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Gwendolyn

Ausblick in die Vergangenheit

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„Sally, ich geh heim. Die Musik ist grottenschlecht.“, schrie ich meiner Freundin ins Ohr.
„Ach komm schon, Abi!“
Ich schüttelte nur den Kopf und ging zum Ausgang. Draußen atmete ich die frische Luft ein und trank einen Schluck aus der halbleeren Wodkaflasche.
„Keine Lust mehr auf diese Katzenmusik?“, fragte ein schmieriger Typ.
„Nein.“
„Wie wärs mit uns zwei? Ich wohne gleich da drüben“, er drückte mich gegen die Hauswand. „Du riechst so gut.“
Sein Atem stank widerlich. Ich schlug meine Wodkaflasche gegen die Hauswand und hielt nun den scharfkantigen Flaschenhals vor mich. „Verpiss dich.“
„Mit so einer würde ich mich eh nicht abgeben.“, schnarrte er und torkelte zurück in die Disco.

Ich schmiss den Flaschenhals auf den Boden und machte mich auf den Weg. Das Klackern meiner Absätze hallte durch die engen Gassen. Ironischerweise kam ich auf dem Heimweg an meiner ehemaligen Uni vorbei. Ich blieb stehen und blickte zu dem altehrwürdigen Eingang hinauf. Wie stolz war ich gewesen vor drei Jahren, diese Stufen zu erklimmen. Dennoch hatte ich hingeschmissen. Dafür, dass mein Leben nun jeden Abend aus einer neuen Party bestand. Ich schüttelte den Kopf, um die tristen Gedanken loszuwerden.
Ein paar Meter weiter stand ich schließlich vor der Tür zu meinem Apartment. Meine Eltern zahlten es mir noch immer, da sie dachten, ich studiere noch. Ihre begnadete Tochter, die zauberhaft Geige spielen konnte. Ich verzog das Gesicht. Selbst meine Geige hatte ich vor einem halben Jahr in den Schrank gesperrt.

Seufzend zog ich mir die hohen Schuhe aus. Vermutlich lag es an dem vielen Alkohol, doch ich ertappte mich dabei, wie ich die Schublade öffnete und meine Finger im hintersten Eck nach dem abgegriffenen Ledereinband tasteten. Ich holte tief Luft und setzte mich mit dem Fotoalbum aufs Sofa. Zögerlich, als würde es mich jeden Moment beißen, öffnete ich den Einband. Für Oma stand in meiner schnörkeligen Handschrift auf der ersten Seite. Noch einmal atmete ich tief durch, bevor ich auf die nächste Seite blätterte. Strahlend blaue, gütige Augen, von Fältchen umgeben, blickten mich an. „Du fehlst mir so.“, flüsterte ich mit erstickter Stimme. Auch an das nächste Bild hatte ich noch ganz klare Erinnerungen. Es war mein erster Auftritt im Schulorchester. Omas Vater war Geigenbauer gewesen. Er fertigte alles von Hand. Selbst die Geigenbögen bespannte er mit Rosshaar. Nach diesem Auftritt hatte Oma mir dann die letzte von ihm gebaute Geige geschenkt. Die jetzt im Schrank versperrt lag. Ich biss mir auf die Unterlippe und blätterte weiter.
Oh! Das war der Tag, bevor ich mich an der Musikuniversität eingeschrieben hatte. Oma und ich unternahmen einen Ausflug zu einem See in den Bergen. Sie hatte ein Boot gemietet. Ich lag ganz vorne auf dem Bauch, ließ meine Finger durchs Wasser gleiten und beobachtete die Bugwellen. Genau in der Mitte hielten wir an. Die glatte Oberfläche des Sees war wie ein Wasserspiegel, der unsere glücklichen Gesichter zeigte. Oma hatte immer ihre alte Kamera dabei und wie so oft, erzählte sie etwas von gutem Lichteinfall und zeitlosen Motiven. Im nächsten Moment hatte sie schon mindestens ein Dutzend Fotos von mir geschossen. Ich lachte, als ich meinen genervten Blick auf der letzten Aufnahme sah. Neugierig sah ich auf die nächste Seite.
Ach ja - meine Oma und ihre Bienen. Sie hatte drei Stöcke gehabt. Und stets ging sie ohne Schutz zu ihnen hinein. „Sie sollen doch keine Angst vor mir haben“, pflegte sie dann immer zu sagen, wenn meine Mutter Bedenken äußerte. Wir Kinder haben immer ein Honigbrot bekommen, wenn wir zu Besuch waren. Erneut musste ich beim Anblick des nächsten Bildes lachen. Meine Oma saß, noch etwas bedröppelt, in einem großen Haufen Tannengrün. Sie hatte bei einer Wanderung ein Reh gesehen und ist vorsichtig rückwärtsgegangen. Dabei war sie über eine Wurzel gestolpert und hatte sich unfreiwillig in die Äste gesetzt. Wir haben so gelacht, dass uns die Tränen kamen. Ich war auf der letzten Seite angelangt. Dort stand unter meinem Namen noch ein weiterer Satz. Ich schnappte nach Luft, als ich die Handschrift von Oma erkannte. Sie musste ihn kurz vor ihrem Tod geschrieben haben. Sachte fuhr ich mit den Fingern den geschwungenen Linien ihrer Handschrift nach: „Abigail, gehe immer so deinen Weg, dass du am Abend noch in den Spiegel schauen kannst.“

Ich brach in Tränen aus. Ach Oma. Du fehlst mir so sehr. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen und ich buckelte mich aufs Sofa. Oma hatte mich stets dazu ermutigt, meiner Leidenschaft für die Musik zu folgen und sie irgendwann zu meinem Beruf zu machen. Sie hatte meine Eltern überzeugt, mich an der renommierten Musikakademie studieren zu lassen. Und was hatte ich nach ihrem Tod getan? Mein Leben in Alkohol ertränkt, die Prüfungen versaut und schlussendlich das Studium geschmissen. Wie armselig! Ich ekelte mich vor mir selbst. Eine Zeit lang lag ich auf dem Sofa, drückte mein Gesicht in ein Kissen und weinte. Nach meinem Heulkrampf ging ich zu dem alten Schrank und öffnete ihn.
Der sichelförmige Mond schien durch das Fenster, als ich die Geige unters Kinn hob und zum ersten Mal seit langem wieder zu spielen begann.

3 Kommentare

Apple am 18. Januar 2021

Super Geschichte

Sprotte am 16. Januar 2021

Ich finde die Geschichte total schön! Allerdings wird das Ende offengelassen ... Gibt es bald einen weiteren Teil ???

Emma. am 11. Januar 2021

Ich finde die Geschichte richtig gut.