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Maria Drexlmaier

Aller Anfang der Farben

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Liebe Cornelia Funke, wir lesen mit Begeisterung Ihre Geschichten, momentan Drachenreiter. Nun, ich schreibe sehr gerne Geschichten und möchte auf diesem Weg eine meiner Geschichten mit den Besuchern der Homepage teilen. Vielen Dank für das Hochladen und liebe Grüße aus der Schweiz, Maria Drexlmaier, 10 Jahre alt

Bevor es bunte Farben in der Welt gab, herrschten dort Weiß, Schwarz und Grau. Die Menschen waren fantasielos und ernst. Alle wurden so schnell erwachsen und trugen weiße, schwarze oder graue Kleidung. Außerdem rannten alle der Arbeit nach und hatten keine Zeit für etwas anderes. Jeder wurde ein böser Mensch und Hauptsache war es zu streiten. Die Lehrer waren streng und schlugen die Kinder, wenn sie einen fantasievollen Einfall hatten. So wurden die Kinder sehr ernst und böse. Der Herrscher war noch böser und warf jedem, der ihm zu nahe kam, Schimpfwörter an den Kopf. Bis eines Tages ein kleines Wunder geschah.

Eines Morgens kam das Rot. Es sagte zu sich: „Rot, du hast eine Aufgabe zu erfüllen.“ Es raste los, und breitete sich auf Blumen, Spielzeugen und vielen anderen Gegenständen und Natursachen aus. Als es es sich gemütlich gemacht hatte, erschien das Blau. Es sagte: „Rot, was machst du denn hier? Ich hab gedacht du sitzt da oben und siehst zu, wie andere schuften. Aber so… Na egal. Ich werde es mir im Himmel, auf Vorhängen und auf dem Ehrenpreis gemütlich machen. Außerdem noch auf vielen anderen Dingen. Tschüß!“ Das Rot stieß die Luft aus. Puh, dieses Blau war ganz schön anstrengend. Es redete wie ein Wasserfall und eitel war es auch.

Aber auch das Blau hatte etwas zu klagen. Aber das will es uns erzählen. „Das Rot ist so anstrengend. Es meint, das reicht, wenn jemand weniger arbeitet. Aber so ist es nicht. Wenn alle zusammen arbeiten kann es viel schönere Ergebnisse geben. Außerdem ist jeder auf seine Art arbeitsbedürftig. Nur das Rot nicht. Seine Lieblingsbeschäftigung ist schlafen und im Internet surfen.“ Es seufzt. Dann macht es es sich gemütlich und wartet auf die nächste Farbe.

Als nächstes kommt das Gelb angeflitzt. Das Gelb entdeckt das Blau und sofort formte es sich zu einer hochnäsigen Person. Es verschränkte die Arme und stolzierte vorbei ohne etwas zu sagen. Also fast ohne etwas zu sagen. Das Blau sprach es an. „Hey, Zicke, was machst du hier? Ich dachte du warst mal zu schön für diese Arbeit. Und was die Schönheit angeht, du könntest dich mal waschen. Dort und da sind überall Flecken. Das wäre echt nötig.“ Das Gelb fauchte. Anschließend ging es am Rot vorbei, immer noch hochnäsig. Und sogar noch hochnäsiger als vorher. Das Rot rümpfte die Nase. Es mochte das Blau im Vergleich mit dieser Zicke lieber. Das Gelb wurde zu einem Strahl, der in der Sonne verschwand. Von dort aus rieselten lauter Sprenkel herunter, und das Blau und das Rot zogen die Köpfe ein, um nicht etwas von den Klecksen abzubekommen. Doch sie hatten Pech. Das Rot feuerte einen Klecks gegen das Gelb. Die beiden Kugeln prallten aneinander und es gab einen kurzen Knall. Dem Blau erging es ähnlich. Es schleuderte einen Klecks auf den Spritzer, der angesaust kam.

