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Kosima Hammelehle

Corona in Wald und Wiese

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Verehrte Frau Funke, liebes Cornelia Funke-Team,

die Geschichte „Corona in Wald und Wiese” handelt von einem kleinen Igel, der – um endlich einmal den Winter zu erleben – absichtlich das ganze Frühjahr und den Sommer verschlafen hat und sich – coronabedingt – in eine veränderte Welt einfügen muss, in der es viele neue Umgangsformen gibt. Seine Freunde informieren ihn über das Virus und die neue Krankheit, zeigen ihm gleichzeitig aber auch, wie man auch unter den neuen Bedingungen noch gemeinsam spielen und Spaß haben kann.

Die Geschichte richtet sich an Vorschul- und Grundschulkinder. Sie ist zum Vorlesen gedacht und informiert über die wichtigsten aktuellen Schutzmaßnahmen gegen das Virus: Händehygiene, Abstand halten, Funktion der Behelfsmasken, Lüften und Quarantäne. Ziel der Geschichte ist, dass die Kinder die Regeln nicht nur kennen, sondern auch ihre Sinnhaftigkeit verstehen und dadurch eher akzeptieren und einhalten können. Gleichzeitig soll sie auch unterhaltend sein, eventuell auch Kinder mitnehmen, die kein Interesse an Sachbüchern haben.

Ich würde mich total freuen, wenn Sie die Geschichte auf Ihre Homepage stellen würden.

Der kleine Igel rekelte sich genüsslich. Und gähnte. Für einen kurzen Moment öffnete er das linke Auge und blinzelte in die hellen Punkte, die sein gemütliches Laubnest durchstrahlten. "Ein bisschen wie der Himmel bei Nacht", dachte er und war kurz darauf wieder eingenickt. Doch schon wenig später öffnete er das andere Auge. Das Laub um ihn war trocken und bröselig. Aber es war dunkler als gewöhnlich. Und der Berg über ihm schwerer. Noch etwas träge wühlte er sich aus seinem gemütlichen Lager. Und dann jubelte er: "Es hat geklappt, es hat wirklich geklappt!"

Die Welt um ihn herum hatte sich verfärbt. Die Blätter leuchteten gelb und rot. Und sie tanzten im Wind und rieselten fröhlich zu ihm herunter. Er hatte es geschafft. Er hatte wirklich den ganzen Sommer und einen Großteil des Herbstes verschlafen und fühlte sich ausgeruht. Endlich würde auch er es erleben. Alle hatten immer erzählt, wie wunderschön der Winter ist, hatten von beeindruckenden Eiszapfen und gefrorenen Pfützen berichtet, von wilden Schneeballschlachten und dem Weihnachtsfest. Und endlich, endlich, endlich würde auch er dabei sein. Mit einem Freudenschrei sprang er in die Höhe, zuerst überrascht, dass das plötzlich so einfach ging, dann mit durchaus besorgtem Blick: "Waaah, wo ist mein hübscher dicker Bauch, meine wunderbare quabbelige Fettschicht?", quiekte er entsetzt. Er musste schnellstmöglichst los. Am Bach gab es eine gute Stelle. Der Boden war dort immer nass, ein guter Platz, um die köstlichsten Regenwürmer und Schnecken zu finden. Und außerdem war es der Ort, an dem er die anderen Tierkinder treffen würde.

Der Weg dorthin war nicht weit. Trotzdem brauchte der kleine Igel weit länger als gewöhnlich für die Strecke. An jeder Ecke gab es etwas Neues zu bestaunen. Besonders lustig war, dass plötzlich alle Tiere irgendetwas im Gesicht hängen hatten. Die Bienen hatten sich sehr kunstvoll in breite Gräser gewickelt. Und am Waldrand konnte er Harry den Hirsch sehen, der sich ein Stück Stoff vor Nase und Mund gespannt hatte, das mit kunstvollen Schleifen an seinem beeindruckenden Geweih befestigt war. "Komisch", überlegte der kleine Igel, "so kalt ist es doch noch nicht. Ob die im Winter wohl immer so rumlaufen?" Manche Tiere sahen damit ganz hübsch aus, andere wirkten damit auch ein bisschen bedrohlich. Manche sahen aber einfach nur bescheuert aus. Und man konnte sie schlicht und einfach schlecht verstehen. Die Spitzmaus Moni hatte ihn freundlich gegrüßt. Sie hatte ein sehr dekoratives Blatt über der Nase, wirklich sehr hübsch! Aber sie hatte letztes Jahr schon so leise gesprochen. Uns so konnte man sie wirklich kaum verstehen.

