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Linda

Ab durch die Mitte

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Keine Angst, es ist keine Prinzessinnengeschichte...

Hier saß sie. Im Thronsaal, hinter dessen Bogenfenstern sich der Weg der Sonne dem Ende neigte. Hier saß sie. In ihrem Land. In ihrer Stadt. In ihrem Palast. In ihrem Thronsaal. Auf ihrem Thron.

Sie waren ein gutes Gespann. Sie und ihr Thron. Ein sehr gutes. Die Königin fuhr mit ihren zarten Fingern über das glatte Ebenholz, bis zu der Löwenpfote, um welche sich ihre Hand schloss. Es war still. So still, dass sie ihr königliches Herz schlagen vernahm. So still, dass sie ihr königliches Blut in den Ohren rauschen hörte. Langsam hob sie ihre schmale Hand, um ihre Krone zu richten. Diese wunderbare Krone, welche auf ihrem Haupte platziert war. Ihr königliches Herz hämmerte.

War sie schon tot? War ihre unwürdige Enkelin schon tot?
Mit rauschenden Röcken erhob sie sich, strich ihr Kleid glatt und atmete einmal tief durch. Schritt für Schritt. Hüftschwung für Hüftschwung.
Aufgeregte, freudige Erwartung überspülte sie.
Mit diesem Tod, mit diesem erloschenen Lichtlein, hätte sie, die wunderbare Königin, nun auch den letzten Stein aus dem Weg ihres Enkelsohnes, ihres würdigsten Thronfolgers gestoßen.

Maddy nahm den alten Kaminvorleger und ersetzte ihn durch einen neuen, schöneren. Das Feuer prasselte aufgeregt vor sich hin und sein Schein erhellte den Gemeindschaftsaloon der Prinzessin mit schummrigem Licht. Hätte Maddy Musik gehabt, hätte sie getanzt. Am besten noch mit einem Glas Rotwein in der einen und einem netten Tanzpartner an der anderen Hand. Aber das war unmöglich. Einer gewöhnlichen Putzfrau wie Maddy war so etwas nicht gestattet. Maddy hob den Putzlappen vom Boden auf und drehte sich zum Gehen.
Vor Schreck stockte ihr der Atem, wenn nicht auch noch das Blut in den Adern.
Vor ihr stand sie.
Wunderschön.
In einem wallenden dunkelgrünen Kleid. Die schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden.
Vor Schreck vergaß Maddy fast zu knicksen.
„Eure Hoheit“ stammelte sie. Die Königin lächelte gutmütig.
„Zu meiner Enkeltochter“ Maddy knickste wiederum und stürmte voller Tatendrang zur Tür, welche in das Ankleidezimmer der Prinzessin führte.
„Hier entlang eure Majestät“ Maddy klopfte an die nächste Tür. An das Schlafgemach der Prinzessin.

Äußerlich wirkte die Königin gelassen. Lächelnd schaute sie auf das Himmelbett ihrer Enkelin. Innerlich brodelte sie vor Freude und Übermut. Endlich, endlich war der Weg frei.
„Putzfrau“ Das Mädchen an der Tür eilte herbei.
„Weck die Prinzessin!“
Ihr königliches Herz klopfte ihr bis zum Hals. Jetzt gleich war er da. Der lang ersehnte Moment.
Der Moment, in dem das Mädchen vergeblich versuchen würde, die Prinzessin zu wecken.
Der Moment, in dem das Mädchen nach Herzschlag fühlen und keinen finden würde. Der Moment in dem sie erschrocken aufschauen würde und...
„Eure Hoheit“ Das Mädchen schaute erschrocken. Jetzt war er da. Ihr Moment.
„Eure Hoheit, die Prinzessin ist nicht da. Ich meine, das Bett, es ist leer.“

