X

Hannah Molkenthin

The Blind One

Kapitel 1

Hab mich durch eine andere Geschichte von einer Internetseite inspirieren lassen, ist aber auch kein direkter Abklatsch davon... Enjoy. Arbeite noch dran. :)

Freitag, 16:56
Mathias Sobek Lenssen, Paranoia

„Sie verfolgt niemand, Mr Lenssen. Sie leben alleine, was sich auf Ihre Krankheit zurück führen lässt, aber Sie waren einmal verheiratet, richtig?“

Der Mittvierziger mit dem schütteren Haar und den starrenden Augen nickte widerwillig. „Richtig.“

„Haben Sie Kinder?“

Sein Blick sagte: Lecken Sie mich doch am Arsch, das geht Sie doch alles überhaupt nichts an! Bevor er das jedoch aussprechen konnte, hatte er schon ein „Ja“ herausgepresst. Sie lehnte sich zufrieden zurück. „Das ist schön, Mr Lenssen. Sie kommen aus Deutschland? Ihre Exfrau ist immer noch da, steht hier.
Was ist mit dem Kind?“

„Es ist ein Junge“, brummte der Mann. Er hatte keine Lust auf ein Gespräch, das war nicht zu übersehen. „Ja, er ist… war… bei ihr.“

„Was empfinden Sie, wenn Sie an ihn denken?“

Diesmal dauerte es länger, bis er antwortete. Mr Lenssen kam seit zwei Jahren regelmäßig zu ihr. Seine Krankheit hieß Paranoia. Verfolgungswahn. Er reagierte zu allem über und hielt zugeknöpfte Menschen für Mörder, Diebe und Verbrecher.
Sein Vertrauen zu gewinnen, war schwerer, als heutzutage noch gute Bücher zu finden. „Abscheu“, flüsterte er und seine Hamsterbacken wurden rot.

Sie versuchte, das Gefühl zu ignorieren, das in ihr hochkroch. „Und warum gerade Abscheu?“

„Mein… mein Sohn…“ Er stammelte, versuchte, die richtigen Worte zu finden. Sie war auf einem guten Weg, alles aus ihm herauszupressen wie aus einer frischen Orange. Das war keine Taktik. Das war reine Psychologie. Sobald sie den Klang ihrer Stimme so verstellte, dass sie sich anhörte, als wären ihre Patienten nichts mehr als die Ratten, die ihr mit ein wenig Mühe Geld einbrachten, also so ziemlich die „Lehrerstimme“, wie ihre Tochter sie nannte, konnten sich selbst tätowierte Massenkiller nicht um eine Antwort drücken.

„Ich wusste damals nicht, dass mit meinen Spermien was falsch läuft“, murmelte Lenssen und sah auf ihren Briefbeschwerer. Sein Englisch war hervorragend dafür, dass er erst fünf Jahre in diesem Land lebte. „Als er auf die Welt kam, stellten die Ärzte nichts fest… Er war gesund…
bis er mit vier den Grauen Star bekam. Er ist jetzt siebzehn, ist an einer Schule für Behinderte, hier. Er war eine Zeit lang in Jugendhaft wegen Brandstiftung an Autos und so einem Kram… Niemand weiß, wieso. Ich bin nicht stolz, sein Vater zu sein.“

Sie seufzte und legte den Kopf schief. „Wie geht es ihm jetzt?“

„Ich hab ehrlich gesagt keinen Schimmer“, gab er zu und zuckte mit den Schultern.
„Seit meine Frau tot und er durchgedreht ist, hab ich so überhaupt keinen Kontakt mehr.“

„Seit wann sind Sie noch mal paranoid?“, fragte sie zerstreut. Himmel, ein Junge im Alter ihrer Tochter und schon so etwas… Sie sah auf ihre Armbanduhr. „O Gott, wir haben noch zwei Minuten. Schreiben Sie mir seine Telefonnummer auf.“
Sie schob ihm einen Zettel und einen Stift rüber und fing schon damit an, ihre Kleidung zu sortieren.

