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Fuchs Pfennig

Mottentanz

Hallo, ich habe eine Kurzgeschichte über Armut und Reichtum, Ignoranz und der Liebe zwischen zwei besonderen und eigenartigen Personen geschrieben. Lg Fuchs Pfennig

Es gab eine Zeit, in der die Armut besonders viele schlimme Krankheiten anzog, in der jene, die nicht über die Möglichkeit verfügten, auszuruhen und zu genesen, zu hunderten starben. Als erste Fabriken das Land pflasterten und in der selbst Kinder harte, beinahe krankmachende Arbeit leisten mussten.

Der geringe Lohn der ihnen für viel zu viel Arbeit gezahlt wurde, machte das Leben der Armen nicht gerade besser, während die Reichen des Landes nur noch reicher wurden.

Jene, die hätten helfen können, verschlossen die Augen vor den Toten, bauten sich ganze Paläste und das einzige, worum sie sich sorgten, war die Schönheit ihrer Haut oder der Stoff ihres Kleides.

Sie sahen nicht hin und die elende Armut, die das Land überzog, blieb völlig unangetastet von ihren Händen.

Zur selben Zeit jedoch machte ein Gerücht die Runde.

In der Gegend von Manchester war ein neuer, völlig unbekannter Lord hinzugezogen. Es hieß, dass er rauschende Feste gab, die bis tief in die Nacht gingen, dass er beste Speisen aus seinem Heimatland mitgebracht hatte, dass er über ein großes, prunkvolles Besitztum verfügte und dass die exotischen Tiere, die er in seinem Garten hielt, allesamt direkt aus Indien stammten!

Was jedoch bis jetzt noch keinen so recht hatte wundern wollen: niemals liess der Lord selbst sich blicken. Es schein, als würde er das ganze lieber von außen betrachten, als wäre er jemand, der den anderen die Freude bereitete und sich selbst heraus hielt.

Eines Tages jedoch lud der geheimnisvolle Fremde die Adeligen aus dem Umkreis vieler Meilen zu einem Maskenball ein. Es waren sehr viele und sie alle sagten zu, denn in diesen dunklen Zeiten war es den Menschen ein Lichtblick, ein buntes Fest zu feiern.

Sie kamen alle und so auch die schöne Tochter des verstorbenen Grafen Chesterfield. Ihr Name war Imogen Amalia Chesterfield, und sie war ein zwar unverdorbenes, aber dunkles Wesen. Ihr Freundeskreis war sehr klein, sie lebte mit ihrer Mutter in dem Anwesen in der Nähe des großen Waldes und trat nicht häufig in die Öffentlichkeit. Aber sie trug eine gewisse Schönheit auf der Haut, eine düstere und doch anmutige, die schon so manchen gestandenen Adelsmann zur Verzweiflung brachte.

An diesem einen Abend tauchte sie in einem tief schwarzen Gewand auf und trug eine schimmernde und glänzende Maske aus schwarzen Federn, das dunkle Haar wogte im Wind und wie die Reichen das Palast-artige Anwesen des fremden Lordes betraten, ergoss sich ein Meer aus farbenfroher, fantasievoller Fröhlichkeit auf die Gärten und Alleen des Grafen. Dieser hatte zur Feier des Tages vier Säle von unglaublicher Größe ausschmücken lassen, er kleidete sie mit Samt aus und lies die besten Speisen anrichten.

Die vielen Menschen der gehobenen Gesellschaft stürzten sich frohlockend, lachend und schwatzend auf die Feier, sie sangen, tanzten, tranken und aßen in unerhörtem Maße und es war schon so manch derber Scherz über die armen Elends-Toten aus dem Munde eines Betrunkenen gekommen. Angezogen wie Motten von einem Licht folgten sie der Einladung des Lords und liessen sich zu der betörenden Schönheit des Vergessens hinreißen.