Morris lehnte sich zurück. Unwahrscheinlich, dass heute jemand vorbeikam. Er legte die Füße auf dem Tisch ab und zog eine Zeitschrift aus seiner Tasche. Auch unwahrscheinlich, dass heute etwas Interessantes drinstehen würde. Hinter ihm ging Brians Kaffeemaschine in den Säuberungsmodus über und verursachte einen Heidenlärm. Morris nahm die Stiefel vom Tisch, drehte seinen Drehstuhl um hundertachtzig Grad und bewarf die Kaffeemaschine mit einer Schokorosine.
„Unwahrscheinlich, dass sie davon aufhört zu säubern.“
Morris ließ vor Schreck die zweite Schokorosine fallen und fuhr herum. Das Mädchen am Schalterfenster lachte. Morris fasste sich wieder und platzierte seine Stiefel mit gekonntem Schwung auf dem Schaltertisch.
„Wohin des Weges, Prinzessin?“ fragte er gelassen. Das Mädchen, die Prinzessin am Schalterfenster war bedeckt mit einem dunkelgrünen Kapuzenpulli und schaute längst nicht so lässig wie bei ihren sonstigen, nächtlichen Spaziergängen. Hinter den Palastmauern in ihrem Rücken ging die Sonne langsam unter, sodass die Prinzessin zu verschwinden begann.
„Um ehrlich zu sein habe ich noch keinen blassen Schimmer“ flüsterte sie gehetzt, „aber hilf mir erst mal über den Tisch!“ Morris tat nichts, außer das Gesicht zu verziehen.
„Tut mir leid, Prinzessin. Ist mir aber leider seit eurem letzten Fluchtversuch strengstens verboten. Schauen sie mal hier, die tun immer noch weh“ Er schob ihr die Hand mit den Striemen hin, doch sie schob sie einfach hastig beiseite.
„Ich weiß ja Morris, aber diesmal ist es ernst. Sie will mich ...“ Ihr Ton war nur noch ein Flüstern und sie lehnte sich zu ihm über den Tisch. „... umbringen.“ Vom Palast her hörte Morris Türen schlagen und gedämpfte Schreie.
„Jetzt komm schon.“ flehte die Prinzessin und versuchte selbst über den Schaltertisch zu klettern.
Morris riss sich zusammen und lehnte sich vor.
„Ist ihr Plan hundertprozentig?“ Die Prinzessin zog eine Augenbraue hoch.
„Welcher ist das schon?“ Dann, plötzlich ergriff Morris die Abenteuerlust und er zog die Prinzessin über den Schalter.
Kurz darauf hörte er die Palastwache den Kiesweg zu ihm herunter traben.

