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Marystein

Das gebrochene Herz: Neid

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Gloria machte sich auf den Weg zur großen Bibliothek. Dort fand wie jeden Vormittag der Unterricht für junge Engel statt. In der großen Halle angekommen, hielt sie kurz inne um die vielen Regale und das ganze hier angesammelte Wissen zu bewundern. Möglichst leise, wie es sich für eine Bibliothek gehörte, ging sie zu einem der Nebenräume. Dort standen einige Tischreihen mit Stühlen, vorne ein Stehpult und eine Tafel. Gloria ging zu ihrem Platz in der zweiten Reihe. Nathanael, ein guter Freund von ihr, ließ sich neben sie fallen. „Heute mal wieder allein?“ „Isabella? Keine Ahnung. Ich hab sie heute noch nicht gesehen.“, meinte Gloria desinteressiert, während sie ihre glatten, blonden Haare zusammenband. „Was deine Schwester wohl immer macht?“ Nathanaels Blick wurde leer und er schaute verträumt in die Ferne. Gloria wusste, dass er an ihre Schwester, Isabella, dachte, aber sie wusste nicht, was er an ihr fand. Sie war so anders.
Obwohl sie Zwillinge waren, ähnelten sie sich überhaupt nicht. Gloria sah aus, wie Engel normalerweise aussahen. Lange blonde Haare, haselnussbraune Augen, leicht gebräunte Haut. Aber Isabella... Rabenschwarze Haare, eisblaue Augen, ihr Teint glich Porzellan. Niemals hatte ein Engel so ausgesehen. Aber auch ihr Verhalten, immer war sie aufgedreht und neugierig. Sie konnte nicht stillsitzen und plapperte immer dazwischen. Und anstatt ihre Aufgaben ordentlich zu erledigen, flog sie sinnlos über die Wolken.
Aber vielleicht war es genau das, was Nathanael so an Isabella gefiel.
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Auf der Heimfahrt sagte ich nichts. Ich hätte auch nicht gewusst was. Grace schwieg auch. Stumm schaute sie aus dem Fenster. Ihre Augen waren verquollen vom vielen weinen. Es musste sehr hart für sie sein. Auch als wir Zuhause ankamen, sagte sie nichts. Sie aß schweigend die Suppe, die ich aufgewärmt hatte und ging dann in ihr Zimmer. Sie war bestimmt müde. Oder sie wollte noch mit John telefonieren.
Als ich eine Stunde kurz nach ihr schaute, lag sie schlafend auf ihrem Bett, mit Kopfhörern in den Ohren und ihrem alten Teddy im Arm. Wie klein und verletzlich sie aussah, wenn sie schlief, meine kleine Prinzessin.
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Geschichte war nicht spannend. So wie immer. Aber Gloria musste aufpassen. Bald waren Prüfungen und die musste sie bestehen. Nathanael auch, aber der war in Gedanken noch immer bei Isabella. Ihr Lehrer erzählte ihnen gerade etwas über all die Unglücke die schon passiert waren, als Menschen mit Engeln in Kontakt gekommen waren, als es plötzlich leise klingelte. Die Stunde war vorbei.
Ein anderer Engel ging an das Rednerpult. Plötzlich war auch Isabella da. Eine Stunde mit dem Thema „Die „Anatomie der Engel“ verging. Am Ende der Stunde hob Isabella die Hand. „Ja, Isabella? Hast du eine Frage?“ „Ähm ja. Kann ein Engel an einem gebrochenen Herzen sterben? Wenn er jemanden wichtiges verliert oder so?“
Was für eine dumme Frage. „Natürlich nicht.“, meinte der Lehrer, seine Stimme klang spöttisch und in der Klasse brach Gelächter aus. Nur Nathanael nicht.
Danach war die Stunde vorbei. Gloria stand auf und wurde sofort von ihrer Clique umringt. Als sie an ihrer Schwester vorbeikam, meinte sie nur: „Ach Isabella, du bist ja sowas von peinlich!“ Die anderen Mädchen fingen an zu kichern. Mit einem letzten verächtlichen Blick wandte Gloria sich um und verließ die Bibliothek, umringt von den kichernden Mitgliedern ihrer Clique.
