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Samstag, der 30. Juli 2016

Die MirrorWorld App

Ein Interview mit Cornelia und Miradas Andy Merkin

 

 

Im April 2013 hat Cornelia ihre erste App veröffentlicht. Sie hat dafür extra neue Geschichten aus der Welt hinter dem Spiegel geschrieben, Geschichten, die manches von dem verraten, was die Reckless Bücher verschweigen. 

 

Cornelia, magst du das iPad und Apps? Wenn ja, welche zum Beispiel?


Ich gebe zu: Ich liebe mein iPad. Ich nehme meinen Computer auf Reisen gar nicht mit.

Stattdessen habe ich ein Din A4 Moleskine Notizbuch dabei, um zu schreiben und das iPad für alles andere - Email, Fotos, Musik, „Dr. Who“ gucken, Notizen machen, Kalender... und eben ein paar Apps.

Meine liebste ist momentan eine mit allen Shakespeare Sonetten, gelesen von den besten britischen Schauspielern.

Außerdem gibt
es Kommentare und eine alte Folio-Version der Gedichte.

 


Normalerweise schreibst du Bücher und hast sie früher auch illustriert.
Jetzt hast du Geschichten für eine App geschrieben.
Anderer Ablauf? Anderes Gefühl? Anderer Arbeitsansatz?

Ja, es war alles ganz anders.

Ich hatte schon mal Kurzgeschichten geschrieben, bis dahin aber nur für kleinere Kinder, nicht für ein auch erwachsenes Publikum wie das der MirrorWorld.

Es war das erste Mal, dass ich mich aufmachte, die Welt meiner Romane in Form von Kurzgeschichten zu entdecken – eine unglaublich spannende Sache.


Es war, als würde ich den Strahl einer Taschenlampe in all die Ecken meiner Geschichten-Welt richten, die bislang im Dunkeln gelegen hatten. Ich lernte so sehr viel dadurch und es brachte eine völlig neue Herangehensweise mit sich.

Außerdem war es das erste Mal, dass ich in Englisch schrieb (mit Ausnahme einer einzigen kleinen Geschichte, die ich vor Jahren einmal für drei Musiker in Englisch geschrieben hatte). Interessant war das auch deshalb, weil ich meine eigene Erzählstimme im Englischen fand, merkte, wie sie klingt, wie sie schmeckt, und wie sie so ganz anders ist als meine deutsche Erzählstimme, erwachsener. Das liegt wohl daran, dass ich Englisch halt viel später lernte als Deutsch, und es gibt da diese Theorie, dass unser emotionales Gedächtnis gekoppelt ist an die Sprache, die wir zu einer bestimmten Zeit sprachen.

Und noch etwas war anders:
Die Geschichten wurden inspiriert
von brillanten Mitarbeitern dieses Mal. Miradas Team entwarf Bilder und Musik und Animationen und so viel mehr, das mich trieb, weiter und weiter hinter den Spiegel in die MirrorWorld zu reisen. Es war also alles ganz anders für die App. Und: Es war wie eine Sucht.

 


Wenn du ein Buch wie Reckless schreibst, dauert das in etwa zwei Jahre. Wie lang hast du an der App gearbeitet? Und wie kamst du überhaupt auf die Idee, so etwas zu machen?

Wir haben etwa neun Monate an der App gearbeitet, was aber nicht heißt, dass wir pausenlos damit beschäftigt waren. Es war irre, wie gut Mirada auch ohne mich an MirrorWorld arbeitete. Ich habe sie im Verdacht, dass sie selbst schon Jahre hinter dem Spiegel gelebt hatten, als wir uns begegneten. Wie ich auf die Idee mit der App kam? Gar nicht. Mein deutscher Verleger hatte mir eine App vorgeschlagen, aber das Konzept dafür war viel traditioneller als das von MirrorWorld, ein paar Spiele, ein bisschen Design. Das reizte mich nicht. Dann aber traf ich Mathew Cullen auf der Party meines Freundes Florian Henckel von Donnersmarck. Matt ist einer der Gründer von Mirada. Als er mir die Mirada-Studios zeigte und was sie so alles dort machen, wusste ich sofort: Mit denen will ich arbeiten – was auch immer sie mir vorschlagen. Matt sagte also: Lass uns eine App machen, aber eine, wie es sie noch nicht gibt, eine App wie sie noch keiner kennt. Und Mirada hat gehalten, was sie versprochen hatten. Das Ergebnis ist magischer als ich es mir jemals erträumt hätte.