Das Küchenmesser sauste in Sekundenschnelle auf das Schneidebrett herab, wo es, nachdem es die Zwiebel durchschnitten hatte, einen dumpfen Schlag erzeugte. „Von der persönlichen Putze der Prinzessin zur Küchenhilfe“ murmelte Maddy zum dritten Mal monoton vor sich hin. Major M. knete ihr gegenüber an einem Hefeteig. Die alte Frau schüttelte nur, über das Knetbrett gebeugt verständnislos den grauen Kopf. „Dabei habe ich ja noch nicht mal etwas getan. Ich war einfach nur dabei als sie bemerkte, dass die Prinzessin wieder verschwunden ist.“ Flüsterte Maddy vor sich hin. Die Personalküche war leer, bis auf die beiden ach so verschiedenen Frauen. Die eine schnitt Zwiebeln und die andere knetete. Sie standen sich gegenüber, die Köpfe über die Arbeitsflächen gebeugt. Sahen sich nicht an und sprachen auch nicht miteinander, trotzdem verstanden sie sich.
Am hinteren Ende der Küche öffnete sich der Personaleingang und ein junger Mann, welcher anscheinend auch Spätschicht hatte, schlüpfte herein.
„Tachchen Major M., was gibt’s n‘ heut?“ lachte er. Er war hochgewachsen. Ein fröhlicher junger Mann mit lustigen braunen Augen und blonden kringeligen Haaren. Major M. antwortete nicht, aber anscheinend hatte er es auch nicht erwartet. Er machte sich pfeifend an ein paar Schränken zu schaffen und begann den Tisch zu decken. „Ach übrigens M. M. ich ess heut nich mit, ich lass mir was von deiner neuen Küchenhilfe einpacken.“ Er zwinkerte Maddy zu. Maddy wischte sich mit einem Schürzenzipfel die Tränen weg. Ob sie vom Zwiebelschneiden oder von etwas anderem ausgelöst geworden waren wusste sie nicht mehr. Stumm nahm sie zwei Schüsseln aus dem Regal neben sich und stellte sie auf den Tisch. „Nudelsalat mit oder ohne getrocknete Tomaten und Pecannüssen?“ fragte sie, ohne von den Schüsseln aufzuschauen. Der junge Mann stellte sich neben sie und begutachtete die Salate. „Ach, weißt du, ich nehme einfach von beiden zwei große Kellen.“ grinste er sie an. „Wenn ich Spätschicht habe, hab ich immer einen Mordshunger.“ Während Maddy ihm die Salate in ein Gefäß einfüllte musterte er sie. „Sammal, bist du nicht das Mädchen, naja also die persönliche Putze der Prinzessin?“ fragte er auf einmal, als würde ihm gerade ein Licht aufgehen.
„Na also jetzt ja nicht mehr“ murmelte Maddy. Der junge Mann sah aus, als vollbrächte er in seinem Kopf eine Menge Arbeit. Als zwei Schüsseln mit Nudelsalat gefüllt waren steckte Maddy noch eine Gabel rein und zog aus einem Kasten unter der Arbeitsfläche zwei Bier hervor und stellte sie neben die Schüsseln. „Danke, äh, Küchenhilfe“, sagte er immer noch grübelnd und balancierte den Berg voller Essen und Trinken in seinen Armen nach draußen. Ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür noch einmal und der junge Mann steckte seinen grinsenden Kopf rein.
„Du, äh Küchenhilfe, du weißt nicht zufällig was die Königin so vorhat, naja ich meine, wenn man bei einem Wutausbruch dabei ist kriegt man doch ne Menge mit oder? Also fall....“ Er brach ab als er Maddy den Kopf schütteln sah. „Okay“ sagte er etwas niedergeschlagen. Sein Kopf wollte gerade verschwinden als dieser noch einmal zurückzuckte und sagte: „Also ich bin übrigens Morris.“ Danach war er weg. Nur noch die dreckigen Fußstapfen auf dem Schwarzweiß gemusterten Fließen erinnerten noch daran, dass Morris hier gewesen war. Die beiden Frauen sahen sich schweigend an und widmeten sich wieder ihrer Arbeit.

Im Bad war es modrig und kalt. Weiße wechselten sich mit schwarzen Fliesen ab. Ein Schachbrett an den Wänden. Es stank. Typischer Toilettengeruch. Eine Mischung aus Waschmittel und Urin. Eine Prinzessin, wie sie, war so etwas nicht gewöhnt. Wenn sie nicht achtgab würden die Mengen von Morris‘ besorgtem Nudelsalat, die sie heruntergeschlungen hatte, bald wieder an der frischen Luft auftauchen. Am Ende der eher weniger geräumigen Toilette stand das Klo. Blau mit weißem Deckel. Er sah instabil aus. Eine billige Anfertigung. Über dem Klo war ein Lüftungsschacht, welcher hoffentlich mit den Lüftungskanälen des angrenzenden Plattenlagers auf der anderen Seite der Mauer verbunden war. Die Prinzessin warf ihren Rucksack in die Ecke, nahm die Kapuze ab und band ihre schwarzen Haare zu einem lockeren Dutt hoch. Dann schlug sie mit der geballten Faust auf den Klodeckel. Es knackte. Er war wirklich instabil.
„Was zum Geier machen sie da drinnen?“ zischte Morris vom Schalter aus. Die Prinzessin ignorierte ihn, öffnete den Klodeckel und stieg auf den Klorand.
„Das müsste halten,“ flüsterte sie. Der Lüftungsschacht war nicht gerade groß, aber er war besser als gar nichts. Als Prinzessin, die von Geburt an verwöhnt worden war, kannte sie sich nicht gerade gut mit Schrauben und Nägeln aus. Aber einmal war immer das erste Mal.
Sie zog die drei Schraubenschlüssel aus der Manteltasche und verglich sie mit den Schrauben des Luftschachtes. Kompliziert. Sie nahm den Linken.
Er passte. Zwar nicht richtig, aber er passte.
Es dauerte lange bis die Prinzessin auch nur eine Schraube entfernt hatte. Drei standen ihr noch bevor. Es hatte so viele Nachteile Prinzessin zu sein. Die zweite Schraube fiel schon nach zwei Minuten aus dem Loch. Langsam hatte sie den Dreh raus.

