Lucy

Loisa Rubinstein

Kapitel 1

Ich möchte zu meiner ersten veröffentlichten Geschichte auch ein kurzes Vorwort schreiben. Das Schreiben macht mir eigentlich schon lange Spaß. Auch wenn ich sehr kritisch und anscheinend ein Perfektionist bin, möchte ich diese Geschichte hier veröffentlichen. Ich hoffe, es folgen weitere Kapitel und ich würde mich freuen, wenn ihr eure Meinungen in den Kommentaren notiert. Eigentlich habe ich es nicht so mit Liebesgeschichten, wenn ich sie selbst schreibe, doch diese Geschichte scheint sich zu einer zu entwickeln. So, ich höre jetzt auf zu plaudern. Viel Spaß. <3

Die Sonne schien hoch. Man hörte sprechende Menschen. Geschreie von dem benachbarten Rummel. Verschüttete Eiscreme auf dem Boden. Viele Möwen.
Auf einmal fühlte ich mich überfordert. Überfordert von all den Menschen um mich herum. Ich wollte schreien, aber mein Mund war zu trocken und es kam kein Laut heraus. Ich ging schneller. Verdammt! Wo blieb Sie nur? Kann man sich nicht einmal auf sie verlassen? Als ich gegen jemanden lief, merkte ich, dass ich losgerannt war. Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben und nichtzu weinen. Gott, was war denn nur los mit mir? Wahrscheinlich flirtete sie wieder mit irgendeinem Deppen, der eh viel zu alt für sie war und hatte dann die Zeit vergessen. Dann mache ich mich eben auf den Weg, sie zu suchen. Ich rannte schon wieder. Doch dieses Mal war es mir egal, bis ich auf irgendetwas ausrutschte und hinfiel. Mist! Es schmerzte und Blut rann mein Knie hinunter. Doch auch das war mir egal. Plötzlich sah ich eine Hand vor mir.

„Alles OK?“, fragte mich eine Jungenstimme. Ich sah hoch und blickte direkt in ein Paar wunderschöner, sanfter brauner Augen. Kurz war ich abgelenkt, bis mir seine Frage wieder in den Sinn kam.

„Klar, alles in Ordnung!“ Dann fiel mir ein, warum ich überhaupt gestürzt war. Der Junge öffnete seinen Mund, doch bevor er etwas erwidern konnte, sagte ich: „Danke, ich muss los!“

Also rappelte ich mich auf und rannte los. Ich konnte seinen Blick förmlich spüren. Aber ich drehte mich nicht um, sondern rannte weiter. Mein Knie schmerzte nun noch mehr als zuvor. Ich nahm den Schmerz erst jetzt richtig war. Das Blut beschmierte meine neuen weißen Schuhe. Mist! Als ich in eine Seitengasse einbog, hatte ich jedoch ganz andere Probleme. Irgendein komisches Katzenvieh setzte zum Sprung an. Also drehte ich mich schnellstmöglich um und rannte wieder los.
Dabei stieß ich wieder mit jemandem zusammen. Was war nur heute los mit mir? Als ich mich einigermaßen erholt hatte, erkannte ich wieder den Jungen. War er mir gefolgt? Er hatte einen fragenden Blick aufgesetzt. Ich drehte meinen Kopf in Richtung des Katzenviehs, das langsam auf uns zukam.
„Sorry.“, murmelte ich. Er stand auf und bot mir seine Hand an.

„Hey. Du warst doch das Mädchen vorhin, oder?“
Jepp, das war ich. Ich nahm dankbar seine Hand und hoffte, nicht bald wieder hinzufallen, denn dann wäre mein Bein vermutlich völlig nutzlos.
„Ja, das war wohl ich. Danke.“, versuchte ich möglichst lässig zu antworten und den Schmerz an meinem Knie zu überspielen.
I
ch bemühte mich, nicht in seine Augen zu sehen, weil ich sonst wahrscheinlich umgekippt wäre. Er lächelte spöttisch, was aber trotzdem unglaublich gut bei ihm aussah. Oh mann. Eigentlich war ich immer immun gegen Jungs gewesen. Doch bei ihm fühlte ich etwas anderes. Gott, ist das kitschig. Ich klatschte mich innerlich und sah ihn an. Er war groß, einen Kopf größer als ich, hatte dunkle, braune Locken und, wie gesagt, himmlisch schöne Augen. Schluss damit,befahl ich mir.

