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Gretekind

Aufbau

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Prolog

Bei dem Prolog handelt es sich einen Ausschnitt aus meiner Geschichte "Aufbau" (Titel steht noch nicht ganz fest), an der ich gerade arbeite. Da sie sich noch in der Erarbeitungs- bzw. Bearbeitungsphase befindet, freue ich mich über jegliche Kommentare. Sei es Kritik, Verbesserungsideen und natürlich auch Lob ;)

Immer wenn meine Hände über die Grasfläche unter mir streichen, stelle ich mir vor, wie sich die Halme zwischen meinen Fingern im Takt des leicht kühlen Windes bewegen. Wie sie meine Haut berühren und mir für ein paar Sekunden das Gefühl von Freiheit geben. Erst das Ertönen der Sirene holt mich unsanft in die Realität zurück. Es ist das Zeichen, mich wieder zum Zentrum zu begeben. Trotzdem bleibe ich liegen. Bei dem Anblick, dass es sich bei dem Gras um eine reine Projektion handelt, werde ich wütend. Das Gefühl wird stärker als ich immer lauter werdende Schritte höre, die sich eilig auf mich zu bewegen. Zwei bewaffnete Gestalten befehlen mir, aufzustehen. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben und lasse mich widerstandslos abführen.

Ich werde in eines der Abteile des Zuges gebracht, der mich zurück zum Zentrum bringen wird. Sobald ich den Raum betrete, der etwa so groß ist, dass ich gerade so in ihm stehen kann, schließt sich das Abteil und lässt mich in einen Zustand verfallen, der es mir unmöglich macht, meine Beine zu bewegen. Trotz dieser eingeschränkten Bewegungsfreiheit spüre ich, wie der Zug langsamer wird und schließlich ganz hält. Die gläsernen Wände meines Abteils ermöglichen es mir, einen Blick auf das Magistrat zu werfen. Es ist eine riesige, gläserne Säule, die weit hinaus in den Himmel führt. Mit bloßem Auge ist kein Ende zu erkennen. Es ist eine faszinierende Architektur, an der schon seit neun Jahren gearbeitet wird. Trotz des grotesken Zwecks dieses Gebäudes beneide ich Abe. Seit Kurzem hat er die Leitung des Baus übernommen und sorgt dafür, dass es innerhalb des engen Zeitplanes fertiggestellt wird. Ich weiß, wie wichtig der Posten für ihn ist. Trotzdem war ich ziemlich sauer, als er mir beim Morgenmarsch davon erzählte. Ich zog an diesem Tag das Lauftempo soweit an, dass er einige Meter hinter mir zurücklag. Es war fast schon gemein von mir, denn ein guter Läufer war Abe noch nie. Am gleichen Tag entschuldigte ich mich bei ihm für mein unfaires Verhalten, indem ich mich nachts zu ihm in seine Zelle schlich. „Hey“, mehr brachte ich nicht heraus. Ich bin nie besonders gut darin gewesen, nette Worte für jemanden zu finden. Schon gar nicht bei einer Entschuldigung. „Du weißt, warum ich die Stellung annehmen musste..“ verteidigte sich Abe und sah mit seinen tief dunkelbraunen Augen in meine Richtung. „Ich weiß..“, antwortete ich, zwang mir ein besänftigendes Lächeln ins Gesicht und als er es mit einem Nicken erwiderte, machte ich mich wieder auf den Rückweg in meine Zelle.

Angespannt stehe ich nun wartend in dem gläsernen Abteil und warte darauf, dass alle Arbeiter des Magistratssektors in den Zug geführt werden. Abe führt die Gruppe an und betritt als erster den Zug. Bevor er sich in sein Abteil stellt, treffen sich unsere Blicke. Er bewegt seine Augen in Richtung der zwei Gestalten, die mich zuvor abgeführt hatten und formt mit seinen Lippen das Wort „Idioten“. Noch ehe ich ihm eine Antwort zuwerfen kann, schließt sich sein Abteil und der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Kurz bevor wir das Zentrum erreichen, verlangsamt sich die Geschwindigkeit wieder. Das ist ungewöhnlich, weil es zwischen uns und dem Zentrum keine weitere Haltestelle gibt. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, schaltet sich plötzlich die Lichtquelle des gesamten Zuges aus. Instinktiv halte ich inne und versuche irgendetwas zu sehen. Außer den panischen Schreien einiger Menschen, kann ich in der Dunkelheit nichts erkennen. Dann bleibt der Zug stehen. Mein Blick wandert zu dem Fenster rechts von mir, durch welches ich in ein tiefes Schwarz sehen kann. Durchbrochen wird es durch pinkfarbene Blitze, die sich über den gesamten Himmel ausbreiten. Es ist soweit, denke ich und spüre, wie sich meine Muskeln anspannen. Dann wird es wieder hell im Zug. Das grelle Licht blendet meine Augen. Als ich sie wieder öffnen kann, blicke ich in das Gesicht eines Mannes. Seine karamellfarbenen Hände umschließen eine Waffe, die er auf mich richtet. Abgelenkt von diesem Anblick, sehe ich nur im Augenwinkel den Himmel, der wie flammendes Papier zerbricht. Im gleichen Moment löst sich ein Schuss.

Benson

Nur nicht die Nerven verlieren, rede ich mir ein und umklammere meine Waffe noch fester. Es ist ein eigenartiges Gefühl, vor dem Mädchen zu stehen, das ich in den letzten siebzehn Jahren Tag für Tag beobachtet habe. Seit Wochen werden die anderen und ich auf diesen Tag vorbereitet und dennoch trifft es mich nun wie ein Schlag, ihr gegenüberzustehen. Wenn Amanda wüsste, dass ich mich für diese Sache gemeldet habe, würde sie mich in Stücke zerreißen. Aber es ist die einzige Möglichkeit, ihr und mir einen Platz für diese Welt zu erspielen. Ich versuche also ruhig zu bleiben und konzentriere mich auf meine Aufgabe. Dann löst sich ein Schuss, gefolgt vom Geräusch zerbrochenen Glases. Sofort erscheint vor meinem Auge das Bild von June Anders. Eine 73-jährige Frau, die im Camp liebevoll „Granny“ genannt wurde. Nachdem ihre Vitalwerte in den letzten Wochen stark gesunken sind, war es abzusehen, dass sie als Erste auf die Liste gesetzt wird. Bei dem Gedanken, dass ihr Tod nur den Anfang macht, wird mir übel. Zum Glück kommt der Zug endlich ins Halten. Wir erreichen das Zentrum.

6 Kommentare

Jojo am 24. April 2019

super geschichte! hinterlässt viele fragen... freu mich über eine fortsetzung LG

Tilda am 22. April 2019

Schöne Geschichte, ich würde mich über eine Fortsetzung freuen LG Tilda

Gretchen am 17. April 2019

Das freut mich sehr, dass es auch dir gefällt Fortsetzung wird folgen! Danke!

Teresa Fünckchen am 17. April 2019

Gut geschrieben und sehr spannend! Ich würde mich über eine Fortsetztung sehr freuen...

Gretekind am 16. April 2019

Vielen lieben Dank Minna! Ich freue mich, dass dir der Prolog gefällt. Vieles bleibt offen, aber ich hoffe, dass es die Neugier weckt Es ist lange nicht alles erzählt. Es wird aber dystopisch

Minna am 16. April 2019

Wow ! Das ist eine sehr gute Geschichte ! Ich mag es, dass sie so kurz ist! Mach weiter so !