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Hannah Molkenthin

Omega

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Prolog: Die erste Geburt

Diese Geschichte ist mal etwas anderes, es geht um den Versuch, perfekte Menschen zu erschaffen. Doch wie bei jedem Experiment gibt es auch Fehlschläge - und diese Fehlschläge werden ohne große Umschweife auf die Straße gejagt und dort einfach allen Gefahren ausgesetzt. Ihre Namen sind Alpha bis Omega. Die meisten von ihnen sind tot, doch Alpha, Beta und Gamma haben einen Weg gefunden, um ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie wollen ihren Erschaffer töten, der sich selbst Louis nennt. Und so reisen sie mit einer Pistole in der Handtasche zu ihrem "Geburtsort", um das zu tun, was die unschuldige Menschheit retten könnte vor unsterblichen, wunderschönen, alles in sich verschlingenden Artgenossen. Sie haben gelernt, mit Verlusten umzugehen - doch werden ihre Kenntnisse über das Übel ausreichen? Können sie so viel schlechtes in sich aufnehmen, dass sie danach nicht drohen zu zerbersten? Sie gehen an die Schmerzensgrenze ihrer Fähigkeiten. Und das nicht ohne herbe Schläge. Ich freue mich über eure Kommentare! Hannah Molkenthin

Die phosphoreszierende Jade, die an der Decke einen Hirschkopf malte, tauchte das Labor in grünliches Licht. Er konnte kaum den Blick davon wenden. Zwei Jahre hatte es gedauert, bis er die Suche nach dem richtigen Material beendet hatte, und noch einmal ein halbes, um es einsetzen zu lassen. Die winzigen LED-Leuchten, die in den Edelstein gegossen waren, taten ihren Dienst auch noch nach zwanzig Jahren. Der Preis war ihm dabei egal gewesen.

„Wir sind soweit, Sir.“ Er wirbelte herum und sah einem seiner Arbeiter in das unterwürfige Gesicht. Er hatte den Kopf eingezogen und die riesigen Augen hinter der Hornbrille glotzten ängstlich. Sie alle hörten auf seine Befehle. Er musste sie nicht einmal gut genug dafür bezahlen. Das einzige, zu dem er sich finanziell hatte durchringen können, war der schneeweiße Laborkittel gewesen, der jeden von ihnen zierte. Und den Inhalt der Reagenzgläser, die in ihren Halterungen an den Steinwänden vor sich hin dampften. Er hatte nie etwas von Wissenschaft verstanden, aber dazu hatte er seine Hunde mit den Käferaugen. Jeder von ihnen sah dem anderen fast zum Verwechseln ähnlich. Sie waren alle gleich. Glatze, dicke Brille, weißer Kittel. Sie hatten sich einander angepasst. Im Hintergrund rief einer von ihnen nach der Plazenta.

Betont gelangweilt, um bloß seine Aufregung nicht zu zeigen, schaute er zurück auf die für die unterirdische Gewölbekammer maßgeschneiderte Glaskugel, die in der Mitte der steinernen Halle stand. Tausende von dünnen Kabeln gingen von ihrem Fuß ab und führten in mehrere piepende Metallkästen. Selbst für das natürlichste der Welt war moderne Technik nicht auszuschließen. Nein, berichtigte er sich, es ist nicht natürlich. Und deshalb bist du hier, Louis. Um mit deiner Idee reich zu werden. Du wirst groß, Louis, und du wirst all diese treuen Hunde vergessen, die dir den Saum deiner Jacke abküssen würden, wenn du sie dazu zwingst. Sie folgen dir aufs Wort. Sie haben Angst vor dir.Und Angst war immer etwas gewesen, das ihn faszinierte. Sie war so leicht hervorzurufen. Schwerer war es, sie sich selber zuzufügen.

„Soll – soll ich den Starthebel umlegen, Sir?“ Er war verwirrt. Natürlich. Er hatte nicht geantwortet und jetzt fragte er sich, warum.

„Wenn Ihnen der Sinn danach steht“, seufzte er jetzt, gespannt auf seine Reaktion.

„B-Bitte, Sir, ja oder nein?“ Er hatte es ja gewusst.

„Ja.“

Der Kittel entfernte sich mit gebeugtem Rücken, ging hinüber zu der größten Maschine von allen. Ein roter Hebelschalter war in ihr eingebaut. Als er ihn mit einem kurzen Zögern runterdrückte, ging ein Rucken durch die Kuppel. Auch sie hatte einen leicht grünen Schimmer, was eindeutig von dem Hirsch-Abbild über ihr stammte. Mehrere Arbeiter rückten sich jetzt nervös die Brillen zurecht, tupften sich den Schweiß von der Stirn, bekreuzigten sich sogar und wünschten sich einander Glück. Die Eizelle.

Sein Blick, der vorher belustigt seinen Hunden gegolten hatte, schwenkte zu einem Mann, der ein weißes Plastiktablett zu der Kuppel trug, die kaum sichtbare Tür in ihr Inneres öffnete und sich Gummihandschuhe überzog, um mit einer Pinzette ein kaum sichtbares Körnchen auf die graue Liege zu platzieren, die vor ihm stand. Er musste es auf den Millimeter genau richtig hinlegen, sonst war alle Arbeit umsonst. Er spürte, wie er zitterte, und musste schmunzeln. Angst. Doch es gelang.

Erleichtert wuselte der Tablettträger wieder aus der Kugel, um die künstliche Plazenta auf Rädern hineinzuschieben. Der Stolz des ganzen Labors. In ihr befanden sich Nährstoffe, gesammelt in Behältern, von denen ebenfalls Kabel abgingen. Es musste genau die richtige Dosis sein. Die Eizelle, die noch keine Nabelschnur hatte, musste also mit einer nadelfeinen Schnur mit den Kabeln verbunden werden, um zu reifen.Künstliches Leben. Perfektes Leben. Der Stolz ließ seine Brust anschwellen. Er war der Erschaffer von Menschen. Makellosen Menschen. Er war ein Gott.

Jetzt musste alles schnell gehen. Los, Hund. Geh da raus. Ich brauche dich lebend. Nachdem der Mann die Kuppel verlassen hatte, warf er einen wenig überzeugten Blick zurück auf die Liege, auf der die befruchtete Eizelle lag. Die Luft, die in der Kuppel eingeschlossen war, hatte die gleichen Eigenschaften wie Fruchtwasser. Sie hatten ewig gebraucht, die richtige Formel zu entwerfen. Sie musste natürlich sein, aber die Zelle durfte auch nicht wild umherschwimmen.

„Drei. Zwei. Eins.“

Rotes Licht. Die Kuppel füllte sich mit Dampf. Man konnte nicht sehen, wie die Eizelle zu einem Embryo wurde, zu einem Fötus, zu einem Säugling, bis sie schließlich zu einem Kleinkind reifte – und dann noch weiter. Er wollte es auch nicht sehen. Das Resultat aus zehn Jahren Arbeit, aus zehn Jahren in einem modrigen Gewölbekeller, in dem nur langsam ein Labor wuchs, war ihm wichtiger.Zehn Jahre.

Und er war Vater eines perfekten Menschen. Er würde nie krank sein, nie altern, nie sterben. Er hatte unermessliches Wissen in seinem Gehirn, von Geburt an, und so war es auch mit den anderen Eizellen, die bereits in ihren Reagenzgläsern warteten, endlich zu erwachen. Sie konnten englisch, französisch und deutsch, verstanden die Relativitätstheorie und hatten, ohne je etwas getan zu haben, ein ganz individuelles Konsum an Interessen.

„Sir, die Reifung ist abgeschlossen. Es ist ein Mädchen.“ Ein Mädchen. Als er merkte, dass er die Augen geschlossen hatte, schlug er sie verzückt wieder auf und machte einen Schritt auf die inzwischen aufgeklarte Kuppel zu.

„Und? Ist alles glatt gelaufen?“

„Ähm… Sir… es gab ein Problem. Die Gene waren nicht ausreichend.“ Der Hund senkte den Kopf und starrte verschämt auf seine Füße, als erwartete er Schläge.

„Was soll das heißen?“, fragte er scharf. Hastig schritt er auf die Kuppel zu, schloss sie auf und trat ein.

Auf der Liege war keine unappetitliche Eizelle mehr. Dort lag eine junge Frau, vom Aussehen her vielleicht siebzehn, achtzehn Jahre alt, nackt, trotzdem mit aufgerissenen Augen.Sein erstes Kind. Sie war doch gut.

„Und wo ist bitteschön das Problem?“

„Ihre Augen, Sir.“ Schon kurz bevor er es ausgesprochen hatte, erkannte auch er den Fehler. Unter ihrem rechten Auge, fast unsichtbar durch einen Schatten, befand sich noch ein verkrüppeltes Auge. Dreiauge.

Fast hätte er angeekelt ausgespuckt.

„Bullshit. Korrigiert das. Los, weckt sie auf, scheucht sie auf die Straße. Aber zieht ihr vorher irgendwas an. Vielleicht hat einer von euch seinen Laborkittel zu verschenken? Nennt sie Alpha. Wenn so etwas noch einmal vorkommt, rasselt einfach das Alphabet runter, ist das klar?“ Seine Stimme wurde immer wütender, immer schroffer. Er war sauer. Er hatte es nicht eingeplant, dass so etwas geschah.

Kapitel 1: Der Menschenmacher

Die Sonnenbrille war wie Gift. Sie sah fast gar nichts. Schon zweimal wäre sie fast auf das Kopfsteinpflaster geknallt, nur weil es durch diese Gläser zu dunkel war. Es war Winter. Die Leute starrten sie ungläubig an, dass sie so etwas trug. Vielleicht hielten sie sie wenigstens nur für eine Epileptikerin. Sie hätte alles dafür gegeben, nur so zu sein. Die Tüte, die sie an sich drückte, erschwerte ihren Schritt. Sie wog einiges. Doch das war gut. Es bedeutete, dass es genug war.

Einige Fäden ihres Mantels hingen unten heraus und schleiften auf dem vereisten Boden. Sie musste ihn dringend nähen. Selbst das Innenfutter war aufgeplatzt und eigentlich wärmte das Ding gar nicht mehr richtig, aber es war besser als nichts. Die Sohlen schälten sich langsam von den Stiefeln und schlabberten bei jedem Schritt hoch und runter wie bei Flip-Flops. Sie stolperte, hielt erschrocken den Atem an und fing sich wieder. Ihr Herz klopfte, als sie sich langsam wieder beruhigte. Sie musste nach Hause.

Die enge Gasse, in die es sie verschlug, war dreckig und an jedem Haus war ein Müllberg aufgestapelt. Nur an einem nicht. An dem Haus mit dem eingeschlagenen Fenster. Sie blieb davor stehen, fingerte sich ungelenk die verbogene Haarnadel aus der tiefen Tasche und steckte sie in das Schloss. Schon vor einiger Zeit hatten sie gemerkt, dass es klüger war, durch die Haustür zu gehen und nicht jedes Mal durchs Fenster zu klettern. Das zog nur unangenehme Blicke auf sich. Und Blicke konnten sie überhaupt nicht gebrauchen. Die Tür quietschte. Sie hing wieder falsch in den Angeln. Sie musste sich darum kümmern.

„Ich bin wieder da!“ Sie hatte nicht einmal ihre Jacke ganz aufgeknöpft, schon stand er vor ihr. Beta.

„Hast du was zu essen gekriegt?“, fragte er und sah sie prüfend an, während er ihr die Tüte aus der steifen Hand nahm. „Wow. Das ist viel dieses Mal.“

„Jaah“, seufzte sie, hängte den Mantel an den Haken und streifte sich die Schuhe von den Füßen. Es war eindeutig zu dunkel hier drin, auch ohne Brille. Sie nahm sie sich von der Nase und blinzelte erleichtert.

„Du hast Schnee im Haar.“ Unwillkürlich fuhr sie sich mit einer Hand über die Locken. „Oh.“

„Warte, ich mach das für dich.“ Beta stellte die Tüte ab und streckte die Hand nach ihr aus. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht zusammen zu zucken. Eigentlich hasste sie es, angefasst zu werden.

Sie folgte ihm mit vor Kälte brennenden Gliedern und setzte sich in einen zerschlissenen Sessel. Innerlich zählte sie, was sie gefunden hatte. Drei Äpfel. Ein leicht angeschimmeltes Brot. Ein kaltes halbes Hähnchen. Ein paar halb leere Gewürzgläser. Ein Joghurt, schon zwei Tage über dem Datum. Zwei Flaschen Milch. Ein kleines Stück Butter, in Frischhaltefolie eingepackt, aus der es sich wahrscheinlich nicht besonders gut lösen würde. Ein angedetschter Schokoladenweihnachtsmann, den Beta grinsend an die Seite stellte. Zwei Kerzen, an denen das Wachs schon zu einem großen Teil an allen Seiten übergelaufen war.

„Kein Wasser“, stellte er abwesend fest.

„Was?“

„Du hast kein Wasser mitgebracht.“ Beta packte alles bis auf die Kerzen wieder ein und ließ sie nicht aus den Augen.Verwundert verschränkte sie die Arme.

„Wir haben Leitungswasser. Oder haben sie es inzwischen abgestellt?“ Das Haus hatte einer alten Frau gehört. Vor ein paar Monaten war sie gestorben, aber es war alles so geblieben, wie es war, bis auf ein paar Spinnweben mehr vielleicht. Und das hatten sie ausgenutzt.

„N-Nein“, erwiderte Beta und schüttelte den Kopf. „Aber sie versetzen es mit irgendwas. Es riecht seltsam.“

Ungewollt musste sie auf seine Nase starren. Wenn er etwas roch, dann stimmte es. Er war nach ihr aus dem Labor gekommen, doch ihn hatte es schlimmer erwischt als sie. Pinocchio, hatte Louis gesagt. Dieses Arschloch. Er wollte, dass sie wussten, wie er hieß. Er wollte, dass sie alles wussten. Von den Namen ihrer „Geschwister“ bis zu den Zeitpunkten, wo ein neuer Fehlschlag erschaffen wurde.

Doch in letzter Zeit – nichts mehr. Früher waren sie wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen, einen heißen Schmerz in ihrem Kopf spürend, wenn Louis sich fluchend über einen weiteren fehlerhaften Körper gebeugt hatte. Doch es schien jetzt alles nach seinen Wünschen zu laufen. Aber sie hassten ihn über alles.

Der Menschenmacher. Der Lebenerschaffer. Er hatte sich viele Namen gegeben. Doch niemand außer seinen „Kindern“ wusste, wer er wirklich war. Eine Kanalratte, die in Kellerlaboratorien an perversen Dingen herumexperimentierte. Doch es brachte ihnen nichts. Sie konnten nichts gegen ihn tun. Sie wussten nicht einmal mehr, wo sein Labor war.

