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Gwendolyn

Todesblick

Prolog

Liebe Leser, dies hier ist meine zweite Geschichte, an der ich arbeite. Ich hoffe sie gefällt euch und ich würde mich über Anregungen, Kritik, Verbesserungsvorschläge... freuen. Viel Spaß beim Lesen. LG Gwendolyn

May lief durch die gepflasterten Straßen. Sie liebte diese Stadt. Die weißen Häuser mit ihren blauen Dächern, die auf einem Hügel zwischen duftenden Pinien und Zypressen standen. Ganz oben stand ein kleines Schloss mit weißen Türmen und goldenen Kuppeln. Verträumt sah sie in den wolkenlosen Himmel. Plötzlich blieb sie mit den Füßen an etwas hängen und stolperte einige Schritte, bevor sie sich wieder fasste. May drehte sich um und stieß einen Schrei aus. Es war kein Stein, über den sie gestolpert war, wie sie zuerst gedacht hatte, es war das Bein eines Menschen. Es war der Sohn des Stadtoberhauptes. Bleich und reglos lag er da. Die einst sanften braunen Augen waren stumpf und leer. May fiel schluchzend neben ihm zu Boden. Sachte strich sie ihm eine hellbraune Strähne aus dem Gesicht. Er war ihr sehr nahe gestanden. May konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wie konnte das geschehen? Warum Jonas? Einige Menschen bogen neugierig um die Ecke. Als sie May mit Jonas sahen, begannen sie zu flüstern. Eine junge Frau kam auf sie zu und legte May die Hand auf die Schulter.

„Alles wird gut.“

An die Menschenmenge gewandt rief sie: „Schnell! Wir brauchen den Notarzt!“


Kurz darauf hörte man die schrille Sirene des Krankenwagens. Das Auto blieb vor der Gasse stehen und einige Sanitäter liefen herbei. Mays leerer Blick war in die Ferne gerichtet.

„Tut mir Leid, junges Fräulein. Er ist schon von uns gegangen. Kommen Sie, wir nehmen Sie mit.“, sprach einer der beiden Ärzte.

May schüttelte den Kopf und umklammerte Jonas Hand. Wie aus weiter Ferne hörte sie die Stimmen der andere.

„Wenn sie nicht freiwillig mitkommt, müssen wir ihr eine Spritze geben.“


„Natürlich geht sie nicht freiwillig mit. Das arme Mädchen steht unter Schock.“


„Oh mein Gott. Das ist Jonas. Jonas Franklin. Jemand muss seine Familie verständigen.“

„Das Bestattungsinstitut kommt gleich.“


May schluchzte auf. Er war tot und würde nie wieder zurückkommen. Wer macht sowas? Ein Mann im schwarzem Anzug und Brille kniete sich vor ihr hin und legte die Hände auf Mays Schultern.


„Ich bin Herr Morgan vom Bestattungsinstitut. Wir müssen den Leichnam jetzt mitnehmen, dass sich die Familie verabschieden kann. Wer bist du denn?“

May hob langsam den Kopf. Ihr Blick war tränenverschleiert.


„May. May Castaller.“, flüsterte sie mit rauer Stimme.


„Also May, würdest du dann bitte seine Hand loslassen?“

Sie schüttelte den Kopf „Bitte nehmen sie mich mit. Er war mein Freund.“

Erneut drang ein Schluchzen aus ihrer Kehle. Der Mann sah sie etwas geschockt an. Dann nickte er. „Na gut. Du kannst mitkommen.“

Er half ihr beim Aufstehen und langsam begaben sie sich zum Auto.

May ging erst zu Jonas nachdem sich seine Familie verabschiedet hatte. Langsam setzte sie sich auf den Stuhl neben dem Bett und griff nach seiner Hand. Er war so kalt. Man hatte ihm die Augen geschlossen und es sah aus, als würde er nur tief und fest schlafen. Gleich öffnet er wieder die Augen und lächelt mich an, dachte May. Mit dem gleichen Lächeln, mit dem er sie schon vor zwei Jahren verzaubert hatte. Doch nichts geschah. Sie holte eine weiße Seerose aus ihrer Tasche und legte sie in seine Hände. Jonas hatte diese Blumen geliebt. Sie erinnern ihn an den Sonnenaufgang. Das erste Licht nach der Dunkelheit. An einen Hoffnungsschimmer in der Finsternis. Auf dem weißen Laken sah er aus wie ein Engel. Friedlich und sanft und doch stark wie ein Löwe. May stand auf und legte seine Hand wieder auf seine Brust. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn auf die Stirn.„Ich liebe dich.“, flüsterte sie. Dann drehte sie sich um und ging, ohne nochmal zurück zu schauen.

Am nächsten Tag nach der Beerdigung, hatte der Bürgermeister eine Versammlung aller auf dem Marktplatz einberufen. Er habe eine Ankündigung zu machen, hieß es. Neben der Bühne standen einige Polizisten. May stand mit ihren Eltern in der vorderen Reihe, als Miss Franklin, Jonas Mutter, zu ihr kam. Ihre Augen waren gerötet und ihr Gesicht eingefallen. May lief ihr einige Schritte entgegen. So konnte sie ohne Mithörer reden. Ms. Franklin nahm sie wie eine Tochter in die Arme und strich ihr behutsam übers Haar.

„Ach May. Meine kleine May.“, flüsterte sie immer wieder.


Nach einer Zeit lösten sich die beiden und Miss Franklins Stimme wurde eindringlicher: „May hör mir zu. Mein Mann ist nicht mehr er selber. Er hat seinen Tod nicht verkraftet. Jonas war sein ganzer Stolz. Ich wollte dir nur sagen, dass Jonas dich sehr geliebt hat und er hätte gewollt, dass du das hier bekommst.“


Sie reichte May eine silberne Kette mit einem schlichten Kreuz dran. Diese Kette hatte Jonas Tag und Nacht getragen. Er hatte sie nie abgelegt. Es war sein Glaube an Gott, der ihn immer gestärkt hatte.

Vorsichtig nahm May die Kette entgegen.