Während die Prinzessin im Bad herumwerkelte saß Morris Schmiere. Die Stiefel lässig auf den Tisch gelegt, hielt er Ausschau nach heranstürmenden Palastwachen. Zwei hatte er schon abgewimmelt, aber es würden bestimmt noch ein paar zu Inspektion des Schalters vorbeikommen. Vor allem, weil er in dieser Hinsicht schon vorbestraft war. So lässig er auch da saß, musste er sich dennoch an sein neues Abendteuer gewöhnen. Die herannahenden Schritte vom Palast her wurden immer lauter. Seine Hand krampfte sich um den Griff seines Revolvers. Er machte sich strafbar, der Königin gegenüber. Reflexartig fiel sein Blick auf seine linke Hand. Zehn rote Striemen zeichneten sich auf dem Handrücken ab. Wenn er diesmal keine Acht gab hatte er bald gar keine Hand mehr.
Dann standen sie vor ihm. Clienten und Hendrix. Beide hassten ihn. Beide wegen derselben Geschichte. In ihren Zügen zeichneten sich Schadenfreude und Hass ab.
„So“, schnurrte Hendrix. „Dann wollen wir uns mal umschauen.“

Hendrix und Clinten waren zwei von Grund auf verschiedene Menschen. Der eine groß und jung der andere klein und alt. Aber das war es, was sie so zusammenschweißte. „Scheiße, Mann“ knurrte Morris, als Hendrix leichtfüßig über den Schaltertisch sprang. In seinen Ohren pokerte es. Das ist mein Herz, dachte er. Das ist mein Herz, das wegrennt vor Angst. Hendrix sah sich mit peinlicher Genauigkeit im Schalterraum um. Es war still. Überall Stille, nur durchbrochen von Hendrix Stiefeln, die überall, wo er hinging, Dreck hinterließen. Langsam, aber für Morris zu schnell, wandte sich Hendrix endlich dem Flur zum Bad zu. Morris war außer Lage etwas zu unternehmen. Er sah alles nur noch im Tunnelblick auf das Bad. Das Blut rauschte viel zu schnell durch seinen Kopf. Jetzt war er geliefert, die Prinzessin geliefert und seine Hand auch. Als Hendrix vor der Badtür stehenblieb, hörte Morris auf zu atmen. Stille. Stille. Stille. Hendrix drückte die Klinke.
Verschlossen. Er drückte noch mal. Und nochmal. Dann holte er Anschwung und trat mit seinen Stiefeln die Badtür ein. Es splitterte nicht doll. Die Tür brach in das Bad hinein. Morris holte Luft. Er war im Rahmen an der Flurtür stehengeblieben, konnte aber nicht in das Bad schauen. Wieder hielt er die Luft an. Stille breitete sich wie ein Vakuum im Schalterhäuschen aus. Doch diese zerplatzte, als Hendrix sich umdrehte, Morris zur Seite stieß und zu Clinten nach draußen hastete. Während er die beiden zum Palast hetzen hörte, rutschte Morris am Rahmen der Tür herunter, bis er auf dem Boden saß. Sein Blut rauschte immer noch. Als er sich beruhigt hatte, schlich er auf allen vieren zum Bad und lugte herein. Neben der eingetretenen Tür lagen auf den schwarzweiß gekachelten Fliesen vier Schrauben und der Deckel des Lüftungsschachtes. Und nirgendwo eine Prinzessin.

Vor ihm lag der letzte Plattenstapel. Ziemlich trist gestaltetes Cover und eine Band, die niemand kennt. Bob nahm die letzte Rechnung vom Stapel. Hastig überflog er die Buchstaben und Zahlen. Dann drehte er das Datum und danach den Preis in das Etikketiergerät. Jeder Klick, jeder Streifen, jede Platte brachte ihn näher an den Feierabend. Aus den Lautsprechern johlte eine irische Folkmusiksängerin, ein längst vergessenes Lied über längst vergessene Zeiten. Draußen war es fast komplett dunkel, nur die alten Straßenlaternen hüllten ihre Umgebung in schummriges Licht. Die Fliegen hatten sich an die Lampen gesetzt nur ab und zu flog eine von ihnen gegen Bobs erhellte Schaufensterscheiben. Nur noch drei Platten, dann war Bob fertig. Er legte sie in das erstbeste Regal und schnappte sich den Ladenschlüssel vom Tresen. Einmal schaute er sich noch um, dann schaltete er die Lichter aus und schloss den Plattenladen von außen ab. Über ihm flackerte „BOBS PLATTEN“ noch zweimal kurz auf, dann ging auch das Licht aus und Bob machte sich auf den Heimweg.