Damit konnte er sich jetzt aber nicht weiter aufhalten. Es waren nur noch wenige Meter bis zum Bach. Und er konnte die Freunde noch nicht sehen, aber hören konnte er sie schon. Emmi war definitiv dabei. Das keckernde Lachen seiner besten Freundin hätte er unter 1000 anderen Eichhörnchen herausgehört.

So schnell ihn seine kurzen Beinchen trugen, wuselte er um die letzte Biegung. Ob sich Emmi wohl noch ihren Begrüßungscheck erinnerte? Pfote rechts, Pfote links, chachacha, Pfote rechts, Pfote links, chachacha, leichte Kopfnuss, schnelle Drehung, kurzer Augenkontakt und dann ein furchterregendes Booo! Und dann sah er sie. Und wie immer stürmte er glücklich und lachend auf sie zu. Und sie auf ihn.

Als die beiden noch ungefähr zwei Meter voneinander entfernt waren, erklang ein durchdringendes "Stopp". Sowohl Emmi als auch der kleine Igel erstarrten in ihrer Bewegung. Der kleine Igel starrte verwundert in die Runde, Emmi sah eher schuldbewusst aus. "Sag mal, tickt es bei euch noch?", fragte der kleine Igel. Das Stopp war aus der gesamten Runde gekommen und Emmi war inzwischen sogar noch wenige Zentimeter zurückgewichen. "Sorry, alter Kumpel", sagte Willibald. Willibald, der Waschbär, war eigentlich ein netter Kerl. "Herzlich willkommen zurück", sagte er, "schön, dass du wieder hier bist!" "Ähh", sagte der kleine Igel, "was soll das ganze Theater?" Und erst jetzt fiel ihm auf, dass auch alle seine Freunde Blätter, Gräser oder Stoffe im Gesicht trugen.

Und dann erzählten die Tiere. Corona, ein Virus, hatte sich in Wald und Wiese breit gemacht. "Das ist eine kleine stachlige Kugel, die so winzig ist, dass du sie nicht sehen kannst", erklärte Emmi. "Die kann uns alle krank machen, vor allem die alten und schwachen Tiere", ergänzte sie. "Und die Krankheit ist blöd, mehr als blöd, wirklich gefährlich", miaute die Wildkatze, "einige Tiere mussten sogar sterben!".

"Dann machen wir die Kugeln eben kaputt", schnaupte der kleine Igel. "Kann ja nicht so schwer sein". Wild entschlossen haute er mit einem Zweig gleichmäßig auf den Boden um sich herum. Der Maulwurf schüttelte nur langsam den Kopf. "Fehlanzeige", sagte er betrübt, "so einfach ist das nicht!"

"Wenn du so schlau bist", sagte der kleine Igel, "was hilft dann gegen das Virus?"
"Jetzt hör mal gut zu", schnaupte der Maulwurf, "spiel dich einfach nicht so auf". "Nicht jeder hat Dreiviertel des Jahres verschlafen", pampte er. "Und inzwischen wissen wir definitiv schon mehr!". "Entschuldige", sage der kleine Igel, ebenfalls im Tonfall nicht zu höflich, "und was soll das sein?"

"He, nicht streiten", schaltete sich Emmi ins Gespräch ein. Die Pause darauf war schwer zu ertragen. "Hitze hilft", sagte sie kurz darauf ein bisschen zögerlich, "zerstört das Virus". "Aber dafür muss es schon richtig heiß sein. Es reicht nicht, wenn du etwas in die Sonne legst oder etwas gemütlich in deinem Nest wärmst."