Das Fest wurde immer exzessiver, die Menschen vergaßen die Zeit und verloren sich im Rausch der prunkvollen und fantasievollen Pracht des jungen Lordes, es war beinahe, als würden sie in einen goldenen Käfig geraten sein, der sich immer schneller drehte.

Die Welt vor den Toren des Reichtums jedoch blieb die Gleiche. Armut, Verderben und das Sterben tausender von Menschen, in die kühle Umarmung des schwarzen Todes genommen.

Die geladenen Gäste sahen nicht, wie die Sonne während ihrer Festgelage dreimal auf und wieder unter ging, wie der Mond sich bleich dreimal an den Himmel schob und die Sterne schadenfroh und arglistig zu ihnen herab blitzten.

Für sie war es wie eine einzige Nacht.

Als die dritte Nacht jedoch herrein brach, betrat ein neuer Gast das rauschende Treiben der maskierten Gäste.

Er war ganz in schwarz gehalten, eine schlanke und elegante Erscheinung und von seinem Gesicht war nur die Augenpartie von einer schwarzen Maske bedeckt, auf der eine einzige, silberne Träne unter dem rechten Auge blitzte, umrahmt von einem leise, blutroten Strich. Seine Haut war sehr hell und ebenmäßig, wie Elfenbein, sein Haar spinnwebfein und von der Farbe der düstersten Nacht und in den Schlitzen der Maske, die für die Augen gelassen waren, blitzten Augen auf, so schwarz wie der schlafende Tod.

Als dieser Fremde die Hallen betrat, wurde es still in den Sälen. Die Geladenen musterten ihn und wichen vor ihm zurück, denn einzig wussten sie mit Sicherheit: dies war der geheimnisvolle Lord, den zuvor noch keiner seiner Gäste auf seinen Festgelagen erblickt hatte.

Er durchschritt langsam die Mengen, die stumm da standen und blieb vor der einzigen Person stehen, die nicht zurück wich und ihn musterte, als sei er ein Engel. Der Engel vielleicht von einem fremden und unbarmherzigen Teufel, aber ein Engel.

Imogen Amalia Chesterfield reichte er die Hand zum Tanze und sie ergriff sie. Es war, als würden sie in einer vollkommen anderen Zeit tanzen.

Während bei den anderen Gästen Stunde um Stunde verging, eine Zeit des blassen Staunens und der stummen Bewunderung, wie perfekt diese beiden Personen füreinander gemacht schienen, Stunden, in denen eine vielzahl der geladenen Frauen Imogen für ihren Tanzpartner beneideten, vergingen für die beiden Tanzenden nur wenige Minuten.

Als eine Uhr im ersten Saal, der komplett mit Spiegeln ausgehangen war, an die ein Uhr nachts schlug, kamen sie zum Stehen.

Keiner rührte sich und die Blicke der Adeligen ruhten einzig auf dem seltsam anmutenden Paar, dass die Welt anzuhalten schien.

Die zarten Worte von Imogen Chesterfield erfüllten die Luft, als sie leise fragte:

„Wer wagt es, mir mein Herz zu stehlen.“.

Der Fremde Mann beugte sich vor, die Lippen nahe ihres hinter der Maske verborgenen Ohres, und wisperte nur für sie hörbar:

„Der Tod“.

Das einzige, was die unzähligen Gäste sehen konnten, war, dass Imogen seine schlanke Hand ergriff und ihm mit der Fingerspitze des anderen vorsichtig über den Mund fuhr.

Der Mann richtete sich auf und schaute die Feiernden Menschen um sich herum an. Er lies den Blick kreisen und rief dann mit einer Stimme klar wie Kristall und von kalter und tödlicher Schönheit:

„Ihr alle sollt erfahren, wer ich bin! Denn was hier geschah ist der unverzeihliche Wille des Teufels, ihr verfielt ihm und liebtet seine Worte, ihr lauscht ihm von Tag zu Tag mehr. Die Hölle hält einen Platz für jeden von euch bereit und ich verfluche den Tag, an dem ich in dieses Land kam!“

Eine langsame Angst machte sich breit, eine unaufhaltsame, schwere Angst, wie ein Mantel aus Samt und Santin.