„Ich binEloi, und du?“, fragte er mich.
„Loisa.“, sagte ich und biss mir auf die Zähne, weil mein Knie so weh tat.
Ich wollte aber unter keinen Umständen, dass er es merkte.
„Schöner Name.“ Sein Blick wanderte an mir herunter. An meinem Knie blieb er hängen.
„Warte mal kurz.“, sagte er nur. Dann zog er ein Taschentuch aus seinem Rucksack und tupfte damit mein Knie ab, ich wollte es wegziehen, weil es erstens weh tat und zweitens wollte ich nicht, dass er mein Knie sauber machte. Aber er hielt es fest, so dass ich keine Wahl hatte.

„Keine Angst. Ich helfe dir nur. Machst du hier Urlaub? Ich habe dich hier noch nie gesehen.“, fragte er mich mit einem Grinsen.
„Ja, ich bin im Urlaub, mehr oder weniger... Du wohnst hier, oder?“, sagte ich und versuchte cool zu wirken.
„Ja, ich wohne hier mit meiner Schwester und meinen Eltern. Ich bin16.“, erzählte er mir. Warum wusste ich auch nicht. Ich war eine Fremde. Warum sollte er so etwas tun? Ich allerdings hatte das dringende Bedürfnis, auch ihm etwas über mich zu erzählen, doch ich hielt mich zurück.
Anscheinend bemerkte er meinen verblüfften Blick, denn er sagte: „Keine Ahnung, wieso ich dir sofort etwas über mich erzähle.“
Dann stand er auf und ich betrachtete sein Werk. Seltsamerweise tat es gar nicht mehr so weh, wie davor. Auf einmal fiel mir wieder ein, wieso ich hier war.
„Mist, ich muss weiter. Aber danke, dass du mir geholfen hast.“
„Wo musst du denn hin?“, fragte er.
„Ich muss dringend meine Freundin finden. Sie war nicht da, als wir uns treffen sollten. Vielleicht ist ihr etwas zugestoßen!“ Oh Gott, daran hatte ich noch gar nicht gedacht.
Ich wollte losrennen, doch er packte meine Hand.
„Mach dir nicht solche Sorgen, bestimmt geht es ihr gut.“ Vermutlich hatte er recht, doch ich wollte nichts riskieren, auch wenn Mariann oft zu spät kam. Dann sah ich auf seine Hand, die meine noch festhielt.
„Oh, sorry…“, murmelte er nur und ließ meine Hand los.
„Schon gut. Wahrscheinlich hast du recht, aber vielleicht auch nicht. Danke für deine Hilfe, aber ich muss jetzt echt los. Tschüss.“, sagte ich und rannte los.
„Ciao…“, sagte er, mehr konnte ich nicht verstehen.

Ich rannte an Cafés, Restaurants, Geschäften und anderen Läden vorbei, doch nirgendwo war Mariann. Erst da fiel mir ein, wie blöd ich doch war! Ich hätte sie einfach anrufen können! Also wählte ich ihre Nummer, wo natürlich niemand ran ging. Ich musste sie finden. Meine Eltern hassten Verspätungen und ich war schon sehr spät dran. Allerdings konnte ich nicht ohne Mariann gehen. Meine Familie und ich waren nämlich zu einem wichtigen Dinner eingeladen, genau genommen mein Vater, der ein berühmter Anwalt war.Carl-Michael Rubinstein. Und jetzt kam ich zu spät. Er würde sich ganz sicher nicht freuen. Doch meine Freundin Mariann hielt es anscheinend nicht für nötig, zur ausgemachten Uhrzeit am ausgemachten Ort zu sein. Wir wollten uns heute auf dem Rummel treffen. Doch dann kam sie nicht. Ich sehe ja ein, dass so etwas zerstreuten Menschen schwerfällt, aber das ist keine Entschuldigung für eine dreiviertel Stunde Verspätung. Trotzdem, dass ich zu spät gekommen war, wartete ich ewig. Deshalb musste ich mich wohl oder übel auf den Weg machen.

Dann sah ich es! Nein, nicht irgendeinen Unfall oder gar Mariann. Ich hatte auch keine Blitzerscheinung, Vision oder sonstiges. Es war das Meer! Es wirkte gewaltig. Erst da fiel mir auf, wie lange ich schon nicht mehr das Meer gesehen hatte. Starke Sehnsucht erfüllte mich und ich rannte Richtung Strand, wahrscheinlich sah ich aus wie einSchaf, dass endlich seine Herde wiedergefunden hatte. Total bekloppt. Als schließlich ein paar Leute komisch guckten, verlangsamte ich meine Geschwindigkeit. Ich hatte schon immer eine besondere Bindung zum Wasser gehabt, natürlich bin ich nicht irgendwie eine Meerjungfrau oder so etwas ähnlich. Ich bin völlig normal, was das anging. Trotzdem kann ich nicht anders. Es ist wirklich komisch.

