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Goupi

Ab durch die Mitte

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Keine Angst, es ist keine Prinzessinnengeschichte...

Hier saß sie. Im Thronsaal, hinter dessen Bogenfenstern sich der Weg der Sonne dem Ende neigte. Hier saß sie. In ihrem Land. In ihrer Stadt. In ihrem Palast. In ihrem Thronsaal. Auf ihrem Thron.

Sie waren ein gutes Gespann. Sie und ihr Thron. Ein sehr gutes. Die Königin fuhr mit ihren zarten Fingern über das glatte Ebenholz, bis zu der Löwenpfote, um welche sich ihre Hand schloss. Es war still. So still, dass sie ihr königliches Herz schlagen vernahm. So still, dass sie ihr königliches Blut in den Ohren rauschen hörte. Langsam hob sie ihre schmale Hand, um ihre Krone zu richten. Diese wunderbare Krone, welche auf ihrem Haupte platziert war. Ihr königliches Herz hämmerte.

War sie schon tot? War ihre unwürdige Enkelin schon tot?
Mit rauschenden Röcken erhob sie sich, strich ihr Kleid glatt und atmete einmal tief durch. Schritt für Schritt. Hüftschwung für Hüftschwung.
Aufgeregte, freudige Erwartung überspülte sie.
Mit diesem Tod, mit diesem erloschenen Lichtlein, hätte sie, die wunderbare Königin, nun auch den letzten Stein aus dem Weg ihres Enkelsohnes, ihres würdigsten Thronfolgers gestoßen.

Maddy nahm den alten Kaminvorleger und ersetzte ihn durch einen neuen, schöneren. Das Feuer prasselte aufgeregt vor sich hin und sein Schein erhellte den Gemeindschaftsaloon der Prinzessin mit schummrigem Licht. Hätte Maddy Musik gehabt, hätte sie getanzt. Am besten noch mit einem Glas Rotwein in der einen und einem netten Tanzpartner an der anderen Hand. Aber das war unmöglich. Einer gewöhnlichen Putzfrau wie Maddy war so etwas nicht gestattet. Maddy hob den Putzlappen vom Boden auf und drehte sich zum Gehen.
Vor Schreck stockte ihr der Atem, wenn nicht auch noch das Blut in den Adern.
Vor ihr stand sie.
Wunderschön.
In einem wallenden dunkelgrünen Kleid. Die schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden.
Vor Schreck vergaß Maddy fast zu knicksen.
„Eure Hoheit“ stammelte sie. Die Königin lächelte gutmütig.
„Zu meiner Enkeltochter“ Maddy knickste wiederum und stürmte voller Tatendrang zur Tür, welche in das Ankleidezimmer der Prinzessin führte.
„Hier entlang eure Majestät“ Maddy klopfte an die nächste Tür. An das Schlafgemach der Prinzessin.

Äußerlich wirkte die Königin gelassen. Lächelnd schaute sie auf das Himmelbett ihrer Enkelin. Innerlich brodelte sie vor Freude und Übermut. Endlich, endlich war der Weg frei.
„Putzfrau“ Das Mädchen an der Tür eilte herbei.
„Weck die Prinzessin!“
Ihr königliches Herz klopfte ihr bis zum Hals. Jetzt gleich war er da. Der lang ersehnte Moment.
Der Moment, in dem das Mädchen vergeblich versuchen würde, die Prinzessin zu wecken.
Der Moment, in dem das Mädchen nach Herzschlag fühlen und keinen finden würde. Der Moment in dem sie erschrocken aufschauen würde und...
„Eure Hoheit“ Das Mädchen schaute erschrocken. Jetzt war er da. Ihr Moment.
„Eure Hoheit, die Prinzessin ist nicht da. Ich meine, das Bett, es ist leer.“