„Ah“, machte sie und sah auf die zerkratzte Tischplatte. „Es tut mir Leid, Beta.“

„Hey.“ Er kam um den Tisch herum, hockte sich vor sie und suchte ihren Blick.

„Es ist meine Schuld. Ich hätte es dir sagen sollen.“ Er richtete sich besorgt wieder auf.

„Du siehst erledigt aus. Ich frage besser nicht, wo du überall warst. Willst du dich hinlegen? Ich bring dir nachher was rauf, wenn du möchtest.“ Mit seiner Fürsorglichkeit brachte er sie jedes Mal zu einem Lächeln.

„Danke, Beta. Aber nicht jetzt. Ich bin zurechnungsfähiger, als du denkst.“ Sie stand auf und blieb unschlüssig stehen. Dann fiel ihr Blick auf die Tüte.

„Ich bring das in die Küche.“ Er nickte und steckte die Hände in die Hosentaschen.

Kapitel 2: Kopiermüll

Als Alpha rausrauschte, blickte er ihr hinterher. Irgendetwas beschäftigte sie. Er ging in die Knie, umfasste die Kerzen mit beiden Händen und stellte sie in die Mitte des Tisches. Er wusste gar nicht, ob sie noch ein Feuerzeug oder so hatten. Morgen war der erste Advent. Sie hatte daran gedacht. Noch nicht ganz Winter, aber er zählte den Dezember immer gleich mit zu dieser Jahreszeit. Besonders dieses Jahr, wo es schon so kalt war. Das Haar fiel ihm in die Stirn, als er wieder die Beine durchstreckte. Er strich die widerspenstige Strähne zur Seite und streifte prompt die Nase. Er stöhnte. Manchmal, nein, immer, war sie im Weg. Sie war zu groß. Viel zu groß. Ein riesiger Klotz mitten in seinem Gesicht. Manchmal, wenn er vor dem Spiegel stand, fragte er sich, ob er ohne sie besser ausgesehen hätte.

Bei Alpha war es anders. Sie war mit und ohne ihrem überflüssigen Auge wunderschön. Bei ihr hatte Louis fast alles richtig gemacht. Wenn er sie ansah, stellte er sich vor, dass der weiße Schimmer an ihrer rechten Seite keine Netzhaut, sondern eine zerlaufene Murmel war. Dann war es gleich viel besser. Alpha sagte er natürlich nichts davon. Sie hielt nichts von irgendwelchen unangebrachten Verschönerungen. „Bei mir bringt es eh nichts mehr, Beta.“ Er hörte, wie sie in der kühlen Küche das Essen in den Kühlschrank stellte. „Wir können die Schimmelreste vom Brot einfach wegschneiden, was hältst du davon?“, rief sie.„Wenn du meinst“, antwortete er. Sie mussten beide das gleiche denken. Dann ist nicht mehr viel vom Brot übrig.

Die Küche war das einzige Zimmer im ganzen Haus, in dem es noch Strom gab. Die abgeschabte, hässliche Leuchte an der Decke erzeugte ein schummriges Licht, das ihn immer schläfrig machte. Und es zog lästige Fliegen an. Er ging die paar Schritte auf die Treppe zu, die in das obere Stockwerk führte, warf noch einen letzten Blick zurück und erklomm sie dann Stufe für Stufe. Es war so dunkel, dass er fürchtete, auszurutschen. Auf jeder Stufe knarzte es fürchterlich. Wenigstens würden sie den Einbrecher hören, der so dumm war, auf ein bereits zerschlagenes Fenster hereinzufallen, durch das die kalte Luft hineinzischte wie eine Schlange. Die Heizung versagte ihren Dienst. Manchmal mussten sie in Winterjacke auf dem Sofa sitzen.

Oben waren das Schlafzimmer und ein Bad, in dem das Waschbecken die Form einer Muschel hatte. Alpha fand, sie sah so aus. Er war eher der Meinung, sie erinnerte an einen halben Bienenstock. Aber eine Muschel war ihm lieber.Das Schlafzimmer hingegen war angenehm warm, als er hineintrat. Meistens hielten sie seine Tür verschlossen, um wenigstens dort nicht frieren zu müssen. Seine Fenster waren intakt, es gab keine Zugluft. Dennoch schlang er die Arme um den Oberkörper, sobald er auf dem Teppich stand, der zu dem einzigen Bett führte. Seine Decken waren löchrig, seine Vorhänge mottenzerfressen und es war sehr schwer, zu zweit darin zu schlafen. Wenn Alpha vor ihm ins Bett ging, machte er es sich an manchen Abenden auf dem Sofa bequem, um es ihr angenehmer zu machen. Sie war für ihn mehr als nur eine Schwester. Sie war eine Freundin. Und für ihn von mehr Wert als der Silberschmuck, den sie einst unten in einer Kommode gefunden hatten und von dem sie sich Klamotten gekauft hatten. Der Typ bei der Pfandleihe hatte ganz schön geguckt, als er mitten im Sommer mit einem Schal vor dem Gesicht in sein Pfandhaus gekommen war. Anders traute er sich nicht auf die Straße. Manche Leute fragten sie, ob sie nicht Lust hätten, in ihrem Zirkus aufzutreten, und das wollte er Alpha nicht zumuten. Sie war zu sensibel.

Manchmal stellte er sich die Frage, ob Louis wirklich die Absicht gehabt hatte, sie beisammen zu halten, bevor sein kleines Experiment etwas schief gelaufen war. Die Monster, die er erschaffen hatte, taugten nicht mal was für ein Varieté. Sie waren wie Kopiermüll, wie der erste Papierstau in einem neuen Drucker.Er hatte die Hand zur Faust geballt. Langsam lösten sich seine Finger auseinander, Glied für Glied, bis sie nur noch leicht zitterten. Er erinnerte sich daran, dass Alpha vor dem Einschlafen immer leise sang. Es ist alles gut, Beta. Beruhig dich. Er ist es nicht wert.

Das Fenster, das hinter dem Bett war, zeigte einen leicht verdunkelten Himmel. Alpha rief ihn zum Abendessen. Er hörte ihre Stimme dumpf durch die Wände schallen. „Beta? Wo bist du denn schon wieder?“

„Ich komme.“ Er riss sich los.

Kapitel 3: Spanische Lieder

Sie aßen schweigend. Sie wusste nicht, was Beta oben gesucht hatte, und sie wollte ihn nicht zur Rede stellen.Der schleimige Haferbrei, den sie zusammengerührt hatte, verschwamm vor ihren Augen. Nicht schon wieder. Ihr drittes Auge war blind und zog gleich eines der anderen mit. Sie waren fest zusammengewachsen, aber das Augenlid war nur für eines von ihnen da, und selbst dieses funktionierte nicht richtig. Das überflüssige, hässliche Ding darunter war also schon längst ausgetrocknet.

Sie legte den Löffel ergeben weg. Es machte keinen Sinn. Erschöpft rieb sie sich über die schmerzende Stirn. Sie spürte Betas Blick auf sich liegen, sagte aber nichts. Er wusste zu gut, was ihr Migräne bereitete. Aber sie hatten kein Mittel dagegen. In Apotheken etwas zu stehlen war nicht so leicht wie in einem kleinen Supermarkt mit Ständen draußen und ohne Überwachungskameras.

Auch Beta ließ sein Besteck sinken, aber nicht, weil ihm übel war, sondern sein Teller leer. Er schielte auf ihr kaum angerührtes Essen und sie schob es ihm rüber. Er aß weiter und sah sie dankend an. Sie bekamen zu selten etwas Gutes. Während er den Löffel zum Mund führte, immer und immer wieder, beobachtete sie ihn mit auf der Hand gestütztem Kopf und halb geschlossenen Augen. Das einzige, was ihn wirklich unattraktiv machte, war seine Nase. Sie machte die Hälfte seines Gesichts aus und hing tropfenförmig herunter. Trotz des riesigen Gestells an seinem Kopf hatte er normale Nasenlöcher, nicht solche langgezogenen Dinger, wie sie alte Männer manchmal hatten.

Er sah gut aus. Sein karamellfarbenes Haar musste nicht einmal gekämmt werden, um das unbestreitlich zu lassen. Er trug seit kurzem einen Ohrring, der im faden Licht der Küche blitzte, genau so wie seine Augen, die sie fast vergessen ließen, dass er im Grunde nur ihr Bruder war. Aber genau so im Grunde konnte man sie nicht als Geschwister bezeichnen. Das Band, das sie zusammenschweißte, war weitaus fester.

„Bist du fertig?“, fragte sie leise nach ein paar Minuten, in denen sie sich immer stärker gewünscht hatte, dass doch endlich diese Kopfschmerzen aufhören mochten. Beta nickte. „Ich wasch heute ab. Du bist mir zu blass. Geh schon mal hoch.“ Sie wollte den Kopf schütteln, stöhnte aber vor Schmerz auf. „Nein, Beta“, brachte sie heraus. „Immer, wenn du das sagst, schläfst du hinterher auf der Couch. Du holst dir bei diesem verfluchten Fenster noch Gottweißwas weg.“ Er war aufgestanden und mit den schmutzigen Tellern zum Waschbecken gegangen. Das leise Rauschen des Wasserhahns dröhnte in ihrem Schädel wie ein Bohrhammer. „Aber du schläfst dann wenigstens ruhig“, widersprach er.

Sie brauchte eine Weile, um überhaupt ein Gegenargument zu finden. Sie wollte einfach nicht allein bleiben. „Aber… ich hab Angst da oben“, flüsterte sie schließlich, auch wenn sogar sie selbst wenig überzeugt war. „Es ist immer so dunkel – und ich höre Geräusche.“

„Das bin doch nur ich.“ Beta schrubbte die Keramik mit einem Lappen sauber. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Aber wenn es dir wieder so schlecht geht, wäre es wirklich besser, wenn ich bei dir bleibe.“

Sie schloss endgültig die Augen und dankte stumm Gott. „Mann, bin ich müde…“ Er stellte den Hahn ab. Sie hörte, wie er die Teller wieder zurück in den Schrank stellte, mit einem für ihre Ohren viel zu lauten Klirren, das sie auffahren ließ. „Komm, ich bring dich hoch.“ Sie widersprach nicht, als er sie sanft vom Stuhl zog und mit einer Hand auf ihrem Rücken durch das kalte Haus schob. Sie hatte ein paar Zweifel, ob sie überhaupt die Treppe bewältigen würde, doch Beta schlang ihr einen Arm um die Taille und sie vermutete ein Lächeln auf seinen Lippen, als ihr Kopf gegen seine Schulter fiel. Er hatte Recht. Er wollte wirklich nicht wissen, wo sie heute überall gewesen war.

Sie merkte halb, dass er sie im Schlafzimmer aufs Bett hob und sich neben sie quetschte. „Warte“, nuschelte sie und rollte sich wieder herunter. „Ich zieh mich noch kurz um. Er tat ihr den Gefallen und sah nicht hin, als sie den Reißverschluss ihres Kleides herunterratschen ließ und das scheußlich geblümte Ding, das ursprünglich der alten Frau gehörte, auf einen Stuhl in der Nähe landen ließ. Das Nachthemd, das an einem Kleiderbügel an der Schranktür hing, roch nach Mottenkugeln und seine Spitze kratzte fürchterlich an ihren nackten Beinen. Sie fasste sich ihre dunkelblonden Locken am Schopf zusammen und drehte sie zu einem festen Knoten. Sie hatte einige Spangen im Schrank der alten Dame gefunden und beschlossen, dass sie ihrem Krähennest nur guttun würden. Auch einige exotische waren dabei. So suchte sie sich ein chinesisches Haarstäbchen aus, steckte es sich in den Knoten und kroch wieder zurück zu Beta.

„Ich bin wieder da“, hauchte sie. Er ließ den Kopf auf die Kissen sinken, die nach all den Jahren immer noch nach dem starken Parfüm rochen, von dem sich immer noch drei Flaschen im Nachttisch befunden hatten. „Ich hab’s gemerkt.“ Eine Weile waren sie zu müde, um irgendwas zu sagen. Dann brach Beta das Schweigen. „Alpha?“

„Mmh?“ Sie drehte sich zu ihm.

„Singst du wieder das Lied?“

Das Lied.

Vor einem Jahr war sie trotz seiner Proteste mit ihm auf einem Jahrmarkt gewesen. Die Zigeunerin, die dort zwischen den Schießbuden um etwas Kleingeld gebettelt hatte, hatte es gesungen. Sein Text war spanisch, sie verstand eigentlich kein Wort, aber seine Melodie war so bittersüß wie Honig, so bleierne Worte mit Betonung auf die Konsonanten. Sie wusste selber nicht, wie sie es geschafft hatte, sich dieses Lied einzuprägen. Vielleicht, weil es mit nichts von dem zu tun hatte, mit dem Louis ihre Gehirne gefüllt hatte. Nicht einmal die Sprache beherrschte sie. Und das war faszinierend. Der Wille, etwas anderes zu lernen, etwas fremdes, vielleicht sogar verbotenes, war so stark gewesen, dass sie es seit diesem Tag an immer und immer wieder rezitiert hatte.

Seine Nase stieß fast an ihre, als sie langsam nickte. Seine Augen waren voller Entzücken, als sie sich aufsetzte und die Decke von ihren Beinen schlug, um ans Fenster zu treten. Der Mond schien hindurch, fast voll. Wunderschön.Seine Augen glänzten, ob vor Freude oder Tränen, wusste sie nicht, aber ihre Stimme war so leise, dass sie sich fast selbst nicht hörte. Sie hatte zu viel Angst, etwas zu verhauen. Erst beim Refrain traute sie sich, etwas kräftiger zu singen. Beta stand der Mund inzwischen leicht offen. Er liebte es, wenn sie sang.

Kapitel 4: Träume

Sie konnte sich so rauchig anhören, wenn sie wollte. Er hatte sie noch nie so schön singen gehört. Gut ja, manchmal sogar sehr gut – aber nie perfekt. Und das hatte sie jetzt alles wettgemacht.

Er war stolz auf sie. Seine Gefühle flatterten, und er merkte erst, dass er weinte, als sie geendet hatte, wieder zu ihm zurückkam und ihm eine lose Träne aus dem Augenwinkel wischte.
Nur ganz flüchtig, so wie die normalste Geste der Welt. Doch er bekam dieses Bild nicht mehr weg, dieses Bild, Alpha vor dem Fenster, in einem weißen Kleid, das zwar etwas groß war, aber überhaupt nicht mehr daran erinnerte, dass jemand darin gestorben war, dieses schöne Mädchen mit den hochgesteckten Haaren, die sich schon langsam wieder lösten, und hinter ihm der fast volle Mond, der sich in ihren Augen spiegelte.

Sie lag wieder neben ihm. Ihre Hand war gefährlich nah an ihrem ungeschützten Auge. War sie schon eingeschlafen? Sie atmete gleichmäßig und ruhig. Er zögerte nicht lange, umschloss ihre Finger mit seinen und drückte sie etwas weiter runter.
Sie schmatzte im Schlaf, ihr Fuß zuckte unter der Decke, aber ansonsten blieb sie ruhig.

