X

Fragen an Cornelia

Ihr schickt Cornelia so unglaublich viele, vielfältige Fragen zum Thema Schreiben. Hier gibt Cornelia Antworten und Einblick in ihre Arbeit.

 

* Was macht für dich den Beruf einer Autorin aus? Was macht diesen Beruf aus deiner Sicht zum allerbesten Beruf?

Ich kann einfach das tun, was ich am allerliebsten tue: Geschichten erzählen. Und ich kann in den Geschichten in Länder und Welten reisen und Wesen treffen, die ich im realen Leben vielleicht nie kennengelernt hätte, und Dinge erleben, von denen ich schon lange träume (z.B. auf einem Drachen reiten)...

* Wenn du ein Buch schreibst, wie lange brauchst du dafür? Und wie lange arbeitest du pro Tag an einem Buch? Verwechselst du manchmal Deutsch und Englisch, wenn du eine Geschichte schreibst?

Sehr verschieden. An den Spiegelwelt-Büchern schreibe ich mindestens zwei Jahre, weil sie soviel Recherche verlangen. "Die Feder eines Greifs" hat etwa ein Jahr gedauert. Aber inzwischen schreibe ich auch sehr gerne Kurzgeschichten zwischendurch, oder arbeite an einem weiteren Buch an den Wochenenden.
Ich spiele derzeit mit dem Gedanken, es eines Tages wie Dickens zu machen und ein Kapitel nach dem anderen zu veröffentlichen. Wie lange ich pro Tag arbeite ist unterschiedlich. Aber ich versuche, mich so oft es geht zurückzuziehen und ein paar Seiten am aktuellen Buch zu schreiben. Mit den Sprachen komme ich beim Schreiben glücklicherweise noch nicht durcheinander.

* Manche aus unserer AG spielen mit dem Gedanken selber zu schreiben. Hast du einen Tipp für angehende Autoren?

Habt ein Din A4 Notizbuch für jede Geschichte, mit der ihr spielt. Schreibt jede Idee auf. Lasst euch von Bildern, Orten, Geschichte inspirieren. Die Wirklichkeit ist die wundersamste Muse. Generell - die erste Fassung immer per Hand schreiben. Neugierig auf alles sein, innen und außen. Nicht über sich selbst, sondern über und für alles und alle schreiben.

* Wie kommst du auf die Ideen?

Die Ideen kommen von überall und nirgendwo, von außen und von innen.
Es können Orte, Begegnungen oder auch nur eine bestimmte Stimmung inspirieren. Die Idee zu "Herr der Diebe" ist mir zum Beispiel in Venedig gekommen. Venedig ist ein verzauberter Ort, aber er ist auch sehr wirklich.
Er ist nicht wie Hogwarts oder Mittelerde, nach Venedig kannst du hinfahren,
du kannst es anfassen, riechen, schmecken - ich wollte, dass viele, viele Kinder erfahren, dass es einen solchen Ort gibt, dass die Wirklichkeit sehr aufregend sein kann!

* Welche Werke haben dich beim Schreiben inspiriert?

Jedes gute und schlechte Buch, das ich je gelesen habe.

* Hast du feste Zeiten zum Schreiben?

Als meine Kinder noch zuhause waren, habe ich nur geschrieben, wenn sie nicht hier waren. Aber inzwischen genieße ich die Freiheit, zu schreiben, wo und wann mir danach ist. Ich habe allerdings in meinem (Papier-) Kalender Sticker für die Kapitel, an denen ich jeweils arbeiten will. Wenn eins nicht fertig wird, kommt der Sticker auf den nächsten Tag, aber ich plane die Arbeit schon mehrere Wochen im Voraus, weil ich inzwischen manchmal an vier Büchern gleichzeitig arbeite.

* Hast du beim Schreiben bestimmte Rituale, wie zum Beispiel Tee trinken oder eine bestimmte Hintergrundmusik hören?

Oh ja, Espresso, Tee und oft auch ein Schälchen mit Kauzeug (Haribo- und Katjestüten - direkt importiert aus Deutschland, denn die geliebten Kautiere und Kaufrüchte gibt es in den USA leider nicht) oder Schokolade. Und zum Illustrieren höre ich sehr gerne klassische Musik, am liebsten Bach.