„Was?“ Konfus starrte er sie an. „Ich soll…“

„Ganz recht, ich will ihn behandeln. Rowdys sind meine Spezialität. Und jetzt schreiben Sie endlich, Herrgott nochmal, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit, ich hab auch noch andere Fälle.“

„Na gut…“ Wenig überzeugt griff Mr Lenssen nach dem Kugelschreiber und kritzelte eine kaum lesbare Adresse und eine Reihe von Zahlen auf das Blatt Papier. „Bitteschön. … Ach ja…“
Er drehte sich kurz vor der Tür noch einmal um und sah ihr in die Augen. Sein Blick war leicht gehetzt, aber es lag so viel Dankbarkeit darin. „Wenn Sie ihm nicht helfen können, dann ist es auch nicht schlimm.“

„Doch, Mr Lenssen, und wie schlimm das für mich ist“, widersprach sie, ohne aufzusehen.
„Ich lasse ihn  mir sozusagen zuschicken. Ich rufe Sie vielleicht an, wenn er da ist.
Eventuell wollen Sie ihn sprechen…“

„Nein! Um Gottes Willen, nein.“ Er stülpte sich seine Mütze auf den Kopf, hüllte sich in seinen Mantel und legte die Hand auf die Klinke. „Ich will doch nicht mit diesem Jungen reden!
Noch einen guten Tag.“ Und er rannte gegen Owen Lagrissa, Traumata, als er Hals über Kopf rausstürmte.

Das Danke, Ihnen auch verbiss sie sich. Was für ein schlimmer Vater. Kein Wunder, dass dieser Junge so war.

Sie schielte auf den handgeschriebenen Zettel, während sie die Patientin zu sich hereinwinkte. Jonas Echnaton Lenssen.
Diese Familie hatte ein Faible für das alte Ägypten.
Bei Gelegenheit würde sie ihn fragen.

Kapitel 2

Freitag, 19:23
Feierabend


„Moira?“ Sie warf die Schlüssel auf die Kommode, schälte sich aus der Jacke und schob ihre Schuhe unter die Garderobe.

In der Wohnung war es still. Ihre Tochter konnte noch nicht schlafen, es war viel zu früh. Normalerweise hörte sie zu dieser Zeit noch laut Musik. Vielleicht war sie gar nicht da?

Doch. Sie war da. Der Schinkennudelauflauf, den sie ihr immer nach den Hausaufgaben machte, damit sie etwas im Magen hatte, sobald sie zu Hause war, dampfte im Backofen vor sich hin.

Sie nahm sich einen Küchenhandschuh, öffnete das Ding und stellte die Platte auf die Arbeitsfläche, hustend vor dem Dampf, der ihr entgegenkam. Der Auflauf war zwar noch nicht ganz schwarz, aber essbar war er schon lange nicht mehr. „Moira!“

„Jaaaaha“, kam es dumpf zurück.

„Wie war dein Tag?“

„Wie immer“, war die spärliche Antwort.

Sie versuchte, ein Stück aus der Form zu kratzen und es sich auf einen Teller zu legen, doch alles, was herauskam, war ein verkrustetes Irgendwas. Währenddessen hörte sie schlurfende Schritte, die sich der Küche näherten und kurze Zeit später stand ihre Tochter mit Kopfhörern im Türrahmen und lehnte sich relaxed dagegen. Sie spielte mit ihrem iPod und wippte im Takt zu der Musik mit dem Kopf. „Wie war die Arbeit?“, drang aus ihrem Mund.

„Ich hab sozusagen einen neuen Auftrag“, erklärte sie und balancierte den Teller zum Tisch.

