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Fire

Gestern geht die Welt unter

es hatte geregnet, als du laut geflucht hattest. warum, das wusstest du nicht. aber fluchen, meintest du, ist immer gut. es befreit die seele, hast du in den regen gebrüllt, und dann weiter mit schimpfwörtern um dich geworfen, um dich und auf die irritierten passanten unter dir auf der straße. wer hätte wissen können, dass es das letze war, was du in dieser welt von dir gegeben hast?

in violas wohnung lag eine uralte cd in der anlage, woher die kam, wusste weder sie noch die cd selbst. es war jüdische musik, und wir hatten getrunken und tanzten auf den tischen zu den fernen klängen auf den instrumenten, die wir nur aus museen kennen sollten und letzendlich doch nur aus alten filmen kannten. viola hatte kuchen gebacken, der im ofen vor sich hin schmorte und uns langsam aber sicher in schwarzen nebel hüllte. doch was sollte es. es waren unsere letzen minuten, da kann man schon mal noch ne rauchvergiftung bekommen.

einige von uns waren auf die straßen gegangen. mit fahnen und steinen; und hatten getan, was auch immer sie tun mussten; ihre wut auf die straßen geschrieben und ihre lebenslust als autonomie definiert, bevor sie in der alternativlosigkeit ertrinken konnte. die scheiben waren gesplittert und die mobs gerannt; und die polizei hatte den kampf irgendwann aufgegeben, als die informationen raus kamen. ab da hatte die revolution die straßen für sich gehabt und alle dort hatten das getan, was viel früher vielleicht noch alles verhindert hätte.

in unserem hausflur stank es nach kohlsuppe, die alte nachbarin ganz unten gab bis zum letzen moment ihre familientradition nicht auf, die sie schon so oft gegen den rest der anwohner verteidigen musste. ich stand am fenster und konnte mir das lächeln nicht verkneifen; die beiden nachbarsjungs hatten genau das getan, wovon ich seid jahren träumte: sie hatten sich in den garten geschlichen und gemeinsam die suppe vom fensterbrett geklaut, um sie dann singend aus ihrem fenster an violas vorbei wieder nach unten zu kippen. ich glaube, etwas davon hatte sogar wieder den weg zurück auf das fenstrbrett gefunden. es war das erste mal, das ich die schüchternden jungen so laut lachen gehört habe.

deine eltern saßen wie jeden abend vor dem fernsehappart und sahen die nachrichten. als sie von dem untergang erfuhren, hatten sie dich angerufen, doch du hattest dein handy schon im bierglas ersoffen. dann hatten sie eben umgeschaltet und sich über die dumme anna aus "anna und die liebe" aufgeregt.
meine eltern waren beide noch im büro gewesen; und wahrscheinlich entweder im 20. kaffee des tages ertrunken oder einfach über ihren unterlagen eingeschlafen.

erik übertraf uns alle. das vorletze, was er tat, war der sprung über eine absperrung; und als  letztes war er laut jubelnd über das dach gerannt und hatte fernseher von dort oben herunter geworfen. die fotos von unten beim aufprall der 3d-hd-geräte hätten es verdient, gesehen zu werden.
er hatte immer einen spektakulären abgang geplant, doch damit hatte er doch noch alle unsere fantasien übertroffen.

violas nachbarn hatten sich über den lärm beschwert, der sie wohl beim letzten sex ihres lebens gestört hatte, dann hatten sie irgentwann die stromleitungen gekappt. die musik lief trotzdem weiter; die jüdische cd war von der anlage in den ghettoblaster gewandert.

der untergang verief so langsam, kündigte sich kaum an, und wir alle, und mit uns alle menschen der erde versanken in einer wohlig-endgültigen, sehr glücklichen trance. untergänge sind die besten drogen überhaupt.

