Lucy

Nie wieder

Seit ich die erste Geschichte abgeschickt habe, bin ich wie in einer Sucht. Ich will unbedingt mehr schicken. Diese neue Geschichte hier ist ein Thema, das mich sehr bewegt. Als wir letztens in der Schule eine Geschichte zu dem Thema lasen, dachte ich mir, ich muss unbedingt auch so eine Geschichte schreiben. Vielleicht erkennt ihr eine oder diese andere Geschichte in meiner. Ich hoffe, sie gefällt euch (sofern sie jemandem gefallen kann)!
LG Lucy

Er schaute durch das Fenster in die heiße Mittagssonne. Sie blendete ihn, doch es war ihm egal. Schließlich wurde das Licht doch zu hell und er schloss die Augen. Als er sie dann wieder öffnete, sah er die Risse in der Wand. Sie zogen sich spinnennetzartig hindurch. Ihm schauderte. In den letzten Tagen hing er oft seinen Gedanken nach. Er war kein kleines Kind mehr, das nichts verstand. Ob das gut war, wusste er nicht. Doch er wusste genau, was passiert war. Und der Gedanke daran schmerzte ihn noch mehr als alles andere. Er schloss die Augen wieder. In seiner eigenen Welt konnte er träumen. Dort konnte er die schlimmen Ereignisse für ein paar Minuten vergessen. Nur ein paar Minuten. Er brauchte das. In seinen Träumen war alles noch schön. Er sah sich selbst fröhlich auf einer Wiese hüpfen und sie seinen Namen rufen: ‚Tommy!‘ …
Plötzlich hörte er ein Stampfen auf dem Boden vor sich.
‚Nein‘, dachte er ‚Das Träumen fängt doch gerade erst an.‘ Er konnte noch nicht in die neue, ungewohnte Welt zurück.
Dann kam ihm der nächste Gedanke, an die Realität, in sein Bewusstsein. An das Stampfen. Hatte ihn jemand entdeckt? Hatten sie ihn gefunden?
‚Jetzt haben sie mich!‘, schoss es ihm durch den Kopf.
Er öffnete die Augen und blinzelte. Vor ihm stand eine Frau mit einem buckligen Rücken.
„Nanu“, sagte sie „Was machst du denn noch hier? In dieser Ruine. Ich dachte, es wären alle weg.“
„Mmh.“, murmelte er nur.
„Wollte nur nochmal nachsehen.“, fügte sie hinzu. „Dein Knie ist ja aufgeschlagen. Wie ist denn das passiert?“, fragte die Alte.
„Ich weiß es nicht mehr“, log er. Wahrscheinlich durchschaute sie ihn. Er war noch nie ein guter Lügner gewesen.
„Nicht schlimm. Ich kann dir helfen.“
Er antwortete nicht, sondern versuchte weiter zu träumen.
„Nun“, riss sie ihn aus seinen Gedanken „Wie heißt du denn?“
„Thomas.“, wohlbedacht nicht seinen Spitznamen zu sagen.
„Also Thomas, wie alt bist du denn? Du siehst mir doch sehr jung aus.“
„12“, sagte er und die Tränen stiegen ihm in die Augen.
„Dachte ich’s mir doch. Weißt du, als ich in deinem Alter war, hatte ich ein Kaninchen. Es war ganz klein und weiß. Es hieß Effie.“
Er atmete zittrig aus, damit die Tränen wieder versickerten, doch es gelang ihm nicht.
„Weißt du, ich warte.“, setzte er an.
„So? Worauf wartest du denn?“, fragte sie.
Er wusste, dass er nur warten wollte. Es war eigentlich umsonst. Doch er konnte es nicht glauben. Er wollte es nicht glauben.
„Auf meine Familie“, antwortete er leise.
„Sie wollten nur kurz weg. Nur ganz kurz. Ein paar Stunden vielleicht.“
„Seit wann wartest du, Thomas?“, fragte die Frau und strich ihm liebevoll über den Rücken.
„Seit Freitag. Aber sie sind noch nicht da, doch sie kommen bald, ganz bestimmt.“
„Aber hast du denn gar nichts gegessen? Du musst doch hungrig sein.“
„Doch, ein bisschen.“ Er öffnete eine Truhe und zeigte ihr den angeknabberten Brotkanten.
„Thomas,“ sagte die Frau „Du bist doch ein schlauer Junge, nicht? Mein Name ist Adelaide und wir leben in sehr schlimmen Zeiten, weißt du. Die Erinnerungen knabbern an uns wie Ratten an alten Brotkrumen. Sie wollen uns zunichte machen, doch das dürfen wir nicht zulassen.“
„Thomas, verstehst du das?“
Er kämpfte mit den Tränen.
„Ja“, sagte er mit belegter Stimme.
„Ja“, bekräftigte er noch einmal.
„Dann erzähl mir, was wirklich passiert ist.“, sagte sie.
„Ich… meine Eltern. Sie…“, seine Stimme brach und die Tränen liefen ihm über die geröteten Wangen.
„Die Bombe. Ich habe sie gehört. Meine Schwester. Sie wollten sie suchen. Sie war weg. Aber dann kam die Bombe. So überraschend. So laut, und dann habe ich sie nicht mehr gesehen.“
Er schluchzte.
„Auf einmal waren sie weg. Sie müssen doch noch da sein. Sie wollten doch nichts Böses. Und meine Schwester. Sie war doch noch nicht alt. Sie wollte heiraten, aber jetzt… jetzt ist sie weg.“
Die Frau nahm ihn in die Arme und ihre rußschwarzen Hände streichelten seinen Kopf.
„Das tut mir leid, Thomas. Weißt du, mein Mann ist auch weg. Im Krieg. Er wird nicht wiederkommen, das haben sie gesagt. Nie wieder haben sie gesagt.“
Auch ihre Augen füllten sich mit Tränen. Doch sie musste stark sein. Für Thomas. Er war doch noch so jung.
„Es tut mir leid, Thomas“, sagte sie wieder.
Dann sah er sie an, mit seinen tränenverschleierten Augen.
„Mir auch. Und nenn mich bitte Tommy“, sagte er „das haben sie auch immer gemacht.“
Und so saßen sie beieinander. Arm in Arm.
„Komm mit, Tommy. Wir müssen weg hier. Hier können wir nicht mehr zurück.“
„Ja“, sagte er und sah sich ein letztes Mal um. Hier würde er nie wieder zurückkommen. Nie wieder.
Er wusste, dass er das Geschehene nie vergessen würde. Egal, ob er es wollte oder nicht.
Und dann gingen sie. Fort in die helle Sonne. Seine Hand in ihrer.