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Gwendolyn

Tränentod. Die siebte Tochter

Prolog

Liebe Leser, ich arbeite schon etwas länger an dieser Geschichte und würde gerne mal wissen, ob es sich lohnt weiter daran zu schreiben. Ich hoffe euch gefällt sie und viel Spaß beim Lesen. LG Gwendolyn

 

 

«Die Hoffnung sieht, was noch nicht ist,
aber noch werden wird.»
-Charles Pierre Péguy-

 

Es war noch dunkel und Schatten lagen über der Stadt Avalon. Es war ruhig und friedlich. Die Gassen und Straßen waren leer und die Einwohner schliefen noch. Nur die Elfe Athavar stand auf dem Balkon des Schlosses und schaute Richtung Osten. Sie herrschte zusammen mit drei Königen über das Reich der Menschen und Elben. Langsam begann die Nacht der Dämmerung zu weichen. Der Sonnenaufgang war nah. Schon stiegen die ersten Strahlen über den Horizont und tauchten den Himmel in rosanes und rotes Licht. Die goldenen Kuppeln der Stadt spiegelten die Sonnenstrahlen wider. Das Schloss war strahlend weiß mit goldenen, orangenen, roten und blauen Verzierungen. Wie auch die anderen Häuser drum herum hatte es goldene kuppelförmige Dächer. Fenster mit Spitzbögen und verschnörkelten Mustern gaben dem Ganzen ein orientalisches Flair. Athavar streckte ihre hellen Hände in Richtung Sonne aus. Sie hatte die Augen geschlossen und sog die frische Morgenluft in sich auf. Die Sonne schob sich immer weiter über den Horizont und die Dunkelheit wich nun vollständig dem Tageslicht. Athavar liebte die Sonnenaufgänge. Sie erinnerten sie an die Hoffnung, die auch nie komplett unterging. Jeden Morgen stand sie früh auf um zu sehen wie die Sonne aufging und den Mond ablöste. Danach war sie entspannt und selber voller Hoffnung, dass wieder ein guter Tag beginnen würde. Doch heute kreisten ihre Gedanken unruhig in ihrem Kopf. Sie hatte schlecht geschlafen und der Albtraum steckte ihr noch in den Knochen. In dem Moment ging die Balkontür auf und ein Diener kam herein.       

„Verzeiht Herrin wenn ich euch so störe, aber euer Beobachter den Ihr ausgesandt habt ist zurück und kannberichten.“
Athavar drehte sich um und nickte. „Er soll im Ratssaal warten. Und geben sie den anderen Herren Bescheid. Ich werde in Kürze dort sein.“
„Sehr wohl, Majestät.“ Der Diener verbeugte sich und eilte hinaus.                          
Athavar warf noch einen letzten Blick in den Himmel, bevor sie in ihr Gemach lief und ihre Gewänder anzog. Ein sorgenvoller Blick trübte ihre sonst strahlenden Augen und ihre Hände waren verkrampft. Langsam begab sie sich hinunter in den Ratssaal wo die anderen Herren schon auf sie warteten. Ein großer Mann mit dunkelblondem langem Haar, stand bereits vor der Tür und musterte die kommende Elfe mit sorgenvollem Blick. „Athavar.“                                                                                                                                               „König Arthur.“ Athavar sah ihn lange an bevor sie sich dem Saal zu wand und auf den langen Tisch zuschritt, gefolgt von König Arthur.
„König Richard, König Henry. Guten Morgen.“, begrüßte sie die anderen Männer.
„Guten Morgen Athavar.“
Die Elfe nahm zusammen mit König Arthur ihren Platz ein.
„Was konntet Ihr herausfinden?“, wandte sie sich an den Beobachter.
Er sah müde und erschöpft aus. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und seine Haare waren matt und zerzaust. „Ich bringe keine guten Neuigkeiten. Ich musste weit in sein Gebiet vordringen.
Was ich sah hat mich zutiefst geschockt. Er lässt die Bäume am Duin-ûra abholzen und hat auf der Feuerebene die einst zerstörte Burg wieder aufgebaut. Er hat noch mehr Anhänger. Und wenn man dort in der Nähe ist, läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter. Ich glaube nicht, dass ich unbemerkt geblieben bin. Er hat seine Späher und Spitzel überall. Auch Tiere soll er benutzen. Man darf dort keinem vertrauen, wenn einem sein Leben lieb ist. Die Menschen in Wyléran erzählen, dass man nachts manchmal Schreie hört. Er verbreitet Angst und Schrecken und er nennt sich „Eru“. Die Menschen glauben, der Name ist verflucht. Wenn man über ihn spricht nennen sie ihn „Der schwarze Erhabene“. Man munkelt, dass er schwarze Magie ausübt und so die Menschen auf seine Seite zieht oder sie bedroht. Das Dorf in der Nähe von Wyléran hat er bald unter Kontrolle. Schlimm sah es aus. Fast alle Häuser waren abgebrannt. Ich bin nicht näher hin man hätte mich sonst entdeckt. Aber überall standen bewaffnete Männer mit schwarzer Kleidung.
Man hat keine Dorfbewohner gesehen.“
Athavar warf König Arthur einen geschockten Blick zu. Die Lage war schlimmer als sie befürchtet hatte.  „Danke. Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Sie können nun gehen und sich ausruhen.“ 
Der Mann nickte und humpelte aus dem Raum.