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„Grace, du musst aufstehen, die Schule fängt bald an!“, rief ich dir Treppe hinauf. Grace war spät dran. Seufzend ging ich nach oben zu Grace Zimmer und klopfte an. „Grace... du kommst zu spät“ Vorsichtig öffnete ich die Tür. Grace lag noch im Bett. „Dad, kannst du mich krankmelden? Ich fühl mich nicht gut.“ „Grace, bald sind Prüfungen. Du musst dir doch Notizen machen, sonst bestehst du nicht. Oder bringt John dir nachher seine Notizen vorbei?“ „John und ich sind nicht mehr zusammen. Er hat Schluss gemacht, ich weiß nicht warum.“
„Das tut mir leid. Wie lange... also ich meine wann hat er den Schluss gemacht?“ Ich war ehrlich überrascht, die beiden waren doch immer so ein süßes Paar gewesen. Warum hatte sie mir nichts erzählt? „Im Krankenhaus.“ „Oh. Ich meld dich krank, Prinzessin. Ruh dich aus.“
Ich dachte dieser John wäre ein anständiger Junge. Aber seine Freundin zu verlassen, während sie so eine schwere Zeit durchmacht... Das gehört sich einfach nicht.
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Gloria war wütent. Isabella war mal wieder nicht beim Unterricht gewesen und sie hatte den Ärger dafür bekommen.
„Sie ist deine Schwester! Du musst doch wissen wo sie ist. Such sie gefälligst und sag ihr, dass das Folgen haben wird.“
Das hatte der Lehrer für Geschichte, ein alter, grummeliger Engel mit schlohweißem Haar, ihr gesagt und darum stand sie jetzt alleine vor der großen Bibliothek und wusste nicht wo sie anfangen sollte zu suchen. Lautlos schwang sie sich in die Lüfte und begann über sie Wolkendecke zufliegen. Sie sah viele Engel, die unterschiedlichen Aufgaben nachgingen, aber Isabella war nirgendswo zu entdecken. Noch eine Runde sagte Gloria sich, dann wollte sie aufhören. Plötzlich tauchte Isabella unter ihr auf. Schnell verschwand Gloria hinter der nächstbesten Wolke. In ihrem Kopf ratterte es. Woher kam Isabella denn jetzt plötzlich? Sie musste, aber nein das konnte doch nicht sein. Isabella musste durch die Wolkendecke geflogen sein. Gloria wusste was sie tun musste, wenn sie herausfinden wollte, wo ihre Schwester immer war. Mit einiger Überwindung flog sie schließlich durch die Wolkendecke und landete auf einer einzelnen, allein schwebenden Wolke. Nur ein roter Briefkasten stand darauf, ansonsten war die Wolke komplett leer. Vorsichtig ging Gloria zu dem Briefkasten und öffnete ihn.
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„Ja hallo? Hier spricht William Evens. Ich möchte meine Tochter Grace krankmelden. Ein schlimmer grippaler Infekt. Ja, ich richte es ihr aus.“
Meine Prinzessin war schon wieder krank. In letzter Zeit war sie sehr oft krank. Und, wenn sie nicht krank war, war sie auch oft auf ihrem Zimmer. Nein eigentlich immer, außer sie war in der Schule oder aß was. In letzter Zeit hatte sie abgenommen und traf sich gar nicht mehr mit Freunden. Den Lehrern war ihre Veränderung auch aufgefallen und sie hatten probiert mit ihr zu reden, aber meine Prinzessin sprach mit niemanden mehr, noch nicht einmal mit mir.
Und daran war nur dieser John schuld. Wäre er noch da und hätte nicht Schluss gemacht... Das musste Grace den Rest gegeben haben. Nur er war schuld! Er konnte doch nicht einfach so damit davonkommen! Ich musste etwas tun.
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Das war also der Grund warum Isabella immer verschwunden war. Ein Menschenjunge! Also das hatte Gloria noch nicht einmal von ihrer Schwester erwartet. Aber diese Briefe waren der Beweis dafür. Aber warum eigentlich? Reichte es ihr denn nicht, dass Nathanael bis über beide Ohren hoffnungslos in sie verknallt war? Ihr Nathanael!
