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Kendra Black

Murder at Landsdale Manor

George

"George!"

Ich hörte die Stimme meiner Mutter durch das Haus hallen. Durch große Hallen und zurückgeworfen von tausenden von Wänden.

"George, hast du Marcus Antonius gesehen?"

"Äähhhmmm.... Nein, Mum, tut mir leid", antwortete ich.

Sie kam nun die herrschaftliche Mahagoni Treppe hinunter geeilt und sah sich völlig aufgelöst um.

"Er muss weggelaufen sein!", sagte sie besorgt und fuhr sich mit den Händen resigniert durch ihre eh schon zerstörte Frisur. "Hast du die Tür offen gelassen?"

"Kann schon sein", gab ich widerstrebend zu.

Marcus Antonius nervte. Ständig musste man auf ihn aufpassen.

"Dann sei doch so lieb, George, und suche ihn, mein Engel. Ich hab Migräne."

Damit verschwand meine Mutter auch schon im Salon und ließ mich stehen. Ich fluchte und trat durch die Hintertür in der Küche hinaus in den Garten. Manche hätten es einen Park genannt.

"M.A.?!", brüllte ich während ich die riesige Rasenfläche überquerte und mich nach links und rechts umsah.

Nichts. Von Marcus Antonius keine Spur. Pech gehabt. Ich suchte noch weitere zweieinhalb Minuten, dann hatte ich genug. Ich wollte gerade zum Haus zurückkehren, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm: Eine schmale Gestalt trat aus dem Schatten der Hecken und kam auf mich zu. Nun trennten uns nur noch gut vier Meter voneinander.

Vor mir stand ein Mädchen mit einem definitiv übergewichtigem Kater im Arm. Unserem Kater.

"Er mag keine Fremden," sagte ich und versuchte eine ebenso große Präsenz auszustrahlen wie es mein Vater immer vermocht hatte.

Das Mädchen zuckte nur die Schultern. "Wenn du meinst."

Marcus Antonius schmiegte sich schnurrend noch fester an ihre Brust. Verräter, dachte ich.

"Ich suche Arbeit", sagte das Mädchen (oder auch "die, die sich mit unserem Kater verbrüderte") und strich sich eine Strähne ihres blonden Haares hinters Ohr.

"Was für Arbeit?," fragte ich und verschränkte die Arme. "Hattest du vorher schon mal eine feste Stelle?"

Diese Frage stellte meine Mutter immer, wenn wir neue Angestellte suchten.

"Jede Menge", kam die Antwort und ich wurde aus zwei blau-grünen Augen herausfordernd angefunkelt. Nein, genauer gesagt aus vieren.

Die Augenfarbe der Bewerberin war identisch mit der des Katers.

"Also gut," gab ich nach, "Wie heißt du?"

"Lucy. Lucy Walkers. Und du?"

"George von Landsdale," sagte ich und reckte ein wenig das Kinn.

Lucy machte einen spöttischen Knicks und grinste. Sie hatte mich durchschaut.

"Sehr erfreut, my Lord! "

Lucy

Er war arrogant. So viel war klar. Oder er versuchte es zu sein. In diesem Punkt war ich mir noch nicht ganz sicher. George ging voran in Richtung des riesigen Landsitzes und ich folgte ihm, katerhaltend, so gut es ging. Er musste in etwa so alt sein wie ich (also ich meine George, nicht den Kater). So um die 16.

Wir kamen durch eine Hintertür in eine große geflieste Küche mit etlichen Kupferpfannen und -töpfen, als nächstes führte mich George durch eine Halle mit Kronleuchter ins Wohnzimmer. Oder wie er sicher sagen würde: in den "Salon". Dort jedenfalls lag eine Frau mit geschlossenen Augen auf einem Kanapee und hielt theatralisch eine Hand an ihre Stirn. Als wir zu dritt den Raum betraten, schreckte sie auf und nahm Haltung an. Ihre Hochsteckfrisur war... nun ja.... ähm... etwas faserig. Es hatten sich so viele dunkelbraune Strähnen daraus gelöst, dass sie einem Wischmobb nicht unähnlich sah. Ich unterdrückte mein Grinsen noch im letzen Moment. Der Blick ihrer kieselstein-grauen Augen schien mich zu durchleuchten und ohne ihn abzuwenden fragte sie: "Wer ist das, George?"

