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Kendra Black

"Im Norden" oder "The Amber Destroys"

So um die 15 Leute standen plaudernd und lachend im Hof. Merlin , Euphenia und die Kinder waren gerade dabei, einen Gast nach dem anderen zu begrüßen. Die meisten waren im Alter Ambras Pflegeeltern, doch es war auch ein sehr altes Pärchen unter ihnen, das Ambra so auf um die 70 schätzte. Sie schlich sich nun an der Wand des Rinderstalles entlang, um fürs erste unentdeckt zu bleiben, dann an der einen Spalt breit offenen Haustür angekommen, sauste sie ins Dunkel des kühlen Lehmhauses. Doch Ambra kam nicht weit: Mit voller Wucht stieß sie mit etwas zusammen und der Aufprall ließ sie zurück taumeln...

Ambra spürte einen stechenden Schmerz an ihrer Stirn, kurz vor der Schläfe, spürte wie sie zu Boden ging, hörte wie eilige Schritte an ihr vorbei aus dem Haus liefen. Lichter blitzten auf, dann senkte sich die bleierne Dunkelheit der Bewusstlosigkeit über sie. Als Ambra zu sich kam, hingen die besorgten Gesichter von Euphenia, Jaro, Cäcilia und Philipa über ihr. Die Münder der vier bewegten sich und Ambra bemühte sich ihre Worte zu erfassen.

"Ambra, Schatz, kannst du mich hören?"

"Guck mal Jaro, sie ist taputtedangen!"

"Muss Ambra jetzt sterben, Mama?"

"Nee", sagte Ambra und setzte sich auf, wobei ihr der Schmerz prompt wieder in die Stirn schoss. Ihre Stimme war rauer als sonst und wesentlich zaghafter. Euphenia drückte sie erleichtert an sich.

"Ich bring dir etwas, was du auf die Wunde drücken kannst..."

Wunde? Nun erst bemerkte Ambra, dass sich ihre linke Schläfe irgendwie feucht und klebrig anfühlte. Auf eine bestimmte Art und Weise ... blutig.

"Es ist vermutlich nur eine kleine Platzwunde, nichts, was wir nähen müssten."

Euphenia kam mit einem makellos weißen Tuch in der Hand zurück, das sie Ambra auf die Stirn drückte. Diese übernahm das Tuchhalten selbst und stand auf. Platzwunde! Wie lächerlich! Sie hatte schon weit schlimmere Verletzungen gehabt! Aber bisher waren diese selbst verschuldeter Natur gewesen.... Wer hatte sie niedergeschlagen?

"Bist du wieder gegen den Türrahmen gelaufen? Naja, jetzt ist ja erst mal alles in Ordnung", sagte Euphenia. "Die anderen essen schon. Am besten wir gehen zu ihnen."

Ambra nickte und zu fünft verließen sie das Haus. Der Hof war inzwischen mit dem Licht der untergehenden Sonne übergossen. Die Mutter und ihre drei leiblichen Kinder setzten sich auf ihre Plätze, doch Ambra blieb unschlüssig stehen. Da sah sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Jemand am Tisch winkte ihr zu, doch sie konnte nicht erkennen wer es war, da die Person genau im Westen saß... Doch der jemand deutete offensichtlich auf eine winzige Lücke auf der Bank zwischen sich und einem anderen Gast am großen Eichentisch und bot Ambra einen Sitzplatz an. Sie ging um den Tisch herum, während sie das blutige Tuch in die rechte Tasche ihrer weiten Hose stopfte, stieg links neben dem Fremden über die Bank und setzte sich vorsichtig in die schmale Spalte. Nun konnte Ambra ihre Sitznachbarn sehen: Rechts neben ihr saß das uralte Paar und zog weise Gesichter und links saß derjenige, der ihr gewunken hatte.

