oder sie gehörte einfach zu den besonderen Menschen, denen man kein Gefühl ansehen konnte, die gelernt hatten, es zu verbergen.
Elinor tippte auf Letzteres.

Das dunstige Licht des Mondes spiegelte sich verschwommen auf den schwarz lasierten Dachziegeln und dem Raureif darauf. Elinors Fußspuren, die sie auf dem Hinweg darin hinterlassen hatte, waren schon beinahe wieder zugefroren. Doch sie erneuerte sie unweigerlich wieder, als sie sich vom Dachfirst hinunter in die Regenrinne gleiten ließ. Eigentlich bemerkenswert, dass sie ihr ganzes Gewicht tragen konnte.

Elinor wusste genau, welche zwei Ziegel die über ihrem Bild waren, sie hatte es schon so oft getan: Ihre blassen, schmalfingrigen Hände darauf gelegt, und zugesehen, wie sie zu leuchten begannen, Mondlicht, wie der Schimmer auf dem Bild, dass ihr Schlüssel zu dieser verzauberten Welt war. Meist schloss sie die Augen, sie liebte diesen leichten, blassen Schein, der durch ihre Lider drang, so ähnlich und doch so anders wie der erste Sonnenstrahl, wenn man aufwacht.
Doch dieses Mal wartete sie vergebens. Sie schlug die Augen wieder auf, das konnte doch nicht sein. Sie begann, die Ziegel nachzuzählen, vielleicht hatte sie sich ja doch vertan. Von der Schweißnaht in der Regenrinne fünf nach oben, dann drei zur Seite… doch, natürlich. Wieder drückte Elinor, dieses Mal etwas fester. Sie spürte, wie der Raureif ihr eisig ins Fleisch biss,
und nahm es doch gar nicht wahr...

„Elinor?“, fragte Felipo zaghaft, als zum vierten Mal begann,
die Ziegel abzuzählen. „Ich glaube nicht, dass du hier zurück kannst.“ Elinor wandte sich zu ihm um. Sie hatte Tränen in den Augen, doch es war ihr egal. Sollten die anderen doch denken,
was sie wollten. „Es ist hier!“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.
„Wirklich, ich weiß das doch, ich...“ Eine Träne tropfte auf die mondlichtbeschienenen Dachziegel und schmolz den Raureif darunter.  „Natürlich war es hier.“, sagte Felicia trocken. „Aber es ist verschlossen, wie wohl selbst du begriffen hast.“ Mit einem Seufzer ließ sie sich auf den Dachfirst sinken. „Wenn das kein Zufall ist. Jemand eine Idee, was wir jetzt machen?“
Manch einer hätte diese Reaktion als herzlos beschrieben, doch Elinor bestärkte Felicias praktische Weise, zu denken. Nach vorne zu blicken. Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht, hockte sich neben sie und dachte nach. Und plötzlich traf es sie, als wäre der blasse Gefährte, der oben zwischen den Wolken hing, herabgefallen. Nun begriff sie auch, wen sie gesehen hatte, wer aus einem Fenster die Mondstundenstadt betrachtet hatte, wen sie fragen konnten. Natürlich.
Es war nicht weit zu ihm.

Kapitel 6

Das Fenster des Studenten stand offen, als die Kinder dort ankamen. Wie ungewöhnlich.
Im Studierzimmer dahinter brannte kein Licht, die Farben wirkten verstaubt wie die der Mondstundenstadt draußen. Nur unter der Tür fiel ein schmaler Streifen goldenes Licht auf die blanken Holzbohlen. Etwas verlegen blieb Elinor vor dem Fenster stehen. „Hier ist es.“, murmelte sie abwesend, während sie überlegte, ob sie vielleicht an einen der verglasten Fensterflügel klopfen sollte. Doch Felicia nahm ihr die Entscheidung ab. Fast genauso lautlos und geschmeidig wie Lu schlüpfte sie geradewegs an Elinor vorbei, sprang leichtfüßig um Bücher, Stifte, Notizzettel, Bonbons, Büroklammern, all das, was auf dem Schreibtisch vor dem Fenster verstreut lag, herum und landete zwischen den Bücherstapeln auf dem Holzboden. Felipo, noch immer mit Lu auf der Schulter, folgte ihr. Nur Elinor zögerte einen Atemzug, nicht nur wegen der Höflichkeit, das war ihr im Moment herzlich egal. Sie wussten auch noch nicht, mit welchen Absichten der Student es geschafft hatte, das Lichtfenster zu öffnen. Doch dann folgte sie den anderen, auch wenn ihre Füße nicht ganz so geübt waren und sie beinahe ein Tintenfass umstieß, das leichtsinnig nah an der Tischkante stand.

Dicht zusammengedrängt standen sie inmitten der Bücherstapel und schoben sich gegenseitig auf die Tür zu. Sind wir nicht zu überstürzt hergekommen?, dachte Elinor. Wir hätten warten sollen, uns wenigstens überlegen, was wir sagen sollen. Wenn der Student uns nicht gleich wieder wegscheucht… Einen kurzen Moment war sie tatsächlich versucht, die anderen mit sich zu ziehen und wieder durch das Fenster in die mondgraue Welt zu verschwinden.

Doch der schmale Lichtstreif, das Licht der anderen Welt, das die Farben aufweckte aus ihrem nächtlichen Schlaf und ihnen den Staub von den bunten Kleidern blies, war einfach zu verlockend. Für Elinor war er wie das Fundstück eines Archäologen, der Schlüssel zu einer alten, für einige fast vergessenen und doch so wunderbaren Welt. Seltsam, wie sehr sie sie vermisste, dabei war sie doch gerade erst ein paar Stunden fort. Oder? Schon länger nagte der Verdacht an ihr, dass hier auch die Zeit anders lief.

Plötzlich war der ganze Raum mit dem goldenen Licht gefüllt. Felipo stolperte erschrocken rückwärts in einen Bücherstapel, fiel darüber und landete unsanft in einigen anderen, die ebenfalls gefährlich schwankten und hier und da zusammenstürzten und auf ihn niederregneten.
Felicia streckte ihre blasse Hand aus und zog ihn wieder hoch, während sie mit der anderen ihre Augen abschirmte gegen das Licht, so viel stärker als das der Kerzen in der Bibliothek, obwohl es die gleiche Farbe hatte. Wie viele Farben Licht haben konnte. Früher war ihr das nie aufgefallen. Auch Elinor kniff die Augen zusammen vor der plötzlichen, blendenden Kraft, doch ihre gewöhnten sich viel schneller daran als die der anderen. So sah sie dem Studenten zum ersten Mal wirklich ins Gesicht, denn natürlich war er es gewesen, der plötzlich die Tür geöffnet hatte. Offenbar genauso überrascht und erschrocken wie sie war er einige Schritte in den schmalen Flur zurückgewichen. Doch dann erkannte er, dass seine nächtlichen Besucher nur drei Kinder waren, sichtlich verängstigt, drei Kinder und eine Katze, die sich laut fauchend von der Schulter des Jungen auf die nun bedenklich schwankende Lampe gerettet hatte, als dieser stürzte.

„Hoppla“, sagte er und stand schon wieder im Türrahmen. „Was sucht ihr denn hier?“  
Wie groß er war. „Bitte“, stammelte Elinor. „Bitte, wir wollen nichts stehlen oder so.
Wir möchten sie nur etwas fragen, weil… weil…“ Sie brach ab, doch der Student schien ihr ohnehin nicht zuzuhören. Er musterte sie, einen nach dem anderen. Felipo, der doch tatsächlich versuchte, sich hinter Felicia zu verstecken, Felicia selbst, die leicht zitterte, seinem Blick aber standhielt, und Elinor, noch immer ihr Buch umklammernd. Sein Blick wanderte weiter zum Fenster, zu Lu auf der Lampe, zurück zu den Kindern, wieder zum Fenster. Er zog scharf die Luft ein. „Ihr kommt aus der Schattenstadt, oder?“ Er sprach so leise, dass Elinor ihn kaum verstand. „Schattenstadt“, dachte sie. Das ist auch ein schöner Name. Aber „Mondstundenstadt gefällt mir noch besser. Sie nickte. „Dann habe ich es wirklich geschafft!“
Der Student schien die Kinder völlig zu vergessen, hastete an den noch stehenden Büchertürmen vorbei zum Fenster und blickte hinaus. Dabei stieß er nun doch das Tintenfass um, das Elinor gerade noch so mühsam umgangen hatte. Es zersprang und breitete einen feuchten, tiefblauen Teppich über das Kapitel „Lunation“ eines Naturkundewälzers, der aufgeschlagen auf dem Boden lag.

Felipo und Felicia tauschten Blickte, halb erstaunt, halb belustigt. Sie konnten sich das Kindergesicht des Studenten nur zu deutlich vorstellen, wenn er früher erwartungsvoll unterm Weihnachtsbaum gesessen hatte, und die Flammen der Kerzen sich in seinen braunen Augen gespiegelt hatten wie jetzt die Sterne draußen. Und Elinor dachte, dass das Funkeln darin ein bisschen dem in den Augen von Felipo ähnelte.

„Diese Stille. Ich hätte es wissen müssen…“, murmelte der Student und lehnte sich noch weiter hinaus. „Ich hätte also doch zurückgekonnt, wir beide, die ganze Zeit über…“
Noch eine ganze Weile stand er so da, verloren im Raum hinter ihm die Kinder, die sich nicht zu rühren wagten. Dann, indem er sich offenbar mühsam an ihre Anwesenheit erinnerte, drehte er sich wieder um und sagte, plötzlich ganz sachlich: „Ihr sagtet, ihr wolltet mich um etwas bitten.“
„Ja“ Man sah Felipo an, wie erleichtert er war, endlich wieder zum Thema zu kommen.
„Und wie es aussieht, können Sie uns auch wirklich helfen.“

Kapitel 7

Hallo, hier kommt also Kapitel sieben. Ich bin mir bei diesem Kapitel an einigen Stellen nicht ganz sicher, würde mich also sehr über Verbesserungsvorschläge von euch freuen.

Das Wohnzimmer des Studenten war beinahe noch vollgestopfter als sein Studierzimmer. Die Bücher türmten sich auf dem Boden, auf einem großen Wandregal aus dunklem Holz, selbst auf dem einzigen Sofa. Elinor fühlte sich sofort zuhause.
„Tut mir Leid wegen der Unordnung“ Der Student räumte etwas verlegen die Stapel von der karierten Sitzfläche und bedeutete den Kindern, sich zu setzten. „Ich bekomme nicht allzu oft Besuch, wisst ihr…“

Er wuselte quer durchs Zimmer und kramte eine Packung krümeliger Kekse hervor, die er vor sie auf eine zerlesene Ausgabe von Burnetts „Der kleine Lord“ stellte.
„So“, sagte er, fegte einen Stoß Papiere von einem durchhängenden Sessel und ließ sich hineinfallen. „Also, ich habe natürlich tausend Fragen an euch, und ihr wolltet ja auch noch was, aber vielleicht fangen wir erstmal mit den einfachen Sachen an: Ich bin Raphael.“
„Felicia“
„Elinor“
„Felipo. Und das ist meine Katze Lu.“
Felipo hob sie von einem Berg Krimis und kraulte ihr die Ohren.

Lu aber, offenbar gar nicht glücklich, dass die Kekse nun wieder außerhalb ihrer Reichweite waren, zog den Kopf weg und streckte sich mürrisch aus. Trotz ihres kleinen Körpers lag sie gleichzeitig im Schoß von Elinor und Felipo, so dicht gedrängt saßen die Kinder. Nur für Felicia hatte sie noch immer keinen freundlichen Blick übrig. Das schien diese aber auch nicht sonderlich zu stören.
„Ich glaube nicht, dass wir Zeit für tausend Fragen haben.“ Sie lehnte sich auf dem Sofa zurück und verschränkte die Arme. „Unsere Lichtfenster haben sich geschlossen, und alles, was wir von dir wissen möchten, ist, wie wir sie wieder öffnen können. Wir…“
„Moment!“ Raphael nahm sich einen Keks. „Ich verstehe nicht ganz: Ihr kommt doch gerade aus der Schattenstadt, oder? Wie könnt ihr denn dort sein, wenn eure Fenster zu sind?“

„Aber das ist doch das Problem!“, rief Felipo.Lus Ohren zuckten erschrocken nach oben und ihre Krallen bohrten sich in die Oberschenkel der Kinder, auf deren Schoß sie lag. Elinor verzog das Gesicht, doch Felipo schien viel zu aufgeregt, um es überhaupt zu bemerken. Von seiner anfänglichen Zurückhaltung war kaum noch etwas zu spüren.
„Wir waren alle auf der falschen Seite, als sie sich verschlossen haben! Bei mir und Felicia ist das – glaube ich – sogar schon ein paar Monate her. Man kann die Tage ja nicht zählen.“
„Ich habe Felipo damals im Theater gefunden.“, erklärte Felicia. Elinor sah sie verwundert an. Noch nie hatte sie Felicia so offen reden hören. „Dort haben wir dann auch erstmal gelebt. Es hätte wirklich schlimmer kommen können, aber natürlich wollte… wollten wir trotzdem immer zurück. Und schließlich hat Lu Elinor bei dieser Bibliothek gefunden.“
„Ich hätte sie natürlich mitgenommen.“, sagte Elinor leise.
„Aber ausgerechnet heute kam auch ich nicht mehr zurück.“
Sie sah Raphael so hoffnungsvoll an, als hoffte sie, er könne sie auf der Stelle in ihre Dachkammer zurückzaubern. Doch der legte nur mit einem Seufzer die Füße auf einen der Büchertürme und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.

„Das hört sich wirklich abenteuerlich an.“, seufzte er. „Ich kenne dieses Theater, es ist schon sehr alt, obwohl es tagsüber noch immer in Betrieb ist. Als Junge bin ich in meinen – „Mondstunden“, sagt ihr? – manchmal dahingelaufen, und auch in deiner Bibliothek bin ich einige Male gewesen, Elinor. Ich bin ganz versessen auf Bücher, wie du vielleicht gemerkt hast.“
Er zwinkerte ihr zu, und Elinor lächelte zurück. „Oh ja, ich war beinahe überall. In dieser Zeit konnte ich frei sein, ohne meine Eltern, ohne Kontrolle durch sie. Ich habe alles erforscht, alles, wo man hinkommt. Das ist natürlich nicht jedes Haus, nur, was dazugehört, wie ihr sicher wisst.“

Elinor blickte ziemlich verständnislos, doch die anderen beiden nickten. Sie kannten diese Teile, Zimmer, Häuser, in denen man sich plötzlich in vollkommener Dunkelheit wiederfand, die kein Mondlicht durchdringen konnte und die Kerzenflammen verschluckte wie ein erdrückend großes, pechschwarzes Tier. Wo man sich so allein und verloren fühlte, dass man gar nicht anders konnte als den direkten Weg zurück einzuschlagen, selbst wenn auch in der Welt dort nur von blassem, geheimnisvollem Licht erhellt wurde.
„Mit wem warst du dort?“, fragte Felicia. „Ich wusste gar nicht, dass die Lichtfenster Eingang für zwei sein können…“
„Nein, das sind sie auch nicht!“ Verständnislos sah Raphael sie an. „Wie kommst du denn darauf? Ich war allein, immer, das war es doch, was mir so gut gefiel.“
Felicia zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts weiter.

Elinor hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sie hinauswollte, doch sie hatte es ohnehin recht schnell aufgegeben, Felicias Gedankengänge nachvollziehen zu wollen. Etwas Geheimnisvolles, beinahe Faszinierendes umgab dieses Mädchen. Elinor hatte schon mehr als einmal den Gedanken gehabt, dass Felicia eine fabelhafte Buchfigur abgeben würde. Und dennoch hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass etwas mit ihr los war. Auch wenn sie sich natürlich hütete, Felicia danach zu fragen.

Stattdessen schwirrte nun endlich die Frage, die ihr doch am meisten im Herzen und auf der Zunge brannte, an die Oberfläche. Sie schämte sich beinahe dafür, doch sie konnte sie einfach nicht mehr zurückhalten.
„Also hilfst du uns jetzt?“ Sie hatte deutlich lauter gesprochen als sie beabsichtigt hatte, und schon im nächsten Moment wäre sie am liebsten im schmutzigen Polster des Sofas versunken, als sich Felipo, Lu und Felicia sich erschrocken zu ihr umdrehten. Raphael aber lachte, so sehr, dass er beinahe den Bücherstapel einstürzen ließ, auf dem seine Füße ruhten.
„Ja, ja, natürlich helfe ich euch. Aber nicht mehr heue.“
Elinor und Felipo öffneten beinahe gleichzeitig empört den Mund, um zu protestieren, doch Raphael hob die Hand. „Es tut mir Leid, aber um euch zurückzuschicken brauche ich etwas, das ein bisschen Entstehungszeit benötigt. Einen halben Tag vielleicht, dann solltet ihr zurück können. In der Schattenstadt ist ja ohnehin immer Mondnacht für euch.“
Bildete Elinor sich den seltsamen Unterton in seiner Stimme nur ein? „Ihr könnt hier übernachten.“ Er lächelte wieder, doch selbst hierbei schien Elinor mit einem Mal etwas anders, auch wenn sie beim besten Willen nicht sagen konnte, was es war.

Die anderen überließen Elinor das kleine Sofa, selbst ihre dünnen Beine hingen noch ein ganzes Stück über die Armstützen, obwohl sie doch die kleinste der drei war. Felipo hatte es sich im Sessel bequem gemacht, natürlich mit der zusammengerollten Lu auf dem Schoß, und Felicia hatte darauf bestanden, auf dem Boden zu schlafen, zwischen all den Büchertürmen, das Gesicht beinahe verborgen hinter einem dichten Schleier aus rotem Haar. Ob sie die Geschichten zwischen den Seiten flüstern hörte, wie es immer in Büchern hieß? Elinor fragte sie nicht.
Nun, da sie so ruhig dalag neben ihren neugewonnenen Freunden, wusste Elinor nicht mehr, was sie denken sollte. Was sie sich wünschte. Sie wusste nicht, was geschehen sollte. Die Stadt im Mondlicht war für sie immer ein Zufluchtsort gewesen, und die Stunden, die sie dort und in Bücherwelten verbrachte, ihre allerschönsten. Und so sehr sie sich auch in die alte Welt zurückwünschte; der Gedanke, danach nie wieder in ihre Bücherstadt zurückzukommen,
ließ sich beinahe nicht ertragen.

Kapitel 8

Später konnte Elinor nicht sagen, ob sie geschlafen hatte oder nicht. Alles, was sie wusste, war, dass sie auf einmal aufrecht zwischen Raphaels Büchertürmen saß, schlaflos, ob nun wieder oder immer noch. Sie hörte Felipo neben sich atmen, tief und regelmäßig. Er also schien Schlaf gefunden zu haben. Im Zimmer war es dunkel, nur durch eine kleine Luke in der schräg zulaufenden Wand über Elinors Kopf viel ein wenig Mondlicht. Sie konnte die Schemen der Stapel im Zimmer ausmachen, den Sessel, in dem Felipo schlief – und einen Schatten bei der Tür.

