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Dienstag, der 3. Oktober 2017

Wie wirst du zum Homunkulus?

Wie macht man das: Wie schlüpft man als Schauspieler oder Sprecher so schnell in eine Rolle wie die von Fliegenbein?
Und wie schafft man das, so zu klingen, dass alle, die zuhören, glauben, man sei eine alte Hamburger Schiffsratte wie Gilbert Grauschwanz? Bei der Bühnenpremiere von Cornelias Hörspiel "Drachenreiter – Die Vulkan-Mission" in Hamburg haben wir die Sprecher gefragt.

Cornelia und die anderen Sprecher beim Testlauf vor der Bühnenpremiere von "Drachenreiter - Die Vulkan-Mission" (Foto: Michael Orth)

Nach und nach verschwinden überall in der Welt die Fabelwesen, weg, eins nach dem anderen. Werden sie gekidnappt? Wer würde so etwas tun und warum? Außerdem war auch vom Silberdrachen Lung nun schon seit einer ganzen Weile nichts zu hören gewesen, und nicht nur Lungs Freundin, das Koboldmädchen Schwefelfell, macht sich Sorgen. Allen in Mímameiđr, der Rettungsstation für Fabelwesen, ist unwohl bei dem Gedanken an dieses massenhafte Verschwinden. Und allen ist klar: Es muss etwas passieren, wir müssen herausfinden, was da los ist. Also macht sich das FREEFAB-Team zum Schutz fabelhafter Geschöpfe auf eine Rettungsmission. An Bord eines Unterwasser-Überwasser-Boots reisen der Homunkulus Fliegenbein, das schottische Koboldmädchen Schwefelfell und das Piloten-Rattenmädchen Lola Grauschwanz nach Island. Sie folgen einer Route, die Lolas Cousin, der Hamburger Schiffs-Rätterich Gilbert Grauschwanz, ihnen vorgibt und stehen bald vor einem dunklen Gang, der sie mitten in einen brodelnden Vulkan hinein führt.

Das ist die Szene aus Cornelias Hörspiel "Drachenreiter – Die Vulkan-Mission", die Cornelia zusammen mit ihrem Hörbuchverlag Atmende Bücher und der ZEIT in Hamburg auf die Bühne brachte. Dort saßen neben Cornelia, die den Erzähler und das Fotomelion Winnifred sprach, Stefan Brönneke, der Fliegenbein seine Stimme gab, Jennifer Böttcher als Schwefelfell, Konstantin Graudus in der Rolle von Gilbert Grauschwanz und Gala Othero Winter, die den Part der fliegenden Ratte Lola übernahm. Vor sich hatten sie alle ein Mikrofon und die Textpassagen, die sie sich für ihre Rolle markiert hatten, und das Publikum, ein ganzer großer Hörsaal voller Leute, die schon nach den ersten paar Sätzen in ihrer Fantasie mit Lola, Gilbert, Winnifred, Schwefelfell und Fliegenbein unterwegs waren.

Immer klingt Fliegenbein ein bisschen besorgt, zaghaft nur kommen ihm die Wörter aus dem Mund, und meist muss er auch seine Hände benutzen, um seiner Sorge gestikulierend Nachdruck zu verleihen. Nicht anders geht es den anderen Sprecherinnen und Sprechern. Sie alle sitzen nicht still da, warten auf ihren Einsatz und lesen dann im richtigen Moment ihren Text ganz fehlerfrei vom Papier. Keiner sitzt still. Selbst wenn sie gerade nicht dran sind, gehen sie in Gedanken mit. Auch sie reißen die Augen auf, wenn ein anderer erschrickt, sie heben die Hände, beugen sich vor, ziehen die Stirn in Falten und machen, wenn die Situation brenzlig wird, Gesichter, als hätte ihnen jemand auf den Fuß oder gegen das Schienbein getreten.

Stefan Brönneke (Foto: Michael Orth)

Wie aber geht das? Wie schlüpften sie alle so schnell in die Rolle der Wesen aus "Drachenreiter – Die Vulkan-Mission", denen sie auf der Bühne ihre Stimme gaben? Wie verwandelt man sich in eine fliegende Ratte oder in ein Koboldmädchen mit unbändigem Appetit auf wilde Pilze? „Wenn eine Rolle auf mich zukommt“, sagt Fliegenbein Stefan Brönneke, „ist das erst mal ein großes Fragezeichen. Ich beginne damit, dass ich Informationen sammle über den Charakter, dem ich meine Stimme geben soll. Aber ich probiere und flaxe auch eine Menge herum, ich suche und versuche, was mich anspricht. So kann man das vielleicht sagen: Ich probiere herum, bis ich in einem Moment höre, wie die Figur mich anspricht. Das hat schon etwas Magisches, als erwecke man die Figur, die bis dahin nur aus Wörtern und vielleicht auch ein paar Illustrationen besteht, zum Leben. Und dann ist es noch wichtig, dass das zu den anderen Charakteren passt, dass die Stimmlage, der Ton und die Art zu sprechen mit der Art korrespondiert, wie die anderen Charaktere gesprochen werden.“ Eine Ratte wie Lola sollte zum Beispiel nicht größer klingen als ein Fotomelion, was eine fantastische Eidechsenart ist, ein Drache wie Lung aber braucht mehr Bass und Volumen als Schwefelfell, das Koboldmädchen.