„Und was?“ Moira schielte auf den verunstalteten Auflauf und warf ihr einen entschuldigenden Blick zu. „Woher denn?“

„Es ging im Großen und Ganzen erstmal um diesen paranoiden Deutschen… Der hat einen blinden Sohn, der Autos abfackelt, und… ich dachte, ich versuch es mal…“

„Einen depressiven blinden Deutschen, der Amok läuft? Cool“, grinste Moira.
„Wie alt? Hast du ihn schon gesehen? Hast du seine Nummer?“

„Siebzehn, nö und ja. Wieso? Interessiert? Er wird dich nicht haben wollen. Erstens bist du sechzehn, zweitens hegst du nicht wie er die Leidenschaft, Dinge kaputt zu machen. Also red ihn dir besser wieder aus.“ Die Gabel blieb in dem verbrannten Ding stecken, verdammt.

„Ist nicht gesagt“, schmunzelte ihre Tochter und war wieder in ihrem Zimmer.

Sie schüttelte lächelnd den Kopf, nahm den Teller und ging ins Wohnzimmer. Sie schaltete den Fernseher ein und ließ sich auf die Couch fallen. Im Fernsehen lief etwas über Diana Simpson. Diana war Moiras beste Freundin seit dem Kindergarten. Sie hatte einen eigenen Radiosender gehabt, bis ein Fernsehsender sie aufgenommen hatte. Gerade wurde Diana von einem Reporter interviewt. Diana strich ihre blonden Locken zurück und antwortete dem Kameramann.

Sie erinnerte sich daran, dass Moira gesagt hatte, Diana wollte im Radio mal von ihrem Psychologiejob berichten. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass es nicht ausgerechnet dann war, wenn sie ihren ganz großen Fisch an der Leine hatte. Ein blinder Teenager, der randalierte – ein richtig großer Fisch. Und da konnte sie es gar nicht gebrauchen, dass eine Reporterin und ihre Tochter daneben saßen – auch wenn es den Jungen nicht stören würde.
Er würde es wahrscheinlich nicht einmal bemerken.

Sie hatte den Zettel eingesteckt, den Mr Lenssen ihr gegeben hatte. Sie ignorierte den in sich zusammengefallenen Auflauf, den sie noch in der Hand hatte, machte den Fernseher aus und stellte das Essen auf den Couchtisch. Orientierungslos verschwand sie in den Flur, bekam ihre Tasche zu fassen und kehrte mit dieser ins Wohnzimmer zurück. Wieder auf dem Sofa, ließ sie den Verschluss klicken und wühlte so lange darin herum, bis sie den kleinen Fetzen zwischen den Fingern hielt. Die Adresse darauf war die Adresse einer Anstalt.

Oh Gott, dachte sie und starrte fassungslos auf das Stück Papier. Mr Lenssen hat gelogen.
Sein Sohn war nicht in einer Schule, sondern in einer Gummizelle untergebracht.

Oh Gott, wiederholte sie im Kopf, während sie sich mit rumorendem Magen nach dem Telefon umsah. Sie erblickte es auf der Kommode neben sich, riss es aus der Ladestation und fing an,
die Telefonnummer darunter zu wählen. Die Lehrerstimme, dachte sie noch, bevor sich eine Stimme an der anderen Leitung meldete.

„Psychiatrische Klinik London, was kann ich für Sie tun?“

Der Klang gefiel ihr auf Anhieb nicht. Ein wenig zu nasal,
ein wenig zu streng, aber mit einer seltsamen Weiche im Hintergrund. Wie, als wenn ein harter Vater mit seinen Kindern redete.

„Schönen Guten Tag“, antwortete sie aus Spaß ebenso näselnd.
„Ich möchte gerne mit dem jungen Mr Jonas Lenssen sprechen.“

„Sind Sie eine Angehörige?“, hinterfragte die Stimme neugierig. Es war eindeutig die einer Frau.

„Warum?“ War er… Nein. Das konnte sie sich nicht vorstellen. Obwohl… selbst wenn Mr Lenssen es gewusst hätte, hätte es ihn nicht im Geringsten gejuckt.