„Ich bin mir sicher.“, beantwortet Miss Franklin Mays unausgesprochene Frage. Dann verschwand sie in der Menschenmenge.

May starrte auf das Kreuz. Sie zog den Ring, den Jonas ihr geschenkt hatte, vom Finger und fädelte ihn mit auf die Kette. Dann band sie sie sich um den Hals und stellte sich zu ihren Eltern. Die Menge verstummte, als der Bürgermeister auf die Bühne trat. Er sah mitgenommen aus und die letzten Stunden schienen ihn um Jahre gealtert zu haben. Sein Blick glitt zornig über die Menge. Er stellte sich hinters Podium und die Menschen verstummten.


„Einwohner von Maelera. Vor zwei Tagen ist mein Sohn gestorben. Er wurde ermordet. Von einem Schatten.“

Neben May schrien die Menschen empört auf. Von einem Schatten? Jonas war von einem ihresgleichen getötet worden. Ihre Eltern sahen sie erschrocken an. May starrte gerade aus. Sie nahm alles nur noch verzerrt war.


„Wir normalen Menschen sind bei den Schatten nicht mehr sicher! Sie haben das Gesetz gebrochen. Sie sind Verräter und Mörder. Sie haben in unserer Stadt nichts mehr zu suchen. Sie sind nicht wie wir. Tötet sie! Jagd sie aus Maelera hinaus. Traut niemandem mehr über den Weg, ohne ihm vorher in die Augen zu schauen. Man erkennt sie an ihrer intensiven Augenfarbe. Jeder Schatten kann euch oder eure Kinder in der Dunkelheit hinterhältig umbringen. Wollt ihr das Leben eurer Kinder aufs Spiel setzten? Wollt ihr, dass sich Maelera in ein Schlachtfeld verwandelt? Wir müssen rechtzeitig handeln, um unsere Kinder und Familie zu schützen! Die Schatten sind eine Gefahr, sie müssen verschwinden.“


Das Gesicht des Bürgermeisters war rot vor Zorn. Er stieg von der Bühne hinunter, gab einigen bewaffneten Polizisten ein Zeichen und verschwand in der Menge. Schreie wurden laut. Schatten versuchten, verzweifelt unbemerkt zu fliehen. Es fielen Schüsse. Immer mehr Polizisten kamen aus den Gassen. Die Menschen bekämpften sich untereinander. Jeder sah in seinem Freund einen Schatten. Chaos brach aus. Verletze lagen auf dem Boden. Tote starrten mit leeren Augen in den Himmel. Mays Mutter packte ihre Tochter am Arm und rannte in Richtung Stadttor. Kinder sahen ihre Eltern sterben. Auf den Straßen klebte Blut. May war wie geschockt und stolperte hinter ihrer Mutter her. Ihr Vater war in der Menge von ihnen getrennt worden. Sie wollte anhalten, doch ihre Mutter zog sie weiter. Schatten rannten neben ihnen und versuchten dem sicheren Tod zu entkommen. Unter ihrer Bluse spürte May Jonas Kette mit dem Ring dran. Das Letzte, was sie von ihm besaß. Vor ihnen lag das rettende Tor. Mit verschleiertem Blick lief sie mit ihrer Mutter und den Schatten, die noch am Leben waren, in die rettende Wildnis.

Kapitel 1

Die ersten Strahlen der Morgensonne drangen durch die weißen Vorhänge und hüllten das Zimmer in ein angenehmes Licht. Draußen zwitscherten die Vögel leise. Es war ein perfekter Sommertag. Als ich jedoch das Klappern des Briefkastens vernahm, setzte ich mich abrupt auf und stieß beinahe mit dem Kopf an die Decke. Das erinnerte mich wieder an das, was ich die ganze Zeit versuchte zu verdrängen. Der Test. Der aussagte, ob ich normal war und mein Leben weiter führen durfte, oder ob ich ein Schatten bin. Menschen die durch ihren Blick andere töten können. Sie werden von der Regierung mitgenommen. Sie sind gefährlich. Meine Eltern hatten mir versichert, dass ich keiner bin. Denn ich bin weder aggressiv noch vorlaut. Beides Anzeichen eines Schattens.

Ich schwang die Beine aus dem Bett und lief im Nachthemd die Treppe hinunter. Leise öffnete ich die Haustür. Früher war unsere Stadt eine Schönheit gewesen. Ich hatte ein Foto in unserem Schulbuch gesehen. Die Häuser waren in strahlendem Weiß mit blauen Dächern und Fensterläden. Doch jetzt waren die Häuser ein schmuddeliges Grau und die Dächer hatten braune Ziegel, die einen an Matschpfützen erinnerten. Von den Türen blätterte die Farbe ab. Diese ist wie bei jedem in unserem Stadtteil grün. Unsere Stadt ist aufgeteilt in vier Sektoren. Jeder Sektor hat eine Farbe. In dieser Farbe oder auch noch in Grau müssen wir uns kleiden. Das alles hatten die Schatten während des Krieges in unserer Stadt Maelera angerichtet.

Mit zitternden Fingern holte ich den Umschlag aus dem Briefkasten und ging hinein. In der Küche empfing mich schon meine Mama.

„Aha hab ich doch richtig gehört. Na dann mach mal auf.“

Langsam öffnete ich den Umschlag und entfaltete das Papier:


Sehr geehrte Lucy Maria Samberlayn (Sektor 2),
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie morgen um 11 Uhr im Institut für den Test eingetragen sind. Sie schützen damit die Bevölkerung und Regierung, was eine große Ehre ist. Bitte erscheinen Sie pünktlich im Empfangsbereich. Dort werden wir Ihnen alle weiteren Informationen zubringen lassen.
 Falls dies nicht geschieht sehen wir uns gezwungen, rechtliche Maßnahmen einzuleiten.
 Mit freundlichen Grüßen, 
Tricia Hudson und Wayne Rollins (Regierungsabgeordnete Sektor 2)“


Ich sah auf. Meine Mutter schrieb den Termin in den Kalender. Dann schaltete sie die Kaffeemaschine ein und begann, den Tisch zu decken. Vater musste heute schon früh in die Arbeit und meine kleine Schwester Helen in die Schule. Schnell ging ich noch mal die Treppen hoch in mein Zimmer, um mich anzuziehen. Wir trugen Schuluniformen. Ein grauer Rock oder Hose plus eine Bluse in der jeweiligen Sektor Farbe und graue Stiefel. Ich packte mein Schulzeug noch in meine Tasche und ging in die Küche. Beim Frühstück herrschte eine ungewohnte Stille. Bald drauf stand Papa auf, nahm sich noch ein Brötchen und ging in die Arbeit. Nachdem die Haustür zuschlug, warf ich Mama einen fragenden Blick zu. Später formten ihre Lippen und sie zeigte auf Helen. Sie schaute auf die Küchenuhr und wandte sich an meine Schwester.