Es gab einzelne Aufschreie, als sie begriffen, wer der Lord mit den Engelsartigen Zügen war, der düstere Liebhaber der unnahbaren Imogen Chesterfield.

Der Mann nahm seine Maske ab und wie der Tanz aufgeregter, in Todesfurcht versetzter Motten, stürtzten die Geladenen zu den Ausgängen, ja, sie flohen! Blanke Panik verbreitete sich und die wunderschönen Masken fielen allesamt zu Boden, wurden rücksichtslos zertrampelt und starben zwischen den angsterfüllten Rufen. Denn das Gesicht des Mannes war von einer solch atemberaubenden Schönheit, von solch gnadenloser Kälte und solch undurchsichtiger Andersartigkeit, dass sie es nicht auszuhalten vermochten, denn jeder einzelne von ihnen erkannte, wer sich die Nächte über hinter der weinenden Maske versteckt hatte.

Was die Adeligen im jedoch ausgespiegelten Eingangssaals sahen, peinigte sie bis auf die Knochen.

Aus dem silbrigen Glas blickten ihnen nicht etwa die teils ebenmäßigen, teils vom Alter zerfurchten Gesichter der Menschen entgegen, nein, auf den Rümpfen saßen abscheuliche Fratzen, braun, voller Würmer und halb verfault.

Die Reichen schrien und rissen an ihrer Gesichtshaut, zerkratzten sich die Wangen, und vergossen ewige Tränen um ihre Jugend.

Doch in Wahrheit hatte sich keines der Gesichter verändert.

Lediglich die Spiegel des dunkeln Lords zeigten das unbeschreibliche Grauen, dass die Gäste erfasste und eben jener rief:

„Seht hin, was ihr aus euch gemacht habt! Seht, wie verdorben ihr seit, seht, wie grauenhaft verwest eure Seelen sind!“

Die junge Frau an seiner Seite, die einzige, die von dem Unheil verschont blieb, schmiegte sich an seine schwarzen Kleider und schloss die Augen, während die zuvor noch bunte und fröhliche Masse sich windend am Boden lag, sich Augen auskratzte und Haare heraus riss.

Und der Lord öffnete mit einer Handbewegung alle Tore, die hinaus in die kalte Welt der Armut führten. Schreiend nach Freiheit flohen die Menschen nach draussen, überrannten jene, die zu schwach waren, sich zu erheben und füllten die Lungen mit der kühlen, klaren Nachtluft.

Sie liefen Hals über Kopf heim, zu ihren Anwesen, zu Fuß, wenn es sein musste und verbargen sich in ihren Gemächern, die Gesichter blutig und verstörend verunstaltet.

Doch drinnen in den nun verlassenen Gemächern standen zwei schwarze Gestalten, die größere hielt die kleinere im Arm und schauten auf das Spektakel, dass sich ihnen bot.

Der Lord beugte sich zu seiner Lady herab und gab ihr einen sanften, jedoch unnachgiebigen Kuss auf den Mund, den sie erwiderte.

„Was wirst du tun?“, fragte sie leise.

„Ich werde dich mitnehmen.“, sagte der Mann und das Schloss um sie herum zerfiel zu dem Haufen aus grauer Asche, aus dem es gebaut worden war.

Imogen Chesterfield beobachtete dies staunend und der Mann, der seine Maske hatte fallen lassen, strich ihr über das Haar.

„Ich bin der Tod.“

Kommentar

Sophia am 9. August 2017

Wow, was soll ich sagen? Ich kommentiere eigentlich keine Geschichten, aber das hier war unglaublich gut! Du hast Talent und das merkt man deutlich. Mach auf jeden Fall weiter!