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Evelin Rush

Die Wachsblume

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Kapitel 1: Eine Erinnerung

Die Geschichte spielt in London zur Zeit der großen Pestepidemie (70.000 Tote). Alicon ist eine junge Adelige die vor einer Zwangsheirat flieht und eigentlich bei einem Überfall hätte ums Leben kommen müssen. So erreicht sie London, gibt sich aber dort als Mann aus um nicht erkannt zu werden. Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse. Alicon oder Alec (wie sie dann heißt) begeht einen Mord und muss lernen in dem Albtraum der Seuche zu überleben und ihr Geheimnis vor der Welt zu wahren. Ihr engster Freund ist Elton, ein Taschendieb aus der Kriminellenszene, der  durch Notwehr ebenfalls gezwungen wird einen Freund Alicons zu töten (Streit).

Es war bereits nach Mitternacht als es leise an die Tür klopfte. Überrascht blickte Alicon auf. Mit einem Buch auf den Knien, in einen gemütlichen Sessel gekuschelt hatte sie gar nicht gemerkt wie spät es geworden war. Jetzt wanderte ihr Blick in rascher Folge von der Uhr zur Tür und wieder zurück. Was konnte so wichtig sein, dass man sie um diese Zeit noch störte? Ob wohl etwas passiert war? Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit. ,,Herein!"
Hinter der Tür regte sich nichts. Vielleicht hatte man sie nicht gehört. Kurzentschlossen legte sie das Buch zur Seite und stand auf um zu öffnen.

Draußen stand Mrs. Grey, eine ältere Dame von etwa 55 Jahren mit schlichtem Kleid, Schürze und einem weißen Spitzenhäubchen auf den Locken, das mehr schlecht als recht an ihrer Haarpracht befestigt war. Es war nur allzu offensichtlich, dass man die kleine, mollige Haushälterin gerade aus dem Bett geschmissen hatte denn nicht nur ihre ganze Aufmachung sondern auch ihr Gesichtsausdruck zeugte von der Hektik in der sie sich angezogen hatte und einem nicht geringen Maß an Ärger.

,,Entschuldigen Sie Miss. Alicon, aber ich fürchte ihr Vater verlangt sie noch zu sehen. Ich weiß auch nicht was in ihn gefahren ist aber es wäre besser wenn sie sich beeilen."
Alicon verharrte einen Moment auf der Türschwelle bevor sie begriff ,,Ja ja, natürlich!"
Sie griff nach der Stola die sie nach dem Dinner über die Lehne eines Stuhls geworfen hatte und schloss beim hinausgehen die Tür hinter sich. Auf dem Korridor war es ungewöhnlich kalt und Alicon zog das Tuch etwas fester um die Schultern.
,,Also dann.... gehen wir!" murmelte sie und zwang sich zu einem Lächeln. Die Antwort war ein knappes Kopfnicken doch glaubte Alicon eine Spur von Besorgnis in ihren Augen blitzen zu sehen. Sah man ihr die Aufregung so sehr an?

Doch wie konnte sie anders? Ihr Vater wollte sie sehen. Er wollte sie endlich sehen... nach 3 endlos langen Monaten. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte er sich so verändert. Alles hatte sich verändert. Doch anstatt diese Wendung zu akzeptieren hatte er mit seiner Tür auch seinen Schmerz vor ihr verschlossen. Danach war er oft abweisend, in sich gekehrt und oft nicht einmal mehr ansprechbar gewesen. Nicht einmal das Hauspersonal bekam ihn häufiger zu Gesicht und versuchten schließlich ihm aus dem Weg zu gehen um nicht einem seiner zahlreichen Wutausbrüche einherzufallen. Schließlich hatte der Lord alles was an seine Frau erinnerte vom Anwesen entfernen lassen. Abgesehen von Elinors Zimmer das nach dem Abtransport ihrer Leiche für immer verschlossen wurde. Niemand durfte es betreten, nichts sollte ihr Leben auf Rosingspark überdauern. Kein Bild, keine Bücher, keine Kleider, nicht eine geschriebene Zeile. Nichts. Es war als hätte es  sie nie gegeben.