„Geh schon mal hoch und mach dich fertig. Du kommst sonst zu spät zur Schule. Lucy und ich kümmern uns um den Rest.“

Ich schloss die Tür hinter Helen und drehte mich zu Mama um. Sie hatte ihre Haare zu einem lockeren Knoten zusammen gebunden und einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Als sie aufsah, hatte sich eine Sorgenfalte auf ihrer Stirn gebildet.

„Lucy, dein Vater ist etwas angespannt.“


Als ob ich das nicht bemerkt hätte. Ich wollte wissen warum.


„In seiner Arbeit hat es wieder Unruhen gegeben.“

„Was für Unruhen, Mum? Aufstände? Waren es Schatten?“

Normalerweise fängt die Verwandlung in einen Schatten am 16. Geburtstag an. Man kann nicht eher feststellen, ob man anders ist. Doch bei manchen beginnt es schon früher. Diese Menschen sind extrem gefährlich, denn sie werden von einer kleinen Untergrundorganisation angeworben, die gegen unsere Regierung ist. Angeblich besitzen diese Menschen ein Mittel, das bewirkt, das ganz normale Bewohner ihnen gehorchen. Aber unsere Polizei schafft es, dem entgegen zu wirken.

„Die Schatten haben einige Sprüche gegen die Regierung an die Mauer des Gebäudes geschrieben. Manche seiner Kollegen sind sich nicht mehr sicher, ob es stimmt, dass Schatten gefährlich sind.“


„Wie kann man nur so etwas denken? Natürlich stimmt das. Wenn die Schatten in unserer Nähe wohnen würden, wären wir innerhalb einer Woche tot.“

Meine Mutter legte mir ihre Hände auf die Schultern.


„Lucy du musst dich vor solchen Menschen in Acht nehmen. Ihnen kann man nicht trauen. Sie würden dich an Schatten verraten, ehe du piep sagen kannst. Versprich mir, lass dich nicht mit solchen Leuten ein ja?“


Ich nickte. Aber was ,wenn ich selber ein Schatten bin? Was dann? Ich wagte nicht, die Frage laut auszusprechen. Zu sehr fürchtete ich mich vor der Antwort. Stattdessen half ich meiner Mutter den Tisch abzuräumen. Wenig später kam Helen in die Küche. Die blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.


„Ich geh dann mal. Tschüss Mum. Tschüss Lucy.“


Sie warf sich ihre Tasche über die Schulter und sprang die Treppe hinunter. Mum sah ihr mit dem kleinen Anflug eines Lächelns hinter her.


„Erzähl ihr nichts von dem ganzen, Lucy. Sie ist noch jung und unbeschwert. Sie muss sich früh genug mit solchen Themen beschäftigen.“


Nachdem die Küche wieder in einem ordentlichen Zustand war, ging ich hoch in mein Zimmer und stellte mich ans Fenster. Mein Blick fiel auf die Teststation. Ich seufzte. Dort, wo sich alles entscheiden würde. Ich wünschte, ich hätte das schon alles längst hinter mir. Könnte ein ganz normales Leben führen, nächstes Jahr meinen Abschluss machen und eine Familie gründen. Noch wusste ich nicht, was ich später einmal werden wollte. Früher wollte ich immer Architektin werden. Mir gefiel der Gedanke, unseren Sektor neu aufzubauen und nicht mehr in diesen eintönigen und hässlichen Gebäuden leben zu müssen. Mit schönen Häusern und Straßen. Als das meine Lehrerin hörte, musste ich nacharbeiten und meine Eltern wurden informiert. Daheim hatte mir dann meine Mutter erklärt, dass es besser ist, wenn alle Häuser gleich sind, da es dann keinen Streit gibt und die ärmeren Menschen nicht benachteiligt sind. Auch dass Grau eine Farbe ist, die nicht besonders auffällt und raussticht. Ich hatte es sogar verstanden und nie wieder davon gesprochen. Meine Mutter hat mir in letzter Zeit öfters Prospekte mitgebracht, wo einige Berufe aufgelistet waren. Doch ich hatte noch keinen Blick darauf geworfen. Im Moment hatte ich einfach andere Sorgen, als mir Gedanken darüber zu machen, welchen Beruf ich ausüben wollte.

Ich seufzte und warf einen Blick auf die Uhr, die über meinem Bett hing. Inzwischen war es 8:10. Ich schaute auf die Zeiger und beobachtete, wie der Sekundenzeiger sich gleichmäßig über das Uhrenblatt schob. Meine Gedanken ließen sich erneut in Richtung Test schieben. Wie der Test wohl aussehen würde? Ich würde kein Schatten sein. Alles würde gut werden. Aber was, wenn doch?, fragte die Stimme in meinem Kopf. „Ach halt die Klappe!“, knurrte ich und schüttelte den Kopf, um die schrecklichen Gedanken loszuwerden. Im Badezimmer putzte ich mir noch die Zähne und sah in den Spiegel. Ich sah ein durchschnittliches Mädchen mit blassem Gesicht, welches von dunklen Locken umrahmt wurde. Sie hatte rote Lippen und grüne Augen, die ängstlich aufgerissen waren und mich musterten. Ja, sagte ich mir, du bist weder besonders hübsch noch hässlich. Du bist ein ganz normales Mädchen. Nichts besonderes und kein Schatten. Ich holte noch einmal tief Luft, warf einen letzten Blick auf mein Spiegelbild und lief nach unten.