Ihre Fingernägel krallten sich in den Kissenbezug. Konnte es sein, dass sie schlecht träumte?
Er kannte sie zwar schon seit zwei Jahren, nämlich seit er selbst aus dem Labor verstoßen wurde und sie auf der Straße gefunden hatte, ein armes, dreckiges Ding, total mager und mittellos, aber es kam ihm so vor, als wüsste er fast gar nichts über sie. Schon seit einigen Tagen hatte er dieses Gefühl und es gefiel ihm gar nicht.

Was träumte sie? Träumte sie davon, Louis den fetten Hals umzudrehen? Wenn ja, dann beneidete er sie um diesen Traum.
Träume.
Etwas, um das er sie generell beneidete.
Wenn er sie darum bat, erzählte sie ihm, was sie geträumt hatte. Was sie gesehen hatte.
Ihr Gefühl in Träumen war sehr ausgeprägt. Sie wussten nicht, ob das ebenfalls ein Fehler von Louis war, oder ob das gewollt war. Eventuell waren ihre schlafenden Sinne gefährlich.
Sie konnte unberechenbar werden, wenn sie jemand aufweckte. Sie konnte um sich schlagen. Treten. Kratzen.

Einmal hatte er es erlebt. Es war der Morgen nach dem schlimmsten Abend gewesen, den sie je erlebt hatte. Er wusste nicht, was ihr zugestoßen war. Als sie nach Hause zurückkam, hatte sie einen riesigen blauen Fleck auf der Wange.
Ihre Sonnenbrille war weg. In der Hand hielt sie eine Flasche Bier, schon halb leer, und sie torkelte so heftig, dass sie trotz seines Arms gegen die unterste Stufe der Treppe geknallt war. Dort hatte sie gelegen und die ganze Zeit geweint. Sie hatte sich nicht beruhigen wollen, bis sie schließlich eingeschlafen war.
Er hatte sie ins Bett getragen und war auf dem Sofa geblieben.

Am nächsten Morgen wachte sie einfach nicht auf. Er hatte Kaffee gekocht, bitter, aber es war Kaffee und man konnte immer noch ein Aspirin darin auflösen, wenn sie eines auftrieben,
und wollte unbedingt ihr Gesicht sehen, wenn sie herunterstampfte und so laut vor sich hin schimpfte, dass es auch die Nachbarn mitbekamen, die sich wahrscheinlich fragen würden,
wer zum Teufel denn da noch im Nebenhaus war. Doch sie kam einfach nicht. Ließ auf sich warten. Und er, so ahnungslos wie er gewesen war, war hinaufgegangen, wo sie noch geschlafen hatte, und er war zu ihr rübergegangen und hatte sie an der Schulter gepackt.
Das bereute er. Immer noch.
Eine Narbe auf dem Rücken und viele im Herzen. Er hatte sie nie gekannt. Das war ihm klar geworden.
Schlagartig wurde ihm bewusst, dass sie selbst nicht wusste, was mit ihr geschah. Das war der Grund für ihre Kälte gewesen.
Der Grund dafür, dass sie sich damals betrank. Sie hatte es gespürt. Sie hatte es gespürt und ihm nicht gesagt.

Kapitel 5: Fernsehen

Beta schlief noch, als sie aufwachte.
Meistens schlief er, wenn sie endgültig aufstand. Er sah friedlich aus. Er hatte die Hand unter seiner Wange, den Kopf zur Seite gedreht und pustete ihr sachte seinen Atem gegen den Hals.
Sie musste ihm kurz über die Backe streichen, als sie sich vorsichtig aus dem Bett schwang und nach dem muffigen, schweren Morgenmantel griff, der auf dem Teppich lag. Sie band sich den Gürtel um die Hüften, seufzte leise auf, als sie merkte, dass sie schon wieder dünner geworden war, und verließ das Schlafzimmer. Einen Blick in den Spiegel konnte sie sich jetzt wirklich nicht erlauben, wahrscheinlich sah sie schrecklich aus. Heute war der erste Advent. Sie musste aber hübsch aussehen, wenigstens für Beta. Jedes Mal, wenn sie es versuchte, und auch sonst an jedem Tag sagte sein Blick, dass er sie hübsch fand.
Sie fand das irgendwie komisch. Aber es gefiel ihr.

Das Wohnzimmer war im Vergleich zu dem Schlafzimmer eine Kältekammer. Demnächst, wenn auch der Kühlschrank den Geist aufgeben würde, könnten sie einfach alle Sachen auf dem Tisch aufbahren, es würde keinen Unterschied machen.
Der kleine, pummelige Fernseher, der auf der Anrichte neben einer violetten Vase und einer Porzellanpuppe mit einem bauschigen Hut vor sich hin dämmerte, war zwar immer noch ein Blickfang, aber sie hatte noch nie versucht, ihn anzuschalten.
Zu groß war die Furcht vor Rechnungen, Zahlen, die auch ohne das Währungszeichen Ohnmachtsanfälle auslösten, dummen Fragen der Stromgesellschaften, weil offiziell niemand mehr in diesem Haus lebte. Aber demnach gesehen dürften sie auch nicht die Küchenlampe benutzen.
Sie gab sich einen Ruck.

Der On-Knopf direkt unter dem Bildschirm war so groß wie einer von Betas Hemdknöpfen.
Die Hemden waren von dem Mann der verstorbenen Frau, gut geordnet aufbewahrt. Er musste vor ihr gegangen sein, andernfalls gäbe es hier nicht so viele unberührte Dinge und Fotos von ihm. Als sie und Beta das erste Mal hierhin gekommen waren, war das Haus verwahrlost gewesen. Es war alles noch so, wie die Frau es hinterlassen hatte. Mit einer dicken Staubschicht darauf. Manchmal verspürte sie das Bedürfnis, diese Frau kennenzulernen. Sie hatte das Gefühl, zu wenige Leute zu kennen. Sie war nicht so wie Beta, dem es reichte, dass sie da war. Sie wollte Freunde, mehrere Freunde, jemanden einfach so auf der Straße ansprechen und nach der Uhrzeit fragen. Sie kannte es nicht anders als dieses Versteckspiel. Sie hatte nichts, nach dem sie sich sehnen konnte – bis auf Beta, wenn sie wieder auf ihren Streifzügen durch die Stadt war.
Sie erzählte ihm nichts davon, was sie dort suchte. Es würde ihn nur traurig machen.

Der Fernseher knackte und rauschte. Eine Stimme schrie, eine Pistole krachte, über sich hörte sie Beta erschrocken aus dem Bett fallen und dumpf auf dem Boden aufschlagen.

„Der Fernseher funktioniert“, rief sie zu ihm hinauf.
„Mach dir keine Sorgen, es ist nur ein Film!“

Ein Film. Sie wusste, was dieses Wort bedeutete, verband aber nichts damit. Kein Bild.
Keinen Geruch, würde Beta sagen.
Kein Gefühl unter den Fingern. Keine Lage. Einfach nichts.

„Sag mal, spinnst du?“ Beta polterte die Treppe hinunter, öffnete gerade den Mund, um noch etwas zu sagen – und hielt überrascht inne, als er das Bild auf dem Schirm sah. Seine Haare standen ab, sein Hemd war zerknittert und seine linke Socke hing nur noch halb an seinem Fuß. „Du… du hast es hingekriegt?“

„Da war nicht viel hinzukriegen. Ich musste ihn nur anschalten.“

Beta ließ sich, ohne den Blick von dem Typen in schwarz-weiß zu wenden, der gerade im Begriff war, noch irgendetwas zu erschießen, nach hinten auf das Sofa fallen.
„Das ist ja… krass.“

Schmunzelnd ließ sie sich neben ihm nieder und nahm die Fernbedienung an sich, die auf dem Couchtisch lag.
„Stell dir mal vor. Du und ich. Wir sind in einem großen Haus. Oben hören wir Kinder spielen. Im Bad deine Frau singen.“
Er zuckte zusammen, aus welchem Grund auch immer.
„Mein Mann ist bei der Arbeit, will mir danach ein schönes Kleid kaufen… und wir sitzen im Wohnzimmer, als alte Freunde, und sehen fern.“

„Das… kann niemals sein, Alpha. Und du weißt das.“
Sein Blick klebte an der Mattscheibe, aber er schluckte und in seinen blauen Augen glitzerte etwas. „Das ist nie real.“

Sie seufzte und zappte gekonnt durch die Kanäle. Ein Krimi, eine Reportage, ein Tierfilm über Löwen. Bingo.
„Lass mich träumen, Beta.“

Er erwiderte nichts, aber nur, weil die triefend samtene Stimme im Hintergrund gerade etwas über das Alpha-Männchen erzählte. „Wer von uns ist das Alpha-Männchen, du oder ich?“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Ich bin Alpha. Du bist das Männchen. Wir sind das Alpha-Männchen.“ Sie legte den Kopf an seine Schulter.
„Ich wünsche mir so sehr, dass mein Traum in Erfüllung geht.“

„Welcher?“ Es war kaum mehr als ein Hauchen.

„Der, in dem ich Kinder habe. Und du eine schöne Frau. Ich einen Mann. Wir beide ein Leben.“ Sein Hemdkragen bohrte sich in ihre Nase.

„Alpha…“ Beta schob ihren Kopf von sich. Enttäuscht schaute sie ihn an. Seine Augen waren voll mit irgendetwas, das sie nicht einordnen konnte. Aber Freude war es ganz bestimmt nicht.
„Ich kann das nicht, Alpha. Ich kann mir nicht deine Träume anhören, wenn ich nicht einmal weiß, was du tagsüber machst.“

Das war es also. Mit einem Mal war sie wieder ganz die alte Kühle.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Was soll nicht mein Ernst sein?“

Ooooh, wie sie dieses unwissende Wesen hasste.
„Du willst mich ernsthaft über das löchern, was ich jeden Tag unternehme.“

„Ja…?“

„Versteh’s doch, Beta!“ Die Finsternis um sie herum konnte kaum betonen, wie verzweifelt sie war. „Ich brauche meinen Freiraum! Ich muss wissen, was da draußen passiert, ich will nicht den ganzen Tag rumsitzen und gar nichts tun…“
Ausreden. Sie hatte es immer gehasst, zu lügen.
Aber es war nur zu seinem Besten.

Beta schwieg erst einen Moment, dann sagte er mit einer Art beleidigter Endgültigkeit:
„Du hältst mich für einen Stubenhocker. Du hältst mich wirklich für einen Stubenhocker.
Ich glaub’s ja nicht… Alpha, wenn ich könnte, würde ich auch rausgehen und das Leben genießen! Jedoch ist da blöderweise so ein Ding in meinem Gesicht, das das ganz schön schwierig macht!“

„Das… das meinte ich gar nicht… O Gott, Beta, ich… ich glaube, ich werde verrückt.“
Sie ließ den Kopf in die Hände sinken und massierte sich die Schläfen.
„Es tut mir Leid. Bitte. Glaub mir einfach.“

Sie hörte ihn seufzen. „Ich habe keine andere Wahl.“
Bitte, bitte glaube mir, ich weiß es nämlich besser, Beta.
„Soll – soll ich eine Kerze anzünden?“

„Auf dem Küchentisch müsste eine Packung Streichhölzer liegen“, sagte sie leise und lief rot an. Sie hasste sich dafür, wie sie sich dafür hasste…

Sie wollte ihm eigentlich alles erzählen. Sie musste es sowieso irgendwann. Doch wenn ihr Plan aufging, dann… dann würde es bald zu spät sein.

Kapitel 6: Gamma

Er glaubte ihr trotzdem nicht.

Ein Teil von ihm vertraute ihr, doch der andere ließ ihn an die lange Narbe denken. Du solltest ihr nicht blind vertrauen, Beta. Wir haben ja gesehen, zu was das geführt hat.

Er hatte sie nie gekannt. Der Morgenmantel, den sie trug, das Nachthemd, in dem sie in der letzten Nacht gesungen hatte, das alles kam ihm auf einmal so fremd vor.

Er ging in die Küche, um das zerfledderte Paket Streichhölzer zu holen. Sie waren leicht aufgeweicht, keine Ahnung, wo sie die mal wieder herhatte, aber die Enden waren trocken.
Der Docht der Kerze war so kurz, dass er eine Weile brauchte, um ihn überhaupt zu treffen.
„Sie wird nicht lange brennen“, stellte er kurz angebunden fest.

Alpha warf ihm vom Sofa aus einen flüchtigen Blick zu.
„Es sieht ziemlich festlich aus. Letztes Jahr hatten wir keine Kerzen.“

„Wir brauchen aber trotzdem noch zwei Stück für einen richtigen Adventskranz“, erinnerte er und fuhr sich durch die Haare.
„Es muss ja kein echter sein, wir können die Dinger ja auch einfach in einem Viereck aufstellen oder…“

„Beta“, unterbrach sie ihn. „Wenn du mich lässt, stehle ich uns einen. Aber nur, wenn du willst.“

Er sah sie zweifelnd an. „Lass uns einfach nur die anderen Kerzen besorgen. Ich will nicht, dass du Risiken eingehst.“
Ich mache mir immer Sorgen, wenn du fort bist und ich nicht weiß, wo du bist, Alpha.

Sie schlug die Augen nieder – und sie beide fuhren zusammen,
als es an der Tür klingelte.

Niemand wusste, dass sie hier waren. Außer, den Nachbarn war es in letzter Zeit zu bunt geworden und sie hatten die Polizei gerufen. Jeder, der nur halbwegs bei Verstand war, sah das Licht in der Küche brennen und ihre Silhouetten vor den Fenstern –
o Gott, waren sie dumm gewesen. Sie hatten an die Naivität der Leute geglaubt, fest gehofft, dass es durchging – und jetzt war es zu spät.

Alpha sah ihm verängstigt zu, wie er langsam, darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, zu der Kommode ging, die oberste Schublade öffnete und eine Pistole herausholte.
„Beta! Bist du verrückt geworden?“

Er erwiderte nichts, lud sie nur stumm mit den gleich daneben liegenden Patronen auf und richtete sie auf die Haustür.

„Mach das nicht, Beta, wer weiß, wer das ist… o bitte, bring sie nicht um!“ Sie war vom Sofa aufgestanden und hatte sich hinter ihm aufgebaut. Inzwischen war er zur Tür geschlichen, hatte sich kurz zu ihr umgedreht, sich den Zeigefinger, der nicht auf dem Auslöser lag, warnend auf die Lippen gelegt und war wieder herumgeschnellt, als irgendwer begann, von außen gegen das Holz zu klopfen.

„Hallo! Hallo! Ist niemand da?“

Eine Frauenstimme. Er ließ die Waffe sinken. Wäre noch jemand bei dieser Frau, hätte man sie gehört. Und außerdem hatte er sich geschworen, weder Frauen noch Kindern etwas anzutun.

