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Das Kleid der Nacht

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Tage waren ein im Sonnenlicht schimmerndes Wattenmeer. Aber der schlammige Boden war nichts gegen die Fluten, die sacht und leise den Sand umspülte, die sich langsam nährten wenn es keiner bemerkte. Die Nacht drang herein, in die Häuser, die Herzen und die Köpfe, dunkel und feucht mit einer Krone aus Gischt auf dem stolzen Haupt. Sie stand an unbekannten Betten und stahl Tränen, die sie an anderen Orten auf fremden Gesichtern trocknete. Sie strich unruhigen Seelen sanft die Sorgen von der Brust, weckte mit leisen Worten die Schatten an den Wänden und nahm ein paar kleine Hände in die ihren. Das Kleid der Nacht schmückten hölzerne Stickereien, graue Wälder, die sich im Saum verfangen hatten, als sie durch ihre Kronen tanzte. Sie drehte sich leise, stahl sich unbemerkt an die Städte und Dörfer heran, ließ den dunklen Stoff über die Dächer gleiten. Ein Tanz, der niemals endete. Sie schüttelte Glühwürmchen aus dem Samt ihrer Ärmel, wenn ein Kind nicht schlafen konnte, und sang leise Lieder für die, die sich vor ihrer tintenschwarzen Haut fürchteten. Sie sang von einer längst vergessenen Vergangenheit, wisperte die Geschichte von den Sternen, die sie auf ihr Kleid gestickt hatte, um dem Mond zu gefallen und die Sonne zu ärgern. Sie zeigte den müden Augen die Wunder, die sich in den Falten des schweren Stoffes verbargen. Manche fragten nach den Rissen, den Flicken und den Löchern, die sie nach so vielen Jahren nicht mehr allzu gut verbergen konnte. Dann erzählte die Nacht von den Bränden, die ihr die Haut versengt hatten. Von den menschengemachten Sternen, die sie aus Blechbüchsen vom Himmel warfen. Von den Tränen und dem Blut derer, die sie mit sich genommen hatte, die noch bleiben wollten, die sich wehrten. Die Nacht erzählte von den Dingen, die sie in ihrem langen Leben schon gesehen hatte, die ihr das Kleid zerrissen und befleckten, Fäden trennten und falsch vernähten. Einiges davon konnte selbst die Zeit nicht übertünchen. Manche Flecken gingen nicht mehr raus. 

2 Kommentare

Motte am 11. Juni 2021

Wow!! Das ist ja unheimlich gut!!! Wie du das mit den Worten machst...riesengroßes Kompliment an dich. Diese Geschichte (oder was ist es eigentlich?) ist so schön und dein Schreibstil wirklich einzigartig! Die Beschreibung der Nacht ist dir wirklich mega gelungen. Nur eine klitzekleine Anmerkung, ich fand es manchmal ein bisschen schwierig die Sätze zu verstehen, da sie ziemlich kompliziert sind aber ich könnte mir auch vorstellen, dass das so soll, da das ganze so ein bisschen unübersichtlicher wird. Nach unbedingt weiter so! LG Motte

Camilla am 11. Juni 2021

MH, du hast ein echtes Talent! Ich liebe deinen Schreibstil und deine Ideen, die du so wunderbar in die Tat umsetzt! Schreib bitte weiter, LG, Camilla