„Mum ich geh dann auch mal.“, rief ich und schaute in die Küche. Mama stand am Herd und kochte. Sie blickte auf und sagte: „Okey pass auf dich auf meine Süße. Bis heute Mittag.“

Ich zog meine Schuhe an, warf meine Tasche über die Schulter und machte mich auf den Weg. Langsam stapfte ich über die gepflasterten Straßen. Wie trostlos es hier aussah. Wenigstens erschien unser Viertel durch die Sonnenstrahlen etwas freundlicher. Normalerweise hörte man wenigstens das Lachen der Kinder und die hektischen Schritte der Erwachsenen, doch heute waren die Straßen menschenleer.

„Luce!“

Ich drehte mich um und sah Katrina auf mich zu laufen. Sie umarmte mich und fragte: „Hast du den Brief bekommen?“


Ich nickte. Katrina hatte den Test schon hinter sich.

„Du brauchst wirklich keine Angst haben. Ich darf dir zwar nichts erzählen aber es ist nicht schmerzhaft.“

Sie lachte kurz auf bevor sie fortfuhr.

„Und morgen Nachmittag treffen wir uns vor dem Institut und dann wird gefeiert.“

Ihre gute Laune war ansteckend und ich vergaß den Test einfach.

„Wusstest du, dass sie Claire mittgenommen hatten?“, fragte ich Katrina in der Pause.

Claire war in unserer Klasse bis sie vor zwei Tagen einfach nicht mehr kam.

„Nein. Warum denn?“


Katrinas Blick wurde ernst.

„Angeblich soll sie mit einem Jungen aus Sektor 1 liiert gewesen sein. Sie wollten sogar heiraten, meint meine Nachbarin.“


Wie kann man so etwas tun? Es ist verboten mit Leuten aus anderen Sektoren zu reden, geschweige denn, befreundet zu sein oder zu heiraten. Das ist schon fast Hochverrat.

„Das wäre doch eh irgendwann rausgekommen. Wie kam die überhaupt zu einem Jungen aus 1?“, hakte ich nach.


„Ich hab keine Ahnung. Claire war schon immer etwas naiv und nicht sehr weit blickend.“

Oh ja. Vor zwei Jahren hatte sie mal unsere Lehrerin gefragt, ob wir nicht mal in der ganzen Stadt einen Stromausfall als Versuch machen können.

„Oh weißt du was? Gestern Abend hat mich Alec so angerufen.“


Ich machte große Augen. In Alec war Katrina schon lange verliebt.

„Und? Was wollte er?“

Katrina wurde rot und lächelte.

„Also er hat gefragt, ob wir uns übermorgen mal treffen können. Unten am Fluss.“


„Hast du ja gesagt? Ohh Katii das is echt megaaa süß.“

Kati nickte.


„Aber was über was soll ich denn mit ihm reden? Oder wenn ich was falsch mache?“

Ich legte den Arm um ihre Schulter.

„Hey du schaffst das schon ja? Ich komm vorher nochmal bei dir vorbei.“

Sie nickte und wir liefen lachend zum Schulhaus zurück.
 Kurz bevor die Mathestunde begann, gingen wir ins Klassenzimmer. Jacob blieb vor unserm Tisch stehen.

„Du solltest schon mal anfangen, den Blick zu üben, Kleine.“

Er stieß seinen Kumpel Luke an und prustete los.


„Jacob, halt die Klappe. Das ist nicht witzig. Hau ab!“

Mit hochrotem Kopf saß ich da und versuchte, mich unter Kontrolle zu bekommen. Kati sah mich grinsend an.

„Wenn man dich so sieht, könnte man schon meinen, du seist ein Schatten.“

Ich stöhnte auf.

„Bitte Kati, mir ist im Moment nicht zum Spaßen zu Mute.“


Sie nickte mitfühlend.

„Weißt du, am Tag vor meinem Geburtstag hatte ich mich auch elend gefühlt, aber danach ging es mir super.“

Kati hatte sich am Tag davor von der Schule abholen lassen. Ich weiß noch, wie alle sie angestarrt hatten, als sie den Raum verließ. Es musste schrecklich gewesen sein. Zum Glück ist mir das nicht passiert.

Kapitel 2

Nachdem Helen und ich abends heimgekommen sind, ging ich hoch in mein Zimmer und begann zu lesen, bis Mum uns zum Abendessen rief. Das Essen verlief recht schweigsam. Dads Laune hatte sich nicht unbedingt gebessert. Nur Helen redete unaufhörlich und erzählte von der Schule und ihren Klassenkameraden. Nachdem ich Mum noch in der Küche geholfen hatte, zog ich mich wieder in mein Zimmer zurück. Alle Zimmer sahen in jedem Haus gleich aus. Dieselben hellgrauen Wände, weiße Vorhänge, helle Holzmöbel und Bettwäsche, Sofa, Kissen in der jeweiligen Sektorfarbe. Lediglich durch Fotos oder Erinnerungsstücke unterschieden wir uns. Morgen um die Zeit würde ich mit meiner Familie und Katrina feiern. Hoffentlich. Ich griff zu einer der Broschüren, die Mum mir wegen der Berufswahl dagelassen hatte. Es gibt fünf Berufsqualifikationen. Je nach Abschluss kann man frei wählen. Allerdings wurden meist immer nur die Besten genommen, deshalb ist es auch sehr wichtig, dass man gut in der Schule ist. Je nach Berufsqualifikation bekommt man auch ein gewisses Gehalt. Ganz oben waren Regierungsabgeordnete. Dies ist quasi die Elite. Nur ganz wenige schaffen es. Von diesen ganz wenigen sind es nur zwei Leute, die den jeweiligen Sektor vertreten. Danach kommt die Dienstleistung 2. Dazu gehören Manager, Firmenchefs und Wirtschaftler, also auch mein Vater. Dort möchte jeder seine Kinder arbeiten sehen. Die dritte Stufe bilden die Lehrer, wobei dies intern nochmal unterteilt ist. Die Gruppe der Dienstleistung 1 bilden die niederen Aufgaben wie Frisör, Verkäufer, Boten oder Sekretärinnen. Ganz unten, für Leute ohne Abschluss, ist der Beruf Trasher. Diese kümmern sich um den Müll und die Abwasserregelung. Diese Menschen sind das Nichts der Gesellschaft. Von jedem belächelt und ignoriert, erledigen sie ihren Aufgabenbereich meist im Morgengrauen, wenn sie keiner sieht, um dem Rest der Gesellschaft den Anblick ersparen zu können. Zum Glück bin ich in keiner solchen Familie aufgewachsen. Obwohl man es diesen Leuten nahe legt, keine Familie zu gründen, geschieht es doch immer wieder, dass sie Kinder zeugen, ohne an die gesellschaftlichen Folgen zu denken. Die meisten Kinder aus solchen Familien sind oft genauso wenig intelligent wie ihre Eltern. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber dies passiert äußerst selten. Eine Ausnahme bei diesem Schema bilden die Retaros. Sie sorgen für unsere Sicherheit und kümmern sich um Verbrechen. Nur Männer können Retaros werden. Nach der Geburt werden alle männlichen Babys, die sich dafür eignen, in eine Sonderschule gebracht. Sind sie nach ihrem 5. Lebensjahr trotzdem ungeeignet werden sie an die Eltern zurückgegeben. Reatros bleiben 40 Jahre im Dienst. Danach bekommen sie eine Villa im Regierungsviertel und werden geehrt. Ich tendierte momentan zum Management, auch wenn es nicht mein Traumberuf ist, aber er hat zumindest ein gutes Ansehen.