„Mach nicht auf! Wir können so tun, als wären wir nicht da!“, wisperte Alpha verzweifelt und klammerte sich an seinen Arm. Fast hätte er sie aus Instinkt abgeschüttelt.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein. Entweder, wir sterben, verrotten in diesem verfluchten Haus – oder wir stellen uns.“
Und mit diesen Worten drückte er die Klinke herunter.

Alpha ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken. Er jedoch starrte ungläubig auf die Gestalt,
die nun langsam die zwei Stufen hinauf in den Flur trat und sie beide eingehend musterte.

Es war eine Frau, vielleicht Mitte zwanzig, in einem hellbraunen Parka. Sie hatte ein kantiges Gesicht und einen dunklen Pferdeschwanz. In der Finsternis konnte er nur schemenhaft ihr Gesicht erkennen, und vor allem nicht die Augen, was er hinterher noch bereuen sollte. Doch die Frau legte nur ihren Schal ab, hängte ihn an den Garderobenständer und schälte sich wortlos aus der Jacke. Ihr Blick glitt immer wieder zu der einsatzbereiten Pistole in seiner Hand.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie von uns?“, fragte er eindringlich und hob sie erneut, was einen unterdrückten Aufschrei aus Alpha herauspresste. Er legte schützend den freien Arm um sie und sie begann, in sein Hemd zu schluchzen. Sie hatte Angst.

„Mein Name ist Emma“, antwortete die Frau schließlich mit einer kratzigen Stimme. Er hörte sie schlucken, als er die Pistole immer noch nicht runternahm, sondern anstelle davon die Tür schloss. „Ich wollte Sie treffen.“

„Und warum?“ Er traute ihr nicht. Sie roch nach einem teuren Parfüm, einem furchtbar rosigen Deodorant, nach irgendwas, was ihm in der Nase juckte.

„Sie sind Alpha und Beta“, erklärte Emma. Er konnte es ihr ansehen, dass sie sich nur schwer davon zurückhalten konnte, die Hände über den Kopf zu heben.
„Und damit sind Sie meine Geschwister.“

Und dann – klack. Eines ihrer Augen klappte in die entgegengesetzte Richtung von ihm,
rollte hinüber zu Alpha, die an seiner Seite vor sich hin zitterte, und entlockte ihr ein erschrockenes Kreischen. Sie schlug sich die Hände vor den Mund und beobachtete ebenso atemlos wie er, wie ihre Augen unabhängig von ihrem Gegenstück auf der anderen Gesichtshälfte hin und her schwammen und alles in Augenschein nahmen.
Sie war ein Fehlschlag.

„Ich nenne mich Emma, aber nur, weil Gamma und Emma fast gleich klingt“, erläuterte die Frau fast gelangweilt, schlenderte ins Wohnzimmer, gefolgt vom Lauf der Pistole. Sie lächelte milde,
als sie diese bemerkte. „Die können Sie ruhig runternehmen.
Ich werde Ihnen nichts tun. Wie auch? Ich bin, im Gegensatz zu Ihnen, unbewaffnet.“
Sie ließ sich auf den Sessel fallen und sah sich vergnügt um. „Es gibt nicht viele, die Louis gekränkt auf die Straße schickte und die sich ein halbwegs beschauliches Leben aufbauten.
Ich habe die Geschichte von fast jedem von ihnen verfolgt – Delta bis Psi sind allesamt tot, erfroren, verhungert, durch irgendwelche Chemikalien umgekommen, die unterschiedlichsten Sachen. Die, die noch am Leben sind, kämpfen um dieses. Also kann ich Sie nur beglückwünschen.“ Wieder musterte sie die beiden von oben bis unten. Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort. „Ich habe es geschafft, mir eine Existenz aufzubauen. Meine… kleine Behinderung lässt sich leicht verstecken, auch wenn ich hart trainieren musste. Ich habe einen Job, eine schöne Wohnung, einen Freund, der mich liebt. Ich glaube, damit bin ich die einzige“, fügte sie leise hinzu.

Alpha atmete unsicher durch. Sie hatte sich in sein Oberteil gekrallt und konnte den Blick nicht von der Fremden wenden. Er selbst hatte sich noch keinen Schritt nach vorne getraut, aus Angst, er könnte versehentlich abdrücken.

„Gestatten Sie mir eine Frage.“ Emma oder Gamma, wie auch immer, legte den Kopf schief. Unter der Jacke war ein schwarzes Netzkleid zum Vorschein gekommen, das sie jetzt glattstrich. „Wer von Ihnen ist Alpha? Der erste?“

„Ich – ich bin das.“ Alpha drückte sich von ihm weg, offenbar immer noch panisch. Ihre Augen waren weit aufgerissen, als sie langsam auf die Fremde zuging, die ihren Bewegungen folgte wie ein hungriger Tiger seiner Beute. Alpha ließ sich auf die Couch sinken. „Ich bin Alpha.“

„Wie ich sehe, haben Sie ebenso ein… Augenleiden… wie ich.“
Ihr klebte ein falsches Lächeln im Gesicht.

„Alpha, geh da weg.“ Seine Stimme klang fester, als er erhofft hatte.
„Verschwinde von dieser Kreatur.“

Das entrang Gamma ein schallendes Lachen. Im Anbetracht der Tatsache, dass ihr immer noch jeden Moment eine Kugel in den Kopf geschossen werden konnte, fand er das ziemlich armselig. „Das sagt der richtige!“, lachte sie.

Er zeigte ruckartig mit dem Kopf in Richtung Ausgang. „Verschwinden Sie von hier, oder…“

„Oder was?“ Herausforderung, Beta. Jetzt sag bloß nichts Falsches.
„Oder ich blas Ihnen Ihren hässlichen Schädel weg“, zischte er.

„Das würdest du nicht wagen, Kleiner. Ich würde deiner kleinen Freundin vorher den Hals umdrehen.“

„Dann hätten Sie es doppelt verdient, zu sterben.“

„Beta.“ Alpha sah ihn maßregelnd an, auch wenn ihr immer noch Tränen im Gesicht klebten. „Lass das, verdammt noch mal.“

„Was? Sollen wir diese Schlampe etwa als Gast betrachten, oder was?“ Sein Griff um das Metall wurde fester. „Ich dachte, du würdest genau so denken wie ich!“

Ihr Blick sagte alles. Tja. Falsch gedacht, mein Freund.

„Wo wir gerade von Gästen sprechen…“ Gammas (durch)drehende Augen fixierten ihn.
„Ich will ja nicht unhöflich sein, aber erstens spüre ich hier nichts von Gastfreundschaft und zweitens habe ich Durst. Haben Sie zufällig ein Glas Wasser?“

„Haben reintheoretisch schon, aber ich bezweifle, dass Sie gerne mit Chemie versetztes Leitungswasser trinken.“ Alpha hatte nun auch den kühlen Ausdruck auf dem Gesicht, den er sich von Anfang an von ihr gewünscht hatte.

Gamma zuckte nur unbeeindruckt mit den Schultern und schlug die Beine übereinander. „Schade, aber da kann man wohl nichts machen. Ich werde wohl besser gehen. Herrgott noch mal, nehmen Sie endlich diese Scheißknarre runter.“
Sie stolzierte zu ihrer Jacke, schlüpfte hinein und bedachte ihn mit einem halben Blick.
Das andere Auge betrachtete argwöhnisch die abblätternde Tapete. „Ich hätte Ihnen auch nur zu gerne gesagt, wo sich Louis‘ Labor befindet, aber anscheinend besteht da kein Interesse.
Leben Sie wohl.“

„Moment!“ Er pfefferte Alpha die Pistole in den Schoß, die auch eben aufgesprungen war,
und hielt Gamma an der Schulter fest. „Louis‘ Labor?“

„Ja“, schnauzte diese. „Er benutzt die Kanalisation. Es ist ein kompliziertes System aus Abwassertunneln, aber wie der Zufall es will ist die Firma, bei der ich arbeite, auf Ultraschall im öffentlichen Raum spezialisiert und hat schon vor Jahren die Untersuchungen da unten abgeschlossen. Keine Ratte kann husten, ohne dass wir es bemerken.“ Ein diabolisches Grinsen. „Wir könnten einen Deal machen. Ich bringe uns in das Labor, und Sie müssen mir schwören, dass Sie Louis umbringen.“

Kapitel 7: Namen

„Ich habe noch eine Frage“, begann sie unsicher, als Gamma wieder vor ihr Platz genommen und auch Beta sich neben sie gesetzt hatte. „Woher wussten Sie, wo wir sind? Ich meine, woher wussten Sie von dem Haus?“

„Es erschien mir am wahrscheinlichsten“, behauptete Gamma. „Und bitte, wir sollten uns duzen, schließlich sind wir ja irgendwie Geschwister, oder nicht?“

Stilles Nicken von Beta. Er strich gedankenversunken über den Lauf der Pistole, die er immer noch nicht weggelegt hatte. Ihr war ziemlich mulmig bei dem Gedanken, er könnte sich von einer Sekunde zur anderen entscheiden, Gamma doch noch einfach abzuknallen. Aber auch sie murmelte etwas Zustimmendes.

„Na dann.“ Gamma ließ die stechend grünen Augen, diesmal beide zusammen, durch den Raum gleiten. „Habt ihr keinen Strom hier?“

„Nur in der Küche“, antwortete sie.

„Hmm… ist ja auch egal. Wir brauchen einen Plan. Und einen Stadtplan. Also zwei Pläne…“ Einen Moment lächelte sie über den eigenen Wortwitz, dann, als sie merkte, dass sonst keiner lachte, zuckte es um ihre Mundwinkel herum und sie fuhr fort.
„Ich denke, ich habe die Absicht, euch mit nach Hause zu nehmen. Mein Freund wird sich freuen, besonders über dich, Alpha. Er ist nämlich von Beruf Optiker. Oder jedenfalls fast.“

Jetzt fing Beta an zu grinsen. Sie warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Das ist nicht witzig.“

„Ja, stimmt, entschuldige bitte.“ Ihr Grinsen war nicht wegzukriegen. „Ich meine, ich hab ja selber Probleme damit, nicht auf seinem Untersuchungstisch zu landen. Wenn ich auch nur ein kleines bisschen schiele, wird er hysterisch.“
Gamma räusperte sich. „Und in seiner Anwesenheit nennt mich bitte Emma.“

„Du hast es ihm nicht erzählt?“, fragte Beta verwundert.
„Und… und was wird er dann zu MIR sagen?!“

„Gar nichts, wenn ich ihm schon vorher simse, dass ich zwei Monster bei mir habe, die zusammen einen prima Maulwurf ergeben würden“, erwiderte Gamma kühl.

Sie spürte, wie Betas Hand sich verkrampfte.
„Das reicht, Gamma.“

„Emma“, berichtigte sie.

„Das ist mir so scheißegal!“ Er kochte vor Wut. „Wenn du willst, dass wir Louis umbringen, dann musst du auch was dafür machen!“

„Ich hab es euch doch schon gesagt, ich führe euch zu ihm“, erinnerte sie und kontrollierte ihre Fingernägel. „Und ich warne euch, wenn zum Beispiel jemand hinter euch steht oder so.
Das ist mein Job. Nicht mehr und nicht weniger.“

„Dann sei jetzt still und konzentrier dich auf diesen Job, Chamäleon.“
Es war ihr herausgerutscht.

Als sie bemerkte, was sie eben gesagt hatte, klappte sie erschrocken den Mund zu.

Gammas Augen glühten sauer. Ein paar Sekunden starrte sie sie einfach nur an.

Sie wusste, was sie dachte. Louis hat sie auch so genannt.

Louis hatte jedem seiner fehlgeschlagenen Menschen einen „Spitznamen“ gegeben, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Es war nicht mehr als ein zorniges Fluchen, und nahezu bei jedem anderen Fehlschlag hatten sie seine Stimme gehört, als er ihn ausgesprochen hatte.

Ihrer war Dreiauge.

Sollte sie sich entschuldigen? Nein. Es wäre unfair gewesen, vor allem, weil Gamma vorher nichts anderes gemacht hatte, als sie unkontrolliert zu beleidigen.

Doch bevor sie sich entscheiden konnte, hatte Gamma sich wieder halbwegs beruhigt und ihr Blick lag auf der brennenden Kerze. „Habt ihr Geld oder geht ihr klauen?“

Sie bemühte sich, weiter standhaft zu schweigen. Das geht dich überhaupt nichts an.

Gamma las es aus ihrem Gesicht heraus. „Na gut… schließlich ist das ja euer Leben, nicht meins. Also, wenn ihr mir bitte zu meiner Wohnung folgen würdet…“ Sie stand auf, hängte ihre Jacke ab und zog sie an.

Perplex ließ Beta die Pistole auf die Polster sinken und zog auch sie auf die Füße. „Komm“, flüsterte er vertrauenserweckend, als sie sich sträubte. „Es kann dir nichts passieren, solange ich bei dir bin. Versprochen.“

Sie hüllten sich in ihre Mäntel und ließen Gamma nicht aus den Augen, die geduldig an der Tür wartete und ihren Blick erwiderte. Ein Auge lag auf Beta, eines auf ihr.

Schlagartig verdunkelte sich das Haus noch mehr, als sie sich die Sonnenbrille aufsetzte.

„Ich hab dich schon mal gesehen“, sagte Gamma plötzlich.
„Auf der Straße.“

Sie sah sie entsetzt an. Bitte, lass sie nicht gesehen haben, wie ich…

Doch Gamma schien gar nicht daran zu denken, mit mehr herauszurücken.

Beta schlang sich einen Schal um die Nase. Sie trat unter der Wolle noch unangenehm hervor, aber es würde wohl für eine kurze Zeit gehen. Er öffnete die Tür und ließ sie beide zuerst raustreten.

Das musste ja seltsam aussehen. Drei Menschen, zwei davon komisch angezogen, wie sie aus einem toten Haus kamen.

Kapitel 8: Die Wahrheit der McRobb

Gammas Wohnung lag nicht weit entfernt von einem riesigen Kaufhaus mitten im Herz der Stadt. Es handelte sich um einen knallgelb gestrichenen, modernen Wohnblock mit Blick auf die stets überfüllte Fußgängerzone.

Ich habe eine schöne Wohnung, einen Freund, der mich liebt… Beinahe hätte er laut aufgelacht. Wenn sie das schon schön nannte, dann wollte er lieber nicht wissen, wie ihr Freund so drauf war.

„Es ist im vierten Stock. Aufzug oder Treppen?“, fragte Gamma. Ach ja, er musste sie ja jetzt Emma nennen.

„Aufzug“, entschied Alpha kurz angebunden.

„Na gut, obwohl dir ein bisschen Bewegung wahrscheinlich nicht weh täte“, erwiderte Gamma mit einem amüsierten Blick auf Alphas breite Hüften. „Aber wenn du unbedingt willst…“

Sie schloss die Haustür auf und trat in ein steriles Treppenhaus, in dem es stark nach Zitrone roch. Fast hätte er sich schon den Schal heruntergezogen, doch dann erinnerte er sich, wo er war und ließ es lieber bleiben.