„Felicia?“ Ihre Stimme klag dünn und hilflos in dem von Dunkelheit gefüllten Raum. Der Schatten reagierte nicht, doch Elinor glaubte, nun auch Rapaels Stimme vernehmen zu können. Ja, er telefonierte. So leise sie konnte stand sie auf und schlängelte sich zwischen den Büchern auf die Tür zu. „Nicht so laut!“, zischte der Schatten. Es war also doch Felicia.
„Warum belauschst du Raphael?“ Vorsichtig hockte Elinor sich neben sie.
„Leise, sag ich! Ich traue ihm nicht.“
„Warum nicht?“
„Sei endlich still und hör zu, vielleicht verstehst du es dann.“
Felicia legte ihr Ohr wieder an die Tür, und diesmal tat Elinor es ihr nach. Es fühlte sich falsch an, Raphael zu belauschen, Raphael, der sie schon bei sich übernachten ließ, der ihnen helfen wollte.

Seine Stimme war durch das karamellfarbene Holz der Tür nur gedämpft zu vernehmen, doch Elinor vestand jedes Wort: „... schlafen jetzt, im Wohnzimmer. So tief, wie nur Kinder das können!“ Er lachte. „Was? ... Nico, ich sag dir doch, es sind Kinder. Diese Rothaarige ist ein weing seltsam, aber sie würden alles machen, um nach Hause zu kommen. In den Raum reinzukommen, ist nicht besonders schwer – für Kinder in der Schattenstadt. Ich war ja selbst dort. Verflucht, wenn ich es nur damals schon gewusst hätte! Aber ich war ein dummes, kleines Kind, der Spiegel hat mir Angst gemacht. Wie auch immer, sie werden mitmachen. Und wenn sie nicht wollen, können wir auch ein bisschen nachhelfen...“ Felicias Gesicht war noch blasser geworden, als es ohnehin schon war. Und zum ersten Mal glaubte Elinor, einen Schatten ihrer eigenen Emotionen in ihren Augen zu sehen. Anspannung. Verständnislosigkeit. Und Furcht.

„Weck Felipo!“ Felicias Stimme klang so scharf, dass Elinor gar nicht erst wiedersprach.
Sie stolperte in der Dunkelheit hinüber zu dem Sessel, in dem Felipo mit Lu schlief, durch Bücher und Papierstapel. In ihrem Kopf überschlugen sich die  Gedanken. Was wollte Raphael, dass sie für ihn taten? Wer war Nico? Warum hatte er vor einem Spiegel Angst...

„Felipo!“
Felipo fuhr so erschrocken hoch, dass Lu beinahe von seinem Schoss rutschte. „Was ist...?“
Elinor presste ihm die Hand auf den Mund, seine Stimme hatte die dunkelheitdurchtränkte Stille durchschnitten wie das Knacken eines Zweiges die schläfrige Morgendämmerung im Wald. Einen quälenden Moment lang glaubte Elinor, Raphael innehalten zu hören. War es nicht seltsam, wie  ein vermeindlicher Freund, jemand, dem man vertraut hatte, durch ein paar Sätze zu jemandem wurde, vor dem man sich fürchtete? Endlich, nach einigen schreckerfüllten Sekunden, hörte sie ihn wieder. Offenbar gehörte er zu jenen seltsamen Menschen, die beim Denken und Reden ständig auf und ab gehen mussten.

Die Müdigkeit verschleierte Felipos Augen, als hätten sich Wolken vor die funkelnden Sterne darin gezogen. „Was ist los?“, flüsterte er noch einmal, nachdem Elinor die Hand von seinem Mund genommen hatte, und rieb sich die Augen, als wollte er die Wolkenschleier fortwischen.
„Wir erklären es dir später.“ Felicia stand so plötzlich neben Elinor, wie sie schon in der Bibiliothek aufgetaucht war.  Das schien so lange her... Sie zog Elinor unter die Dachluke und stieß sie auf. Kühle Nachtluft strömte ihnen ins Gesicht, als hätte sie schon die ganze Zeit draußen gewartet. Elinor glaubte Felicias Anspannung zu spüren, als diese ihr half, sich auf das Dach hinauszuziehen. Es war steil, und auf dem seifgefrorenen Moos darauf fanden ihre Schuhe noch schwerer Halt, doch sie hatte Übung darin und im Nu den Dachfirst erklommen. Felicia half noch Felipo, dann zog sie sich selbst nach oben und schloss die Luke hinter sich. Sie tat dies so geschmeidig und lautlos, dass es Elinor unwillkürlich mit Bewunderung erfüllte. Obwohl sie das nicht wollte.

Schon standen sie alle auf der schmalen Spitze des alten Daches. Felicia ging wie selbstverständlich in die Hocke und ließ sich auf der anderen Seite die bewachsenen Ziegel hinuntergleiten, grün-schwarz marmorierte Reihen, die hier von keinem Fenster unterbrochen wurden. Natürlich, sie konnten nicht den Weg am Studierzimmerfenster vorbei nehmen, dort war die Gefahr, entdeckt zu werden, zu groß. Voller Unbehagen warf Elinor noch einen Blick zurück zum Fenster, ob Raphael vielleicht schon dastand und ihnen folgen wollte. Doch hinter der Luke war nur die tiefschwarze Dunkelheit, als hätte sich selbst dieses Fenster gegen sie verschlossen.

Kapitel 9

Noch immer hing zwischen den Häusern die beinahe unheimliche, sternenklare Stille,  die genauso zu diesem Ort zu gehören schien wie die silbrigen Fäden, die das Mondlicht spann und zu luftleichten Teppichen verwob. Fliegende Teppiche. Komm, schienen sie zu flüstern, mit stillen Stimmen, komm, wir nehmen dich mit zu einer Reise auf Mondenschein, zu einem neuen Ort im Silberlicht. Früher hatte Elinor sich immer vorgestellt, dass auf dem Mond winzige Feen lebten, blass und durchsichtig, silbrig fein. Jede von ihnen verströmte ein kleines Licht, gemacht aus den Träumen der Kinder, und gemeinsam brachten sie den Mond zum Leuchten. Alle gemeinsam. Nur manchmal verirrte sich eine von ihnen zur Erde, dann setzte sie sich auf ein Fensterbrett und sang, leise Lieder, traurige Lieder. Doch keiner außer Elinor hatte sie je gehört.

Im Moment hörte auch sie selbst nur ihren eigenen, keuchenden Atem, viel zu laut in der tiefen Stille, das Trommeln ihres Herzens, das weiterraste, als hätte es noch nicht begriffen, dass sie inzwischen wieder langsamer gingen. Elinor stolperte hin und wieder, denn auf einmal war die Müdigkeit wieder da, lähmte den Wirbel ihrer Gedanken, bis er kaum noch mehr war als der kaum spürbare Luftzug, der um die Schornsteine der nächtlichen Stadt strich. Nicht lang, und sie blickte nur noch auf ihre dünnsohligen Schuhe hinab, die  dahinstolperten, über Teer auf flachen Dächern und schiefe Ziegel, die aussahen, als wären sie so alt wie die Stadt selbst.

Meine Güte, Elinor!, sagte sie streng zu sich selbst. Es kann doch nicht so schwer sein, ein paar Stunden länger wach zu bleiben! Wie oft hast du schon bis spät in die Nacht gelesen, hast dich geärgert, wenn es dir verboten wurde? Aber, obwohl sie es nie hatte glauben wollen, es war doch immer etwas anderes, ob man Abenteuer zwischen Buchstaben oder in der eigenen Stadt erlebte. Die Helden in Büchern wurden nie müde. So müde… Wieder stolperte sie beinahe, hatte sich an einer Antenne verfangen, doch Felipos Hand tauchte sofort aus der Dunkelheit auf und hielt sie oben. Elinor brachte ein dankbares Lächeln zustande, auch wenn es vermutlich genau so flackerte wie ihre Augenlider. So müde...

Schau dir Felicia an! Sieht sie etwa müde aus, obwohl sie sich noch weniger ausgeruht hat als du? Nein. Nein, natürlich nicht. Felicia schritt voraus, so sicher, als hätte sie einen Stadtplan im Kopf. Sie hielt sich genau so aufrecht wie immer und ihre grauen Augen blickten genauso wachsam. Lernte man so etwas, wenn man nur lange genug in der Mondstundenstadt lebte?
Felipo ging dicht hinter ihr. Sie bewunderte ihn für seine Gelassenheit.  Er war ihnen wortlos gefolgt, nachdem die beiden Mädchen ihn so unsanft aus dem Schlaf gerissen hatten, ohne irgendwelche weiteren Fragen. Er und Felicia schienen sich wirklich blind aufeinander zu verlassen.

Sie mussten durch die halbe Stadt gelaufen sein, während unter ihnen der Nebel über den Gassen und Kanälen dünner wurde und nach und nach Mondlicht auf die jahrhundertealten Steine scheinen ließ, auf die Brücken und zwischen die Schatten der uralten Häuser.

Auf einmal glaubte Elinor den kleinen, häuserumstandenen Platz zu kennen, der links von ihnen lag, ausgelegt mit Mondlichtteppichen. Einer der vielen solcher Plätze in dieser Stadt.
Die Grimassen, die in den Stein des kleinen Brunnens gemeißelt waren, hatte die feuchte Luft in all den Jahren so sehr zerfressen, dass sie kaum noch als solche zu erkennen waren. Doch der Mast daneben war so rot, dass man es selbst in dem blassen Licht, das ihn erhellte und andere Farben verwischte, noch gut erkennen konnte. Dünn wie eine Nadel ragte er in die Höhe, den kleinen goldenen Ball an der Spitze fast auf der gleichen Höhe, auf der die Kinder sich bewegten. Doch, natürlich kannte sie ihn. Oft hatte sie mit einem Buch auf den Brunnen gesessen, im Sommer, wenn es nur langsam dunkel wurde, und die Erwachsenen beobachtet, wie sie die Stufen zu der braunen Doppeltür, größer noch als die in der Bibliothek, hinaufgestiegen waren. An diesem Platz lag ein Theater. Sie waren angekommen.

Kapitel 10

Elinor hatte erwartet, dass sie erneut durch ein Schlupfloch in das große Haus gelangen würden, durch ein kleines Garderobenfenster vielleicht oder einen Lüftungsschacht. Doch zu ihrer Überraschung ließ Felicia vor ihr sich an einem Regenrohr auf einen kleinen Balkon voller alter Blumenkästen in einer schmalen Seitengasse hinab, dann an ein Fenstergitter noch ein Stockwerk tiefer. Die letzten paar Meter musste sie springen, doch sie landete genau so leise und leichtfüßig auf den von der Zeit gezeichneten Pflastersteinen, als hätte sie Lus Katzenpfoten. Sofort verschmolz ihre Gestalt mit den Schatten, die tatsächlich die gleiche Farbe hatten wie ihre Augen und die noch immer die schmalen Gassen verdunkelten, als hätten sie sich hier vor dem Mondlicht auf dem Campo versteckt. Elinor war stolz darauf, wie gut sie Felicia das alles schon nachtun konnte, doch vor dem Sprung zögerte sie.
„Komm schon! Es ist nicht so tief, wie es aussieht!“
Sie glaubte, Felicia unter sich leise lachen zu hören. Elinor schluckte und suchte in ihrem müden Kopf nach ein bisschen Mut. Beim ersten Versuch klammerten sich ihre Hände so krampfhaft an das Gitter, dass sie zurückgerissen wurde, obwohl sie doch wirklich springen wollte. Doch beim zweiten Mal klappte es.

Felicia hatte Recht, man war schneller unten, als man erwartete, und Elinor verstauchte sich nicht einmal den Zeh. Dennoch gaben ihre Beine unwillkürlich nach, und das Kinn schlug hart auf ihr Knie. Der Schmerz schien in ihrem Kopf zu vibrieren und es war, als wären ihre Zähne ineinander verharkt, sodass sie ihren Kiefer nicht  mehr öffnen konnte. Benommen blieb sie sitzen, die Augen geschlossen, während die Mondstundenstadt um sie herum zu schwanken schien und ihr mit ihrer Stille auf die Ohren drückte.
„Elinor? Geht es dir gut, ist was passiert? Elinor!“ Felipos aufgeregte Stimme drang zu ihr durch. Elinor hatte nicht bemerkt, dass er neben ihr gelandet war, doch vermutlich beherrschte er diesen Weg ebenso gut wie Felicia. Eine Hand, kräftiger, als sie es von einem ihrer Freunde erwartet hätte, zog sie hoch und Elinor öffnete die Augen wieder. Zuerst verschwammen die Gesichter der anderen, die Sterne in Felipos Augen tauschten mit denen am Himmel ihren Platz und wieder zurück, doch nach wenigen Sekunden festigte sich alles. Nur das dumpfe Gefühl der Müdigkeit in ihrem Kopf blieb, als die drei Kinder aus der schmalen Gasse hinaus auf den mondlichtbeleuchteten Campo traten.

Bei Nacht sah er anders aus als am Tag, doch beinahe noch schöner. Das leichte Licht  nun zeichnete die Konturen weicher als sein Bruder am Tag, und half so manchem uralten Putz an den Häusern, die den Platz säumten, zu verbergen, wie spröde und rissig er schon war.
Der am Theater selbst dagegen, dem mit Abstand größten Gebäude hier, war makellos und glatt, als wäre er gerade frisch gestrichen worden. In hellem Beige, ziemlich schlicht, nur mit kastanienbraunen Fensterbrettern vor den schwarz verhängten Scheiben. Elinor kannte diese Einzelheiten, trotz des verwischenden Mondlichts, weil sie selbst einmal zugesehen hatte, wie es die Farbe neu aufgetragen wurde, von hohen Leitern aus auf der ganzen Fassade verteilt.
Und weil sie sich früher oft geärgert hatte, dass die Simse nicht wenigstens golden verziert wurden, und gefragt, warum die Erwachsenen sich dafür so fein machten. Nun ja, Erwachsene waren meistens etwas seltsam. Vielleicht sah es ja innen prächtiger aus? Sie sollte es gleich erfahren.

Wie auch im, sozusagen, normalen Venedig nach Vorstellungsschluss war die Tür mit einem Vorhängeschloss versehen, vor das Felicia sich kniete. Elinor konnte nicht sehen, was genau sie tat, doch schon nach kurzer Zeit sprang es leise auf.
„Wie hast du so was gelernt?“ Elinor hasste sich für die Bewunderung in ihrer müden Stimme.
„In Büchern.“, sagte Felicia, ohne sie anzusehen und drückte einen der Türflügel auf. Bücher? Elinor hätte viele Antworten erwartet, doch ganz bestimmt nicht diese. Felicia mochte Bücher?
Das passte gar nicht zu ihr… Aber was weißt du denn schon über sie, Elinor? Was weißt du über sie, über Felipo, über ihr Leben, bevor sie hierherkamen? Gar nichts, gab sie sich selbst die Antwort, weil ich nur daran gedacht habe, wie ich selbst wieder nach hause kommen kann.
Und erst jetzt, wo Müdigkeit den Kopf doch lähmen soll, kommen mir wirklich wichtige Gedanken. Oh ja, es gab so viel, das sie die anderen fragen musste. Aber nicht mehr heute.

Elinors Vermutung bestätigte sich, denn schon die Eingangshalle des Theaters war mit Teppich ausgelegt, sogar die Wände, mitternachtsblau mit Goldstickerei. Er musste wunderschön glitzern, wenn das Licht von den gewaltigen Leuchtern darauf fiel, schon ein Vorgeschmack auf die fabelhaften Welten, in die Theaterstücke ihre Besucher entführen konnten. Doch nun hatte die große Halle etwas eigenartig Trostloses; die vielen verlassenen Stühle an leeren Tischen, der Getränketresen, einsam im Mondlicht, die Portraits der Schauspieler und Sänger an den Wänden, die aufgesetzt in den leeren Raum lächelten, durch den nur drei Kinder hasteten, verloren unter der hohen Decke. Elinor war beinahe froh, dass sie hier nicht länger blieben, sondern zielstrebig weitergingen, durch die breiten, nicht weniger prächtigen Flure, die die Halle mit dem Zuschauerraum verbanden, vorbei an weiten Treppen zu den oberen Rängen und hölzernen Garderobenständern. An einem Haken hing ein einsamer Hut.

Im Zuschauerraum gab es kein Fenster, nur durch die Tür, durch die die Kinder sich schoben, fiel Licht auf die ersten paar Sitze, sodass Elinor die Reihen endloser staubig-roter Polster nur erahnen konnte, die sich in diesem riesigen Raum bis in den zweiten Rang zogen. Und kaum schloss Felicia die Tür wieder, waren sie in vollkommene Dunkelheit gehüllt. Elinor fasste instinktiv nach Felipos Arm, doch er löste ihre Hand sanft wieder.
„Du wartest mit Felicia hier.“, flüsterte er, und schon spürte sie ihn in der Dunkelheit davonhuschen, in die Richtung, in der sie die Bühne vermutete. Du wartest mit Felicia hier. Natürlich. Warum sollte er sich auch sie Mühe machen, ihr irgendetwas zu erklären? Dass sie von Felicia etwas erfuhr, war wohl mehr als unwahrscheinlich, aber könnte nicht wenigstens Felipo so freundlich sein, ihr etwas zu sagen, immerhin ein bisschen? Selbst, dass sie in ein Theater gehen würden hatte sie nur gewusst, weil Felicia es in ihrem Gespräch mit Raphael erwähnt hatte! Aber… mit Raphael?
„Felicia!“, zischte Elinor. „Wir können hier nicht bleiben. Raphael weiß von diesem Theater, er hat gesagt, er kennt es!“ „Es gibt mehr als nur ein Theater in Venedig.“, sagte Felicia geringschätzig. „Er kann es gar nicht kennen, das war es doch, was mir zuerst aufgefallen ist. Eine der vielen Sachen seinerseits, die gelogen waren.“ Sosehr es sie ärgerte, dass Felicia schon so früh bemerkt hatte, dass mit dem Studenten etwas nicht stimmte, Elinors Herz wurde sofort leichter, als sie dies hörte.

Und wie zur Bestätigung dieses Gefühls ging links von ihnen, auf der Bühne, plötzlich ein Scheinwerfer an, beleuchtete genau die Mitte der Bühne und tauchte selbst den Zuschauerraum in ein genügend Licht. Dann trat Felipo mit einem breiten Grinsen zwischen den schwarzen Vorhängen an der Seite der Bühne hervor, stellte sich mit ausgebreiteten Armen direkt in das grellweiße Licht und verkündete: „Meine Damen! Obwohl ich immer noch nicht so ganz durchschaue, weshalb wir so überstürzt hierher zurückkehren mussten, heiße ich Sie dennoch herzlich willkommen in unserem Silberlicht-Theater – das Felicia so getauft hat, warum, weiß ich nicht. Ich hoffe, sie werden nach einer kleinen, dringend nötigen Schlafpause eher bereit sein, meine Fragen zu beantworten, doch nun möchte ich sie nicht länger von dieser abhalten.
Bitte folgen Sie mir!“

Er verbeugte sich spöttisch vor seinem Zwei-Mädchen-Publikum, das grinste – ja, selbst Felicia, obwohl Elinor das in diesem Moment nicht auffiel – und applaudierte. Auch wenn ihr Händeklatschen in dem seltsam großen Raum beinahe von der Stille erstickt wurde. Und trotz ihrer Müdigkeit dachte Elinor, dass sie wahrscheinlich in den letzten Stunden die geheimnisvollsten, besten Freunde ihres Lebens gefunden hatte. Oder war es nur der gemeinsame Wunsch, der sie zusammenhielt?