Es war ein dunkelhaariger Junge mit grauen Augen und einer schmalen Nase. Kurz: Er sah verdammt gut aus. Ambra schob diesen Gedanken schnell fort, sah weg und ließ ihren Blick über die anderen am Tisch gleiten: Eine junge, schlanke Frau mit feuerroten Haaren, ein dicklicher Mann, in dessen schwarzes Haar sich schon grau gemischt hatte, ihre Familie, eine mollige Frau mit schulterlangen, braunen Haaren und tausenden Sommersprossen, ein braungelockter sportlicher Mann, eine blonde Frau mit -

"Hey", eine ruhige Stimme holte Ambra aus ihren Gedanken und ließ sie zusammenzucken. Sie drehte sich um. Der fremde Junge sah sie zögernd an und lächelte.

"Hey", gab sie zurück und versuchte ebenfalls ein Lächeln. "Ich bin Ambra." Sobald der Smalltalk vorrüber war würde sie weiter darüber nachdenken, wer sie verletzt haben könnte.

"Florus", sagte er und lächelte wieder, wärend er ihr eine Hand hinstreckte die Ambra zögernd schüttelte. Sein Händedruck war warm und fest, doch nicht schmerzhaft.

"Mit wem bist du hier?", fragte Ambra. Er ignorierte die Frage, stand auf und nahm seine Schüssel, die bereits leer war, vom Tisch.

"Du hast sicher Hunger",sagte Florus und stieg über die Bank. "Ich hol dir was von der Suppe."

Er verschwand. Ambra sah ihm nach, doch plötzlich kribbelte ihr Nacken. Sie drehte sich zur rechten Längstseite des Tisches und entdeckte zwei Männer, die sie scheinbar mit Harbichtsaugen beobachteten. Der eine hatte große Ähnlichkeit mit einer Wasserleiche. Der andere Mann hatte harte, kantige Gesichtszüge, dunkle Haare und eine schmale Nase. Er hätte schön sein können, hätte er nicht so unnahbar ausgesehen. Doch es gab keinen Zweifel: Dieser Mann sah aus wie -

"Hier, die Suppe." Florus ließ sich neben Ambra auf der Bank nieder und schob ihr die Schüssel hin, die ursprünglich ihm gehört hatte. Sein Knie berührte leich ihres und ein Schauer jagte Ambras Rücken hinunter. Verdammt!

"Danke", nuschelte sie. Dann etwas gefasster: "Weißt d,u wer die Männer dort drüben sind?" Sie zuckte mit dem Kopf in ihre Richtung.

"Der linke ist Zerres, mein Vater. Der Mann neben ihm ist Tamino, ein Freund der Familie. Ich glaube, sie kennen Merlin aus Jugendzeiten, aber warum fragst du?" Florus hatte über die beiden so gleichgültig gesprochen, als wären sie das Wetter.

"Nur so", beeilte sich Ambra seine Frage zu beantworten. Dann setzte sie dazu (und es erstaunte sie, dass sie den Mut dazu fand): "Du magst sie nicht."

Florus Gesicht verschloss sich und er fragte ohne darauf einzugehen: "Was ist das an deiner Stirn?"

"Ich wurde... Ich bin gestolpert", log Ambra etwas lahm.

Inzwischen war es dunkel geworden. Nur das Lagerfeuer spendete ein wenig Licht. Die Nacht war still und voller Sterne, doch plötzlich war da noch etwas. Eine laute Stimme durchschnitt die Ruhe, eine Stimme die einen Befehl brüllte: "Angriff!"

Von einem Moment auf den anderen war alles um Ambra herum ein einziges Durcheinander aus aufblitzenden Schwertern und taumelnden Körpern. Chaos. Umgestürzte Bänke. Sie griff nach Florus Arm und zog ihn mit sich durch die Wirbel aus Mitternachtsschwarz und Blutrot in den Rinderstall, ließ die Tür offen und riss ihre Hand zurrück, als sie merkte, dass sie den Arm des Jungen immer noch umklammert hielt. Ambra trieb die Rinder auf den Hof wo sie, wie sie inständig hoffte, die Angreifer vom Töten ablenken würden. Plötzlich stand Florus wieder neben ihr.

