Fire

So weit

Er zitterte. Es war so lange her, dass er die Feder in der Hand gehalten hatte. Sie zerschnitt ihm die Finger, als er sie hoch nahm, grau war sie und wie unecht schien sie da in seiner Hand zu schweben. Erst als das Blut seine Finger hinablief, färbte sie sich, erst rötlich, dann schien die Farbe zu versickern, und die Feder wurde schneeweiß. So unschludig.

Er wendete seinen Blick ab. Es war ein solches falsches, böses Spiel, dass die Feder mit jedem seiner Besitzer spielte. Doch ihm blieb keine Wahl. Es war fast, als lächelte sie ihn an, als er sie vor seine Augen hob und flüsterte „Bring mich zurück!“ Oh ja, sie würde ihn zurück bringen, zurück in die Zeit, in der alles noch besser gewesen war. „Du fliehst.“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Folter. Nichts war sie als ein Folterinstrument. Natürlich floh er. Warum sonst sollte die Werkzeuge des Todes nutzen, um in andere Zeiten zu gelangen? Nichts als die Angst konnte einen Menschen derart in die Enge treiben. Nichts als die Furcht konnte die Hände eines jungen Menschen führen, sein Leben schon so früh zu beenden. Jetzt mach schon, wollte er die Feder anfauchen, doch sie lächelte bloß ihr mundloses Lächeln.

Längst hatte sie sich immer weiter in seine Haut eingeschnitten, wie Stahl drang sie immer weiter. Und die Zeit verging nicht. Sie verging einfach nicht, ließ ihn warten und leiden. Der Tod liebte es, zu quälen. Die Feder stammte von ihm. War man nicht ihr Besitzer, so war sie unsichtbar. Sehen konnte man sie nicht, spüren jedoch schon, die Gehässigkeit und das Flüstern in der Seele würde man nie wieder vergessen. Er. Der Tod. Eigentlich war es kein Er. Er, das war ein Tier, ein Vogel, schwarz wie die Nacht, mit Augen aus Gold und einem silbernen, breiten Schnabel, besetzt mit Zähnen und immer zu einem ironischen Grinsen verzogen. Bei Nacht war er schwarz, doch bei Tag war er weiß und unschuldig. Anmutig konnte er durch die Lüfte gleiten, und war dabei schneller als jeder fliegende Drache der Menschen. Grazil tanzte er bei Tag und Nacht über die Lande. Mit seinen Federn ließ er sich zu den Menschen führen, die er wenig später auf seinem Rücken gen Himmel entführen würde.

Die Feder war direkt aus seinem schicksalshaften Kleid gepflückt, und sie verlieh Zeitlosigkeit. Mit ihr konnte man sich durch Zeit und Raum bewegen, denn dem Tod waren solche Grenzen weitgehend egal. Doch die Feder spielte mit den Sterblichen, kitzelte ihre Seele mit ihrem Schaft, bis sie blutete.

Wyran schloss die Augen. Wann endlich ging es los? Die Feder drang unter seine geschlossenen Lieder. Wann endlich? Wann? Und dann hörte er sie. Die Stimmen der Toten, das Summen und vibrieren ihrer alten Seelen in der Luft, das Flüstern der Geister. Es begann. 

Es war wie immer. Hell und Dunkel verschmolzen, Laut und Leise, Gut und Böse, Bunt und Grau, alles verschmolz zu Nichts. Die Angst klammerte sich eisernerhands um sein Herz und der hohe, kehlige Schrei des Vogels kreischte in seinem Kopf, als wolle er ihn sprengen. Es gab Leute, die standen auf so etwas, nannten es Freiheit und Abenteuer, doch Wyran hasste es. Er hasste den Tod und er hasste den Schmerz und er hasste seine alte Familie, die stets von einem guten Verhältnis mit dem Tod hatte profitieren können. Der Preis war hoch gewesen. Und Wyran war entschlossen gewesen, ihn nie zu zahlen, doch nun schien es zu spät.

Der Vogel grinste so schief, wie es ein Vogel eben konnte, dann löste er seine Krallen aus Wyrans wundem Rücken und ließ ihn fallen. Eigentümlicher Weise, dachte er, schien dieser Vogel ihm den Abbruch des guten Kontakts übel zu nehmen. Seine Mutter hatte er immer zärtlich abgesetzt. Was sollte es, dachte er und wartete auf den Aufprall.