Stefan Brönneke hilft, dass er schon sehr lang als Sprecher arbeitet. „Ich habe als Junge damit angefangen. Als jemand bei den Aufnahmen von "Sheriff Ben oder ein schwarzer Tag in Dodge City" ausfiel, saß er, da war er acht Jahre alt, das erste Mal im Tonstudio an einem Mikrofon. Es sei egal, sagt er, ob man einen fantastischen Charakter spreche oder einer realen Person seine Stimme gebe, wichtig sei stets, sich selbst dabei nicht so wichtig, sondern zurück zu nehmen. „Das hilft sehr, denn es wird immer schwierig beim Spiel, wenn man sich selbst dabei im Weg steht. Man steht dann nämlich auch der Rolle im Weg, in die man schlüpfen soll. Es ist gut, wenn man die Rolle auf sich zu kommen, wenn man sie kommen lässt.“ So ähnlich sagt das Cornelia ja auch von den Geschichten, die sie schreibt: „Die Geschichten kommen zu mir“, behauptet sie. „Ich bin sicher, wenn man sich abends in sein Zimmer setzt und sich einfach mal dort umsieht, kann man schon anfangen, zehn verschiedene Geschichten zu schreiben.“

Gala Othero Winter (Foto: Michael Orth)

Gala Othero Winter, die Schauspielerin, die im Hörspiel die Ratte Lola spricht, macht es mit ihrer Rolle ganz genau so wie Cornelia mit den Geschichten: Sie gibt ihr den Raum sich zu entfalten. „Das ist doch das Tolle an so fantastischen Figuren wie Lola, dass keiner weiß, wie so jemand ist. Also kann man machen, was man möchte, man kann entlang des Texts seinem Empfinden folgen. Wenn ich die Geschichte lese, dann nehmen die Figuren in meiner Vorstellung Gestalt an. Das muss man zulassen und erst mal nicht fragen, ob das so richtig ist. Damit verlässt man den realen Ort und geht in die Geschichte. Noch besser geht das, wenn du laut liest und eine Rolle in einer Gruppe mit anderen spielst. Dann entsteht im Spiel so eine Situation, in die du eintauchen kannst, und das hilft mir immer sehr.“

Natürlich hat es Gala auch geholfen, dass sie schon im Tonstudio von German Wahnsinn bei den Aufnahmen von "Drachenreiter – Die Vulkan-Mission" die Ratte Lola gesprochen hat. Aber wichtiger als das viele Üben findet sie, dass man bei den ersten Versuchen ganz spontan ist und wach und nicht zu viel nachdenkt. „Das viele Denken“, sagt sie, „steht zwischen dir und der Figur.“

Konstantin Graudus (Foto: Michael Orth)

Haben die sich mit ihren Antworten abgesprochen? Dasselbe hatte doch Stefan Brönneke schon gesagt, wenn auch mit anderen Worten. Konstantin Graudus, auf der Bühne Sprecher der Katographen-Schiffsratte Gilbert, hat einen ähnlichen Tipp: „Es heißt doch Hörspiel, so wie es auch Schauspiel heißt. Es ist ein Spiel, das ist das Wichtigste. Verkrampft spielen geht nicht, dann spielst du nicht mehr, dann ist alles schwer. Es braucht aber lang, bis man das begriffen hat. In Deutschland heißt es ja oft, Kunst komme von Können, und Können hat viel mit Disziplin und Üben zu tun, und dabei verliert man dann gerne aus dem Blick, dass es doch in erster Linie ein Spiel ist.“ Spielen bedeute ausprobieren, meint Konstantin Graudus. Dann nimmt er seinen Ausdruck des Hörspieltexts vom Tisch und blättert durch die Seiten.
„Ah“, macht er dann. „Hier ist noch was“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf eine kleine Zeichnung, die er mit Kuli zwischen die Zeilen gekritzelt hatte. „Das ist meine persönliche Regieanweisung für Gilbert Grauschwanz.

Konstantin Graudus Zeichnung zu Gilbert Grauschwanz (Foto: Michael Orth)

Ich brauche oft so eine optische Anweisung, dann passiert vieles andere ganz von alleine. Wenn ich lese, habe ich oft so eine vage Ahnung einer Figur, sie taucht in einer Sekunde auf, in der nächsten ist sie manchmal wieder weg. Also mach ich dann ganz schnell aus dem Gefühl heraus so eine kleine Zeichnung. Damit ist die Basis gelegt. Wenn man erst mal kapiert hat, wie leicht es sein kann, sich von der Figur finden zu lassen, anstatt selbst immer die Figur finden zu wollen, hat man schon viel erreicht. Aber es dauert lang, bis man das wirklich kapiert hat, zumindest wenn man schon erwachsen ist.“

Jennifer Böttcher (Foto: Michael Orth)

Zu ernst sein und zu erwachsen tue nicht gut, wenn man in eine Rolle finden möchte, selbst wenn man nicht gerade ein Koboldmädchen spielt, sondern eine Erwachsene, findet auch Jennifer Böttcher. Sie hat schon eine Menge Erfahrung als Synchronsprecherin und auch als Sängerin und bei der Bühnenpremiere von Cornelias Hörspiel als Schwefelfell ausgeholfen. Kaum hatte sie die erste Zeile gelesen, war sie selbst nicht mehr zu erkennen. Da war sie nicht mehr Jennifer Böttcher, die auf einer Bühne neben Stefan Brönneke, Cornelia, Konstantin Graudus und Gala Othero Winter saß. Da war sie Schwefelfell, die neben Lola und Fliegenbein in einem Unterwasser-Überwasser-Boot saß, unterwegs nach Island zur Rettung der Fabelwesen in "Drachenreiter – Die Vulkan-Mission".


Text und Fotos: Michael Orth


2 Kommentare

Jonas Mandelkow am 17. Oktober 2017

DIE VULKAN MISSION!

Jonas Mandelkow am 10. Oktober 2017

Liebe Insa, ich hätte da noch eine Frag: Wird es zu dem Buch den auch eine Lesung geben und wenn, wann?

Hallo Jonas, welches Buch meinst du denn?