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fire

The Killing Moon

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hier mal wieder was von mir... zum titel: er hat nicht direkt was mit der geschichte zu tun, sondern ist der titel des liedes, das ich beim schreiben hoch und runter gehört habe. lg und ganz viel spaß beim lesen, ich freue mich über kommentare. fire  

Schwarz war die Nacht, schwarz wie die Krähen, deren Schreie die Dunkelheit zerrissen. Das Haus war alt, und weder die Wände noch die Türen gaben noch ansatzweise das her, wozu sie einst konstruiert wurden waren.

Der Donner und die hellen Blitze, die im Minutentakt die Welt in grelles weißes Licht tauchten, machten sichtbar, wo es stand, das Haus.

Haus.

Das er nicht lachte.

Bruchbude, eine wackelige, an allen Ecken und Enden quietschende, krachende, bröselnde und alles andere als warme Bruchbude, mehr war es nicht.

Rings um sie waren einst Gräber gewesen. Ein normaler Friedhof mit einem Haus in der Mitte, das immer mehr verfiel und dessen unsprüngliche Besitzer niemand kannte, geschweige denn den Zweck, zu dem man es auf dieser unheilvollen Erde gebaut hatte.

Seid genau 13 Minuten und 12 Sekunden waren da keine Gräber mehr.

Und niemand wusste, warum.

Die Dorfgemeinde stand dort im Sturm, mit wehenden Röcken, Haaren und Jacken, zusammengeklappten Regenschirmen, die mit viel Kraftaufwand am Körper gehalten wurden, und die Kinder hielten sich die Ohren zu bei jedem Donnerkrachen, und einige hatten Sonnenbrillen auf der Nase, um sich vor den extrem hellen Blitzen zu schützen. So standen sie verloren um die ehemaligen Gräber herum, und es war eine aberwitzige Szene, wie sie dort standen, ratlos in die Löcher starrten, in denen bis vor kurzem noch ihre verstorbenen Liebsten oder wenigsten ihre gegegangenen Verwandten gelegen hatten, ein kleines Häufchen Idioten, die die Materie nicht verstanden.

Und er konnte nur hoffen, dass sie ihn nicht hier drin finden würden.

Der Regen lies auf sich warten, der Sturm blieb trocken, und die Leute standen noch immer da, mit ihren zusammengeklappten Regenschirmen und ihren Sonnenbrillen und ihren Kindern an der Hand und den Jungendlichen in Cliquen abseits und hatten anscheinend allesamt vergessen, dass sie in keinem normalen Dorf lebten.

Dass es das wohl einzige Dorf in diesem Land war, das aktiven Geisterismus vorweisen konnte.

Wenn es um die Geschäfte ging, so konnten sie das alles auch sehr gut nutzen. Dann wussten sie es.

Wenn die Rede war von Achterbahnen, von Stadtführungen, Kindergeburtstagen, Ausflügen, Filmen mit Horrorfaktor. Da wunderte sich niemand.

Was hatten sie sich dabei gedacht, auf einen alten Friedhof, dem nachweislich Spuk nachgesagt wurde, einen Vergnügungspark zu bauen?

Idioten.

Und nun standen sie da, unbeweglich, und konnten es nicht fassen.

Ihre Pläne waren in Fetzen in den Bäumen und Büschen verteilt, ihr Baumaterial zerstört und in die Gruben geworfen, und alles, was übrig war, tanzte im heftigen Wind.

Auch ihr Schleier. Wie eine Verlockung.

 

Er drückte sich gegen die Wand. Er musste es tun.

Er war dabei gewesen, er hatte sie gesehen, die unbändigen Toten, und er konnte sie verstehen. So gut verstehen.

Doch er hatte alles gesehen und er hatte geschwiegen – Und doch war er nun einer von ihnen.

Die Hand war aus dem Nichts gekommen, hatte ihn gepackt und ihm die Luft abgedrückt. Er hatte noch Fetzen der Haut gespührt und der modrige Geruch hatte ihm den Atem genommen.