Als ich das Meer erreichte, legte ich meine Hand in die erste Welle, die mir entgegenkam. Es schien, als würde mich das Wasser liebkosen, als die Welle zurück ging. Ich riss mich zusammen und rannte den benachbartenSteg entlang, weil dort viele Geschäfte waren. In der Hoffnung, ich würde Mariann finden, ging ich in jedes Geschäft ein und aus. Die Menschen mussten mich mittlerweile für verrückt halten, weil ich in jedes Geschäft lief, den Kopf kurz hin und her drehte und das Geschäft wieder verließ, aber ich machte weiter.
Ich durfte nicht zu spät kommen. Als ich im letzten Geschäft ankam, sah ich dort den Anhänger einer Kette liegen, der zweifellos ihr gehörte. Ich nahm ihn und ging aus dem Geschäft. Auf einmal wurde mir schummrigund ich taumelte. Wann hatte ich eigentlich zuletzt etwas getrunken? Ich nahm gar nicht wahr, wie jemand meinen Namen rief, weil ich zu sehrmit mir selbst beschäftig war. Ich lief bis zum Ende des Stegs und mir wurde kurz schwarz vor Augen. Ich taumelte erneut und konnte mich gerade noch so auf den Beinen halten. Es war, als würde ein heftiger Sog mich nach unten ziehen.

Der Blick auf das Meer hatte mir schon immer geholfen. Es war so wunderschön. Die geheimnisvollen Wellen schienen mich willkommen zu heißen. Ich wollte weitergehen, doch
der Steg war zu Ende. Plötzlich kam wieder das Schwindelgefühl und ich taumelte. Dann knallte ich auf etwas Hartes mit dem Kopf zuerst und sah nur schwarz, welches sich in dunkles blau verwandelte. Doch dann verlor ich das Bewusstsein. Das Letzte, was ich sah, war eine kräftige Hand, die meinen Arm packte.

Kapitel 2

Zu hell. Der erste Gedanke, der mir in den Kopf schoss, als ich aufwachte. Komischer Geruch. Langsam kam ich zu mir. Was war passiert? Wo war ich? Ich sah mich um. Neben meinem Bett war ein Stuhl, auf dem mein Vater saß.
„Du bist wach“, stellte er fest. „Endlich.“
„Was ist passiert?“ Ich wollte mich aufsetzen, doch mein Kopf dröhnte so sehr, dass ich es sein blieb.
„Das wüsste ich auch gern“, sagte er. Dann stand er auf. Man konnte die Ringe deutlich unter seinen Augen sehen.
„Dad“, setzte ich an „Es tut mir leid. Ehrlich. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was passiert ist.“
„Ich mache dir keinen Vorwurf, Loisa-Kathleen. Es war einfach nur ein schlechter Moment. Ich musste das Treffen gestern absagen. Deine Mutter war krank vor Sorge.“
Das Treffen!!! Das hatte ich ganz vergessen. Jetzt tat es mir doppelt leid.
„Dad…“
„Schon gut, mach dir nicht draus. Hauptsache du bist gesund.“
„Danke.“
Dann drückte er mir einen Zettel in die Hand, auf den eine Telefonnummer geschrieben war.
„Was ist das?“, fragte ich verdutzt.
„Die Telefonnummer deines Retters. Groß, braune Locken. Vielleicht etwas älter als du. Ruf ihn einfach an und bedank dich.“
Eloi! Wie konnte ich das vergessen? Jetzt fiel mir vieles wieder ein! Mariann… Ich hatte sie gesucht, aber was war danach passiert?
„Weißt du etwas von Mariann? Hast du etwas von ihr gehört?“
„Mariann? Nein. Ruf sie am besten auch gleich an. Dein Telefon liegt auf dem Nachttisch neben dir. Ich komme gegen Mittag wieder.“
Dann ging er und ich war allein im Raum.