"Im Labor haben sie auch Desinfektionsmittel", mischte sich der Biber mit dem leicht schielenden Blick ein. "Aber auch Seifenkraut hilft. Das Virus hat außen eine Fettschicht. Und Seife macht die kaputt. Und ohne diese Fettschicht kann sich das Virus nicht mehr vermehren. Sich die Pfoten waschen hilft schon so, Seifenkraut macht es aber noch viel effektiver".

"Und warum tragt ihr alle diese Dinger im Gesicht?", fragte der kleine Igel.
"Das ist kompliziert", sagte Emmi. "Also, diese Viren, die kleinen stachligen Kugeln, vermehren sich besonders gerne im Hals. Gut ist, dass es einfach nur Kugeln sind. Die haben keine Beine, keine Flügel, kein nichts. Aber sie kleben ein bisschen, aber nicht zu fest. Wenn du etwas anfasst, wo solche Kugeln dranhängen, dann kleben einige auch an deinen Pfoten fest. Und wenn du dann wieder etwas anfasst, dann bleibt auch da wieder ein bisschen hängen. Außer du hast dir zwischendurch die Pfoten gewaschen. Damit machst du sie ja kaputt."
"Okay, hab ich verstanden. Aber was hat das jetzt mit den Dingern im Gesicht zu tun", fragte der kleine Igel ungeduldig.
"Immer wenn wir sprechen, singen oder auch nur atmen, verteilen wir ganz kleine Tröpfchen in unserer Umgebung, die Laborratten nennen die Aerosole. Und wenn wir husten oder niesen, dann sind die Tröpfchen ein bisschen größer."
"Jetzt können sich die Kugeln nicht alleine bewegen, aber sie kleben an diesen Tröpfchen fest", ergänzte Willibald. "Die kleinen Tröpfchen sind wie schlecht gefüllte Gasluftballons, die einfach in der Luft schweben, die größeren wie kleine Papierflieger, die zwar kurz fliegen, dann aber auf den Boden absinken."
"Na und an den Ballons und Fliegern kleben dann einfach die stachligen Kugeln, werden damit ganz gemein in der Umgebung verteilt. Wenn du sie dann einatmest oder wieder über die Finger in den Mund bekommst, dann kannst du krank werden."
"Und deshalb tragen wir die Gräser, Blätter oder auch Stoffe im Gesicht: Die Flugzeugtröpchen sind so klein, dass wir sie nicht sehen können, aber sie sind so groß, dass sie in den Blättern und so hängen bleiben. Die passen nicht durch Gitter, ein bisschen wie bei einem Netz. Bei den Luftballons klappt es leider nicht so gut. Die können zum Teil auch durch dieses Gitter schlüpfen. Deshalb müssen wir zusätzlich Abstand halten. Und deshalb ist es auch besser draußen zu spielen. Da werden diese Ballone einfach vom Wind verweht".
"Kompliziert", schnaufte der kleine Igel, "Aber ich glaube, ich hab's verstanden."

Kurze Zeit sprach niemand, dann wurde der kleine Igel plötzlich ganz aufgeregt: "Heißt das, dass ihr alle krank seid?", fragte er entsetzt. "Ne", sagte, Emmi, "zum Glück nicht, aber auch das ist schrecklich kompliziert. Wenn du dich angesteckt hast, dann dauert es ein paar Tage, bis du dich auch krank fühlst. Die blöden Kugeln können sich aber trotzdem schon in deinem Hals vermehren und du schleuderst sie vielleicht schon eifrig in die Gegend, bis du es überhaupt bemerkst." Der kleine Biber kratzte sich am Hinterkopf. "Und wir Kinder haben es echt gut. Wir werden relativ selten wirklich richtig krank, die Laborratten haben festgestellt, dass sich einige sogar angesteckt haben, ohne es überhaupt zu bemerken."

"Wie merkt man denn, dass man Corona hat?", fragte der kleine Igel. "Na ja, sagte Emmi, "viele bekommen Fieber. Und sie fühlen sich schlapp, müssen oft husten, können nicht mehr so gut schmecken und riechen." "Und mache haben Probleme beim Atmen, nicht viele, aber bei denen wird es dann einfach gefährlich", murmelte Willibald. "Deshalb müssen wir einfach so vorsichtig sein!"

