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Montag, der 9. Oktober 2017

Das Interview ohne Worte

Welchen Wunsch möchte sich Cornelia bald erfüllen?
Welche persönliche Superkraft hätte sie gerne, und wie fühlte sie sich als zehnjähriges Mädchen? Das und noch mehr hat Cornelia in einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung verraten, und zwar ohne dabei ein einziges Wort zu sagen. Wie das geht? Hier erfahrt ihr es.

Foto: ©Michael Orth

Da steht sie und wirkt, als hätte sie keine Ahnung. Sie hat die Schultern hoch gezogen, kurzer Hals, die Hände von sich gestreckt, das Gesicht ein Fragezeichen. Sie sieht ziemlich lustig aus dabei. „So ist es gut“, sagt Axel Martens und macht das erste Foto. „Ich habe keine Ahnung“, hatte Cornelia gesagt. „Ehrlich, ich weiß es nicht.“ Wie es den Wilden Hühnern denn gehe, hatte Moritz Marzi, das ist der Assistent des Fotografen Axel Martens, gefragt. Und Cornelia hatte geantwortet. Aber das sollte sie ja gar nicht. Das heißt, sie sollte schon antworten, aber bitte ohne Worte. Das ist die Idee eines ganz besonderen Interviews, das das Magazin der Süddeutschen Zeitung in einer Serie veröffentlicht: ein Interview ohne Worte.
Sagen Sie jetzt nichts“ heißt die Serie.

Der Fotograf knipst nicht nur, manchmal zeigt er Cornelia auch, wie sie sich hinstellen oder den Arm halten soll, damit die wortlose Antwort auf dem Bild gut aussieht (Foto: Michael Orth) Auf welche Frage gibt wohl diese Pose Antwort? "Cornelia Funke, sind Ihre Muskeln stärker, als Ihre Fantasie?" Oder: "Wären Sie gern Gewichtheberin?" (Foto: Michael Orth) Cornelia streckt sich zum Himmel. Was bedeutet diese Antwort? Wäre sie gern zwei Meter fünfzig groß? (Foto: Michael Orth)
 

Schauspieler wie Orlando Bloom hatten schon nichts gesagt, Fußballer wie Mario Götze, der Geiger Daniel Hope, auch der Zeichner und Autor Janosch, die Sängerin und Moderatorin Ina Müller, der Musiker Thurston Moore wortlos vor der Kamera gestanden und ebenfalls einige Autoren, T.C. Boyle zum Beispiel oder Christine Nöstlinger. Regisseure kamen nicht zu Wort, Schauspieler, Politiker, Filmemacher oder Autorennfahrer. Köchinnen, Künstler, Comedians und Komponisten antworteten schweigend, Moderatoren, Models, Modemacher, Liedermacher und Fotografen wie etwa Anton Corbijn ebenfalls. Sogar Kermit der Frosch hat schon mitgemacht, und eine Astronautin, Samantha Christoforetti, wurde in der Schwerelosigkeit des Weltraums befragt, weshalb ihr bei all ihren stillen Antworten die Haare zu Berge standen.

Foto: Michael Orth

Nun also war Cornelia dran, nicht im Weltraum immerhin, sondern im Hamburger Tonstudio von German Wahnsinn sollten die Bilder für das Interview entstehen.
Aber wie? Dass Schauspieler sicher gut antworten können ohne dabei zu sprechen, ist klar. Die machen das ja ganz oft, es gehört zu ihrem Beruf. Aber zu Cornelias Beruf gehören die Wörter und die Sätze, das Erzählen und die Sprache. Außerdem mag sie es nicht besonders gerne, das hat sie schon oft gesagt, fotografiert zu werden. „Ach“, sagt Axel Martens, der sie gleich fotografieren wird, „das höre ich oft. Die Leute sagen, 'ich hasse das, fotografiert zu werden', aber später meinen sie, es habe ja gar nicht weh getan und sei doch ganz schön gewesen.“ Die Kulisse, nur ein grauer Papierhintergrund ist das, steht schon, die Lichter sind eingerichtet, und von seinem Assistenten Moritz hat Axel bereits einige Testschüsse gemacht. So weiß er, mit welchen Einstellungen an seinem Fotoapparat er später arbeiten kann, wenn es ernst wird.

Foto: Michael Orth

Obwohl es ja ernst gar nicht wurde mit Cornelia. Im Gegenteil, es wurde ziemlich lustig, so lustig wie ihr Gesicht, das sie auf die erste Frage hin machte: „Wie geht es eigentlich den Wilden Hühnern?“ Ahnungslosigkeit. Wie stellt man das dar, wie drückt man es aus? Cornelia probiert ein bisschen. Am Kopf kratzen, (ne, sieht doof aus), die Stirn in Falten legen (grimmig), und dann zieht sie die Schultern hoch, sagt „keine Ahnung“, und macht das lustige Gesicht, und es ist gar nicht klar, ob das nun ihre Antwort ist oder sie einfach nicht wusste, wie sie ohne Worte sagen sollte, dass sie keine Ahnung hat. „So ist gut“, sagt da der Fotograf und macht das erste Bild.

Das nächste entsteht, als Cornelia Axel Martens strahlend gegenüber steht und die Arme ausgebreitet hält, als wolle und könne sie die ganze Welt umarmen. Was aber hatte Moritz Marzi sie da gefragt? Irgendwas mit ihren Büchern war’s, aber mehr wird hier nicht verraten, erst im Magazin der Süddeutschen. Es wird dort nicht zu sehen sein, über welche Frage Cornelia ein bisschen grübeln musste und worauf ihr die Antwort spontan in den Sinn kam. „Was ist die wilde Eigenschaft an Ihnen, die niemand kennt?“, liest Moritz eine der Fragen vor. Pose, Foto, nächste Frage:
„Ihr Trick um Schreibblockaden zu lösen?“ Hm, welche Schreibblockaden, und wie zeige ich denen jetzt, dass ich so was gar nicht habe?