Morris lehnte sich zurück. Unwahrscheinlich, dass heute jemand vorbeikam. Er legte die Füße auf dem Tisch ab und zog eine Zeitschrift aus seiner Tasche. Auch unwahrscheinlich, dass heute etwas Interessantes drinstehen würde. Hinter ihm ging Brians Kaffeemaschine in den Säuberungsmodus über und verursachte einen Heidenlärm. Morris nahm die Stiefel vom Tisch, drehte seinen Drehstuhl um hundertachtzig Grad und bewarf die Kaffeemaschine mit einer Schokorosine.
„Unwahrscheinlich, dass sie davon aufhört zu säubern.“
Morris ließ vor Schreck die zweite Schokorosine fallen und fuhr herum. Das Mädchen am Schalterfenster lachte. Morris fasste sich wieder und platzierte seine Stiefel mit gekonntem Schwung auf dem Schaltertisch.
„Wohin des Weges, Prinzessin?“ fragte er gelassen. Das Mädchen, die Prinzessin am Schalterfenster war bedeckt mit einem dunkelgrünen Kapuzenpulli und schaute längst nicht so lässig wie bei ihren sonstigen, nächtlichen Spaziergängen. Hinter den Palastmauern in ihrem Rücken ging die Sonne langsam unter, sodass die Prinzessin zu verschwinden begann.
„Um ehrlich zu sein habe ich noch keinen blassen Schimmer“ flüsterte sie gehetzt, „aber hilf mir erst mal über den Tisch!“ Morris tat nichts, außer das Gesicht zu verziehen.
„Tut mir leid, Prinzessin. Ist mir aber leider seit eurem letzten Fluchtversuch strengstens verboten. Schauen sie mal hier, die tun immer noch weh“ Er schob ihr die Hand mit den Striemen hin, doch sie schob sie einfach hastig beiseite.
„Ich weiß ja Morris, aber diesmal ist es ernst. Sie will mich ...“ Ihr Ton war nur noch ein Flüstern und sie lehnte sich zu ihm über den Tisch. „... umbringen.“ Vom Palast her hörte Morris Türen schlagen und gedämpfte Schreie.
„Jetzt komm schon.“ flehte die Prinzessin und versuchte selbst über den Schaltertisch zu klettern.
Morris riss sich zusammen und lehnte sich vor.
„Ist ihr Plan hundertprozentig?“ Die Prinzessin zog eine Augenbraue hoch.
„Welcher ist das schon?“ Dann, plötzlich ergriff Morris die Abenteuerlust und er zog die Prinzessin über den Schalter.
Kurz darauf hörte er die Palastwache den Kiesweg zu ihm herunter traben.

Das Küchenmesser sauste in Sekundenschnelle auf das Schneidebrett herab, wo es, nachdem es die Zwiebel durchschnitten hatte, einen dumpfen Schlag erzeugte. „Von der persönlichen Putze der Prinzessin zur Küchenhilfe“ murmelte Maddy zum dritten Mal monoton vor sich hin. Major M. knete ihr gegenüber an einem Hefeteig. Die alte Frau schüttelte nur, über das Knetbrett gebeugt verständnislos den grauen Kopf. „Dabei habe ich ja noch nicht mal etwas getan. Ich war einfach nur dabei als sie bemerkte, dass die Prinzessin wieder verschwunden ist.“ Flüsterte Maddy vor sich hin. Die Personalküche war leer, bis auf die beiden ach so verschiedenen Frauen. Die eine schnitt Zwiebeln und die andere knetete. Sie standen sich gegenüber, die Köpfe über die Arbeitsflächen gebeugt. Sahen sich nicht an und sprachen auch nicht miteinander, trotzdem verstanden sie sich.
Am hinteren Ende der Küche öffnete sich der Personaleingang und ein junger Mann, welcher anscheinend auch Spätschicht hatte, schlüpfte herein.
„Tachchen Major M., was gibt’s n‘ heut?“ lachte er. Er war hochgewachsen. Ein fröhlicher junger Mann mit lustigen braunen Augen und blonden kringeligen Haaren. Major M. antwortete nicht, aber anscheinend hatte er es auch nicht erwartet. Er machte sich pfeifend an ein paar Schränken zu schaffen und begann den Tisch zu decken. „Ach übrigens M. M. ich ess heut nich mit, ich lass mir was von deiner neuen Küchenhilfe einpacken.“ Er zwinkerte Maddy zu. Maddy wischte sich mit einem Schürzenzipfel die Tränen weg. Ob sie vom Zwiebelschneiden oder von etwas anderem ausgelöst geworden waren wusste sie nicht mehr. Stumm nahm sie zwei Schüsseln aus dem Regal neben sich und stellte sie auf den Tisch. „Nudelsalat mit oder ohne getrocknete Tomaten und Pecannüssen?“ fragte sie, ohne von den Schüsseln aufzuschauen. Der junge Mann stellte sich neben sie und begutachtete die Salate. „Ach, weißt du, ich nehme einfach von beiden zwei große Kellen.“ grinste er sie an. „Wenn ich Spätschicht habe, hab ich immer einen Mordshunger.“ Während Maddy ihm die Salate in ein Gefäß einfüllte musterte er sie. „Sammal, bist du nicht das Mädchen, naja also die persönliche Putze der Prinzessin?“ fragte er auf einmal, als würde ihm gerade ein Licht aufgehen.
„Na also jetzt ja nicht mehr“ murmelte Maddy. Der junge Mann sah aus, als vollbrächte er in seinem Kopf eine Menge Arbeit. Als zwei Schüsseln mit Nudelsalat gefüllt waren steckte Maddy noch eine Gabel rein und zog aus einem Kasten unter der Arbeitsfläche zwei Bier hervor und stellte sie neben die Schüsseln. „Danke, äh, Küchenhilfe“, sagte er immer noch grübelnd und balancierte den Berg voller Essen und Trinken in seinen Armen nach draußen. Ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür noch einmal und der junge Mann steckte seinen grinsenden Kopf rein.
„Du, äh Küchenhilfe, du weißt nicht zufällig was die Königin so vorhat, naja ich meine, wenn man bei einem Wutausbruch dabei ist kriegt man doch ne Menge mit oder? Also fall....“ Er brach ab als er Maddy den Kopf schütteln sah. „Okay“ sagte er etwas niedergeschlagen. Sein Kopf wollte gerade verschwinden als dieser noch einmal zurückzuckte und sagte: „Also ich bin übrigens Morris.“ Danach war er weg. Nur noch die dreckigen Fußstapfen auf dem Schwarzweiß gemusterten Fließen erinnerten noch daran, dass Morris hier gewesen war. Die beiden Frauen sahen sich schweigend an und widmeten sich wieder ihrer Arbeit.

