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Lu@n

Die Flucht

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Eine Bombe explodierte nur ein paar Meter von mir und meinen Eltern entfernt. Ein Gebäude stürzte herab und vergrub einige Menschen unter sich. Plötzlich sah ich meine Eltern nicht mehr. Panik stieg in mir auf und heiße Tränen liefen meine Wangen herunter. Ich hatte Angst und wusste nicht, wie ich ohne meine Eltern diesen Kampf ums Überleben gewinnen sollte. Viele Menschen liefen schreiend an mir vorbei. Manche wollten mich mitzerren und mich in Sicherheit bringen, aber ich blieb wie angewurzelt stehen. Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt tun sollte. Ich war in meine Gedanken versunken. Da riss mich ein Knall wieder in die Wirklichkeit, ich begann zu rennen. Meine Füße trugen mich bis zu unserem Haus. Ich weiß gar nicht, warum mein Unterbewusstsein mich genau dorthin
geführt hat. Wahrscheinlich hatte ich gehofft, meine Eltern wieder zu finden, doch dort war keiner, nur Trümmer. Plötzlich sah ich etwas in den Trümmern aufblitzen. Ich näherte mich langsam und sah, dass dort mein kleiner Handspiegel lag, den ich von meiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Bis auf ein paar Kratzer war er unversehrt, und als ich mich in ihm ansah, wurde mir bewusst, dass ich versuchen musste zu fliehen, denn das hätten meine Eltern nur so gewollt. Ich packte ihn in meine Tasche, in der noch ein Buch und zwei Kleidungsstücke lagen, und lief dann los.

Ich durchlief die zerstörte Stadt und hatte Glück, denn keine Bombe oder anderes streifte mich. Ich lief ein paar Tage immer den anderen aus meiner Stadt nach. In den Städten, durch die ich kam, schenkten mir immer wieder Leute etwas zu Essen und so kam ich trotz Hunger und Durst durch die Hitze. Nach etlichen Tagen gelangte ich endlich zur Küste. Jetzt musste ich nur noch jemanden finden, der mich nach Italien brachte. In der Nacht, bevor die Bombenanschläge begonnen hatten hörte ich, wie meine Eltern unsere Flucht planten. Sie wollten nach Italien. In Europa angekommen wollten sie dann nach Deutschland gehen, denn mein Vater kann ein bisschen Deutsch. Als ich an der Küste entlanglief entdeckte ich ein kleines Schiff. Es sah nicht sehr stabil aus und vor dem Schiff stand ein Mann. Er hatte einen langen Bart und eine Glatze. Besonders freundlich sah er nicht aus, aber einen Versuch war es wert. Also ging ich auf ihn zu. Als er mich sah, blickte er mich an und fragte mich auf Arabisch, ob ich mitfahren wolle. Sein Arabisch war nicht so gut, aber ich verstand ihn trotzdem und nickte. Dann lächelte ich und sagte Danke, und er half mir, in das Schiff zu klettern. Dabei lächelte er mich an. Ich spürte, dass er wirklich sehr nett war. Es hatte sich gelohnt herzukommen, dachte ich bei mir, doch hoffentlich schaffe ich es auch über das Meer. Ein bisschen hatte ich schon Angst, denn das Schiff sah nicht so sicher aus und wir würden bestimmt ein paar Tage auf ihm verbringen. Am Abend, als das Schiff endlich voll war, startete der Mann den Motor und die Fahrt begann.

Die ersten zwei Tage waren sehr kalt und mir wurde sehr oft übel. Wir hatten nicht sehr viel zu essen und zu trinken. Es gab immer zwei mal pro Tag etwas zu essen. Meistens Reis. Für die Kinder gab es immer ein bisschen mehr als für die Erwachsenen. Am dritten Tag legte ich mich nach dem Essen hin und versuchte zu schlafen. Plötzlich weckten mich Schreie auf. Als ich meine Augen öffnete sah ich, dass alle Leute auf dem Boot voller Panik schrien und herumrannten. Eines der Segel war gerissen und ein schlimmer Sturm wütete. Die Wellen waren meterhoch und der Himmel war voller schwarzer Wolken. Es blitzte kurz und dann begann es zu regnen. Mein Herz stoppte kurz und Panik überkam auch mich. Sollte meine Reise jetzt vorbei sein. Jetzt, nachdem ich die Hälfte geschafft hatte. Ich war einer besseren Zukunft nähergekommen und jetzt sollte alles vorbei sein? Nein, das konnte nicht sein. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Ich versuchte die Leute um mich herum zu besänftigen, doch auch sie waren voller Angst. Doch dann begann ich sie anzuschreien. Sie sollen doch an all die Leute denken, die sie bei dieser Reise schon verloren hatten. Sie machen es doch nur für sie. Stille senkte sich über das ganze Schiff und alle Blicke ruhten auf mir. Plötzlich waren sie alle zuversichtlicher und beruhigten sich allmählich. Alle versuchten so viel zu helfen und setzten sich wieder an ihre Plätze.

