X

MH

Der geteilte Garten

Diese Geschichte drucken

Es war ein verregneter Sommer. Die schweren Wolken duckten sich in den eisernen Himmel und ihre Tränen weichten den Boden zu einem einzigen großen Schlachtfeld auf. Während die Menschen mit immer blasser werdenden Gesichtern hinter ihren Fenster saßen, sah die Welt aus, als hätte sie jemand mit einem Eimer grüner Farbe übergossen. Selbst die Häuser wurden langsam grün, die Dachschindeln und die dem Wind zugewandten Seiten setzten Moos an.

Die Narbe, die sich über den Rasen zog, war kaum mehr zu sehen. Der Zaun verschwand hinter grünen Buchsbäumen, triefend nassen Rhododendren und Portugiesischem Lorbeer. Er zertrennte ein Grundstück, dass so lange ungeteilt dem Wetter getrotzt hatte, als wüsste es nichts von dem Streit, der es beständig in zwei Hälften zerschnitten hatte. Irgendwann war er eingestürzt, der Turm aus spitzen Worten, giftigen Blicken, grußlosen Tagen und hitzigen Gefechten. Umgestoßen von dem Tod eines Kindes, viel zu früh gestorben, ein ungelebtes Leben hinterlassen wie ein ungemachtes Bett. Heimliche Trauer und das den Nachbarn abgenommene Versprechen, der Verwandtschaft nichts zu sagen, begrub den letzten Rest der Bedeutung des Wortes “Bruder” unter sich wie unter einer Flut aus Backstein und Mörtel. Ein Vater, der seinem Sohn einen Grabstein und einen Zaun anfertigen ließ. Ein Onkel, der erst Wochen später von seinem Verlust erfuhr, an der Kasse des staubigen Gemischtwarenladens. 

Bruder. Früher hatte das Wort nach Vertrauen geklungen, nach unbemerkt ins Elternhaus geschmuggelten kleinen Kätzchen, Rissen in den Strümpfen und Abreibungen, die man mit gesenktem Blick zusammen über sich ergehen ließ. Spätestens seit der Zaun stand schmeckte das Wort nur noch nach Verrat und so vielen unverzeihlichen Fehltritten, dass es wahrscheinlicher war, auf die alten Tage noch das Fliegen zu lernen, als zu verzeihen. Der Zaun war gebaut worden, um zu bleiben, und anders als die Mauer in Berlin würde keine Menschenmasse ihn je niedertrampeln oder abreißen können. Denn auf jeder Seite war ein Bruder, der den Blick schnell abwandte, wenn der andere den Garten betrat. Der so tat, als könnte er den anderen nicht sehen, trotz des hüpfenden leuchtenden Regenschirms und dem saugenden Geräusch der Stiefel auf den schlammigen Wegen. Die eine Seite des Zaunes war so hoch bepflanzt, wie die Gemeindeordnung es zu ließ, die andere provokant leer, der Maschendraht in trockeneren, weniger grünen Sommern immer noch sichtbar. Und ein Turm aus falschen Worten und Taten lag im hohen Gras, seine Ruine unsichtbar, die Mauern tägliche Stolpersteine beim Rundgang durch die eigene Hälfte des geteilten Gartens.

2 Kommentare

MH am 18. Juni 2021

Hallo Motte, vielen Dank! Es freut mich sehr, zu sehen, dass dir meine Geschichten gefallen! Was das Schreiben angeht: ich sammle viel Inspiration in den Büchern, die ich lese, zumindest was Ausdrucksweisen angeht. Ich versuche zu erkennen, weshalb manche Sätze gut klingen und andere nicht, und das dann bei meinen eigenen Geschichten umzusetzen. Ich möchte, dass der Satz mehr wird, als die Summe seiner Worte, dass er richtig klingt. Und natürlich inspiriert mich auch die Welt um mich herum. Aber jeder schreibt anders und ich bin mir sicher, deine Geschichten klingen mindestens genauso gut, wenn auch ganz anders

Motte am 11. Juni 2021

Mein Gott MH woher kannst du so gut schreiben!? Hast du schon Mal daran gedacht Autorin zu werden? Du wärst auf jeden Fall gut genug dafür! Schreib uuuunbedingt weiter, bitte!! LG Motte