Kapitel 11

Erst, als Elinor die Augen aufschlug, nahm sie die Musik wirklich wahr.
Sie kam aus der Richtung der Bühne, kein besonders schweres Klavierstück, doch wunderschön gespielt. Felipo? Felicia? Dass es Lu war bezweifelte Elinor, doch vielleicht spukte es in dem immer nächtlichen Theater ja auch? Langsam hatte Elinor das Gefühl, dass sie nichts mehr überraschen würde.Vielleicht überrascht dich deine Vorstellungskraft ja auch grade, indem sie dafür sorgt, dass du dir Musik einbildest, die überhaupt nicht vorhanden sein kann! Versuch einfach, wieder einzuschlafen, selbst bei den verrückten Zeitverhältnissen hier kann es doch noch nicht schon Morgen sein, sagte irgendeine schnippische Stimme, die sehr nach ihrer Mutter klang, in ihrem Kopf. Doch wann hatte sie je wirklich auf ihre Mutter gehört?
Ihre verplante, immer gestresste Mutter, die es zwischen ihren tausend „furchtbar anstrengenden“ Jobs doch immer schaffte, die Bücher, die ihre Tochter las, zu kontrollieren.
Und wehe, eines war spannend genug, sie abends zu lange wach zu halten!

In einem Anflug von Trotz strampelte Elinor die vielen Stofflagen des schweren Rokokokleides, das Felicia als improvisierte Decke aufgetrieben hatte, weg und erhob sich von dem grauenvoll geblümten Klappsofa, auf dem sie geschlafen hatte. Es stand im großen Nebenraum der Bühne, wo die Kulissen und Requisiten unterschiedlichster Theaterproduktionen darauf warteten, im richtigen Moment auf die Bühne gebracht zu werden. Elinor bedauerte einmal mehr, nie in diesem Theater gewesen zu sein, so kuriose Dinge waren darunter; seltsame, altmodische Straßenlaternen, die an dem riesig vergrößerten Gemälde eines Mädchens lehnten. Ein Rollständer voller grellorangener Bauarbeiteranzüge, eine meterlange Banane aus Pappmachée,
ein Kerzenständer, in dem Tulpen steckten, ein Panorama Venedigs in Gelb- und Lilatönen, eine beeindruckende Sammlung von Telefonen im Stil aller möglichen Zeitalter. Bei den meisten konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, zu was für einem Stück sie passen könnten, aber mit dem Theater war es wohl wie mit den Büchern: Man konnte zeigen, spielen und sich vorstellen was man wollte, verrückt, verdreht und fantasievoll. Denn was wären Bücher ohne Fantasie?

Einige der Stellwände und Kulissenteile waren so hoch, dass Elinor sich unwillkürlich käferklein und eingeschüchtert fühlte, als sie so leise wie möglich zwischen ihnen hindurchging, der Stimme des Klaviers nach. Der Weg zur Bühne war durch fünf Aufgänge markiert, alle hintereinander reichten sie vom vorderen Bühnenrand bis ganz nach hinten, nur getrennt durch lange, schwarze Stoffbahnen. Sie waren so hoch oben aufgehängt, dass es schien, als tröpfelte die Dunkelheit an der Decke bis auf den Boden der Bühne hinab. Elinor schob sich zwischen die letzten beiden und trat vorsichtig auf die schwach beleuchtete Bühne. Der Flügel stand auf der rechten Seite der Vorbühne, etwas außerhalb des Scheinwerfers, den die Kinder auch dann brennen ließen, wenn sie schliefen. Es war das einzige funktionierende Licht im Vorführraum, beleuchtete die Dinge aber nur von einer Seite und ließ ihre Konturen ungewöhnlich scharf hervortreten.

So sah Elinor Felicia beinahe im Profil. Sie trug ein schlichtes, schwarzes Kleid, vermutlich aus dem Kostümfundus, und hatte ihre rote Mähne mit einer Spange zurückgesteckt. Ihr rechter Fuß trat das Pedal so rhythmisch wie das Schlagen eines Herzens.Völlig ruhig und aufrecht saß sie da, während ihre schmalen, blassen Finger über die Tasten tanzten, und doch ließ sie die Musik anschwellen, wie eine Welle, die beim Zurollen auf den Strand größer und größer wird, ließ den Klang in dem großen Raum aufsteigen, füllte ihn aus, bis die Welle brach. Bis das Wasser sich wieder zurückzog, die Musik leiser wurde und nur noch glitzernder Schaum auf dem Ozean war,
hell schimmernd unter der hohen Decke treibend...

„Das ist wunderschön.“ Felicias Finger hielten inne, manchmal nur Millimeter über den Tasten.
„Ich… ich habe dich nicht kommen hören.“ Sie wich Elinors Blick so beschämt aus, als hätte sie sie bei etwas Verbotenem ertappt. „Wie lange stehst du schon da?“
„Ach, erst ein paar Minuten.“ Zögernd trat Elinor neben das Klavier. „Was ist das für ein Stück?“
„Es heißt Laprés-midi.“ Felicia stand auf und klappte den glänzenden Deckel wieder über die weiß-schwarzen Reihen, die so wunderbare Klänge zaubern konnten. Laprés-midi. Der Nachmittag. Ein ungewöhnliches Stück in einer Mondstundenstadt. Beinahe wie ein Traum, ein verdrehter Traum. Oder beinahe wie Elinors Wunsch.
„Glaubst du, wir kommen je wieder nach Hause?“ Elinor setzte sich an den Bühnenrand und blickte hinauf an die Decke, wo nun statt hell glitzerndem Musikschaum nur noch Dunkelheit trieb. „Ich weiß es nicht.“ Wider Elinors Erwarten hockte Felicia sich behutsam neben sie. „Ich würde so gerne etwas Anderes sagen, aber ich kann es wirklich nicht sagen. Felipo und ich – und Lu – haben so viel versucht, weißt du, und landen doch immer wieder hier. Ein bisschen wie die Odyssee, was?“

Was war denn auf einmal mit Felicia passiert? Wo war die alte, abfällige, kalte hin verschwunden? Geschmolzen, was? Zu Wasser geworden, im Strom eines Klavierstücks.
Elinor sah sie von der Seite her an, und ihr war plötzlich, als lebten in diesem Mädchen zwei Felicias; die eine ständig, außen, kühl und unnahbar, die andere einfühlsam, beinahe fürsorglich. Diese war es wohl auch, die Felipo so sehr mochte, und die sich öffnete, wenn sie spielte.
Einzig die Schattenaugen blieben verschlossen. Doch durch dieses Erkennen brach völlig unerwartet auch Elinors Schutzwall aus Selbstbeherrschung und Trotz, den sie sich vor Felicia errichtet hatte, ihre Nasenflügel begannen verdächtig zu beben, und als sie versuchte, den Kopf abzuwenden, hatte Felicia die Tränen schon gesehen. Und sie. Nahm Elinor in den Arm. Selbst ihre Mutter hatte sie seit mindestens zwei Jahren nicht mehr so umarmt. Natürlich, ein kurzes Drücken vorm Schlafengehen – „Gute Nacht, Elinor, und wehe, ich erwische dich noch beim Lesen!“ -, doch ganz bestimmt nicht so.

Felicias Haare kitzelten sie im Nacken, und erinnerten Elinor daran, wie ihr Zopf den Einband ihres letzten Buchs gekitzelt hatte, das nun vergessen bei Raphael lag, bevor ihr Lichtfenster sich zum vielleicht letzten Mal geöffnet hatte, vor schier so endlos langer Zeit, als noch alles so geordnet gewesen war. Die Erinnerung stach ihr ins Herz, in diesem Moment war das Kind so viel stärker als ihr Hochmut und sie vergrub schluchzend den Kopf in Felicias wunderschönen Haaren, während all das Erlebte der letzten Stunden über ihr brach wie eine Welle aus tausend angestauten Wassertropfen. Felicia hielt sie fest. So kurz, so lang.

„Danke.“, schniefte Elinor schließlich und zog die Nase hoch. Keine der Mädchen hatte ein Taschentuch. „Du bist gut im Trösten.“
„Ich bin keine völlige Anfängerin in so was.“ Sofort versteifte sich der Arm um Elinors Schulter. Dann zog Felicia ihn ganz weg und stand auf. „Ich habe Felipo alles erzählt.“, sagte sie zu den Saiten im Flügel, in einem Tonfall, als wären die letzten Minuten nicht gewesen. „Jetzt reg dich bitte nicht deswegen auf, er wollte das so, meinte, ich solle dich schlafen lassen, du wärst so müde gewesen.“ Eine kleine, sehr seltsame Pause entstand, in der keiner der beiden Worte fand, dann murmelte Felicia etwas, das mit viel Fantasie wohl als „Gute Nacht“ zu deuten war.

Elinor saß allein am Bühnenrand und sah ihr nach, noch lange nachdem Felicia zwischen den dunkelschweren Vorhängen verschwunden war, bestürzt durch den plötzlichen Abbruch ihres Gesprächs und den Kopf voll kreidender Worte und Gedanken darüber. Bis Felipo sie beinahe zu Tode erschreckte, als er sich plötzlich an einem der tausend Seile vom Schnürboden herabließ und deutlich härter als geplant auf dem Bühnenboden aufschlug. Und sie kannte seine Augen inzwischen gut genug, um in ihnen zu sehen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

Kapitel 12

Lu. Oh nein.
„Diese verflixte Katze!“, hätte Felicia bestimmt gesagt, denn Lu schien wirklich etwas zu sein, mit dem sie sich absolut nicht abfinden konnte. Sie hätte sich vielleicht nur lustig gemacht über Felipos panische Reaktion, als ihm bewusst wurde, wo sie sein musste.Vielleicht war das der Grund, warum er darauf bestand, dass sie ihr nicht sagten, dass sie ihretwegen zurückmussten. Ein kurzer Zettel, schnell auf Felipos Diktat hingekritzelt und auf dem Deckel des Klaviers zurückgelassen, das musste reichen.

Liebe Felicia,
Lu ist noch bei Raphael. Wir müssen zurück und sie holen,
du weißt doch, wie wichtig sie mir ist. Wir sind bald wieder da. Bitte sei nicht wütend.

„Sie wird furchtbar wütend sein.“, stellte Elinor trocken fest, als die beiden Kinder sich durch die noch offene Tür aus der trostlosen Eingangshalle in das schwebende Mondlicht auf dem Campo schoben. Sie rannten erst ein Stück durch die Gassen, so dunkel, dass sie den Jungen vor sich zeitweise nur als keuchendes Atmen wahrnehmen konnte. Es war beinahe ungewohnt, wieder durch die Gassen der uralten Stadt zu laufen, nachdem sie doch auf dem Hinweg den Weg über die Dächer benutzt hatten. Elinor wusste nicht, was ihr lieber war. Die Gassen hatten etwas wunderbar vertrautes, etwas, woran sie sich festhalten konnte, eine Verbindung zu ihrem alltäglichen Leben. Auch wenn es immer hieß, dass sich jeder, der nicht in Venedig geboren worden war, furchtbar schnell zwischen den alten Häusern verlief, Elinor liebte diese verschlungenen Wege, wo sich hinter jeder Ecke eine Geschichte zu verstecken schien.
Der Weg über die Dächer hatte für sie schon immer Freiheit bedeutet. Eigene Wege entdecken, über Giebel, Gauben und Gewächshäuser, über Stille in winterkaltem Mondlicht.
Wenn die Zeit still zu stehen schien.

Nun schien plötzlich alles wieder so schnell zu gehen, als hätte jemand den Zeitraffer angeschaltet, und Elinor kam sich vor wie eine Schlafwandlerin in einer Traumwelt, wo man die eigenen Bewegungen nur wahrnimmt, als würde ein anderer sie ausführen. Und gleichzeitig wurde ihr zum ersten Mal vollends bewusst, dass sie wohl gerade in einem wirklichen Abenteuer steckte, wie in einem Buch. Warum stand da nie, wie anstrengend so was war? Naja, wahrscheinlich würden Helden auch nicht halb so heldenhaft wirken, wenn sie die ganze Zeit müde wären und verlorene Katzen zurückholen würden… Elinor war es egal, ob sie jetzt eine gute Heldin war oder nicht, dieses Abenteuer würde doch ohnehin niemand aufschreiben oder lesen. Wäre Elinor nicht mittendrin gewesen, hätte sie gern das Buch zugeklappt. Bislang war ja auch nichts Schlimmes passiert. Hätte sie gedacht. Wenn sie nicht selbst dringesteckt hätte,
und alles selbst gespürt hätte, die Angst, die zeitweise Freude und die Verzweiflung, die man sonst nur durch die Augen eines anderen mitbekam. Elinor hätte gern allen gratuliert, die es nur durch ihre Augen miterlebten.

Es war ein seltsames Gefühl, das Theater, wie ein neu gewonnenes Zuhause, schon wieder verlassen zu haben, wenn auch nur für kurze Zeit. Hoffentlich. Denn obwohl sie es sich natürlich selbst nicht eingestehen wollten, hatten sie keine Ahnung, wie sie wieder in die Wohnung des Studenten kommen sollten, ohne dass er es bemerkte. Und Angst, erneut erwischt zu werden, noch viel größere Angst als beim ersten Mal.

Dem Wasser unter der Brücke, auf der die beiden schließlich keuchend stehen blieben, sah man bei Nacht kaum noch etwas von dem vielen Schmutz an, der es bei Tageslicht so ungesund grün-blau färbte. Eine Tiefe, schwarz, als wäre ein gewaltiges Tintenfass in der Lagune ausgelaufen. Nur die Sterne trieben auf dem Wasser, ein zweiter, gekräuselter Himmel, der mit seiner Stille und Schönheit eine heile Welt vorgaukelte, die es für Elinor seit dem Verlöschen eines Fleckens Mondlicht auf dem Dach nicht mehr zu geben schien. Sie sah Felipo von der Seite her an, der wortlos in die undurchsichtige Tinte starrte und wie sie nach Atem rang,
dem wohl einzigen Grund, warum er überhaupt angehalten hatte. Sie suchte in seinen Augen nach dem altbekannten Funkeln, doch da war nichts als die Spiegelung der zweiten, toten Sterne auf dem Wasser. Lu schien ihm wirklich viel zu bedeuten, das war ihr bisher gar nicht so klar gewesen. Natürlich, er hatte immer auf sie geachtet, viel mehr als Felicia, doch dass er so verzweifelt war wegen ihr… Ihr selbst war de Katze nicht besonders wichtig, wenn sie ehrlich war, sie war nicht einmal sicher, ob sie wegen ihr allein zurückgegangen wäre. Doch Felipo tat ihr Leid. Sie wollte ihn trösten, in den Arm nehmen. Seit jenen Minuten, die dem Klavierstück gefolgt waren, wusste sie, wie gut das tat.

Doch sie kam nicht dazu. Beinahe genau in dem Moment, als sie sich endlich dazu durchgerungen hatte, schien er sich einen Ruck zu geben, spuckte in das schwarze Wasser, das unter der Brücke  trieb und stieg auf die gemauerte Brüstung. Direkt am Kanal wurde gebaut, ein riesiges Gewirr aus Metallstäben und Netzen  umschloss ein wirklich sehr sanierungsbedürftiges Haus, aus dem laut einem großen Plakat ein Kino entstehen sollte. Von diesem war das Gebäude sicherlich noch weit entfernt, doch als bequemer Weg auf die Dächer Venedigs geradezu ideal.
Selbst Elinor, die sich in Venedig eigentlich nie verirrte, war überrascht, wie nah sie Raphaels Wohnung schon waren. Trotz der keinen Umwege, die auf den Dächern ständig nehmen mussten, schlichen die beiden Kinder schon bald über das flachere Teerdach vor dem Fenster, durch das schon einmal hineingelangt waren. Doch nun war es verschlossen. Elinor hätte eigentlich nichts anderes erwartet, doch es wäre so viel einfacher gewesen, nur hineinzuschlüpfen – hoffentlich unbemerkt – Lu zu finden und einfach wieder in die Nacht zu verschwinden. Mit einer Pause und der Frage, was zu tun war, kam das schleichende, beschämte Gefühl zurück, dass das Laufen durch die vertraut-fremde Stadt kurzzeitig unterdrückt hatte.
Und die Angst. Sie kauerten sich unter das Fenster, dicht an die Mauer gepresst, für den Fall, dass Raphael hinaus sehen würde.

„Was jetzt?“, flüsterte Elinor, „Wie kommen wir rein, wenn das Fenster zu ist? Das andere wird er auch schon wieder zu gemacht haben, jede Wette.“
Felipo sah sie bestürzt an. „Ich… ich dachte, du kannst das auch, du weißt schon, was Felicia mit Schlössern kann. Du liest doch so viel, oder?“
Beinahe hätte Elinor laut losgelacht. Ja, wie konnte es nur kommen, dass sie trotz ihrer Leidenschaft für Bücher keine Schlösser aufknacken konnte? Da hatte sie bestimmt nie genau genug gelesen, dass stand doch beinahe auf jeder zweiten Seite!
„Nein, Felipo, das tut mir Leid, aber so was kann wohl wirklich nur Felicia.“ Sie sah in die erloschenen Sterne seiner Augen und fügte hastig hinzu: „Vielleicht können wir es weiter unten versuchen, Raphaels Wohnung ist doch nur die unterm Dach, darunter müssen noch mindestens vier andere liegen, vielleicht ist dort ein Fenster offen. Und dort dürfte keiner sein, ich glaube nicht, dass die Leute dort in die Mondstundenstadt kommen. Was meinst du – sind wir immerhin im Klettern genauso gut wie Felicia?“ Und wie sie gehofft hatte, stahl sich auch auf Felipos Gesicht die Spur eines Lächelns. „Und ob!“

Das Haus war zum Klettern wirklich eine Herausforderung. Die Fensterbretter waren einfach viel zu schmal und manchmal so morsch, dass sie schon unter Raphaels Gewicht vermutlich zusammengebrochen wären. Unbehaglich lugte Elinor über ihre eigene Schulter hinunter in den Kanal, aus dem, viele Meter weiter unten, der Mond verzerrt zu ihr hinauf starrte. Eine seltsame Verdrehung, auf ihn hinab zu blicken. Höhenangst hatte zum Glück weder Elinor noch Felipo, doch keiner von ihnen verspürte den Wunsch nach einem Bad im Kanal. Wie viele Häuser in der Stadt des Mondes schien dieses von seinen Nachbarn zusammengedrückt zu werden, sie pressten sich so gegeneinander, dass man in den winzigen Gassen dazwischen manchmal das Gefühl hatte als wuchsen sie gleichzeitig in die Höhe, die Steinriesen, die versuchten den Himmel zu durchbrechen. Selbst die Fenster hingen dicht an dicht und blickten durch dünne, milchige Scheiben hinab in das tintenschwarze Wasser. Und eines von ihnen war tatsächlich offen.