Stehen bleiben. Hände hoch? (Foto: Michael Orth) Was hält Cornelia denn da wohl zwischen den Händen? (Foto: Michael Orth) Nächste Frage, nächste Antwort (Foto: Michael Orth)
 

Und auf welche Frage hin ging Cornelia in die Knie, machte sich klein und zeigte mit den Fingern auf ihre Augen? Was hatte der Assistent vorgelesen: Wünschen Sie sich, dass Blitze aus Ihren Augen kommen können? Oder: Zeigen Sie mal, welches Fabelwesen Sie gerne wären. Klar ist, das Fabelwesen, das Cornelia gerne wäre, müsste fliegen können und schwimmen und vielleicht auch Fahrrad fahren.
Blitze aus den Augen schleudern, das müsste nicht sein. Dann lieber doch allein mit Gedankenkraft Bratkartoffeln machen können. Das würde ihr bestimmt gefallen,
weil sie die auch als Fabelwesen sicher gerne äße. Doch, nein, um Bratkartoffeln und Fabelwesen ging es nicht, das hatten sie sich nicht ausgedacht beim Magazin der Süddeutschen Zeitung. „Ich lese die Fragen nur vor“, sagt Moritz. „Sie kommen nicht von mir, sondern aus der Redaktion.“

Assistent Moritz Marzi (Foto: Michael Orth) Foto: Michael Orth Foto: Michael Orth


Tatsächlich liest er die Fragen nicht nur vom Zettel auf seinem Klemmbrett ab.
So wie Axel Martens, der Fotograf, nicht nur Fotos macht. Das heißt, er hält sich nicht einfach einen Apparat vors Gesicht und knipst drauf los. Als es darum geht, was für ein Mädchen Cornelia mit zehn war, da erinnert Cornelia sich gleich – sie fühlte sich wie ein Indianermädchen. Aber wie soll sie jetzt sofort im German Wahnsinn Studio wie ein Indianermädchen rüber kommen? Keine Federn da, um sie in die Haare zu stecken. „Und wenn man das mit den Fingern macht?“, schlägt Moritz vor, „und so tut, als wären das Federn?“ Das kriegt Cornelia hin, und sie sieht gleich ein bisschen nach Indianermädchen aus. „Aber zwei Federn“, findet der Fotograf, „sind noch zu wenig.“ Er hätte gerne zwei mehr und macht einen Vorschlag. Donate Altenburger, Cornelias Pressereferentin für ihren Hörbuchverlag Atmende Bücher, soll mit Zeige- und Mittelfinger noch zwei Federn hinter Cornelias Kopf halten. „Ein bisschen höher noch“, sagt Axel, dann passt es fürs Foto: Cornelia, das Indianermädchen, sehr schön.

Donate Altenburger, sie macht für Atmende Bücher die Pressearbeit, hilft beim Shooting als Handmodel (Foto: Michael Orth)

Was meint ihr, auf welche Frage hin Donate hier noch mal helfen musste (Foto: Michael Orth)

„Nicht immer ist es so einfach wie mit Cornelia“, sagt der Fotograf. „Manche Leute haben nicht so viel Fantasie wie sie. Sie stehen einfach da, und was ihnen einfällt, ist, höchstens mal das Gesicht zu verziehen. Dann ist es schwer.“ Manchmal muss auch alles ganz schnell gehen, die Stars haben wenig Zeit. Als Orlando Bloom für die Serie „Sagen Sie jetzt nichts“ vor Axel Martens Kamera stehen sollte, hieß es vorher: eine Viertelstunde. „Und man hörte, er habe schlechte Laune. Da denkt man sich auch – na toll, wie soll das klappen?“ Aber es klappte ganz gut. „Nach den ersten Fragen und Posen merktest du richtig, wie es klick machte bei ihm, wie es ihm gefiel. Von der Viertelstunde redete keiner mehr. Orlando nahm sich ganz viel Zeit, und als er für eine wortlose Antwort eine Feder brauchte, da zerriss er sogar eins der Kissen von seinem Hotelbett.“

Was verrät Cornelia hier über sich: Unzufriedenheit mit ihrem Gesicht? Nein, es ist etwas anderes. Ihr findet die Antwort im Magazin der Süddeutschen (Foto: Michael Orth)

So zerstörerisch musste Cornelia nicht sein während der Fotoproduktion. Aber sonst ging es ihr wie Orlando Bloom und vielen anderen vor ihr auch schon: Das Interview ohne Worte machte ihr mit jeder Frage mehr Spaß. Dem Fotografen und seinem Assistenten ebenfalls. So zumindest guckten sie, als die beiden zum Abschluss des Termins selbst ohne etwas zu sagen auf die Frage antworteten: „Wie war es, Cornelia Funke zu interviewen und sie zu fotografieren?“

Fotograf Axel Martens (Foto: Michael Orth) Moritz Marzi (Foto: Michael Orth) Cornelia und Axel Martens nach dem Fototermin (Foto: Michael Orth)
 

Cornelias Interview ohne Worte ist in der Reihe „Sagen Sie jetzt nichts“ am 13. Oktober im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen.


Text und Fotos: michael-orth.de

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