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Amrei Fürst

Nur die Haut aus Stein - eine Goylgeschichte

 

„Hör auf!“, schrie Pathras Mutter und packte ihren Vater am Arm. Pathra kauerte sich in der Ecke zusammen, das Blut rann über ihre helle Mondsteinhaut. Vater hatte getrunken, man roch den starken Geruch des Goylschnapses in der Luft, er klebte in allen Ecken der stickigen Höhle. Er trank oft. Und dann wurde er wütend, wütend auf alles, was sich bewegte. Pathra unterdrückte ihre Tränen, sie war schließlich keine von den Weichhäuten. Und es gab jeden Abend Verletzungen. Am Anfang hatte ihre Mutter nur da gestanden, die Augen weit aufgerissen vor Entsetzen, mit hellen Lichtpunkten von dem fahlen Licht der Kerzen... Manchmal tat sie etwas. Manchmal nicht. Vater schüttelte den Arm seiner Frau weg und drehte sich seinem Kind zu.

Pathra rollte sich instinktiv zur Seite, als er einen Karneolstein nach ihr warf, der seiner Haut glich. Ihr Ausweichen machte ihn nur noch wütender. Scherben einer bereits zersplitterten Vase, in die manche Goyl Schattenblumen stellten, bohrten sich in ihre Steinhaut. Der Schmerz schoss der Goyl in die Glieder, sie rappelte sich auf. „Hör sofort auf damit!“, brüllte Pathra, die Angst ihrer Mutter schwabbte auf sie über- und Furcht verwandelte sich so leicht in Zorn... Vater starrte sie an wie ein Insekt, das so eben unter dem Bett hervor gekrochen war.

Stille. Süße Stille.

Das Mädchen verengte die Augen. Sie bemerkte die unauffällige Bewegung des Mannes, seine Hand wanderte zum Gürtel, ganz langsam... der Dolch schnitt durch die Luft und bohrte sich wenige Zentimeter neben ihrer Schläfe in die Wand. Pathra musterte die Waffe aufgelöst. So weit war es noch nie gegangen.

Mutter fiel in Ohnmacht. Keiner half ihr.

Das Mädchen zog den Dolch aus der Steinwand, durch die die Klinge aus Drachenzahn so mühelos schnitt wie ein Messer durch Butter. Sie wog die Waffe in der Hand. Vaters Blick klebte sich an ihre Hände, die so leicht seinen Tod bedeuten konnten... „Furchtloser Soldat. Sicher doch“, ging es Pathra durch den Kopf. Und dann war sie.

 

Das Tageslicht schnitt beinahe in ihre Haut, so hell war es. Für einen Moment sahen ihre Augen überhaupt nichts.

„Warum haben sie die nicht einfach getötet?!“, schnaubte einer der Männer, der sie hinaus gestoßen hatte.

„Weil das keine angemessene Strafe wäre“ Pathra konnte sich das mitleidlose Grinsen ausmalen, das der Goyl auf dem Gesicht haben musste. Und was noch schlimmer war... er hatte Recht. In dieser Gegend wurde ihres Gleichen immer noch verfolgt, obwohl Kami'en König war. Kleine Bauerntruppen sammelten sich überall, um einsame Goyl um zu bringen. Und bis zum Tod müsste sie sich in dieser hellen Welt durchschlagen. Mutter hatte alles verraten. Sie hatte den Wachen erzählt ihr Kind sei die Mörderin. Keine einzige Lüge war über ihre Lippen gekommen. Pathra hasste sie trotzdem- wäre Mutter einmal wirklich dazwischen gegangen, hätte alles nicht so geendet!

Die Goyl versetzten ihr noch einen Stoß in die Rippen, dann verschlossen sie die als Felswand getarnte Tür. Und für sie würde sie auf ewig geschlossen bleiben.

 

Pathra tauchte ihre gesprungenen Hände in den Bach. Das Sonnenlicht brannte so erbarmungslos vom Himmel und ein wenig Kühlung tat jetzt gut. Sie war gerade einmal einen Kilometer gekommen, so weit die Goyl schätzen konnte. Es stimmte alles, was man von dem Leben ohne schützende Dunkelheit erzählte- jetzt konnte sie alles nachvollziehen, was die Soldaten erzählten.