Als die Tür hinter ihm zuschlug sagte keiner ein Wort. Betroffene Blicke wurden ausgetauscht, als König Arthur das Wort ergriff: „Wir können uns das nicht gefallen lassen. Wir sind für unser Volk verantwortlich. Wir müssen es beschützen.
Wir können nicht zulassen, dass er einfach Dörfer überfällt und die Bewohner umbringt.“
Athavar sah müde auf. „Ich weiß, wir müssen unser Volk schützen, aber wir haben zu wenige Fakten über ihn.“
König Henry brachte eine Karte herbei und legte sie vor Athavar auf den Tisch.
„Das hier, “ er zeigte auf die Karte, „ist das Dorf von dem unser Beobachter gesprochen hat.
Wir müssen verhindern, dass er auch die anderen Dörfer einnimmt.“  
„Aber wenn er wirklich schwarze Magie benutzt, dann kann ihn keiner aufhalten.“, wandte König Richard ein. Athavar zog die Augenbrauen hoch, doch ehe sie antworten konnte kam ihr Arthur zuvor. „Du vergisst, dass Athavar Magie beherrscht und die anderen Elfen auch.“  
„Auch wenn Athavar viel Magie hat, die anderen Elfen werden niemals ihr Niveau haben. Und die schwarze Magie ist viel tückischer. Das kann man nicht schaffen. Wir sollten uns verstecken oder mit ihm reden, vielleicht…“
„Mit ihm kannst du nicht reden, König Richard. Und ich werde mich niemals vor ihm verstecken geschweige denn ergeben. Ein Volk in guten Zeiten zu führen und regieren das ist einfach, aber einen guten Herrscher erkennt man daran, dass er sein Volk in schlechten Zeiten genauso treu zur Seite steht wie in Guten und sie mit deinem Leben beschützt. Alles andere sind Feiglinge.“ Athavars Augen sprühten Funken. König Richard sah betreten zu Boden und schwieg.
„Nur was können wir tun um unserem Volk beizustehen?“, fragte König Henry in die versammelte Runde. Athavar starrte auf die Karte, die vor ihr lag, als könnte sie darauf die Lösung entdecken. „Wir sollten auf jeden Fall Krieger in die Dörfer nahe des Finsterwaldes und nach Wyléran schicken.“, meinte König Arthur.
Athavar nickte zustimmend. „So sei es. Wir schicken je zehn bis fünfzehn Mann in die drei Dörfer, sowie 30 weitere nach Wyléran.“ 
„Das Volk muss sehen, dass wir sie unterstützen.“, sagte König Henry.
Athavar ging in Richtung Tür als sie sich nochmal umdrehte. „Schwere Zeiten kommen auf uns zu. Ich bin froh euch an meiner Seite zu haben.“, ihr Blick fiel auf König Arthur bevor sie fortfuhr,
„Es wird Krieg kommen. Wie lang wir ihn hinauszögern können liegt an uns.
Ich werde immer weiterkämpfen, die Hoffnung nie aufgeben, für mein Volk und unser Leben in Freiheit. Die siebte Tochter, durch ihre Adern mein Blut fließt, wird einst beenden, was ich begonnen habe.“

Wird einst beenden was ich begonnen habe…                                                              
Wird einst beenden was ich begonnen habe…                                                                   
Wird einst beenden was ich begonnen habe…

 

Kapitel 1: Für immer allein

"Im Garten der ZeitWächst die Blume des Trostes."

