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Sonntag, der 11. September 2016

Der Schreib(haus)wettbewerb - Die Gewinnergeschichten

Es war sooooooooo schwer!!!!!!!!!

 

So viele Geschichten, so viele schöne Ideen, so viele fabelhafte Wesen. Ihr habt es uns wirklich nicht leicht gemacht (und das ist keine höfliche Floskel), aber hier sind sie nun, die fünf Gewinner des Schreibhauswettbewerbs 2016:


SCHATTENAUGE von Helene Schiller

DAS MONSTER von Ayna Li

DIE ASCHE DES SAKUL von Katrin Laskowski

FEUERMOND von Hanna

NUPOLE - DIE GESCHICHTE EINER FLUCHT
von Monika Bretl-Kempf

 

Ein dickes Dankeschön an euch alle. Es macht so viel Spaß mit euch hier im Schreibhaus

Und das hier sind sie, die Gewinnergeschichten des Schreibhauswettbewerbs 2016:



SCHATTENAUGE

von Helene Schiller

Kapitel 1

Ein dunkelblauer Schatten auf einem Baum. Ein grünes halbgeöffnetes Auge, das klug seine Umgebung beobachtet. Ein leises Rascheln von Federn. Ein Libro Pennino, der auf einer alten Eiche hockt. Zusammengekauert, die Flügel um die schwarzbesprenkelte Brust gelegt.

Sein Name ist einfach nur Libro. Langsam öffnet er sein zweites Auge. Im ersten Sonnenschein blitzt es dunkelgrün auf. Dann ändert sich die Farbe und ein gelbes Augenpaar mustert vorsichtig den Garten unter dem Baum. Libro blickt auf fein geharkte Wege und kleine Blumen. Stiefmütterchen wachsen auf einem Beet gleich unter dem Baum. Libro hasst den Garten. Normalerweise bevorzugt er verwilderte Gärten. Schläfrig schließt er die jetzt hellblau gefärbten Augen wieder und fängt an zu träumen.

Er sitzt auf einem hohen Birkenast. Unter ihm wächst ein junger Apfelbaum. Aus seinen Zweigen sprießen neue Knospen. Am Fuße des Baumes wachsen viele Frühblüher. Vergissmeinnicht und Leberblümchen sind darunter, seine Lieblingsblumen. Der ganze wilde Garten ist wie von einem zarten, grünen Schleier bedeckt. Regen liegt in der Luft und es riecht nach frischer Erde. An einer verwitterten Holzwand einer Laube schlängeln sich grüne Ranken empor. Man sieht noch keine richtigen Knospen, aber im Sommer wird hier eine Farbenpracht erscheinen. Es werden rote, rosa, gelbe und weiße Rosen wachsen. Ein schüchterner Sonnenstrahl wandert durch den Garten. Er lässt das Grün leuchten.

Ruckartig wird Libro aus seinen Träumen gerissen. Geräusche von vorsichtigen Schritten dringen durch das Laubdach. Die Schritte sind deutlich zu hören, da die Schuhe, die sie verursachen, schwer und mit Nägeln beschlagen sind. Libro spitzt seine Ohren und drückt sich noch tiefer an den Ast. Er hat Angst.

„Meinst du, dass er hier ist?“, flüstert eine raue Männerstimme. Der Mann, dem sie gehört, trägt eine braune Lederjacke und eine dunkelgrüne Stoffhose. Die Gestalt neben ihm ist ähnlich gekleidet. Doch über ihren Schultern liegt zusätzlich ein schwarzer Mantel. Er ist sehr lang und schleift fast auf dem Boden. Eine Kapuze über dem Kopf verdeckt das Gesicht. Doch eine Antwort auf die Frage des Mannes lässt erkennen, dass es eine Frau ist.

„Natürlich ist er hier. Es riecht nach alten Buchseiten und Tinte.“ Die Frau schüttelt angewidert den Kopf. „Was der Monsieur nur an diesem Vogel hat. Aber er war sowieso ein wenig unheimlich. Sein Name ist auch nicht gerade das, was man originell nennt. Schattenauge!“ Unruhig ruckt der Kopf des Mannes in der Gegend umher. Er hat scharfe Augen doch kann er nichts Verdächtiges entdecken. „Ich denke nicht, dass er hier ist.“. Er umklammert seine Armbrust, die er in der Hand hielt fester.
„Unsinn. Du solltest das Denken mir überlassen. Der Libro Pennino ist hier irgendwo. Und wir werden ihn einfangen. Aber nicht tot schießen, höchstens am Flügel verletzen, denk dran.“

Der Mann will protestieren doch die Frau faucht gereizt: „Dir ist alles zuzutrauen. Denk an die Jagd nach dem Phönix. Den hast du auch erschossen. Zum Glück ist er in Flammen aufgegangen und aus der Asche neu erstanden. Und die Flasche mit seinen Tränen hättest du auch fast fallen lassen. Der Herr will ihn lebend! Du hast es doch gehört. Tot nützt er ihm nichts. Also reiß dich gefälligst zusammen.“

Er schaut auf die Gasse hinab. Die Häuser sind schief und es ist keiner zu sehen. Nur eine graue Katze huscht vorbei. Ein Geruch nach stinkender Farbe zieht von der benachbarten Straße herüber. Ein dünnes Lächeln liegt auf seinen Lippen. Nur ein Gedanke beherrscht seinen Kopf. Er muss den Libro Pennino bekommen. Seine Federn werden dann Bücher schreiben, die ihm die Leute auch für viel Geld aus der Hand reißen werden. Er dreht an einem fetten Goldring, der an seinem Finger steckt, zieht ihn dann ab und legt ihn auf den schmalen Fenstersims. Unauffällig, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, muss er in den nächsten Wochen untertauchen. Spöttisch mustert er das Zimmer. Ein Bett und ein Sekretär sind die einzigen Möbel. Mehr würde in den kleinen Raum auch nicht hinein passen. Seufzend dreht er sich wieder zum Fenster. Als zwei Mütter mit ihren Töchtern vorbei kommen und neugierig zu ihm hoch schauen, zieht er den schwarzen Hut tiefer ins Gesicht. Hüte! Etwas für die reichen Leute. Er muss sich eine neue Kopfbedeckung suchen. Den Hut legt er erstmal auf das wacklige Bett. Dann nimmt er einen schwarzen Samtmantel von einem Kleiderständer. Kopfschüttelnd betrachtet er ihn. Er wird sich ganz neu ankleiden müssen.

Einige Minuten später geht unten quietschend eine Haustür auf. Er tritt heraus und verschwindet um eine Ecke. Schattenauge!


DAS MONSTER

von Ayna Li

Das Monster bin ich.
Tagsüber Sand, nachts die Sterne. Das ist alles, was sie sieht. Keine anderen Lebenszeichen, kein Wasser, keine Hoffnung.
Jeden Tag dasselbe. Jeder Tag ein Kampf gegen sich selbst. Jeden Tag einen Schritt näher zum Ziel, jeden Tag einen Schritt weiter von ihrem Verstand entfernt.
Monster. So wurde sie genannt. Jeden Tag. Vor und nach der Folter. Vor und nach dem Wasser. Vor und nach der Gefangenschaft. Monster. Sie wusste nicht, was das Wort hieß. Jetzt ist sie die genaue Definition davon.
Die Sonne steht hoch über ihren Kopf, schreit sie an, sie solle sich beeilen, die anderen seien direkt hinter ihr. Der Boden ruft, es nütze nichts, egal wie viel sie renne, sie würden sie fangen, wie sie es schon einmal taten. Und dieses Mal würde sie nicht entkommen können.
Drei Jahre schon ist sie auf der Flucht. Dabei dachte sie, nach einem Jahr würden alle sie vergessen. Sie lag falsch. Eines Tages fanden sie sie, sie hatten schon immer auf sie gewartet, darauf, dass ihre Kräfte nachließen, und dann griffen sie an. Schickten sie in eine Wüste. Steckten sie in einen hässlichen Käfig. Sie zerbrach das Gitter mit ihren bloßen Händen und fing wieder von vorne an. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Sie weiß es immer noch nicht. Sie ist immer der Sonne nachgerannt, so weit wie möglich von ihrem Käfig entfernt, wenn möglich in den Osten, aber es ist in letzter Zeit auch egal, wichtiger ist es, zu überleben, überleben, das ist alles.

Sie öffnet ihre kleine Tasche und holt ihre Scheibe heraus. Ein Stück abgebrochenes Spiegelstück. Sie dreht ihren Rücken zur Sonne, kniet sich hin, und sieht sich an. Das Monster blinzelt zurück. Die leuchtend gelben Augen. Die scharlachrote, sandartige, trockene Haut. Die zerplatzten, grünen Lippen. Sie hat so viele Farben auf ihrem Körper, und doch findet sie keine in ihrer Seele. Sie sieht nur ihre Schwärze, ihre Dunkelheit, ihre Wut, ihre Reue. Ist sie traurig? Sie weiß es selbst nicht. Sie spürt jeden Tag, wie die Leere sie konsumiert.

Wie sie an ihr knabbert, beißt, versucht, den richtigen Zeitpunkt zu treffen, den effektivsten, unerwarteten Zeitpunkt, um alles ausschlaggebend zu verändern.
Monster. So wurde sie seit ihrer Kindheit genannt. Was für eine Kindheit? Sie hatte nichts, was einer Kindheit entsprach. Bei allem, was sie durchlebt hatte, war sie nur auf sich gestellt- keine Erinnerungen an die leiblichen Eltern. Nur wenige an die Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist. Keine Momente, die sie vermisst. Es war immer dasselbe. Der abscheuliche Blick von oben. Das Flüstern. Die Fragen. Die Vorurteile. Schon immer war sie etwas anderes. Ein Fehler. Eine Missgeburt. Ein chemisches Experiment.