* Hast du einen Lieblingsplatz zum Schreiben?

Eigentlich nicht. Ich schreibe inzwischen sehr gern an vielen Orten.
Mein Schreibplatz in meinem Haus ist natürlich einer dieser Orte, aber dort habe ich auch all meine Recherche, also ist es eher das Basislager. Ich schreibe gern in meinen Lieblingscafés, im Getty, am Pier, am Flughafen, im Zug, im Garten….. da ich immer ein Notizbuch dabei habe und einen guten Stift, schreibe ich, wo immer ich bin. All meine Freunde kennen den Anblick, dass ich dasitze und schreibe, wenn wir uns irgendwo treffen.

* Was motiviert dich zum Schreiben, wenn du eigentlich keine Lust hast?

Ich habe immer Lust. Schreiben ist für mich wie Schokolade - es braucht keine Motivation, die zu essen. Wenn ich mich ans Umschreiben mache und in der siebten Fassung bin, gibt es natürlich Tage, wo ich gerade das Kapitel nicht bearbeiten will, aber dann ist der Wunsch, die Geschichte auf Hochglanz zu polieren, Motivation genug!

* Was ist dein Tipp, um eine gute Kindergeschichte zu verfassen?

Ich bin der Meinung, dass Kinderbücher auf sehr unterschiedliche Weise gut sein können. Meine Art ist es, entweder phantastische Geschichten zu erzählen oder realistische, in denen dann das Alltagsleben lauert. Ich hoffe immer, dass die Realität in meinen Geschichten nicht zu kurz kommt, aber ich bin eigentlich keine Autorin, die sich zuerst ein Problem aussucht und drum herum die Geschichte spinnt, sondern ich stolpere eher über eine Geschichtenidee, die ich dann weiter entwickele. Auf alle Fälle glaube ich, dass man mit der richtigen Geschichte jedes Kind zum Lesen bringt. Ganz bestimmt.

* Wenn du ein Buch schreibst, wie gehst du vor? Wie entwickelst du die Story und Charaktere?

Das Schreiben hat sich bei mir mit der Zeit sehr verändert. Beim ersten Buch war es noch so: am Anfang holterdipolter und schließlich endet man irgendwo im Wald und weiß nicht weiter. Das merkt man dem Buch dann auch meistens an, weil die Hänger in der Mitte kommen und die Lösung oft sehr willkürlich ist.

Inzwischen erstelle ich ganz ausführliche Exposées, auch Charakterisierungen der Figuren und Gliederungen, die allerdings hoffnungslos oft umgeschmissen werden. Bei "Drachenreiter" habe ich noch recherchiert, während ich schrieb, in Reiseberichten und Büchern über Pilze und Fabelwesen. Bei "Herr der Diebe" habe ich das schon geändert und vor dem Schreiben etwa ein halbes Jahr recherchiert – über Venedig natürlich. Bei "Tintenherz" habe ich mehr als ein Jahr Bücher über Bücher gelesen, über das Binden und Restaurieren, berühmte Bibliotheken, besessene Sammler, Bücherdiebe und Büchermörder … und parallel die Handlung entwickelt.

Aber meist nehmen meine Figuren ab Seite 100 die Handlung selbst in die Hand, und ich habe festgestellt, dass es besser ist, sie vom Zügel zu lassen, weil die Geschichte, die sie selbst erzählen, immer ungewöhnlicher ist als die, die ich geplant hatte.

* Wie kommst du auf die Figuren deiner Geschichten?

Meist spazieren sie einfach in mein Schreibzimmer und sind von Anfang an so lebendig, dass ich mich frage, wo sie denn um alles in der Welt hergekommen sind. Natürlich habe ich bei einigen auch lange nachgedacht, Stärken, Schwächen und Eigenarten hinzugefügt, aber andere sind einfach plötzlich da. So war es zum Beispiel bei Staubfinger aus "Tintenherz".