Im Spiegel der sachten Wellen blickte ihr das eigene Gesicht entgegen, Haut aus Mondstein, die grauen Augen... nichts, das von ihrem Vater kam. Manchmal fragte sie sich, ob er überhaupt ihr Vater war. „Gewesen war“, korrigierte sie sich selbst. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Plötzlich ertönte hinter ihr lautes, aufgeregtes Geschrei und Getrampel. Menschen!

Pathra griff nach einem Stein, den die Wellen glatt geschliffen hatten und strich mit ihrer Steinhaut über die Kanten. Weichhäute würden deshalb bluten.

Und da brach auch schon der erste von ihnen aus dem Unterholz, Schatten fleckten sein vor Abscheu verzogenes Gesicht, seine zitternden Hände hielten eine Flinte. Er würde nicht treffen.

Was weitaus Besorgnis erregender war als seine Anwesenheit war die von fünf anderen Männern. Alle waren mit einer Pistole ausgerüstet, nur einer umklammerte einen primitiven Ast mit den weichen Fingern.

„Was hast du hier zu suchen?“, fragte ein Mann, der etwas nach vorne trat. Seine haut was blass und seine Haare schwarz wie die Dunkelheit in den Goylhöhlen.

„Ich existiere hier so vor mich hin“, erwiderte Pathra frech.

„Das sehe ich selber!“, schnaubte der Anführer und wurde ganz rot, fast so wie Karneol. Es war dieses seltsame Phänomen, das bei der Menschenhaut auftreten konnte.

„Warum fragst du dann?“, blaffte sie zurück.

„Freche Göre!“, brüllte der Mann.

„Das war ziemlich schwächlich. Sollt ihr Menschen nicht so kreativ mit Schimpfwörtern sein?“, fragte Pathra. Wovor sollte man sich hier eigentlich fürchten? Alles was es hier scheinbar gab waren Trottel mit weicher Haut und unangenehme Sonne... Letzteres war vielleicht gefährlich, aber sonst...

„Schnappt sie euch!“, befahl der Mann und machte einen winzigen Schritt nach vorne, während seine Kumpanen an ihm vorbei stürmten.

Die Goyl ließ ein geräuschvolles Schnauben hören: „Greift ihr jetzt ernsthaft ein junges Mädchen an?“

„J-Ja.“

„Pff“, gab sie zurück und wich einer Kugel aus, die aus den zitternden Händen des Menschen kam, der als erstes aufgetaucht war. Dann stolperte sie einem anderen Geschoss direkt in die Flugbahn. Sie schrie auf, als sich die Kugel durch ihre Haut ins Fleisch bohrte. Die Angreifer nutzten diese kurze Ablenkung und schlugen sie bewusstlos.

 

Schwarz. Alles angenehm schwarz. Der kahle Stein um sie herum erinnerte an eine Höhle. Nur die Ketten um ihre Hand- und Fußgelenke störten das Bild von Behaglichkeit. Unter der Tür hindurch zwängte sich ein kleiner, lächerlicher Rest Licht. „Wie süß“, dachte Pathra. Sie zerrte an ihren Fesseln, doch die Ketten drückten sich nur in ihr Fleisch, also ließ sie es nach einiger Zeit bleiben. Ihr Körper war erschöpft. Ihre Lider schlossen sich, um ein wenig Schlaf herbei zu rufen.

Ein zur Seite geschobener Riegel schreckte die Goyl aus ihrem Schlaf auf. Das Tageslicht strahlte herein, aber es war leicht gedämpft und nicht so unerträglich hell. Der Streifen Himmel, der zu erkenne war, hatte die Farbe von angelaufenem Amethyst. Ein Mädchen trat ein, als Mensch vielleicht Zwölf Jahre alt- so alt, wie auch Pathra als Weichhaut gewesen wäre.

„Warum schicken sie dich zu mir?“, schnauzte die Goyl kühl und wandte den Blick ab, zur demonstrativen Abneigung- und zum Schutz vor den Sonnenstrahlen.

„Weil ich nicht brav war“, piepste das Mädchen. „Ich bin Tina“, fuhr sie fort.

„Wie interessant“, stöhnte sie genervt.

„Willst du etwas zu essen? Oder einen neuen Verband?“, erkundigte sich Tina säuerlich.

Erst jetzt fiel Pathra auf, das sie Mullbinden um den Arm trug. „Verarztet von einem Menschen“ Es war demütigend. „Nein danke“, gab sie leise zurück, obwohl ihr Magen ihr befahl, das Gegenteil zu sagen.