Kapitel 13

Das Fenster führte in einen schmalen Flur, wie die Kinder erleichtert feststellten, nachdem sie sich eine nach dem anderen hindurchgezwängt hatten. Dass sie nicht erst durch eine andere Wohnung mussten machte es leichter als sie gehofft hatten. Doch im Treppenhaus selbst war es dunkel, hier gab es keine Fenster, durch die das Mondlicht hätte scheinen können, und schon nach wenigen Stufen war um sie herum nichts als kalte Schwärze, als wären sie in die Mitternachtstinte des Kanals gefallen. Die krumme Treppe schien, wie das Haus auch, gegen die Wand gedrückt zu werden, auch wenn es sicher nicht am Platzmangel der Stadt lag, dass Felipo und Elinor es ihr unwillkürlich nachtaten. Geduckt und dicht nebeneinander tasteten sie sich vorwärts, fast als könnte Raphael sie durch den Boden des Hauses beobachten. Die Angst vor ihnen macht die Menschen so viel größer als sie sind.

Elinor hasste die Dunkelheit um sie, beinahe spürte sie wieder die alte Sehnsucht nach dem schimmernden Mondlicht, die sich sonst immer bei Tag und Sonnenlicht bei ihr bemerkbar gemacht hatte. Und doch spürte sie, wie ihre Schritte langsamer wurden, während sie sich Stufe um Stufe nach oben tasteten. Die absurde, kindliche Erregung, aber auch die Angst tropften lautlos auf die Treppe, machten sie klebrig, bis Elinor kaum noch die Füße heben konnte.

Als sie dann endlich – oder schon? – den letzten Absatz erreichten, war der Boden erneut mit silbernen Lichtflecken übersät, sie wirkten plattgetreten auf dem eierschalfarbenen Laminat. Draußen vor der staubigen Scheibe schien das halbe Gesicht im Mond spöttisch die Augenbrauen hochzuziehen. Ja, natürlich.

Die beiden Wohnungstüren rechts und links waren auch verschlossen. Elinor fluchte leise, stellte sich auf Zehenspitzen und lugte durch das kleine, runde Fenster in der zur Linken.
„Vianello“ stand auf einem angelaufenen Schild neben der Tür. Die i-Punkt sah aus wie ein winziger Mond. Sie war sich sofort sicher, dass dies die richtige Tür sein musste, denn hinter dem dünnen, beige gefleckten Holz führten nur Reihen staubiger Stufen noch ein Stockwerk höher, in die letzte Wohnung unterm Dach.

Felipo zog versuchsweise am Türknauf, doch ohne Erfolg. Elinor bückte sich und untersuchte die ausgetretene Fußmatte, angeblich versteckten viele Leute ihren Ersatzschlüssel darunter, doch obwohl sie sie schüttelte wie Frau Holles Bettdecke und Felipo schon zu husten begann, fand sie nichts als uralten Schmutz. Dann nahmen sie sich die beiden kleinen Blumentöpfe mit den Skeletten verdorrter Ringelblumen vor, die neben der Tür im Schatten standen, und bespritzten den pergamentartigen Fußboden mit tausend Erdkrümeln wie mit Tintenflecken.
Sie tasteten die Ecken ab, fanden einen uralten, schmutzig-roten Knopf, eine leere Streichholzschachtel und auf dem schmalen Fenstersims sogar einen Schraubenzieher.
Aber keinen Schlüssel.

Verbittert trat Felipo mit seinen ausgetretenen Schuhen gegen das splittrige Holz. Und in diesem Moment öffnete sich tatsächlich eine Tür. Doch es war nicht die des Studenten, sondern die in ihrem Rücken, der sie bislang kaum Beachtung geschenkt hatten. Elinor und Felipo wirbelten herum, für einen kurzen Moment befürchteten sie sogar, sich doch in geirrt zu haben und erneut erwischt worden zu sein. Doch die Person, die dort im beinahe kohleschwarzen Türrahmen stand, hatte mit Raphael ungefähr so viel gemeinsam wie Elinors Mutter mit Lu.

Es war eine kleine, ziemlich dicke Frau, mit stumpfen Haaren, die schon ergrauten, fleckiger Haut und einer Brille, die ihr eines Auge ungewöhnlich stark verkleinerte. In der Hand hielt sie eine alte Ausgabe einer Klatschzeitschrift, mit der sie wütend herumfuchtelte, als sie das durcheinander auf dem Boden sah.
„Was macht ihr denn jetzt noch hier?“, fuhr sie die völlig perplexen Kinder an, die an die gegenüberliegende Tür gedrückt dastanden, mitten in dem Inhalt der Blumentöpfe. „Macht hier einen Höllenlärm, mitten in der Nacht, während anständige Leute schlafen wollen! Kinder wie ihr sollten auch längst im Bett sein. Und seid ihr nicht ein bisschen zu alt, um hier die Maulwürfe zu spielen? Das könnt ihr morgen früh alles wieder hübsch aufkehren, verstanden?“

Elinor, immer noch überrumpelt vom unerwarteten Auftauchen von Raphaels Nachbarin und der unglaublichen Geschwindigkeit, mit der sie den Kindern das alles um die Ohren schoss, versuchte, sich wieder zu sammeln. „Ja, natürlich, Signora.“, sagte sie, und versuchte, ein zerknirschtes Gesicht aufzusetzen. „Gleich morgen früh. Entschuldigung, wir wollten sie nicht wecken…“ Sie dachte in diesem Moment weder, dass es für sie und Felipo wohl kein morgen geben würde, noch daran, dass diese Frau nach dem, was sie über die Geheimnisse der Mondstundenstadt wussten, doch gar nicht hier sein konnte. Überraschung lähmt die Gedanken manchmal mehr als Müdigkeit und Angst.

Rasch sprang Felipo ihr bei: „Es tut uns wirklich Leid, Signora. Wir haben gar nicht gemerkt, dass es so laut geworden ist…“
„Nichts gemerkt?“ Die dicke Frau lachte schnaubend und verächtlich auf. „Ihr könntet so spät das halbe Haus aufwecken mit diesem Krach, und behauptet, nichts zu merken?“ So, wie sie schreit, könnte sie deutlich mehr Leute aufwecken als wir, dachte Elinor, so laut waren wir nun wirklich nicht. Wie waren Erwachsene doch manchmal uneinsichtig.

„Es ist so…“, begann Felipo zögernd. Elinor wie die Raphaels Nachbarin wandten sich zu ihm um. „Wir… also, wir wollen Raphael besuchen. Aber unser Zug, ja, den haben wir verpasst, und der nächste kam eben erst so spät an. Und Raphael hatte uns nur den Schlüssel für die Tür unten geschickt, nicht den für oben. Wir haben geklopft, aber er hat nicht aufgemacht, deshalb dachten wir, dass hier vielleicht einen Ersatzschlüssel versteckt hat, wissen Sie? Wir können ja nicht auf dem Flur schlafen, und die Zugfahrt war wirklich anstrengend…“

Himmel Herrgott!, dachte Elinor, wie kommt er denn jetzt so schnell darauf? Wenn das nicht so rührselig war. Doch neben Felicia unterschätzte man ihn wohl schnell, und umso beeindruckender, da es tatsächlich zu funktionieren schien.
„So ist das also.“ Die Signora lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand, und ihre Stimme klang schon längst nicht mehr so wütend. „Na, da habt ihr aber einen feinen Onkel.
Er ist doch euer Onkel, oder?“ Hastig nickten die Kinder. „Jedenfalls ist es kein Wunder, dass er euch nicht aufgemacht hat! Weggegangen ist er, erst vor ein paar Stunden, mit seiner Freundin. Ich habe ihm immer gesagt, irgendwann vergisst er noch mal seinen Kopf ihretwegen. Und jetzt haben wie die Bescherung!“

Sie sah die Kinder scharf an, und kurz befürchtete Elinor, sie könnte die Lüge in ihren Augen lesen. Doch drehte sie sich plötzlich um und verschwand in ihrer Wohnung. Felipo und Elinor hatten kaum Zeit, ratlose oder erleichterte Blicke zu tauschen, als die Nachbarin schon wieder auftauchte, einen Schlüssel in der Hand. Unwirsch schob sie Elinor zur Seite, steckte ihn ins Schloss und drehte bestimmt viermal herum, bis er endlich klickte und die Tür aufsprang.

„So, oben ist das gleiche Schloss, da passt er auch.“, sagte sie und ließ den Schlüssel vor Felipos Gesicht baumeln. „Aber dass ich ihn auch ja morgen wiederbekomme!“
Sie versprachen es hoch und heilig, bedanken und entschuldigten sich noch das ein ums andere Mal, Felipo schnappte sich den Schlüssel und dann rannten sie die Treppe hinauf, nun, da sie wussten, dass Raphael nicht da war und sie vor seiner Wohnung standen, beinahe mit dem Anflug eines Grinsens. Trotz ihrer Sorge um Lu. „Und morgen fegt ihr auch das Zeug hier weg! Wie ein Saustall sieht das hier aus.“, rief die dicke Nachbarin ihnen noch nach, und beinahe hätten sie gelacht. Herrliche Erleichterung. Die Merkwürdigkeiten und Zweifel kamen erst kurze Zeit später.

Kapitel 14

Vergessen. Einfach so. Typisch.
Gelangweilt schlug Lu mit der Pfote nach einer kleinen Spinne, die sich direkt vor ihrer Nase von der Tischplatte abseilte. Das tiefblaue Kissen, auf dem sie lag, erstickte vor Staub, doch es war noch der gemütlichste Platz, den sie zwischen all den harten Buchdeckeln hatte finden können. Von hier aus hatte sie beobachtet, wie die – ihrer Meinung nach – unglaublich geschmacklosen Lederschuhe des Studenten auf- und abwanderten, hatte ihn eine Ewigkeit lang zugehört, wie er vor sich hin schimpfte und mit jemandem namens Nico telefonierte.
Immer wieder hatte sie sich ein Niesen verkneifen mussen, denn die Staubwölkchen, die ihre vorrubergehende Lagerstätte bei jeder Bewegung aushustete, machten ihrer immer ein bisschen zu hoch getragenen Katzennase allmählich erheblich zu schaffen.

Irgendwann hatten sich dann noch zwei Füße in teuren, türkisen Stiefeln dazugesellt, zusammen mit einer Frauenstimme, die klang wie die eines Offiziers neben der weichen, sogar beim Fluchen etwas unsicheren des Studenten. Sie hatten gestritten, die beiden Stimmen, und obwohl Lu nur etwa die Hälfte verstanden hatte, war sie sich sicher, dass die laute Nico am Ende gewonnen hatte. So wie Felicia sich auch fast immer durchsetzte, gegen Felipo und diese kleine Bucherdiebin, deren Namen sie sich immer noch nicht merken konnte. Diese miesen, kleinen Verräter. Hoffentlich waren sie halb krank vor Sorge um Lu, und hoffentlich kamen sie bald und holten sie aus dieser katzenfutterlosen Wohnung. Vielleicht, wenn sie es wirklich versucht hätte, vielleicht hätte sie sogar selbst einen Weg hinaus gefunden, denn Katzen wie sie, das erklärte sie sich selbst immer wieder, hatten nicht nur sieben Leben, sondern kamen auch in jedes Haus. Doch sie gab sich dies betreffend keine besondere Mühe, wenn sie ehrlich war, gefiel es ihr sogar, vermisst zu werden. Sollten diese Kinder gerne einmal merken, wie es war, wenn keine Lu da war um Schlüssel zu stehlen oder durch Spalten zu schlüpfen.

Kurz nach dem Streit waren die Schuhe wieder verschwunden, mitsamt den dazugehörigen Stimmen, die furchtbar quietschenden Treppenstufen hinunter. Lu hatte ein wenig in der Wohnung gestöbert, doch der Student schien nicht nur Vegetarier zu sein, sondern auch außer den ganzen Büchern, vergilbten Zeitungsausschnitten über Astronomie, Tintenfässern und einem Stundenglas kaum etwas zu besitzen. So war sie schließlich doch in dem Schatten unter dem Schreibtisch zurückgekehrt, der immerhin nicht ganz so blass und kalt wie das Mondlicht war. Konnten Schatten etwas Wärmendes haben? Schwarze Schatten? „Ich glaube, ich werde langsam verrückt…“, dachte Lu. Und merkte gar nicht, wie sie einschlief.

Der Schlüssel, den die Nachbarin ihnen gegeben hatte, knirschte so in dem Schloss, dass sie beinahe überrascht waren, wie leicht sich dagegen die Wohnungstur öffnen ließ.
Als Felipo sie wieder hinter ihnen schloss, lehnten sich die beiden Kinder mit dem Rücken dagegen, und für einen kurzen Moment war nichts als ihr keuchendes Atmen zu hören. Dann sahen sie einander in die Augen, blau in sternenhimmelschwarz, und schon der Blick des anderen reichte aus, damit sie nun doch losprusteten. Später konnte keiner von ihnen sagen, was denn so komisch daran war, in einer fremden Wohnung zu stehen und eine kleine Katze zu suchen, wahrscheinlich hätten sie es auch in diesem Moment nicht erklären können.
Die Angst von zwei Zwölfjährigen ist mächtig. Ihre Erleichterung ist überwältigend. Ihr Lachen tanzte durch die staubige Luft des Flures, purzelte auf den kurzen, grau-braunen Teppichboden und schwirrte bis in das Wohnzimmer voller Bücher. Es war ihnen egal, denn Raphael war ja nicht zuhause, das hatte diese Signora Nachbarin selbst gesagt, und sie hatte ihnen sogar ihre scheinheilige Geschichte geglaubt, über verpasste Züge und einen verantwortungslosen Onkel.

Erst die Sorge um Lu brachte Felipo wieder auf den Boden zurück. Er fühlte sich verantwortlich für sie, schon allein, weil auch sie ihn nie im Stich gelassen hatte. Damals, als er auf einmal völlig allein dagestanden hatte in einer Stadt, farblos und bei Nebel verblichen wie ein uraltes Foto. Er hatte sie kennengelernt, vielleicht besser, als er Felicia je gekannt hatte, er wusste, dass sie eingebildeter war, als gut für sie war, und doch clever. Und mutig. Er erinnerte sich, dass sie manchmal fast besser auf sie beide aufgepasst hatte als er selbst, und als er sie kurz darauf fand, zusammengerollt im Dämmerlicht unter dem Schreibtisch, verstand er seine alte Panik kaum noch. Aber vielleicht lag das auch an der Nachwirkung des Lachens. Oder daran, dass er seine Gefühle in den letzten Stunden ohnehin kaum noch nachvollziehen konnte. Er strich mit der Hand über Lus ungewohnt struppiges Fell, und es war fast, als wischte er seine Sorge weg. Zumindest so lange bis sie, wütend darüber, dass er sie erst zurückgelassen und nun auch noch aufgeweckt hatte, die spitzen Krallen ihrer Pfote tief in seiner Hand versenkte.

„Was ist denn los?“
Elinor, die zunächst im Wohnzimmer gesucht hatte, hatte wohl Felipos leisen Aufschrei gehört und stand nun im Türrahmen. „Hast du sie gefunden?“
„Ja“, knurrte er und rieb sich den Handballen. „Aber es sieht so aus, als wüsste Lu die Todesgefahr, in die wir uns ihretwegen begeben haben, nicht richtig zu würdigen.“
Elinor kicherte, sprang uber die Bücherstapel zu ihnen ans Fenster und hob die protestierende Lu vor ihre Augen. „Das ist aber gar nicht nett von dir.“, sagte sie mit tadelnder Kindermädchenstimme. „Wo doch Felipo beinahe aus dem dritten Stock in einen Kanal gefallen wäre…“ „Du hörst dich schon an wie diese Nachbarin eben.“, brummte Felipo, nahm ihr Lu ab und begann, in der Hoffnung auf Versöhnung, die Staubflocken auf ihrem mondscheinfarbenen Fell zu zupfen. Lu erlaubte es ihm gnädig. „Ich weiß.“ Elinor setzte sich auf den Schreibtischstuhl und baumelte mit den Beinen. „Hast du eine Idee, wie sie dort so plötzlich auftauchen konnte? Ich glaube nicht, dass sie ein Lichtfenster hat, aber andere Leute kommen hier doch nicht hin. Das behauptet zumindest Felicia.“ Ihr Freund zuckte nur die Schultern: „Klingt ganz nach noch einem Geheimnis, das wir ergründen müssen.“ Sie nickte, und streckte nun auch die Hand aus, um Lu zu streicheln. Von Felipo ließ sie sich das gefallen, obwohl er sie verärgert hatte, von Elinor jedoch nicht. Sie versuchte sogar, das Mädchen auch zu kratzen, doch diese war schneller, zog ihre Hand weg und griff stattdessen nach einem der Zettel, die überall herumfolgen und so fleckig waren, als hätte Raphael sie aus einem alten Bibliotheksband herausgerissen.

„Ich verstehe kein Wort von dem, was hier steht…“, murmelte sie, nachdem sie ihn kurz überflogen hatte, und sah zu Felipo auf. „Was ist eine Ephemeridenrechnung?“
„Keine Ahnung.“ Felipo ließ Lu von seinem Schoß springen, stemmte sich auf die Schreibtischplatte und luge ihr über die Schulter. „Wahrscheinlich hat es was mit dem Mond zutun, wie das meiste hier, oder?“ Er rückte mit dem Kopf in Richtung der Tabellen, Mondkarten und Zeichnungen, die überall verstreut lagen, doch insgeheim hatte er keine Ahnung, warum sie das überhaupt interessierte. „Ich möchte wissen, wovon Raphael geredet hat.“, sagte Elinor, fast, als hätte sie seine Gedanken gehört. „Als Felicia und du ihn belauscht habt?“
„Genau.“ Sie strich ihre Haare zurück und sah sich in dem kleinen Zimmer um. „Er hat etwas von einem Spiegel gesagt… Und von einem versteckten Raum in der Mondstundenstadt…“

Nun war auch Felipos Neugier geweckt, und er begann, die Seiten eines der Hefte auf dem Schreibtisch durchzublättern. Die beiden zogen Bücher und Zettel aus den Regalen, öffneten Schränke, pflückten Notizen von der Pinnwand und Spinnen von den rissigen Umschlägen der Werke. Dass sie sich noch immer in der Wohnung des Studenten befanden, war bald vergessen, nur das Fenster über dem Schreibtisch öffneten sie, um im Notfall schnell verschwinden zu können. Der salzige Winter von draußen strömte herein und tanzte mit der warmen Luft, hin und wieder ließ er ein Papier fliegen wie Kinder einen Drachen, doch Felipo und Elinor stach er eisig in Hände und Wangen. Bald bliesen sie sich beinahe ebenso oft in die kalten Finger wie den Staub von den Buchern, doch schließen wollten sie es auch nicht. Sicher war sicher. Lu hatte sich wieder in ihr altes Kissen vergraben, in der Hoffnung, dort möglichst lange warm zu bleiben. Außerdem hatte sich, trotz Felipos Reinigungsversuchen, schon mehr als genug Staub in ihrem silberweißen Fell verfangen. Wenn Wollmäuse doch nur echte Mäuse wären, die man als Katze kinderleicht in die Flucht schlagen kann.