Gamma blieb vor einer schweren Metalltür stehen, drückte auf den Knopf, der sofort begann, hellgrün zu leuchten. Innen hörten sie ein Rumpeln, als der Lift sich bedächtig nach unten bequemte und schließlich aufsprang.

Sie traten ein und Gamma wedelte mit ihrer Hand in Richtung der vielen Schalter, die an einer silbernen Wand angebracht waren. „Nur zu. Die Vier.“

Er haute auf den besagten Knopf und schloss die Hand um die Stange, die unter einem Spiegel auf der zur Tür gegenüberliegenden Wand angebracht war. Er konnte kaum den Blick von seinem Spiegelbild wenden und Alpha ging es ähnlich. Für seinen Geschmack war es hier zu hell. Das konnte aber auch davon kommen, dass er schon lange nichts anderes mehr als nur das finstere Innere des alten Hauses gesehen hatte. Doch jetzt, wo der Spiegel weder beschlagen noch mit Spinnweben übersät war, traute er sich kaum, seine Augen höher als zu seinem Kragen wandern zu lassen. Zu groß war die Angst vor seinem Gesicht.

Der Aufzug blieb stehen, stieß ein leises „Pling“ aus und schob die Türen auseinander.

Hier sah es nicht viel anders aus als unten, nur, dass hier zwei Türen waren. Knallrot. Es war nie seine Lieblingsfarbe gewesen.

„Und vergesst nicht: Ich heiße Emma.“

Sie drängte sich an ihnen vorbei und ging schnellen Schrittes zu der hinteren Tür, an der ein Kranz aus Tannenzweigen hing.
Das einladende Schild darunter hieß Besucher zu Hause bei McRobb und Rewell willkommen. Er fragte sich, welcher Name zu ihr gehörte.

Das Schloss klickte, der Schlüsselbund in ihrer Hand klimperte und sie stieß das rote Ding anscheinend voller Vorfreude auf. „Robin! Ich bin wieder da und habe uns jemanden mitgebracht.“

Auf dem Boden des Flurs lag ein flauschiger schwarzer Teppich. Die Wände waren dunkelgelb und waren mit ein paar Kerzen erleuchtet, die Schatten auf die Farbe malten. An einer Wand stand eine Kommode aus Buchenholz, auf der ein weiterer Schlüsselbund und ein Handy lagen. Schwarze Herrenschuhe waren darunter geschoben, so lupenrein poliert, dass der Kerzenschein sich darin spiegelte. An der Garderobe mit einem angebrachten Spiegel hingen einige Jacken, mehr als die Hälfte davon schienen Frauenmäntel zu sein.

„Emma, wie schön, dass du…“ Der große, gertenschlanke Mann, der in einer Glastür stand,
die anscheinend ins Wohnzimmer führte, hatte inne gehalten, als er sah, wen seine Freundin mitgeschleppt hatte. Er rückte sich verwundert die klobige Hornbrille zurecht und musterte Alpha und ihn neugierig.
Sein Blick blieb kurz bei Alphas Sonnenbrille und seinem Schal kleben. Doch auch er durchlöcherte ihn misstrauisch. Er sah nicht so aus, als würde er erwarten, dass er gleich zwei Wesen vor sich stehen haben würde, die so gar nicht nach normalen Menschen aussahen – und sich erst gar nicht so benahmen.
Er schien nicht älter zu sein als achtundzwanzig, dennoch hatte er leicht schütteres Haar.
Sein Hemd war zerknittert, als sei er gerade erst von der Arbeit gekommen, ansonsten aber sah er total gewöhnlich aus. Also nicht gerade das, was er sich bei Gammas – pardon, Emmas Geschmack gedacht hatte.

„Guten Tag“, wünschte Alpha und versuchte hörbar, unbeschwert zu klingen. Sie streckte dem Mann eine Hand entgegen und er ergriff sie. „Hallo“, lächelte er und nahm auch gleich seine Hand. Das Lächeln wurde instabil, als er ihn hartnäckig weiter anschwieg.

„Robin, das sind meine Geschwister.“ Emma fiel ihm um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, während sie schon damit beschäftigt war, sich die Jacke auszuziehen.
„Hängt eure Sachen dahin“, meinte sie an sie gewandt und machte es gleich vor.

„Sehr erfreut, ich bin Robin Rewell, Emmas Freund.
Und wie heißen Sie?“

Scheiße. Betont langsam knöpfte er sich die Jacke auf, um Zeit zu schinden. Sie konnten ja wohl schlecht Alpha und Beta sagen, das würde ihn echt umhauen. Er sah eher danach aus, als könnte ihn bereits ein harmloser Mückenstich gleich ins Koma schicken.

„Das sind, äh, Mary und ähm Jacob“, sagte Emma stattdessen schnell und warf ihnen einen warnenden Blick zu.

Alpha hatte ihn anscheinend ignoriert. „Nein“, sagte sie und hängte ihren Mantel an einen Haken. Ihre Finger zuckten zu ihrer Brille, sie machte Anstalten, sie sich wegzuziehen,
entschied sich dann aber anscheinend noch anders.
„Ich – ich denke, Emma und Sie haben einiges zu besprechen…“

Robin sah sie irritiert an. „Was heißt das?“

„Nichts“, erwiderte Emma. „Es heißt nichts. Weißt du, meine Geschwister sind ein wenig… verwirrt… sie kamen mit einem ähm Herzfehler auf die…“

Zu spät. Vor Aufregung war ihr ein Auge aus der Halterung geploppt. Es zeigte jetzt in Richtung Kommode, während das andere immer noch Robin fixierte, der erschrocken aufschrie.
„Emma! Dein Auge!“

„Oh Scheiße“, fluchte (nun wieder) Gamma und versuchte angestrengt, wieder beide Pupillen beisammen zu halten, was ihr auch schließlich gelang. „Robin, ich…“

„Du musst damit zum Arzt, Schatz! Das ist nicht normal, wahrscheinlich ein Muskelriss oder…“

„Ach, halten Sie doch die Fresse.“ Er hatte sich jetzt auch den Schal vom Gesicht gerissen und der Mann starrte mit aufgerissenen Augen keuchend auf seine Nase.
„Ihre Freundin ist ein Fehlschlag, genau so wie wir. Alpha, deine Brille.“

Sie zuckte zusammen, als er sie mit ihrem richtigen Namen ansprach, gehorchte aber widerwillig.

Ein erneuter Aufschrei. „Whaaaaa! Was sind das für Behinderungen? Emma? Emma?“ Verzweifelt schüttelte er sie. „Sag doch endlich was! Was sind das für Leute, die du in unsere Wohnung gelassen hast? Und warum kannst du auf einmal in zwei verschiedene Richtungen gucken?!“

„Ist für dich als Optiker wahrscheinlich nicht das erste mal, dass du so etwas siehst, oder?“, lachte Alpha und hängte sich an Betas Arm. Er strich ihr über den Oberarm und lächelte mit. „Na ja, so krass im Ausmaß wahrscheinlich nicht, und ich für meinen Teil hab auch keinen siamesischen Zwilling oder so, dem ich das da zu verdanken habe… Es lässt sich alles wissenschaftlich erklären.
Du müsstest dann aber nur wissen, dass Emma eigentlich Gamma heißt, Jacob Beta und ich Alpha… also, du hättest einen guten Grund, jetzt in Ohnmacht zu fallen…“

Und das tat er auch. Die Brille rutschte ihm von der Nase, als er mit einem filmreifen Aufstöhnen zu Boden sackte, die Augen verdrehte und da unten erst mal eine Weile leichenblass liegen blieb.

Kapitel 9: Anderthalb Pläne

Sie hatten Robin ins riesige Wohnzimmer geschafft (mit vereinten Kräften, denn er hatte sich richtig schwer gemacht), ihn auf die Ledercouch gelegt und Beta hatte nicht lange gefackelt und ihm eine saftige Ohrfeige verpasst, die ihn wieder hatte aufschrecken lassen. Jetzt saß er dort bibbernd, mit der Brille schief im Gesicht und einem dampfenden Becher Kaffee in der zitternden Hand und versuchte sichtlich, sich zu beruhigen.

„Also“, begann er stirnrunzelnd und stellte den Becher lieber weg, denn er hatte anscheinend Angst, die braune Flüssigkeit könnte ihm über die Haut schwappen, „Emma…“

„Gamma“, berichtigte diese ihn und legte ihm kokett einen Arm um die Schultern.
„Aus dem griechischen Alphabet, Schatz. Das sollte dir geläufig sein.“

„A-also doch Gamma… Du hast mich die ganze Zeit belogen, was deine Herkunft betrifft.
Ich hab dir ja noch abgenommen, dass deine Eltern tot sind, aber dann der ganze andere Kram mit Ausweis, Geburtsurkunde, Stammbaum und Lebenslauf…“

„Es tut mir ja auch Leid“, erwiderte Gamma beleidigt und platzierte ihr Bein auf seinem Schoß, was ihm die Röte ins Gesicht schießen ließ. „Das heißt, ich hab mich einfach Hals über Kopf in dich verknallt und… Verdammt, können wir nicht einfach da weiter machen, wo wir aufgehört haben?“

Beta warf Alpha einen Blick zu. Sie erwiderte ihn genervt. Sie war es leid, dass sie die ganze Zeit wie Luft behandelt wurden, also räusperte sie sich vernehmlich und verschaffte sich so Aufmerksamkeit. Robin schien sich immer noch nicht daran gewöhnt zu haben, dass sie ein Auge mehr als gewöhnlich hatte, und er machte ein leicht dämliches Gesicht. Es hätte sie nicht gewundert, wenn er auch noch zu sabbern angefangen hätte. „Das ist ja alles schön und gut“, sagte sie verärgert. „Schön, dass ihr euch verkracht habt, gut, dass ihr euch jetzt zankt und euch nicht vergeben wollt, aber ich wollte einfach mal fragen, was jetzt mit Louis und dem Labor ist?“

„Louis? Ist das noch so einer von euch?“ Inzwischen hatte Robin jedes Mal panische Angst, wenn so etwas erwähnt wurde.

„Nein, er ist nur so etwas wie unser Erschaffer, eine fette Sau, die in der Kanalisation rumkriecht und versucht, Menschen zu erschaffen – so das übliche“, ließ Gamma hören.

Robin wimmerte auf.

„Also, was ist jetzt?“ Beta sah sie erwartungsvoll an.
„Stadtplan und Idee, wie wir da hinkommen?“

„Ja, hab ich schon zu fünfzig Prozent erledigt“, erwiderte Gamma und verschwand kurz in den Flur. Dort kramte sie ein bisschen in der Kommode und hielt kurze Zeit später einen Autofahrplan in der Hand, den sie triumphierend auf dem Wohnzimmertisch ausbreitete.
„Ich hab mir die Unterlagen von der Ultraschalluntersuchung vor vier Jahren genauestens angesehen und herausgefunden, dass das Labor unter Louis‘ Arztpraxis ist. Eine ziemlich große Gewölbekammer, vermutlich siebzehntes Jahrhundert.“ Sie entfernte mit den Zähnen den Deckel von einem roten Filzstift und malte ein Kreuz auf die Stelle, während ihr anderes Auge schon das Papier weitertastete. „Und wenn das Labor dort ist, haben wir einen ganz schönen Weg vor uns. Wir sind nämlich erst hier.“

Ein anderes Kreuz, erquickliche sechzig Zentimeter weiter. Zufrieden richtete sie sich auf, stülpte Deckel und Stift wieder aufeinander und sah der Reihe nach ihre Geschwister und Robin an, wobei beide ihrer Augen so weit nach innen gedreht waren, dass denen fast schlecht wurde. „Aber lasst euch bloß nicht von dieser Arztpraxis einlullen. Ich habe gehört, sie ist die beschissenste der ganzen Stadt, verlangt dafür aber ein Heidengeld.“

„Das heißt, wir schrauben einfach einen Kanaldeckel auf und stehen bis zu den Knien in Rattenscheiße? Nein danke, ohne mich." Robin verschränkte entschlossen die Arme.

„Du sollst ja auch gar nicht mitkommen, Vierauge.“

Betas Blick huschte kurz zu seiner Schwester, die zusammengezuckt war, als er diesen Begriff verwendet hatte. Sie bekam aber ein schiefes Lächeln auf die Reihe.
„Mal was ganz anderes.“ Er beugte sich interessiert vor und fuhr mit dem Zeigefinger die Papierkante nach.
„Wir können doch nicht so mirnichts-dirnichts in einen Bus in die Nachbarstadt steigen,
oder nicht?“

„Natürlich geht das, wozu sind die denn sonst da?“
Gamma schmiss Robin den Stift zwischen die Beine und ließ sich dann neben ihn fallen.
„Wer ist dafür, dass wir Louis abknallen? Na los, kommt schon!“ Sie hatte den Arm erhoben, doch Robin drückte ihr diesen wieder runter.

„Bist du wahnsinnig geworden? Ihr wollt einen Arzt umbringen?“

„Er ist kein Arzt“, berichtigte Alpha ihn. „Er ist ein Monster.
Er hat uns ohne unsere Zustimmung zum Leben erweckt und dann sind wir halt zu dem geworden, was wir jetzt sind.“

„Aber was ist so schlimm daran, zu leben?“, wollte Robin wissen.

„Eigentlich gar nichts, aber wenn du immer so rumlaufen müsstest wie wir, dann hast du es auch irgendwann satt“, brummte Beta.

Alpha starrte auf die Karte. Oh ja. Bitte fragt nicht, warum ich so gucke. Es würde euch nur davon ablenken, das richtige zu tun. Oh bitte, Beta, achte nicht auf mich. Und du, Gamma – bleib bei Robin. Wir können es besser alleine.

Sie sah auf, immer noch fürchtend, sie sähe aus, als hätte sie seit Wochen kein Auge mehr zugetan, und seufzte vernehmlich.
„Es ist jetzt auch egal“, sagte sie. „Jedenfalls wäre die Welt besser dran ohne ihn. Er hat so viele zerstörte Menschen erschaffen, und die, bei denen es geklappt hat, sind wahrscheinlich nicht besser als er selbst. Gamma hat es selbst gesagt: Delta bis Psi sind tot.“

„Ja, wobei mir die Geschichte von Psi bei weitem am besten gefällt“, mischte sich diese ein. „Vielleicht erzähl ich sie euch heute Abend mal.“

„Was? Du hast vor, sie hier übernachten zu lassen?“, schnappte Robin entsetzt.
„Aber – aber – ich weiß nicht, wessen Zahnbürste benutzen sie denn dann?!“

„Du suchst nur Gründe.“ Beta machte verächtlich eine wegwerfende Geste. „Wir werden wohl mal eine Nacht ohne Zahnpflege auskommen, oder? Schließlich hatten wir mal das Privileg, perfekt zu sein“, setzte er mit einem sarkastischen Grinsen hinzu.