„Nur so aus Interesse. Natürlich können Sie ihn sprechen. JONAS! TELEFON FÜR DICH!“ Das letzte kreischte sie so laut, dass sie unwillkürlich zusammenzuckte.

Die Stimme, die sich daraufhin am anderen Ende meldete, war eine Wohltat. Sehr sanft, fast etwas samtenes hatte sie. Ganz so, als würde er jemanden erwarten, der ihn vielleicht anschreien würde hauchte Jonas ergeben in den Hörer: „Hallo?“

„Hallo, Mr Lenssen.“ Sie hielt es für angebracht, ihn zu siezen. Schließlich konnte man so etwas bei seinem Alter schon machen. „Mein Name ist Julie McGorraw. Ihr Vater ist bei mir in Behandlung, ich bin Psychologin…“

Klack. Er hatte einfach aufgelegt.

Verdutzt starrte sie auf das piepende Telefon in ihrer Hand. Na so was. Aber auch er schien den Kontakt zu seinem Vater nicht unbedingt als gut einzustufen.

Es dauerte keine zehn Sekunden, bis das Ding wieder klingelte.
Er war es wieder.

„Ja?“

„Hören Sie, es tut mir Leid, wenn Sie ausgerechnet meinen Vater als Patienten erwischt haben, aber…“

„Nein! Ich meine…“ Fast schämte sie sich darüber, dass sie so dazwischengeredet hatte.
„Ich meine, ich hab etwas mit Ihnen vor.“

Ein Seufzen. Er sprach so leise, als fürchtete er, die nasale Lady würde alles mithören.
„Ich tue alles, was mich aus diesem Loch herausholt.“

„Ich würde mich Ihnen gerne widmen.“ Sie hatte beschlossen, es so zu formulieren.

„Hä? Was meinen Sie damit?“

Okay, falsche Formulierung. „Was halten Sie davon, bei mir vorbeizuschauen? Mich interessiert Ihr Fall sehr, ich bin sicher, dass ich Ihnen helfen kann.“

„Nicht, wenn Sie nicht schwören, dass Sie meinen Vater aus ihrer Liste streichen.“
Und wieder legte er auf.

Diesmal waren es nur sechs Sekunden. Doch nichts klang aus dem Hörer, nur ein seltsames Rauschen, das ihr nichts Gutes verhieß.

Hatte er das Telefon in ein Waschbecken geworfen oder warum gab ihres nun einen langgezogenen, ohrenbetäubenden Quietschlaut von sich? Fuhr er mit einem ausgebrannten Auto darüber oder was? „Hallo? Hallo!“

Keine Antwort. Wieder Klack.

Kapitel 3

Samstag, 12:47
Psychiatrische Klinik London

Der Besuch war eine spontane Entscheidung gewesen. Nicht, dass sie gerne eine Anstalt besuchen würde, aber sie war sich nicht ganz darüber im Klaren, was Mr Lenssen Senior noch so für Überraschungen auf Lager hatte. Seinen armen Sohn einfach in eine Psychatrie zu verfrachten. Und er war noch so jung.
Ekelhaft, dieser Typ.
Der einzige Klotz am Bein, der ihr geblieben war, war Moira.
Im Auto hörte sie weiter stur Musik. Ihre Haltung verriet nichts von der eingehenden Diskussion, die sie vor einer halben Stunde gehalten hatten, nichts von dem Ich bin sechzehn, lass mich doch und dem Ich mach doch nur Notizen für Diana!.

„Wann sind wir da?“ Es klang nicht wie damals, als sie alle fünf Minuten diesen Satz heruntergeleiert hatte, entweder aus dem Grund, dass sie mal musste, oder aus dem Grund, dass ihr stinklangweilig war. Es klang erwachsener. Und irgendwie geschäftlich, als würde sie für all das hier bezahlt werden.