Kapitel 15

Elinor kämpfte sich gerade verzweifelt durch Seiten voll kompliziertester Rechnungen mit Zeichen, die sie noch nie gesehen hatte, als Felipo das Stundenglas entdeckte. Es stand auf einem der Regalbretter – so hoch oben, dass er sich auf einen Bucherstapel stellen musste, um es richtig zu sehen – wie ein Schauspieler auf einer Bühne, beinahe schien es, als wären die Bücher zu beiden Seiten respektvoll zurückgewichen, damit es seine ganze Kunst zur Schau stellen konnte. Der fein geformte Glaskörper brach das spärliche Licht in dem Raum so, dass es tatsächlich schien, als stünde es im Scheinwerferlicht.

Vorsichtig streckte Felipo die Hände danach aus, immer darauf bedacht, nicht vom Stapel zu rutschen, und hob es herunter. Das Licht, das eben noch das Glas selbst beleuchtet hatte,
schien kurz durch den Raum zu tanzen, hinüber zum Fenster voller Silberstrahlen. War so auffällige Reflexion denn normal für eine Sanduhr?

Kurz dachte er daran, Elinor zu fragen, doch die saß noch immer so versunken auf der Kante des alten Schreibtischs, dass er sie besser nicht störte – aus Erfahrung mit Felicia und Lu wusste er, dass Mädchen nicht besonders gern beim Denken oder reden unterbrochen wurden. Er ließ sich auf dem Hügel im Gebirge aus Literatur nieder und betrachtete das Stundenglas genauer.

Es war etwas größer als seine Hand, und das Holz, das die beiden dünnwandigen Kolben einfasste, war von einer genauso weichen Dunkelheit. Vom oberen Deckel lächelte die Madonna mild zu ihm hinauf, ihren Mantel ausgebreitet, als könnte er sich jederzeit darunter verstecken. Wie zu erwarten, war der obere Kolben leer, doch der untere war beinahe zwei Finger hoch mit kleinen Steinen gefüllt. Felipo war sich ziemlich sicher, dass es Steine waren, und doch waren sie klar wie Glassplitter von der Insel Murano, und genauso bunt. Steine wie klarer Bernstein, wie erstarrte Tropfen von Rotwein, gold, smaragdgrün, mitternachtsblau…

Fasziniert drehte Felipo das Stundenglas im Licht und beobachtete, wie die kleinen Steine immer neue, verdrehte Regenbogen auf das Glas und seine Hände warfen. Eine Runde und noch einmal herum, immer neu, völlig versunken im Farbenspiel. Er stellte das Glas auf den Kopf, um zuzusehen, wie sie nacheinander durch die Verengung rieselten, die die Kolben miteinander verband – eine alte Möglichkeit, die Zeit zu messen. Doch bei diesem passten die Steine nicht durch die Öffnung.

Felipo runzelte die Stirn und schüttelte es, vielleicht lagen sie ja nur falsch und versperrten sich gegenseitig den Weg. Aber noch immer landete keiner der funkelfarbenen Steine auf dem dunklen Holzboden, und bei genauerem Hinsehen erkannte er auch, dass selbst kleine Sandkörner nur schwer durch dieses Stundenglas fließen konnten, die Verbindung war einfach viel zu eng.

Welchen Nutzen hatte eine Sanduhr, wenn…
„Lass uns zurück zum Theater gehen, hier finden wir wohl doch nichts.“ Elinors Stimme weckte Felipo aus seinen Grübeleien, und sie klang schrecklich enttäuscht. Vielleicht hatte sie ja erwartet, sie würden Verschwörungspläne oder etwas derartig Aufregendes aufdecken.
„Ja, ich habe auch nichts Brauchbares gefunden.“, murmelte der Junge und schaute genauso resigniert wie sie. Doch er ließ das Stundenglas in seine Tasche gleiten, bevor er sich daran machte, Lu unter dem Schreibtisch hervorzulocken.

Felipo kannte sich auf den Dächern mindestens genauso gut aus wie Felicia, auch wenn sie sonst meistens voran ging, und so stiegen die beiden Kinder schon kurze Zeit später die zwei Stufen zu der großen Tür hinauf, die seltsamerweise sperrangelweit offenstand. Felipo runzelte kurz die Stirn, hielt sich aber nicht lange mit einer Erklärung auf. Schließlich wehte auch durch die Mondstundenstadt manchmal ein kristallsplitterkalter Wind, der gut und gerne ausreichen konnte, um eine Tür aufzudrücken.

„Glaubst du, Felicia schläft noch?“, flüsterte Elinor, nachdem sie die Tür wieder geschlossen hatten und die trostlose Eingangshalle durchquerten. Felipo zuckte nur die Schultern.
„Wenn ja, erzählen wir ihr nichts, in Ordnung? Ich habe keine Lust auf Streit – und den würde es geben, ganz sicher. Wir haben doch ohnehin nichts Interessantes gefunden.“ Felipo dachte an das Stundenglas, noch immer kaum wärmer in seiner Tasche. Und stimmte ihr zu.

Die beiden nahmen den gleichen Weg wie beim letzten Mal, vorbei an den dürren Garderobenständern, gespenstische Silhouetten im Nebellicht, schoben sich durch die Reihen angestaubter Sitze und erklommen die schwarz ausgelegte Bühne. Noch immer beleuchtete der eine Scheinwerfer genau die Mitte dieser Bretter, die schon so vielen die Welt bedeutet hatten.

Noch immer stand der dunkel glänzende Flügel am vorderen Bühnenrand, als hätte Felicia erst eben den Deckel herunter geklappt. Nur der kleine Zettelfetzen, den Felipo und Elinor darauf zurückgelassen hatten, lag nicht mehr an seinem Platz, also musste Felicia ihn gefunden haben.

Die beiden wechselten einen Blick, und ohne Worte waren sie sich einig, dass es wohl das Beste war, wenn sie sich gleich entschuldigten. Jeder von ihnen hätte das Gleiche erwartet, und vielleicht würde Felicia es doch verstehen, auch wenn Lu und sie sich nicht besonders mochten. Elinor ging die zweite Felicia, wie sie sie bei sich nannte, nicht aus dem Kopf, auch wenn sie erst einmal hinter der glatten Fassade hervorgelugt hatte.

Sie ließ Felipo wieder nur zu gern vorgehen, da sie noch nicht viel mehr von dem Theater kannte außer den Räumen vor und unmittelbar hinter der Bühne – doch Lu kletterte an dem Mädchen empor und hockte sich auf ihre Schulter. Obwohl es zuerst ziemlich ungewohnt war, konnte Elinor ihren albernen Stolz darauf kaum verbergen. Von Lus Seite war das ein nahezu unerhörter Vertrauensbeweis, vor allem, nachdem sie sie vor kurzem noch nicht einmal ihr Fell hatte streicheln lassen. Felipo verkniff sich ein Grinsen. Er kannte Lu einfach zu gut.

Elinor war noch nie hinter den Kulissen eines Theaters gewesen, und obwohl sie sich natürlich bewusst gewesen war, dass die Bühne unmöglich alles sein konnte, war sie doch überrascht und fasziniert, was für ein Labyrinth von Fluren sich hier auftat, verschachtelt wie die Gassen Venedigs, doch so viel weniger vertraut. Treppen gewunden wie Meeresschnecken. Tausend Türen, so viel schlichter als der Eingangsbereich, wo sogar die Wände mit Teppichen verkleidet waren, und im Mondlicht auf eine ganz andere Weise schäbig.

Lu spielte mit Elinors Haaren, während die sich allmählich fragte, ob Felipo sie absichtlich im Kreis führte, als er endlich vor einer der Türen halt machte. „Guardaroba Solista“ stand auf einem fleckig-weißen Schild darauf. Natürlich. Etwas unbeholfen stand er zunächst davor, dann schien er sich für die höflichste Form zu entscheiden, setzte sein schuldbewusstestes Gesicht auf und klopfte. Es kam keine Antwort. Felipo warf Elinor einen ratlosen Blick zu, als sie nur die Schultern zuckte, drehte er sich wieder um und klopfte noch einmal, diesmal fester.
Wieder nichts.

Nach dem dritten erfolglosen Versuch öffnete er selbst die Tür, leise, für den Fall, dass seine Freundin wieder eingeschlafen war und deshalb nicht gehört hatte. Elinor lugte ihm über die Schulter, sie war neugierig auf Felicias Schlafplatz. Der Raum war klein, eine Garderobe eben, und auf der einen Seite zog sich über zwei Tischen eine Spiegelfläche von der einen Wand zur anderen, wie Mondlicht, das einen der Kanäle mit Silber überzog. Sie war mit Buchstaben bedeckt, allem Anschein nach Zitate. Die dazugehörigen Bücher stapelten sich auf einem Regalbord darüber. Auf dem Boden lagen eine schmale Matratze und einige Blätter, und über dem einzigen Stuhl hing das schwarze Kleid, das Felicia beim Klavierspielen getragen hatte. Was fehlte, war Felicia selbst.

Elinor schob sich rasch an Felipo vorbei und trat einige Schritte in den Raum. Dabei rutschte sie beinahe auf einer der Zeichnungen aus, die überall herumlagen. Sie zeigte ein kleines Mädchen, acht vielleicht, mit langen dunklen Haaren und einem zusammengeklappten Regenschirm in der Hand. Ein fast runder Mond leuchtete über ihrem linken Ohr, doch sie stand am Ende eines langen, pechschwarzen Flures, wirkte verloren und unglaublich fern. Ob Felicia das Bild gezeichnet hatte?

Elinor drehte sich um und wollte es Felipo zeigen, doch auch der stand nicht mehr im Türrahmen, sondern vor dem schimmernden Spiegel und starrte wie gebannt auf einen der kleinen Textfetzen. Die meisten von ihnen waren offenbar mit Lippenstift geschrieben – wo immer Felicia den auch herhatte -, in feiner, aber sauberer Schrift und sogar mit Angabe des Buchtitels und des Autors. Dieser dagegen war verschmiert, als wäre Felicia schon beinahe aus dem Zimmer gewesen, als sie ihn gekritzelt hatte:

Da ist jemand. Geräusche von der Bühne.
Felipo, du kennst die Abmachung.

Sofort tauchten hundert Fragezeichen in Elinors Kopf auf, denn sie verstand nur etwa die Hälfte dieser knappen drei Sätze, doch die wichtigste war die einzige, die sie stellte: „Was für eine Abmachung soll das denn sein?“ Sie hatte genervt klingen wollen, doch sie konnte wieder nicht verhindern, dass ihre Stimme zitterte.

„Felicia und ich haben eine Abmachung, was wir machen, wenn der andere nicht da ist, wenn... ihm etwas passiert sein könnte.“, flüsterte Felipo, noch immer ohne sie anzusehen.
„Es war mehr ein Spaß, als wir uns das ausgedacht haben, weißt du, keiner von uns hat geglaubt, dass wir das je brauchen würden.“ Er rieb sich fieberhaft die trockenen Augen. „Auf jeden Fall, wenn das passiert, geht der andere in einen der dunklen Räume. Das sind Teile, Zimmer oder manchmal ganze Häuser, in denen es nur dunkel ist, sie gehören sozusagen nicht mit zur Mondstundenstadt. Nur schwarz, du kannst nicht einmal Kerzen anzünden. Es ist furchtbar, man hat das Gefühl, es gäbe keinen Boden mehr, weil man nichts sieht. Aber als Versteck ist das natürlich ideal…“

„Heißt das, wir verstecken uns? Wir verstecken uns einfach und tun gar nichts?“ Jetzt war es nicht mehr nur Elinors Stimme, die zitterte. „Felipo, das geht nicht! Die Geräusche, das waren doch bestimmt Raphael und diese Nico, wenn die Felicia geschnappt haben, müssen wir doch irgendwas unternehmen!“ „Natürlich.“ Endlich sah Felipo sie an, auch wenn seine Züge keine Regung zeigten. „Wir schicken Lu los, wie besprochen. Lu ist schneller als wir, sie ist kleiner und unauffälliger und kommt im Notfall aus jeder Situation raus. Das hat sogar Felicia gesagt.“

Er strich der pergamentweißen Katze mit steifer Hand über den zierlichen Körper. Sie sollten also ihr ganzes Handeln auf eine kleine Katze setzen, eine Katze, die sie eben erst verloren hatten, eine Katze, die bestenfalls furchtbar eingebildet war. Nach einem besonders guten Plan klang das nicht. Trotzdem nickte Elinor niedergeschlagen. Was blieb ihr anderes übrig, sie war plötzlich wieder furchtbar müde, und auf der anderen Seite hatte Felipo sogar Recht mit seinen Behauptungen uber Lu. Wenn selbst Felicia das gesagt hatte. Und vielleicht war es ja auch bloß falscher Alarm, vielleicht wollte Felicia sie auf die Probe stellen, vielleicht war ja alles gut.

Kapitel 16

Hallo, hier kommt mal wieder ein Kapitel der Mondstundendiebe. Und, ehrlich gesagt, bin ich mir mal wieder nicht ganz sicher, ob man alles versteht. Dieser Teil ist vor allem zum erklären einiger Sachen, aber trotzdem bleiben einige Fragen offen, das ist Absicht. Aber falls jemand gar nicht durchblickt, wäre es nett, wenn er es mich wissen lassen könnte. Ansonsten konnte ich mich wieder nicht zurückhalten und deshalb ist es vielleicht wieder „ein bisschen zu viel Schreibstil“. Letztendlich hat zwar alles einen Sinn, aber ich hoffe trotzdem, dass es euch nicht stört.

Ein rostrot lackiertes Boot durchpflügte lautlos den gespiegelten, inzwischen wolkenverhangenen Himmel auf dem Canal Grande. Mehr als ungewöhnlich. Felicia wollte sich über die Brüstung lehnen, um zu sehen, ob es von jemandem gesteuert wurde, doch bevor sie etwas erkennen konnte, hatte Nico sie schon weitergezogen. Raphael schritt so eilig voran, dass er bereits die dunklen Stufen der Accademia-Brücke hinabgestiegen war und auf den Campo San Stefano trat. Seine stämmige Freundin mit den kurzen, blond gefärbten Haaren hielt Felicias Arm noch immer fest, obwohl auch er ihr gesagt hatte, dass es ganz und gar nicht nötig war. Felicia würde nicht versuchen, wegzulaufen. Sie hatten eine Vereinbarung getroffen, sie würde ihm etwas holen und er ihr Informationen geben, und das Mädchen hielt sich daran.

Hin und wieder bedachte sie Nico mit Blicken, die denen von Lu alle Ehre gemacht hätten, wie Stahlsplitter aus ihren nachtgrauen Augen. Ohne sie hätte all dies schon viel früher geschehen können; wenn Raphael nicht versucht hätte, am Telefon den Film-Helden für sie zu spielen. Felicia und er hatten sich schon in seiner Wohnung unterhalten, sie hatte ihn durchschaut wie er sie, und eigentlich hatte Felicia sich auch nur ein Bild von dieser Nico zu machen wollen, von der er ständig geredet hatte und die sie aber erst im Theater kennengelernt hatte, als Elinor und sie ihn belauschten. Doch dann hatte Felicia gedacht, sie hätte sich doch in ihm getäuscht, er wolle sie hintergehen; und sie hatten trotz allem Felipo geweckt und waren wieder in die ewige Nacht verschwunden. Vorsicht, dumme, unentbehrliche Vorsicht. Elinor hatte ihm vertraut, so anders als Felicia, und das, obwohl sie noch immer nichts von dem Gespräch ahnte, dass geführt worden war, während sie schlief. Sie hatte zunächst dagegen protestiert, den Studenten zu belauschen, und war dann doch als erste aus dem Fenster geklettert. Wie viel einfacher es sein musste, immer das Offensichtlichste zu denken.

Wenn Nico nicht gewesen wäre, wären Felipo und Elinor jetzt dabei. Felicia stellte sich vor, wie Elinor aufgeregt von einem Fuß auf den anderen sprang, und wie Felipo trotz allem seine Augen von einem Fenster zum nächsten wandern ließ und sich fragte, welche Erinnerungen diese schwarzen Augen verbargen. Schwarz wie seine eigenen. Wenn man es so betrachtete, waren sie wirklich das genaue Gegenteil voneinander, und vielleicht hätte Felicia gelächelt. Doch es tat so weh, an die beiden zu denken. Bestimmt machten sie sich furchtbare Sorgen, und sie war auch noch Schuld daran, sie hatte Felipos Treue ausgenutzt, nur weil sie Angst gehabt hatte, die beiden könnten alles verderben, ihren ganzen Plan. Sofern der wirklich vorhanden war. Sie hatte gewusst, dass Felipo sich an die Abmachung halten würde. Auf einmal wäre sie am liebsten umgekehrt und zum Theater zurückgelaufen, um die beiden zu holen. Oder?

Sie ging weiter, hielt sich so aufrecht wie immer, und funkelte Nico eisig an, während der Wind ihr genauso kalt über die nackten Füße und durch die Haare fuhr. Sie hatten Raphael wieder eingeholt und folgten ihm durch die schmalen Gassen, die sich wie Falten über das alte Gesicht der geschichtsträchtigen Stadt zogen, vorbei an Kirchen, deren steinerne Figuren beinahe spöttisch auf sie herabblickten, über weiß schimmernde Brücken und wieder zwischen die unförmigen Reihen von Häusern. Die ganze Zeit über sagte er kein Wort, doch seine Erregung war fast greifbar. Felicia strich mit den Fingern an den Hauswänden entlang und spürte, wie sich der poröse Stein darunter zu einem feinen Pulver zerrieb, das vom salzigen Wind ins Wasser geweht wurde.

Sie erreichten die Frezzeria, wo sich sonst bis tief in die Nacht die Touristen vor den Schaufenstern der teuren Designerläden drängten. Deren edle Auslagen wurden immer von grellen Leuchten beschienen, und sie erleuchteten die lebhaften Gassen um den Markusplatz selbst zu so dunkler Stunde beinahe taghell. Rund um die Uhr war es ein Kommen und Gehen, Lachen und unzählige verschiedene Sprachen waren zu hören, ab und zu auch Geschirr aus nahegelegenen Restaurants.