Im Bad war es modrig und kalt. Weiße wechselten sich mit schwarzen Fliesen ab. Ein Schachbrett an den Wänden. Es stank. Typischer Toilettengeruch. Eine Mischung aus Waschmittel und Urin. Eine Prinzessin, wie sie, war so etwas nicht gewöhnt. Wenn sie nicht achtgab würden die Mengen von Morris‘ besorgtem Nudelsalat, die sie heruntergeschlungen hatte, bald wieder an der frischen Luft auftauchen. Am Ende der eher weniger geräumigen Toilette stand das Klo. Blau mit weißem Deckel. Er sah instabil aus. Eine billige Anfertigung. Über dem Klo war ein Lüftungsschacht, welcher hoffentlich mit den Lüftungskanälen des angrenzenden Plattenlagers auf der anderen Seite der Mauer verbunden war. Die Prinzessin warf ihren Rucksack in die Ecke, nahm die Kapuze ab und band ihre schwarzen Haare zu einem lockeren Dutt hoch. Dann schlug sie mit der geballten Faust auf den Klodeckel. Es knackte. Er war wirklich instabil.
„Was zum Geier machen sie da drinnen?“ zischte Morris vom Schalter aus. Die Prinzessin ignorierte ihn, öffnete den Klodeckel und stieg auf den Klorand.
„Das müsste halten,“ flüsterte sie. Der Lüftungsschacht war nicht gerade groß, aber er war besser als gar nichts. Als Prinzessin, die von Geburt an verwöhnt worden war, kannte sie sich nicht gerade gut mit Schrauben und Nägeln aus. Aber einmal war immer das erste Mal.
Sie zog die drei Schraubenschlüssel aus der Manteltasche und verglich sie mit den Schrauben des Luftschachtes. Kompliziert. Sie nahm den Linken.
Er passte. Zwar nicht richtig, aber er passte.
Es dauerte lange bis die Prinzessin auch nur eine Schraube entfernt hatte. Drei standen ihr noch bevor. Es hatte so viele Nachteile Prinzessin zu sein. Die zweite Schraube fiel schon nach zwei Minuten aus dem Loch. Langsam hatte sie den Dreh raus.