Monster. Seit sie mitbekam, wie ein Junge dieses Wort hinter ihrem Rücken flüsterte, ist sie von der Stimme verflucht. Immer dasselbe. Monster. Monster. Monster. Das ist alles, was sie über sich weiß. Dass sie ein Monster ist, stärker, farbiger, in fast jeder Hinsicht anders als die anderen, ja, aber mehr auch nicht. Es gab über zwanzig verschiedene Gerüchte über sie, manchmal waren die Geschichten der Kinder kreativer als die Märchen, die man ihnen vorlas. Sie hatte sie immer abgestritten, doch nachts fielen ihr die Theorien immer wieder ein, und auch sie wunderte sich über sich selbst. So gerne würde sie ihre Eltern sehen, wahrscheinlich sahen sie genauso aus wie sie, wahrscheinlich würde sie sich nicht so einsam fühlen, wenn sie nicht die einzige wäre, die einzige auf der Erde mit diesem - mit diesem Aussehen. Doch sie war schon immer eine Waise, sie wird es auch für immer sein. Alleine.

Sie steckt schnell ihre Scheibe ein und steht auf. Jetzt ist kein richtiger Zeitpunkt, um eine Pause zu machen. Bis sie Wasser findet, ist es nie ein Zeitpunkt, um irgendetwas anderes zu machen, als zu rennen und zu suchen.
Die Sonne nähert sich dem Untergang. Die obere Hälfte lugt noch aus dem Horizont, als würde sie sehen wollen, wie der farbige Klumpen zusammenfällt und ihren Tod trifft. Es wird kälter. Temperaturschwankungen hält sie aus. Allerdings kommt sie ohne regelmäßiges Trinken überhaupt nicht weit. Sie trägt vier Wasserflaschen mit sich. Die drei in ihrer Tasche sind alle leer und die letzte, die an ihrer Hüfte hängt, ist halb leer. Sie würde damit eine Nacht überleben, aber sicher ist sie sich auch nicht. Sie rennt weiter. Die Sohlen ihrer Sandalen sind zerrissen. Ihre Blasen sind aber schon längst geplatzt, viel bringen sie also nicht. Die Sandkörner, auf denen sie rennt, sind sowieso nicht zu hart, sie wird es auch barfuß aushalten. Sie lässt ihre Schuhe mit einem schnellen Kuss zurück. Dasselbe versucht sie auch immer wieder mit ihrer Vergangenheit. Aber manche Narben verschwinden, und manche bleiben ein Leben lang. Und anders als ihre unzähligen Verletzungen an ihrem Körper lässt der Schmerz ihrer Seele nie nach.

Monster. Lauf einfach nur weiter, und finde Wasser. Sie fühlt sich ein wenig wie ein Raubtier, hungrig nach Beute, nur seinen Instinkten folgend, komplett auf sich alleine gestellt. Nicht einsam, aber emotionslos. Manchmal denkt sie nachts über ihre Taten nach und erkennt sich selbst kaum wieder.

Da vorne glitzert etwas.
Entweder ist es ihre letzte Hoffnung oder ein endgültiger Beweis ihres Verrücktwerdens. Sie kratzt ihre letzte Kraft zusammen und rennt.
Es ist eine Plastiktüte. Wahrscheinlich hatte sie ein Tourist liegen lassen, das würde heißen, dass sie bald Wasser finden wird, ein gutes Zeichen. Wahrscheinlicher ist, dass der Wind sie hergetragen hat. Sie hebt die durchlöcherte Tüte auf, ein Insekt ist gerade dabei, das letzte Stückchen Schimmel aufzufressen. Sie klemmt beides mit ihrem Zeigefinger und Daumen und steckt es in ihren Mund. Alles besser als Hunger. Sie rennt weiter, denkt an nichts, rennt, versucht zu überleben.

Es wird immer schneller dunkel. Die letzten Sonnenstrahlen verstecken sich hinter den Sandbergen, verschwinden auf die andere Seite der Erde. Weg vom Monster.
Der Mond ist noch von Wolken bedeckt, ob es wohl regnen wird? Sie hofft es. Auch wenn ihre Kleidung nass wird, und sie keinen Ersatz hat, auch wenn Regen ihre Vergangenheit nicht wegspülen kann, auch wenn nasse Sandkörner nur noch klebriger und schwerer werden – es ist das einzige Wetter, was sie beruhigen kann. Die Regentropfen, die immer auf ihrer Haut tanzen, langsam der Schwerkraft zum Opfer fallen und nach unten rollen, das Geräusch, was es jedes Mal beim Aufprall macht, platsch. In ihrem Käfig hatte es kaum geregnet, nur einmal, es war fast wie ein Zeichen, denn am Tag danach ist sie ausgebrochen.

Sie ist immer noch nicht außer Atem, das Rennen erschöpft sie nur selten. Viel eher ist sie müde vom Erinnern, vom Leben. Die unsichtbare Last erschwert das klare Denken. Eine Pause will sie, ja. Aber nicht vom Rennen, sondern von der Flucht.
Es glitzert etwas. Zum zweiten Mal sieht sie heute etwas aufleuchten. Ist es ihr letzter Tag? Oder einfach nur ein guter. Sie weiß es nicht. Es ist ihr egal. Sie kann von der Weite nicht sehen, was es ist, aber sie sieht einen schwachen weißen Punkt mitten im Schwarz der Nacht. Sie rennt nicht mehr, bemüht sich aber, so schnell wie möglich voranzukommen.

Es ist der Mond. Ein großer Halbkreis auf dem Boden kündet die Nacht an. Am Anfang ist sie enttäuscht, sie hat gehofft, es wäre noch etwas zu essen, doch sie schaut noch einmal und dann fällt ihr ein - Wasser. Die letzten Schritte fliegt sie fast. Wasser. Wasser. Wasser. Sie öffnet ihre Trinkflaschen. Wasser. Trinkbares Wasser.
Sie überlegt sich, ob sie die Nacht hier verbringen oder weiterlaufen sollte.

Als ihre Zehenspitzen das Wasser berühren, bekommt sie eine Gänsehaut. Ist das Wasser in der Wüste immer so kalt? Langsam, immer aufpassend, dass sie nicht zu weit geht, sinkt sie tiefer und tiefer in den See. Als sie das kalte Brennen am Rücken spürt, muss sie ihre Hand beißen, um nicht loszuschreien. Der Schmerz ist unerträglich. Sie spürt die Wunde vom rechten Schulterblatt bis in die linke Hüfte. Wahrscheinlich eine Erinnerung von ihrer Gefangenschaft. Sie fasst es mit ihrem rechten Daumen an. Ihr kurzer Schrei hallt eine Weile durch die Wüste. Die Wunde ist noch halb offen. Sie flucht leise und versucht, sich abzulenken. Sie summt eine Melodie, kommt ins Träumen, träumt von Freiheit. Träumt von einer Gemeinschaft voller Leute wie sie. Träumt von Sicherheit.

Sie hat das Baden vermisst. Es ist bestimmt ein halbes Leben her, seit sie sich das letzte Mal komplett gewaschen hat. Sie fährt mit ihrer Hand durch ihre raue Haut. So viele Narben. So viele offene Wunden. Sie muss sich an den Hals fassen, um ihren Puls zu spüren und ihr selbst zu beweisen, dass sie noch am Leben ist. Jede Wunde ist ein Zeichen von Unterwerfung, von Erniedrigung. Viele fühlten sich mächtiger, je machtloser sie war. Sie taucht ein, um ihre Tränen zu verstecken.

Monster. Sie öffnet ihre Augen und setzt sich instinktiv mit geballten Fäusten auf. Sie weiß überhaupt nicht, was passiert ist. Wo ist sie? Wer ist sie? War alles nur ein schlechter Traum?
Die Sonne und der Sand am Boden rufen sie zurück in die Realität. Der See. Sie kriecht zum Wasser und trinkt wie ein Tier. Die Sonne brennt sich in ihre Haut. Ihre Wunde ist immer noch nicht geheilt, ob sie wohl irgendwann verschwinden wird? Sie hatte bei ihrer Flucht nie wirklich auf ihre Verletzungen geachtet, doch seit dem Baden schmerzt der dicke Strich mitten durch ihren Oberkörper unaufhörlich. Sie wäscht ihre Hände, stellt sicher, dass alle Flaschen voll sind, und setzt sich wieder hin. So lang geschlafen hat sie lange nicht. Sie fühlt sich frei, doch gleichzeitig fühlt sie sich immer noch eingeengt. Sie muss weiterlaufen. Sie hat keine Zeit, um eine Pause einzulegen.


Sie legt sich am Rand des Sees hin, taucht nur mit ihrem Gesicht in das Wasser und schreit. Schreit ihre gesamten Gefühle heraus. Schreit und schreit und schreit und schreit, holt Luft, schreit noch einmal. Dann steht sie auf und läuft weiter. Versucht, die Richtung zu erkennen, woher sie gekommen ist, läuft ziellos in die andere Richtung, Osten. Sie fühlt sich besser. Die vollen Wasserflaschen erschweren ihr zwar den Sprint, aber das Trinken tat ihr gut, und das Baden war erfrischend. Ihre Kleidung ist zwar immer noch zerrissen, aber sie ist jetzt sauber. Wasser wirkt Wunder. Sie ist noch nie so schnell und für so eine lange Zeit gerannt, seit sie zum ersten Mal vor den Menschen flüchten musste.