"Lucy Walkers, Mutter," antwortete dieser schnell, "sie ist auf der Suche nach einer Stelle." Georges Mutter streckte mir eine schlanke, schöne Hand entgegen. "Ich bin Mrs. Landsdale," sagte sie und ich schüttelte die mir angebotene Hand zögernd. "Wir werden sicher etwas für Sie finden, Miss Walkers," fuhr sie fort, "Hausangestellte sind momentan schwer zu finden. Aufgaben die Sie erledigen müssten wären Gartenarbeit, Bettenbeziehen, Kleidung falten, stärken und bügeln, sowie die Reinigung des Hauses und Anwesens. Um den Rest kümmert sich Mary."

Ich fragte mich was da als "Rest" noch übrig bleiben sollte, sagte aber nichts.

"George wird dich einweisen," sagte Mrs Landsdale noch bevor sie wieder in ihre Kissen sank und die Pose einnahm in der wir sie vorgefunden hatten. "Ach und Miss Walkers? Würden sie Marcus Antonius bitte hier am Fußende absetzen? Vielen Dank."

Als ich den grau getiegerten Kater absetzte und den Raum in Begleitung von George verließ, maunzte mir M.A. sehnsüchtig nach. Dann schloss sich die Tür.

George

Ich führte Lucy einmal durchs ganze Haus.

"Esszimmer... Wintergarten.... Bibliothek... Studierzimmer... Herrenzimmer..."

So ging es schier endlos weiter. Lucy nickte höflich und sagte "Hmmm" und "Aha" und ich wusste genau, dass sie sich kein bisschen für die Hausführung interessierte. Irgendwann war mir klar, dass ich es ihr nicht länger verheimlichen konnte. Sie würde es eh herausfinden. Ich drehte mich zu ihr um.

"Wir können dich nicht bezahlen."

Lucy starrte mich einen Moment an dann schlich sich die Erkenntnis in ihre Augen.

"Deshalb ist es also schwierig für euch, Hausangestellte zu finden. Weil die Arbeit hier für lau ist," sagte sie ruhig.

Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich erklären: "Seit mein Vater im Krieg fiel, befinden wir uns in finanziellen Schwierigkeiten."

Der Schmerz überrollte mich, wie immer wenn ich von Dad sprach, doch ich versuchte ihn zu ignorieren, also erklärte ich weiter.

"Wir bekommen Darlehen von meinem Onkel..."

"Warum sollte ich dann für euch arbeiten?", fragte Lucy scharf und unterbrach meine Ausführungen.

"Du kannst hier wohnen und schlafen. Du bekommst zu essen. Ist das nicht das Wichtigste?", antwortete ich so ruhig wie möglich.

Das Gesicht meines Vaters schob sich immer wieder vor mein inneres Auge. Lucy schwieg und runzelte die Stirn, wodurch sie ziemlich hübsch aussah, wie mir auffiel.

"Apropos," sagte sie dann plötzlich, "WO soll ich denn schlafen?" 

Neben der Bibliothek öffnete ich eine schmale Tür, ließ Lucy den Vortritt und folgte ihr dann in die winzige Kammer. Es gab ein kleines Fenster, ein Feldbett und einen Stuhl. Im Gegensatz zum Rest des Hauses war dieses Zimmer schmucklos, trist und eher ein Besenschrank. Lucy ließ sich auf der Pritsche nieder und wippte ein wenig auf und ab. Auf und ab. Und... begann zu lächeln. Sie erhob sich und wir standen uns nun in der engen Kammer gegenüber.

"Danke George Landsdale," sagte sie leise und immer noch leuchteten ihre Augen. "Danke."

Glück sprudelte in mir hoch wie Brause.

"Und jetzt," sagte Lucy, "könntest du mir den Garten zeigen?"