Du hast mehrere Geschichten speziell für die MirrorWorld App geschrieben. Kannst du uns ein bisschen was erzählen über das, was uns erwartet? Ist es "Reckless revisited" oder "Reckless reloaded"? Oder ist es etwas ganz anderes?

Ich sehe MirrorWorld als digitalen Reiseführer für das Land hinter dem Spiegel. Mir gefällt der Gedanke, dass die Leser der Bücher ihre Hand auf das iPad legen, ganz so wie es Jacob in Reckless mit dem Spiegel tut, und dann in die Spiegelwelt verschwinden können. Dass sie sich von Zeit zu Zeit in Chanutes Taverne einfinden, immer wieder ein bisschen was über die verschiedenen Sorten von Menschenfressern lesen oder über giftige Pflanzen. Dass sie erfahren, mit welch schmutzigen Tricks die ach so sauberen Herrschaften den Degen im Kampf führen und dass sie herausfinden, was mit einem Mann passiert, der sich in eine Fee verliebt. Oder in einen Goyl verwandelt. Wir haben die App so gestaltet, dass man die Reckless-Romane nicht unbedingt kennen muss, um MirrorWorld zu bereisen. Aber wer die Romane schon gelesen hat findet in MirrorWorld sicher Antworten auf ein paar offene Fragen und sieht die Welt hinter dem Spiegel genau so lebendig wie ich sie beim Schreiben vor Augen habe.

Glaubst du, dass deine MirrorWorld App sogar etwas mit den Büchern aus früheren Zeiten gemeinsam hat? Im Mittelalter, der Renaissance und auch im 19. Jahrhundert war ja zum Beispiel Illustration neben den Texten viel geläufiger.

Allerdings! Das war sehr überraschend für mich! Ich hatte ja nicht gedacht, dass die Illustrationen von Mirada so gut werden würden. Atemberaubend, und tatsächlich erinnern einige an die großen Illustrationen des 19. Jahrhunderts, andere sogar an mittelalterliche Illustrationsverfahren.

Für Verlage ist es extrem schwierig mittlerweile, den Druck farbiger Illustrationen zu finanzieren, und es wäre ganz und gar unmöglich gewesen, einen Verleger zu überzeugen, egal wie leidenschaftlich der sein Geschäft verfolgt, die Bilder zu drucken, die Mirada zum Beispiel für die Geschichten „The Yearning“ oder „One for Other“ oder für den botanischen Führer zur MirrorWorld entworfen hat.

Klar hoffen wir alle, dass diese wundervolle Kunst eines Tages doch mal auf Papier gedruckt wird. Denn alle diese Bilder der MirrorWorld sind tatsächlich handgemacht, gezeichnet, koloriert.

Was gefällt dir an der Zusammenarbeit mit Mirada am besten? Die Illustrationen, die Musik, die Geschichten?

Nicht das eine oder das andere. Es ist die Brillanz, mit der sie alles tun, was sie eben tun. Nie war unsere Zusammenarbeit ein Kompromiss, wie es das bei Kollaborationen ja oft der Fall ist. Stattdessen brachten wir uns gegenseitig auf ein Level, das wir ohne die Anregungen und Fähigkeiten der anderen Seite wohl nicht erreicht hätten, Mirada nicht, und ich ebenfalls nicht. Bei Mirada greifen sie stets nach den Sternen, und das liebe ich. Wir können es besser: Das ist das Motto Und: Yes, we can.

Für die App liest du selbst einige der Geschichten vor. War das schwierig für dich oder eine besondere Herausforderung? Brachte es dich den Geschichten vielleicht sogar noch mal näher?

Als Mathew Cullen mir sagte, er wolle, dass ich die meisten Geschichten vorlese, da ich schließlich die Geschichten-Erzählerin sei, wurde ich schon nervös wegen meines Akzents im Englischen und wegen des Mangels an Erfahrung. Aber Mathew und David Fowler, der die visuelle Gestaltung der Geschichten betreute und die brillante Fecht-Anleitung verfasste, gaben mir Mut es zu versuchen und zeigten sich als hervorragende Audio-Regisseure. Ich muss zugeben, ich mag meine Aufnahmen, und, ja, die Erfahrung ließ mich die Geschichten nochmal intensiver spüren als sie nur geschrieben zu haben.