-Weisheit aus Rumänien-

„Sie kommen!“ Der panische Schrei meiner Mama riss mich aus dem Schlaf. Kurz darauf stürzte sie in mein Zimmer.

„Olivia, steh auf. Beeil dich, los komm!“, schrie sie und packte hektisch ein paar Klamotten von mir. Noch im Halbschlaf kroch ich aus meinem Bett und taumelte meiner Mutter hinterher. Sie rannte hinunter in die Küche, nahm einen Topf mit Wasser und schüttete ihn mir ins Gesicht. Das kalte Wasser durchnässte mein Nachthemd und tropfte auf den Boden. 

„Ihh Mama was soll das?“, fragte ich empört. Sie antwortete nicht und drückte mir die Klamotten in die Hand.

„Zieh deine Stiefel an, schnell!“, befahl sie mir. Verwirrt tat ich was sie verlangte. So hatte sie noch nie mit mir geredet. Mein Vater rannte aus der Küche herbei und hängte mir meinen Köcher über die Schulter und gab mir ein Schwert.

„Du musst fliehen. Man hat uns verraten. Schnell sie sind gleich da.“ Er schob mich in Richtung Hintertür. „Olivia, leg die Kette nie ab, sie wird dich beschützen. Flieh jetzt lauf so schnell du kannst, bring dich in Sicherheit. Und egal was du hörst blicke nicht zurück.“, meine Mutter presste ihre Lippen zusammen und legte mir ihre Kette um. „Wir sind stolz auf dich, sei tapfer Liv.“ Die Stimme meines Vaters brach. Er packte sein Schwert und lief zur Haustür. „Wir haben dich lieb und jetzt geh.“ Meine Mutter gab mir einen Stoß, ich stolperte zur Tür hinaus und fing an zu laufen.

Die kühle Nachtluft schärfte meine Sinne. Ich drehte mich nochmal um und sah dunkle Gestalten, die eine Macht ausstrahlten, dass es mir eiskalt den Rücken runterlief. Tränen liefen mir über die Wangen. Egal was diese Menschen wollten, es war nichts Friedliches. Ich erinnerte mich an die Panik meiner sonst immer ruhigen Mutter und spürte wie sich Angst in meinem Herzen breit machte. Angst um mein Leben, um meine Eltern. Ich hatte die ersten Bäume hinter mir gelassen und rannte tiefer in den Wald. Langsam verschwand das Zittern, als ich den Schrei hörte. Er hatte diesen speziellen Ton, der einem wie ein Schock durch die Glieder fuhr. „Mama!“ Der Schrei kam über meine Lippen bevor ich ihn aufhalten konnte. Nein, sie kann nicht tot sein. Ich stolperte weiter. Äste zerkratzen mein Gesicht und verfingen sich in meinem Nachthemd. Ich spürte die Schmerzen nicht, sondern nur das taube Gefühl der Leere, das mich umgab.

Ich schreckte hoch. Mein Gesicht war nass vor Tränen und meine Hände zitterten. Vorsichtig rieb ich mir über die schmerzenden Schläfen. Es war noch dunkel, doch im Osten dämmerte es bereits. Ich musste weiter. Es war noch kühl und ich wickelte meinen Umhang enger um die Schultern. Fröstelnd kletterte ich von dem Baum hinunter auf dem ich die Nacht verbracht hatte. Mein Magen knurrte und ich nahm das letzte bisschen Hase zu mir, was von gestern noch übrig war. Wohin sollte ich nur gehen? Mit klammen Fingern tastete ich nach der Kette um meinen Hals und Tränen kamen in mir hoch. Die Trauer umfing mich wie ein schwerer Schleier.