Ich legte mich auf mein Bett und malte mir meine Zukunft aus. Mit meinem Partner. Nach dem 18. Geburtstag musste man sich in der Partnervermittlungsstelle melden. Dort werden einem je nach Interessen und Schulabschluss einige Männer vorgestellt, mit denen man sich verabreden kann, und so weiter. Natürlich darf man sich auch einen anderen Freund suchen. Manche haben auch schon in der Schule den Richtigen gefunden. Zeit hat man bis zum 23. Geburtstag. Wenn man sich bis dahin nicht für jemanden entschieden hat, übernimmt das die Regierung. Wählt man einen Partner, der einem nicht von der Vermittlungsstelle vorgeschlagen wurde, muss man erst ein Jahr zusammen sein, bevor man heiratet. Zudem wird man nochmals von den Regierungsabgeordneten überprüft, ob man zusammenpasst. So wird verhindert, dass Leute nur aus einer reinen Verliebtheit heraus heiraten und sich danach scheiden lassen. Dies hat nämlich schlechte Auswirkungen auf die Psyche der Kinder. Ich freute mich schon darauf, mit meinen Vorgeschlagenen ausgehen zu können.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war es schon viertel vor neun. Schnell sprang ich aus dem Bett und ging unter die Dusche. Eine halbe Stunde später war ich fertig. Unten sang mir meine Familie ein Happy Birthday. Der Kuchen stand schon auf dem Tisch und es steckten 16 Kerzen drin. Ich setzte mich an den Tisch und packte meine Geschenke aus. Von meinen Eltern bekam ich in wunderschönes, grünes Kleid und dazu passende Ohrringe. Ich fiel ihnen um den Hals. Das Kleid war so schön. Dann übereichte mir Helen ihr Paket. Vorsichtig wickelte ich das Papier ab und öffnete die Schachtel. Auf schwarzem Stoff lag ein silbernes Amulett an einer Kette. Ich klappte es auf und sah ein Foto von Helen und mir, wie wir lachend am Meer standen.

„Oh Hel, danke.“, hauchte ich und umarmte sie.

Ich steckte die Kette in meine Hosentasche, denn es war nicht gestattet, während des Testes persönliche Gegenstände zu tragen. Wir frühstückten ausführlich und machten uns dann auf den Weg. Heute am Tag meines Tests hatte meine Familie frei. Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien warm vom blauen Himmel und der Fluss glitzerte. Hel nahm meine Hand und drückte sie. Dieses Zeichen hatten wir mal ausgemacht, als wir noch klein waren. Es hieß, ich verstehe dich und bin für dich da. Ich war ihr dankbar. Schon bald kam die Teststation in Sicht. Nervös strich ich mir eine Haarsträhne hinter die Ohren. Ich schaute im Fenster in mein Spiegelbild. Mein Blick traf den meiner Mama. Sie lächelte. Doch ihre Augen verrieten die Anspannung, die sie trug.

Die Schiebetüren glitten auf und wir betraten einen großen Raum. Im Empfangsbereich kam eine junge, blonde Frau auf uns zu. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine Brille.

„Lucy Maria Samberlayn?“ fragte sie.
Ich nickte und trat vor.

Sie schrieb etwas auf ihr Klemmbrett und bedeutete mir ihr zu folgen. Ich drehte mich um, sah meine Familie. Mama und Papa lächelten mir aufmunternd zu und Helen drückte mir die Daumen. Die Frau führte mich in einen weißen Raum und schloss die Tür hinter mir. Ich setzte mich auf einen Stuhl und wartete. Kurz drauf kam sie wieder mit einem jungen Mann und einer Frau, dann ging sie.


„Hallo Lucy.“, begrüßte mich der Mann und gab mir die Hand. „Ich bin Dr. Martin Clifton. Und das ist meine Kollegin Dr. Janet Lewinsky.“


Auch die Frau gab mir die Hand.

„Wir werden jetzt den Test mit dir machen. Du brauchst keine Angst zu haben. Wir werden dir ein Mittel spritzen, was dich wütend macht. Dann schaust du dir bitte die Maus an. Aber wir halten immer ein Beruhigungsmittel bereit. Mach dir keine Gedanken. Wir werden hier hinter diesem großen Fenster warten.“


Ich schaute mich verwirrt um.

