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Nelö

Ein Besuch aus der Vergangenheit

Es war ein warmer Sommertag, ich saß am Strand, hatte meine Füße im heißen Sand vergraben und blätterte in meinem Lieblingsbuch. Mal wieder. Ich hatte vor Ewigkeiten aufgehört zu zählen, wie oft ich es bereits gelesen hatte. Ich wusste bloß, dass ich die Zeilen immer noch in mir aufsog wie beim ersten Mal. Es war meine Bibel. Manche hatten Gott, ich hatte ein kurzes Hallo. Ich schlug die Seite 122 auf, und da war es eingekreist: Die Zukunft gehört nicht den Jungen und nicht den Alten, und nicht der Jugend. Die Zukunft gehört denen, mein Freund, die nicht nach ihr greifen.

„Kommst du jetzt ins Wasser? Ich schwörs, irgendwann werde ich dein dämliches Buch im Meer versenken.“ Mein kleiner Bruder stand knietief im Wasser und schaute mich erwartungsvoll an. Ich hatte gar nicht bemerkt, das er gekommen war. Ich grinste ihn an, legte das Buch in sichere Entfernung, langte mit meiner Hand in den nassen Sand, wo das Wasser in regelmäßigen Abständen nach dem Land griff und schmiss die schlammige Pampe mit voller Wucht in seine Richtung. Es verfehlte ihn nur knapp, aber auch nur, weil er sich mit einer eleganten Pirouette in Sicherheit brachte. Ben schnitt eine Grimasse.

„Du konntest noch nie werfen.“, rief er und wollte zum Gegenangriff starten. Ich reagierte schneller, als ihm lieb war und warf ihn ins kalte Nass, bevor er sich überhaupt bücken konnte. Ich war gerade dabei, seinen Kopf unter Wasser zu drücken, als eine schneidende Stimme uns erstarren ließ.

„Wie oft hab ich euch gesagt, ihr sollt das lassen? Eure Sachen sind schon dreckig, Mandelein hat schon genug Wäsche jeden Tag!“

„Mom, ist doch nur Spaß!“

„Ja, im Ernst, wozu wohnen wir sonst am Meer, wenn wir nicht mal rein dürfen?“

„Raus da, sofort.“

Ich ließ Ben los, der mit geknicktem Kopf Richtung meiner Mutter stapfte, die mit Fäusten in die Hüften gestemmt in sicherer Entfernung zum Monster Ozean auf uns wartete. Aber ich regte mich nicht. Ich verstand sie, sie hatte bloß Angst, aber die Angst war unberechtigt, solange wir stehen konnten.

„Keira, komm auch bitte. Ich sag's nicht nochmal.“

„Ich kapiere nicht, was du hast.“, sagte ich mit lauter Stimme. „Wir gehen nicht tief rein, und wie Ben richtig gesagt hat, wir wohnen nicht umsonst am Meer. Sonst könnten wir genauso gut in  leben.“

„Vielleicht sollten wir das wirklich, wenn ihr nicht aufhören könnt.“

„Du bist albern.“, gab ich zurück und ging tiefer ins Wasser. Es ging mittlerweile knapp bis zu meinen Brüsten. Mein Kleid war komplett vollgesogen, und meine Haarspitzen waren im Dunkel unter mir nicht mehr auszumachen. Meine Mutter stand dort und starrte mich an. Ich wartete dramatische Sekunden, dann warf ich den Kopf nach hinten und lachte. Sie sollte sehen, dass ich weder Angst vor dem Wasser hatte, noch vor ihr, noch davor, sie zu provozieren. Sie geschockt zu sehen, war nicht nur irgendwo belustigend, sondern auch zugleich eine tiefe, ehrliche Erleichterung für mich.

Meine Mutter hatte seit dem Tod meines Vaters eine starre Maske zugelegt. Der gleiche Ausdruck, tagein, tagaus, und man wurde diesen Ausdruck leid. Dass sie so dreinschaute wie sie es just tat, zeigte mir, dass da noch etwas hinter ihren leblosen Augen stattfand.

Der Moment war genauso schnell vorbei, wie er gekommen war.Ich machte mich daran, zurück ans Ufer zu gehen, wo meine Mutter sich wieder gefasst hatte, leider wieder mit dem mir so gut bekannten Gesicht, wo sie mir, als ich an ihr vorbei stapfte, zu zischte: „Dein Kleid wäschst du selbst, und du hast für eine Woche Hausarrest.“

Ich hatte keinen Blick für sie übrig, ich wollte sie sowieso so wenig wie möglich ansehen. Ich heftete meine Augen bloß an den Rücken meines Bruders, der auf unser riesiges Strandhaus zusteuerte, in das große Gefängnis, was ich genauso wenig mochte wie mein Bruder ein kurzes Hallo, welches ich im Vorbeigehen aus dem sandigen Untergrund fischte. Ich stieg durch den Hintereingang unseres Hauses in unsere Küche. Der riesige Hintern unserer Hausfrau bewegte sich zur Musik, welche laut und unerbittlich aus dem brandneuen Radio tönte.

„Mandelein, kann ich dir helfen?“

Der Hintern hörte auf zu wippen, und sie lugte über ihre Schulter nach hinten, ohne aufzuhören, die Zwiebel unter ihrem Messer zu zerstückeln.

„Das ist nicht nötig, aber danke, Keira.“

Ich zuckte die Schultern und schob mich an ihr vorbei. Ich ging zur Vordertür durch, schnappte mir mein Longboard und meinen Rucksack und ließ die Tür hinter mir zuschnappen. Es war mir egal, was Mama sagte und dachte. Es war mir schon lange alles egal geworden. Bis auf Ben, denn er war die einzige, leuchtende Ausnahme. Während mir die sommerliche, trockene Luft um die Ohren bließ, ließ ich meine Gedanken schweifen.

Noch ein Jahr, 12 Monate bis zu meinem Abschluss. Ich zählte die Tage bereits jetzt schon, und jeder geschaffte Tag war ein weiterer Schritt in Richtung Freiheit. Wie die genau aussehen würde, hatte ich mir noch nicht überlegt. Auf jeden Fall würde ich reisen, um all die schönen Orte zu sehen, die meine Augen noch nicht erblickt hatten. Ich hatte Lust auf Europa und auf die Karibik und auf Australien. Eigentlich alles. Am liebsten würde ich Ben mitnehmen, aber Ben war erst sechzehn und ich achtzehn, und ihn mitzunehmen würde die Beziehung zu meiner Mom komplett zerstören. Würde ich ihn fragen, käme er wahrscheinlich ohne zu zögern mit. Aber vielleicht war es auch gut, etwas allein zu machen, ich hatte bis jetzt immer die Hilfe von meiner Familie gehabt, und das war eventuell eines dieser Ziele, die man nur auf eine bestimmte Art und Weise bewältigen darf, um zu wachsen.

Wie auch immer, es war noch diese eine Straße bis zur Wildnis, und ohne Frage war diese Straße nicht flach und glatt, sondern gespickt mit Klausuren, Stress, nervigen Klassenkameraden, noch nervigeren Lehrern und allem, was sonst noch zum letzten Highschooljahr dazu gehörte.

2 Kommentare

Fjalra am 22. März 2017

ja, eine fortsetzung würde ich auf jeden fall auch lesen!

Waldelfe am 31. Januar 2017

Hallo Nelö, hihi ich bin die Erste ! Sehr schöne Geschichte, ich fände es sehr schön, wenn es eine Fortsetzung gäbe! Nur wo könnten sie genauso gut leben? Ich glaube da fehlt ein Wort!