Lucy

Ich strich mit den Fingerspitzen über die Blüte einer Rose. "Gloria dei," murmelte ich und fuhr über eines der orange-gelben Blätter.

"Wie bitte?", fragte George von der anderen Seite der Beetanlage.

"Gloria dei ", wiederholte ich etwas lauter, "die Sorte heißt Gloria dei."

"Achso," grinste er, "ich dachte du betest."

Dies war das erst Mal, dass ich ihn lächeln sah. Es stand ihm, das Lächeln. Ich musste unwillkürlich zurück grinsen. Vor einer Stunde dachte ich noch, er wäre das größte Arschloch! Aber langsam gewöhnte ich mich an seine Art... 

"Gehst du zur Schule?", fragte ich.

Es interessierte mich wirklich, ich selbst war nur sieben Jahre unterrichtet worden. Sprachen waren mir am leichtesten gefallen: Latein, Schwedisch, Französisch... sogar Deutsch, auch wenn das in der Zeit des Krieges einen völlig neuen Beigeschmack bekam. Die Sprache des Feindes....

"Dreimal die Woche kommt ein Freund meines Onkels vorbei und unterrichtet mich. In zwei Jahren soll ich dann anfangen zu studieren..."

Georges Stimme verlor sich. Ich betrachtete das Beet. Rosen. Im benachbarten Kräuter, daneben Gemüse und über allem gefühlte hundert Meilen Unkraut. Ich stöhnte innerlich auf.

"Wann soll ich anfangen?", fragte ich dennoch tapfer.

"Sobald, wie möglich, denke ich," antwortete George und fuhr verlegen mit der Hand durch sein dunkles Haar bevor er fragte: "Spielst du Cricket?"

Einige Zeit später hatten wir ein Cricket-Feld abgesteckt und waren mitten im wildesten Spiel. Zugegeben, man kann zu zweit nicht Cricket spielen, aber wir nahmen diesen Fakt nicht sonderlich ernst. Die Dämmerung kam und wir ließen uns schließlich völlig erschöpft nebeneinander ins Gras fallen.

"Du spielst gut!", keuchte George, Überraschung in der Stimme.

Ich überlegte, ob ich mich darüber ärgern sollte, ließ es aber bleiben. Ich sah einfach nur in den rotangelaufenen Himmel und schwieg. Glücklich. War ich glücklich? Ich war mir nicht sicher, aber es fühlte sich verdammt noch mal danach an.

George

Am nächsten Tag musste ich früh raus, was ärgerlich war, da es durchs Cricket gestern spät geworden war. Es war Sonntag, Zeit für die Kirche. Ich zog ein Hemd und Anzug an und ging hinunter zum Frühstück, das Mary wie jeden Morgen zubereitet hatte. Ich wusste Lucy würde nicht mit uns essen (sie war eine Angestellte) , dennoch war ich enttäuscht sie nicht zu sehen. Ich zog los, um sie zu suchen. Ich öffnete die Tür zu Lucys Kammer einen Spalt weit, hielt jedoch inne, bevor ich hinein spähte. Was, wenn sie nackt war? Ach, komm schon, George Landsdale!, spottete eine kleine Stimme in meinem Kopf, als wäre sie die erste die du siehst! Ich gab mir einen Ruck und stieß die Tür auf.

Lucy lag auf dem Bett, völlig angezogen und schlief. Ich hockte mich neben die Pritsche, betrachtete sie einen Moment und stubste dann ihre Schulter an. Schlagartig saß Lucy mit weitaufgerissen Augen, kerzengerade im Bett.

"Was zum Teufel- "

"Beruhige dich", schnitt ich ihr das Wort ab. "Wir gehen zur Kirche."

"Und deshalb weckst du mich?", fragte Lucy mit gerunzelter Stirn und gähnte.

"Ich dachte, du würdest vielleicht mitkommen wollen", sagte ich entschuldigend.

Sie zog eine Braue hoch, dann schüttelte sie den Kopf.

"Nein" , sagte sie, "ich muss noch etwas erledigen."

