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Marlene Hertenstein

Das Schloss der Einsamkeit

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Sehr geehrte(r) Wer-auch-immer-das-liest,
ich habe gesehen, dass man auf der Website auch eigene Geschichten einschicken kann. Diese hier ist kurz und schmeckt nach Einsamkeit, aber vielleicht schafft sie es ja trotzdem auf die Website.
Mit freundlichen Grüßen,
MH

Das Schloss versteckte sich vor der Welt, hoch oben in den Bergen, wo die Türme den Himmel berührten und Wolken sich auf morgendliche Spaziergänge zwischen den Talhängen begaben. In den frühen Morgenstunden, wenn die Dunkelheit sich in ihr eigenes stilles Königreich zurückzog und die Sonne begann, die rauen Steilhänge zu erklimmen, konnte man von dem großen Festsaal aus dabei zusehen, wie die ersten Sonnenstrahlen über die Bergkämme balancierten wie Seiltänzer auf einem Hochseil.

Wenn der Sommer, ausgelassen und lachend wie ein Kind, durch die moosgrünen Berghänge streifte, ein Kleid aus stetig fließenden Rinnsalen und vergnügt umher springenden wilden Tieren hinter ihm herflatternd, wurde die klare Luft süß wie der Nektar der Wildblumen auf den Almen nahe der tiefsten Täler. Vielleicht war es die Schönheit der ungezähmten Natur, die das Gebirge regierte, oder die Freiheit, sanft und laut zugleich, die einen mit solch fesselnder Leichtigkeit erfüllte, dass man sie zwischen den Lippen zu schmecken glaubte.

Doch wenn der Winter seinen weißen Atem über die Bergkuppen blies und die Welt in Stille und Schnee versank, wischte die Kälte die durch warme Sommertage vermittelte Illusion der Zufriedenheit von der Fassade des Schlosses wie die Diener einst den Schmutz von den zahllosen Fensterscheiben gewischt hatten. Frost bedeckte die Wände in den Türmen und erklomm die gemeißelten Ranken an den Erkern des Festsaals, in dem seit Jahrhunderten niemand mehr getanzt hatte.

Es war allzu lange her, dass Gelächter, Ballkleider und flackernde Kerzen die Gänge des Schlosses erfüllt hatten. Es atmete flach und mühsam, als würde die Stille in seinen unzähligen Räumen ihm die Einsamkeit in die gemörtelten Venen einflößen. Doch nicht nur das Schloss litt unter der Einsamkeit der schneebedeckten Gipfel, nein. Auch seine Bewohner hatten schon lange den Glanz in ihren Augen verloren, und trugen Gesichter, so blass und von der Sonne unberührt, dass sie fast durchscheinend waren. Das Schloss hatte nicht mehr viele Bewohner, kaum mehr als eine Handvoll nannten es noch ihr Zuhause. All die anderen waren fortgegangen - auf die Suche nach Abenteuer, aus Neugier auf die Welt am Fuße des Gebirges, aus Liebe zu einem der Spielmänner oder-frauen, die mit ihren Farben und ihrem Können für ein paar köstliche Momente die Schönheit der verborgenen Welt zwischen die Mauern gebracht hatten. Die, die geblieben waren, hatten ihre Köpfe mit Wörtern und Bildern anstatt Gesehenem und Erlebtem gefüllt. Was ihre Geschwister, Eltern, Zofen und Kammerdiener beschlossen hatten, eigenen Auges zu sehen, betrachteten sie durch einen Schleier aus Tinte und Papier oder geblendet von dem strahlenden Schein, den Tusche und Pergament, aus weißem Marmor hervorgehobene Konturen viel beschriebener Götter und Helden oder Klänge meisterhaft komponierter Musik auf diese ihnen so fremde Welt warfen.

Doch selbst die Bücher der weitläufigen Bibliothek konnte die Bewohner des Schlosses nicht die Einsamkeit vergessen lassen, die sie tagsüber stumm und mit leeren Augen aus den Fenstern auf die verschneiten Berge starren ließ und sie nachts wach hielt, mit einem sich nach etwas Unbekanntem verzehrenden Herzen. Selbst die Wunder der Kunst, die sie umgab, konnte sie nicht daran hindern, die Wahrheit zu spüren: sie hatten nichts und niemanden, nicht mal sich selbst und erst recht nicht einander. Denn wenn Einsamkeit erstmal begonnen hatte, an einem Herzen zu nagen, ließen sich die entstandenen Schäden nicht so schnell flicken wie ein Riss in einem wollenen Mantel oder Strumpf. Herzen, die die Einsamkeit einmal berührt hatte, waren wie heruntergekommene Häuser, deren Türen und Fensterläden von einem eisigen Sturm aufgestoßen worden waren. Man konnte in diese Häuser ziehen, natürlich, man konnte ein Feuer in ihren Kaminen entfachen, aber man würde immer das leise Heulen des Windes in den Dielen des Dachbodens hören können. Und auch ein Schloss, selbst eines, das seine Türme, ihre Zinnen mit den Wolken fangen spielen lässt, besitzt neben einem Kerker auch einen Dachboden.

3 Kommentare

Goupi am 31. Januar 2020

Wirklich schöne Geschichte. Mir kommt es vor, als würdest du tiefer in Dinge oder Vorgänge einblicken/nachdenken, als würdest du die Dinge nicht nur angucken sondern auch hinter und neben sie gucken. Anderseits kann es aber auch sein, dass du einfach fabelhaft im beschreiben von Dingen bist. Eine wirklich grandiose Kurzgeschichte. LG Goupi

Minna am 25. Januar 2020

Liebe Marlene, das ist wundervoll! Du hast alles so toll beschrieben und alles so zum Leben erweckt... Wunderschön! Ich hoffe, das man hier auf der Webseite bald mal wieder was von dir lesen kann! Liebe Grüsse, Minna

Kilu am 21. Januar 2020

Hallo MH, mir gefällt deine Geschichte. Sie ist sehr verständlich und angenehm zu lesen. Deine Vergleiche sind sehr bildhaft und passend gewählt. LG Kilu