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Leo

Atmende Worte

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Ein leeres Word Dokument. Ein blinkender Cursor, der mich hämisch anzugrinsen scheint. Na? Immer noch keine Idee, hm? Flüstert mir mein Gewissen sanft ins Ohr. Durch das geöffnete Dachfenster, unter dem ich sitze, fallen ein paar Tropfen auf die Tischplatte meines Schreibtischs. Ich wische sie mit dem Ärmel weg und kratze an dem braunen Rand herum, den eine übergeschwappte Kaffeetasse auf dem Holz hinterlassen hat. Es nieselt leicht, trotzdem schließe ich das Fenster nicht. Ich mag den sanften Windhauch der ab und zu von draußen hereinströmt. So, als würde mir die Welt einen Gruß in mein selbst gewähltes Gefängnis schicken. Draußen. Freiheit. Luft. Worte, deren Bedeutungen mir inzwischen fremd erscheinen. Ich war lange nicht mehr dort - Draußen. Nicht, seitdem sie fort ist. Wie lange mag das wohl her sein? Ein paar Tage, ein paar Wochen? Es könnten Monate, ja sogar Jahre sein - so kommt es mir jedenfalls vor. Gefühlte Jahre voller Schmerz. Voller Trauer, Wut und Einsamkeit. Jahre, in denen ich nicht viel mehr gemacht habe, als an diesem Schreibtisch zu sitzen, zu versuchen den Schmerz zu vergessen, um irgendwie weiter zu machen. Weiter zu leben. Aber geht das überhaupt?- Den Schmerz vergessen? Wahrscheinlich nicht. Er ist immer da, immer präsent, mal mehr, mal weniger. Aber doch irgendwie immer da.

Ein Regentropfen landet auf meiner Hand, die immer noch tatenlos auf der Tastatur ruht. Ich beobachte wie der Tropfen herunter rinnt, reiße mich von meinen Gedanken los und kehre in die Wirklichkeit zurück. In diese, ach so verdammte, rücksichtslose und grausame Realität. „Das Leben geht weiter. Du musst jetzt nach vorne schauen und dich auf dein Studium konzentrieren. Lass' dich nicht hängen. Sie wollte das ganz bestimmt nicht, dass du ihretwegen alles hinschmeißt. Ich kann die Worte meiner Familie, Freunde und Bekannten förmlich hören. Sie haben sich eingebrannt. Jedes einzelne, verfluchte Wort brennt mir ein Loch in die Seele. Natürlich geht mein Leben weiter. Sonst wäre ich ja auch tot. So wie sie. Aber wie soll ich nach vorne schauen? Wie soll man weitermachen wenn einem alles genommen wurde. Wenn einem das Herz rausgerissen und die Seele in Stücke gefetzt wird. Von einem Moment auf den anderen ist das Leben nicht mehr wie vorher und dann soll man ein paar Tage später wieder fröhlich durch die Welt laufen, so als ob nichts passiert wäre?! Dieser Gedanke ist so unfassbar, dass ich ihn gleich wieder weiter ziehen lasse. Überhaupt, was bilden sich diese ganzen intelligenten Menschen eigentlich ein, zu behaupten sie wüssten was sie gewollt hätte und was nicht? Haben sie nachgeschaut oder ihr Fragen gestellt? Muss nett gewesen sein, dieses kleine Gespräch im Jenseits. Bei diesem sarkastischen Gedanken muss ich hämisch grinsen. Ja, ganz viele Leute haben mir gesagt, jetzt sei sie an einem besseren Ort. Ich solle froh sein, dass sie nicht mehr leiden müsste. Ja, natürlich. Ich bin froh, dass sie nun nicht mehr leiden muss. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich sie weniger vermisse. Oder dass es mir weniger Schmerzen bereitet, wenn ich an sie denke. Und was das Jenseits angeht: so ganz kann ich mich nicht auf den Gedanken einlassen, das danach noch irgendetwas kommt. Natürlich wäre es schön. Aber irgendwann muss der Himmel schließlich auch mal ausgebucht sein, oder etwa nicht? Und selbst wenn nicht, es kam noch keiner mit einem Beweis zurück. Wir hirnrissig, ist das denn, bitte? Da fährt man ein Leben lang mit der Bahn und vergisst ausgerechnet bei der wichtigsten und spannendsten Reise seines Lebens, die Rückfahrkarte?! Aber gut, irgendwann werden wir wohl alle herausfinden was danach kommt. Oder ob es dann überhaupt weitergeht. Ich muss unwillkürlich lächeln bei dem Gedanken. Ein Gesichtsausdruck der mir ebenso fremd geworden ist, in den letzten Tagen.