Das Mädchen rollte die Augen und reichte ihr ein Stück Käse. Trotz guter Vorsätze griff Pathra danach und schlang ihn herunter.

„warum bist du draußen aus euren Höhlen?“, wollte ihre Gefängniswärterin wissen, „Sonst kommen doch nur die erwachsenen raus“

„Braucht... braucht dich nicht zu interessieren“ Sie bemühte sich um einen kühlen Ton.

„Erzähl es mir doch. Ich sehe doch, wie die Tränen in deine Augen steigen. Ich bin neugierig, ehrlich. Ich werde mich nicht darüber lustig machen“, versprach Tina.

„Jetzt halt doch-...“ Pathra seufzte. Warum eigentlich nicht? Sie hatte so oder so nicht mehr lange zu leben, da konnte sie auch einer kleinen Weichhaut ihre Geschichte erzählen.

„Also“, hob sie an, „mein... mein Vater ist.. war... Trinker. Jeden... Jeden Abend, wenn er nach Hause kam, war er volkommen verwirrt. Und wütend... so wütend auf alles mögliche, ohne Grund. Er war im Krieg, weißt du? Er hat... schlimme Dinge gesehen. Und verarbeitete sie in seinem Rausch. Während er betrunken war-“ Ihre Stimme zitterte so unkonntrollierbar, das die Goyl sich unterbrach und schluchzte. Demütigung. „Was soll's“, dachte Pathra und erzählte weiter, die ungewollten Tränen in den Augen: „Wenn er nach Hause kam... dann schlug er mich oder... oder war Sachen nach mir, bis auch meine Steinhaut blutete“ Es war eine Anspielung auf die dünne Haut der Menschen, aber Tina schien das nicht zu verstehen und glotzte sie nur an. Pathra berichtete also weiter, während sich die Trauer mit dünnen Fingern in ihr Herz bohrte: „Und irgendwann... Habe ich es nicht mehr ausgehalten. Er... er schleuderte einen Dolch nach mir und- und- und-“ Ein heftiges Schluchzen nach dem anderen. Das Mädchen trat auf sie zu und legte ihr zögerlich die Hand auf die, vom Sonnenlicht gesprungene, Schulter. Ihre Haut fühlte sich so seltsam an... Pathra raffte sich wieder auf. „Ich habe die Waffe... zurück geschleudert. Und er war tot. Meine Mutter hat alles ausgeplaudert und sie haben mich aus der Stadt gejagt“, schloss sie schließlich. Die Kraft, die zierliche Hand weg zu stoßen war nicht da, aber es tat gut, über die Ereignisse zu reden.

„Du Arme“, meinte Tina und wischte sich eine Träne aus den Augen. „Weißt du was?“, fragte sie dann. Ihre Hand wanderte zu einer kleinen Tasche an ihrem Kleid. Ein Schlüsselbund kam zum Vorschein. Das Mädchen nahm ihn und befreite ihr Gegenüber von den Fesseln.

Pathra starrte sie ungläubig an.

„Du bist frei“, erklärte der Mensch mit Nachdruck, „Ich werde ihnen erzählen, du hast einen Zaubertrick angewendet und bist entkommen. Die Leute glauben an sowas“ Tina zog den Mantal aus, den sie trug und legte ihm Pathra um die Schultern, zum Schutz vor der Sonne.

Die Goyl stand schwankend auf. Die Nacht hatte sich über das Land gelegt und es war so viel angenehmer als am Tag. „Danke“, hauchte sie, dann humpelte sie orientierungslos in die Dunkelheit.

 

Vom Hügel aus überblickte man eine kleine Stadt. Sie sah ziemlich ärmlich aus und der Gestank von Krankheiten wehte Pathra in die Nase. Niemand konnte sie sehen, die meisten Leute schliefen noch, da sich die Sonne gerade erst über den Himmelsrand schob.

Es war die perfekte Gelegenheit, einfach lautlos an den Häusern vorbei zu-

Ein kleiner Junge stolperte auf die Straße, Blut tropfte aus seinen kurzen Beinchen und hinter ihm schlugen Scherben auf den Straßenboden, bevor Jemand eine Tür ins schloss warf. Selbst auf die Entfernung war der Alkohol zu riechen. Gab es solche Wutanfälle bei den Weichhäutern? Warum sollte es sie nicht geben? Immerhin waren die Menschen dümmer als die Goyl. Der Junge hämmerte mit den Kinderfäusten gegen die Tür, aber niemand machte auf, nicht einmal ein besorgter Nachbar lugte aus einem Fenster.