Ich nahm mein Handy und wählte zuerst die Nummer meiner besten Freundin.
„Loisaaaaaa, da bist du ja endlich. Ich muss dir etwas ganz Großartiges erzählen. Außerdem habe ich habe dich mindestens zehnmal angerufen!“, sagte sie vorwurfsvoll.
„Zweimal“, erwiderte ich trocken.
Sie übersprang das einfach und sagte: „Wo bist du? Wollen wir uns treffen? Gestern war ja ein bisschen chaotisch. Weißt du…“
„Ich bin im Krankenhaus.“, unterbrach ich sie.
„Ernsthaft? Du verarschst mich doch!“, sagte sie aufgebracht in den Hörer.
„Nein, ist mein voller Ernst.“
„Was? Wieso das denn? Ich… hä?“
„Ich hatte dich gesucht und dann ist irgendetwas passiert, weshalb ich jetzt im Krankenhaus liege.“ Eigentlich hasste ich Streits und möglicherweise übertrieb ich etwas, aber ich war gerade echt sauer. Ich wollte sie nicht beschuldigen. Sie war an sich ja auch nicht wirklich schuld.
„Lo, das… Es tut mir leid.“, sagte Mariann nach einer Pause schließlich.
„Was ist passiert?“, fragte sie schuldbewusst.
„Ich weiß es auch nicht wirklich. Ich weiß nur noch, wie ich dich gesucht habe. An den Rest erinnere ich mich nicht.“
„Es tut mir echt leid, Lo. Ich wollte es nicht. Wie geht’s dir?“
„Mach dir nichts draus. Ist halb so wild. Ich habe nur Kopfschmerzen und ein aufgeschlagenes Knie. Mehr dürfte es nicht sein.“
„Es tut mir echt leid. Ich bin so blöd. Ich bin eine so dumme Freundin.“, sagte sie leise in das Telefon.
„Jetzt hör schon auf!“ Ich hasste es, wenn Leuteso etwas sagen. „Hör mal, ich leg jetzt auf. Ciao!“
„Gute Besserung.“, sagte meine Freundin und legte auf.
Stöhnend lehnte ich mich tiefer in die Kissen und schloss die Augen. Was war passiert? Sollte ich Eloi anrufen? Nein, dafür hatte ich im Moment überhaupt keinen Kopf. Ich blickte an die weißen Wände. Alles weiß. Dann schwenkte mein Blick hinaus zum Fenster. Blauer Himmel, Sonnenschein. Ich lächelte. Wenigstens war schönes Wetter.
Ich fragte mich, warum Mariann gestern nicht gekommen war. Was war ihr passiert? In dem ganzen Trubel hatte ich total vergessen, sie danach zu fragen. Wurde sie aufgehalten? Was, wenn ich ihr einen riesengroßen Vorwurf gemacht hatte? Schließlich wollte sie etwas ‚Großartiges‘ erzählen. Und außerdem hatte ich meinem Vater gestern sein Dinner versaut. Er hat sogar abgesagt. Meinetwegen! Was war überhaupt mit meiner Mutter? Und meinen Geschwistern? Wo waren sie? Ich nahm wieder mein Handy und schrieb meiner kleinen Schwester Paola, eigentlich Paola-Elise, und meinem großen BruderNick, eigentlich Carl-Nicolas (Carl wird bei uns in der Familie immer weitergegeben). Ich habe auch noch einen kleinen Bruder, Leo, eigentlich August-Leonard, aber er ist erst 9 und hat somit noch kein Handy.
Nach etwa 10 Minuten schrieb mir mein Bruder zurück, dass sie in der Ferienwohnung waren und Mum wohl in Tränen ausgebrochen sein muss, als sie erfuhr, dass ich ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich schrieb auch ihr eine Nachricht, dass es mir gut geht, obwohl das bestimmt schon mein Vater übernommen hatte.
Wenn man vom Teufel spricht… Die Tür flog auf und er kam herein.