Und nun gehörte er also zu ihnen. Und er würde mit ihnen kommen. Nur eines musste er noch erledigen.

 

„Eine tragische Geschichte“, hatten es die Zeitungen genannt. „Das Rinzheim-Drama“, „Die Hochzeitstragödie im Spukdorf“ und „Der Ruf der Toten“.

Als sei es eine Seifenoper gewesen.

Und der Rest der Dorfgemeinde hatte es ausgeschlachtet, erst zögerlich, dann gierig wie die Geier.

Als wäre es eine der vom Rathaus kürzlich beschlossenen „geschäftsfördernden Maßnahmen“.

War es aber nicht.

Es war seine Liebe und seine Hochzeit.

Der Geisterfahrer war auch quasi aus dem Nichts gekommen, in letzter Sekunde, kurz vor der Kirche.

Und das war es dann gewesen. Genickbruch, zerquetschtes Innenleben. So genau hatte er es nie wissen wollen.

Es war ein Bild, dass durch die Medien jagte: Das weiße Kleid, voll Blut, wie es da aus dem Autowrack heraus leuchtete.

Die Glätte, die Nässe, der Sturm, die Sichtverhältnisse. Was auch immer; anscheinend konnte so ziemlich alles, was zum Herbst gehörte, ihren Tod rechtfertigen.

Und nun hier ihr Schleier.

„Komm mit!“, schien er zu flüstern, durch das Brüllen des Windes und das Knattern und Krachen des Donnern und Knarzen der Hütte hindurch bis zu ihm.

Doch vorher musste er sich noch etwas holen. Die Idioten hatten noch etwas, das ihm gehörte, und das er mitnehmen würde.

Er drehte den Kopf nach rechts, wo sein Mörder noch in der Ecke saß, ihn aus leeren Augen anstarrte und auf ihn wartete. Der nickte.

Er stand auf, schlich zur Tür, öffnete sie – Und wurde vom Wind fast wieder hineingedrückt.

Er kämpfte sich gegen die Sturmböen vorwärts, und endlich stand er hinter dem Pastor. Er tippte ihm auf die Schulter. „Ah, da bist du ja!“ Er nickte. Seit ihrem Tod hatte er kein Wort mehr gesagt.

Bald.

Bald würde er wieder lachen und reden können.

Er nickte und sah ihn fragend an.

„Wir wissen auch nichts! Es ist... Es ist seltsam, als wäre es ein Traum!“ Der Herr Pastor musste brüllen, um seinen Worten den Weg über die kurze Distanz zu ihm zu ermöglichen. Das undefinirbare Lächeln, dass ihm beim reden im Gesicht klebte, verdeckte nur scheinheilig die Panik, die darunter immer weiter zu wachsen schien.

Ihr wisst nichts. Ach nee...  Er zuckte ratlos mit den Schultern. Es waren Idioten. Er durfte es nicht vergessen.

Er blickte dem Pastor in die Augen und zeigte auf seinen Ringfinger.

„Jetzt? Meinst du nicht, dass es etwas ungünstig ist?“ Seine Stimme war hoch und klang, als würde er gleich schreiend losrennen und irgendetwas niedermetzeln.

Entschlossen schüttelte er den Kopf, nein, es war genau der richtige Zeitpunkt.

„Aber... Ich habe den jetzt bestimmt nicht mit... Warum auch, mitten in der Nacht, bei Sturm und so... Hehehe... Da schläft man ja eigentlich...“

Er unterbrach sich, mit glasigen Augen, und starrte ihn verzweifelt an. Er hatte den Kopf schiefgelgt und sah dem Pastor tief in die Augen. Er wusste, dass er die Ringe immer dabei hatte. Es war für ihn ein Beweis der Gnade Gottes, was auch immer das mit Gnade zu tun hatte.