Lucy

Ich lief die Landstraße hinunter ins Dorf. Drei Meilen Wiesen und Äcker, mit Tau bestäubt, über denen der Morgennebel langsam von der Sonne aufgelöst wurde. Ich schauderte in meiner dünnen Baumwollkleidung und ging schneller. Das Black Swan war ein schäbiges kleines Lokal, doch ich war mir sicher, meine Schwester brachte ihm einiges an Geld ein. Ein Glockenspiel klimperte, als ich die alte Holztür aufstieß und in den Schankraum trat. Eine junge Frau stand hinter dem Tresen und blickte auf. Sie stellte das schmutzige Glas beiseite, das sie bis eben noch erfolglos versucht hatte zu polieren, wischte sich die Hände an einem schmierigen Tuch ab und durchmaß den kleinen  Raum mit wenigen Schritten.

"Madeleine", protestierte ich als sie mich fest in die Arme schloss.

Ihre Haare rochen nach einer verrückten Mischung aus teurem Parfüm, Abwaschwasser, Männern und etwas das ich nicht mit absoluter Sicherheit einordnen konnte, was aber, wie ich vermutete mit besagten Männern zu tun hatte.

"Ich will nur meine Sachen abholen", fuhr ich fort.

"Ach, sieh an! Die junge Walkers...", eine geschmeidig weiche Stimme durchschnitt die Luft und ließ mich zusammenzucken. "Beehren Sie uns auch mal wieder mit einem Besuch? "

"Lucas," brachte ich so kühl wie möglich hervor.

Ben Lucas lehnte in der schmalen Tür hinter der Theke, die zu den Zimmern über der Schenke führte. Er hatte die Arme vor seinem mageren, langen Körper verschränkt und blickte uns aus stechenden schwarzen Augen an, die in krassem Gegensatz zu seinen weißblonden Haaren standen. Lucas war einer der wenigen Kriegsheimkehrer und hatte das Lokal von seinem Vater John Lucas übernommen -  wenn auch einige grundlegende Änderungen in den Prinzipien der Geschäftsführung vorgenommen worden waren...

"Deine Sachen sind oben", sagte meine Schwester und löste sich von mir.

Es war als würde ich in einen Spiegel schauen und nicht in Madeleines besorgtes Gesicht. Die Walkers Schwestern. Sechs Jahre trennten uns im Alter von einander und ein riesiger, weiter Ozean von gegenseitigem Unverständnis. Man könnte meinen, die Jahre des Krieges, die wir allein ohne unseren Vater und unsere drei Brüder in einem Erdkeller verbrachten, uns zusammengeschweißt hätten, doch das Gegenteil war der Fall. Vom Aussehen her waren wir immer nur eine Person gewesen, was vielleicht der Grund war, weshalb wir krampfhaft immer versuchten, das zu tun, was die andere unter keinerlei Umständen machen würde.

"Wo, oben?", fragte ich.

"In meinem Zimmer."

"Gut", ich blickte in Madeleines blau-grüne Augen und wusste, dass es auch meine waren, "ich habe nämlich Arbeit. Ich werde dort einziehen."

"Ich bringe dich hoch"

Lucas lehnte noch immer reglos im Türrahmen.

"Nicht nötig, ich kenne den Weg..."

"Ich bestehe darauf."

Die Treppe war schmal und ich spürte Ben Lucas Arm an meinem während wir nebeneinander die steilen Stufen erklammen. Lucas öffnete die Tür zu Zimmer Nummer sieben und hielt sie mir auf. Ein ordentlich gemachtes Bett und ein Kleiderschrank dominierten den Raum, in einer Ecke lehnte Dads alter Armeerucksack. Ich durchquerte das Zimmer und hob ihn auf. Er war leicht. Madeleine brauchte einen Schrank für ihre Kleider und für meine war selbst dieser Rucksack zu groß. Ich hob den Blick und bemerkte eine Laterne im Fenster. Ich brauchte nicht hinzuschauen, um zu sehen welche Farbe ihr Glas hatte. Ein Finger strich vom Nacken hinab meine Wirbelsäule entlang. Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper.