Doch für Alicon war sie immer noch hier. Untrennbar verwebt mit ihren Erinnerungen. Manchmal schreckte sie des nachts immer noch schweißgebadet auf und glaubte die schweren Atemzüge der Kranken neben sich zu hören. Wie viele Stunden hatte sie an ihrem Bett gekniet, gewacht, gehofft und gebetet? Selbst Wochen danach hatten sie immer wieder diese Bilder beschlichen ungefragt, klar und scharf als befände sie sich wieder in dem von Kerzen erleuchteten Raum. Elinor, sich in den Fieberträumen windend auf ihrem Lager. Und da war sie selbst so dicht neben ihr. Die Stirn an ihre Hände gepresst. Alles war weiß gewesen. Das Laken, ihre Haut, das Licht der Kerzen. Weiß der Kittel des fetten Arztes der stündlich hereinkam. Dieser Arzt mit seinen dicken Fingern und dem entschuldigenden Kopfschütteln. Und dann war es einfach passiert und mit einem Schlag schien sie wie allein auf der Welt. In dieser einen Nacht hatte sich etwas verändert.

Ihr Vater hatte es nicht über sich gebracht sie zu beerdigen. Sie war allein zu Grabe getragen worden. .... bis der Tod euch scheidet.
Nur Alicon hatte am  Grab gestanden, erfüllt von einem Verlust der schwer zu begreifen ist wenn man ihn nicht kennt.

So in Gedanken versunken eilte sie hinter Mrs. Gray her die plötzlich stehen geblieben war. Ein Luftzug ließ die Kerze in ihren Händen auflodern und zeichnete tanzende Schattengespinste an die Wand. ,,Du lieber Gott, Miss Alicon! Ist ihnen nicht wohl?" Voll Besorgnis  trat sie heran und schob stützend einen Arm unter die Schulter ihrer jungen Herrin.
,,Sie sehen ja aus wie der Kalk an der Wand!"
,,Nein, es ist alles in Ordnung. Geht schon." Alicon entwand sich ihrem Griff und machte eine abwehrende Handbewegung. Was würde jetzt kommen? Wenn sie ehrlich war, war ihr wirklich schlecht. Schlecht vor Angst. Jetzt durfte sie nur nicht die Maske verlieren. Nicht solange Mrs Gray noch hier war. ,,Ich glaube sie sollten wieder ins Bett gehen meine liebe Mrs Gray. Ich finde den Weg auch allein!" ,,Auf keinen Fall!" warf sich die pummelige Frau in die Brust uns strafte die Schultern. ,,Ich werde sie natürlich begleiten. Wo kämen wir denn da hin wenn sie ohne Begleitung nachts durchs Haus wanderten. Was ihnen alles passieren könnte!"
Jetzt konnte sich Alicon doch ein Lachen nicht verkneifen. Vielleicht würde sie über eine Teppichfalte stolpern oder an einem Wandleuchter hängen bleiben. In Mrs Grays Fantasie würde das bestimmt tödliche Folgen haben. Doch was sollte sie machen?
Da kam auch schon das Arbeitszimmer von Lord Govenhead in Sicht und Allicons Herz rutschte gleich  3 Etagen tiefer. Die Tür am Ende des Flurs war nur angelehnt und zog einen Streifen goldenen Lichts auf den Teppich. Als sie sich ein Herz fasste und klopfte bekam sie keine Antwort. Sie schob die Tür ein Stuck weiter auf , nickte Mrs Gray noch einmal zu und trat in den hell erleuchteten Raum.

Es war nicht mehr das Arbeitszimmer, das sie in Erinnerung gehabt hatte. Statt den kunstvoll gemalten Bildern gähnten ihr leere Quadrate aus zugebliebenem Staub entgegen. Alle Skulpturen die früher diesen Ort geschmückt hatten waren entfernt worden und selbst der Globus der immer vor dem großen Panoramafenster gestanden hatte war fort. Nur das meterhohe Bücherregal  stapelte sich nach wie vor mit vergilbten Bücherreihen und der Schreibtisch in der Mitte dieser Szenerie schimmerte glatt im Schein des Kaminfeuers. Selbst diese warme Lichtquelle konnte dem Raum keine Freundlichkeit mehr abgewinnen.