„Gleich. Nur noch diese Kreuzung.“ Sie wendete den roten Porsche, der nach siebenundzwanzig Jahren in Besitz ihrer Familie immer noch perfekt war, bis auf diesen kleinen Makel, dass er weder ein Radio noch einen Autoschlüssel besaß.
Denn wenn man mit einem Schraubenschlüssel an einem Auto herumporkelte, konnte das vielleicht  bei manchen Leuten falsch verstanden werden.

Sie bogen vor ein Eisentor, auf dem die Lettern „Psychiatrische Klinik“ zu sehen waren.
Die Torangeln gingen mit einem lauten Knirschen automatisch auseinander und ließen sie auf einen Weg mitten in einem großen Garten fahren. Hinter den Bäumen, die größtenteils um die Stacheldrahtmauer gepflanzt waren, die das Grundstück eingrenzten, konnte man schon das schneeweiße Gebäude erkennen.

Sie sah im Rückspiegel, dass Moira ihren iPod ausgeschaltet hatte. Sie sah ebenso sprachlos wie sie auf den neumodischen Grabstein vor ihnen.

„Ich denke, die Patienten sollen sich wohlfühlen?“, hauchte sie und legte den Kopf schief.
Sie zuckte die Schultern. „Ich hätte das nicht so ausgesucht.“
Ihr Blick glitt nach links, zu einer der Bänke, die zwischen den Bäumen aufgestellt waren.
Auf ihr saß eine junge Frau mit eingefallenem Gesicht, Hello-Kitty-Morgenmantel und so weit hochgekrempelten Ärmeln, dass man zwölf dünne Narben auf jedem ihrer Unterarme erkennen konnte. Sie wandte sich ab, um nicht aus Versehen gegen einen Stamm zu fahren.

„Und du willst wirklich mit da reinkommen?“, zweifelte sie ihrer Tochter zu.
„Du bist sicher, dass du nicht schon abhaust, wenn sie dich filzen?“
„Ich hab doch nur den iPod“, winkte Moira ab, doch sie war bereits etwas weißer geworden.
Sie lächelte still in sich hinein und hielt an einem kleinen Pförtnerhäuschen, in dem ein gelangweilt aussehender junger Mann, vielleicht Anfang zwanzig, die Beine hochgelegt hatte.
„Guten Tag“, rief sie durch die Glasscheibe.

Der Mann kurbelte diese misstrauisch runter, warf einen Blick auf Moira und sein Gesicht wurde etwas entspannter. Mit einem Grinsen sah er viel relaxter aus. Dass er ganz gut aussah, musste sie ihrer Tochter auch nicht zweimal sagen. Doch zum Glück hatte Moira kein Interesse an einem Pförtner vor einer Irrenanstalt.
„Guten Tag“, erwiderte der Irrenanstaltpförtner. „Besuch oder…“
„Oder was? Lieferung?“, erkundigte sie sich schmunzelnd.
„Ich denke, wir sind nur zum besuchen hier.“
„Na dann. Steigen Sie bitte aus.“
Kaum standen sie auf der Erde, schon fing der Mann an, sie sorgfältig abzutasten. Moira lief knallrot an, als er es bei ihr machte.
„Sie sind sauber. In Ordnung. Viel Spaß noch.“
Sein Strahlelächeln blieb auf Moira kleben, die es jedoch ignorierte und wieder einstieg.
Die Röte blieb immer noch auf ihren Wangen. Sie murmelte etwas in der Richtung wie
„Was für ein Spast“ und starrte stur weiter nach draußen.

Auf dem Parkplatz standen keine Autos. Die freien Stellen für die Fahrzeuge waren von abgefallenen Blättern gesäumt, die wohlgeschnittenen Hecken drumrum verloren auch alles Grün. Sie hielt den Porschen, schaltete den Motor aus und stieg aus. Moira tat es ihr nach, betrachtete missmutig das Klinikgebäude und machte sich mit ihrer Mutter im Schlepptau – besser gesagt, ihre Mutter musste hinter ihr herkeuchen, um mit ihr Schritt zu halten – auf den Eingang zu.

