Evelin Rush

Remember

Ich glaube nicht daran, dass sich Dinge verändern nur weil man es will.
Am allerwenigsten wenn es einem gerade gut passt. Das Schicksal, oder doch besser das Leben selbst, macht ohnehin was es will und wenn mans genau nimmt wird auch Gott nicht nach deiner Meinung fragen. So war es irgendwie schon immer. Man strampelt und kämpft um irgendwie etwas besser zu machen als zuvor, und doch verändert sich Nichts.


Dies sind Gedanken, die gut in eine Szenerie mit strömendem Regen am Meer gepasst hätten. Die Frage nach der Selbstexistenz und die Verzweiflung einfach nicht loslassen zu können: Ein ewiger, beschissener Kreislauf, der dummerweise noch nicht mal die Aussicht auf eine annähernd plausible Erklärung liefert.

Und so rennen wir unseren eigenen Fehlern hinterher und wissen nicht ob es vielleicht doch besser gewesen wäre eine andere Abzweigung zu nehmen als die, die wir gerade hinter sich gelassen haben.

So ging es mir in genau diesem Moment als ich heute, den 14.September 1983 meiner Vergangenheit gegenübersaß. Im Café Amber an der siebenundfünfzigsten Ecke Harolston. Er trug noch immer sein Haar etwas länger und die alten, ausgebeulten Jeans wie damals. Es schien ihn zu verunsichern mich so vor sich zu haben, in dem blauen Trägerkleid, das er nur allzu gut kannte.

Seit 4 Jahren hatten wir uns nicht gesehen und ich hätte nicht behaubten können, dass das keinen Grund gehabt hätte. Damals war ich fast davon überzeugt gewesen, dass er die Liebe meines Lebens sei und was hab ich Dummkopf gemacht?

Als er vor mir kniend um meine Hand anhielt .... hatte ich plötzlich kalte Füße bekommen. Ich war einfach davongerannt und er hatte nichts in meinem Leben zurückgelassen als die quälende Gewissheit vielleicht einen unverzeihlichen Fehler begangen zu haben.

Heute, 4 Jahre und 2 Beziehungen später hockte dieses Gefühl schon wieder hinter mir in der gepolsterten Sitzecke des Cafés und schnurrte vor Selbstgefälligkeit. Dieser Mann, mochte er ein Fehler gewesen sein oder nicht, brachte mich nach wie vor aus der Fassung.

Die Arme auf  den Tisch gestützt , drehte er seine Tasse in den Händen, redlich bemüht keine peinliche Pause zwischen uns aufkommen zu lassen. Die unerwartete Begegnung auf dem Bahnsteig vor nicht einmal 30 Minuten hatte offensichtlich auch ihn aufgewühlt.

Er sprach über belanglose Themen, ohne doppelten Boden oder etwas, das ihn in die Verlegenheit hätte bringen können von der Vergangenheit zu sprechen. Dabei huschten seine Augen immer wieder zu mir, verharrten kurz und wanderten dann zurück zu der bunten Tasse auf dem Tisch.

Das tiefe Schwarz seiner Iris fesselte meine Gedanken und ich hätte mich selbst eine Idiotin schelten können so dumm zu sein ihn gerade in einer so komischen Situation anzstarren. Diese Vertrautheit war noch immer präsent, hing zwischen uns in der warmen Luft und schien sich immer weiter auszudehnen. Sich wie eine Kuppel über uns zu stülpen. Hatte ich schon erwähnt das, das Leben nie darauf achtet was du vor hast? 

Egal wie oft man sich selbst mahnt nie wieder eine solche Kapitalblödheit zu begehen und sich auf Kerle einzulassen, die einen fertig machen. Egal ob du eigentlich vorhattest nach Hamburg zu ziehen und einen hellen Teppich für das Wohnzimmer zu kaufen und einen ehrlichen Mann zu heiraten, der immer anruft bevor er kommt und die Teller in die Spühlmaschine stellt.

Dein Schicksal schert sich nicht darum und genau in diesem Augenblick präsentiert es dir dann den Grund , weswegen du manchmal abends nicht schlafen kannst. Wachgehalten vom gierig schnurrenden Monster, dass auf deiner Bettkannte hockt.

Vergessen. Alles vergessen. Mit einem Blick auf ihn sind die Vorsätze verschluckt, zerfleischt und zerfetzt unter den Krallen des Monsters.

Ohne Einleitung sprach ich aus was mich so plötzlich bewegte.
"Bist du verheiratet?" Er sah erschrocken auf. Eine endlos lange Sekunde blickte er einfach nur in mein Gesicht. Sein Mundwinkel zuckte leicht. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er Angst hatte.

"Ja" antwortete er langsam.