Doch nun irrte nur der Taschenlampenschein des Studenten verloren über die glatten Scheiben und ausgetretenen Steine. Der Gegensatz zwischen den der normalerweise so hellen, beinahe warmen Atmosphäre und der Einsamkeit der Mondstundenstadt hatte etwas furchtbar Trostloses, als hätte der raue Wind die Lichter und Menschen einfach davongeweht wie den Steinstaub ins Wasser. Die feuchte Dunkelheit schien an den Wänden herunter getropft zu sein, die leeren Scheiben zu füllen und schwarz und lichtschluckend über den Boden zu wabern. Wie Nebel, nur mit der völlig falschen Farbe. Beinahe war Felicia, als wüchse sie wie Dornen an ihr empor, und ließe sie mehr frieren als die tauben Finger des Windes.

Manchmal ist diese Stadt furchtbar, dachte sie. Sie ist so still und ruhig, so sicher und einfach, glaubt man. Doch wenn wir uns sicher wägen, dann beeinflusst uns das in unserem Tun. Wer von uns hat diesen Ort für etwas anderes genutzt als das, was ihm verboten war? Raphael gegen seine Eltern, das war nicht gelogen gewesen, voller Genugtuung. Ich habe gesucht, und tue es immer noch, und deshalb hintergehe ich sogar meine Freunde. Wir stehlen uns das Vertrauen. Auch Felipo und Elinor haben gestohlen. Bücher, ganze Welten wenn man so will, und Fotos, oder wie Felipo sagt, Erinnerungen. Weiß Elinor überhaupt davon? Wir waren Diebe, aber tagsüber hat das keinen von uns verändert, nie kamen wir uns schlecht vor. Wir stahlen, voller Freude, aber nur nachts. Mondstundendiebe.

Sie strich sich die langen Haare aus dem Gesicht und schoss eine neue Ladung Stahlsplitter in Richtung Nico, doch die bemerkte es gar nicht. Vermutlich war sie unter ihrem kantigen Steingesicht genauso aufgeregt wie Raphael, auch wenn sie es wesentlich geschickter verbarg. Die beiden waren schon als Kinder durch die immer nächtliche Stadt gestrichen, hatte Raphael Felicia in seiner Bibliothek von einer Wohnung erzählt, auch wenn er das zunächst vor ihr hatte verbergen wollen. Nico war es gewesen, die diesem Ort damals den Namen „Schattenstadt“ gegeben hatte, weil sie sich sicher gewesen war, dass die Schatten hier lebten und die dunklen Ecken bewohnten wie die Tauben bei Tag.

Und als sich ihr gemeinsames Fenster geschlossen hatte, hatten sie auch gemeinsam versucht, es wieder zu öffnen, sie waren in der Bibliothek der Universität gewesen, in Antiquitätenläden und sogar bei einer ziemlich verrückten, alten Märchenerzählerin. Tatsächlich hatten sie beeindruckend viel herausgefunden für eine Stadt, die nur im Mondlicht bestand. Unzählige kleine Puzzleteile, und nun würden sie vielleicht bald das wichtigste finden, mit dem sie tatsächlich im Stande wären, die Lichtfenster offen zu halten. Der Spiegel, von dem Raphael immer erzählte, und den wohl wirklich nur Kinder der Schattenstadt finden konnten. Vielleicht heute, wenn Felicia ihnen half. Der Student schien sich da sehr sicher, und Nico fragte sich, was sie ihm erzählt hatte, von dem sie keine Ahnung hatte. Sie vertraute Felicia ebenso wenig wie diese ihr.

Lu hätte sich wahrscheinlich schon über ihre schmerzenden Pfoten beschwert, als sie endlich die Gasse erreichten. Über eine geduckte, graue Brücke gelangte man zu ihr, die wiederum über einen weiteren Kanal voller Mitternachtstinte führte. Ein zierlicher, weißer Marmorbogen schwebte über ihren Köpfen, sogar mit einer Figur darauf, doch sie schenkten ihm keine Beachtung. Für Felicia unterschied sich diese wenig von den unzähligen Gassen in der Stadt des Mondes, doch Raphael hatte einen zerknitterten Zettel hervorgezogen, wieder einmal voller Rechnungen, und schien vor sich hinmurmelnd die Hausnummern mit den Zahlen darauf zu vergleichen.

Seine Begleiterinnen beobachteten ihn teil skeptisch, teils furchtbar neugierig. Schließlich blieb er vor einer tiefgrünen Tür stehen, die aussah, als hätte das Alter sie gebeugt, und winkte Felicia zu sich. Endlich ließ Nico sie los, und bemüht beherrscht trat das rothaarige Mädchen neben den Studenten und blickte das Haus an. Nummer fünftausendsiebenhunderteinundvierzig.

„Hier irgendwo…“, sagte er so leise, dass auch Nico noch ein paar Schritte nähertreten musste, „Hier irgendwo müsste ein kleines Namensschild sein, mit der Aufschrift „Luna Diaemis“. Kannst du es sehen?“ Natürlich sah sie es. Besonders gut war es schließlich nicht versteckt, ein Klingelkopf, golden und rund wie die Sonne, die man an diesem Ort nie zu Gesicht bekam, und darüber das milchig glänzende Schild mit dem seltsamen Namen darauf. Wie sollte sie das übersehen? Misstrauisch blickt Felicia die beiden über ihre Schulter hinweg an, die wiederum starrten zurück, als wären sie wirklich gespannt auf ihre Antwort. „Ja, natürlich.“ Verdattert nickte sie. „Seht ihr es denn nicht?“

Nico und Raphael schüttelten gleichzeitig den Kopf, was komisch aussah, und er sagte: „Das habe ich dir doch schon in meiner Wohnung erklärt: Anscheinend könnt nur ihr Kinder diesen Raum betreten. Ich war selbst einmal in dem Zimmer mit dem Spiegel, er müsste gleich hinter dieser Tür sein, doch als ich später noch einmal gesucht habe, war das Schild verschwunden. Das war sogar  noch ganz woanders, drüben in Cannareggio. Man kann die Nummer des Hauses berechnen,“ er wedelte mit dem Papier in seiner Hand,“aber darüber kann ich dir mehr erzählen, wenn du den Spiegel gefunden hast. Du musst einfach nur klingeln.“ Die Worte klangen verführerisch wie die eines Wolfs im Märchen, doch Felicia nickte nur. Raphaels Effektheischerei war, nachdem man sie endlich durchschaut hatte, eigentlich nur lächerlich.

Wie albern es war, dass sie sich so konzentrieren musste, ihre Finger ruhig zu halten, als sie diese nach dem Klingelknopf ausstreckte! Während ihr Herz gegen ihre Rippen sprang, als könnte es sich nicht entscheiden, ob es weitergehen oder flüchten sollte. Nichts war zu hören, nachdem sie den goldnen Kopf gedrückt hatte, nur der feuchte Wind tanzte noch immer in ihren Ohren. Dann sprang mit einem leisen Klicken die Tür auf. Felicia hörte Nico ein „Viel Glück“ flüstern, und obwohl sie beim besten Willen nicht wusste, wofür sie dieses Glück brauchen sollte, war sie doch über diese Geste überrascht.

Kapitel 17

Als die Tür hinter Felicia zufiel, fand sie sich in vollkommener Dunkelheit. Doch diese Dunkelheit war anders als die in den Gassen um San Marco, nicht kalt und feucht, sondern mit einem Gefühl der Geborgenheit. Ähnlich, wie wenn man sich als kleines Kind in einem dunklen Raum versteckt hatte, wo man sich sicher war, dass keiner einen finden würde. Eine willkommene Abwechslung nach dem beißend kalten Wind vor der geheimnisvollen Tür.

Felicia wagte einen Schritt vorwärts. Soweit sie mit ihren tauben Fußsohlen fühlen konnte, bestand der Boden darunter aus alten Holzbohlen, so verquollen, dass sie schon das eine oder andere Hochwasser miterlebt haben mussten. Als sie auch noch vorsichtig die Hände ausstreckte, fanden auch diese bald eine raue Tapete zu ihrer Rechten, offenbar stand sie sich in einem schmalen Korridor. Langsam tastete sie sich vorwärts – wenn der Student doch daran gedacht hätte, ihr seine Taschenlampe mitzugeben! – immer eng an der Wand entlang, und schon nach wenigen Schritten stieß sie auf eine weitere Tür, hinter der der viel besprochene Raum liegen musste. Wenn sie vorher schon Herzklopfen gehabt hatte, so war dies nichts im Vergleich zu dem, was sie nun empfand, doch das Mädchen stieß die Tür auf, ehe sie es sich anders überlegen konnte. Was immer sie erwartet hatte, dies war es nicht.

Das Zimmer war in ein dämmriges Licht getaucht, das zwar von der Decke, aber nicht aus einer Lampe kam. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie dann, dass die Zimmerdecke ganz aus winterluftklarem Glas bestand. Das Mondlicht, das durch sie hindurch schien, war seltsam gebrochen und verzerrt. Dieser Ort musste unter einem Kanal liegen, das Licht schimmerte in den täglichen Farben des Wassers und füllte den Raum mit blass flimmernden Figuren, die über die Wände wirbelten und tanzten wie Elinors imaginäre Mondlichtfeen. Und als Felicia wie in Trance zwei kleine Stufen hinunter in den Raum trat, den Kopf in den Nacken gelegt, sah sie auch den verschwommenen Mond, der durch das Wasser noch immer zu ihr herabblinzelte.

Ihre Füße kribbelten unangenehm, und Felicia konnte nicht sagen, ob das nun mit der Kälte oder ihrer Aufregung zu tun hatte. Erst dieses Gefühl brachte sie in die Gegenwart zurück,
und schaute sie sich genauer in dem alten Zimmer um. Viel gab es nicht zu sehen, denn die hellen Holzwände waren kahl und wurden nur durch eine zweite Tür gegenüber derer, durch die das Mädchen hineingekommen war, unterbrochen. Sie hatte dieselbe Größe, bestand aus demselben, rauen Holz wie die erste - sie glichen einander wie ein Ei dem anderen. Nur die Dunkelheit, die unter der Schwelle der zweiten hervorwaberte, schien wieder kalt und abweisend.

In der Mitte des Zimmers stand ein kleiner, quadratischer Tisch, über den die Licht- und Wasserfiguren tanzten. Sie schienen sich alle hier zu treffen, und Felicia schien es, als stünde der Tisch selbst im Scheinwerferlicht des Silberlichttheaters. Genau das gleiche hatte Felipo gedacht, als er das Stundenglas in Raphaels Studierzimmer entdeckt hatte, doch das konnte Felicia ja nicht wissen. Außerdem hatte sie in diesem Moment sogar ihre Freunde vergessen.
Vorsichtig, beinahe andächtig ging sie auf den Tisch zu, sie watete durch die Dunkelheit, die sich trotz des Deckenlichts am Boden hielt. Sie kannte dieses Gefühl, ihre Füße nicht zu sehen, zur Genüge, schließlich lebte sie von den drei Kindern schon am längsten in der Mondstundenstadt, doch noch immer löste es ein seltsames Kribbeln in ihr aus.

Der Tisch war leer, nur ein Bild aus lauter verschiedenfarbigen Holzarten war in die Platte eingelassen. Im schwirrenden Licht erkannte Felicia eine ganz aus elfenbeinfarbenem Birkenholz gefertigte Katze, die den Hauptteil der Oberfläche einnahm, und sie aus tiefgelegten, mandelförmigen Augen wachsam anstarrte. Das elegante Tier saß still da, den Schwanz um die Hinterpfoten gelegte, und doch erweckte sie den Eindruck, beim kleinsten Geräusch davonspringen zu können. Die ebenholzschwarze Stadt im Hintergrund mit den dichtgedrängten Häusern konnte nur Venedig sein, Felicia erkannte sogar einen winzigen, geflügelten Markuslöwen.

Ihr fiel auf, dass der dunkle Himmel, der sich über der geschnitzten Stadt wölbte, vollkommen sternlos war, doch ein Mond in der gleichen Farbe wie das Katzenfell leuchtete über den Dächern aus Mahagoni. Felicia hatte tatsächlich das Gefühl, dass er strahlte, obwohl das bei Holz natürlich nicht sein konnte - wie sie sich selbst mit größter Anstrengung einredete.
Unwillkürlich trat sie noch einen Schritt näher und beugte sich über das Bild, sie wollte noch mehr sehen von den Details, die teilweise kleiner als ihr Fingernagel waren. Doch ihr Blick wanderte schnell zu der Katze, sie stand Nase an Nase über ihr, und blickte dieser direkt in die Augen.

Aber was sie sah, ließ Felicia vor Schreck gleich wieder rückwärts stolpern, sie verhedderte sich in ihren Füßen und landete unsanft auf dem Boden. Ärgerlich setzte sie sich wieder auf und rieb sich den Ellenbogen, mit dem sie noch versucht hatte, sich abzufangen. Sie hatte dort ohnehin noch einen blauen Fleck, weil sie beim Abstieg in die Bibliothek an den Sprossen im Kamin gestoßen hatte. Wie viel seitdem passiert war…

Beinahe genau so schnell, wie der Schmerz gekommen war, ging er auch vorüber. Felicia stemmte sich wieder auf die kalten Füße, zögerte kurz, dann trat sie vorsichtig wieder auf den kleinen Tisch mit dem seltsamen Bild zu und sah die Katze an. Obwohl sie nun vorbereitet gewesen war, jagte es ihr erneut einen kalten Schauder über den Rücken. Die Katze hatte ihre Augen. Ihre eigenen, sturmgrauen Augen blickten Felicia aus dem Tisch heraus entgegen. Verschreckt sahen sie aus, doch man sah auch noch immer die Verschlossenheit und Kälte, die sich mit der Zeit darin angesammelt hatte. Dieses Mal wandte das Mädchen sich nicht ab, sondern starrte zurück, und während ihr Herz, ihr dummes Herz, sich endlich wieder beruhigte, verschwand auch der Schreck aus ihrem Blick. Sie dachte nach.

Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, auch wenn der Spiegel dies nicht zeigte. Der Spiegel! Natürlich. Felicia lachte kurz auf, sie konnte kaum glauben, wie dumm sie gewesen war – schließlich war sie doch bloß hierher gekommen, um nach ebendiesem Ding zu suchen, in diesem Raum stand nichts als der Tisch, da musste er doch unter der geschnitzten Oberfläche verborgen sein! Hatte ihr die Schönheit dieses schlichten Raumes kurzzeitig das Denkvermögen weggezaubert? Nun ja, der Teil des Spiegels, den sie durch die mandelförmigen Löcher im Holz sehen konnte, war so makellos, dass das Spiegelbild tatsächlich perfekt ihren Augen glich.
Wie zur Kontrolle kniff sie ihr eines Auge zu, zwinkerte die Katze an, die sie gerade noch so erschreckt hatte. Dieses tat es ihr nach. Der Spiegel, von dem Raphael ihr erzählte hatte und den er so sehr begehrte, lag direkt vor ihr.

Umso ärgerlicher war es, dass sie nicht an ihn herankam. Felicia tastete die Ränder ab, vielleicht ließ sich der Tisch ja aufklappen wie die unzähligen Glaskästen in den Museen der Stadt, doch ihre blassen Finger konnten kein Scharnier finden. Sie ging in die Hocke, um auch unter den Tisch sehen zu können, tauchte in die Dunkelheit am Boden, die im Schatten dessen noch tiefer wirkte. Doch so genau sie das Holz auch abtastete, sie fand nichts, wo es sich öffnen ließ. Ihre Freude über die Entdeckung des Spiegels verebbte rasch.

Als würde die Umgebung ihre Gefühle widerspiegeln, verdunkelte in diesem Moment ein Schatten den kleinen Raum. Felicia blickte hinauf zu der gläsernen Decke, über der noch immer der Kanal wirbelte, und sah in dem schimmernden Wasser einen dunklen Umriss vorbeigleiten, der aussah wie der eines der vielen kleinen Boote, die bei Tag die Kanäle in der Stadt des Mondes durchstreiften wie die Menschen die Gassen, und nun verlassen in der stillen Stadt vor sich hin schaukelten, fest vertäut unter den unzähligen Brücken. Für gewöhnlich. Doch nun war es schon das zweite Mal innerhalb weniger Stunden, dass eines von ihnen stattdessen wieder das Gewirr durchkreuzte. Und noch etwas fiel Felicia auf: Hinter dem Boot, dort, wo normalerweise der Motor für Verwirbelungen sorgte, wirkte das Wasser auf einmal heller, klarer, so ganz untypisch für die sonst nicht besonders sauberen Kanäle Venedigs. Beinahe leuchtete es.

Langsam, oder zumindest kam es Felicia viel zu langsam vor, fuhr es über dem versteckten Zimmer vorüber. Doch selbst als es wirklich aus ihrem Blickfeld verschwunden war, veränderte sich das Wasser weiter, es wurde so klar, bis es beinahe wie eine Lupe zu wirken schien, die das Mondlicht sogar noch verstärkte und es wie den Schein einer Taschenlampe ins Zimmer strahlen ließ.

Erschrocken und fasziniert zugleich war Felicia in eine Ecke zurückgewichen, und beobachtete, wie das vormals so trübe Kanalwasser sich über ihr in einen strahlenden Teppich aus Licht verwandelte. Es wurde greller und greller, mehr als es selbst das in der Wohnung des Studenten gewesen war, sodass Felicia schließlich doch die Augen zusammenkniff und sich abwandte. Tausend Lichtpunkte tanzten vor ihren geschlossenen Augen wie das vormals sanfte Mondlicht über die Wände der Kammer. Und noch immer füllte sich der Raum mir Licht, als sollte sie satt in Dunkelheit nun darin ertrinken.

So sah sie nicht, dass auch die Spiegelaugen der birkenhölzernen Katze von der plötzlichen Stärke des Lichts glühten, bevor sie sich auseinanderbewegten.

Kapitel 18

Ja, hier geht es mal wieder mit Felicia weiter. Ich hoffe übrigens, dass dieses und das letzte Kapitel vielleicht denen, die sich über die Beschreibung von Kanalwasserfarben gewundert haben, eine kleine Antwort gibt.

Es klickte leise, und Sekunden später war der Raum erneut nur von tanzenden Lichtschatten erfüllt, als hätte die letzte Minute nicht stattgefunden. Blinzelt wandte Felicia sich wieder dem Tisch zu, und sah, dass die hölzernen Seiten, die eben noch die Platte gebildet hatten, nun an den Seiten des Tisches herabhingen und sich langsam auspendelten. Was auch immer dieses mysteriöse Boot mit dem Mondlicht und dem Wasser im Kanal angestellt hatte, es hatte bewirkt, was Felicia nicht geschafft hatte: Die Tischplatte mit dem Mosaik darauf zu öffnen und den Hohlraum, in dem der Spiegel lag, freizugeben.Argwöhnisch trat Felicia näher und betrachtete ihn aus ein wenig Abstand – sie war nicht besonders scharf auf noch eine Überraschung wie die mit den Augen der Katze. Aber dieses Ding sah ganz gewöhnlich aus, wie jeder andere Spiegel auch, nicht einmal der Rahmen war besonders kunstvoll verziert. Nur das schimmernde Kanalwasser darüber spiegelte sich auf der Oberfläche, als wäre ein Stück der gläsernen Decke herabgefallen. Felicia zögerte kurz, doch dann streckte sie doch ihre leicht schwitzenden Hände aus und hob den Spiegel aus der Vertiefung. Sie warf noch einen kurzen Blick hinein, doch im Gegensatz zur mosaikgeschmückten Platte an der Oberseite diente der flache Hohlraum offenbar wirklich nur als Aufbewahrungsort, seine Innenseite war ebenso schmucklos wie der Rahmen des Spiegels.Sie ließ den zitternden, reflektierten Schein über die Wände der Kammer wandern wie den Schein einer Taschenlampe. Lächelt.