Das Kind fing an, zu weinen. Und es verlor immer mehr Blut.

Pathra vertrieb ihre Pläne aus ihren Gedanken, sie wollte nur noch dem Jungen helfen. Wie auch immer sie das anstellen sollte, sie hatte keine Ahnung von Medizin. Mutter hatte ihr nie etwas darüber beigebracht.

Sie humpelte mit unsicheren Schritten in die Stadt. Der Junge wurde still, als er sie sah. „Friss mich nicht“, piepste er und schlang seine Arme fest um sich selbst.

„Bitte?“ Natürlich. Menschen glaubten ja, Goyl würden Kinder fressen. „Komm mal her, Kleiner“, flüsterte Pathra, um nicht doch noch jemanden zu wecken.

Das Kind kam nicht näher, also zog sie es einfach sachte zu sich heran. Der Junge zitterte, sagte jedoch nichts. Sein Blut zog eine rote Spur über die Straßensteine. „Wie bei einer Purpurschnecke“, überlegte die Goyl. Was konnte man gegen Blutvelrust machen? Natürlich! Ihre Hände strichen über ihren Verband. Aber den konnte sie unmöglich abnehmen, das würde ihren eigenen Tod bedeuten... Der Mantel! Tinas Mantel bestand nur aus dünnen Stoff, der leicht zu zerreißen war. Sie zog ihn aus und mit einem leisen Ratsch umklammerte ihre Hand schon ein Stück Baumwolle. Pathra band ihn etwas ungeschickte um die Wunde des Kindes, beim Knoten brauchte sie mehrere Versuche, bis er hielt. „Lauf, Kleiner“, lächelte sie. Es fühlte sich gut an, zu helfen.

Der Junge klopfte an die Tür, während die Goyl sich umdrehte und jetzt wieder den Plan aufnahm, schnellstmöglich zu verschwinden. Die Tür öffnete sich, eine leise Frauenstimme verkündete: „Papa schläft jetzt, ich wollte dich schon früher reinlassen, aber- wer hat deine Wunde verarztet?“

„Das nette Goylmädchen!“, antworte das Kind, lache und deutete mit einem Finger auf sie- soweit Pathra das vermuten konnte, sie hatten ihnen den Rücke zugedreht und wollte jetzt nur noch weg. Die Anderen würden nicht gut auf ihre Anwesenheit zu sprechen sein und die Frau würde sie mit etwas Glück garnicht mehr sehen.

„Halt!“, reif eine Stimme. Die der Mutter des Jungen.

Pathra drehte sich langsam um. Die Pistole zielte auf ihre Brust.

 

Ihr Körper schlug hart auf dem Stein auf, der so viel dunkler war als ihre Haut. Der Junge schrie. „Warum hast du das gemacht, Mama?!“ Mit Tränen in den Augen kniete er sich neben die Goyl und drehte ihr Gesicht so, das ihre Augen ihn sehen konnten.

„Weil sie dich fressen wollte. Es war nur ein Trick, um dein Vertrauen zu gewinnen“

Pathra röchelte nur, die Kugel steckte in ihrer Kehle fest.

„Aber sie war so nett zu mir“, heulte der Kleine.

Langsam sammelten sich mehrere Bewohner um die Sterbende, jubelten oder lästerten über das Volk der Goyl. Pathra kämpfte mit den Tränen. Warum musste das so komme? Sie hatte doch garnichts böses gewollt! Was Angst mit den Menschen anstellen konnte... Man glaubte eine Lüge, weil man Angst davor hatte, das sie wahr ist. Oder weil man es sich wünscht.

Das Kind weinte immernoch.

Das Gemurmel wurde langsam leiser... gedämpfter...

Schwarz. Alles war angenehm schwarz.

4 Kommentare

Joanna am 5. März 2017

Schön, aber traurig...

Jemand am 13. September 2013

Das ist ein sehr schon bildlich umschriebener Text.

Franziska am 7. September 2013

Traurig aber schön!

Ella am 30. August 2013

Das ist echt traurig. aber du hast es toll geschrieben Weiter so!!!! (das nächste mal vielleicht mit happy-end? ) Lg Ella