Erst etwa eine halbe Stunde nachdem der Mann nach Hause gegangen war, traute die Prinzessin sich aus ihrem Versteck. Sie stemmte den Pappkarton, den sie über sich gestellt hatte, hoch und kroch aus dem Lager. Es war stockdunkel, und nur durch die Schaufenster, schlich sich das flackernde Licht der Straßenlaternen in den Laden. Überall waren Platten, Platten und Platten. Die Wände waren beklebt mit Bandpostern und Aufklebern. Sie fühlte sich wohl hier, aber sie konnte nicht bleiben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie jemand finden würde. Langsam und bedacht nirgendwo gegenzutreten schlich sich die Prinzessin aus dem Verkaufsraum in eine Art Miniküche. Und ein Fenster. Die Prinzessin atmete auf. Das erste Fenster mit Ausnahme des Verkaufraumes. Doch als sie es öffnen wollte sah sie das Schloss und ihre Kehle schnürte sich zu.

Die Straßen waren dunkel und die Gassen, durch die Bob ging, waren noch weniger erleuchtet als die Hauptstraße. Es roch gut. Nach warmem Hefeteig und Rosmarin. Der Geruch schlich durch die abgeklappten Fensterläden, hinter denen es hell erleuchtet war, hinaus in die Straßen und vermischte sich mit der schwülen Spätsommerluft. Nur wenige Strahlen des Lichts aus den Häusern fiel auf Bobs Gehweg. Hinter den Dächern, die sich über die schmalen Gassen beugten, leuchteten die Sterne. Doch Bob bemerkte es nicht. Er hatte ein ungutes Gefühl. Er war sich sicher, etwas vergessen zu haben. Es war kein Gefühl. Es war Gewissheit. In Gedanken ging Bob alle Möglichkeiten durch. Doch es fiel ihm nichts ein. Mit dieser Gewissheit stapfte Bob die Stufen in den zweiten Stock hinauf. Gerade als er die Wohnungstür seiner Wohnung aufschloss und durch die Tür schon Mandys lauten Rock ‘n Roll hörte, hatte Bob es. Er wusste, was er vergessen hatte. Schnell schloss er auf, stellte seinen Rucksack ab und machte sich gleich wieder auf den Rückweg.
Irgendwo hinter den Fensterscheiben von BOBS PLATTEN sang eine Folkmusiksängerin ihr längst vergessenes Lied.

Der Prinz atmete aus, als sein Gesellschafter endlich das Licht ausgeschaltet und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Für ihn war an diesem Tag so viel passiert, was sein Leben für immer verändert hatte. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen, sodass sie einen Sinn ergaben, doch er war zu verwirrt. Durch seine Schlafraumtür hörte er, wie sein Gesellschafter nun auch in den anderen Räumen das Licht löschte und die Türen schloss. Der Prinz wollte schlafen, aber die Nachrichten verschwanden nicht aus seinem Kopf. Seine Großmutter hatte ihn jedes Mal gezwungen, sie sich erneut mit ihr anzuschauen. Er hasste es in ihrer Gesellschaft zu sein. Sie verlangte so viele Eigenschaften und Dinge von ihm, die er nicht hatte. Er war kein großer Mann und erst recht kein König. Doch durch die Ereignisse, des Tages war das wohl unvermeidbar.
Der Prinz schlug seine Decke weg und stieg aus dem Bett. Er strich an der Wand entlang, um den Lichtschalter umzulegen. Im Saloon brannte noch der Kamin. Davor standen zwei Sessel. Schummriges Licht hüllte die beiden Sessel ein und die Person, die in dem einem saß.