Eine der Geschichten – „The Yearning“ – dreht sich um sehr spezielle und zugleich auch sehr normale Gefühle einer Hexe: Bist du vielleicht selbst eine? Oder wieso ist „The Yearning“ die MirrorWorld Geschichte, die du besonders magst?

Ich denke, es ist das Beste, was ich bislang geschrieben habe. Mein deutscher Verleger äußerte sich ganz ähnlich. Ich konnte poetischer sein bei dieser Geschichte als es in den Romanen möglich ist, und ich mag die Form der Kurzgeschichte sehr.

Das Thema ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Zusammenarbeit mit Mirada funktionierte: Mathew Cullen warf in die Runde, dass es für eine Hexe doch gefährlich sein könnte, ein zu altes Kind zu verspeisen. Von da war es nur noch ein Schritt zu überlegen, was wohl passiert, wenn eine Kinderfresserhexe ein zu junges Kind isst.

Für mich geht die Story aber auch um die überwältigende Liebe einer Mutter für ihr Kind und darüber, wie uns diese Erfahrung für immer verändert. Wobei als weiteres Motiv der Schmerz dazu kommt, der Schmerz einer Frau, die kein Kind bekommen kann, obwohl sie sich so sehr danach sehnt.


Wer sind die Kinder, die die „Child Eating Witch Recipes“,
die Rezepte der Kinderfresserhexen vorlesen?

Ich selbst und auch die Leute bei Mirada haben im Freundeskreis herumgefragt, ob es für sie in Ordnung wäre, wenn ihre Kinder so gruselige Rezepte vorläsen. Die meisten fanden die Idee super, und die Kinder machten sich grandios als Rezept-Vorleser am Mikrofon.

Welche der Rezepte hast du selbst schon ausprobiert?

Da ich die schlechteste Köchin aller Welten bin, habe ich das Ausprobieren jedweder Rezepte den Leuten bei Mirada überlassen.



Vor welchem Monster – es gibt ja eine Menge in MirrorWorld – fürchtest du dich am meisten? Oder bist du am Ende furchtlos?

Ich habe wohl vor dem Chanting Ogre am meisten Angst. Obwohl ich sonst einigermaßen furchtlos bin. Wenn es nicht gerade um Fahrradfahren oder Kopfsprünge ins tiefe Wasser geht.


 

Andy, du bist bei Mirada Produzent für besondere Projekte. Eins dieser besonderen Projekte ist die MirrorWorld App von Cornelia. Hast du eine Lieblingsfigur in Reckless oder einer der MirrorWorld Geschichten?

Es gibt da ein Sprichwort, dass die Geschichte selbst das wichtigste Element ist. Die Geschichte fesselt dich. Aber in der Fantasie kehrst du immer wieder zurück, um zu sehen, was mit den Figuren passiert ist.
Ich habe also eine ganze Menge Lieblings-Charaktere in den Geschichten von Cornelia. Die würde ich gerne immer wieder treffen und sie besser kennen lernen, mehr über sie heraus finden. Einige von ihnen sind zum Beispiel der Schneider aus dem ersten und Robert Louis Denbar aus dem zweiten Reckless-Roman. Aus Drachenreiter mag ich besonders den Dschinn und Schwefelfell.


Mit Mirada arbeitest du an der Entwicklung von Transmedia-Geschichten.
Was genau bedeutet das?

Ich betreue Projekte, die mehrere Ebenen, mehrere Kanäle und Plattformen nutzen, um Geschichten auf eine nichttraditionelle Weise zu erzählen. Spezialisiert habe ich mich auf das filmische Erzählen, das interaktive und digitale, wobei jede Plattform, jedes Medium, seinen besonderen Beitrag zum Erlebnis der Geschichte liefert. Es geht also nicht darum, die Geschichte einem Medium anzupassen, sondern umgekehrt darum, dass Medium zu nutzen, um die Geschichte zu bereichern, um sie sich auf neue Art und Weise entfalten zu lassen. Transmedia ist ein Prozess, in dem genau das systematisch passiert: Die Elemente einer Geschichte finden genau diejenigen Kanäle, über die sie sich am besten rüberbringen lassen, so, dass einerseits die Geschichte profitiert und andererseits jeder Kanal, also zum Beispiel eine Illustration, Musik oder ein Filmelement, seinen speziellen Beitrag leistet, zur Förderung der Story, zur Förderung des Erlebnisses der Story. 