Während die Prinzessin im Bad herumwerkelte saß Morris Schmiere. Die Stiefel lässig auf den Tisch gelegt, hielt er Ausschau nach heranstürmenden Palastwachen. Zwei hatte er schon abgewimmelt, aber es würden bestimmt noch ein paar zu Inspektion des Schalters vorbeikommen. Vor allem, weil er in dieser Hinsicht schon vorbestraft war. So lässig er auch da saß, musste er sich dennoch an sein neues Abendteuer gewöhnen. Die herannahenden Schritte vom Palast her wurden immer lauter. Seine Hand krampfte sich um den Griff seines Revolvers. Er machte sich strafbar, der Königin gegenüber. Reflexartig fiel sein Blick auf seine linke Hand. Zehn rote Striemen zeichneten sich auf dem Handrücken ab. Wenn er diesmal keine Acht gab hatte er bald gar keine Hand mehr.
Dann standen sie vor ihm. Clienten und Hendrix. Beide hassten ihn. Beide wegen derselben Geschichte. In ihren Zügen zeichneten sich Schadenfreude und Hass ab.
„So“, schnurrte Hendrix. „Dann wollen wir uns mal umschauen.“

Hendrix und Clinten waren zwei von Grund auf verschiedene Menschen. Der eine groß und jung der andere klein und alt. Aber das war es, was sie so zusammenschweißte. „Scheiße, Mann“ knurrte Morris, als Hendrix leichtfüßig über den Schaltertisch sprang. In seinen Ohren pokerte es. Das ist mein Herz, dachte er. Das ist mein Herz, das wegrennt vor Angst. Hendrix sah sich mit peinlicher Genauigkeit im Schalterraum um. Es war still. Überall Stille, nur durchbrochen von Hendrix Stiefeln, die überall, wo er hinging, Dreck hinterließen. Langsam, aber für Morris zu schnell, wandte sich Hendrix endlich dem Flur zum Bad zu. Morris war außer Lage etwas zu unternehmen. Er sah alles nur noch im Tunnelblick auf das Bad. Das Blut rauschte viel zu schnell durch seinen Kopf. Jetzt war er geliefert, die Prinzessin geliefert und seine Hand auch. Als Hendrix vor der Badtür stehenblieb, hörte Morris auf zu atmen. Stille. Stille. Stille. Hendrix drückte die Klinke.
Verschlossen. Er drückte noch mal. Und nochmal. Dann holte er Anschwung und trat mit seinen Stiefeln die Badtür ein. Es splitterte nicht doll. Die Tür brach in das Bad hinein. Morris holte Luft. Er war im Rahmen an der Flurtür stehengeblieben, konnte aber nicht in das Bad schauen. Wieder hielt er die Luft an. Stille breitete sich wie ein Vakuum im Schalterhäuschen aus. Doch diese zerplatzte, als Hendrix sich umdrehte, Morris zur Seite stieß und zu Clinten nach draußen hastete. Während er die beiden zum Palast hetzen hörte, rutschte Morris am Rahmen der Tür herunter, bis er auf dem Boden saß. Sein Blut rauschte immer noch. Als er sich beruhigt hatte, schlich er auf allen vieren zum Bad und lugte herein. Neben der eingetretenen Tür lagen auf den schwarzweiß gekachelten Fliesen vier Schrauben und der Deckel des Lüftungsschachtes. Und nirgendwo eine Prinzessin.

13 Kommentare

Vönix am 2. Dezember 2020

Schreib weiter

Werwolf am 1. Dezember 2020

Tolle Geschichte, haut mich echt vom Hocker. Mach weiter so!

Sonja am 29. November 2020

Das ist MEGA! Deine Geschichte ist der Hammer!

Tim am 20. Mai 2020

Mega!!!!

Helena am 7. April 2020

Mega spannend und cool!

Alice Krakowski am 5. April 2020

Super Geschichte. Hat mir schon mal jemand vorgelesen.

Lena am 24. März 2020

Ich würde mich echt über eine Fortsetzung freuen! Richtig toll geschrieben!

Alaska am 20. März 2020

Wow!!! Voll toll geschrieben und mega spannend! Bitte schreib weiter!!! LG Alaska

Tina am 8. Februar 2020

Schreib weiter!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Julia Löwenherz am 4. Februar 2020

Lieber Goupi Ich stimme Anna und Sarina zu! Du hast die Geschichte wirklich spannend und gut abgeschlossen! Mach weiter so! LG Julia

Teresa Fünkchen am 1. Februar 2020

Mega spannend! Schreib unbedingt weiter... Und schön geschrieben

Sarina Clearwater am 31. Januar 2020

Ich finde auch dass du einen tollen Schluss geschrieben hast. Echt spannend.

Anna am 30. Januar 2020

Super spannender Schluss, bitte schreib weiter!!!!!