Die Welt ist schon grau, als sie den Fennek sieht. Er ist alleine unterwegs. Sie hat zuerst mörderische Gedanken, lässt es aber bleiben und rennt weiter.
Monster. Sie holt ihre Scheibe heraus. Das Monster blinzelt zurück. Die Augen sind gelb und leer. Schweiß tropft von ihrer Stirn. Zwei mal schon hat sie sich überlegt, ob sie vielleicht doch aufgeben und die Welt verlassen sollte. Alle guten Dinge sind drei.
Lange würde sie all dies wahrscheinlich nicht aushalten, niemand würde sie vermissen, und sie würde wenigstens nicht noch einmal gefangen und gedemütigt werden. Sie lässt ihre Tasche fallen und fällt auf die Knie. Diesmal keine Tränen. Es fällt ihr auf einmal so schwer, zu atmen. Ihr Kopf füllt sich mit dunklen Gedanken, sie zählt die Sandkörner um sie herum, bitte, bitte lass die Stimmen verschwinden. Als sie bemerkt, dass ihr ganzer Körper anfängt zu zittern, schließt sie die Augen und zählt ihren Atem. Sie wartet und wartet und wartet und irgendwann atmet sie wieder ruhig, und als sie die Augen öffnet sieht sie die Sonne aufgehen. Sie sieht den Fennek noch einmal, nickt er ihr zu?

Ihre Leere ist immer noch existent. Wunden verschwinden nicht einfach nach einem Tag. Aber sie geht vorsichtig damit um, versucht es jedenfalls, sie verhindert immer wieder, dass es sie zerstört, sie wird es versuchen, solange sie kann.
Sie wird sterben, wenn sie bereit dazu ist, und jetzt ist sie das noch nicht. Sie wird sich fangen lassen, wird sich töten lassen, wenn ihre Kräfte aufgeben, doch jetzt tun sie das noch nicht. Überleben, das ist alles.
Die ersten Sonnenstrahlen lassen ihre rote Haut aufleuchten, schreien sie an, sie solle sich beeilen, die anderen seien direkt hinter ihr. Sie steht auf und rennt weiter.
Das Monster bin ich.

 

DIE ASCHE DES SAKUL

von Katrin Laskowski


Alles begann am Abend vor meinem vierzehnten Geburtstag, ich erinnere mich noch genau daran. Meine Mutter war dabei, Teig anzurühren. Für den Zupfkuchen, den ich mir gewünscht hatte. Ich lag im Bett und blätterte in meinem Lieblingsbuch „Mio, mein Mio“. Die Augen fielen mir schon zu, ich las den letzten Satz auf der Seite und legte das Buch unter mein Kopfkissen. Das Buch habe ich nicht mehr, vielleicht liegt es immer noch unter dem Kissen, doch der letzte Satz ist mir im Gedächtnis geblieben: „Aber ich weinte nicht.“
Ich wusste, dass Mio an dieser Stelle gelogen hatte. Er weinte sehr wohl. So wie ich auch. Aber erst viel, viel später. In dieser Nacht weinte ich nicht und auch nicht in den Nächten darauf. Ich hatte anderes zu tun.
Doch ich will nicht vorgreifen, denn von all dem, was bald folgen sollte, ahnte ich nichts, als ich das Buch beiseite legte. Noch war alles ruhig.

Eine Stunde später wurde ich von einem leisen Scharren vor der Tür geweckt. Etwas Schwarzes glitt in mein Zimmer hinein und trippelte über den Fußboden. Auf einmal wirbelten Dutzende von Schatten durch den Raum, huschten, glitten lautlos über die Wände und die Decke, überall wimmelte es von geisterhaften, kleinen Schemen.
Zunächst erschienen ihre Bewegungen planlos, doch dann sammelten sie sich alle an der Tür und verschmolzen miteinander zu einer riesigen schwarzen Lache, die eine Weile reglos verharrte. Diese Regungslosigkeit hatte etwas Bedrohliches. Ich hielt den Atem an. Die Lache geriet in Wallung und gab ein pfeifendes Geräusch von sich.

Langsam löste sie sich wieder in ihre Einzelbestandteile auf und setzte sich unvermutet in Bewegung. Hunderte, Tausende lebendiger Wesen ergossen sich wie ein reißender Strom unter dem Türspalt hindurch in den Korridor hinein, begleitet von einem Pfeifen, Quieken und Kreischen, als würde eine Rattenarmee über unsere Wohnung herfallen. Ich konnte mich nicht rühren, konnte nicht schreien und kaum atmen und so lag ich wie ein Kloben Holz unfähig zur kleinsten Bewegung. Und dann … schlief ich ein.

Bis heute frage ich mich immer wieder, wie mir das passieren konnte. Bei all den grässlichen Bildern und Geräuschen um mich herum- ich erlebte so etwas doch zum ersten Mal, es gehörte noch nicht zu meinem normalen Leben. Vielleicht war es Magie, ein Zauber meiner Eltern, der mich schützte.

Ich schlief ein und träumte von einem alten Mann, einem Feuer und einem Drachen.
Dabei merkte ich nicht einmal, dass ich träumte. Ich wähnte mich immer noch in meinem Bett, nur dass die Schatten und die entsetzlichen Geräusche verschwunden waren. Ein Lichtschein und eisiger Wind drangen durch den Türspalt. Ich stand auf, öffnete die Tür und trat aus meinem Zimmer heraus ins Freie. Eine raue und karge Landschaft mit schroffen Felsen und Geröll empfing mich. Stürme umtosten die Klippen und weit unten tobte ein aufgepeitschtes Meer.

Ein alter Mann saß inmitten der Steinfelder mit überkreuzten Beinen und sah mich an.
Er erinnerte mich ein bisschen an den Dalai Lama mit seiner roten Kutte und dem milden Strahlen auf seinem faltigen Gesicht. Er nickte mir zu und ich setzte mich neben ihn.
„Wer sind Sie?“, fragte ich. „Und wo bin ich?“
„Das spielt keine Rolle“, antwortete er. „Du bist an einem unsicheren Ort.“
„An einem unsicheren Ort“, spottete ich.
Er nickte. „Es gibt nur einen einzigen sicheren Ort für dich. Das ist der alte Bahnhof.“
Was redet er da? dachte ich. Was für ein Unsinn!
„Kein Unsinn!“, unterbrach der alte Mann meine Gedanken, als könnte er sie hören.
„Es ist die Wahrheit. Die einzige, der du trauen kannst. Und jetzt hör zu und merk dir meine Worte! Es gibt einen Drachen, der jenseits von Gut und Böse ist. Dieser eine wird immer wieder neu geboren. Er ist da seit Anbeginn allen Lebens und bewegt sich mühelos durch alle Zeiten und Elemente. Feuer und Wasser, Luft und Erde, nichts ist ihm fremd. Überall ist er zu Hause. Der Leib dieses Drachens ist schlank und muskulös und die fledermausartigen durchsichtigen Flügel schmiegen sich eng an seinen Körper. Sein Schuppenkleid glänzt wie dunkles Glas, das von innen heraus leuchtet. Jede seiner Bewegungen reflektiert das Sonnenlicht, selbst in tiefster Finsternis. Sein Name ist Sakul. Der Sakul versteht die Sprache der Menschen und der Tiere. Stirbt der Sakul, zerfällt er zu Asche. In dieser Asche entsteht eine blutrote Perle. Darin wird das Herz des Sakul konserviert. Am richtigen Ort zur richtigen Zeit wird der Sakul wiedergeboren.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“, fragte ich.
„Merk dir meine Worte!“, wiederholte er. „Und nun, flieh, flieh, bevor die Schatten dich verschlingen!“ Im nächsten Moment bemerkte ich eine hoch aufschäumende, pechschwarze Welle, die sich über die Klippen erhob und auf uns zuraste. Und dann war ich wach.

Als ich die Augen aufschlug, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Es war keine Ahnung, es war eine Gewissheit. Ich sprang aus dem Bett und lief in die Küche. Zuerst sah ich die Schüssel mit dem Kuchenteig, dann die Spritzer und Flecken auf dem Fußboden. Und die rote Schrift an der Wand. Fünf große Buchstaben, verwackelt und verschmiert: FLIEH!
Lange starrte ich das Wort an und begriff nicht. Keine Anzeichen eines Kampfes, keine Spuren der Verwüstung. Nur die roten Buchstaben an der Wand und die Stille ringsum. Und endlich wurde mir die Bedeutung dessen bewusst, was da an der Wand stand. FLIEH!
„Flieh!“, hatte der Alte gesagt.
Plötzlich erinnerte ich mich an alles, was meine Mutter mir jahrelang eingeschärft hatte. Was mein Vater mit mir geübt hatte. Der Schattenmann. Der Schattenmann hatte uns gefunden. Ich stürzte ins Schlafzimmer, riss die gepackte Reisetasche aus dem Schrank und rannte aus dem Haus. Ich schaute nicht nach links und rechts. Ich hatte nur ein Ziel. Den Bahnhof.

Die Zugfahrt überstand ich zusammengekauert, den Kopf ans Fenster gelehnt mit weit über das Gesicht gezogener Kapuze und geschlossenen Augen. Der Schaffner rüttelte mich einmal kurz am Arm, doch ich rührte mich nicht. Mein Herz überschlug sich beinahe und ich atmete zu heftig für eine Schlafende. Er ging weiter. Doch ich kam nicht zur Ruhe. Jetzt erst wurde mir bewusst, dass sich alles geändert hatte. Und es erschien mir so unwirklich, so jenseits der Realität, dass ich an meinem Verstand zweifelte. Der Kopf schien fast zu platzen, ungeordnet schossen die Gedanken darin hin und her. Konfuse, ungeordnete Reflexionen. Bilder, Erinnerungen, Worte und Klänge. Plötzlich fiel mir ein, dass ich heute Geburtstag hatte und beinahe wäre ich in Tränen ausgebrochen.
Ich sah mich um. Das Abteil war voller Menschen. Ein Mann hatte sich mir gegenüber gesetzt, während ich so getan hatte, als schliefe ich. Er sah aus wie ein Bankangestellter, nur dass sein Anzug zerknittert und seine Krawatte verrutscht war. Einen Moment lang musterte er mich aus aschegrauen Augen, dann vertiefte er sich in eine Zeitung. Ich drückte mich ganz eng in die Abteilecke und schloss meine Augen wieder. Als ich sie das nächste Mal öffnete, war ich allein.