* Hast du einen Leitfaden, der sich durch das Buch zieht oder gibt es eine Grundidee, die du dann spontan umsetzt?

Ich habe nicht wirklich eine Regel für jedes Buch. Aber ich glaube, es kann eine Geschichte sehr reich machen, wenn sie mit einem Thema spielt. Bei "Herr der Diebe" habe ich das zum ersten Mal bewusst gemacht, und stärker als bei vielen anderen Büchern. Bei der Tintenwelt gab es mehrere Themen, einige von Anfang an, andere haben sich beim Schreiben erst entwickelt (was mir am liebsten ist). Bei der Spiegelwelt kommt es mir so vor, als hätte ich mich auf eine dieser Märchenreisen gemacht, bei der einem immer neue Aufgaben und Rätsel gestellt werden.

* Was sind die Grundmotive deiner Geschichten?

Ein zentrales Thema ist die Freundschaft oder der Gedanke 'gemeinsam sind wir stark'. Ich bin der Meinung, dass man nur gemeinsam etwas schafft, und dass alles, was man für sich alleine macht, eine gewisse Begrenztheit hat, weil man dadurch blind gegenüber bestimmten Sachen ist. Ich glaube sehr an den befruchtenden Einfluss von anderen. Natürlich gibt es in meinen Geschichten noch viele andere Grundmotive – das Überwinden von Angst zum Beispiel, Figuren, die nicht das sind, was sie zu sein scheinen, die Entdeckung, wie bizarr und vielfältig die Welt ist, Mitleidlosigkeit .... und so weiter und so weiter.
Eine gute Geschichte sollte viele Motive haben.

* Warum schreibst du gerade für Kinder und Jugendliche?

Weil kein anderes Genre drei oder manchmal sogar vier Generationen einer Familie erreichen kann, und die Vorstellung, dass ganze Familien zusammen eine Geschichte erleben, ist für mich die allerbeste. Außerdem ist es so, dass Kinder das Talent haben, in einem Satz die Saat für eine ganze Welt zu finden.
Das geht uns später leicht verloren. Und – ich liebe es, Kinder als Helden meiner Geschichte zu haben, weil sie unsere Realität oft noch mehr in Frage stellen.

* Worauf muss man achten, wenn man eine Kindergeschichte schreiben will?

Eigentlich beachte ich da keine bestimmten Kriterien. Nur beim Bilder- und Erstlesebuch achte ich darauf, sehr einfach zu schreiben. Bei den größeren Büchern kommt es manchmal vor, dass ich für die kleineren Kinder eine Information noch einmal wiederhole, oder an einer Satzstruktur arbeite, um sie für sie noch etwas flüssiger lesbar zu machen. Aber meist tut das dann auch dem Text sehr gut.

* Wie entwickelt man derart fantastische Figuren wie die in deinen Geschichten?

Die kommen zu mir. Und sind von Freunden inspiriert, von Figuren aus Büchern und Filmen,
von Gemälden, alten Fotos….und manchmal habe ich nicht die geringste Ahnung, woher sie kommen.

* Sind deine Figuren komplett erfunden oder gibt es Bezug zu realen Personen, die du kennst? Verwendest Du Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen für deine Charaktere, die du bei anderen Menschen beobachtest?

Ich glaube, niemand kann Charakter komplett erfinden. Es gibt nichts in einem Buch, was nicht irgendwie von unserem Leben inspiriert ist oder von dem,
was diese Welt bereithält. Ich benutze diese Inspiration bei Figuren aber selten bewusst. Ich arbeite eher mit Bildern, alten Fotos, Gemälden… um einer Figur ein Gesicht zu geben. Oft zeichne ich diese Gesichter erst mal ab, bevor ich mich an die Worte machen.

Ab und zu sind meine Figuren aber eindeutig von einer realen Person inspiriert. Mein Sohn Ben war zum Beispiel das Vorbild für Bo in "Herr der Diebe", und ohne ihn würde es weder Jacob noch Will Reckless geben. Meine Tochter Anna dagegen hat lieber eine Widmung vorab und ist immer meine erste Leserin.
Sie hat einige Figuren inspiriert, aber ich bin nicht sicher, wie sie es finden würde, wenn ich sie zum eindeutigen Vorbild mache.