Innen drin blendete sie ein weißes Licht. Die Lampen an der Decke leuchteten so intensiv, dass man jede Staubfluse, die um sie herumschwebte, erkennen konnte.
„Wo müssen wir hin?“, flüsterte Moira eingeschüchtert.
Bevor sie irgendwas antworten konnte, kam ihnen eine mit einem weißen Kittel umwedelte Person entgegen. Es war eine kleine, drahtdürre Frau mit für ihren Geschmack zu braungebrannter und zerknitterter Haut, die an altes Pergament erinnerte. Ohne, dass diese Frau nur irgendeinen Ton von sich gegeben hatte, wusste sie, dass sie die nasale Telefonstimme war.
„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“ Sie musterte Moira mit hochgezogener Augenbraue. „Ist die da alt genug, um hier zu sein?“
„Ich bin sechzehn“, sagte Moira und stierte ebenso misstrauisch wieder zurück.
„Dann is ja gut. Zu wem wollen Sie?“
„Mr Jonas Lenssen“, sagte sie. „Wir haben schon telefoniert.“
„Ach, SIE waren das“, staunte die kleine Frau, drehte sich um und stob davon. Ihr Mantel wirbelte um sie herum wie ein Supermann-Umhang. Sie stopfte in eine der Türen, die rings um sie her waren, einen Schlüssel, drehte diesen ruppig herum, steckte den Kopf in den dahinterliegenden Raum und brüllte: „JONAS! BESUCH FÜR DICH!“
Moira sah ihre Mutter ungläubig von der Seite an und machte eine unmerkliche kreisende Handbewegung in der Gegend ihrer Stirn. Doch die kannte dieses Spielchen schon und blieb ganz lässig.

Die Frau, die ihrer Meinung nach auch mal einen Termin bei ihr ausmachen sollte, riss die Tür ganz auf, flanierte ohne große Scham hinein und kam kurze Zeit später mit einem Jungen wieder raus, der einen Blindenstock in der Hand hielt.
Dessen Ende prallte bei der scharfen Wendung gegen die Wand und er strauchelte, doch die Frau packte seinen Arm und zerrte ihn weiter vor.
Als sie mit ihm vor ihnen stand, wurde er von den beiden eingehend gemustert.
So hatte sie ihn sich nicht vorgestellt.
Und Moira anscheinend auch nicht.
Die Kinnlade klappte ihrer Tochter herunter, und sie starrte ihn so entgeistert an, als habe er groß und breit das Wort ARSCHLOCH auf der Stirn tätowiert.

Jonas Echnaton Lenssen, der siebzehnjährige depressive blinde Deutsche, der Autos abfackelte, war zirka eins fünfundsiebzig groß und damit einen halben Kopf größer als sie und Moira.
Er trug eine anständige Jeans, weder eine, die irgendwo in der Kniekehle hing, noch eine, bei der man detailreich die Kniescheibe sehen konnte, und eine graue einfache Joggingjacke.
Seine Hand umklammerte den Stock, als habe er Angst, ihn aus Versehen fallen zu lassen und ihn dann aufheben zu müssen, und sobald man den Blick höher wandern ließ, bekam man kaum noch Luft mehr.