Er saß direkt vor ihr. Zusammengesunken und vollkommen regungslos kauerte er da und stierte an ihr vorbei als hätte er  sie nicht bemerkt.
,,Guten Abend" flüsterte er fast. ,,Setz dich doch bitte!"
Diese Stimme...... wie krächzendes Metall. ,,Es gibt etwas von größter Wichtigkeit das wir besprechen müssen." Alicon kam sich plötzlich unsagbar falsch vor. Alles war falsch. Es war als stünde sie hier einem Fremden gegenüber. Diese Gestalt hatte nichts mehr von dem einst so stolzen und aufrechten Gutsherren und seine Erscheinung jetzt in diesem Moment war wie aus Holz geschnitzt.
,,Vater, schön Sie zu sehen." Ein schwacher Versuch irgendeine Vertrautheit zwischen ihnen freizulegen. ,,Ich freue mich Sie endlich...." ,,Setz dich doch!" unterbrach er sie fast barsch. Gehorsam setzte sie sich. Irgendwas ging hier entsetzlich schief!
,,Ich hab dich nicht umsonst rufen lassen. Du bist lediglich hier um dich von einer Vereinbarung in Kenntnis zu setzten, die dich zweifelsfrei glücklich stimmen wird." Alicon betrachtete verstört ihre Hände. Was hatte sie denn erwartet? Eine Umarmung, eine tränenreiche Entschuldigung? Eine Vereinbarung ... so sah sie Wirklichkeit aus.

Für einen Moment schien er nicht zu wissen wie er das Gespräch vorsetzen sollte. Er blinzelte ein paar mal. ,,Nein, Gott weiß wie schwer es mir fällt doch ich habe keine Wahl."  Blankes Metall. ,,Unser Familienvermögen ist etwas geschwächt und ich hörte , dass der schwarze Tod wiedergekehrt ist. Wenn das der Wahrheit entspricht wird die Seuche bald auch hier sein und bringt enorme Einahmeverluste..." er unterbrach erneut, hustete dass Alicon ein Schauer über den Rücken lief. Ja, von der Pest hatte sie schon gehört, doch mit welcher Gelassenheit er davon sprach.

,,Um zur Sache zu kommen." setzte er erneut an ,,Der Graf hat um deine Hand angehalten und ich habe vor ihm eine positive Antwort auf sein Schreiben zukommen zu lassen. Er spricht von guten Handelsbeziehungen und wird uns Finanziel unterstützen wenn es zum Äußersten kommen sollte." Alicons Gedanken setzten einen Moment aus. Heiraten?
,,Was sagen Sie da Vater? ...... meint Ihr das ernst?" Die Augen starrten ins Nichts. Warum? Wollte er nicht den Vorwurf in ihren Augen sehen?
,,Das kann nicht euer Ernst sein!" Auch  sie sprach jetzt leiser ,,Vater, ich bin erst 17! Ein Leben außerhalb dieser Mauern kann ich mir garnicht vorstellen. Und der Graf? Kennt ihr ihn wirklich gut genug? Oder ist euch das auch egal?" Sie  wollte ihn reizen,
ihn wütend machen. Alles war besser als diese Ruhe mit der er dort hockte und starrte.
,,Für ihn bin ich doch nur das  Mittel zum Zweck seinen Stammbaum zu erhalten! Ist es das was Ihr mir wünscht, Vater ?" Mitten in das darauf folgende Schweigen hinein sagte er langsam: ,,Denk daran Alice, wir haben dich großgezogen. Du bist es deiner Familie schuldig!"
Was für ein wir? Was denn für eine Familie? Höhnte eine Stimme in ihrem Kopf. Wenn man  hinsah gab es keine Familie mehr. Aber er sah nicht hin. Nein, er stierrte an ihr vorbei als sei sie seiner nicht wert. Unwürdig eines Blickes beachtet zu werden. Verdammt, er sollte sie endlich ansehen!

