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Lina

In der Warteschleife

Da war es wieder. Das Gefühl von Einsamkeit.
Ich saß in meinem Zimmer und wusste nicht mehr weiter.
Es war wie jedes Mal zu Ostern. Ich saß in meinem Zimmer und keiner war da. Ich dachte an früher, an die Zeit, in der mein Vater noch an Ostern bei uns war. Doch das war früher gewesen.
Jetzt wohnte mein Vater nicht mehr bei uns, sondern in Mannheim. Er hatte eine neue Familie, besser gesagt er hatte eine neue Frau, die zwei Kinder hatte.
Oft hatte ich versucht ihm zu simsen, ihm zu schreiben, doch er schrieb nie zurück. Seine E-Mail-Adresse war nicht mehr aktuell.
Ich wusste, was das bedeutete.
Er wollte sich ein neues Leben aufbauen.
Mama vergessen.
Mich vergessen.

Ich wohnte mit meiner Mutter auch nicht mehr in dem schönen, großen Haus am Stadtrand. Vor einem Jahr wurde meine Mutter arbeitslos und wir zogen in eine kleine Hochhauswohnung in die Innenstadt. Mama arbeitete jetzt als Verkäuferin bei einem Kiosk.
Ja, sie hatte Arbeit, aber verdienen tat sie nicht viel.
Davor war sie Geigenlehrerin gewesen, doch als ihr die Geige hinunterfiel und wir kein Geld für eine neue hatten, musst sie sich etwas anderes suchen.

Ich hörte die laute Musik von unten und den Fernseher von oben. Dieses Haus war hässlich und unsere Nachbarn alle desinteressiert an uns. Es war eben so eine Sozialwohnung, in der keiner so wirklich leben wollte.
Ich stand auf und ging in die Küche, dort lag immer noch der Zettel von Mama:
Hallo Liebes, muss leider zur Arbeit. Versuche so bald wie möglich zu kommen. Küsse Mama.

Ja, sie musste mal wieder arbeiten. Eine Osterüberraschung wie damals gab es nicht mehr. Das Geld war zu knapp. Ich öffnete den Schrank und holte mir eine Flasche Wasser heraus. Nahm ein Glas und trank. Das tat gut. Bald war das Glas leer und ich ging zurück in mein kleines Zimmer. Ich hockte mich auf mein Bett und starrte das Bild von meinem Vater an. Mama erlaubte mir es aufzustellen. Wahrscheinlich weil sie so auch eine Erinnerung an ihn hatte. Plötzlich fasste ich einen Endschluss. Ich nahm unser Telefon und wählte die Nummer, die er mir am Anfang gegeben hatte.

Zuerst war da nur das Tuten.
Immer nur Tuten.
Ich hatte es satt, immer in der Warte schleife zu stehen.
In der Warteschleife meines Vaters.
Das Tuten hörte auf und eine Stimme meldete sich.
„Hallo Papa.“, ich wollte die Sachen mit ihm klären. Für immer, „ich bin es. Deine Tochter.“

Am anderen Ende hörte ich nur ein leises Schluchzen.
Ich wusste was, das bedeutete.
Er erkannte mich.
Ich hing nicht mehr in der Warteschleife.

5 Kommentare

Fjalra am 22. März 2017

So gut könnte ich nie schreiben! Großes Lob!

Waldelfe am 23. Januar 2017

Wow, Gänsehautfeeling

Recklessfan am 25. August 2014

coole Geschichte.Ich hoffe du schreibst weiter daran, weil der Schluss so offen und spannend ist und Lust aufs weiterlesen macht

Chillgirl am 9. Juli 2014

Super. Ich bin auch für eine Fortsetzung.

Ella am 17. September 2013

Toll!!! Das schreit ja gerade zu nach einer ebenso genialen Fortsetzung!! Lg Ella