Sie konnte nicht anders, sie musste mitlächeln.
„Ich stimme zu…“

Robin grummelte und machte ein düsteres Gesicht.
„Wenn es unbedingt sein muss.“

„Aber was ist denn jetzt mit Louis? Beta, wir müssten deine Pistole mitnehmen…“

Robin wimmerte wieder.

„… und im Bus oder in der Bahn macht sich das nun mal schlecht… Wir fahren mit dem Auto“, bestimmte Gamma.

„Kommt gar nicht infrage!“ Beta schüttelte heftig den Kopf.

„Warum nicht?“ Alpha sah ihn fragend an.

„Das… das gibt eine Sauerei, schlecht aus allen Materialien rauszukriegen… ich muss im Auto immer kotzen“, gab er mit rot angelaufenem Kopf zu.

„Gut, dann laufen wir halt zu Fuß, nur, weil ihr alle Schiss vor öffentlichen Verkehrsmitteln habt!“ Sie guckte Gamma und Robin mit verschränkten Armen an. „Mensch, das darf doch wirklich nicht wahr sein! Gamma! Du hast nicht mal mit der Wimper gezuckt, als man dir eine Knarre an die Brust gehalten hat,
und jetzt windest du dich vor ein paar lächerlichen Fahrtickets!“

„So meinte ich das doch gar nicht!“ Gamma erwiderte ihren Blick genauso aufgebracht.
„Meine Zweifel lagen darin, dass wir eventuell kontrolliert werden könnten…“

„Nicht, wenn wir das Ding in einer Tasche verstecken, du Superhirn!“ Beta stöhnte und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „Mein Gott, war das eine schwere Geburt…“

 

Kapitel 10: Die Geschichte von Psi

Die vier hatten es sich im Schlafzimmer bequem gemacht. Gamma hatte in der Abstellkammer noch eine alte Matratze gefunden, zu der sie noch eine Wolldecke getan hatte.
Die Matratze war groß genug für Alpha und Beta zusammen, passte aber kaum mehr in den engen Raum. Das Fußteil musste sogar schon unter das Doppelbett von Gamma und Robin geschoben werden. Aber im Moment war es ihnen redlich egal. Sie hätten selbst auf einem Nadelbrett schlafen können.

Auf das Abendessen hatten sie verzichtet, weil weder Gamma noch Alpha die Augen lange genug aufhalten konnten, um in der Küche etwas zuzubereiten, und so waren sie zwar mit knurrendem Magen, aber einem ganz plausiblen Plan ins Bett gegangen.

Alpha hatte aber noch die ausstehende Geschichte vom letzten Fehlschlag verlangt, sozusagen als Gute-Nacht-Geschichte, auch wenn Gamma sie schon vorher warnte, dass sie weder etwas mit Sternchen, Schäfchen noch Zäunen zu tun hatte.

„Wir sind an so etwas gewöhnt“, hatte Alpha aber gegähnt, und Gamma hatte zwar etwas zögerlich, aber dennoch mit fester Stimme begonnen.

„Wie gesagt, Psis Geschichte mag ich von allen am liebsten, ihre… nennen wir es mal Gabe war sehr interessant. Nicht, dass ich sie gerne gewollt hätte. Na ja, jedenfalls war es ein Mädchen mit scharlachrotem Haar, nicht zu übersehen… Sie hatte kein körperliches Empfinden für Schmerz. Sie hat immer wieder versucht, sich etwas anzutun, wollte dieses Gefühl haben, das Gefühl, dass ihr etwas wehtut… Sie hatte dutzende von Narben, vor allem an den Armen, sie hat sich sogar manchmal den Kopf gegen massive Steinwände gerammt und gehofft, sie würde eine Gehirnerschütterung bekommen… Und irgendwann hat sie sich selbst aus Verzweiflung die Kehle durchgeschnitten.“

Neben Beta keuchte Alpha auf und tastete nach seiner Hand.
Er strich ihr über die Finger und verspürte tiefstes Mitleid mit diesem Mädchen.

„Die Polizei hat zuerst den abgetrennten Kopf gefunden, mit einem friedlich lächelnden Gesicht, dann den Körper, an dem alles darauf hindeutete, dass sie Selbstmord begangen hatte. Dann hat man sie genauer untersucht, Autopsie und so etwas… und hat Fehler an ihren Nerven gefunden.“ Gamma seufzte auf. „Die einzige Geschichte, die ich nicht kenne, ist die von Delta. Aber ich weiß, dass sie tot ist. Wahrscheinlich ist sie nie aus dem Labor gekommen.“

Ruckartig riss Alpha ihre Hand aus seinem Griff und sprang auf. „Entschuldigt mich“, presste sie hervor, öffnete die Tür und stolperte ins Badezimmer.

Beta hörte sie würgen und schloss die Tür wieder. „So etwas darf man ihr eigentlich nicht erzählen“, sagte er und machte ein betroffenes Gesicht. „Sie reagiert auf solche Sachen immer über.“

„Es tut mir Leid, sie wollte es ja hören“, verteidigte Gamma sich und kuschelte sich dichter an Robin, der bereits angefangen hatte zu schnarchen.

Er winkte seufzend ab und setzte sich leicht ächzend auf.
Die Knöpfe an den Schubladen des Schrankes, gegen den er sich nun lehnte, schraubten sich ihm unangenehm in den Rücken, und er brauchte genau so lange, um eine halbwegs gemütliche Position zu finden, bis Alpha schlohweiß im Gesicht wieder reinkam und sich mit steifen Gliedern neben ihn setzte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er vorsichtig mit einem Seitenblick auf das aufragende Doppelbett vor ihnen, denn auch Gamma schien eingeschlafen zu sein.

Sie erwiderte mit einem recht angespannten Nicken. „Mir geht’s gut, denke ich.“ Sie schloss die Augen, legte ihren Kopf an seine Schulter und stöhnte. „Sie tut mir Leid“, flüsterte sie.
„Wer?“
„Psi.“
„Mir auch… Noch ein Grund mehr, Louis zu erschießen.“
Er drückte sie an sich. „Du solltest jetzt schlafen. Morgen holen wir uns die Tickets… Hoffentlich nicht für einen Bus.“
Er verzog das Gesicht und wie zum Beweis, dass ihm schlecht werden würde, rumorte sein Magen ein wenig.
„Bei der Strecke wäre eine Bahn sowieso günstiger.“
Ihre Stimme klang schon etwas schleppender. Sie war ebenso müde wie er. Sie rutschte ein wenig neben ihm hin und her, als fände sie keine richtige Stellung.
„Aber… ich habe Angst vor ihm.“

Für einen kurzen Moment dachte er, sie hätte aufgehört zu atmen, merkte dann aber erleichtert, dass sie auch endgültig in den Schlaf geglitten war. Vielleicht träumte sie ja abwechslungsweise mal etwas Angenehmes.

Kapitel 11: Fahren

Robin war zu Hause geblieben. Seine Nerven wären für so etwas zu schwach, hatte er gesagt. Und hinzugefügt, sodass es fast nur Gamma gehört hatte, dass er für sie hoffte, dass alles gut ging.

Alpha steckte ihr Ticket in den Abstempelautomaten unten an der Treppe zu Gleis 6. Er liebte sie. Auch, wenn sie ein Fehlschlag war und die Absicht hatte, jemanden umzubringen. Fast hätte sie daran geglaubt, dass Gamma nicht nur unscheinbares Glück, sondern auch ihr Schicksal mit diesem Typen erfüllt hatte.
Denk nicht mehr daran, Alpha. Gamma kann ihr Problem verstecken. Beta und du nicht. Also sei nicht zu hoffnungsvoll. Du wirst niemanden kennenlernen, der dem gleichtut, egal, was du mit dir anstellen lässt. Aber vergiss nicht: Dein verrückter Plan kann immer noch ausgeführt werden, wenn Louis tot ist. Dann ist fast endgültig nichts mehr von ihm übrig. Weder er ist noch da – noch sein erster Fehlschlag.

„Alpha? Geht’s dir gut?“ Beta hatte sich hinter sie gestellt und ihr eine Hand auf die Schulter gelegt.

Sie merkte, dass sie schon eine ganze Weile reglos vor dem blöden orangefarbenen Teil stand und der Papierfetzen, den sie nun herauszog, bereits abgestempelt war.

„‘tschuldigung“, murmelte sie und drehte sich in dem Menschensalat, der stetig die Rolltreppen hoch und runterfloss, um. Betas Augen über der Schalkrempe sahen sie sorgenvoll an und er ließ sie erst los, als sie sich ergeben nach Gamma umsah. Bitte, bitte, bitte schau mich nicht so an. Ich krieg die Krise davon – bitte nimm es nicht persönlich.

Sie entdeckte sie inmitten der Leute genau zwischen Gleis 5 und Gleis 6. Ihre Augen waren gleichermaßen auf dasselbe Ziel gerichtet: Den Fahrplan. Erleichtert, dass sie sich nützlich machte, bahnte Alpha sich einen Weg durch den Salat durch und stellte sich neben sie. Beta folgte ihr.

„Unser Zug fährt um sechsundzwanzig“, informierte Gamma und tippte auf die Glasscheibe.

„Und wie spät ist es jetzt?“ Sie beobachtete sie dabei, wie sie sich den Ärmel der Jacke hochzog, um auf ihre Uhr zu schauen. „Zwanzig, so ganz knapp.“ Der Stoff klappte wieder zurück und Gamma sah auf. „Keine Ahnung, ob das stimmt. Hab sie vorige Woche gestellt. Das blöde Ding läuft alle paar Stunden mal falsch, mal richtig.“

„Dann lass uns besser hochgehen“, schlug Beta vor.
Seine Stimme klang durch den Schal ziemlich gedämpft.

Alpha war die erste, die auf dem Gleis ankam. Hier waren nicht so viele Leute, nur eine Traube von jungen Kerlen, höchstens achtzehn Jahre alt, die lautstark an ihren Handys herumfummelten und dem etwa gleichaltrigen Mädchen, das sich bereits aus der Gefahrenzone herausbegeben hatte, bewundernde Pfiffe zuwarfen.

Sie schnalzte geringschätzig mit der Zunge. Sie kannte diese Sorte Jungs. Die Sorte zeichnete sich darin aus, dass sie selbst im Winter den Hosenbund in der Kniekehle hängen hatten und außer einer übermäßig fetten und teuren Lederjacke auch noch Yankees-Kappen trugen. Ansonsten beschäftigten sie sich mit ihren dicken Kommunikationsmitteln, mobbten Leute auf Facebook und hatten eine spezielle Sprache entwickelt, in der „Alter“ ein beliebtes Wort und gleichzeitig eine Respekt zeigende Anrede war.

Das Mädchen warf den neu eingetroffenen zukünftigen Mitfahrgästen einen hilfesuchenden Blick zu, den Beta mit einem freundlichen, dennoch aber erstaunlich schiefen Lächeln erwiderte, welches sie jedoch durch seinen Schal leider nicht sehen konnte. Alpha selbst erkannte es nur durch die leichte Bewegung unter der schwarzen Wolle. Sie gab sich einen Ruck und grinste sie ebenfalls an, was sie anscheinend weniger toll fand, denn ihr hilfloser Blick verschwand und sie tat so, als hätte sie sie nicht gesehen.

Die grölenden, über einige deutsche Begriffe stolpernden Stimmen der Jungs wurden nur von dem Einfahren des Zuges überrollt, der nach ein paar Minuten stummen Bittens, er möge jetzt endlich mal kommen, auch eintraf. Die rostigen Schienen gaben Geräusche von sich, bei denen sie glaubten, sie würden jeden Moment unter dem Gewicht der Bahn wegbrechen.
Das Heulen der Geschwindigkeit, die sich langsam verringerte, hatten sie schon vorausgeahnt, als das Ding sich noch hinter den Bäumen etwa zweihundert Meter weiter befunden hatte, und Alpha stolperte bei der Wucht, die es aufbrachte, um stehen zu bleiben, gegen Betas Oberkörper.

Die Türen gingen mit einem Zischen auf, als müsste der Zug keuchend ausatmen, und gehetzt aussehende Leute kamen heraus, manche zerrten kleine Kinder mit sich, die sich in der Menge bald zwischen den vielen anderen verloren, andere schoben Fahrräder oder zogen Hunde hinter sich her, auf dass sie bloß die nächste Bahn erwischten.

Es dauerte eine Weile, bis scheinbar alle ausgestiegen waren.
Hier war die Endhaltestelle, und das musste der Schaffner auch einigen Fahrgästen klarmachen, als sie immer noch sitzen blieben. Doch dann war der Zug leer und Alpha, Beta und Gamma trauten sich, einen Fuß hineinzusetzen.

Das Mädchen nahm am einen Ende Platz, die Jungen am anderen Ende, so, wie sie auch eingestiegen waren. Beta hatte ohne nachzufragen Alphas Hand genommen und sie auf einen mittigen Fensterplatz gedrückt, der zwar den Blick auf die Gleise freigab, aber aufgrund des mobilen Mülleimers, der am Fensterrahmen hing, nach so ziemlich allem stank, was ihr in den Sinn kam.
Beta hatte seinen Schal, er roch es sicher nicht, auch wenn Alpha sich sicher war, dass er es auch nicht ausgehalten hätte. Gamma nahm ihnen gegenüber auf dem Sitz Platz, der neben dem Mittelgang war, und stellte vorsichtshalber ihre Tasche auf dem ab, der neben ihr war, auf dass sich niemand neben sie setzen möge.

Schon bevor der Zug abfuhr, konnte Alpha diesen Gestank nicht mehr ertragen. Sie vergrub ihre Nase in Betas Mantel, der nach der alten Dame und damit nach ihrem Zuhause roch. Fast wäre ihr dabei die Brille runtergerutscht, die sie mit einer schnellen Handbewegung daran hinderte, auf dem schmutzigen Boden aufzuprallen. Hastig setzte sie sie wieder auf und machte es sich wieder an Betas Arm bequem. Er warf ihr einen kurzen Blick zu, strich ihr dann kurz über die Finger und leitete seine Augen dann wieder in keine bestimmte Richtung.

Unter ihnen bewegte sich etwas. Die Räder begannen, sich zu drehen, zwar weit über der eigentlich bekanntgegebenen Uhrzeit hinweg, aber Alpha war es trotzdem egal. Sie hätte ewig so sitzen können, das Gesicht auf Betas Jacke, die Hand auf seinem Unterarm, mit ständig zufallenden Augen, unter sich ein regelmäßiges Rappeln, als schüttete jemand einen Werkzeugkasten aus, immer und immer wieder, in immer geringeren Abständen. Und schließlich – blieb es konstant.
Sie fuhren.

