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Minna

Der bessere Ort

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Verrückt. So nannten sie sie, wenn sie auf Bäume kletterte, die Arme ausbreitete und sprang. Wenn sie unzählige Male sprang, weil sie glaubte. Weil sie daran glaubte, an einen besseren Ort fliegen zu können. Sie lächelte immer, auch als sie mit gebrochenen Knochen nachhause gekommen war. So, als hätte sie die Heimat des Windes mit eigenen Augen gesehen. Ich sah die Begeisterung in ihren Augen, das Glänzen und das Wissen, das ich nicht hatte. Aber ich begann an ihrem Verstand zu zweifeln, ich glaubte ihr nicht mehr. Ich begann, ihr einzureden, dass es nur eine Nebenwirkung ihrer Medikamente sei. Enttäuscht. Traurig sah sie mich an, verletzt. Sie hatte sich immer umgedreht und hatte aus dem Krankenhausfenster geschaut. Geflogen war sie aber. Vor ihrem Krankenhausaufenthalt. Vor den Fesseln ihrer Krankheit, vor ihrem ans Bett gefesselten Körper. Jetzt war sie dort, wo sie sein wollte. Am besseren Ort. Ihr letzter Wunsch war es gewesen, dass ihre Asche unter einem Setzling begraben wurde. Wachsen würde sie mit ihm, bis zum Himmel. Aufblühen würde sie mit ihm. Der Wind strich durch des Baumes Äste. Der Wind. Er flog nachhaus. Dorthin, wo sie mich jezt beobachtete. Klein wie eine Ameise, vor einem Baum und auf einem verregneten Friedhof stehend. Dorthin, wo sie schon hingeflogen war und jetzt auf mich wartete. An einem besseren Ort.

Kommentar

Mathilda Merida am 26. August 2019

Das ist eine sehr traurige, aber auch eine sehr schöne Geschichte! Sie gefällt mir sehr gut, weil sie einem bewusst macht, dass man nicht um die Toten trauern, sondern den Lebenden bewusst machen sollte, dass es nur noch besser werden kann.