Die Luft um mich herum flirrte wie unter heißer Sonnenglut. Und doch war es kalt. Eisig. Neben mir auf der Bank lag eine Silberkette mit einem rubinroten, tropfenförmigen Anhänger. Er sah aus wie ein erstarrter Blutstropfen, nur größer. Darin eingeschlossen war ein winziger, unregelmäßig geformter Klumpen, golden schimmernd. Ich nahm die Kette an mich und steckte sie in die Hosentasche. Der Zug fuhr fast geräuschlos, doch dann hörte ich plötzlich Schritte. Dumpf tönende, schwere Schritte. Sie klangen nicht, als kämen sie von einem Menschen, sondern von einem riesigen Tier. Dazu schweres Atmen und Stöhnen. Plötzlich überfiel mich eine Furcht, wie ich sie nicht einmal erlebt hatte, als der Schattenmann in unser Haus eingedrungen war. Mein Magen krampfte sich zusammen, und in meinem Darm begann es zu rumoren, gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ich müsste mich jeden Moment übergeben.

Das Ganze dauerte nur ein paar Sekunden. Dann war alles wie vorher. Das Abteil voller Menschen, Geräusche und Gerüche. Nur meine Panik war neu hinzugekommen. Ich redete mir ein, ich wäre nur kurz eingenickt, doch meine Hände waren eiskalt und mein Herz raste. Der Mann mir gegenüber hatte aufgehört zu lesen und starrte mich an. Sein Mund stand offen. Ich starrte zurück, er schüttelte den Kopf und vertiefte sich wieder in die Zeitung. Die Asche in seinen Augen war dunkel geworden, fast schwarz. Ich fasste in meine Hosentasche und ertastete die Silberkette mit dem Perlenanhänger, die ich im Traum gefunden hatte.

Der Zug lief in den nächsten Bahnhof ein. Der Schaffner kehrte zurück. Ich schnappte meine Tasche und sprang aus dem Wagen. Niemand folgte mir. Der Zug fuhr weiter.
Ich blickte mich um. Es gab hier nur zwei Bahnsteige und ein uraltes Backsteingebäude, dessen Fenster mit Brettern vernagelt waren. An den Mauern Graffitis und Schmierereien. All das brachte mich noch nicht aus der Fassung. Nicht nach dem, was ich bis jetzt erlebt hatte. Aus der Fassung brachte mich nur ein Schild, das unter dem Dach befestigt war. „Alter Bahnhof“ stand dort. Weiter nichts. Kein Ortsname, nichts, das darauf hinwies, in welcher Stadt, welchem Dorf ich mich befand. Nur „Alter Bahnhof“. Ich begann zu zittern und mir wurde bewusst, dass ich von jetzt an so allein war, wie es ein Mensch nur sein konnte. In meiner Hosentasche begann etwas zu pulsieren.


FEUERMOND

von Hanna

Agnes hätte ein Dummkopf sein müssen, um die Zeichen nicht zu erkennen und obwohl ihre Meisterin sie oft genug so genannt hatte, war sie tatsächlich alles andere als dumm.

Schon vor Wochen hatten die Bäume miteinander geflüstert, waren aber jedes Mal verstummt, wenn Agnes in der Nähe war. Es war nichts Ungewöhnliches – Bäume neigten zur Geheimniskrämerei – aber es hatte einen leicht bedrohlichen Unterton. Außerdem nahte ein starkes Gewitter, das spürte sie in den Knochen, und zu allem Überfluss brannte ihr Mal am Handgelenk, was noch nie etwas Gutes bedeutet hatte.

Aber die deutlichste Warnung war der rote Mond am Himmel.

Agnes sah all diese Zeichen und besonders intensiv starrte sie den roten Mond an, den niemand mit auch nur einem Hauch von Verstand ignorieren konnte. Gerade wünschte sie ihren Verstand in die Wüste und dafür den Segen der Dummheit herbei – sollten sich doch andere Leute um diese Mächte ku?mmern. Sie hatte in ihrem Wald genug zu tun. Die Bäume wollten gepflegt werden und die Tiere umsorgt und die Blumen besungen. Agnes wollte nichts mit roten Monden zu tun haben.

Der Wind zerrte an ihren Röcken und wäre er nicht so ein hektisches Wesen, würde Agnes ihm vielleicht zuhören, aber Wind war einfach nicht so ihr Ding. Also sperrte sie ihn aus und schloss die Tür ihrer Hütte mit einem deutlichen Rumms.

„Was hast du so schlechte Laune, Hexe?“, fragte Fitz, der alte Rabe, spöttisch und sah mit seinem rechten Auge von der Gardinenstange auf sie herunter.

Bevor Agnes ihn angrunzen konnte, antwortete Beth: „Bist du blöd? Hast du die Zeichen nicht gesehen? Ein Blutmond steht am Himmel und ein Unwetter braut sich zusammen.“ Die ebenmäßig braune Katze streckte sich und begann ihre ausgiebige Fellpflege.

Etwas zupfte an Agnes’ Aufmerksamkeit und sie öffnete das Fenster, um das Rauschen der Eiche davor zu verstehen. „Kein Blutmond“, erklärte diese ihr verschwörerisch und in der trägen Art, die Bäume so an sich hatten.
„Ein Feuermond.“

„Papperlapapp. Blutmond, Feuermond“, raunzte Agnes. „Ich hab nichts damit zu schaffen.“ Als sie das Fenster schloss, flu?sterte der Wind und auch die Eiche rauschte ein leises „Doch“. Agnes schluckte.

„Ein Feuermond?“, wiederholte Fitz und segelte auf Agnes’ Schulter.
„Ein Feuerwesen kommt hierher?“

„Dummkopf. Herkommen? Es wird eines geboren.“ Agnes scheuchte ihn von ihrer Schulter und Beth weg vom Kamin, um das Feuer anzuheizen. „Das Unwetter gefällt mir gar nicht. Blitze und ein Feuermond. Die dummen Weiber werden in Scharen auf die Berge klettern und in Asche nach Eiern graben.“

„Eiern?“, fragte Beth.
„Phönix“, krächzte Fitz aufgeregt. „Es wird ein Phönix geboren?“

Agnes schnaubte. „Vielleicht, eventuell, wenn die Mächte es so wollen, wenn ein Blitz in das Gelege eines Rabenvogels einschlägt, wenn ein roter Mond am Himmel steht, blablabla.“ Sie pustete kräftig in die Glut und eine kleine Flamme erhob sich und leckte gierig an den trockenen Ästen.

Sie klopfte ihren Rock nachlässig ab und stand auf. Beth und Fitz saßen einträchtig auf dem Tisch und sahen Agnes an. Ein seltener Anblick. „Was?“, fauchte Agnes, obwohl sie gar nicht wissen wollte, was sie zu sagen hatten.

Beth warf kurz zu Fitz und sagte dann: „Agnes, wenn hier ein Phönix geboren wird, kann dich das doch nicht kalt lassen.“

„Lässt es mich aber. Ich will meine Ruhe.“ Agnes ließ die beiden sitzen und ging in die Küche, um dort den kleinen Ofen anzufeuern und ihren Eintopf aufzuwärmen. Die Nacht legte sich schon über den Wald und die Bäume begannen zu träumen. Der Donner grollte in der Ferne.

„Die Eiche sagt“, begann Fitz kurze Zeit später wichtigtuerisch, während er eine Bruchlandung zwischen zwei Kräutertöpfen hinlegte, die daraufhin empörte Laute ausstießen, „dass es passieren wird. Hier.

Agnes lief ein Schauer über den Rücken. „Die Eiche irrt sich manchmal.“ Bäume waren klug und ihr ganzer Wald war vernetzt, aber die Eiche war etwas Besonderes und Agnes rieb sich das linke Handgelenk, wo das Zeichen immer noch brannte, das sie an diesen Wald band. Es war inzwischen einige Jahre her, dass ihre Meisterin ihr erklärt hatte, sie sei fertig ausgebildet und würde ihr „Hexenmal“ erhalten, woraufhin sie ihren Fluch auf Agnes übertrug, um selbst frei zu sein.

Agnes wusste nicht, warum ihre Meisterin an diesen Wald gebunden und so gefesselt worden war, nur, dass diese alles daran abgrundtief hasste, während Agnes – nun, Agnes liebte den Wald. Es hätte sie deutlich schlimmer treffen können, als ein ruhiges, friedliches Leben als Waldhexe zu verbringen.

Ein Phönix in ihrem Gebiet würde nur Probleme bedeuten. Agnes erinnerte sich genau, mit was für einem gierigen Blick ihre Meisterin ihr erklärt hatte, welche Möglichkeiten es gab, unsterblich zu werden. Sie alle waren dunkel und beinhalteten für Agnes’ Geschmack viel zu viel Blut und zu viel Gewalt.
Dennoch gab es genug Hexen, Magier und auch manche Zauberwesen, die danach gierten und nicht davor zurückschreckten, einem anderen magischen Wesen Leid zuzufügen, selbst wenn es so mächtig und rein war wie ein junger Phönix. Aber wer brauchte schon eine intakte Seele, wenn er unsterblich und fast unverwundbar war?

„Hast du an die Federn gedacht?“, fragte Fitz. „Oh Satan. Oder an die Tränen?“ Gier glänzte in Fitz’ Augen. Agnes kannte diesen Glanz, weil er zu Fitz gehörte und ihn zu der Person machte, die er war.