Nach zwei Haltestellen schlug sie sich den Mantelkragen vor den Mund (der beißende Geruch war immer noch da) und versuchte, aus dem Fenster zu sehen. Plötzlich wurde ihr klar, warum Beta immer übel wurde, wenn er im Auto saß – die Mischung aus Wackeln und der ständig vorbeifliegenden Landschaft war zum ersten einschläfernd und zum zweiten Kopfschmerzen bereitend. Man konnte kaum ein Ding da draußen lange genug fokussieren, um es identifizieren zu können, schon war es wieder vorbei. Keine Details, keine Idee, wo sie genau waren, nur diese verschwommene Masse da vor dem Fenster – nach zwei Minuten hing sie wieder an seiner Seite und hatte die brennenden Augen geschlossen, vor denen sich immer noch alles drehte.

Sie hörte ihn leise lachen.
„Dir geht es also wie mir“, stellte er belustigt fest.
„Das ist nicht witzig“, murmelte sie und bemühte sich, dem Drang zu widerstehen, sich zu übergeben. „Mir ist schlecht“, klagte sie vorwurfsvoll und blinzelte zu ihm hoch. Seine Augen lachten, obwohl sein Mund es nicht zeigte. Sie hatte sich seit ihrer ersten Begegnung daran gewöhnen müssen, ihm aus den Augen abzulesen, was er dachte. Doch in letzter Zeit, als er nur im Haus gewesen war und keine Verkleidung gebraucht hatte, hatte sie es vielleicht ein wenig verlernt.

Sie hatten, bevor sie sich auf den Weg zum Bahnhof gemacht hatten, einen Abstecher zum alten Haus gemacht und die Pistole eingesteckt. Manchmal fragte sie sich, woher sie kam – am wahrscheinlichsten war einfach, dass die alte Frau sicher leben wollte. Das einzige, was offen stand, war, ob sie auch damit hatte umgehen können. Sie konnte es ja nicht mal selbst. Aber das war eine der Spezialitäten, die Beta anscheinend gelernt hatte, bevor sie einander kennengelernt hatten. Neben der Pistole, die jetzt wie ein beruhigtes Tier in Gammas Handtasche schlief, hatten sie noch sämtliche Patronen eingepackt, die sie gefunden hatten, und das waren nicht wenige gewesen. Beta hatte Gamma und ihr einen Crashkurs zum Thema aufladen gegeben, den sie weder verstanden noch wirklich eingeprägt hatten, und Beta hatte zwei Mal erklären müssen, wo die Hülsen überhaupt reinmussten. Aber solange Louis nicht mit einem Mord an sich selbst rechnete und somit keine Zeit zur Gegenwehr hatte, waren sie entschieden im Vorteil.

„Jetzt bin ich etwa schuld, hm?“, grinste Beta und beugte sich zu ihr runter.
„Vielleicht“, erwiderte sie lächelnd. „Vielleicht bist du auch daran schuld, dass ich überhaupt rausgeguckt habe.“
Ein leises Lachen. Er drehte den Kopf wieder zurück, sah zu Gamma, die sie eindringlich anstarrte, und Alpha sah verlegen auf das Sitzpolster.
„Sagt mal“, fing Gamma an, „eigentlich seid ihr doch Geschwister, oder?“
Verwundert nickte Beta. „Ja, natürlich, so wie du auch.“
Auf Gammas Gesicht machte sich ein Grinsen breit. Sie hatte ihre Augen kurz nicht unter Kontrolle. Eines blitzte zu Beta hinüber, das andere schweifte Alpha hinab. „Aha.“
„Was meinst du damit?“, wollte Beta irritiert wissen.
„Nichts, eigentlich… nichts.“ Und sie sah wieder aus dem schwindelerregenden Fenster und hielt die Klappe.

Alpha sah, wie Betas Stirn sich kräuselte und wieder glatt wurde. Er legte den Kopf schief, so weit, bis er mit der Stirn gegen das Kopfteil aus Plastik am Ende des Doppelsitzes stieß.

Alpha hingegen beobachtete, wie Gammas Augen stehenblieben und nicht mit der Landschaft draußen mit fuhren, um sie in Augenschein zu nehmen. Sie hatte überhaupt nicht die Absicht, die Aussicht zu genießen. Sie dachte nach. Und das anscheinend nicht, ohne auch den schrecklicheren Konsequenzen ein Stoppschild aufzustellen. Ihr Gesicht verdunkelte sich mit jeder Minute, die verstrich, mit jeder Station, an der sie hielten, mit jedem Baum, an dem sie vorbeiwetzten, mit jedem Menschen,
der einstieg.

Die Städte, die sie und Louis in sich aufnahmen, waren groß.
Sie waren wie zwei Streitmächte, die ihre Bewohner in sich verschluckten, wann immer es galt, sie zu beschützen. Doch leider wussten weder Straßen, Ampeln noch Häuser von dem Unheil, das von diesem Schützling ausging. Auch wenn das Gewölbe,
in dem er dieses hegte, zu der Stadt gehörte. Das war ja logisch. Wenn man es jedoch so betrachtete, so hatte dieses Gewölbe anscheinend keine guten Freunde, die ihm seine Erzählungen abnahmen.

Alpha lächelte, als sie sich sprechende Gebäude vorstellte, geschwätzige Hochhäuser mit Mündern zwischen den Fenstern, kleine Mietwohnungen, die aufgeregt auf der Stelle hüpften…
Es schien, als hätte Louis so lange an ihrer Fantasie geschliffen, bis sie unendlich weit und so facettenreich war, dass selbst der beste Romanautor neben seinen Menschen verblasste.

Sie hatten eine lange Reise vor sich, das hatte sie schon verstanden, als sie noch vor der Karte gehockt hatten. Allerdings dürfte es auch schwer sein, in einer riesigen Stadt eine einzelne Arztpraxis ausfindig zu machen. Es sei denn, Gamma hatte entweder die Karte mitgenommen oder sich gemerkt, auf welcher Straße sie sich befand. Denn keiner von Louis‘ Fehlschlägen kannte seinen Nachnamen.

Alles an ihr stammte aus einem Reagenzglas. Sie hatte keine Mutter, keinen Vater, keine Familie, nur ihre sogenannten Geschwister, von denen sie drauf und dran war, sich in eins davon zu verlieben. Keine alte Großmutter, die ihnen kratzende Pullover strickte und ihnen Märchen vorlas, keine Cousins, mit denen sie sich fetzen konnte, keine Freunde, die sie traf.
Sie waren auf sich allein gestellt, sie alle drei – und einer von ihnen hatte es geschafft, das große Los eines normalen Lebens zu ziehen. Sie war neidisch auf Gamma, und das merkte sie jetzt. Ebenso, wie sie ihre Zuneigung für Beta spürte.

Wenn sie Louis umbrächten, würde seine Leiche wahrscheinlich nie gefunden werden. Vielleicht würden seine Laborassistenten sie mit ans Tageslicht schleppen – aber auch die waren leicht umzubringen.

Es sei denn, er hat seine eigenen Menschen in weiße Kittel gestopft.
Dann hatten sie keine Chance.
Und dann müsste sie Beta und Gamma davon erzählen, was sie trieb, wenn sie das Haus verließ.

Kapitel 12: Sean

Er erinnerte sich nicht mehr daran, wann Alpha an seinem Arm eingeschlafen war, aber daran, dass ihr, kurz nachdem sie endgültig die Augen geschlossen hatte, eine Träne unter dem Rand der Sonnenbrille hervorgesickert war.

Auch ihm war, als würde er gleich einfach auf seinem Sitz zusammensacken. Er hatte Glück gehabt, dass Alpha sich an seiner statt auf den Fensterplatz hatte setzen lassen, doch nun musste er ebenfalls aufpassen, dass er nicht nach draußen sah. Ihm war leicht schwummerig.

Gamma hatte aber die ganze Zeit den Blick nicht von der Glasscheibe wenden können. Sie hatte keinen Ton von sich gegeben, nur ab und zu über ihre Handtasche gestrichen, als könne die Wölbung darin den Inhalt ohne große Kompromisse als eine Pistole entlarven. Ihr kantiger Kiefer arbeitete, sie biss sich auf die Zähne, für ein ungeübtes Auge sah es aus, als kaue sie auf einem Kaugummi herum, doch er hatte es schon oft genug bei sich selbst und bei Alpha beobachtet. Alpha tat es im Schlaf, er zwischendurch.

Neben ihnen hatte sich eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn niedergelassen. Das Kind hatte einen Plastikroboter in der einen und einen bunten Rucksack in der anderen Hand. Seine Mutter hatte ihn auf ihren Schoß gesetzt und strich jetzt die ganze Zeit über seine Wange. Der Junge lächelte, als er alle paar Minuten zu ihr hochsah, und ließ den Roboter durch die Luft kreisen.

Noch acht Stationen bis zu dem Hotel, das Robin über das Internet gebucht hatte. Sie hatten seine EC-Karte dabei, die würden sie brauchen, denn ein Hotelzimmer finanzierte sich nicht von alleine. Es war nicht das beste, das zu finden war, aber wenn sie sich beeilten, würden sie eh bald da raus und wieder auf dem Weg zurück sein.

Und dann – keine Ahnung, was dann kam.

Sie würden wahrscheinlich so weitermachen, wie es gewesen war. Gamma würde weiter mit Robin zusammenleben und Alpha und er würden in das kleine Haus zurückkehren. Und dann weiter. Weiter, bis die Polizei ihnen auf den Fersen war und sie in die Klapse scheuchte.

Das Kind sah zu ihnen rüber. Seine Mutter flüsterte ihm etwas ins Ohr, und es grinste.

Gamma wandte den Blick vom Fenster und lächelte es freundlich an. Sie fuhr sich durch die offenen, dunklen Haare und winkte ihm leicht zu. Ein kurzer Seitenblick auf ihn, der ihm bedeutete, auch etwas zu tun. „Hi“, sagte sie und der Kleine entblößte seine Milchzähne.
„Wie heißt du?“

Hoffentlich dachte die Mutter, sie gehörten nicht zusammen. Sieh mich nicht an, Kleiner.
Ich will nicht, dass du den Schock deines Lebens bekommst. Ich muss aussehen wie ein Bankräuber.

„Sean“, sagte der Junge und umklammerte seine Plastikfigur fester. Hab keine Angst.
„Das ist ein schöner Name“, überzeugte ihn Gamma und der Kleine strahlte.
„Und wie alt bist du?“
„Sechs!“
„Wow.“ Gamma tat so, als sei sie beeindruckt. Du kannst das gut. Mach weiter so, dann fühlt er sich nicht so schlecht, bat Beta. „Dann kommst du sicher bald in die Schule.“
„Jaah, nächsten Sommer“, erzählte der Junge eifrig und reckte stolz die Brust.
„Bist du auch in der Schule?“

Gamma rang sich mit das Lächeln auf ihren Lippen sichtlich ab. Dennoch schaffte sie es zu antworten. „Nein, ich bin schon fertig“, sagte sie. „Du brauchst wirklich keine Angst davor zu haben. Es ist nicht so schlimm, wie es sich manchmal anfühlt.“
„Manchmal?“
„Ja, manchmal hat man schlechte Noten oder fühlt sich, als ob die Lehrer einen nicht mögen würden… dabei wollen sie nur das Beste aus dir machen.“ Hätte Beta nicht gewusst, dass Gamma gerade alles aus dem Ärmel schüttelte, hätte er ihr ernsthaft geglaubt.
„Ach so.“ Der Junge nickte und prompt rutschte ihm eine Locke ins Gesicht, die seine Mutter für ihn wegwischte.

Gamma zog die Mundwinkel hoch, als sei sie ebenfalls stolz auf das, was sie eben erfunden hatte. Sie hatte wie er nie eine Schule besucht.
Alpha zuckte im Schlaf zusammen und er drückte sie fester an sich, um sie zu beruhigen.
„Wie alt bist du?“ Der Junge musterte sie, als könne man ihr das Alter vom Körper ablesen.
Was man natürlich nicht konnte.
Nicht einmal sie selbst konnte es.
„Zwei-zweiundzwanzig“, stotterte sie.
„O mein Gott, wie alt!“ Der Kleine machte ein betroffenes Gesicht.
„Dann musst du ja schon bald sterben!“
„Sean!“, ermahnte seine Mutter und zog ihn von ihrem Schoß. „Lass die Frau in Ruhe.“

Gamma war auf den Jungen fixiert, der jetzt widerwillig ein Käsebrot herausholte und auf Kommando seine Mom reinbiss.
„Gamma?“, flüsterte er, besorgt, sie könnte einen Krampf haben.
„Alles gut, ich bin okay“, presste sie heraus und wandte sich wieder zum Fenster. Sie verbarg das Gesicht hinter den Haaren, doch er sah ihre Tränen.
Mit Kindern konnte man sich so hervorragend unterhalten.

Kapitel 13: Des Kaisers neue Kleider

Alpha wachte auf, als Beta ihr sanft übers Haar strich.
„Wir sind da, Alpha“, flüsterte er ihr ins Ohr und sie schob seinen Kopf lächelnd weg.
Sie schwang die Beine vom Sitz, kam etwas schwankend auf die Füße und folgte Beta und Gamma auf den fremden Bahnsteig, damit sie in der Menge eintauchen konnten.

Sie war noch so müde, dass sie sich einfach mittreiben ließ. An Betas Arm geklammert, um nicht verloren zu gehen, den Kopf gesenkt, die Sonnenbrille schief im Gesicht. Sie rückte sie sich mit steifen Fingern zurecht.

„Wo ist das Hotel?“, fragte Beta Gamma unten in dem fremden Bahnhof. Er hob eine zusammengeknüllte, achtlos hingeworfene Fastfood-Tüte auf und schmiss sie in den Mülleimer neben ihm. „Hast du die Adresse?“

„Natürlich“, antwortete Gamma, kramte in ihrer Tasche, achtete darauf, dass man nicht den Pistolenlauf sah und holte einen Papierschnipsel heraus, den Robin ihnen heute Morgen noch in aller Eile geschrieben hatte. Sie entzifferte ihn mit zusammengekniffenen Augen und schlug schließlich vor: „Lasst uns erst mal raus hier, damit wir sehen, wo wir überhaupt sind.“


Beta zog Alpha mit sich, und sie musste ihm hinterherstolpern. Vor ihren Augen war alles mal wieder schwummerig, sie musste aufpassen, wo sie hintrat.

„Hotel“, murmelte sie, für die anderen unhörbar. Sie wusste, was das war. Aber sie hatte mal wieder keine Ahnung, wie es war, in einem zu sein.

Keine Empfindungen. Nichts.

Die Luft draußen war schneidend kalt. In der Zeit, als sie mit dem Zug hierhergefahren waren, waren die Temperaturen wieder gesunken. Sie zog sich die Kapuze über den Kopf und beobachtete ihre Füße, wie sie neben Betas über den Asphalt schlichen.
Doch dann, nach ungefähr fünf Minuten Fußmarsch, sah sie überrascht auf.
Sie waren stehengeblieben.
Und hier war noch kein Hotel.