„Entschuldigen Sie bitte, aber welche Maus denn?“


Dr. Clifton antwortete. „Diese hier. Janet bringt sie gerade herein.“


Es war eine ziemlich große Maus. In einem kleinen Käfig. Die Frau holte eine Spritze hervor und stach mir in den Arm. Es pikste kurz und ich spürte, wie sie die Flüssigkeit in mein Blut drückte. Dann ging sie. Zuerst spürte ich gar nichts. Dann bemerkte ich, dass die Wände langsam immer näher kamen. Es fiel mir langsam schwerer zu atmen. Es war, wie wenn jemand langsam die Luft aus dem Raum heraussaugte. Ich wollte hier raus. Ich ging auf die Tür zu und drückte die Klinke runter. Aber sie öffnete sich nicht. Ich bekam Panik. Auch die Fenster ließen sich keinen Spalt öffnen. Was ist das nur für ein Test? Kati hatte erzählt, es gab keine Schmerzen. Das ich nicht lache. Sie hatten mich eingesperrt. Mich angelogen. Mein Kopf fühlte sich an, als ob er jeden Moment zerspringt, und bei jedem mühsamen Atemzug schmerzte meine Lunge. Doch meine Angst verwandelte sich in Wut, als ich an den Doktor dachte. Keine Angst sollte ich haben. Natürlich. Ich werde hier wahrscheinlich ersticken. Aber Angst? Nein, die brauch ich nicht haben. Ich hämmerte mit den Fäusten an die Wand und trat gegen die Tür. Aber niemand kam. Ich begann zu schreien und versuchte die Fenster einzuschlagen. Das Atmen wurde immer beschwerlicher. Mein Blick glitt durch den Raum und blieb an der Maus hängen. Eine erneute Wutattacke ran durch mich. Ich lief auf den Käfig zu. Die Maus kroch in die Ecke und rollte sich zusammen. Ich packte den Käfig und schleuderte ihn gegen die Scheibe. Er fiel scheppernd zu Boden.

„Dieser scheiß Käfig!“

Mein Schrei hallte von den Wänden wieder. Mein Blick traf den der Maus. Die Maus verdrehte die Augen und kippte um. Ich warf das Metallteil durch den Raum und stampfte mit dem Fuß auf. Plötzlich spürte ich in meiner Schulter einen Stich und es wurde schwarz. Vor meinen Augenlidern wurde es heller. Langsam kam ich wieder zum mir und schlug die Augen auf. Über mir sah ich die Neonröhren an der weißen Decke hängen. Ein Gurt war über meine Hüfte befestigt und fesselte mich an die Liege. Ich öffnete ihn leise und stand auf. Wie war der Test ausgefallen? Warum war ich nicht zuhause? Mit kleinen Schritten lief ich auf die Tür zu und drückte die Klinke runter. Durch einen Spalt sah ich wie die Ärzte mit meiner Familie sprachen. Über was redeten sie? Ich quetschte mich durch den Spalt und blieb an der Wand stehen. Hels Blick glitt über mich und ihre Augen wurden groß.

„Lucy!“, rief sie und rannte auf mich zu.


Ich schloss sie in die Arme und flüsterte „Alles ist gut.“


Mama stieß einen spitzen Schrei aus und die Ärzte zogen Helen von mir weg. Vater stellte sich schützend vor Helen.

„Rühr unsre Tochter nicht an, Missgeburt!“


Ich erstarrte. Missgeburt? Sie sagten nicht deine Schwester. Sie sagten unsere Tochter. Sahen sich mich nicht mehr als diese an?


„Lucy Maria Samberlayn, du bist ein Schatten.“


Was? Nein das konnte nicht sein. Tränen traten mir in die Augen und ich schluchzte auf. Jetzt bemerkte ich den ängstlichen Blick in den Augen meiner Mutter und den wütenden in Vaters Augen. Für sie war ich jemand, der nie hätte geboren werden dürfen. Ich sank auf die Knie. Meine Familie wollte mich nicht mehr. Mein Blick traf Hels. In ihren Augen sah ich Verzweiflung.


„Nein! Lasst mich zu Lucy! Ich will zu meiner Schwester!“

Sie begann, um sich zu schlagen, sodass Papa Mühe hatte sie festzuhalten. Mama redete beruhigend auf Helen ein. Doch sie hörte nicht. Die Ärztin meinte, es wäre besser jetzt zu gehen. Meine Mutter nickte und öffnete die Tür.


„Hel! Hel!“

Ich wollte auf die Tür loslaufen, doch der Arzt packte meine Arme und hielt mich fest. Auch Hel klammerte sich mit aller Kraft am Türrahmen fest.

„Ich tu dir nie weh. Ich hab dich lieb.“, schrie ich.

Hoffnung glomm in Helens Augen auf.


„Du bleibst meine liebe Schwester, egal wer du bist.“

Dann schlug die Tür zu.
 Tränen der Verzweiflung liefen mir die Wange hinunter. Die Ärzte zerrten mich zu einem Raum und stießen mich hinein. Die Tür schlug ins Schloss und ein Riegel schob sich hervor. Die Botschaft war deutlich: Von hier gibt es kein Entrinnen. Die Dunkelheit kam immer näher. Ich fühlte mich eingeengt und bedroht. Ich kauerte mich in eine Ecke zusammen und weinte. Laute Schluchzer entfuhren mir und mein ganzer Körper bebte. Heute Morgen noch hatten mir alle versichert, dass es unmöglich sei, ein Schatten zu sein. Aber das Unmögliche ist Wahrheit geworden. Mein Schluchzen wurde immer lauter. Langsam sickerte es durch, was ich bin.

„Ich bin ein Monster.“, flüsterte ich.

Das Wort kam über meine Lippen wie eine abstoßende Krankheit. Aber es gibt kein anderes Wort dafür. Ich fühlte mich, wie der einsamste Mensch der Welt. Wenn einen niemand haben will, weil er anders ist. Ich glaubte zu verstehen, warum wir die anderen Sektoren nicht betreten durften. Dann würde nämlich genau das passieren. Nur, dass das hier tausend Mal schlimmer war. Ich wurde gehasst von meiner Familie. Verstoßen. Weil ich böse bin. Nicht durch mein eigens verantwortliches Handeln, sondern von Natur aus. Verzweiflung machte sich in mir breit. Ich konnte doch nichts dafür! Warum ausgerechnet ich? Warum? Langsam stand ich auf.