Ich starre wieder auf den Bildschirm. Vor mir immer noch das leere Dokument. Eigentlich sollte ich meine Master-Arbeit schreiben. Doch es wollen mir keine gescheiten Worte oder Sätze in den Sinn kommen. Ein Problem, das ich auch schon vor ihrem Tod gehabt habe. Seit Beginn des Studiums befinde ich mich unter einer riesigen imaginären Käseglocke, die jegliche Kreativität abzublocken scheint. Früher fiel es mir leicht, zu schreiben. Die Ideen sprudelten nur so aus mir heraus, die Worte fügten sich wie von alleine zu Sätzen zusammen, ohne, dass ich groß darüber nachgedacht habe. Diese Worte schienen förmlich zu atmen, wie ein lebendiges Wesen, welches sein Eigenleben entwickelt und die Geschichte einen plötzlich mitreißt, in eine Richtung, die man nicht vorhersehen kann. Das alles ist verschwunden. Weg. Fort. Ich kämpfe um jeden Satz. Versuche meinen Verstand zum Nachdenken zu zwingen, ihm ein paar kreative und inspirierende Gedanken zu entlocken. Es geht nicht. Die Worte stecken fest. Oder sind gar nicht erst vorhanden. In der Uni lernen wir viele Dinge. Hauptsächlich Theorie. Wie man Hausarbeiten, Referate verfasst und präsentiert. Wir lernen, uns den Vorlieben der Dozenten anzupassen. Beschäftigen uns mit Zitationsstilen, Recherche, Quellenangaben, dem Aufbau von wissenschaftlichen Arbeiten, Deckblätter, Literaturverzeichnisse, Seitenzahlen (römische oder arabische- völlig egal, Hauptsache den Wünschen des Dozenten gerecht werden und eine gute Note kassieren). Müssen wir bei Prof. A. unbedingt dieses theoretische Modell in unsere Ausarbeitung einbeziehen, so möchte Dr. B. das Konstrukt eines anderen hochrangigen Wissenschaftlers lesen. Natürlich sind diese Dinge wichtig. Aber sie töten auch jegliche Kreativität, ersticken sie im Keim, sodass es einem schwer fällt die richtigen Worte zu finden und man irgendwann das Schreiben nur noch als Last empfindet.

Und wäre das nicht schon schwierig genug, schnürt mir diese verdammte Trauer jetzt auch noch die Kehle zu. Verhindert, dass ich klar denken kann. Ich weiß nicht wohin mich diese Geschichte noch hintragen wird. Ist es überhaupt eine Geschichte? Auf jeden Fall ist dies ein verzweifelter (und vielleicht ein erfolgreicher Versuch), meine Schreibblockade zu lösen. Mittlerweile ist das Word-Dokument nicht mehr leer. Hier stehen Worte. Worte die aus den Tiefen meiner Seele kommen, welche lange darauf gewartet haben, endlich aufgeschrieben zu werden und nun atmen zu können.

Der Wind streift sanft durch das Fenster und streichelt mein Gesicht. Ich nehme zum ersten Mal seit Tagen den Geruch nach Frühling war. Spüre die Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolken kämpfen, welche sich nun langsam auflösen.
Ich schreibe drei weitere Worte:

Freiheit, Luft, Hoffnung

4 Kommentare

Andrea❤️ am 1. November 2020

Ich finde es richtig schön und romantisch

Goupi am 31. Januar 2020

Wirklich schön

Minna am 28. Januar 2020

Lieber Leo, das hast du wunderschön geschrieben! Ich finde deine Beschreibungen sehr spannend, so wie die Worte, welche du verwendest! Mach weiter so! LG Minna

Louise am 27. Januar 2020

Wunderschön! Allerdings würde mich noch interessieren wo der Schmerz herkommt.