* Sind die Orte in deinen Büchern fiktiv, real oder eine Mischung aus beidem? Ist es schwer, eine fiktive Welt zu gestalten?

Alle fiktiven Welten sind Spiegelbilder unserer Welt. Und ich liebe die, die das auch zeigen. Eine Welt, die verzweifelt versucht, nichts mit dieser zu tun zu haben, kommt für mich sehr blutleer und künstlich daher. Die Wirklichkeit dieser Welt ist so viel reicher und so viel unberechenbarer als alles, was wir uns ausdenken können. Deshalb liebe ich es, einen konkreten Ort als Ort meiner Geschichten zu wählen, mitsamt all der Inspiration, die das bringt. Der Ort ist für mich immer eine der Hauptfiguren - die Leinwand, auf die ich male.


* Wie intensiv hast du mit deiner Lektorin noch an den Romanen gearbeitet bzw. diese überarbeitet?

Ich überarbeite jedes Buch selbst vier-bis fünfmal, bevor es ins Lektorat geht. Dann kommt der Durchgang mit meiner Lektorin, bei dem ich meist noch sehr viel mehr ändere, als das Lektorat vorschlägt. Trotzdem ist dieser Durchgang natürlich extrem wichtig und zeigt immer Fehler und Unklarheiten auf, die man selbst nicht bemerkt, weil man zu tief in der Geschichte steckt. Meist ergeben sich noch zusätzlich Änderungen durch das, was meine englische Übersetzerin an Unstimmigkeiten findet.

* Wirkst du bei der Covergestaltung mit oder überlässt du das komplett dem Verlag?

Als Illustratorin mische ich mich da sehr ein. Viele gestalte ich selbst. Oder wie den vom Goldenen Garn, mit den Künstlern von Mirada, einem Studio, mit dem ich hier in LA sehr eng zusammen arbeite. Es kommt natürlich vor, dass ein Verlag eine Neu- oder Taschenbuchausgabe macht, für die ein Titel gewählt wird, der mir nicht besonders gefällt. Manchmal gebe ich dann nach, weil ich einfach keine Zeit habe, einen eigenen zu entwickeln. Aber glücklich macht so ein Nachgeben nicht.

* Wer unterstützt dich als Autorin am meisten?

Meine Assistentin Angie, ohne die ich keine Zeit zum Schreiben hätte.
Meine Literaturagenten, Übersetzer, Verleger, Illustratoren, Theaterleute… Es wird sehr unterschätzt, wie viele Menschen beim Erzählen von Geschichten helfen und inspirieren.

* Ist man als Autor ein Einzelkämpfer und schreibt nur für sich alleine, oder tauschst du dich manchmal mit anderen Personen oder Autoren/innen darüber aus, was du in ein Buch schreibst?

Es gibt keine Künstler, die Einzelkämpfer sind. Das ist ein Klischee, das sich hartnäckig hält, weil es so romantisch klingt. Aber die Wahrheit ist viel romantischer. Künstler leben von der Inspiration, die andere bringen. Ich tausche mich mit meinen Freunden, meinen Kindern, aber auch sehr gern mit meinen Lesern über meine Geschichten und Illustrationen aus.
Meine Tochter Anna hat zum Beispiel schon viele Änderungen inspiriert,
und mein Sohn Ben ist das Modell für so manchen Helden.

* In unserem semesterübergreifenden Thema: "Medien - Lesen und Literatur" sollen wir uns unter anderem mit der Frage 'Wozu Literatur? - Funktionen und Nutzen von Literatur' beschäftigen. Oft hört man nur: Lesen bildet. Doch diese Antwort ist zu kurz und zu einfach. Nun kam mir die Idee, dich als Expertin in Sachen Bücher hinzuzuziehen und dir einmal die Frage zu stellen. 

Wozu Literatur? Weil sie uns beibringt, durch die Augen anderer zu sehen.
Das war nie wichtiger. Und sie gibt denen Worte, die selbst keine Worte für das haben, was sie fühlen und fürchten.