„Ich bin ein Monster!“, schrie ich. „Ein Monster!“

Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Tränen strömten nur so über mein Gesicht. Ich brach zitternd zusammen.

Plötzlich erklang eine Stimme aus der Dunkelheit.

„Nein bist du nicht. Du bist kein Monster. Du bist… ein Schatten.“

Kapitel 3

Ich schreckte hoch.

„Wer ist da?“

Ein Junge trat in das Licht, das durch ein kleines Fenster hereinfiel. Er hatte dunkelbraune, gelockte, etwas längere Haare und seine Haut hatte die Farbe von Milchkaffee. Mit seinen gewittergrauen Augen schaute er auf mich herunter.

„Ich bin auch ein Schatten.“

Ich konnte ihn nur verblüfft anstarren.

„Gestatten, James Hurrington. Und mit wem habe ich die Ehre?“

Mein Mund war trocken.

„Lucy Samberlayn.“ krächzte ich. „Warum bist du hier? Du kommst nicht aus Sektor 2.“

Nachdenklich sah er mich an.

„Nein das komm ich nicht. Ich stamme aus Sektor 3. Aber unsere Teststation musste schließen. Wegen einer Krankheit.“

Er schien nicht gerade traurig darüber zu sein. Im Gegenteil, die Gelassenheit schien ihm ins Gesicht geschrieben.

„Und dir macht das nichts aus? Das deine Familie dich ignoriert. Deine Mitmenschen vor dir beschützen wollen. Dass sie dich für eine Missgeburt halten?“

Meine Stimme war immer lauter geworden und am Ende schrie ich fast. Seine Augen weiteten sich und er wand sich ab. Meine Worte drangen in mein Gedächtnis.

„Tut mir Leid. Das wollte ich nicht. Ich wollte dich nicht als Missgeburt bezeichnen.“ , stotterte ich.

Mit einem Funkeln in den Augen drehte er sich um.

„Aber genau dafür hälts du mich, oder besser uns, oder?! Für eine Missgeburt.“

Das letzte Wort spie er aus wie Gift.

„Sei doch einfach froh, dass du sie los geworden bist!“

Ich war aufgesprungen.

„Sie sind meine Familie, verdammt! Ich liebe sie und würde sie niemals loswerden wollen!“

„Sie dich aber nicht, und glaub mir, sie wollten dich nie wiedersehen.“

Meine Augen wurden groß und füllten sich mit Tränen.

„Du bist so ein Arschloch.“

„Soll ich dich anlügen?“, fragte er gelassen.

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Nur weil deine Emotionen einem tiefgefrorenen Stein gleichen, heißt es nicht, dass es anderen genauso geht!“

Ich kochte vor Wut und Trauer. Eigentlich müsste er doch Verständnis haben?!

„Ich weiß ganz genau, wer ich bin, im Gegensatz zu dir.“

„Du hast doch keine Ahnung. Oder kannst du zufällig auch Gedanken lesen?“

„Nein, das nicht. Aber sonst würdest du dich jetzt kaum so aufführen wie ein kleines Kind, dem man die Süßigkeiten weggenommen hat.“

Mit einem lässigen Grinsen sah er auf mich herab.

„Du aufgeblasener, eingebildeter Vollidiot.“, fauchte ich.

„Die Liste meiner Namen wird ja immer länger.“

Er lehnte sich an die Wand.

„Willst du weiter wie Rumpelstilzchen hier rumhüpfen oder kannst du dich endlich mal erwachsen benehmen und mir vielleicht zuhören?“

Das ist doch die Höhe! Was erlaubt der sich eigentlich? Mit einem Knurren hockte ich mich an die Wand.

„Und was hat mir der ach so tolle James Hurrington zu sagen?“

„Freut mich, dass wir einer Meinung sind.“

Er setzte sich neben mich.

„Halt bloß Abstand.“, zischte ich.

Er ignorierte mich und holte tief Luft.

„Es ist nicht gefährlich, ein Schatten zu sein, oder einem zu begegnen.“

Meine Augen verengten sich zu Schlitzen.

„Es ist gefährlich, so zu denken!“

„Und warum?“, fragte er mit einem Lächeln auf den Lippen.

Wer war er? Wer war er, dass er so dachte?

„Weil man sich so gegen das auflehnt, wofür die Regierung seit Jahren gekämpft hat. Schatten sind gefährlich, sie töten wahllos harmlose Menschen. Und noch immer schaffen es Schatten, sich den Retaros zu entziehen und in den Sektoren ihr Unwesen zu treiben und zu morden. Doch das sind nicht alle. Außerhalb der schützenden Mauern warten noch weitere. Sie warten auf einen Moment der Schwäche der Regierung und Menschen, die so denken wie du, beschleunigen diesen Prozess nur noch.“, antwortete ich automatisch.

James lachte laut auf.

„Hast du das aus deinem Schulbuch auswendig gelernt, damit du bei deiner Lehrerin punkten kannst, um einen guten Abschluss zu bekommen?“

„Das steht in den Schutzverordnungen.“, verbesserte ich ihn. „Außerdem ist dieses Wissen wichtig um hier leben zu können.“

James starrte mich an, als ob ich ein Geist wäre.

„Du meinst das wirklich ernst.“

Er schüttelte den Kopf.

„Hör auf, mich wie ein Kleinkind zu behandeln.“

„Sorry, aber das geht bei dir nun mal nicht anders. Muss ja ganz von vorne anfangen.“

„Was ist eigentlich dein Problem, Hurrington?“, fauchte ich. „Lass mich doch einfach in Ruhe.“

Er stand tatsächlich auf und legte sich auf eine Pritsche. Ich schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die Wand. Offenbar war ich dabei kurz eingenickt, denn als ich die Augen erneut öffnete, schien die Sonne nicht mehr durch das kleine, vergitterte Fenster hinein und es war merklich dunkler geworden. Hurrington lag noch immer auf seiner Pritsche. Plötzlich war ein Klappern zu hören und durch eine Klappe an der Tür wurde ein Tablett hineingeschoben. Mein Magen sich bei dem Anblick bemerkbar. Sofort sprang ich auf und stürzte mich auf das Tablett. Es war für jeden ein Becher Wasser, ein Stück Brot und ein Teller voller brauner Pampe. James nahm sich seinen Teller und setzte sich auf den Boden. Ich tauchte den Löffel in die Pampe und steckte ihn mir vorsichtig in den Mund. Und am liebsten hätte ich es gleich wieder ausgespuckt. Mühsam würgte ich die Pampe hinunter.