Gamma öffnete die Ladentür einer Boutique und hielt sie ihnen auf, sodass sie reingehen konnten. Doch weder Alpha noch Beta wusste, was sie vorhatte.
„Was soll das?“, fragte Beta verwirrt und warf einen Blick in das Ladeninnere.
„Ich will euch ein paar neue Klamotten spendieren“, sagte Gamma und deutete an ihnen herunter. Fast hätte Alpha laut aufgelacht. So kannte sie ihre Schwester ja überhaupt nicht.
„Ist das dein Ernst?“
„Mein voller Ernst.“ Sie warf sich in die Brust.
„Ich bin heute mal spendabel.“
Ja, und außerdem willst du nicht mit deinen schäbigen Geschwistern in ein Hotel einchecken. Ergeben folgte sie ihr rein und zog den sich sträubenden Beta mit sich.

Sie brauchten nicht lange und Gamma hatte sich als alles andere als spendabel erwiesen.
Noch immer redete sie ihnen wortgewandt die teureren Sachen aus und weigerte sich strikt,
mit in die Garderobe zu gehen, um zu sehen, ob die Klamotten passten. Wegen dem Image, erläuterte sie.

„Ich hab noch nie jemanden gesehen, der geiziger ist“, flüsterte Beta Alpha durch die Wand in der Anprobe zu, die sie beide trennte. Doch die hörte ihm nicht wirklich zu, sonst hätte sie vielleicht „Louis“ gesagt. Sie betrachtete sich im Spiegel. Ohne Sonnenbrille. Und sie gefiel sich, was sie selbst überraschte.
Sie trug eine enge dunkelblaue Jeans, die zwar ihre knubbeligen Knie hervortreten ließ, aber ansonsten total ihrem Geschmack entsprach, ein orangefarbenes Polohemd und eine lange dunkelgrüne Strickjacke. Sie hatte sich nie wohler gefühlt. Na ja, abgesehen von dem Gestank nach Plastik und der dicken Luft – und der scheußlichen Musik, die von der Decke aus Lautsprechern auf sie eindröhnte.

Beta streckte seine ebenfalls freigemachte Nase über die leicht instabile Wand.
„Du siehst toll aus“, lobte er und hielt den Daumen hoch.
Alpha musste grinsen, als sie sah, dass er anscheinend halbnackt auf dem in jeder Kabine untergebrachten Hocker stand. Er hatte seine Arme ziemlich umständlich über die Kante gehängt und sah ihr nun zu, wie sie vergeblich versuchte, ihn mit ihrem alten Mantel zu schlagen. Lachend, natürlich. Sie hatte nie vor, ihm wehzutun. „Was hättest du denn gemacht, wenn ich hier auch nackt gestanden hätte?“, fragte sie belustigt und stieg ebenfalls auf den Hocker, um mit ihm in Augenhöhe zu sein.
„Nichts“, erwiderte er und lächelte schelmisch.
„Du bist blöd“, neckte sie ihn und zog ihn am Ohr.
„Jetzt geh wieder runter.“
„Erst, wenn du auch runtergehst.“
„Wie du willst…“, seufzte sie und hüpfte runter.
Ein letztes Grinsen, und sein nackter Oberkörper entfernte sich auch.

Sie hatten nicht lange Zeit, um sich zu bewundern.
Nach geschätzten zehn Minuten scheuchte Gamma sie schon wieder aus der Umkleidekabine, drehte dann resigniert wieder um, schubste sie wieder rein und riss ihnen die neuen Klamotten aus den Armen. „Ich geh das bezahlen, dann reich ich es euch rein und ihr zieht es an, ich ertrag dieses Hirnblutungen hervorrufende, hellgrüne Fifties-Kleid von Alpha nicht mehr, sorry“, stieß sie hervor und schlug die Türen zu.

Ihre Schritte hatten sich erst seit ein paar Sekunden entfernt, als Beta auch schon wieder auf seinem Hocker stand und zu ihr runterschmunzelte. „Du sahst eben wirklich sehr hübsch aus.“
„Danke.“ Sie lehnte sie sich seufzend an die Wand, verschränkte die Arme und sah wieder in den Spiegel. Er zeigte Betas Gesicht genau über ihr, und das sah so gewöhnungsbedürftig aus, dass sie dieses Bild am liebsten hatte einrahmen wollen.
„Was glaubst du, wie lange Gamma braucht?“
„Keine Ahnung. Denke, es dauert länger, denn der Verkäufer hat ihr schon ein paar Lächeln zugeworfen.“ Er streckte seine Arme nach unten und versuchte, an ihren Kopf zu kommen,
doch sie wich ihm lachend aus und fuhr sich durch die Haare.
„Was wird Robin wohl dazu sagen, wenn wir es ihm erzählen?“, spekulierte sie.
„Gamma wird uns vorher rupfen und lebendig in die Pfanne werfen!“ Gespielt entrüstet schmollte er ein bisschen, was unter seiner Nase etwas seltsam aussah.
„Ja, ja, was immer du sagst.“

Ihr Magen fühlte sich komisch an, sie wollte noch etwas sagen, etwas, was ihn erneut zum Lachen brachte, vielleicht etwas, was er witzig fand. Doch ihr fiel überhaupt nichts mehr ein. Was war das bloß für ein Gefühl? Sie hatte es noch nie vorher gespürt.
Es war, als hätte man über ihnen einen Eimer Spaß ausgeschüttet. Sie hatte sich immer danach gesehnt, so etwas zu fühlen. Etwas normales, einfach pures Glück, am Leben zu sein, lachen zu können – doch es hörte sich in ihrem Kopf irgendwie falsch an. Es passte nicht zu ihnen, einfach so frei zu sein,  bei dem, was ihre Zukunft ihnen versprach – und zwar mit Sicherheit nicht das, was sie jetzt erlebten.

Als Gamma sie endlich abholen kam, keuchte sie leicht, ihr Lippenstift war verwischt und sie versuchte dies mit ihrer Hand zu verstecken. Sie warf ihnen einen leicht gehetzten Blick zu, reichte ihnen die Sachen rein und wartete, während sie diese anzogen, vor den Kabinen.

Kurze Zeit später standen sie auf der Straße, in den Tüten, die ursprünglich für die neuen Klamotten gedacht waren, ihre alten Kleider, etwas orientierungslos, bis Gamma einfiel, den Stadtplan aus der Handtasche zu ziehen und sie durch die breiten Straßen der Innenstadt zu lotsen. Sie tat das ziemlich wortkarg, wenn sie glaubte, dass ihre Geschwister nicht hinsahen, richtete sie sich ihren für Alphas Geschmack viel zu kurzen Rock, der in der Zeit, in der Alpha und Beta nur hatten erahnen können, was sie gerade trieb, reichlich nach oben gekrempelt worden war, und richtete sich etwas zu oft die aus der Frisur gerutschten Haare.
Alpha musste Beta gar nicht vielsagend ansehen, damit er merkte, was Gamma getan hatte.
Die einzige Frage war, was Robin davon halten würde.
Und das meinte sie jetzt todernst.

Kapitel 14: Hotel

Beta reichte Alpha total erschöpft auf den letzten Stufen die Hand, um sie mit letzter Kraft hochzuziehen. „Und du bist sicher, dass das hier der richtige Weg ist?“, japste er in Richtung Gamma, die unbeeindruckt die ganzen 367 Stufen hochgestelzt war (er hatte mitgezählt).
Alle paar Sekunden hatten sie aufgeregten Touristen ausweichen müssen, die sich gegenseitig auf der gigantischen Treppe fotografieren ließen, Tauben, die auf den Stein kackten, und bis zuletzt hatten sie sich nicht getraut, das durch und durch verrostete Geländer anzufassen, bis sie mehr hochgestolpert als gestiegen waren.

Doch Gamma ließ es kalt. Nicht mal angestrengt sah sie aus.
Im kompletten Gegensatz zu vorhin. Anscheinend waren ihre rote Gesichtsfarbe und der im ganzen Gesicht verteilte Lippenstift mit etwas anderem hervorgerufen worden.

Sie war das, was Beta immer in ihr gesehen hatte. Und er verfluchte sich dafür, dass er nicht in dem alten Haus abgedrückt hatte. Aber andererseits hatten sie jetzt eine Chance. Und Alpha ging es so gut in letzter Zeit. Er hatte sie noch nie so fröhlich gesehen. Die Gesellschaft tat ihr gut. Doch er wollte das einfach nicht wahrhaben. Er fühlte sich beleidigt, benutzt – und vielleicht konnte sie das in seinen Augen lesen, als er sie an sich drückte, an ihren neuen Klamotten hinuntersah und sich einredete, dass es trotzdem noch die alte Alpha war, egal, ob sie nun komplett anders roch oder nicht. Vielleicht legte er zu viel Hass in seinen Blick, zu viel Sehnsucht nach der Vergangenheit? So oder so starrte Alpha derartig überrascht zu ihm hoch,
als habe er ihr gerade gebeichtet, dass er gar nicht von Louis stammte.
Sie tat ihm Leid.
So Leid.

„So, das muss das Hotel sein. Sieht doch gar nicht mal so schlecht aus!“ Gamma atmete zufrieden aus, öffnete, ohne wirklich darauf zu achten, ihre Tasche und ließ den Plan wieder hineingleiten. Das war seiner Meinung nach die Untertreibung des Jahrhunderts.
„Whoa“, brachte er heraus.
Vor ihnen war ein riesiger Vorplatz, ein ruhiger Kreisverkehr mit einem fließenden Springbrunnen in der Mitte, dessen weibliche Steinfigur kokett einen steinernen Krug ausschüttete, drehte sich gemächlich vor dem Gebäude. Gerade fuhr ein schwarzmetallic lackiertes Auto vor, hielt an und ein Mann im Anzug und einem braunen Fellmantel stieg aus, winkte dem Fahrzeug, das weiterfuhr, und schlenderte an den gepflegten Blumenkästen vorbei in das von außen so glänzende Hotel, dass es sich in Alphas Brillengläsern spiegelte.

Vor dem Eingang stand eine rote Markise, doch die goldene Schrift darauf war so verschlungen, dass er sie nicht entziffern konnte. Sie war an zwei Fensterbänken befestigt, sodass sie sich über die gesamte Tür schwang. Die Außenfassade war komplett aus Glas, wie ein gigantischer Diamant lag das Haus auf der Straße, umgeben von einem eingezäunten eigenen Park und einem fast natürlich wirkenden See. Vor manchen Fenstern waren Gardinen gespannt, er wollte lieber nicht wissen, was man gerade in dieser Suite trieb, doch manche ließen den Blick frei auf große, lichtdurchflutete Räume, in denen sich zum Teil Gäste befanden, einige standen in den seiner Meinung nach viel zu eckigen Einbauküchen und brutzelten irgendetwas, was sie gerade im Hightech-Kühlschrank gefunden hatten, andere lagen auf den breiten Betten und lasen sich noch einmal mit gerunzelter Stirn die Broschüre auf dem Nachttisch durch, und noch einmal weitere zerrten an zerfetzten Magazinen und Büchern, die sich zwischen den Zähnen ihrer bissigen Haustiere befanden.

„Und du bist sicher, dass wir hier richtig sind?“, schnaufte Alpha.
„Jo, absolut sicher!“, antwortete Gamma fröhlich, zog mit einer gekonnten Bewegung (ohne Spiegel!) ihren Lidstrich nach und setzte einen entenähnlichen Wackelgang auf, bei dem (was ihm besonders von hinten auffiel) ihr Gesäß dermaßen herausstach, dass er sich den Schal am liebsten auch noch über die Augen gezogen hätte.
Widerwillig folgte er ihr mit den Händen in den Jackentaschen. Das konnte ja was werden.

Unter dem Eingang fühlte er sich wie ein König, ein König, der gerade hier abgeliefert worden war, vor seinem Palast… und er stoppte seine Fantasien, die auch noch dadurch verschlimmert wurden, dass ihnen in der Lobby der aphrodisierende Duft von Lavendelblüten entgegenschlug. Wie auf Drogen stolperte er den wohlentstaubten Teppich entlang, sah sich nach Alpha um, der es anscheinend nicht besser ging, und sah Gamma dabei zu, wie sie sich von dem charmantesten Lächeln dem Mann vorne am Schalter die Schlüssel für ihre Zimmer geben ließ.
Sie hielt sie triumphierend hoch und klimperte ein wenig damit herum, bis sie sie nacheinander in ihre Hände fallen ließ.
„Dritte Etage“, flötete sie und drückte auf den Knopf vom Lift, der augenblicklich aufging und sie einließ.

Dimmdimmdimm, lalala, dimmdimmdimm…
Scheiß-Fahrstuhlmusik, dachte er, während er mit dem Fuß mitwippen musste. Da war kein Takt drin, keine Stimme, keine Tonika… Was war das dann?
„Was wollt ihr denn?“, fragte eine kindliche Stimme aus den Lautsprechern während einer fünf-Sekunden-Werbung.
„Ma-o-am! Ma-o-am!“
Alpha kicherte.

Drei Einzelzimmer, jedes groß genug für sie alle zusammen.
Er schmiss seine neue Jacke über die makellos reine Bettdecke, behielt den Schal aber noch an, streifte diesen erst ab, nachdem er die Vorhänge zugezogen hatte und ließ sich aufs Bett plumpsen. Er ging darin unter. Wassermatratzen, schoss es ihm in den Kopf, als er ein glucksendes Geräusch unter sich hörte und die Oberfläche sich leicht kräuselte. Wie cool.
Er fühlte sich wirklich wie ein König. Bedient, allein gelassen, reich beschenkt. Das mussten Könige sein. Dieses Gefühl kannte er, seltsamerweise, oder er konnte es sich zumindest zusammenreimen. Anscheinend war es normal, dass alle anderen Menschen sich auch manchmal vorstellten, Macht zu haben und zu träumen.
Ich habe etwas Normales getan.
Wie dumm das klang.
Er war müde.
Und eingeschlafen, bevor er zur Fernbedienung langen konnte, die die Macht über einen Flachbildschirm hatte. Riesig.
Und schläfrig.
Süße Träume, Beta.
Klebrig süße.

3 Kommentare

Mary am 15. April 2014

Wow, ich hab zwar nur reingelesen, aber es ist richtig gut. Wirklich mal was ganz anderes Tolle Idee LG Mary

Lollypop am 12. April 2014

O mein Gott, das ist ja schon ein ganzes Buch * hat mir 15 Minuten Zeit gekostet, um das ganze zu lesen, aber es hat sich wirklich gelohnt Wunderschön! LG Lollypop

L!NH am 12. April 2014

OMG! WIE COOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOL! Die Geschichte, d.h. eigentlich das "BUCH" ist so spannend!!! Du hast so viel Mühe reingesteckt...