"Wir müssen den anderen helfen!" Von draußen drangen die Schreie der Verwundeten zu ihnen herrein. "Sie werden sie alle umbringen!"

Ambra wollte gerade zustimmen, als die Stalltür mit einem knall ins Schloss fiel und der Riegel von außen vorgelegt wurde.

"Verdammt", entfuhr es ihnen gleichzeitig, dann hörten sie die knisternen Stimmen des Feuers und brennendes Stroh regnete auf sie hinab. Die Flammen sprangen aufs Heu über und züngelten die Balken empor. Ambra konnte sich nicht bewegen. Sie spürte die Hitze in ihrem Gesicht, atmete Rauch und Asche, ihr Hirn wurde vom Qualm vernebelt...

"Wir müssen hier raus!", brüllte Florus sie an und die Lähmung löste sich von Ambras Knochen und ihrem Verstand. Sie deutete auf ein kleines Fenster in Kopfhöhe, gerade groß genug, dass auch Florus, der größer als sie war, hindurch passen würde. Unter dem Fenster stand ein steinerner Futtertrog. Die beiden durchquerten schnell den Raum, blieben jedoch kurz vor dem Weg in die Freiheit stehen.

"Du zuerst", sagte Ambra und sah Florus mit einem Blick an, der ihm zu verstehen geben sollte, auf gar keinen Fall den Gentleman zu spielen. Er runzelte die Stirn, nickte dann jedoch und zerschlug mit dem Ellenbogen die kleine Scheibe. Florus verzog das Gesicht vor Schmerz und etwas Blut sickerte durch seinen Ärmel. Er stemmte sich aufs Sims und seine schlanke Gestalt schob sich durch die Öffnung. Dann war er verschwunden. Ambra stieß einen letzten Fluch aus bevor auch sie  erst den Futtertrog und dann das Fensterbrett erklomm. Sie spürte die glatten Schnitte in ihren Handflächen und Fußsohlen und wusste, dass es noch schlimmer werden würde: Ich werde in den Scherben landen. Das Wissen, dass der Schmerz unausweichlich war, raubte Ambra beinahe den letzten Nerv. Sie schloss die Augen und sprang.

Sie sprang und kam nicht an. Florus stellte sie einen guten Meter entfernt des Glassplittersees wieder auf eigene Füße. Ambra taumelte rückwärts. Einerseits aus Überraschung andererseits um Abstand zwischen sich und den Jungen zu bringen. Ihr Herz raste. Reiß dich zusammen! 

"Danke", murmelte sie und wandte sich ab. Wird da jemand rot? Aus dem Augenwinkel sah Ambra wie er die Schultern zuckte.

"Du hattest keine Schuhe an." Sie schwiegen ein paar Sekunden und lauschten der Stille. Moment, Stille? Ambra stürmte um die Ecke des Stalls, Florus dicht auf den Fersen.

"Was ist los?" In diesem Moment bogen sie in den Hof ein. Er war wie ausgestorben. Umgestürzte Bänke lagen auf dem teilweise blutbefleckten Boden im Staub. Ambra und Florus stiegen über die Zerstörung, während hinter ihnen der Stall zusammenbrach und die Flammen seine Überreste verschlangen und Funken in den Nachthimmel stoben. Vor der Treppe vor dem Haus lag ein Kleiderbündel. Es bewegte sich. Ambra schlich näher. Schleichen hatte sie etliche Male geübt erfolgreich angewandt. Nun war das Bündel ganz nah und nun war ganz deutlich zu erkennen, dass es sich hierbei um den Körper eines Menschen handelte. Schlohweißes Haar leuchtete in der Dunkelheit und als die Person Ambra das Gesicht zuwandte, durchfuhr es sie wie ein Blitz: Es war die weise Frau. Diejenige, die beim Essen direkt neben ihr gesessen hatte.