Und plötzlich schob sich eine Erinnerung in ihr Bewusstsein, so deutlich, als läge nur die gläserne Decke dazwischen: Ein Mädchen saß in einem lichtdurchfluteten Klassenraum, ihre gekräuselten, roten Haare leuchteten in der tief stehenden Sonne wie Funken, die sich in einem Spinnennetz verfangen hatten. Felicia sah sich selbst, ein jüngeres Ich. Verstohlen ließ dieses den reflektierenden Kreis, den das gläserne Zifferblatt ihrer Uhr auf die Wand warf, über Wände und Decke huschen, versuchte, ihn in die Augen eines  Jungen ihr gegenüber zu lenken. Dieselbe hockte auf einem Fensterbrett, ein Buch neben sich, und versuchte, Weintrauben in den Brunnen auf dem Campo unter sich zu werfen. Jetzt lief sie über eine der unzähligen Brücken, versuchte kichernd, das Mädchen neben ihr gegen die Brüstung zu schubsen. Die andere war kleiner als sie, hatte dunkle, unordentliche  Haare und die gleichen, sturmgrauen Augen wie Felicia.

Felicia keuchte erschrocken und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Der Raum um sie herum schillerte unverändert – unwirklich. Noch immer sah das dunkelhaarige Mädchen sie aus dem Spiegel heraus an. Felicia presste ihn gegen ihre Brust, sie wollte dieses Gesicht nicht mehr sehen, wollte sich nicht erinnern, und gleichzeitig spürte sie einen altbekannten Schmerz in sich. Sie hatte all das so lange verdrängt. Warum ausgerechnet jetzt…?Ein Geräusch an der Tür hinter sich ließ sie herumfahren. Sie spürte, wie ihr linkes Bein zitterte, als könne es es nicht länger ertragen, so angespannt zu sein. Zunächst sah sie keinen an der anderen Tür, der sie bislang keine weitere Beachtung geschenkt hatte, und fürchtete schon beinahe, sie würde nach den Ereignissen der letzten Stunden – und Minuten – den Verstand verlieren. Doch dann sah sie plötzlich einen weißen Schatten zwischen der schattennachtschwarzen Dunkelheit am Boden, und gleich darauf spürte sie auch etwas vertraut Weiches an ihren kalten Füßen.

„Lu!“, zischte Felicia. Sie ging in die Hocke, um die kleine Katze besser sehen zu können, und gleichzeitig wusste sie nicht, ob sie lachen sollte oder wütend sein. „Du verflixte kleine Katze. Was machst du denn hier?“ Wie oft hatte sie sich über Felipo lustig gemacht, wenn er so mit Lu gesprochen hatte. Doch beim Anblick seiner Freundin – ihrer geliebten, unmöglichen Feindin -  war ihr beinahe, als wäre etwas in ihrem Kopf an seinen Platz gerückt, dass die ganze Zeit, seit sie mit dem Studenten das Theater verlassen hatte, ziellos umhergeschwirrt war und sie vollkommen verrückt gemacht hatte. Sie betrachtete Lu aus etwas Abstand. Die hatte den Kopf schief gelegt und erwiderte Felicias Blick. „Waffenstillstand?“, fragte das Mädchen leise.

Lu legte den Kopf auf die andere Seite und musterte sie auf eine Art, in der sich Skepsis, Belustigung und Stolz mischten. „Vorläufig.“, schien sie zu sagen. Felicia verkniff sich ein Grinsen und zauste Lu das Fell. Es war bezeichnet für ihre kurzzeitige Versöhnung, dass Lu ihr dafür nicht die Hand zerkratzte. Das Mädchen stand auf und strich sich die Klamotten Dabei rutschte etwas von ihrem Schoß – der seltsame Spiegel. Das Bild war wieder von seiner Oberfläche verschwunden, sie war wieder blank und schimmernd und fing erneut das Mondlicht ein, um es durch den Raum tanzen zu lassen. Lu starrte vollkommen fasziniert auf den entstandenen flimmernden Fleck, folgte ihm mit den Augen – auch wenn ihr überheblicher Stolz es nicht zuließ, dass sie ihm hinterher sprang. Felicia lächelte und ließ den Schein um sie herumkreisen, spielte mit ihm, in der Hoffnung, sie doch noch aus der Reserve locken zu können. Ein bisschen Triezen konnte sie sich trotz des gerade vereinbarten Waffenstillstands einfach nicht verkneifen.

Doch dann, gerade als das Mädchen Lus größte Schwachstelle anging und mithilfe des Spiegels schimmernde Flecken auf ihr helles Fell warf, geschah etwas merkwürdiges, vermutlich merkwürdiger als alles, das in den verrückten letzten Stunden passiert war. Lu begann zu leuchten. Zuerst war es nur ein leichtes Glimmen an den Stellen, die das reflektierte Licht berührte, und Felicia war sich sicher, dass sie es sich nur einbildete, vielleicht noch immer wegen dem grellen Licht, dass den Tisch geöffnet und sie geblendet hatte. Doch dann wurde es heller und heller, jedes einzelne Haar schien sich in eine kleine Galaxie zu verwandeln, und Felicia hätte nicht sagen können, ob es auf ihrem Fell herauskam oder sich auf diesem niederließ.

Lu allerdings schien nicht besonders überrascht. Sie blickte gelassen an sich herunter, schöner denn je, dann sah sie das Mädchen an, als wollte sie sagen: „Tja, da staunst du, was?“Felicia schüttelte nur resigniert den Kopf, sie hatte für diesen Teil der ewigen Nacht mehr als genug Überraschungen erlebt. Einen Moment starrte sie noch die mondlichtstrahlende, kleine Katze an, dann gab sie sich einen Ruck. „Ich verstehe gar nichts mehr, Lu.“, murmelte sie. „Komm, wir gehen zurück zu den anderen. Ich weiß, ich muss mich entschuldigen. Du weißt, wo sie sind, oder?“ Lus Blick strafte sie, überhaupt gefragt zu haben.

Als Felicia die Tür, durch die Lu gekommen war und die genau der ihren gegenüber war, aufstieß, wusste sie gleich, womit sie es zutun hatte: Dies war einer jener schluchtschwarzen Räume, in denen man den Boden unter den Füßen zu verlieren glaubte, weil die Dunkelheit so unendlich tief schien. Die jedes Licht verschluckte. Felipo und sie hatten manchmal kleine Wettbewerbe untereinander veranstaltet, wer am längsten dort bleiben konnte – und obwohl sie es sich nicht eingestehen wollte, hatte Felipo immer gewonnen. Felicia war an die Dunkelheit der Stadt gewöhnt, natürlich, aber das hier war noch einmal eine ganz andere Sache.

Doch sie wurde wieder überrascht, denn als Lu an ihr vorbeischlüpfte, war ihr Licht unerklärlicherweise das bislang einzige, das nicht erlosch, es hing in der tiefen Schwärze wie der sanfte Mond am mitternachtsschwarzen Himmel. Felicia schüttelte nur wieder den Kopf. Sie war plötzlich furchtbar müde, sie konnte nicht mehr denken, konnte sich nicht mehr mit den unzähligen Geheimnissen der Mondstundenstadt auseinandersetzten. Sie schluckte und stolperte Lu nach.

Sie fühlte den Boden unter ihren Füßen, weder warm noch kalt, sie spürte den Luftzug auf ihrem Gesicht, während sie lief, hin und wieder streifte sie eine glatte Wand neben sich, und doch sah Felicia nichts als das Mondlichtfell der Katze vor sich. Lu war schneller als sie, und entweder bemerkte sie das nicht – oder sie beabsichtigte wirklich, Felicia immer weiter zurückzulassen.Bald war aus dem großen Mond nicht mehr als ein kleiner, schimmernder Stern in der grundlosen Nacht geworden.

Und dann war sie plötzlich ganz verschwunden. Felicia verlangsamte ihre Schritte und lehnte sich keuchend gegen die Wand. Sie war es gewohnt, lange zu laufen, doch plötzlich holte sie wieder das Gefühl der Mutlosigkeit ein, dass nur in der Dunkelheit gewartet hatte und machte sie schlaff „Lu?“, brachte sie noch hervor, „Lu!“ Doch natürlich antwortete niemand. Ihre Stimme schien nicht weiter als bis zur nächsten Wand zu dringen. Allein.Felicia wollte Lu nachlaufen, doch die Dunkelheit ließ ihre Beine zittern. Sie glitt an der Wand herunter, auf dem Boden, von dem ihre Augen sagten, dass er nicht existierte und vergrub da Gesicht in den Händen. Es konnte sie doch ohnehin niemand sehen. Und war sie das Schauspielern nicht auch Leid? Das Gesicht des dunkelhaarigen Mädchens sah sie aus der Dunkelheit an. Wieder allein.

Kapitel 19

Elinors Haare rochen nach Lavendel und Salz aus der Lagune. Sie hatte ihren Zopf nun doch vollständig aufgelöst, nachdem er dies schon ziemlich fortschrittlich in Eigenverantwortung getan hatte. Die Abenteuer der letzten – Stunden? Tage? – hatten ihm beinahe noch mehr zugesetzt als seiner Trägerin. Seit einer kleinen Ewigkeit hatte Elinor nichts mehr gesagt, ebenso wie Felipo, nur dagesessen, aneinander gelehnt und die Gegenwart des anderen gespürt, die sie davor bewahrte, in der undurchdringlichen Schwärze verloren zu gehen. Es hilft, einen anderen an der Seite zu haben, wenn alles dunkel ist, sei es, weil man einen Freund verloren hat oder einfach nur, weil man sich in erbarmungsloser Dunkelheit versteckt. Oder beides. Manchmal fragte Felipo sich, ob sie vielleicht eingeschlafen war, doch dann spürte er wieder ihren unruhigen Atem und wusste, dass ihr genau so zumute war wie ihm. Unmöglich, Ruhe zu finden.

Sie hatten jedes Zeitgefühl verloren, und Felipo fragte sich plötzlich, ob die Zeit in den dunklen Räumen vielleicht noch einmal anders lief als in der Mondstundenstadt. Seine Armbanduhr hatte er hier bald aufgegeben, sie war hier zur Zeitanzeige vollkommen nutzlos: Der Stundenzeiger sprang von einer Zahl zur nächsten, der grashalmdünne für die Sekunden pendelte zwischen acht und elf, und der Minutenzeiger stand ganz still. Doch der Junge bewahrte sie immer noch auf, nur für den Fall, dass sie es wirklich schafften, in ihr altes Leben zurückzukehren.

„Elinor?“, flüsterte Felipo. Die Lichtlosigkeit schien ihm die Worte zurück in den Mund zu drücken, doch eine kleine Bewegung ihres Kopfes in seine Richtung sagte ihm, dass sie ihn gehört hatte. Seine Nase versank noch tiefer in ihren Haaren.
„Hast du Angst?“
„Ich weiß nicht. Ein bisschen.“ Ihre Stimme klang erstaunlich ruhig. Dann seufzte sie leise. „Ich weiß sowieso nicht mehr, was ich denken soll. Es ist alles zu viel. Bis vor kurzem war da einfach meine Bücherstadt, weißt du, und dann seid ihr auf einmal aufgetaucht und seitdem…“

Sie hatte nicht anklagend klingen wollen, doch Felipo wusste, dass sie sich fragte, ob Felicia und er vielleicht sogar Schuld daran waren, dass sich ihr Lichtfenster geschlossen hatte. Sie tat ihm furchtbar Leid. Er erinnerte sich, was er durchgemacht hatte, als seines sich nicht wieder geöffnet hatte und er mit einem Mal allein dagestanden hatte, bis er Lu und schließlich auch Felicia getroffen hatte.

Er musste zugeben, dass er Felicia nie wirklich durchschaut hatte, doch es manchmal hatte sie sich beinahe wie eine große Schwester um ihn gekümmert hatte. Er dachte an die Blicke, mit denen Lu – und auch Elinor – Felicia immer wieder bedachten, und daran, wie wenig sie das verdient hatte.
„Sie ist nicht so übel wie glaubst.“, sagte er leise. „Felicia, meine ich. Sie kann wirklich nett sein.“ Verflucht, er hatte noch nie gut mit Worten umgehen können. Sie wanden sich und flutschten ihm von der Zunge, noch bevor er diese wirklich darum geschlungen hatte. Je länger er darüber nachdachte, desto schlimmer wurde es. „Meistens ist sie nett. Sie hat nur – sie hat irgendwas, das sie traurig macht. Und sie kommt einfach mit Lu nicht klar, das macht beiden schlechte Laune.“ Elinor lachte leise und erstickt. „Lu und Felicia sind sich einfach zu ähnlich.“, sagte sie. „Beide die Herrin, beide glauben sich immer im Recht, und zugegeben, beide sind auch ziemlich schlau. Zwei solche Leute können nicht lange auf einem Fleck sein, ohne sich in die Haare zu kriegen.“ Auch Felipo musste lächeln, und einen Moment schwiegen sie beide die Stille an. Völlig in Gedanken.

„Felipo?“, flüsterte Elinor schließlich. „Hm.“
Warum fangen wir Gespräche eigentlich immer so an?, dachte er. Es war doch niemand außer ihm da, den sie ansprechen könnte, oder? Oder? Die Frage, was oder wer die Mondstundenstadt eigentlich steuerte, umtrieb ihn schon lange, und jedes Mal jagte sie ihm einen kalten Schauder über den Rücken, ganz anders als jene, die die Dunkelheit schickte. Glücklicherweise redete Elinor weiter, bevor er allzu tief in diese Vorstellung versinken konnte. Obwohl auch sie klang, als würde sie nur schwer die richtigen Worte finden können.

„Weißt du, ich weiß nicht, wie das bei dir und Felicia immer war, aber – ich erlebe gerade das erste Abenteuer meines Lebens, und habe trotzdem keine Ahnung von den Menschen, die dabei nebenan meiner Seite stehen.“ Das hat sie aus einem Buch, dachte Felipo, aber er sagte nichts. „Ich meine, ich hab keine Ahnung von euch. Ich weiß nicht, woher ihr kommt, und ob ihr eine genau so anstrengende Mutter habt wie ich, nicht mal, was ihr eigentlich hier gemacht habt, bevor das alles losging. Bitte verstehe das nicht falsch, vielleicht willst du mir ja auch gar nichts sagen, ich will dir nichts vorwerfen. Aber –

Er konnte ihren hoffnungsvollen Blick beinahe spüren. Er konnte auch verstehen, dass sie mehr über ihn wissen wollte – würden nicht die meisten Menschen sagen, dass Freundschaft auf Vertrauen beruht und darauf, dass man einander alles erzählen kann? Aber was sollte er ihr sagen? Was interessierten sie seine vier Geschwister, seine Sehnsucht, endlich einmal seine Ruhe zu haben zwischen dem Lärm einer großen Familie, seine bücherverliebten Eltern? Besonders begeistert wäre Elinor wohl nicht, wenn sie erführe, dass er diesen Millionen winziger Buchstaben, die sie so sehr liebte, nie besonders viel abgewinnen konnte. Sie tanzten vor seinen Augen, spielten mit ihm Fangen. Genau so wie die gesprochenen Worte. Und er verlor dieses Spiel fast immer. Mit Felicia hatte er nie über so etwas gesprochen; aber, auf der anderen Seite, sie hatte das auch nie gewollt. Es entstand eine ziemlich peinliche Pause, in der Elinor gespannt und verständnisvoll wartete, nichts ahnend von dem Sturm in Felipos Kopf. Die Gewohnheit und Erinnerung kämpfte mit dem Bedürfnis, sie nicht zu enttäuschen, der Wille kämpfte mit den Worten und wirbelte sie durcheinander.

Er setzte zweimal an, doch jedes Mal murmelte er nur ein paar unverständliche Anfangsworte in die Haare seiner Freundin. Jedes Mal drang die ertränkende Dunkelheit in seinen Mund, wusch ihn leer und machte noch unmöglicher als sonst, Sprache zu finden.
Elinor schien nun doch zu verstehen, denn sie versuchte es ein wenig anders: „Du musst sonst auch nicht so viel erzählen. Ich bin nur so neugierig…“ Sie überlegte einen Moment.
Wieder war Felipo überrascht, wie normal sich ihre Stimme anhörte. Ihre zitternde Hand auf seiner Schulter verriet anderes, doch beim Sprechen hätte man beinahe glauben können, dass die scharfe Schwärze ihr nichts ausmachte. Sie schien an diesem Abenteuer zu wachsen. „Wie wäre es, wenn du mir nur so viel erzählst, wie du auch schon von mir weißt? Nichts über deine Familie, nichts über irgendwas vor all dem hier.“
Felipo nickte, und da seine Nase irgendwo in ihren verwuschelten Haaren versunken war, kam diese Geste auch bei Elinor an. Doch er sagte noch immer nichts.
„Also, was – was hast du gemacht?“, hakte sie nach, nun doch etwas unsicherer. Sie wollte ihn nicht drängen, doch gehörte auch offensichtlich zu den Mädchen, die es nicht gern haben, wenn man sie warten lässt. „Ich hoffe stark, dass du nicht auch geklaut hast, so wie ich. Obwohl es ja immer nur ein Buch war, und das habe ich gleich beim nächsten Mal zurückgebracht.“
Als sie noch immer keine Antwort bekam, die sie zufrieden stellte, probierte sie es mit einer konkreten Frage: „Hast du… etwas gesucht? Oder gesammelt?“ Felipo gab sich einen Ruck. Was war denn schon dabei?