Fitz und Beth waren wie der Wald ein Erbe ihrer Meisterin. Viele Hexen bestraften Menschen, wenn diese ihnen auf den Wecker gingen, mit einer Verwandlung in ein Tier. Es war eine Lektion und so gab es immer eine Hintertür: Überwanden die Verwandelten ihren größten Makel, wurden sie wieder zum Menschen. Fitz war schon so lange ein Rabe, dass Agnes kaum glaubte, er würde je seine Habgier überwinden – und wenn doch, würde er sich trotz der langsameren Alterung in Tiergestalt als Greis wiederfinden. Ihre Meisterin hatte viele Tiere besessen, aber jedes einzelne von ihnen gehasst. Also hatte sie Fitz, Beth und zwei weitere, die inzwischen ihre Lebensspanne überschritten hatten, bei Agnes zurückgelassen.

„Ein Phönix ist keine Milchkuh“, murrte Agnes. „Man kann ihn nicht ausbeuten und einsperren. Er würde ein Gefährte werden oder wie ihr nur ein Klotz am Bein.“

„Bei dir wäre er keine Milchkuh“, wandte Beth ein, die mit ihrem warmen Körper an Agnes’ Bein entlang strich und sie aus klugen, für Katzen ungewöhnlich dunklen Augen ernst ansah, „aber wie würde es ihm bei anderen Hexen ergehen?“

Agnes seufzte und rührte in ihrem Eintopf. „Ich rede mit der Eiche“, sagte sie und strich eine widerspenstige Strähne aus ihrer Stirn. Es hing ein feuerrotes Ahornblatt darin. Unwillig warf sie es in den Eintopf und durchquerte ihre kleine Hütte, um durch die Tür zur Eiche zu gehen, unter deren Baumkrone die Hütte stand.'

„Du sagst also, es passiert hier und heute und das hat irgendwas mit mir zu tun?“, fragte Agnes langsam, damit die Eiche ihr folgen konnte. Sie waren zwar tief verbunden durch die Jahre, die sie hier gemeinsam verbracht hatten, aber die Eiche blieb ein Baum und Bäume sprachen und hörten langsam.

„Du musst es schützen, denn sonst wird es sterben. Sie sind schon auf dem Weg“, rauschte die Eiche Wort für Wort und Agnes’ Handgelenk kribbelte. Das Mal des Fluches veränderte sich. Neben dem verschlungenen Knoten, der für die Fesseln stand, dem Eichenblatt und dem Hufabdruck eines Rehs erschien eine Feder. Agnes’ Herz begann zu rasen. Es war ein weiteres Symbol ihrer Verantwortung.

„Wie soll ich es schützen und hier bleiben?“ Agnes hielt der Eiche impulsiv das Handgelenk entgegen.

„Das Feuerwesen ist wichtiger. Wir müssen die Magie beschützen.“ Die Eiche wurde immer leiser und Agnes legte ihre Hand auf die Rinde und spürte das leichte Summen eines Traumes.

Agnes starrte die Feder an. Sie wollte das nicht. Sie wollte nicht fliehen vor allen, die die Zeichen ebenfalls erkannt hatten. Aber sie hatte keine Wahl. „Das hast du davon“, sagte sie leise und dachte an ihre Meisterin. „Hättest du mir das hier nicht aufgehalst, könntest du nun unsterblich werden. Gieriges, altes Weibsstück. Du hättest das hier geliebt.“

Agnes warf noch einen kurzen Blick auf den Mond und ging dann in die Hütte, um einige Habseligkeiten einzupacken.

„Fitz! Beth!“, rief sie. „Stapelt euch, wir müssen uns beeilen.“
„Och nee…“, jammerte Fitz und Beth äußerte ihren Unwillen wortlos fauchend.

Agnes warf ein paar Dinge in ihren Beutel. Kräuter, ein paar Tränke, ihren Bergkristall-Energiespeicher, zwei Feuersteine, ein paar Kleidungsstücke und einen Topf. Dann legte sie einen Umhang um ihre Schultern und scheuchte Fitz und Beth vor die Hütte.

„Macht jetzt!“, knurrte Agnes und widerwillig flog Fitz auf Beth’ Rücken und Agnes faltete ihre Hände, um den Zauber zu weben. Sie war schlecht in Verwandlungen – immer schon gewesen – aber es war leichter, Dinge in Ähnliches zu verwandeln. Aus Rabe und Katze einen Greif zu zaubern, war so viel leichter, als wenn ein Stein die Grundlage wäre.

Das Tier, gebildet aus Beth und Fitz, war nicht schön und beide Teile waren sich oft uneins, aber es konnte fliegen und war schnell.
„Oh, ich hasse das so sehr“, sprach Beth aus Fitz’ Schnabel und Fitz antwortete aus demselben: „Meinst du, mir macht das Spaß?“

„Schnabel zu!“ Agnes hievte sich auf den Greif und legte eine Hand auf den Hals. Sie schickte den beiden ein Bild von dem Baum, in den der Blitz wahrscheinlich einschlagen würde, da dort seit ein paar Jahren zwei Kolkraben brüteten.

Das Gewitter war nun fast direkt über ihnen. Beth und Fitz nahmen Anlauf und schlugen mit den Flügeln. Agnes spürte die Gegenwart mächtiger Wesen und sie klammerte sich fluchend an ihr Reittier. Sie fragte sich, wann sie zu ihrer Eiche und der Hütte würde zurückkehren können. Sie hatte jetzt schon Heimweh.

Beth und Fitz hatten einen furchtbaren Flugstil. Vermutlich hätte Agnes mit ihnen öfter Fliegen üben sollen, aber für ihre alltäglichen Rundgänge im ganzen Wald hatte sie jeher vorgezogen, eben das zu tun: Gehen.
Wie sollte sie auch vom Rücken eines durch die Luft schlingernden und mit sich selbst streitenden Greifes irgendwas mitbekommen, was im Wald vorging?

Nun rächte es sich und Agnes musste die beiden mehr als einmal zusammenstauchen, damit sie sich auf den Flug konzentrierten. Ein Blitz schlug nicht weit von ihnen mit einem ohrenbetäubenden Krachen ein, aber es war noch knapp außerhalb von Agnes’ Gebiet und damit nicht passend zur Vorhersage der Eiche. Außerdem sagte ihr irgendeine Form von Hexeninstinkt, von dem sie nicht mal geahnt hatte, dass sie ihn besaß, dass sie mit ihrem Verdacht auf das Kolkrabennest Recht hatte.

Beths Pfoten landeten ungewohnt laut auf dem Waldboden und die Schwingen flatterten noch kurz nach. Agnes starrte zum Gelege hinauf. „Weg!“, rief sie den brütenden Raben zu, wobei das Männchen protestierend aufkrächzte.

Agnes warf einen gehetzten Blick in den Himmel. „Ein Blitz wird einschlagen!“ Sie bemühte sich, für die Kolkraben verständlich zu sprechen, aber so gut sie auch die Sprache der Bäume sprach und den Singsang der Blumen beherrschte, so schlecht waren jeher ihre Kommunikationsfähigkeiten mit Tieren gewesen.

Also stellte sie sich breitbeinig hin und begann eine kurze Rufformeln zu skandieren. Die Raben flogen widerwillig zu ihr herunter. Links und rechts landeten sie auf Agnes’ Schultern und hielten sich fest, als die Hexe eilig einige Schritte rückwärts von der Krüppelkiefer wegtrat.

Agnes spürte den Widerwillen der Vögel, aber sie behielt die Beschwörung aufrecht und sah sich hektisch um. Sie wünschte sich, sie könnte Fitz herumschicken und nach fremden Personen und Wesen Ausschau halten, aber sie musste weitermurmeln, da ihre Konzentration nicht für eine wortlose Bindung reichte.

Da fuhr der Blitz nieder mit einem so lauten Donner, wie Agnes ihn noch nie gehört hatte. Hitze brannte ihr entgegen, als die Luft explosionsartig expandierte und die Krüppelkiefer kurz aufbrannte, bevor die Flammen sich ohne ersichtlichen Grund zurückzogen und nur eine kleine Rauchfahne aufstieg.

Agnes’ Wortstrom brach ab, die Kolkraben schrieen krächzend auf und flogen zu ihrem verbrannten Nest. „Schnell“, drängte Beth. „Hol das Ei, bevor andere es tun.“

Sie hatte Recht und Agnes wusste das. Sie raffte ihre Röcke und zog sich auf den Rücken des Greifes, der mit einem weiten Bogen zum Gelege flog. Der Regen setzte ein und durchnässte die drei. „Es tut mir leid“, flüsterte Agnes dem aufgebrachten Rabenpärchen zu und packte das einzige Ei, das sich feuerrot gefärbt hatte.

Es war nicht größer als ein Hühnerei und trotz des Blitzes und des Feuers nicht viel wärmer als ihre Hand. „Es tut mir leid“, wiederholte sie und klopfte auf den Greifenhals. „Weg hier.“

Agnes hatte gar nicht gemerkt, dass Beth und Fitz die Krallen in die Kiefer geschlagen hatten und nicht flogen. Sie ließen sich fallen und schlugen verzweifelt mit den Flügeln, um aufzusteigen. Einen Moment waren sie vermutlich alle drei sicher, dass sie abstürzen würden, aber eine Böe wehte unter die nassen Schwingen und trug sie hinauf.

Der Regen peitschte Agnes ins Gesicht und sie barg das Ei in einem Rock, den sie mitgenommen hatte und stopfte es so geschützt in ihre Tasche. Ihr Wald zog unter ihnen entlang und Agnes sah sich nach anderen Hexen, Magiern, Chimären oder gar Sphinxen um. Es könnte so gut wie jedes Wesen auf den Plan gerufen haben, das nicht von Hause aus unsterblich war.