Ambra beugte sich über die Alte. "Können sie mich hören?"

Sie schüttelte leicht die Schulter der Frau, die nach Luft röchelnd, die Augen weit aufriss und anfing zu reden: "Ambra... der Bernstein. Du bist... du musst... finde ES! Hör mir zu! Du musst ES zerstören!" Ihre Stimme war immer hysterischer geworden doch ihre braunen, großen Augen schienen immer noch alle Geheimnisse dieser Welt zu kennen. "Nur so wirst du sie zurück holen können!"

Ambra sog scharf die Luft ein und ihr wurde schwindelig. Wie hatte sie sie nur vergessen können. Vergessen können, dass von ihrer Familie jede Spur fehlte. Sie konnten längst tot sein! Sei nicht albern! Wer würde sich die Mühe machen Leichen zu transportieren?! Sie leben!  

"Geh Richtung Norden. Dort wirst du finden...", Die Stimme der Frau war nun kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Ambra starrte ins Leere.

"Ambra." Florus kniete neben ihr. Sie hatte es gar nicht bemerkt. "Wir sollten sie begraben."

Sie schlossen die Lider der Toten über ihren erloschenen Augen. Es hatte etwas makabres an sich, eine Gelehrte in einer Jauchegrube zu beerdigen, doch für mehr blieb keine Zeit. Die rätselhaften Worte der Alten waren der einzige Anhaltspunkt den Ambra besaß. Würde sie nichts tun, würde sie wahnsinnig werden. Florus durchsuchte das Haus nach Vorräten und packte alles ein, was er finden konnte, während Ambra warme Kleidung hervorholte und sich Schuhe anzog. Florus lehnte bereits mit geschultertem Proviant im Türrahmen, als Ambra zu ihm trat.

"Bereit?", fragte er.

Sie betrachtete sein scharfes Profil.

"Bereit."

Und dann traten sie in die Nacht.

5 Kommentare

Lilie am 16. Mai 2017

Die Geschichte ist total toll! Ich fände es total gut, wenn du eine Fortsetzung schreibst. Man kann sich alles gut vorstellen. Ich würde nur gern wissen wann die Geschichte spielt, wo die Geschichte spielt, wieso ein Fest gefeiert wurde und wieso auf einmal dieser Angriff. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung Viele Grüße Lilie

Feuerelfe am 28. April 2017

Ich mag die Geschichte! Du schreibst sehr interessant, ich finde, die Dinge, die du nicht erklärst machen das Ganze nicht unklar, sondern spannender. Ich freue mich auf eine Fortsetzung

ettareseL am 12. April 2017

Das ist echt schön geschrieben! Es ist nur etwas komisch, dass ganz plötzlich das mit dem Angriff kommt und Ambra direkt in den Stall geht, um die Kühe zu holen. Das hättest du meiner Meinung nach noch mehr ausformulieren müssen, ich wüsste auch gerne, was Ambra in dem Moment durch den Kopf geht, weil sie ziemlich erschrocken sein müsste, oder? Und ich verstehe nicht ganz, warum es ein Fest gab und was es mit Ambras Familie auf sich hat (Pflegeeltern?). Erklärst du das in der Fortsetzung? Auf die Fortsetzung bin ich sehr gespannt!

Kendra Black am 10. April 2017

Danke für den Hinweis, Fjalra! An einer Fortsetzung arbeite ich im Moment noch...

Fjalra am 10. April 2017

Wow!!! Das ist geschrieben wie ein Buch! Nur könnte man vielleicht noch deutlicher machen, dass die Familie weg ist. Ambra läuft ja nur auf den leeren Hof, und weiß schon, dass sie auch nicht im Haus ist. Trotzdem sehr gut. Gibt's ne Fortsetzung ?