„Igitt was ist das denn?“, angeekelt verzog ich das Gesicht.

„Was hast du denn erwartet? Dass Mama vorbeikommt und ihrer verwöhnten Prinzessin was zu essen kocht?“

„Nur, weil du nicht weißt, was gutes Essen bedeutet.“, schnaubte ich.

„Schade, dass deine Mutter dir nie wieder sowas kochen wird.“

Das saß. Es war wie ein gezielter Schlag in die Magengrube. Ich drehe den Kopf weg, damit er meine Träne nicht sah, nahm mir das Wasser und Brot und verkroch mich wieder in die Ecke. Das Brot war hart, doch mithilfe des Wassers ließ es sich halbwegs kauen. Nach einer Zeit setzte sich James neben mich. Als ich nicht reagierte, schob er mir vorsichtig die Haare hinters Ohr.

„Hey, es tut mir leid. Das war unter die Gürtellinie gewesen.“

Ich sah auf, in Erwartung eines spöttischen Kommentars, doch in seinen Augen stand die pure Ehrlichkeit. Hatte sich James Hurrington gerade bei mir entschuldigt? Ach du heiliges bisschen. Er räusperte sich.

„Kannst du mir einfach einen Moment zuhören, ohne mich zu unterbrechen?“

Ich nickte.

„Wie du wahrscheinlich weißt, dauert die Wandlung in einen Schatten drei Tage. Was danach mit ihnen passiert, interessiert keinen, weshalb es auch fast niemand weiß. Wenn man Glück hat, wird man umgebracht, doch die meisten bekommen ein Mittel gespritzt, durch welches sie der Regierung restlos ausgeliefert sind. Diese Schatten sind dafür verantwortlich, dass es bei Aufständen Tote gibt. Allerdings geschieht dies nicht aus eigenem Willen heraus, sondern aus dem Willen der Regierung.“

„Aber warum sollte sie das tun. Das gibt überhaupt keinen Sinn.“, wiedersprach ich.

„Was weiß denn ich, was in den Köpfen dieser machthungrigen Gestalten vor sich geht. Ich weiß aber, dass Schatten nicht gefährlich sind, sie können natürlich auch den Blick kontrollieren. Ein weiterer Aspekt, den euch die ach so tolle Regierung nicht erzählt hat. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, aber auch Menschen sind nicht alle gut. Selbst die besten Menschen können zum Mörder werden.“

Das war alles so verkehrt.

„Woher soll ich wissen, dass du mich nicht anlügst?“

„Da musst du mir wohl vertrauen.“

„Davon träumst du.“

„Meine Verwandlung ist in zwei Tagen abgeschlossen. Ich für meinen Teil möchte nicht als Marionette der Regierung enden, aber das ist deine Entscheidung.“

„Ach, und was hast du vor? Willst du einen Tunnel graben?“

„Das würde vermutlich zu lange dauern. Aber ansonsten erstmal abwarten. Du wirst schon sehen.“

„Sehr vertrauenserweckend.“, murrte ich.

„Was haben wir denn erwartet, Hoheit? Dass ich Ihnen einen Plan A und B liefere, am besten noch einen Notfallplan mit Unfallversicherung?“

Ich presste die Zähne aufeinander um ihm nicht alle möglichen Schimpfwörter an den Kopf zu werfen.

„Wie wärs, wenn du einfach schlafen gehst? Dann hältst du wenigstens einmal deine arrogante Klappe.“

„Stets zu Diensten.“

Er verbeugte sich und legte sich dann endlich schlafen. Ich schloss die Augen. Vor nicht einmal 12 Stunden war mein Leben noch in reinster Ordnung gewesen, und dann war es mir nichts dir nichts auf den Kopf gestellt worden. Und dann kam auch noch dieser aufgeblasene Volltrottel daher und stellte mein ganzes Weltbild auf den Kopf. Ich wusste immer noch nicht, was ich davon halten sollte. Waren Schatten wirklich so ungefährlich? Und die Regierung so hinterhältig und machtbesessen? Mein Schädel dröhnte von den ganzen Fragen. Was ist richtig und was falsch? Was war eine Lüge und was die Wahrheit?

8 Kommentare

Gwendolyn am 16. Juli 2017

@Lilie: Vielen Dank, ich versuchs zu verbessern Es freut mich, dass dir die Geschichte so in Erinnerung bleibt. Ich habe schon einige weitere Seiten, wird aber noch etwas dauern, bis eine Fortsetzung kommt

Gwendolyn am 16. Juli 2017

@Mina: Ich bin fast 18 und hab fürs schreiben etwa 2 Monate gebraucht. Die Gedanken dahinter existieren schon etwas länger

Lilie am 15. Juli 2017

Das ist echt cool! Seit ich diese Geschichte gestern gelesen habe, muss ich ständig daran denken und frage mich ob die beiden es schaffen sich zu befreien. Ich hoffe du schreibst (ich kann dich doch duzen?) eine Fortsetzung mit einem Happy End. LG Lilie

Lilie am 14. Juli 2017

Das ist eine echt schöne Geschichte. Man kann am eigenen Leib fühlen was in den Menschen vor sich geht. Es klingt vielleicht herablassend, aber ich würde ein bisschen besser beschreiben, damit man sich alles besser vorstellen kann. Trotzdem würde ich mich über eine Fortsetzung sehr sehr freuen. LG Lilie

Mina am 13. Juli 2017

Wie alt bist du denn, dass du so schön schreiben kannst? Wie lange hast du daran gearbeitet?

Gwendolyn am 13. Juli 2017

Vielen lieben Dank

Amalie am 13. Juli 2017

Wow, wow, wow, wow. Mitreissend, traurig, aber schön. Gibt's ne Fortsetzung?

Leseratte am 11. Juli 2017

voll die schöne geschichte!