„Na, wie geht’s? Hast du den Jungen und Mariann angerufen?“, fragte er.
„Gut und jein: den Jungen nicht, Mariann schon.“
„Schön, aber du rufst ihn dann an. Versprich es mir, ja? Er hätte dich schließlich nicht retten müssen. Obwohl das in meinen Augen gegen die Gesetze verstößt. Außerdem würde ich gerne wissen, was wirklich passiert ist.“ Er lachte und wartete, dass ich endlich mein Versprechen abgab.
„Ja, Dad. Ich auch. Ich mache es nachher. Versprochen.“ Ich grinste ihn an und er verschwand wieder und sagte, er frage mal die Ärzte oder die Schwestern, wann ich entlassen werden soll.
Dann, als ich gerade mein Handy greifen wollte, kam eine Schwester herein.
„Guten Tag, ich bin Schwester Guinevere. Du bist Loisa, richtig? 15 Jahre? Nachname Rubinstein?“ Sie lächelte mich warmherzig und aufmunternd an.
„Ja, das bin ich.“, sagte ich und versuchte genau so freundlich zurück zu lächeln.
„Ok, dir geht es sichtlich gut. Dein Vater, Michael, also… ähh… Herr Rubinstein, hat vorhin nachgefragt, wann wir dich entlassen können. Da musste ich mir erstmal ein Bild deines Zustandes machen.“
„Und?“, fragte ich erwartungsvoll zurück und runzelte die Stirn dabei. „Darf ich entlassen werden?“
„Um erstmal alles durchzugehen… Du hast ein aufgeschürftes Knie und eine Prellung am Arm. Vermutlich auch Kopfschmerzen, oder?“
„Ja.“, sagte ich und war immer noch etwas hibbelig.
„Sonst noch irgendwelche Beschwerden?“
„Nein, eigentlich nicht.“ Ich bewegte meine Arme hin und her, wobei mir der rechte etwas zu schaffen machte, und meine Beine, mit meinem aufgeschürften Knie. Mein Kopf fühlte sich an, als würden andauernd Nadeln hineinstechen, aber ansonsten ging es mir gut.
„Schön, dann kannst du heute Abend gehen. Erst ruhst du dich am besten noch etwas aus. Dann geht es dir bestimmt noch besser. Ach, und trink und iss mal was. Auf dem Tisch steht ein Glas Wasser und etwas zu Essen. Das Badezimmer verbirgt sich hinter dieser Tür da. Und wenn du Hilfe brauchst oder irgendetwas passiert ist, zieh an diesem Strick dort, dann kommt sofort jemand. Ich muss jetzt weiter. Ach ja, der Arzt gibt deinem Vater dann deine Krankenkarte und den Verband am Bein kannst du auch selbstständig wechseln. Außerdem bekommst du eine Salbe mit, die du sowohl für das Knie als auch für die Prellung am Arm benutzen kannst. So… das müsste alles gewesen sein. Hast du noch Fragen?“
Ich fühlte mich schon wie in der Schule.
„Ähh, nein.“, sagte ich unsicher.
„Supi. Gute Besserung, Loisa. Und grüß deinen Vater von mir.“ Und damit war sie auch schon aus dem Zimmer und ich konnte ihr gerade noch so ein ‚Danke‘ zurufen.
Ich nahm wieder mein Handy, wollte gerade die Ohrenstöpsel in meine Ohren stecken und bei der Musik entspannen, da kam mein Vater wieder.

Es war ein Kommen und Gehen. Hatte das denn heute kein Ende mehr? Fast hätte ich laut gestöhnt, doch ich konnte es noch gerade so unterdrücken.
„Dad! Vorweg, ich soll dir viele Grüße ausrichten von der Krankenschwester. Sie kennt dich offensichtlich.“
„Du meinst Guinevere?“, fragte er und ich hob die Brauen.
„Du kennst sie also auch?“, fragte ich neugierig.
„Ja. Ich bin mit ihr zusammen zur Schule gegangen. Ich habe doch hier gewohnt.“
„Das hast du nie erzählt!“, warf ich ihm vor.
Er lachte und sagte: „Du hast nie gefragt! Was hat sie denn gesagt? Wann kannst du gehen?“
Auch ich lachte und stimmte zu: „Ok, ok. Mein Fehler… Also, um auf deine Frage zurückzukommen, ich kann heute Abend gehen.“
Irgendetwas nagte immer noch an mir. Es war mit Guinevere.
„Gut“, sagte er. „Dann komme ich heute Abend wieder und regle alles, ok? Aber jetzt ruh dich nochmal aus.“
„Ja“
Er war schon fast aus der Tür.
„Dad…“
„Ja“. Er drehte sich um und sah mich an.
„War da noch mehr mit Guinevere?“, fragte ich. Die Frage kam mir selbst ziemlich komisch vor und vielleicht auch ein bisschen peinlich. Doch er grinste mich nur an.
„Ich verstehe ja, dass du in diesem Alter bist. Aber es geht dich noch längst nichts an. Privatsphäre, sage ich nur.“
Und dann ging er mit einem breiten Grinsen aus der Tür. Das war so komisch, dass ich erstmal gar nichts machte. Es klingt seltsam, aber ich war wie gelähmt. Ich hätte nie erwartet, dass er so ehrlich war mit dem Thema. Es ist ja nun offensichtlich, dass da etwas lief. Aber was war passiert? Ich war einfach zu neugierig. Klar, es war sein Privatleben und schon längst vorbei mit Guinevere. Doch trotzdem, ich wollte mehr wissen.