„Dummer Scheißkerl.“
Hendrix saß auf dem schweren Küchentisch und ließ die Beine hängen. Aus dem Profil seiner schweren Stiefel fiel ab und zu Dreck auf die frisch von Maddy gewischten Fliesen.
„Schon mal erwischt und jetzt nochmal.“
Seinen rechten Ärmel hatte er hochgekrempelt und so einen Schnitt freigelegt. Major M. kümmerte sich darum. Stumm wie immer wusch und desinfizierte sie die Wunde. So stumm wie Major M. war, so laut war Hendrix. Und wo Hendrix war, war Clinten nicht weit. Er saß schmatzend auf Major M.‘s Stuhl. Maddy lehnte sich mit dem Rücken gegen die Spüle und trocknete sich die Hände ab. Hier in der Küche bekam man viel mit, manchmal auch etwas zu viel. Wütend starrte sie auf den Dreck unter Hendrix‘ und Clintens Stiefeln, das Wischen war umsonst gewesen. Clinten und Hendrix waren in aller Herrgottsfrühe in der Küche aufgetaucht, Frühstück und Hilfe bei der Wunde verlangt. Maddy ging zum Klemmbrett und trug sich für den Mittag aus. Dann nahm sie zwei frische Brötchen und einen Käse aus dem Kühlschrank und wickelte beides in ein Tuch.
„Ich mach mich auf den Weg zu meiner Mutter“ raunte sie Major M. zu und verschwand dann durch die Küchentür. Vor der Tür blieb sie stehen und hielt den Atem an. Der Flur war noch kalt und ihr Atem erschien in weißen Wölkchen.
„Das letzte Mal hatte er sich einfach nur in seiner Wohnung verkrochen. So blöd muss man erst einmal sein.“ hörte sie Hendrix scherzen. Das letzte was Maddy hörte als sie den Flur verließ, war das giggelnde Geräusch, das Clinten ausstieß, als er lachte.

Es war sehr frühmorgens und wenige Menschen unterwegs, nur ein paar Händler bauten an den Straßenrändern ihre Stände auf. Es roch nach frischem Kaffee, Brot und warmen Käse. Maddy liebte diesen Geruch. Den Geruch der Stadt, vermischt mit dem der Natur. Die Hauptstraße war von der Sonne erwärmt, aber sobald Maddy in eine Seitengasse einbog sank die Temperatur. Von der Schwüle des gestrigen Tages war nur noch wenig geblieben. Auch die Häuser hatten sich verändert. Hier bröckelte der Putz von den Fassaden der Altbauwohnungen, Rosmarinsträucher wuchsen am Rand der Gasse und der Weg war holprig. Trotz der ausgeblichenen Wandfarben und rankenden Pflanzen hatte dieser Stadtteil einen ganz bestimmten Charme. In einer Ecke schlief ein Hund. Vor einem besonders heruntergekommenen Haus blieb Maddy stehen. In der Dachgeschosswohnung waren die Vorhänge zugezogen. Sie öffnete die Tür und ging durch das Foyer ins Treppenhaus und nahm den Fahrstuhl in den 5. Stock. Die Wohnungstür war blassgrün gestrichen und die Farbe blätterte ab. Maddy nahm einen Zettel und schrieb die Adresse ihrer Mutter drauf. Dann legte sie den Zettel in das Bündel mit Essen und legte es vor die Tür. Er würde wissen was gemeint ist.

Evans war ein junger, gutgebauter Mann und war an sich nicht schlecht anzusehen. Sein pechschwarzes Haar kringelte sich hinter den Ohren und die nah aneinander stehenden Augen waren von einem ungewöhnlich klaren Blau. Nicht nur die Augen, sondern auch die Nase war ungewöhnlich. Sie war gebogen und wegen eines Bruches hatte sie einen kleinen Knick. Doch diese kleine Ungewöhnlichkeit machte Evans für die jungen Damen seiner Umgebung noch interessanter als sonst schon. Er war in so jungen Jahren schon kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere, denn bald würde er hoffentlich vom Subinspektor zum Inspektor befördert werden. Vielleicht würde er bald ein nettes, hübschen Mädchen finden und dann heiraten. Sie würden sich eine kleine, schöne Wohnung aussuchen und sobald sich die Familie vergrößern würde, käme dann ein hübsches Häuschen auf dem Land infrage. Doch das war noch weit entfernt. In diesem Moment saß er in einem dunklen, rauchigen Saloon und wartete auf seinen Vorgesetzten, um ihm Bericht zu erstatten. Langsam streckte er seine langen Beine über dem bunten Teppich aus und betrachtete mit zusammengezogenen Brauen seine Stiefel. Durch schwere gelbe Vorhänge schien nur wenig schummriges Licht in den Saloon. Ab und zu sah Evans die Schatten von Bediensteten am Fenster vorbeilaufen. Gerade beobachtete er ein junges Mädchen im Garten. Sie schnitt Blumen ab. Ihre Haare waren glatt und nur im Nacken kringelten sie sich. Es war ansehnlich, ja er würde sogar sagen sie wäre interessant, aber nicht hübsch oder schön. Evans schmunzelte als sie weiterging. Sie hatte einen lustigen Gang, der seiner Meinung nach zu ihr passte.