Langsam machte ich mich auf den Weg. Immer weiter Richtung Osten. Erst mal zu dem Dorf am Duin-ûra. Vielleicht konnte ich dort eine Weile bleiben. Und dann? Ich war auf der Flucht. Wahrscheinlich bald eine Gesuchte im ganzen Land. Dabei wusste ich noch nicht einmal weshalb. Einmal mehr wünschte ich mir meine Eltern hätten mir mehr erzählt. Mehr über unser Land und über die Vergangenheit. Warum wir einsam und zurückgezogen am Waldrand lebten und uns vor Eru verstecken müssen. Ja er ist böse, aber was hatten meine Eltern getan, weshalb wir vor ihm fliehen müssen? Wieso hatten sie mir das nie erzählt? Jetzt war ich auf mich alleine gestellt und hatte keinen blassen Schimmer. Wieder spürte ich die Tränen in mir hochkommen. Ich hatte sie noch nicht mal begraben können. Aber eins hatte ich mir geschworen. Er würde dafür büßen. Doch dafür musste ich nach Gûr-ungol. In die Stadt des Feindes. Dorthin wovor mich meine Eltern immer gewarnt hatten. Es war ein weiter Weg dorthin. Durch die Wüste Gorgorum und dann über die Gipfel des Aschengebirges. Noch zwei weitere Orte, die ich auf keinen Fall aufsuchen sollte. Doch genau dorthin führte mein Weg. Ich hatte das Gefühl etwas Verbotenes zu tun. Als würden meine Eltern genau wissen was ich vorhatte. Aber mein Entschluss stand. Er würde dafür büßen, koste es was es wolle.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen und schickte ihre ersten Strahlen durch das Blätterdach der Bäume. Es war relativ kühl für diese Jahreszeit. Je weiter ich kam desto mehr veränderte sich meine Umgebung. Die Buchen und Eichen wichen stacheligen Fichten und dunklen Tannen. Der Boden wurde steiniger und stieg zu meiner linken leicht an. Ich war zu sehr nach Norden gekommen. Aber vielleicht war das doch gar nicht zu schlecht. So blieb ich noch länger in der Verborgenheit der Wälder. Zu bald schon hatte die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und der Hunger machte sich bemerkbar. Ich lief weiter achtete jedoch mehr auf meine Umgebung. Ein Feuer zu machen wäre zu riskant gewesen. Ich wusste nicht wo meine Verfolger sich aufhielten. Genauso gut könnte ich auf einem Berg eine rote Flagge schwingen und „Hier bin ich!“ rufen. Es wäre glatter Selbstmord. Doch das war auch das was ich vorhatte. Die Chance lebend wieder hinaus zu kommen war geringer als das im Gorgorum Rosen wuchsen. Ich verdrängte die Gedanken und konzentrierte mich wieder. Bald entdeckte ich unter einer Eiche einige Blaubeersträucher. Sie schmeckten leicht säuerlich und stillten kaum den Hunger. Ich pflückte so viel wie ich tragen konnte und eilte weiter. Die Beeren waren schnell gegessen, zu schnell. Sie hatten den eigentlichen Hunger nur schlimmer gemacht. Aber ich durfte nicht rasten. Ich musste weiter. Schnell und unauffällig.