Wie lange dauerte es eigentlich, bis ein Phönix das erste Mal starb? Agnes wusste nur, dass er nach der ersten Wiedergeburt aus Asche unsterblich war und vorher genauso verwundbar wie jedes andere sterbliche Wesen. Sie hatte keine Ahnung, wie lange das dauern würde.

Gleich würden sie ihren Wald verlassen. Agnes’ Blick klebte nun förmlich an den Buchen, Kiefern und Eichen, die seit Jahren die Grenzen ihrer Welt waren. Als Schülerin hatte sie einmal gesehen, was es für Auswirkungen hatte, sollte man als Fluchträgerin versuchen, die Grenze zu übertreten. Ihre Meisterin war tagelang unpässlich und unerträglich mürrisch gewesen.

Agnes fasste sich ans Handgelenk. Das Zeichen kribbelte, als sie die Grenze überflogen und Agnes’ Magen fühlte sich flau an. Sie holte tief Luft und sah zurück. Ungefähr an der Stelle, wo die Krüppelkiefer stand, erhob sich ein großer Vogel in die Lüfte. Einen Moment später an anderer Stelle unverwechselbar ein Pegasus mit einem Reiter in einem langen Umhang.

„Verfluchter Mist!“, spuckte Agnes aus und versuchte, sich an einen Tarnzauber zu erinnern. Tarnen. Agnes hatte sich noch nie tarnen müssen. Hastig reihte sie Zauber aneinander und wob einen, der vielleicht in Regen und Dunkelheit reichen würde, solange sich der Vogel und der berittene Pegasus gegenseitig ablenkten.

Agnes rief Fitz und Beth zu: „Fliegt so schnell ihr könnt, wenn es nicht mehr geht, gehen wir runter und zu Fuß weiter, bis ihr euch erholt habt.“ Und dann würden sie weiterfliegen. Immer weiter, bis sie in Sicherheit waren.

Es gab nur eine Möglichkeit, wie die meisten Zauberwesen sie nicht würden finden können, und das war, in die Menschenwelt zu fliehen. Alles in Agnes widersetzte sich dem Gedanken, sich unter Menschen zu mischen. Es blieb zu hoffen, dass es anderen Hexen und Magiern ähnlich ging.

Nach etwa einer halben Stunde ging Fitz und Beth die Puste aus. Tapfer versuchten sie, weiter zu fliegen, aber sie verloren an Höhe. „Runter!“, forderte Agnes gegen den Wind an. Wenigstens hatten sie das Gewitter hinter sich gelassen und auch ihre Verfolger waren nicht wieder aufgetaucht. Was nicht hieß, dass sie ihnen nicht auf der Spur waren.

Ungewohnt widerstandslos fügten sich ihre Begleiter und setzten zur Landung an, die eher einem unsanften Plumpsen ähnelte. Sie waren auf einer Lichtung in einem fremdem Wald. Die Bäume sprachen nicht – entweder träumten sie oder sie wollten einfach nicht.

Agnes glitt vom Greifenrücken und löste die Verwandlung auf. Beth hechelte, was Agnes noch nie bei einer Katze gesehen hatte und Fitz hockte sich hin und stützte den Schnabel ab.

„Ich muss…“, setzte Fitz an, „mich aber nicht draufsetzen, oder?“ Agnes sah ihn verwirrt an. „Auf das Ei? Brüten?“, fragte Beth atemlos und begann, ihre Pfote zu schlecken. Sie war zerzaust und ihre Pfoten waren schwarz. Natürlich passte das nicht zu ihrer Eitelkeit und musste behoben werden. Dass es überhaupt so weit gekommen war, war ein ziemliches Wunder.

Agnes musste über Fitz lachen und holte das Ei vorsichtig hervor. „Oh, da würdest du dir nur einen heißen Hintern holen.“ Tatsächlich hatte das Ei ungefähr eine Temperatur von einem Menschen mit fast lebensgefährlichem Fieber. Das Feuerwesen darin wärmte sich selbst.

Nachdenklich sah sie die harte, rote Schale an. Würde sie das Ei essen, würde sie unsterblich werden. Es wäre nicht viel anders als bei einem Hühnerei – nur dass sie damit einen Phönix töten würde, ein Tier, das nur alle paar Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, geboren wurde.

„Wir müssen weiter“, sagte sie und riss sich von dem Ei und ihren furchtbaren Gedanken los. Sie packte Beth im Nacken, die erschrocken fauchte, und setzte sie auf ihre Schultern. Fitz bot sie ihren Unterarm an. Er hüpfte rauf.

Dann marschierte Agnes geradeaus weiter. Sie musste in eine große Menschenstadt, aber sie hatte keine Ahnung, wo eine lag. Mit fünf hatte ihre Meisterin sie von ihren Handlangern entführen lassen. An ihr Leben bei ihrer Familie erinnerte sie sich nur noch sehr verschwommen. An eine Schaukel. Daran, dass ihr Haar gekämmt wurde. An das Lächeln ihrer Mutter. Mehr nicht. Sie lief einfach weg von ihrem Wald, weg von der Kiefer mit dem verkohlten Nest.

„Wo wollen wir hin, Agnes?“, fragte Beth leise.
Agnes schnaufte. Beth war schwer, außerdem trug sie den Beutel, von dem sie sich wünschte, sie hätte ihn weniger gut gefüllt, und Fitz lag schwer in ihrer Armbeuge.
„Untertauchen. In einer. Menschenstadt. Irgendwo.“
„Die nächste wirklich große Stadt ist München. Oder Innsbruck“, sagte Beth auf ihrer Schulter. „Wenn wir da sind, wo ich glaube.“

Agnes drehte den Kopf und sah Beth an. Manchmal vergaß sie, dass Beth noch nicht lange verwandelt war. Es konnten erst einige Jahrzehnte sein, denn ihre Meisterin hatte sie sehr kurz vor Agnes’ Lehrzeit verwandelt. Anscheinend war sie eine ungehörige Schülerin gewesen und die Katzengestalt war die Strafe.

Der Stadtname würde helfen. Damit konnte Agnes einen Ortungszauber weben oder die Bäume fragen. „Danke“, sagte sie zu Beth, weil sie sich erinnerte, dass sie es gehasst hatte, dass ihre Meisterin das nie zu ihr gesagt hatte. Sie hätte sich auch bei Fitz bedankt, doch der schlief.

Agnes begann, im Takt ihrer Schritte zu singen, um die Bäume zu wecken und ihr Vertrauen zu erlangen. Sie kannte diesen Wald nicht und er sie genauso wenig, aber wenn sie sich ihm als Freundin offenbarte, würde er ihr bestimmt helfen. Sie brauchten eine Richtung, Schutz und Wasser. Am besten wäre außerdem, er würde ihr helfen, ihre Verfolger zu verwirren.

Agnes sang voller Trotz und gegen die in ihrer Brust aufblühende Sehnsucht nach ihrem Zuhause an. Sie würde dieses dumme Ei beschützen und das flaumige Küken, das daraus schlüpfen würde.

Der Feuermond ging unter und der Himmel erflammte im Morgenrot. Sie stapfte der Sonne entgegen. Agnes hörte über ihren Gesang nicht, wie die feuerrote Schale bei den ersten Sonnenstrahlen brach.

 


NUPOLE - DIE GESCHICHTE EINER FLUCHT

von Monika Bretl-Kempf

Ich heiße Nupole und bin eine Ba’dschsbasa. Früher lebte ich in einem weiten, heißen Land. In unserer Stadt gab es Häuser aus Stein und die armen Ba’dschsbasa lebten in Hütten am Rand der Stadt. Wir hatten saubere Brunnen und grüne Innenhöfe, wo es im heißesten Sommer kühl blieb.

Ich bin klein, Ba’dschsbasa sind klein. Wir haben lockige schwarze Haare, schwarze Augen, unsere Nasen sind breit und die Ohren stehen ein bisschen vom Kopf ab. Manche von uns können zaubern, meine Mam’asmam konnte das. Sie erzählte eine Geschichte, und die Geschichte wurde beim Hören so lebendig, dass man an ferne Orte reisen konnte und musste sich doch nicht von der Stelle bewegen; und die Geschichten machten ruhig und glücklich und schenkten tiefen Schlaf mit guten Träumen.

Mam’asmam lebte bei uns, bei meinem Vater, meinem Bruder und mir. Mutter war gestorben, als ich auf die Welt kam. Mam’asmam nannte mich manchmal Dschinja, dann lachte mein Bruder nur und nannte mich Axa, das heißt Tollpatsch in unserer Sprache, weil meine Knie immer aufgeschürft waren und Beulen an meiner Stirn, weil ich zu schnell rannte und zu oft stolperte. Dann weinte ich, Mam’asmam schimpfte mit ihm und erzählte mir eine Geschichte.

Noch war das Leben gut bei uns, Mam’asmam erzählte die Geschichte von Baladschinja, dem Land der Feen, in dem alles froh und gut ist, wo jeder lächelt, wo in den Bächen der Honig fließt und die Früchte nachts aus dem Küchentisch wachsen. Wo der Himmel blau ist und nicht weiß wie bei uns. Wo die Güte wohnt und jeder Schmerz schwindet. Ich hörte auf zu weinen, die Stimme von Mam’asmam wiegte mich in den Schlaf; ich schmeckte den Honig auf den Lippen und die Früchte auf der Zunge und wachte glücklich auf.
 
Eine Geschichte gab es, die Mam’asmam uns nie erzählte, denn diese war böse! Und doch schnappten wir Kinder sie auf, auf dem Markt ein Stück und ein paar Sätze auf den Höfen, ein Raunen auf der Gasse, ein Murmeln vor dem Fenster… Es gebe ein Prophezeiung, ging die Geschichte, wenn der Himmel fünf Sommer weiß bliebe vor Hitze, würden die Wölfe kommen und die Drachen, sie würden das Land verheeren und verbrennen; kein Stein bliebe auf dem anderen, die Hütten würden brennen – ein Fanal in der Nacht.