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und Evans Vorgesetzter Mr. Hangs schob sich in den Saloon. Er war ein kahlköpfiger Mittfünfziger mit einem enormen Schnauzer. Manchmal wenn es sehr heiß war, sammelten sich darin Schweißtropfen und ab und zu tropfte dann einer auf Hangs Schuhe. Stöhnend ließ der sich in einen Sessel, gegenüber von Evans, sinken und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Nun gut Evans, berichte!“ Evans war mit seinem Team an der inoffiziellen Suche von der Prinzessin beteiligt. Er räusperte sich „Nun ja. Den Wachen zufolge ist sie durch einen Lüftungsschacht in ein anliegendes Haus geflüchtet. In welches genau wissen wir nicht.“ Hangs grunzte „Hatte sie Hilfe?“, „Ja, wahrscheinlich von einem Beamten vom Schalter Henry Morris. Er saß schon einmal zwei Monate wegen Hilfe bei Fluchtversuch.“ Evans rutschte etwas aus dem Sessel hervor. Er war froh, wenn er hier aus dem stickigen Raum heraus war. „Und nun?“, „Er wurde in seiner Wohnung aufgesucht, war dort aber nicht aufzufinden. Nach ihm wird nun auch polizeilich gesucht. Egal, es fällt nicht in meinen Aufgabenbereich also weiß ich nichts genaueres.“ Hangs grunzte und machte eine abwehrende Handbewegung. Mühsam quälte er sich aus dem Sessel. „Guten Tag Mr. Evans“ Evans antwortete nicht sondern schob sich nur ein Stück weiter aus dem Sessel vor, er war bereit aufzustehen, doch eine Frage quälte ihn. „Mr. Hangs?“ Hangs grunzte. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, habe ich da noch eine Frage.“ Nun war Evans aufgestanden. Er überragte Hangs um mindestes zwei Köpfe. „Nur zu“ Mr. Hangs hatte sich indessen ein Glas Whiskey eingeschenkt und wartete nun auf Evans Frage. „In den Nachrichten heißt es die Prinzessin wäre tot. Wenn es so wäre, warum suchen wir dann nach ihr?“ Hangs lachte giggelnd. „Das ist doch offensichtlich Evans. Weil sie nicht tot ist“ Evans runzelte die Stirn. „Und warum heißt es in den Nachrichten sie wäre tot?“ Wieder giggelte Hangs. „Evans, Evans auch das ist offensichtlich.“ Diesmal machte Hangs eine kleine Pause, bis er weitersprach. „Weil die Königin sie gerne tot hätte“

36 Kommentare

? am 11. Mai 2021

Wow bitte eine Forsetzung und hoffentlich kommt es bald als Buch raus ich würde es sofort kaufen !

Klara am 23. April 2021

Wie alt bist du? Du schreibst echt gut.

Camilla am 20. April 2021

Diese Geschichte ist echt kraaaass! Unglaublich, wie gut du schreibst! Ich stimme Anna darin zu, dass du die Geschichte an einen Verlag schicken sollst und Mia- Luise, dass du eine Fortsetzung schreiben sollst! Mach's gut, Camilla

Mia-Luise am 18. April 2021

Bitte schreib noch mehr Fortsetzungen!!!

Mia-Luise am 17. April 2021

BITTE! Sag es: WAS ist gemeint???? Ich liebe einfach diese Geschichte!!! Schreib bitte, bitte eine Fortsetzung!!!