Vielleicht waren sie ja gar nicht hinter mir her. Vielleicht hatte er gar nicht gewusst, dass es mich gab und hatte nur meine Eltern gesucht. Vielleicht war ich in Sicherheit. Doch mein Gefühl sagte mir, dass das nicht stimmte. Das sind eindeutig zu viele vielleichts. Meine Schritte wurden langsamer und ich atmete nicht mehr gleichmäßig. Die Zeit verging nur noch quälend langsam. Mein Mund war wie ausgedorrt und ich hatte Bauchschmerzen vor Hunger. Ich brauchte eine Pause und Wasser. Vorsichtig kroch ich durchs Gebüsch. Vor mir pickte ein Vogel Samen vom Waldboden auf. Ich blieb stehen, ging in die Hocke und legte leise einen Pfeil an. Mit angehaltenem Atem spannte ich die Bogensehne. Der Vogel hielt inne und schaute auf. Sein nasser Schnabel glänzte im Sonnenlicht. Moment mal nasser Schnabel? Wasser! Ich ließ den Bogen sinken und stieß mit dem Ellbogen gegen ein Busch. Die Blätter raschelten, der Vogel schreckte auf und erhob sich in die Luft. Sein Warnruf hallte durch die Baumkronen. Na toll, vielen Dank auch! Aber wenigstens gibt es hier in der Nähe Wasser. Der Vogel musste erst vor kurzem etwas getrunken haben. Ich lief noch ein gutes Stück weiter, als ich das leise Plätschern von Wasser vernahm. Mein Blick glitt über den Waldboden, bis ich die kleine Quelle ausfindig machte. Sie lag halb versteckt unter einigen Steinen. Doch das Wasser schmeckte kühl und frisch. Ich trank so viel ich konnte und füllte die kleine improvisierte Lederflasche auf. Mit der Anspannung die nun von mir abfiel wie ein totes Blatt im Herbst kam die Müdigkeit. Letzt Nacht hatte ich kaum geschlafen und meine Beine waren schwer wie Blei. Ich sah einen Baum nicht weit von hier. Es war eine Trauerweide. Die Äste hingen weit hinunter und würden mich vor Blicken und Feinden schützen. Erschöpft erklomm ich den Baum und lies mich auf einem Ast nieder. Mit dem Gürtel meines Umhangs band ich mich am Stamm fest. Ich schloss die Augen, doch der Schlaf wollte einfach nicht kommen. Meine Gedanken kreisten wie wild durcheinander und ich kam einfach nicht zur Ruhe. Ich lehnte mich zurück und starrte in die Zweige. Wie von selbst öffneten sich meine Lippen und ich begann zu singen. Zuerst erschrak ich, doch es war ungemein beruhigend, sodass ich weitersang. Es war ein Lied, das mir Mama immer vorgesungen hatte, wenn ich verängstigt war oder Alpträume hatte.

Thiliawen, silbern schimmerndin der Nacht. Thiliawen, Hüterin des Tinwandúne, Beschützerin in größter Not und Angst.Herrin des Himmelsgib mir ein Funken Hoffnungdeiner Sterne. Die Angst und Zweifel wischt du fort wie frischen Regen. Hitze und Schmerz machst du erträglich wie kühlen Nebel. Lange hält dein Hoffnungsschimmerin der Finsternis. Thiliawen, silbern schimmernd in der Nacht. Thiliawen, Hüterin des Tinwandúne, Beschützerin in größter Not und Angst.

Der Wald schluckte die Töne und es war als würden die Vögel den Atem anhalten um der Melodie zu lauschen. Ich sah mich wieder als kleines Mädchen, als ich schreiend aus einem Traum aufwachte und Mama ins Zimmer kam. Sie setzte sich an mein Bett und strich mir die nass geschwitzten Haare aus der Stirn und begann zu singen. „Wer ist Thiliawen Mama?“, fragte ich sie einmal. Mama lächelte und sagte: „Es ist jemand der auf dich aufpasst und dich beschützt und dem du all deine Sorgen und Ängste anvertrauen kannst.“ Mit großen Augen hatte ich sie angesehen und gefragt ob wir sie mal treffen können. „Nein das kann man nicht. Sie lebt allein durch deinen Glauben.“ Dann hatte sie meine Hand genommen und gewartet bis ich eingeschlafen war. Mitgenommen in das Land der Träume.

Ich spürte den Schmerz in meiner Brust. Ach, wie ich sie doch vermisste. Die sanfte Stimme meiner Mutter und die liebevolle Umarmung meines Vaters. Ich schloss die Augen und genoss die Stille die den Wald umgab. Mit dem leisen Gezwitscher der Vögel im Ohr fiel ich in einen leichten aber zum Glück traumlosen Schlaf. Als ich langsam wieder aufwachte, riss ich erschrocken die Augen auf. Es dämmerte bereits! Ich hatte zulange Pause gemacht, zulange gewartet. Es ging nicht anders, ich würde bei Nacht weiter laufen. In der Hoffnung, dass die Dunkelheit mich decken würde, auch wenn sie selber die Gefahren deckte. Leise kletterte ich von meinem Baum hinunter und blickte nach oben. Dicke, schwere Wolken verdeckten den Himmel und die Sterne. Sie drückten die Luft nach unten und erschwerten das Atmen. Ich sah mich nochmal um bevor ich wie ein Schatten weiterrannte. Ich wollte noch möglichst viel Wegstrecke hinter mich bringen, bevor es ganz dunkel wurde. Nach einiger Zeit war es so dunkel, dass ich fast die Hand nicht mehr vor Augen sah. Die Schwüle hatte zugenommen und lastete wie Steine auf meiner Brust. Ich kam nur noch langsamer voran und mein Atem ging stoßweise. In der Ferne konnte ich den Donner grollen hören. Meine Wassermenge hatte sich schon wieder gefährlich reduziert und ich hatte keine Ahnung mehr in welche Richtung ich mich bewegte. Neben mir raschelte es im Gebüsch. Wahrscheinlich machte den Tieren das Wetter ähnlich zu schaffen wie mir. Ein Zischen lies mich jäh aufschrecken. Und dann fuhr mir der Schmerz wie glühendes Eisen in die linke Schulter. Ein Schrei entfuhr meinen Lippen und kurz drauf wurde ich mit einem Schlag zu Boden gestreckt. Ich hörte noch ein leises Lachen in meinem Ohr, dann war alles schwarz.