Oder war dort nur noch der Rest eines Mannes der sich selbst verloren hatte und jetzt die Welt für den Tod seiner Frau bestrafte? Eine erneute Woge der Angst überkam sie. Voller Wut schlug sie mit der Faust auf den Tisch. ,,Seht mich an! Seht mich an, verdammt nochmal!"
Sie war aufgesprungen und ihr Gesicht schwebte nun ganz dicht vor dem seinen.
Als hätte sie einen Bann von ihm genommen löste er sich aus seiner Starre und wie sie sich in diesem Moment in die Augen blickten geschah etwas merkwürdiges. Seine Pupillen weiteten sich  und über sein erstarrtes Gesicht legte sich ein Ausdruck voll tiefer Bestürzung.
,,Du siehst aus wie deine Mutter." Flüsterte er . ,, Bitte, .... Bitte geh jetzt!" Er ließ den Kopf sinken so als sei er ihm plötzlich zu schwer geworden um ihn zu halten. Ihre letzte Chance.
,,Vater, das kannst du doch nicht machen!" Mit einem Schlag wurde sein Miene wieder ausdruckslos: ,,Ich habe eine Entscheidung getroffen. Du kannst und wirst nicht bleiben."
Die letzten Worte klangen wie ein Urteilsspruch. Alicon richtete sich auf und spürte wie der Zorn wieder erwachte. Sie war doch kein Stück Vieh das man an den Höchtbietenden verhökerte.
Ihr ganzer Körper wollte aus diesem Zimmer rennen, nur weit genug weg von diesem Gespenst. Sie wusste er würde sich nicht mehr umstimmen lassen. Also würde sie heiraten. Schön.
Aber sie würde nicht auf den Knien rutschen und wie ein Welpe winseln. Ohne sich auch nur ein letztes mal umzudrehen verließ sie den Raum und schlug krachend die Tür hinter sich zu.

Alicon floh mit schnellen Schritten in die Dunkelheit, die sie ganz und gar verschluckte.
Die Nacht um sie herum schien zu atmen, zu pulsieren wie ein Organismus. Aus dem Dunkel tauchte eine Treppe auf  und ohne nachzudenken sprang sie die Stufen hinauf
,,Das kann er nicht!" schrie sie und ihre Stimme halte wieder in der endlosen Spirale des Turms. ,,kann er nicht, kann er nicht ,...."
Am obersten Absatz warf sie sich auf die Stufen und weinte bis die Erschöpfung schließlich einem unruhigen Schlaf wich.

9 Kommentare

Joanna am 5. März 2017

Ich finde das es gar nicht holprig war, weder in die Mitte noch sonst irgendwo. Besonders spannened war es zugegeben nicht, aber dein Schreibstil hat mir gefallen.

Evelin R. am 26. Dezember 2013

Ähm... kann ich euch nochmal was fragen? Ich finde ab dem Mittelteil liest es sich total holprig und es sind zu viele rhetorische Fragen drin. Kann das sein? Ist es verständlich? Ich brauche eine ganz ehrliche Antwort !!! Wenn ihr Verbesserungsvorschläge habt dann bitte jetzt raus damit Das würde mich wirklich freuen !

Schneewittchen am 1. Dezember 2013

Hehe, mein Gott seid ihr alle gebildet!! Wunderschöne Story!! Cool, dass sie in London spielt Und vor allem in der Vergangenheit...o.o LG

Evelin am 3. November 2013

Haha, habe es gerade wieder entdeckt .... Ich dachte bei der neuen Homepage wäre es rausgeflogen? Also: ja, der Brand kommt auch vor aber viel wichtiger ist die Pestepidemie in London (70.000 Tote)

Sonnenschein am 15. September 2013

Echt super geschrieben! Ganz besonders deine Vergleiche und die Verben die du verwendest gefallen mir wirklich sehr (z. B. "statt den kunstvoll bemalten Bildern GÄHNTEN ihr...") Ich würde mich sehr über ein weiteres Kapitel freuen. lg Sonnenschein

Mariella am 13. September 2013

Aha. 1666 war doch der große Brand in London. Kommt der auch vor? lg Mariella

Evelin am 4. September 2013

Spielt 1663-1666

Mariella am 31. August 2013

Wow. Das ist echt toll. Besonders das es in der Vergangenheit spielt. Zu welcher Zeit eigentlich? Bitte bald ein nächstes Kapitel LG Mariella

Ella am 25. August 2013

Wow!!!! Das ist echt fantastisch!!! So realistisch. In welcher Zeit spielt es denn? ( Weil sie ihren Vater mit Sie anspricht und so . . . ) Lg Ella