"Lucy. Du kannst doch hier bleiben. Gäste bedienen und..."

Lucas war hinter mich getreten und sein Atem kitzelte mein Schlüsselbein. Seine Lippen berührten beim Sprechen mein Ohr und mir wurde noch kälter.

"Tröste, Lucy. Ich weiß, dass du es kannst. Deine Schwester kann es, Lucy. Sie kann es gut. Sie tröstet..."

Lucas rechte Hand lag nun an meiner Taille und ich spürte seine Brust an meinem Rücken, wenn er atmete. Endlich legte mein Gehirn den Schalter um. Ich drehte mich langsam um, so dass sich unsere Nasen fast berührten und hob das Kinn. Lucas Mund fuhr über meine Kehle und Ekel überkam mich. Ich riss mein Knie hoch und stieß es zwischen seine Beine. Lucas jauelte auf und ich, ich rannte.

George

Die Predigt war langweilig. Wie immer. Ich musste an Lucy denken und überlegte, was sie wohl gerade erledigte während ich in der Landsdale-Familienbank saß und mich mit den sieben Todsünden berieseln ließ. Wir waren vor Lucy zur Kirche im Ort aufgebrochen und so hatte ich keinen Schimmer, wo sie stecken könnte. Nach einer Stunde war es dann geschafft. Meine Mutter zog wie immer mit meinem Onkel direkt nach dem Pastor aus und ich folgte mit der gemeinen Dorfbevölkerung. Ich trat hinaus in die Sonne und sah mich suchend um. Unser Automobil (ein Rolls-royce) parkte direkt vor dem Friedhofstor, doch meine Mutter saß nicht darin. Dann entdeckte ich sie: Sie unterhielt sich nicht weit entfernt, abseits des Weges, mit meinem Onkel. Ich blieb stehen und lauschte.

"Chelsea, natürlich gebe ich dir weiterhin Unterstützung. Nigel hätte es so gewollt."

"Aber, Miles, ich... ich kann es nicht annehmen..."

"Du kannst", er gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn und zog meine Mutter an sich. 

Wut durchströmte mich. Und was ist mit Dad!?, wollte ich schreien, doch ich biss die Zähne zusammen und hinderte mich so daran.

"Bald werden diese Darlehen ohnehin nicht mehr nötig sein. Alles was mir gehört, gehört auch dir....", fuhr Miles fort, doch ich lief schon in Richtung Friedhofstor und schlüpfte hindurch.

Ich begann zu rennen. Rannte die Pilgrim's Lane entlang, um die Ecke in die Dusty Alley und bog in die Palestreet ein. Etwas traf mich mit voller Wucht und ich schlug hart mit dem Kopf auf dem Asphalt auf.

"George?"

Ich rappelte mich auf und stand Lucy Walkers gegenüber. Sie sah sich gehetzt um und mir fiel auf, dass ihre kaputt und ihre Knie darunter aufgeschürft waren. Offensichtlich war ich nicht der einzige von uns beiden, der durch unseren Zusammenprall gestürzt war.

"Lucy. Was machst du hier?", fragte ich also und verdrängte fürs erste den Gedanken an Mum und Miles in eine Schublade weit hinten in meinem Hirn. 

"Ich... können wir das woanders besprechen?"

Lucy sah wieder über die Schulter und diesmal folgte ich ihrem Blick. Ganz am Ende der Palestreet stand die Tür zum Black Swan offen und eine wütende Stimme war zu hören.

"Wo ist sie, Madeleine? Wo ist deine verdammte kleine Schwester hingelaufen?"

"Lass mich los, Ben, du tust mir weh!", rief nun die Stimme einer Frau.

Die Art, wie sie sprach erinnerte mich an jemanden. Die Frau schrie kurz auf und Lucy zuckte zusammen.

"Bitte, George, gehen wir. Schnell." 