„Naja... Es ist ja eh nur ein Traum... Da kann ich sie schon man dabei haben, nicht? Ja, ein Traum. Und der Traum... Er hört auf, wenn ich mich zwicke... Er hört dann auf..., Oder? Komm, sag dass er aufhört! - Oder, naja, stimmt, du redest nicht... aber es ist ein Traum, da kannst du doch mal reden...“ Es war schon wieder so ein seltsam selbstironisches Bild, wie der gute Herr Pastor da stand, umringt von ausgehobenen Gräbern, mit diesem irren Grinsen im Gesicht, die Klamotten flatternd und die Haare seiner Nichte ins Gesicht geweht, mit diesem unsagbaren flehenden Blick, und redete auf einen Toten ein, während ein Blitz das ganze auch noch wie in einem Horrorfilm beleuchtete.

Er nahm den Kopf des Pastors in beide Hände und sah ihm tief und ehrlich in die Augen. Einige Sekunden hielt der ihm verwirrt stand, dann seufste er, griff in seine Brusttasche und legte vorsichtig die beiden silbernen Ringe mit dem kleinen, grün schimmernden Stein in der Mitte in seine Hand. Ein Schauern ging durch seinen ermordeten Körper. Er lächelte, und das erste mal seit diesem schicksalshaften Tag war es ein befreites, glückliches Lächeln.

Dann nickte er dem Pastor zu und begann, wieder gegen den Wind anzukämpfen, Richtung Hütte; es würde ihn eh keiner weiter beachten, sie hatten andere Probleme.

Der nächste Blitz hinterließ den Eindruck, als brenne die ganze Landschaft in einem weißen grellen Feuer; und aus den Augenwinkeln sah er noch, wie der Pastor sich kichernd eine Sonnenbrille aufsetzte. Er schüttelte den Kopf. Sie würden noch allesamt verrückt werden, hier.

Im Vorbeigehen klaubte er ihren Schleier aus dem Gebüsch, und sofort brannte in ihm die Erinnerung auf: Ihre Lippen, süß wie Honig, ihr Blick, frech wie der eines Kindes, ihr langes braunes Haar, so wunderschön, ihre Stimme, ihr Gesang, ihr Körper, ihr Lachen.

Bald, so bald...

Er klopfte an die Tür, woraufhin sie mit einem eigenartigen Geräusch ihren Geist aufgab und ins Innere krachte.

Sein Mörder blickte auf, lächelte anhand des Schleiers in seinen Haaren und der Ringe in seiner Hand und stand auf.

Er folgte ihm, und der Tote eilte voraus, sein moderiger Körper verkraftete den Wind noch schlechter als sein eigener, und dann sah er sie, sie wartete auch auf ihn, hinter einem Baum, mit einer Herbstaster in ihrer Hand, und das Blut auf dem Kleid störte nicht mehr, und sein Mörder ging vorraus, lies sie beide allein, und endlich, endlich war er wieder bei ihr...

3 Kommentare

Lollypop am 16. November 2013

Ich liiiiiiiebe diese Gschichte! *seufz* Die ist soo schööön... Und ich liebe deinen Anfang, wo du alles so wunderschön beschreibst... Fire, du bist ein Talent!!! *___* LG Lollypop

fire am 14. November 2013

dankeschön, ella ))))))))))))))))) und naja, ich höre eigentlich immer musik zum schreiben - so von wegen inspiration und stimmung und so...

Ella am 11. November 2013

Oohh, das ist sooo schööön! Eine wunder-, wunderschöne Geschichte, ich hab beim Lesen fast geweint, so sehr hat sie mich ergriffen *schnief* Erst so traurig aber dann doch ein "happy end" So mag ich das !! Du hast das so wunderbar beschrieben, ich konnte mich richtig hineinversetzen ein dickes DAUMEN HOCH von mir, für diese fantastische Halloween-Geschichte!! Lg Ella P.S.: auch ein superschönes Lied! Aber wie könntest du mit Musik im Hintergrund schreiben?