„Erinnerungen.“, murmelte er. „Was?“ „Erinnerungen.“ Nicht gut reden zu können war die eine Sache, aber dieser Ort machte ihn noch dazu völlig verrückt. „Auf Fotos, alten Briefen, aber auch einfach in Steinen und so weiter. Hinter jedem alten Foto steht eine Geschichte, überleg mal, was die Leute darauf alles erzählen könnten!“ Er hatte Angst, sie könnte ihn auslachen, doch das tat sie nicht. Schwieg nur und hörte zu. „Geschichten, die vergangen sind,
sind fast immer spannender als die, die gerade sind. Und sie sind still.“ Wo sollte er nur anfangen? „Ich weiß nicht mehr, warum ich mich auf einmal für diese Geschichten interessiert habe. Vielleicht lag es an meiner Großmutter. Sie wohnte bei uns, als sie krank wurde, und hat ständig erzählt, unglaubliche und wunderbare Sachen sowohl von sich als auch über andere Leute, Orte, eben alles! Ich wusste nie, wann sie sich etwas ausgedacht hatte, aber in dem Moment, als sie es erzählte, habe ich ihr immer aufs Wort geglaubt. Meine Geschwister fanden sie langweilig.“ Er war dankbar, dass sie auch nicht nach den Geschwistern fragte. Vergangenheit. Felipo hatte manchmal Schuldgefühle, weil er sich nicht einmal sicher war, ob er sie alle vermisste, während er hier war. „Meine Großmutter war eine wandelnde Schatzkiste, so kam es mir jedenfalls vor. Aber irgendwann ist sie eben gestorben. Und ich bin hierher gekommen, um meine eigene Schatzkiste zu füllen“ Er seufzte. „Klingt es kitschig, wenn ich sage, dass ich manchmal das Gefühl habe, ihre Stimme zwischen dem Wind hier zu hören?“
„Ja.“, murmelte Elinor. „Aber es klingt auch wunderschön.“ Wieder fand keiner der beiden Sprache, hier schien selbst Elinors sonst gerne sprudelnde Wortquelle in der kalten Dunkelheit zu gefrieren.

„So, jetzt weißt du’s.“, brummte Felipo schließlich. Und in einem kleinen Anflug von Trotz  fügte er hinzu: „Und mehr weiß ich über dich ja auch nicht!“ Wieder musste Elinor leise kichern. Dann richtete sie sich so plötzlich auf, dass Felipos Kopf von ihrer Schulter rutschte und beinahe gegen die Wand schlug. Er blinzelte überrascht und ein wenig ärgerlich. „Was ist denn?“ Er sah es selbst, wenn auch ein paar Sekunden später. Ein kleiner, schimmernder Lichtpunkt war irgendwo in der endlosen Schwärze aufgetaucht, hüpfte auf und ab und wurde dabei rasch größer. Stirnrunzelt stand Felipo auf und spürte, wie sich neben ihm auch Elinor erhob. Die zeitweise Geborgenheit glitt an ihm herunter zu Boden wie ein dünner, schwarzseidener Umhang und verschmolz wieder mit der Dunkelheit um ihn herum. Sogleich wurde sie abgelöst von einem erneuten Schauder eisiger Kälte, während seine Augen den glühwurmartigen Punkt fixierten. Er fragte sich, warum das lichtlose Tuch um sie her es das Licht nicht einfach erstickte, dachte an Felicia und spürte ein Funken Hoffnung und Zweifel. Das alles in den paar Augenblicken, bis das leuchtende Etwas nah genug herangekommen war, um es genauer zu erkennen.

In dem schwachen Licht, das Lus leuchtendes Fell – hell wie der Mond, und genau so sanft – auf ihr Gesicht warf, konnte Felipo sehen, dass Elinor fast genau so schaute, wie er sich gerade fühlte. Ihr Mund war leicht geöffnet, sie schüttelte ungläubig den Kopf und zwischen den Vorhängen aus langen, dunklen Haaren stand ein Gesichtsausdruck absoluter Sprachlosigkeit.
Die Katze selbst gab sich unbeeindruckt, doch Felipo konnte sich gut vorstellen, wie sehr den Anblick der vollkommen verblüfften Gesichter der Kinder genoss. Endlich fand er seine Fassung wieder, und obwohl ihm bewusst war, dass auf seinem Gesicht das gleiche sprachlose Erstaunen zu lesen war wie auf Elinors, versuchte er sich von dem unerklärlichen Leuchten vorerst nicht zu sehr ablenken zu lassen. Dass sie zurück war, bedeutete auch, dass sie Felicia gefunden haben wusste – auch wenn ihm nicht klar war, warum Lu auf einmal aus einer anderen Richtung kam als aus der, in die sie sie geschickt hatten. Er sah die Katze an und zog fragend die Augenbrauen, und wie beinahe immer schienen die beiden sich ohne Worte zu verstehen, denn ihre Augen, die einzigen schwarzen Flecken auf ihrer hellen Erscheinung, blitzten. Dann drehte sie sich um und trabte wieder in die Richtung, aus der sie gekommen war, gerade langsam genug, dass die Kinder mithalten konnten. Ohne ein weiteres Wort griff Felipo nach Elinors Hand, und sie folgten der Katze durch die Dunkelheit, in der kein Wind wehte und die einem doch schneident ins Gesicht fahren konnte.

Kapitel 20

Es war ohnehin ein komisches Gefühl, einfach blind ins Leere zu stolpern, doch als sie dazu noch rennen musste, kam es Elinor vor, als drehe sich ein Wirbelsturm in Zauberer-von-Oz-Größe in ihrem Kopf. Ihre Augen schmerzten und ständig glaubte sie, plötzlich etwas in der Dunkelheit auf sich zukommen zu sehen. Jedes Mal, wenn sie stolperte, pikste der Schreck sie mit einem spitzen Finger ins Herz, das zudem auch noch viel zu schnell pochte, und jedes Mal glaubte sie, gleich in eine unendlich tiefe schwarze Schlucht zu stürzen. Allmählich befürchtete sie, dass ihre Nerven Langzeitschäden von diesem Abenteuer davontragen könnten, weil sie ständig derartig angespannt waren. Einmal spürte sie etwas Weiches, das sich dann als das Fell der vorbeistreichenden Lu herausstellte, an ihren Waden und wäre vor Schreck fast der Länge nach hingefallen, wenn Felipo sie nicht gehalten hätte. Elinor spürte seine kühle Hand in ihrer, und sie war unendlich dankbar dafür. Zwar konnte sie ihn nicht sehen, und seiner Stimme während ihres Gesprächs nach zu schließen war ihm auch ähnlich angstvoll zumute wie ihr, und dennoch strahlte er wie immer eine freundliche Ruhe aus. Schon der Gedanke an seine funkelnden Augen beruhigte sie. Die leuchtende Lu vor ihnen war schon wieder kaum mehr als ein kleiner Punkt, dem sie folgten. Irgendwann ersticke ich noch in dieser Dunkelheit, dachte Elinor und rieb sich, noch immer rennend, die stechenden Seiten. Warum musste Lu es immer so eilig haben?

Plötzlich hörte sie vor sich ein Geräusch, ein leichtes Schniefen, das ganz sicher nicht von Lu stammen konnte. Es kam eindeutig von einem Menschen. Reflexartig stemmte Elinor die Füße in den Boden, sie spürte, wie ihr Felipos Hand entglitt und sofort ergriff sie wieder die Panik.
„Felipo?“, zischte sie und wedelte mit den Händen vor ihrem Körper hin und her, in der Hoffnung, seine Hand wiederzufinden.
„Elinor?“ Die ungläubige Stimme kam von einem Punkt nur ein paar Meter vor ihr, aber sie gehörte nicht Felipo.
„Felicia?“, flüsterte Elinor ungläubig. Das konnte nicht sein. Wo immer Raphael sie auch hingebracht hatte, es musste doch Meilen entfernt sein! Felipo schien ebenfalls vollkommen perplex, er stand nur da und rührte sich nicht einmal, als Elinor ihm aus Versehen gegen den Arm schlug. Sie spürte seinen Puls, als sie wieder seine Hand umfasste. Er schlug noch immer ziemlich schnell, ob das aber vom schnellen Laufen oder vom Schreck kam, hätte sie nicht sagen können.

Die einzige, die noch etwas Geistesgegenwärtigkeit zu besitzen schien, war Lu. Ob es daran lag, dass sie die Unsicherheit der Kinder spürte oder daran, dass sie schlicht und einfach nicht warten konnte, hätte Elinor nicht sagen können, doch sie blieb plötzlich stehen, dort, wo die andere Gestalt (Felicia?) im Dunkeln sitzen musste. Im schimmernden Licht ihres leuchtenden Fells erkannte Elinor zwei dünne Schienbeine, nackte Füße und den schwarzen Saum eines Kleides, das sich nach oben hin in der Dunkelheit verlor. All das hätte Elinor schon als Beweis gereicht, doch bevor sie mehr als einen erleichterten Seufzer von sich geben konnte, war Lu schon gesprungen, sie krallte sich unter einem leisen, erschrockenen Schrei Felicias am Stoff ihres Kleides fest und kletterte daran hinauf, bis sie auf der Schulter des Mädchens saß und die beiden anderen auch deren Gesicht sehen konnten. Die Mähne aus rotem Haar war noch ein wenig ungeordneter als sonst, als hätte jemand mit dem Händen darin herumgewühlt, und Felicias Haut wirkte noch eine Spur blasser, was aber auch an dem seltsamen Mondlicht – oder was es auch sonst war -  aus Lus Fell liegen konnte. Trotzdem war es mehr als eindeutig, dass es wirklich Felicia war, die Felipo und Elinor in diesem Labyrinth aus leeren, schwarzen Räumen und Gängen angetroffen hatten.

Felipo fasste sich als Erster wieder, er stürmte auf seine Freundin zu und umarmte sie so stürmisch, dass Lu beinahe von ihrer Schulter fiel. Felicia lächelte, und Elinor musste auch lachen, nur um sich kurz darauf ebenfalls auf Felicia zu stürzen, sie zu umarmen und mit einer Unmenge von wirren Fragen zu überhäufen: „Felicia! Wo kommst du denn her? Wir dachten, du wärst… Raphael und Nico wären im Theater gewesen, aber jetzt… Hilfe, hast du eine Ahnung, was wir uns für Sorgen gemacht haben? Felipo war schon vollkommen verzweifelt...“
„Du auch!“, brummte Felipo irgendwo schräg über ihrem Ohr. „Elinor war drauf und dran sich eins der Gewehre aus dem Requisitenraum zu schnappen und ganz Venedig nach deinen Entführern abzusuchen.“ „Es tut mir so leid.“, flüsterte  Felicia und drückte die anderen an sich. Verwundert sah Elinor auf. Es sah Felicia gar nicht ähnlich, ebensolche Wiedersehensfreude zu zeigen wie Felipo und sie selbst, geschweige denn, dass sie sich so aufrichtig für etwas entschuldigte. Sie befreite sich wieder aus der Verknotung von Armen und fragte stirnrunzelnd: „Was tut dir leid?“ „Alles.“, murmelte Felicia, Felipo noch immer umarmend. „Das ich so eklig zu dir war, und dass ich euch solche Angst gemacht habe und dass ich euch angelogen habe und dass ich eben erst gemerkt habe, wie sehr ich euch vermissen würde.“
Elinor sah sie mit großen Augen an. „Wer bist du, und was hast du mit Felicia gemacht?“ Diesen Satz hatte sie in Büchern schon immer geliebt und nur auf eine Gelegenheit gewartet, ihn einmal anbringen zu können.

Felicia lachte leise auf und befreite sich sanft aus Felipos Armen. „Ach, ich weiß auch nicht. In letzter Zeit passiert einfach zu viel.“ Sie wischte sich ärgerlich mit der Hand übers Gesicht.
„Du hast Recht, ich muss mich eben angehört haben wie in einem kitschigen Liebesroman, und die habe ich eigentlich schon immer gehasst.“ Sie straffte die Schultern, Lu hatte das Gewühl während der allgemeinen Umarmung dafür genutzt, auf Felipos Schulter zu wechseln. „Wenigstens einer sollte hier einen kühlen Kopf bewahren, und von euch kann man das ja bekanntlich nicht erwarten.“ Elinor warf Felipo einen Blick zu. Er konnte ihr Gesicht zwar nicht sehen, aber offenbar spürte er es, denn auch er sah zu ihr hinüber und grinste ein wenig. Das hörte sich schon wieder besser an, oder zumindest normaler. „In Ordnung, Boss.“, sagte Elinor. Sie war plötzlich in recht kicheriger Stimmung. „Was schlagen Sie vor?“ „Ich schlage vor, dass wir erst mal hier rauskommen.“, sagte Felipo. „Es ist mir immer noch – unheimlich hier.“
„Klingt gut.“, meinte Elinor. „Wenn du weißt, wo es raus geht… Ich habe, ehrlich gesagt, auf dem Weg hierher den Überblick verloren. Diese Schwärze sieht doch überall gleich aus.“
Ihr sank der Mut wieder, als sie im Schein von Lus Fell Felipos Gesicht sah, dass ebenso ratlos aussah wie ihr eigenes. Dass Venedig ein Labyrinth war, wusste sie selbst, aber diese schwarzen Gänge waren noch etwas ganz anderes, ein Gewirr von tausend schwarzen Fäden, die sich hoffnungslos ineinander verschlungen hatten.

„Felicia, wo bist du eigentlich hier reingekommen?“, fragte Felipo plötzlich. Elinor sah auf, doch Felicia machte eine wegwerfende Handbewegung. „Durch einen Raum, der unter einem Kanal liegt. Raphael hat ihn mir gezeigt, er brauchte etwas daraus – ist eine lange Geschichte. Aber dort kommen wir auch nicht raus, denn er und Nico warten vor der Tür auf uns.“ Sie seufzte resigniert. „Ich sag es nur ungern, aber es sieht so aus, als wäre Lu die Einzige, die uns hier weiterhelfen kann. Wenn sie euch hergebracht hat, muss sie sich doch hier auskennen.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und sah Lu in die kleinen Knopfaugen, das einzige an der kleinen Katze, das nicht dem strahlenden Mond, sondern dem samtschwarzen Nachthimmel glich. „Kannst du uns bitte hier rausbringen, Lu?“ Lu wandte ihr zwar das kleine Gesicht zu, bewegte sich aber keinen Zentimeter. Felicia zog scharf die Luft ein, als müsse sie sich zwingen, ruhig zu bleiben. Elinor sah Felipo an, der zwar leicht grinste, aber keine Anstalten machte, Felicia beizuspringen.
„Lu, ich weiß, dass ich nicht besonders nett zu dir war. Aber das ist jetzt wirklich nicht der richtige Augenblick, also könntest zu bitte endlich über deinen Schatten springen und uns helfen?“

Noch immer keine Regung. Felicia blickte hilfesuchend zu Elinor, und als die nur die Schultern zuckte zu Felipo. Der zog die Augenbrauen hoch und grinste noch ein wenig breiter, aber unter Felicias Blick gab er schließlich nach. „Lu, ich glaube, Felicia meint es ernst. Es tut ihr leid und sie wird sich bestimmt noch in aller Form bei dir entschuldigen, vielleicht zu einem etwas passenderen Zeitpunkt.“ Er senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern.
„Komm schon, zeig den beiden Damen, dass du die Einzige von und bist, die sich hier wirklich auskennt.“ Lu blickte von ihm zu Felicia, die ein Lächeln versuchte, was aber eher zu einem Zähnefletschen geriet. Dann sprang sie lautlos wie immer von Felipos Schulter, schlüpfte zwischen Felicias Beinen hindurch und lief voraus. Wieder legte sich die tiefe Dunkelheit wie ein eisiger Mantel über die Kinder und sie beeilten sich, hinterherzukommen. „Mit ein bisschen Schmeicheln geht alles.“, hörte Elinor Felicia ungehalten brummen. Sie verkniff sich ein Grinsen, und irgendwo in ihr drin begann eine neue Hoffnung aufzukeimen.

15 Kommentare

Feuerelfe am 19. März 2015

Hi Wespe, wow, deine Geschichten sind so umwerfend! Ich liebe deinen Schreibstil! Und, ich wollte es dir eigentlich schon bei deiner anderen Geschichte Mia und Despina dazuschreiben, ich finde es eine wunderbare Idee immer wieder Lieder einzubauen, die es auch tatsächlich gibt. (Wie zb. hier als Felicia Klavier spielt). Ich höre mir die Lieder dann immer an, während ich deine Geschichten lese und sie passen immer super dazu. Großes Kompliment!

Aralc am 23. Juli 2014

Wow! Wespe du hast einen echt tollen Schreibstil.

Mariella am 15. Dezember 2013

Juhu, ich wollte mal fragen wie so um die Mondstundendiebe steht?? Ich weiß ich hab jetzt schon gefühlte 10mal gefragt aber ich kann nicht anders . Deine Geschichte begeistert mich halt . glg Mariella

Ella am 1. November 2013

Oh ja, von mir auch gute (und vorallem schnelle ) Besserung Wespe!!!!!!! Ich freu mich wirklich riiiiiiesig, dass du bald weiterschreibst Lg Ella

Wespe am 31. Oktober 2013

Awww, dankeschoen, ihr alle! Da werde ich mir nochmal doppelt Muehe geben!

Carlotta am 31. Oktober 2013

Ich wünsch dir auch ganz schnell gute Besserung, Wespe!! Lass' den Kopf nicht hängen. Lg Carlotta

Schneewittchen am 31. Oktober 2013

Ja, gute Besserung Mit ist grade aufgefallen, dass ich hier noch gar kein Kommentar hinterlassen hab. o.O Also, ich bin ein absoluter Fan von den Mondstundendieben!! Ich liebe die Art, wie du schreibst, so beschreibend, irgendwie auch mysteriös. Freu mich auf die Fortsetzung, wenn sie irgendwann mal da sein wird *-* GLG Schneewittchen

Mariella am 25. Oktober 2013

Na dann wünsch ich dir gute Besserung und viel Inspiration beim Weiterschreiben. GLG Mariella

Wespe am 24. Oktober 2013

Hallo Mariella, hallo Carlotta, es tut mir wirklich (!) leid, dass ich so ewig nichts mehr reingestellt habe Ich werde weiterschreiben, ich versprech's euch, aber... naja, mir geht's in letzter Zeit nicht so gut und deshalb faellt mir das Schreiben an den Mondstundendieben gerade ziemlich schwer Aber es ist wirklich so, so lieb, dass ihr immer noch an meine Geschichte denkt, und ich werde es versuchen!!

Mariella am 22. Oktober 2013

Hi Wespe. Weißt du zufällig wann du den nächsten Teil reinstellst?? Würde mich freuen. Lg Mariella

Carlotta am 30. August 2013

Wann schreibst du weiter?

Wespe am 25. August 2013

Haha, dankeschön, ihr Lieben! Wie schön zu wissen, dass meine Geschichte selbst in der neuen Website-Version noch gelesen wird Und wie cool, dass wir jetzt neue Smileys haben, Insa

CorneliaFunkeFan am 21. August 2013

Ich habe hier ja lange nichts mehr gelesen, aber jetzt habe ich grade alle Kapitel noch einmal gelesen Und ich muss sagen, dass mir deine Geschichte noch immer genauso gut gefällt wie am Anfang!! Du kannst einfach so wunderbar schreiben!! Liebe Gruesse von CFF

Mariella am 18. August 2013

toll. ich hab mich total gefreut als ich das neue Kapitel gesehen hab. Weiter so lg Mariella

Ella am 18. August 2013

Dieses neue Kleid passt wirklich hervorragend zu deiner Geschichte, Wespe Man kann sich richtig in sie einleben. Lg eure Ella