Einen Augenblick später setzten sich zwei Farben auf den Boden. Ein Orange und ein Grün. Das Grün bedankte sich ständig, aber das Orange dachte gar nicht daran, sich zu bedanken. „Wo ist mein Platz?!“ faucht es so schnell, das es keiner der vier Farben verstanden hat. „Wie bitte?“ fragt das Grün höflich. „Wo - ist - mein - PLATZ?!“ brüllt es.
Die vier Farben halten sich die Ohren zu. Da platzte dem Rot der Kragen. Und auch das Gelb schäumte vor Wut. „Unverschämt“ riefen sie im Chor. „Wir haben dich geschaffen und du bist so unverschämt?“ brauste das Rot auf. „Genauso könnten wir unsere Farben zurücknehmen!“ rief das Gelb aufgebracht. Das Grün versteckte sich verängstigt hinter einem grauen Busch. Dabei traf es ein graues Blatt, das am Busch hing. Das bekam einen leicht grünlichen Ton. Dann wurde es immer dunkler. Zum Schluss stand ein grasgrüner Busch auf einer grauen Wiese. Die Farben staunten. Das Gelb, das eben gerade seine Farbe zurücknehmen wollte, stockte, und sah mit großen Augen zum Busch hinüber.
Das Rot, das dem Orange gerade eben eine Standpauke halten wollte, hielt inne. Und auch das Blau sah mit offenem Mund zum Grün und dem verfärbten Busch hinüber. Das Grün bekam rötliche Backen und sah verlegen zur Seite. Das Orange tat so, als würde ihn das gar nicht kümmern. Doch heimlich sah es immer wieder zu den anderen hinüber. Es war ein wenig neidisch. Aber dann fiel ihm ein, dass sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen konnten.
Es fasste neuen Mut. Dann fiel ihm ein, dass das Rot bei seiner Standpauke gesagt hatte: „Du hättest es verdient eine Zitrusfrucht zu sein. Dann wirst du uns nicht mehr im Weg sein.“ Ha! Aber klar doch! Die Zitrusfrucht! Es würde einfach zur Zitrusfrucht fliegen. Die Zitrusfrucht bekäme die Farbe, die für Lebensfreude, Neugier und Kreativität steht. Die Farbe der Ausgelassenheit und des Licht und der Wärme. Es ist schon schön, wenn das Orange daran denkt. Die Mandarine, die Clementine und alle anderen Zitrusfrüchte, alle würden mich tragen, dachte das Orange. Es war fest entschlossen, an den Ort der Zitrusfrüchten zu fliegen.

„Es ist an der Zeit mich mal für ein paar Tage zu verabschieden.“ Die Worte des Orange drangen an die Ohren der anderen Farben. Fassungslos drehten sie sich um. Das Rot war der erste, der die Stille unterbrach.
„Du willst fortgehen? Wohin denn?“ Das Orange antwortete: „Da, wo ihr mich haben wollt.“ Jetzt wurde auch das Blau neugierig. „Sag doch, wohin geht die Reise?“ „Zu den Zitrusfrüchten, nach Südfrankreich.“ Die Antwort klang ziemlich unwirsch. „WAS?!“ Alle klangen ziemlich überrascht. Doch das kümmerte das Orange wenig. Es formte sich zu einem Ball, der in den Himmel schoss. „Tschüss, bis übermorgen!“ rief es, und die anderen sahen ihm nach, bis es nur noch ein kleiner Punkt im grellen Sonnenschein war.

Das Blau dachte nach. Was bedeutet ihre Farbe? Sie bekam nach ein paar Überlegungen auf die Lösung. Sie ist die Farbe der Treue. Außerdem steht sie für die Treue und ist die kühlste, reinste und tiefste Farbe und steht für das Unbewusste, für seelische Tiefe und innere Stille. Es gilt auch als die Farbe für geistige Entwicklung, Spiritualität und der Sehnsucht nach einer immateriellen Welt. Das Rot hatte die Lösung schon längst gefunden. Rot ist eine Farbe, die bei Menschen tiefste Gefühle auslösen könnte. Es ist die Farbe der Liebe, aber auch des Feuers. Rot – die Farbe des Körpers und des Blutes. Rot steht für loderndes Feuer und Glut. Nun geriet es zu einem Streit zwischen Rot und Blau, wer der Bessere ist. Sie schossen einander Farbkugeln entgegen. Dadurch entstand das Violett.
Sie war sehr ruhig, man hörte fast kein Wort von ihr. Denken konnte sie aber. Sie überlegte schon, was sie bedeutet. Sie fragte schüchtern das Blau. Das Blau nahm das Violett in die Arme. „Ach weißt du, das ist so: Du giltst als Farbe des Geistes und der Spiritualität. Du sollst das seelische Gleichgewicht und die Entschlusskraft fördern, kannst aber auch zweideutig wirken, mystisch und magisch. Du hast eine starke meditative Wirkung. Du beeinflusst das Unterbewusste und dienst zur therapeutischen Unterstützung bei großen Problemen. Verstehst du das?“ „Ja, ich glaub schon.“ meinte das Violett und zog sich zurück.

Seitdem, wenn die Farben sich vertragen, bildet sich am Himmel ein Gebilde in den Farben: Rot, Orange (es ist wieder zurückgekehrt), Gelb, Grün, Blau und Violett. Der Regenbogen.

5 Kommentare

Lotte Leselust am 25. August 2020

mega schön!!!

Cait am 10. Juni 2020

Wie fantasievoll! Wirklich wunderschön.

Rose am 8. Juni 2020

Voll schön und eine coole Idee.

Marie am 29. Mai 2020

Coole Idee

Goupi am 28. Mai 2020

Coole Idee