Kapitel 2: Lieber tot als lebendig

"Wer lächelt, statt zu toben, ist immer der Stärkere."

-Weisheit aus Japan-

Schwaches Licht drang durch meine geschlossenen Augen. Meine linke Schulter schmerzte und ich konnte mich nur noch verzerrt an alles erinnern. Wo war ich hier? Mit großer Mühe gelang es mir die Augen einen Spalt breit zu öffnen und am liebsten hätte ich sie sofort wieder zu gemacht. Am liebsten wäre ich in der Ungewissheit geblieben als das zu sehen was ich gesehen hatte. Ich war gefangen. Eingesperrt. Im Gefängnis. Ich war mit den Armen an die Decke gekettet. In meinem Rücken konnte ich die Kälte der Mauersteine spüren. Der Raum wurde nur durch eine einzelne Fackel neben einem Gitter spärlich beleuchtet. Die Hilflosigkeit nahm mir fast den Atem. Ich besaß keine Waffen mehr. Selbst meine Kette hatte man mir abgenommen. Ich hätte schreien können. Es war das Einzige was ich von meiner Mama noch besaß. Meine Mama. Meine wunderbare Mama. Traurig hing ich meinen Erinnerungen nach. Wie sie mich jeden Abend in den Arm nahm und mir eine Gute Nacht wünschte. Wie sie mir früher immer die Haare geflochten hatte bis ich es selber konnte. Nie wieder würde ich ihre Wärme spüren oder ihren Geruch wahrnehmen können. Weiter lief der Film vor meinem inneren Auge ab. Papa und ich bei der gemeinsamen Jagd nach einem Reh. Oder wie er mir beigebracht hatte mit dem Bogen richtig zu zielen. Papa konnte wunderbar mit dem Bogen umgehen. Immer wieder hatte ich es faszinierend gefunden ihm dabei zuzuschauen. Oder wie ich in lauen Sommernächten mit ihnen auf der Bank vor unserm Haus stand und die Sterne beobachtet hatte. Doch das würde ich nie wieder tun können. Ich würde sie nie wieder hier sehen. Ich war allein. Eine Träne lief mir die Wange hinunter. Und dann noch eine bis ich ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken konnte. Das Echo hörte sich an wie ein sterbendes Tier.

Vielleicht war es besser zu sterben als weiter zu leben. Was sollte mich hier noch halten? Ich weinte bis ich keine Tränen mehr übrig hatte. Jetzt konnte ich meine Schwäche zeigen. Die Zeit schien hier keine Rolle zu spielen. Manchmal kam jemand herein und brachte etwas Wasser und ein altes Stück Brot auf dem ich kraftlos herumkaute, doch die meiste Zeit war ich allein. Ich hielt die Augen geschlossen und driftete immer wieder ab, irgendwo zwischen wach sein und träumen. Ich wusste nicht wieviel Stunden, wieviel Tagen vergangen waren, als ich laute Schritte hörte und die Tür zu meinem Kerker aufgerissen wurde.

4 Kommentare

Werwölfin am 22. April 2017

Hört sich schon gut an

Fjalra am 30. März 2017

Hab bisher nur reingelesen, ist aber jetzt schon gut!

Gwendolyn am 14. August 2016

Dankeschön, ich arbeite dran

Vollmond am 16. März 2016

Tolle Geschichte und unglaublich spannend, schreib' bitte bald eine Fortsetzung!!!