Sie hatte keine Ahnung, wie es bei ihrer Tochter war, aber sie tippte auf Hormonschub.
Sie kannte nicht viele Blinde, die es schafften, trotz ihrer Behinderung so gut auszusehen.
Zum Glück sah er nicht, dass sie ihn so anglotzten.
Selbst für ihre dreiundvierzig Jahre hatte sie plötzlich Fantasien, die eindeutig mit ihr durchgingen. Sie sah sich wie auf dem Foto von vor fünfundzwanzig Jahren, auf einer Bank sitzen, mit diesem Jungen an den Lippen… O mein Gott. Sie hatte eindeutig ein wenig zu viel Kaffee getrunken.
„Hallo?“, fragte Jonas irritiert. Ein unausgesprochenes Ist hier überhaupt jemand hing in der Luft.
„H-Hallo“, echote sie schnell und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
Er erkannte ihre Stimme. Schlagartig wurde sein unglaublich attraktives Gesicht schlaff.
„Was machen Sie denn hier?“
Moira sah sie fragend von der Seite an. Ach ja, stimmt ja, sie hatte ihr noch nichts von dem Telefongespräch erzählt.
„Äh, wäre es möglich, dass wir draußen einen kleinen Spaziergang machen?“, wandte sie sich rot angelaufen an die Frau.
„Was soll das bringen?“, fragte Jonas mit schneidender Stimme. „Ich hab davon eh nichts.“
Und er schüttelte die Hand dieser Frau ab, um sich durch die schokoladenfarbigen Haare zu fahren. Jetzt, wo seine Augen nicht mehr von einem braunen Teppich versteckt wurden, erkannte sie, dass sie ziellos in ihren Höhlen herumschwammen. Sie waren verwischt, hatten überall eine leicht gräuliche Färbung. Sie fixierten schwankend die Lampen an der Decke, dann kippten sie runter und starrten auf seine Schuhe. Stimmt, er hatte eh nichts vom schönen Anblick der Natur.

Da fiel ihr etwas ein. „Ähm… ich wollte mit Ihnen reden… ach ja… ich habe meine Tochter mitgebracht, sie recherchiert über meinen Beruf für irgendwas…“
Moira starrte sie entgeistert an, formte mit den Lippen die Worte: „Hast du sie noch alle?“ und bedeutete sie mit einer ernst zu nehmenden Geste, nachzuprüfen, ob ihr Kopf noch am Hals war. Er war es.
„Freut mich.“ Jonas sah zwar in die falsche Richtung, aber egal.
Er schien immer noch ein wenig aufgebracht.
„Hi“, brachte Moira heraus. „Ähh, ich mach das hier für meine Freundin… sie arbeitet bei einem Fernsehsender und…“
„Interessiert mich auch nicht. Was jetzt, wollen wir hier noch ewig stehen?“ Und er machte drei Schritte nach vorne, stieß Moira das Ende seines Blindenstockes in den Fuß (sie ließ sich nichts anmerken, obwohl sie danach auf einem Bein hüpfte – tolle Erziehung!) und knallte auch noch gegen sie.
„Ups“, keuchte sie und versuchte, ihn von sich wegzuschieben. „‘tschuldigung, ich war im Weg.“

Die Frau machte sich wieder bemerkbar und schien so rein gar nichts davon zu halten, dass Moira die Schuld auf sich nahm. „JONAS“, keifte sie mit erbostem Gesicht.
„WAS SAGT MAN DA?“
Er wirbelte herum, richtete seinen Blick dorthin, wo er diese Hexe vermutete, und seine Augen sagten, auch ohne dass sie irgendwas sehen mussten: ICH sage da: Lecken Sie mich doch am… Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
„Entschuldigung, ich glaube, ich war das“, knurrte er.
Man konnte nicht wirklich erkennen, zu wem er das jetzt sagte, zu dieser Frau oder zu Moira, aber beide schienen damit zufrieden zu sein. Moira, weil sie sowieso ein wenig Angst vor diesem Jungen zu haben schien, und die Frau, weil sie anscheinend stolz auf sich war, dass er sich diesen Satz hatte merken können.
Yeah, Mrs Hexe, Superfortschritt in der Behandlung eines gegen seinen Willen eingesperrten jungen Mannes!

Kommentar

Jule am 23. März 2017

Es ist super! Hast du dazu mehr geschrieben?