Ich hatte Angst, aber mein Bruder lachte mich aus und nannte das „abergläubisches Gewäsch“, und dann weinte ich und Mam’asmam erzählte mir von Baladschinja und den Feen. Ich vergaß, dass schon der fünfte weiße Sommer war.
 
Dann kamen die Wölfe nach Ba’dschsbasa, als es Herbst wurde, der Wind erhob sich, der Himmel wurde rot von Sand. Sie waren nett, diese Wölfe. Sie gaben uns Kindern Süßigkeiten, einer zog in unser Haus, in jedes Haus der Nachbarn zog auch einer. Er saß mit uns beim Essen abends und hörte die Geschichten vom Mam’asmam. Dann lachte er; die Süßigkeiten schmeckten auf einmal dumpf im Mund. Er erzählte Geschichten aus dem wilden Land, aus dem er stammte, mein Bruder durfte wohl auch einmal sein Schwert anfassen und seinen Dolch schwingen – der Dolch war ihm groß wie ein Schwert, wir sind klein, wir Ba’dschsbasa. Der Wolf lachte sein raues Lachen und fand Gefallen an meinem Bruder. Er nahm ihn mit zu den anderen Wölfen, er zeigte ihm, wie man Katzen fängt, denn die Wölfe hassten die Katzen. Bald gab es keine Katzen mehr in Ba’dschsbasa.

Erst hatten die Wölfe über die Geschichten der Zauberer gelacht, doch dann nannten sie sie „gefährlichen Mumpitz“; Mam’asmam durfte keine Geschichten mehr erzählen von Baladschinja. Ich schlief nicht mehr, obwohl sie mich in ihr Bett nahm und leise „Dschinja“ zu mir sagte.
Der Wolf hatte gute Ohren. Auf einmal lebten wir in Furcht. Mein Bruder nicht, mein Bruder schwang den Dolch, den sie ihm gegeben hatten, wie ein Schwert; wenn er hörte, wie Mam’asmam mich Dschinja nannte, dann lachte er nicht mehr sein „Axa“ dagegen,  er ging zum Wolf. Und der Wolf schimpfte mit Papa, weil er Mam’asmam nicht befahl, damit aufzuhören. Auch Papa konnte nicht mehr schlafen. Er wurde müde und traurig, Mama fehlte ihm, nur die Geschichten hatten Freude in sein Leben gezaubert. Als er zu müde und zu traurig wurde, sagte er das dem Wolf. Da sagte er Wolf, er wisse etwas gegen Traurigkeit, man müsse nur genug arbeiten. Die Wölfe gaben meinem Vater eine Schaufel und eine Wasserflasche und führten ihn in die Wüste hinaus und wir sahen ihn nie wieder.

Süßigkeiten gab es keine mehr. Es gab auch wenig zu essen, denn die vielen weißen Sommer hatten die Bäume schwach gemacht und die Brunnen leer. Beim Essen nahm der Wolf sich zuerst und schob dann meinem Bruder den Rest zu. Eines Tages sagte er uns, der Bruder solle nun auf die Schule der Wölfe gehen, mit den anderen Jungen zusammen, dort sein Essen bekommen und lernen, mit dem Dolch zu kämpfen wie mit dem Schwert. Und mein Bruder nahm seinen Dolch und verließ das Haus und wir sahen ihn nicht wieder.

Mam’asmam wurde mager und grau. Meine verschorften Knie wurden knotig, meine Beine dürr wie Hölzchen. Doch als wir dachten, es könne nicht mehr schlimmer werden, als Mam’asmam meinen Kosenamen nicht einmal mehr denken konnte vor Hunger – da kamen die Drachen.
In den Geschichten waren die Drachen freundliche Wesen, die jeden, der es sich nur genug wünschte, nach Baladschinja flogen in das Land des Lächelns, an die Bäche voller Honig. Doch diese Drachen waren nicht freundlich. Sie hassten das Schöne, sie hassten unsere weißen Häuser mit den grünen Innenhöfen, sie hassten die Ba’dschsbasa – und sie hassten auch die Wölfe, die vor allem.

Schwarze Drachen waren es und rote. Die schwarzen warfen Steine auf unsere Häuser und auf den Markt, die roten Drachen flogen hinterher und warfen Feuerkugeln, so dass aus den geborstenen Dächern die Flammen schlugen. Der Wolf zog zu den anderen Wölfen, sie wollten das Lager der Drachen finden und schickten die Kinder vor mit ihren Dolchen. Wir sahen sie nicht wieder. Nachdem der Wolf ausgezogen war, hatten wir fast nichts mehr zu essen. Ich hatte so großen Hunger, so unendlichen Hunger, dieser Hunger schmerzte, Schorf auf den Knien hatte ich nicht mehr, weil ich die Kraft nicht mehr hatte herumzuspringen. Mam’asmam schob mir fast alles zu, ich merkte es kaum, so sehr brüllte der Hunger. Sie wurde kleiner und müder und grauer, bis sie nicht mehr aufstehen konnte. Da erst erschrak ich – was hatte ich getan?
Doch Mam’asmam - sie konnte nur noch flüstern, nur noch wenige Worte am Stück, sagte: „Iss, Dschinja! Du brauchst alle Kraft der Welt. Du musste gehen, weg aus Ba’dschsbasa, nach Baladschinja, wo der Honig in den Bächen fließt.“ Wie freute ich mich, wieder von Baladschinja zu hören, und ich drang in Mam’asmam, mir mehr zu erzählen. Sie schlief aber ein, zu erschöpft. Erst am nächsten Tag sprach sie wieder und flüsterte mir vom Ba’dschbalad, das ich durchqueren müsse, vom Wüstenland, das ewig unter weißem Himmel liegt und doch keine Wölfe kennt und keine Drachen. Das auch keine Bäume kennt und kein Wasser, keine schattigen Höfe, keinen Markt und keine Wolke am Firmament. Ich solle in der Nacht gehen, hauchte sie noch.

Am nächsten Tag flüsterte sie mir vom Kabirm’ah, dem großen Wasser der ewigen Stürme, in dem Kreaturen hausen schlimmer als die roten Drachen, an dessen Ufer man aber vielleicht einen der weißen Drachen aus den schönen Geschichten finden könne, der bereit sein würde, einen nach Baladschinja zu fliegen. „Anders darfst Du es nicht wagen, Dschinja! Kabirm’ah hat keine Gnade mit denen, die sich ihm ausliefern!“

Am nächsten Tag schließlich flüsterte sie mir von der kleinen Flasche, die ich im Keller finden sollte, in der Arib‘asal  sei, ein Honigtrank aus Baladschinja. Der sollte mir Kraft geben für die Reise durch Ba’dschbalad an die Ufer des Kabirm’ah. Der Zauber von Baladschinja sei darin gefangen, der einen besser stärkt als jedes Brot der Welt.

„Trink Du ihn, Mam’asmam!“

„Nein, Dschinja, tu wie ich Dir sage, hol den Trank und Deine Wasserflasche, nimm Dein Tuch um und geh, wenn der Mond steigt. Dann schlafen die Drachen.“

Sie schlief ein, ich weinte und schlief endlich neben ihr, bis sie mich weckte, ihr Flüstern war nur noch ein Hauch.

„Geh nun, Dschinja.“

An der Tür drehte ich mich noch einmal zu ihr um, ihre Augen lagen tief in den Höhlen, als sie mir nachsah. Eine Träne gab sie mir mit auf die Reise. Ich trat durch das Tor und ging und ich sah sie nicht wieder.
 
Ich kam nicht weit in dieser Nacht, ich konnte das Brennen und Flackern des Feuers noch sehen vom Rand der Wüste, wo ich lagerte. Im Dornengebüsch würden mich die Drachen nicht finden und auch nicht die Sonne, die vom weißen Himmel brannte, als sei der Sommer endlos geworden. Abends ging ich weiter, gestärkt vom Arib‘asal und wanderte die Nacht durch, im weißen Mond warf ich lange Schatten. Des Tages ruhte ich, geborgen unter meinem Tuch und fand keinen Schlaf in der Hitze der brennenden Sonne.

So ging ich einige Nächte durch Ba’dschbalad, der Weg dehnte sich endlos für eine kleine Ba’dschsbasa wie mich, die fünf Schritte brauchte für den eines Wolfes und keine Flügel hatte wie ein Drache. Gegen Morgen stolperte ich schon mehr, als ich lief und hatte nicht Acht auf die Umgebung. So lief ich mitten in eine Karawane hinein von Tasch‘iri mit ihren Schamala. Seltsame Wesen waren das mit ihren schlaffen Höckern, die stoisch vor sich hinstapften.
Ich staunte noch, da hatten mich die Tasch‘iri  schon ergriffen, sie reichten mich herum, freuten sich über ihren Fund. Noch nie hatten sie eine Ba’dschsbasa gesehen, sie gafften mich an, ihrer seltsamen Sprache konnte ich gerade genug entnehmen um zu verstehen, dass sie mich als Wundertier auf dem Markt verkaufen wollten. Sie lachten, als ich weinte und banden mich auf eins der Schamala. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir einen Dolch, wie mein Bruder ihn gehabt hatte, ich weinte bittere Tränen, was die Tasch‘iri  noch mehr zum Lachen brachte. Immerhin gaben sie mir etwas Wasser und sie durchsuchten mich nur oberflächlich, so dass sie das Fläschchen mit dem Arib‘asal nicht fanden.