Kannst du beschreiben, wie man dabei arbeitet, in welchen Schritten man eine Geschichte zum Leben erweckt, sie klingen lässt und in Bewegung setzt?

Wir fangen an mit dem Konzept und konzentrieren uns auf das, was das Publikum am Ende als Erfahrung mitnehmen soll. Was wollen wir zeigen, was nur andeuten und der Fantasie überlassen, welche Sinne wollen wir ansprechen? Dann gehen wir über zum Konzept-Design, bei dem wir überlegen, wie genau alles aussehen soll, welche Atmosphäre und welche Wirkung es erzeugt. Anschließend kümmern wir uns um die Details und feilen das Design in der Produktion weiter aus. Im nächsten Schritt fügen wir alle Teile so zusammen, dass sich die anfangs angestrebte Wirkung ergeben kann, und schließlich brauchen wir manchmal noch die Nachbearbeitung, um einzelne Elemente zu programmieren und anzupassen.


Mirada, heißt es manchmal, sei ein „Imaginarium“. Wie sieht es aus, wo du arbeitest – ein großes Büro, alles clean, voller Computer oder eher kreatives Chaos?

Wir arbeiten bei Mirada in einer sehr offenen Umgebung, die die Zusammenarbeit sehr fördert. Alle unsere Arbeitsplätze sind so mobil gestaltet, dass die Leute sie mitnehmen können zu den Kollegen. So können an einem Projekt Bildhauer, Illustrator, 3D-Animateur, Architekt und Programmierer zusammen arbeiten. Wir haben Platz für etwa 300 Leute und ein paar Reserve-Plätze. Am besten stellt man sich das „Imaginarium“ Mirada als kreative Denkfabrik im Dauerbetrieb vor. Ständig liegen Ideen in der Luft und gehen so unverkrampft wie möglich in die laufende Produktion mit ein. Und das ganze würde nicht funktionieren, wenn an einem Ende des Gebäudes nicht ständig Kaffee bereit stünde.


Ihr bringt altes Handwerk, Künste und moderne Technologie zusammen. Aber die wichtigste Zutat ist doch immer noch die gute Geschichte, oder nicht?

Wie heißt es doch: Nichts ruiniert ein schlechtes Produkt so sehr wie gutes Marketing. Dasselbe gilt für eine Geschichte.
Nichts ruiniert ein Projekt eher als eine schwache Geschichte.

Eine gute Story ist ohne Zweifel die wichtigste Zutat, ja, und meistens ist es am schwierigsten, diese gute Geschichte zu finden, Spannung aufzubauen, dann wieder Ruhe und wieder Spannung.

Auch dieser Wechsel und Rhythmus ist wichtig. Gibt es die Spannung in der Geschichte nicht, verkommt auch alle Technologie zum bloßen Spektakel. Die Technologie macht keine schlechte zu einer guten Geschichte. Sie kann nur helfen, eine gute Geschichte gut zu erzählen.

 


Wer ist Sir Willard Wallace III? Und: Wähle eine Waffe!


Sir Willard Wallace III ist ein Mann großer Erfolge,
erreicht mehr durch Technik und geschicktes Vorgehen denn durch körperliche Stärke.

Viele üben sich, wenige bringen Stil und Technik zur Perfektion, weil sie sich eher auf ihre Physis verlassen.
Doch empfiehlt es sich in edlem Tuch gekleidet nicht eher, gefasst zu sein, einige simple Schritte zu tun, als sich die Knie schmutzig zu machen, weil man auf sie nieder sinken muss?

Die Waffe meiner Wahl? Es ist wohl leichter, einfach die des Gegners zu nehmen.

 

 


Welche Monster fürchtest du am meisten? Oder fürchtest du dich überhaupt nicht?

Die Monster sind wie das Meer.
Du darfst sie nicht fürchten, sondern musst Respekt vor ihnen haben, damit du nicht in dem Moment erstarrst, wenn du das Flüstern des Flüster-Ogers in
deinem Ohr hörst.


Vielen Dank, Cornelia und Andy,
und weiterhin viel Spaß beim gemeinsamen Geschichten erzählen.



Interview und Fotos: Michael Orth

Kommentar

Amalie am 18. Juni 2017

Das sind sehr schöne Interviews!