Anna am 9. April 2021

Wow, ich bin total beeindruckt. Diese Geschichte ist einfach der Hammer! Schreib bitte eine Fortsetzung und wenn du es nicht schon getan hast trau dich und gib das irgendwann an einen Verlag. Ich hoffe du lädst noch weitere Geschichten von dir hier hoch. LG Anna

Linda am 8. April 2021

Danke für den tollen Vorschlag Mia-Luise. Das ist eine tolle Idee und ich werde versuchen es in die Geschichte einzuspielen. LG Linda

Mia-Luise am 7. April 2021

Vor allem gut finde ich, dass du immer wieder neue Personen und damit einen neuen Blickwinkel dazukommen lässt! Und ich habe eine Idee: Lass doch auch mal jemanden dazukommen, der die Prinzessin nicht mag, oder gar dafür ist sie umzubringen! Aber das ist nur meine Idee- mach am besten so weiter, wie du es bisher getan hast! Dann wird die Geschichte wunderbar! Hoffentlich veröffentlichst du deine Fortsetzung auf dieser Website!

Mia am 4. April 2021

OMG! Sooooooooooooo cool!

. am 27. März 2021

Cool

Hi am 4. März 2021

FORTSETZUNG, FORTSETZUNG, FORTSETZUNG! BIIIIIIIIIIIIITTE

:-) am 3. März 2021

FORTSETZUNG!!!!!!!!

Nicki am 3. März 2021

Hi, Ich verstehe es zwar nicht so ganz, aber es ist einfach WUNDERSCHÖN. Wer von euch hat hier schon eine Geschichte geschrieben?!?!?!. Eure Nicki

Lucie am 2. März 2021

Hallo, ich finde deine Geschichte richtig cool! Lucie

L11 am 1. März 2021

Wahnsinns-Super-Fantastisch-Genial-Gut

Mondklaue am 25. Februar 2021

Die Geschichte ist echt klasse, dazu könntest du gut eine Fortsetzung schreiben.

Juju am 12. Februar 2021

Richtig toll

unbekannt am 3. Februar 2021

TOLL

x am 2. Februar 2021

MANDY am 27. Januar 2021

WOW ICH FINDE DEINE GESCHICHTE EINFACH KLASSE!

Charly Tintenlöwe am 26. Januar 2021

OMG Schreib unbedingt weiter! Ich finde die Idee mit der Prinzessin „in der Neuzeit“ irgendwie Mega cool. Liebe Grüße Deine Charly

Goupi am 26. Januar 2021

Vielen Dank Marla Lau für den Hinweis. Ich werde beim nächsten Mal dran denken LG Goupi

Marla Lau am 25. Januar 2021

Mir hat die Geschichte am Anfang sehr gut gefallen! Aber ich finde, du könntest die Geschichte am Ende noch besser abschließen

Vönix am 2. Dezember 2020

Schreib weiter

Werwolf am 1. Dezember 2020

Tolle Geschichte, haut mich echt vom Hocker. Mach weiter so!

Sonja am 29. November 2020

Das ist MEGA! Deine Geschichte ist der Hammer!

Tim am 20. Mai 2020

Mega!!!!

Helena am 7. April 2020

Mega spannend und cool!

Alice Krakowski am 5. April 2020

Super Geschichte. Hat mir schon mal jemand vorgelesen.

Lena am 24. März 2020

Ich würde mich echt über eine Fortsetzung freuen! Richtig toll geschrieben!

Alaska am 20. März 2020

Wow!!! Voll toll geschrieben und mega spannend! Bitte schreib weiter!!! LG Alaska

Tina am 8. Februar 2020

Schreib weiter!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Julia Löwenherz am 4. Februar 2020

Lieber Goupi Ich stimme Anna und Sarina zu! Du hast die Geschichte wirklich spannend und gut abgeschlossen! Mach weiter so! LG Julia

Teresa Fünkchen am 1. Februar 2020

Mega spannend! Schreib unbedingt weiter... Und schön geschrieben

Sarina Clearwater am 31. Januar 2020

Ich finde auch dass du einen tollen Schluss geschrieben hast. Echt spannend.

Anna am 30. Januar 2020

Super spannender Schluss, bitte schreib weiter!!!!!