Kathie und Arya

Kapitel 1

1. Kapitel von Kathie

Um Träume zu
verwirklichen,
muss man daraus
erwachen
...
 
Emmas Finger glitten über die verschnörkelten Buchstaben bis zu dem scharfen Riss im Papier. Kein Autor. Keine Überschrift. Nur diese blassen, verschnirkelten Buchstaben. 

Emma blickte sich weiter auf dem Dachboden um. Die modrige Holzkiste, in der tausende geheimnisvolle Dinge darauf warteten entdeckt zu werden. Die Schneiderpuppe, welche ein altes Hochzeitskleid trug. Die Rüschen, Perlen und der lange, mit vertrockneten Blüten verzierte Schleier sahen so wunderschön aus. Die vergilbten Briefumschläge, auf einem mit Efeuranken und Gold geschmückten Schreibtisch. 

Sie hatte sich nie etwas sehnlicher gewünscht, als einen Ort wie diesen zu betreten, der so magisch aussah wie dieser. Das Mädchen konnte die Geheimnisse gerade zu zwischen den Seiten der verstaubten Bücher durchstrahlen sehen. 

Mal ein verwunschenes Schimmern, welches durch einen Wasserfall leuchtete, welcher in einen unendlichen Ozean mündete, mal ein abenteuerliches Funkeln, welches von einem Schatz, tief verborgen in einer verwunschenen Ruine stammte, mal ein warmer Sonnenstrahl hinter dem sich tiefe Schatten versteckten, mal eine leuchtende Silhouette einer Elfe, welche im Mondschein einsam ihre Lieder sang. 

Emma ließ einfach mal von der Realität los. In Gedanken stöberte sie schon in den Büchern der Familie Brown, öffnete verschlossene Truhen, war in einer anderen Welt. 

Erneut blickte sie auf das Pergament in ihrer Hand. Es war ihr direkt beim Öffnen der Dachluke entgegengefallen. Allmählich fragte sich Emma, ob sie wohl der erste Mensch nach circa sieben Jahrzehnten war, der diesen Dachboden betreten hatte, geschweige denn sich überhaupt dafür interessierte. Der Staub war unberührt und im Dach klaffte einem, etwa im Westflügel des Hauses, ein kleines Loch entgegen, durch das man einen traumhaften Blick auf die Felder und Weiden hatte. 

Das Mädchen trat näher. Ein zarter Luftzug wehte ihr zwei blonde Strähnen aus dem Gesicht. 

Es duftete nach Sommer. Nach Abenteuer. Und nach- Tomatensoße. Schlagartig wurde Emma klar, dass es ja schon längst Essen geben müsste.

Eilig stieg sie die Leiter hinunter und rannte drei Stockwerke nach unten. Der Duft von Zwiebeln hing in der Luft und Emma stiegen wie auf Kommando die Tränen in die Augen.

"Na, schon wieder von der Erkundungstour zurück? Das ging aber schnell", sagte Mum und nickte Richtung Uhr. Vier Uhr. Verflixt. Das Mittagessen war wohl schon längst vorbei. An der Bar, die Dad gestern aus den noch nicht ausgeräumten Umzugskartons gebaut hatte, lehnte Sally, Emmas fünfzehnjährige Schwester. Wahrscheinlich machte sie sich hinter ihrem Rücken über sie lustig. Ihre verrückte, büchervernarrte Schwester, die nichts anderes im Kopf hatte als feuerspeiende Drachen, verwunschene Schätze und verzauberte Dachböden einer steinalten Villa.