Sie war bleich um die Nase und ich war überrascht Lucy  ängstlich zu sehen. Ich nickte. Erleichterung huschte über ihr Gesicht. Sie zog mich einige dunkle Gassen entlang, die ich noch nie betreten hatte und in denen ich in meinem Sonntagsanzug sicher auffiel, wie ein bunter Hund. Während wir liefen hatte ich genug Zeit nachzudenken und meine Gedanken zu ordnen. Meine Mutter hatte mich ein ums andere mal dazu angehalten die Schenke Black Swan nicht zu betreten, was sie wie folgt mit gerümpfter Nase begründet hatte:

"Das ist kein Ort, wo du  Geld hintragen solltest, George! Drinks sind nicht das einzige, was sie dort anbieten..."

Ich hatte die Botschaft meiner Mutter verstanden. Natürlich. Doch die Neugier ließ mich nicht los, genauso wenig wie das Gefühl etwas Verbotenes zu tun, wenn ich bei Einbruch der Dunkelheit in der Palestreet im Hauseingang gegenüber des Black Swan lungerte. Ich hatte die obskuren Gestalten beobachtet, die das Lokal betraten. Zählte die Stunden, die sie darin verbrachten. Dies waren immer interessante Stunden gewesen, denn ich war ein Spion, unsichtbar. Und über allem lag abwartende, unheilvolle Spannung. Ich wusste, was im Black Swan geschah. Doch was hatte Lucy damit zu tun? Inzwischen waren wir am Rande des Ortes angekommen und ich erkannte die Straße, die zu unserem Landsitz führte. Lucy hatte meinen Arm schon lange losgelassen und ging mit schnellen Schritten voraus. 

"Ok. Was genau ist da gerade paasiert?", fragte ich und versuchte mit ihr Schritt sie einzuholen.

Lucy starrte nur nach vorn, lief einfach weiter und ich packte ihren Arm. Sie schrie erschrocken auf und versuchte, sich  befreien, doch ich war stärker. Ich umklammerte nun auch ihren rechten, als plötzlich ein Schmerz durch  Schienbein schoss. Ich fluchte. Sie hatte mich getreten.

"Verdammt," knurrte ich, " ich willl es jetzt wissen", und packte ihre Handgelenke so fest, dass ich dachte sie brechen hören zu müssen. 

"Dann lass mich los!", fauchte Lucy wie eine wütende Katze und ihre Augen blitzten. Ich löste meinen Griff. Sie trat zwei Schritte von mir zurück und rieb sich die Stellen, an denen schon Blutergüsse in Form meiner Hände aufblühten.

"Ich.... 'tschuldigung", brachte ich hervor, "Es tut mir leid."

Lucy blickte mich einfach an, dann sagte sie völlig unvermittelt: "Er hat mir....., sagen wir mal, ein Jobangebot gemacht."

"Wer?"

"Ben Lucas. Der Besitzer des Black Swan."

"Und was für eine Art Job war das?", fragte ich behutsam.

Lucy legte den Kopf auf die Seite und mich spöttisch an.

"Ach komm schon! Jetzt tu doch nicht so. Ich hab dich gesehen. Öfters sogar. Vor dem Lokal. Ich weiß, dass du weißt, was da vor allem läuft!" 

Ich versuchte cool zu bleiben, doch ich spürte die Röte, die meinen Hals hinauf kroch. Also los: Gegenfrage!

"Und was hast du dort immer gemacht, wenn du mich gesehen hast?"

Scham färbte Lucys Wangen eine Nuance roter.

"Ich habe meine Schwester dort besucht."

"Oh", war alles, was ich dazu sagen konnte.

"Ja, Oh", wiederholte Lucy.

"Das letzte Mal, das ich war, war vor zwei Wochen. Ich bin dir zu eurem Haus gefolgt."

"Warum?", fragte ich verwirrt.

"Weil ich dir angesehen habe, dass du Geld hast", antwortete sie an ihre Schuhe gewandt, "du warst nicht wie die anderen, die sonst da sind. Ich beschloss, mich bei euch zu bewerben," fuhr Lucy fort, "und das habe ich gestern getan..."

Schweigen trat ein und als hätten wir eine geheime Übereinkunft getroffen, setzten wir unseren Weg gleichzeitig still fort.

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