"Und habt ihr die Dinger jetzt wirklich immer im Gesicht?", fragte der kleine Igel. "Nene", schnurrte die Wildkatze, "nicht in unserem Nest, nicht mit unseren Eltern und Geschwistern, nicht, wenn wir uns mit nur ganz wenigen treffen, die wir oft sehen". "Wie streng das ist, hängt einfach auch davon ab, ob es gerade viele Kranke im Wald und auf der Wiese gibt oder nicht."

"Und was macht ihr, wenn ihr euch krank fühlt?" "Eigentlich genau das, was wir auch sonst tun, wenn wir mal nicht fit sind", antworte Emmi mit einem Schulterzucken. "Wir bleiben im Nest, sind ein paar Tage faul, ruhen uns aus, gehen nicht zum Spielen nach draußen." "Ein Unterschied gibt es aber leider doch", knurrte Willibald. "Wenn einer von uns krank wird, dann müssen vorsichtshalber auch alle anderen für ein paar Tage zu Hause bleiben, einfach bis klar ist, dass man die Kugeln nicht doch spazierenträgt, damit sich nicht noch andere anstecken".

"Boah, ist das nervig", sagte der kleine Igel. "Sorry Leute, aber auf den Schreck muss ich jetzt erst mal was fressen." Mit angeekeltem Gesicht entfernte er sich von der Gruppe, um kurz darauf an einem der schönsten Plätze der Welt zu landen. Hier gab es viele, ganz kleine, ganz köstlich quabbelige und schlonzige, innen fast flüssige Schnecken, ein wahrer Hochgenuss! Waren die wirklich auch letztes Jahr schon so lecker? Er schmatzte und schleckte und plötzlich breitete sich ein ganz wohliges Glücksgefühl in seinem Bäuchen aus. Und er wurde unendlich müde. "Nach dem Stress habe ich mir aber auch wirklich ein Mittagsschläfchen verdient", sagte er, kugelte sich zusammen und war kurz darauf eingeschlafen.

Etliche Zeit später wurde er von fröhlichem Quietschen und Johlen geweckt. Neugierig wackelte er zu der Stelle zurück, wo die anderen Tierkinder noch immer spielten und tobten. Und dann wurde es ein wunderschöner Nachmittag. Gregorius der Frosch konnte noch immer die lustigsten Witze erzählen. Und Willibald und Emmi kletterten wie früher um die Wette. Die Tierkinder spielten Verstecken. Und sie spritzten sich gegenseitig nass, bis jedem das Fell und die Stacheln trieften. Sie konnten noch immer kleine Boote bauen und schwimmen lassen, sich im Tannenzapfenweitwurf üben und Purzelbäume schlagen, eine Disziplin, in der der kleine Igel einfach nicht zu schlagen war. Immer wieder vergaß jemand, dass es jetzt die neuen Regeln gab, man Abstand halten und sich nicht abschlecken sollte. Noch oft hatte er dieses nervige Stopp am Nachmittag gehört. Aber es klappte. Und sie hatten trotz allem extrem viel Spaß.

Am Abend verabschiedeten sie sich und der kleine Igel suchte sich einen neuen Schlafplatz ganz in der Nähe des Baches. Er konnte lange nicht einschlafen. Was hatte sich nicht alles verändert, dieses Virus war einfach zu bescheuert. Aber er hatte trotzdem einen schönen Tag. Und auch morgen würde er sich wieder mit seinen Freunden treffen. Und sie würden sich neue Spiele ausdenken. Und dieses Jahr würde auch er endlich einen Schneemann bauen.

3 Kommentare

Brianna am 25. Januar 2021

Es ist auch Mal schön, in eine Kurzgeschichte Regeln rein zu packen. Mach weiter

Anna am 10. Dezember 2020

Coole Kurzgeschichte, aber die ist eher eine Langgeschichte

Leona am 16. November 2020

Ich schreibe selbst Kurzgeschichten und diese war mega schön. Mach weiter so!