Als ich wieder aufwachte war der Sturm vorbei und ich war in Italien angekommen. Wieder lief ich mehrere Wochen, bis ich dann endlich in Deutschland ankam. Mein Herz sprang vor Freude, als ich die Grenze überquert hatte. Ich war in einer Stadt angekommen namens München, der Hauptstadt von Bayern. Was ich nicht wusste war, dass in Bayern ein Dialekt gesprochen wurde und es für mich noch schwerer werden würde zurechtzukommen. Ich suchte sofort nach einem Rathaus und versuchte zu erklären was ich hier wollte. Sie verstanden mich nicht so gut, denn ich hatte bisher nur ein Jahr Englischunterricht. Doch dann schickten sie mich zum Asylamt und dort gab es einen Mann, der Arabisch konnte. Als ich in sein Büro kam sah er mich sehr traurig an. Ich fand das ein bisschen komisch, denn ich war gerade einmal ein paar Stunde hier, dann konnte er ja noch keine schlechten
Nachrichten für mich haben. Oder doch? Dieser Gedanke beunruhigte mich. Ich setzte mich auf einen der beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen. Dann begann er zu reden. Erst redete er von irgendwelchen Sachen, die ich nicht ganz verstand. Dann musste ich ein Formular ausfüllen und meinen Pass zeigen, den ich zum Glück dabei hatte. Die ganze Zeit über sah er mich mitleidig an und dann sagte er, dass er mir jetzt etwas sagen müsse, was er lieber nicht tun würde. Er sagte, ich dürfe wahrscheinlich nicht hier bleiben, da meine Eltern nicht da wären und ich noch so jung wäre. Im schlimmsten Falle müssen sie mich zurückschicken. Doch dann meinte er, ich könne Asyl beantragen, müsse dann aber einen Monat im Waisenhaus verbringen und dort warten. Wenn ich Asyl kriegen würde, würden sie mir dann eine Pflegefamilie besorgen. Ich willigte ein, denn ich wollte nicht wieder zurück . Nachdem ich noch ein paar Formulare ausgefüllt hatte, brachte mich der nette Beamte zu einem Waisenhaus in der Nähe. Dort bekam ich ein Einzelzimmer. Ich legte mich in das Bett und holte mein Buch und den Spiegel aus meiner Tasche. Das Buch legte ich auf den Tisch. Ich schaute kurz in den Spiegel und legte dann auch ihn dazu. Dann brachte ich meine Klamotten in die Waschküche und ging duschen. Es war ein schönes Gefühl, endlich nach etlichen Wochen mal wieder gewaschen zu sein. Am Abend ging ich zum Abendessen, setzte mich alleine an einen Tisch und aß. Kurz vor dem Einschlafen schaute ich immer in den Spiegel und wünschte meinen Eltern eine gute Nacht und noch
viel Glück, wo auch immer sie jetzt gerade waren.

So ging das einen Monat lang. Manchmal kam der Mann vom Asylamt und schaute, wie es mir so geht. Eines Tages kam er nach dem Abendessen in mein Zimmer rein und schaute mich so wie immer an. Doch heute lag noch etwas anderes in seinem Blick. Vorfreude? Er sagte zu mir, ich solle mich auf mein Bett setzten. Darauf holte er sich den Stuhl vor dem Schreibtisch und setzte sich vor mich. Er meinte dann, er hätte gute Nachrichten für mich. Dann holte er einen Zettel aus seinem Mantel und hielt ihn vor meine Nase. Auf dem Zettel stand "Asylantrag angenommen". Und das ist nicht das einzige, sagte er mit einem breiten Grinsen zu mir, sie hätten eine Pflegefamilie für mich gefunden. Sie wäre perfekt. Der Vater spreche auch noch ein bisschen Arabisch. Es mischten sich viele Gefühle in mir. Freude, aber auch Angst und Misstrauen. Doch trotzdem stahl sich ein Lächeln in mein Gesicht. Ich hatte es wirklich geschafft. Meine Eltern wären stolz auf mich gewesen. Als der Beamte gegangen war legte ich mich in mein Bett und holte meinen Spiegel vom Nachttisch. Mama, Papa, ich habe es geschafft, sagte ich zu ihm. Dann wälzte ich mich in meinem Bett und tausend Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Werde ich meine Eltern jemals wieder sehen? Ist meine Pflegefamilie nett? Werden sie mich als ein Familienmitglied akzeptieren? Habe ich dort Geschwister? Doch eines war mir von Anfang an klar, diese Pflegefamilie würde niemals meine echte Familie ersetzen und ich würde alles tun, um sie wieder zu sehen.

Am nächsten Tag nach dem Mittagessen holte der Mann mich ab und ich stieg voll Vorfreude in sein Auto. An dem Haus angekommen gingen wir hinein. Die Anspannung steigerte sich. Wir stiegen drei Treppen hoch und als wir dann klopften, war ich ein komplettes Nervenbündel. Als die Tür aufging bekam ich plötzlich keine Luft mehr und Tränen liefen meine Wangen herunter. Ich sprang meinen Eltern an den Hals und auch sie fingen an zu weinen. Wir sanken in unserer Umarmung auf den Boden und hörten nicht auf zu weinen und gleichzeitig vor Freude laut loszulachen. Als wir uns von einander lösten, war der Mann schon längst verschwunden und ich nahm mir vor, mich noch bei ihm zu bedanken, denn er hatte mir meine Eltern zurückgebracht und das war das größte Geschenk, das ich je geschenkt bekommen hatte.

8 Kommentare

Lu@n am 6. Februar 2021

@Brianna Also erst mal danke

Brianna am 29. Januar 2021

Wirklich schön geschrieben, aber warum dachte der Junge am Anfang, dass seine Eltern tot wären?

Lu@n am 6. Januar 2021

Danke

Sunshine am 31. Dezember 2020

Wow! Die Geschichte ist soooo toll!

Lu@n am 27. Dezember 2020

Danke

Roxy am 25. Dezember 2020

Hallo, die Geschichte gefällt mir richtig gut!

Lu@n am 21. November 2020

Dankeschön

Paula am 12. November 2020

Voll schön geschrieben!!