irgendwann waren die uhren stehen geblieben; und dann waren sie weitergelaufen, rückwärts, und hatten unsere zeit bis zum kollaps im countdown gezählt. hätte jemand auf die uhren gesehen, er hätte das wunder erlebt, das sich jeder im laufe seines lebens mindestens einmal ersehnt. nur leider waren alle beschäftigt, und das letzte wunder, das diese welt zustande brachte, blieb wie so viele einfach ungesehen. die spinnenweben breiteten sich im schnelldurchlauf aus, die wände wurden verzerrt wie kaugummi, die schallwellen nahmen neue bahnen und wir lachten über die stimmen, die aus uruguay zu uns herrüber hallten. der boden verwandelte sich in ein meer aus ameisen, die die dinge auf ihren winzigen rücken um die welt trugen, und der himmel schloss nach langen disskussionen endlich den bund mit der schwerkraft und kam herunter; und wir warfen uns in die wolken und spielten engel. du hast mir einen stern in die haare gesteckt und dann war es dunkel geworden und ich habe geleuchtet, ich und mein stern in meinem haar waren unser licht am ende des tunnels, und wir haben die sterne mit den händen aufgehoben. lionel hat damit jongliert, erst mit dreien, dann mit vieren und dann wurden es zu viele, um sie zu zählen, und wir haben uns damit bemalt, wie leuchtfarbe klebten sie in unseren gesichtern, und so haben wir mit leuchtenden anarchie-As im gesicht goa-party zu jüdischer folklore gemacht. dann waren die zeiger stehen geblieben und die sanduhren ausgelaufen.

die welt war untergegangen.


und nun sitzen wir hier, arm in arm, und wissen nicht, wie wir hier her gekommen sind. um uns liegen scherben, die von obstbäumen überwuchert sind. der asphalt ist unsichtbar geworden unter dem gestrüpp; und verrostete graffittidosen rollen zwischen alten hauswänden umher, die tags darauf scheinen wie aus einer anderen welt. marmor schimmert durch die reste einer fensterscheibe hindurch, rechts prangt ein reichsadler an der wand, genau daneben liegt eine stalinbüste neben ihrem sockel. reste von vergoldung spiegeln die sonne, sie müssen von irgendwo weit oben von einer der kuppeln auf den dächern abgeblättert sein. eine badewanne auf rädern, geschmückt mit bunter tapete, die jemand von außen drangeklebt hat, versperrt die tür zu einem ddr-plattenbau einige meter vor uns, eigenartiger weise direkt neben den kasernen aus kaiserszeiten. wir sehen uns an, sprechen können wir nicht. stille liegt drückend über all dem, so tief, dass sie schon wieder unendlich laut erscheint. bretter baumeln im wind, sie hängen vom dach, als letzes zeichen, dass es da mal stützbalken gab, und die bäume wachsen einfach schweigend weiter, druch die gitterstäbe vor ein paar fenstern, druch zertrümmerte glasscheiben und löcher in den dächern. du entdeckst den verkohlten rest des sterns in meinen haaren, doch kannst ihn nicht entfernen. wir können uns nicht rühren.

so sitzen wir da inmitten der unheimilichen stille und sehen den blumen beim blühen und dem obst beim reifen zu, oder wie du es sagen würdest, den blumen beim verwelken und dem obst beim verfaulen. du wünschst dir die jüdische musik zurück, mitsammt deinem i-pod; und ich freue mich, dass ich mir keine gedanken mehr um einen beruf, von dem ich leben kann, machen muss...

5 Kommentare

Fjalra am 3. April 2017

Das ist ... (ich sag es nicht oft aber) krass. Es ist unglaublich, wie du das alles beschreibst und erzählst. Groooßes Kompliment! Ps: Ich finde, das mit der Kleinschreibung passt iwie dazu.

Jasmine :) am 19. Dezember 2013

Hei, tolle Story, doch leider check ich sie nicht ganz... Ich liebe deinen Schreibstil! Er hat irgendwas besonderes! Daumen hoch !

fire am 6. Dezember 2013

dankeschön öhm, klein geschrieben ist das, weil ich zu faul war, die groß- und kleinschreibung zu beachten ^^ und es geht: darum, wie jungendliche von heute mit ihrer lebenseinstellung und ihrer wenig hoffnungsvollen einstellung zur zukuft den weltuntergang erleben. mit ihrer gleichgültigkeit und so... ja, so in etwa

Schneewittchen am 3. Dezember 2013

Als ich den Anfang gelesen hab, war ich zuerst verwundert... Aber iwie hab ich mich dann reingelesen.. Und hab mir gedacht, vielleicht schreibt man so, wenn man das Ende der Welt hinter sich hat! Wenn ja, dann hast du das prima umgesetzt..!! LG

Ella am 2. September 2013

Oha, ich bin ein bisschen verwirrt. Weiß nicht genau worums geht. Und wieso hast du alles klein geschrieben? (die Schrift ist glaub ich auch kleiner als sonst ) Lg Ella