Aber es musste doch einen Weg geben sich zu rächen. Vielleicht fand sie in den anderen Briefen einen Anhaltspunkt. Es lagen ja genug auf der kleinen Wolke rum... Nach einigem Suchen hatte Gloria eine Idee. Noch keinen richtigen Plan, aber so gut wie.
Dieser John, der hatte eine Freundin gehabt, Grace Evens. Aber er hatte sich von ihr getrennt und er machte sich Vorwürfe, weil er Grace alleine gelassen hatte. Oft genug hatte er Isabella davon geschrieben, wie sehr Grace sich verändert hatte, seit er sich von ihr getrennt hatte, unter anderem auch ihre Oma und ihre Mutter am selben Tag gestorben waren. Folglich lebte der Vater von Grace noch. Auch er musste doch traurig sein, möglicherweise sogar wütend auf John. Gloria musste irgendwie an Mr.Evens drankommen. Bestimmt konnte sie seine Gefühle nutzen um John etwas anzutun. Denn wenn John etwas zustöße, da war Gloria sich sicher, würde das Isabella verletzten.
Am nächsten Tag war wieder Unterricht. Gloria saß wie immer neben Nathanael und sogar Isabella saß auf ihrem Platz in der letzten Reihe. Müdigkeit überfiel Isabella und es fiel ihr schwer sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Die ganze Nacht über hatte sie überlegt, wie sie zu Mr. William Evens Kontakt aufnehmen könnte, doch ihr war nichts eingefallen. Der Lehrer wechselte, jetzt hatten sie Geschichte. Gloria hörte nicht zu, bis sie plötzlich etwas von „Kontakt“ und „Menschen“ hörte. Sie hob den Blick, sah nach vorne zu Tafel. Dort war eine Zeichnung von einem Briefkasten. Irgendwo hatte Gloria ihn schon einmal gesehen. Natürlich, der Briefkasten auf der Wolke, mit den Briefen von Isabella, er glich der Zeichnung genau. Der Lehrer sprach weiter: „Wenn jetzt alle die Zeichnung in ihrem Heft haben, können wir ja weiter machen. Diese Briefkästen sind inzwischen nicht mehr in Benutzung, da ja viele Unglücke passiert, wenn wir mit den Meschen Kontakt hatten. Gloria, du hast eine Frage?“ Sie hatte die Hand gehoben, und erkundigte sich jetzt: „Wie viele dieser Briefkästen gab es denn?“ „Ich denke es gab fünf, aber es ist schon lange her, ich kann es nicht so genau sagen.“ Damit war die Stunde vorbei und die jungen Engel hatten frei. Gloria schüttelte ihre Clique ab und überlegte. Wenn sie einen der anderen Briefkästen finden würde, könnte sie ihren Plan in die Realität umsetzten. Sie schaute sich hinter dem großen Gebäude der Bibliothek um, stellte sicher, dass sie alleine war und nahm dann ihren ganzen Mut zusammen und flog durch die Wolken zu ihren Füßen. Zuerst war da nichts, doch dann sah sie in einiger Entfernung einen roten Kasten. Mit ausgebreiteten Schwingen flog sie auf den roten Kasten und landete elegant auf der kleinen Wolke. Kaum stand sie, zog sie aus den Falten ihres Gewandes Papier, Umschlag, Tinte und Feder hervor. Sie setzte sich hin und begann zuschreiben. Den Text hatte sie sich schon längst überlegt und nach kurzer Zeit steckte sie den versiegelten Brief in den Briefkasten.
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Es klingelte. Wer das wohl war? Ich erwartete keinen Besuch und Grace auch nicht. Trotzdem ging ich zur Tür und öffnete. Es war nur der Postbote, der mir die Zeitung und ein Paket gab. Und einen weißen Umschlag. In der Küche öffnete ich sofort den Brief. Er war sehr seltsam. Nur mein Name stand in schwungvoller Handschrift darauf. Keine Adresse. kein Absender, auch sonst nichts. Ich zog einen einzelnen Briefbogen heraus. Stumm wanderte mein Blicküber die Zeilen:

Sehr geehrter Mr. Evens,
zuallerst möchte ihnen mein herzliches Beileid aussprechen für den Tod ihrer Schwiegermutter und den ihrer Frau. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es für sie sein muss. Doch auch ihrer Tochter muss es sehr schlecht gehen. Das soll kein Vorwurf sein, sie kümmern sich gut um Grace, doch sie bräuchte jemanden in ihrem Alter zum Reden. Wie schade, dass John Smith Schluss gemacht hat. Mit ihm ginge es Grace jetzt gewiss viel besser.
Mit besten Grüßen
G.

Das war alles. Woher wusste der Verfasser des Briefes so viel? Ich fand diese Tatsache gruselig, doch der Verfasser hatte recht. John war an allem schuld. Sonst niemand. Von diesem Augenblick war mir klar, ich wollte Rache an ihm nehmen, für das was er meiner Prinzessin angetan hatte. Doch wie? Ein Plan musste her.
In dieser Nacht schlief ich schlecht, furchtbare Alpträume quälten mich. Ich sah meine Prinzessin, wie sie verzweifelt nach mir rief, aber ich kam nicht zu ihr, egal wie sehr ich mich anstrengte, und dann hörte ich einen Schrei und sah sie fallen. Schweißgebadet wachte ich auf. Es war erst fünf Uhr morgens, doch an Schlaf war nicht mehr zu denken, ich hatte Angst vor weiteren Alpträumen. Ich zog mir meinen Morgenmantel über und ging in die Küche, um mir einen Kaffee zu kochen. Kaum hatte ich das Licht angemacht, sah ich einen weiteren Brief auf dem Küchentisch liegen. Er sah genau so aus, wie der von gestern. Ich öffnete ihn ohne darüber nachzudenken. Der Brief war in derselben schwungvollen Handschrift geschrieben, wie der andere, doch diesmal fiel er sehr viel kürzer aus. Es war nur eine kurze Anweisung:

Wenn sie wollen, dass J.Smith für seine Taten bezahlt, dann gehen sie heute um 2 Uhr nachmittags zur Kingston Street 3. Dort wird ein schwarz-rotes Mountainbike angeschlossen sein. Schneiden sie die Bremsen durch und sie werden ihre Rache bekommen. G.

Erst jetzt fragte ich mich, wie der Brief auf den Küchentisch gekommen war. Als ich schlafen ging, war er noch nicht dagewesen. Das wurde immer komischer. Ich beschloss, nicht zur Kingston Street zu gehen. Wahrscheinlich war es sowieso nur ein dummer Streich.
Aber, kaum war es 13:30 Uhr nahm ich mir ein scharfes Küchenmesser, zog Jacke und Schuhe an und machte mich auf den Weg zur Kingston Street. Ich wollte das nicht, doch meine Beine bewegten sich ohne mein Zutun. Ich konnte mich noch so sehr dagegen weren, doch meine Beine liefen einfach weiter. Ich war wie ferngesteuert.
Da war das Fahrrad. Zack, und die Bremsen waren hin. Ein Blick nach rechts, ein Blick nach links, niemand hatte mich bemerkt. Unauffällig schlenderte ich nach Hause zurück. Mir war bewusst, was ich getan hatte, doch es würde sicher nichts Schlimmes passieren. Vielleicht ein gebrochener Arm oder eine Gehirnerschütterung. Das dachte ich zumindest.
Bis ich am nächsten Tag Zeitung las. Dort stand, dass es gestern Nachmittag einen großen Unfall in der Nähe der Kingston Street gegeben hatte. Der 17-Jährige John Smith war auf seinem schwarz-rotem Mountainbike unterwegs nach Hause gewesen. Augenzeugen berichten, dass er mit voller Geschwindigkeit auf die Kreuzung zugefahren ist. Er hatte probiert zu bremsen, doch seine Bremsen waren durchtrennt worden und so raste er ungebremst in den Verkehr hinein. Er starb nicht direkt am Unfallort, sondern erst später im Krankenhaus.
Während ich das las, wurde mir klar, dass ich ihn getötet hatte. Ich war ein Mörder.

2 Kommentare

Clara am 14. Juni 2021

Mir gefällt die Geschichte... Schon etwas brutal aber trotzdem schön

Marystein am 13. Juni 2021

Hoffe euch gefällt die Geschichte!