Die Wüste durchquerten sie schnell, viel schneller, als ich es geschafft hätte, hätte ich es überhaupt geschafft. Krank vom schwankenden Ritt, müdegeweint, sah ich nun zum ersten Mal das Kabirm’ah. Dunkel und drohend brachen die Wellen sich an Land, gekrönt von weißen Kämmen, unter einem grauen Himmel, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Der Wind brauste und es brauste von Geschäftigkeit auf dem Markt in der Stadt, auf den die Tasch‘iri  mich brachten. Was hätte es dort alles zum Staunen gegeben, hätte die Angst mich nicht blind und taub und lahm gemacht. Ob es wohl Dschinja waren, diese großen blonden Wesen mit den schmalen Nasen und den hellen Augen? Und welchem Stamm mochten die dunklen Gestalten angehören, die in Stoffe gekleidet gingen, die leichter aussahen als Spinnweb? Das Geschrei aus vielen Kehlen, die hier handelten und feilschten in allen Sprachen der Völker, machte mich wirr. Ich drückte die Hände an die Ohren, machte mich klein und unsichtbar zwischen den Waren der Tasch‘iri . Wie Gepäck hatten sie mich zu den Kisten und Säcken geworfen, gefesselt. Denn nun, wo die Reise überstanden war, wollten sie sich zuerst den Staub von den Füßen waschen, essen und trinken, es sich Wohlsein lassen.

Ich weiß nicht, wie lange ich im Dunkeln gelegen hatte, als ich ein Rascheln hörte.
Vielleicht hatte ich sogar geschlafen. Wieder machte ich mich klein. Plötzlich tauchte eine Gestalt auf, kleiner als die Tasch‘iri  und die blonden Wesen, größer als ich. Leise machte er sich an den Kisten zu schaffen, fingerte darin herum. Ein Dieb! Ich wollte schreien… doch dann bemerkte er mich und drückte mir schon die schmutzige Hand auf den Mund. Staunend sah er mich dann an. Ich wagte es, reckte ihm meine gefesselten Hände entgegen. Er kämpfte mit sich, der Augenblick zog sich und wurde zur Ewigkeit, dann huschte ein Grinsen über sein Gesicht.
Er bedeutete mir, still zu sein, führte sein Messer zwischen meine Hände, zerrte es durch die Knoten und befreite schließlich auch meine Beine. Grinste noch einmal, schnappte sich einen Packsack und zerrte mich hinter sich her durch eine schmale Lücke in der Schuppenwand, durch Gassen und Wege, hinter Buden vorbei bis in eine Hütte am Rand der Stadt, am Ufer des Kabirm’ah.

Ich keuchte und sank an der Bretterwand zusammen. Er gab mir Wasser. Was er war, weiß ich nicht, seine Sprache verstand ich nicht, viel älter als ich konnte er nicht sein. Er deutete auf seine Brust: „Saaia“. Ich deutete auf meine: „Nupole“. Unterhalten konnten wir uns nicht.
So zeichneten wir Dinge in den nassen Sand am Ufer von Kabirm’ah. Ich beschrieb mit den Fingern einen Drachen und hohe Gestalten mit geraden Nasen. Saaia starrte mich an – brach in wildes Gelächter aus. Verwirrt hielt ich inne. Er pochte sich, immer noch lachend, mit dem Finger an die Stirn. Gekränkt, traurig, schlang ich die Arme um die Knie und schaukelte langsam im kalten Sand. Saaia kroch näher. Er fuhr mit seiner Hand über meine Wange, auf der eine einsame Träne durch den Staub kroch wie die letzte Träne, die Mam’asmam geweint hatte. Er streichelte mir über das Haar und flitzte dann zurück in die Hütte, brachte ein Stückchen Brot mit heraus und riss es in zwei Teile. Es war alt und es war trocken; es schmeckte so süß wie der Arib‘asal aus der Flasche meiner Mam’asmam.
 
Es wurde Nacht, es wurde kalt, wir krochen zusammen unter seine löchrige Decke. In sein ruhiges Atmen hinein fand ich meine Stimme wieder und erzählte ihm die Geschichte von Baladschinja. Obwohl er meine Worte nicht verstehen konnte, merkte ich doch, dass die Bilder in seinen Kopf fanden. Ich war zehn Sommer alt und der Zauber von Mam’asmam war auf mich gekommen. Saaia schlief ein, ich auch, als er am Morgen aufwachte, strahlten sein Augen und er sah mich an wie ein Wunder. Als ich wieder den Drachen zeichnete, lachte er nicht mehr, doch sein Strahlen erstarb und er schüttelte den Kopf. Da verstand ich: die weißen Drachen gab es nicht, nicht mehr, die hier gelebt hatten, die schwarzen und die roten Drachen hatten schon lange gesiegt und zwischen uns und Baladschinja lag Kabirm’ah, das grausame Meer, von dem Mam’asmam gesagt hatte, man könne und dürfe es nicht queren, wolle man nicht eines furchtbaren Todes sterben.

Manchmal hatten wir Brot, manchmal nicht, Wasser hatten wir immer, denn es regnete unentwegt. Nachts malte ich mit meiner Stimme Träume für Saaia und einmal gab ich ihm den Arib‘asal zu kosten, als er erschöpft und blaugeprügelt vom Markt zurückkam Eines Abends malte Saaia ein Boot in den Sand. Erschrocken sah ich ihn an. Doch er nickte. Nahm meine kleine Hand in seine große und zog mich am Ufer des Kabirm’ah entlang zu einer einsamen Bucht, in der ich Männer bauen sah und Frauen nähen an einem großen Segel. Saaia ging mit mir zu ihnen hin, sie hatten dunkle Augen und lockige Haare. Er fragte etwas, das ich nicht verstand und sie schüttelten die Köpfe, machten sich groß und ablehnend. Saaia bedeutete mir: „Erzähl!“ Erst verstand ich nicht, doch dann begann ich die Geschichte von Baladschinja. Während ich noch erzählte, wurden die Gesichter weicher, der eine oder andere nickte.

Wir zogen zu ihnen, Saaia und ich. Er malte Bilder in den Sand, ich erzählte meine Geschichten in der Sprache von Ba’dschsbasa, sie verstanden mich, ich sah die Träume hinter ihren Augen… Ich nähte mit den Frauen und Saaia hämmerte mit den Männern, mehr noch zahlte ich mit meinem Zauber für unsere Reise. Endlich war der Tag gekommen, wir stachen in See. Die Wogen wollten uns zurückwerfen ans Ufer von Kabirm’ah. Dann endlich fasste der Wind das Segel, das wir Frauen genäht hatten, und das Holz, in das die Männer die Nägel gehämmert hatten, knarrte und ächzte, wir fuhren und ließen das Ufer hinter uns im Dunst. Die Stadt verschwand, um uns waren nur die Wellen und der Wind, der unsere Locken verknotete und unsere Zungen dick und schwer und durstig machte von Salz. Wir fuhren und wussten nicht, wie lange wir zu fahren hätten, der Wind trieb uns vor sich her, der Himmel kannte keine Sterne und welche Ungeheuer unter uns lauern würden, wussten wir nicht. Ich erzählte von Baladschinja, wo in den Bächen der Honig fließt und die Früchte aus dem Tisch wachsen.
 
Der Wind wurde zum Sturm, zum Orkan, die Segel, die die Frauen genäht hatten, gingen in Fetzen, das Holz, in das die Männer die Nägel geschlagen hatten, knarrte und ächzte, ächzte und knarrte, und nach vielen Tagen endlich ging das erste Brett in Stücke. Frauen weinten, Männer weinten, Wasser schlug ins Boot. Der Wind pfiff durch die Fetzen der Segel, trieb den weißen Schaum der Wellen über uns hinweg. „Kabirm’ah hat keine Gnade mit denen, die sich ihm ausliefern!“, hatte Mam’asmam gesagt. Sie hatte recht gehabt und doch wieder Unrecht, denn die weißen Drachen hatte es nicht gegeben. So trieben wir auf dem Kabirm’ah. Die Nacht war dunkel, ohne Sterne, endlich graute der Morgen. Schatten zeichneten sich ab im Dunst.
Das Boot nahm Wasser, die Reling lag schon tief.

Plötzlich der Ruf: „Baladschinja!“

Wir drängten uns an der Reling, der Druck war zu viel, wir stürzten ins Wasser, Saaia neben mir. Ich versank, er packte mich, der Küstenjunge konnte schwimmen, er zog mich mit sich, den Schatten entgegen. Wogen überspülten uns, woher nahm Saaia nur die Kraft? Das Wasser wollte uns zurückzerren, doch endlich spürten wir Sand unter den Füßen, krochen an Land, sanken am Ufer zusammen.

Nur wenige Tropfen vom Arib‘asal  hatte ich noch übrig, das half uns, nach den andren zu suchen. Wir fanden sie nicht, wir fanden Bretter, die geborsten, Segel, die zerfetzt waren, doch keine anderen vom Boot. Wieder fielen wir in den Sand. Ich hatte noch eine Träne übrig, die Träne, die Mam’asmam mir zum Abschied geschenkt hatte. Dann hatte ich keine Träne mehr. Saaia auch nicht.
 
Wir lagen zusammen am Ufer von Baladschinja. Neben uns floss ein Bach durch den Sand.
 
Doch sein Wasser schmeckte nach Salz wie meine letzte Träne.

3 Kommentare

Frida am 16. Januar 2017

Wer hat die Geschichten eigentlich gelesen und ausgewählt?

Die Vorauswahl trafen Insa und Gästy und die Gewinner haben wir dann mit Cornelia ausgesucht.

Matteo am 28. Dezember 2016

Sehr schöne Geschichte, Helene Schiller.

Fuchs am 18. Oktober 2016

Wow!! Die Geschichten sind wirklich toll!! Mein Lob an die Verfasser der Geschichten