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Solveig

Die Obhut des Zwiebelmeisters

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Hallo an alle! Die folgende Kurzgeschichte habe ich nach einem vorgegebenen Titel geschrieben. Viel Spaß bei der Lektüre! Ich freue mich auf eure Gedanken dazu. LG, Solveig

Der Raum ist fensterlos, mit hohen Decken, unter denen sich die Dampfwolken sammeln. Sie wirken kompakt und fassbar. Gegenseitig drücken sie sich in den Schornstein. Die Wände zieren Metallschränke. Der Meister steht mitten im Raum an einer großen Arbeitsfläche und hantiert emsig. Schweißperlen rinnen ihm unter der Brille hervor. Sie rutscht. Immer wieder muss er sie nach oben schieben, aber die Bewegung ist mittlerweile so normal, dass er sie gar nicht mehr wahrnimmt. Eine Träne kullert ihm über die Wange. Unwirsch wischt er sie weg. Die Tür geht auf. Er hasst es, gestört zu werden und vor allem an so einem Tag wie heute, an dem es schon einen Streit gegeben hat. Bei dem Geräusch der sich öffnenden Tür versteift er sich und dreht ihr den Rücken zu. Durch den Luftzug werden die Dampfwolken in ihrem stetigen Tanz irritiert. Sein Spiegelbild steht hinter ihm.

„Du kannst nicht ewig weglaufen. Was ist denn das für ein Leben? Du arbeitest Tag und Nacht und auch, wenn sich das Ergebnis wirklich sehen lassen kann, bin ich mir ziemlich sicher, dass es dich nicht erfüllt“, sagt es.

„Aha, und das weißt du woher?“, antwortet der Meister mürrisch.

Diese Diskussion hat es schon beim Frühstück gegeben und auch nicht zum ersten Mal. Das Ergebnis war immer gleich. Er setzte sich durch- und tat nichts.
Sein Spiegelbild verdreht die Augen und seufzt.

„Es kann doch wirklich nicht wahr sein, dass wir dieses Thema immer wieder aufkochen müssen, oder?“

„Ja, dann lass es doch!“, gibt der Meister zurück, immer noch damit beschäftigt Flüssigkeiten von einem Glas in ein anderes zu füllen. Dabei ist er peinlich darauf bedacht, nichts zu verschütten, denn exakte Mengen sind für seine Projekte entscheidend.

„Nein, wie denn, wenn sich nichts ändert! Ich sehe doch, dass du nicht zufrieden bist. Wann fängst du endlich an, auf dich zu hören? Das ganze Haus schreit dich quasi an, bettelt und bittet, aber du stellst dich taub. Warum? Wovor hast du Angst?“, ruft das Spiegelbild, während es die Arbeitsfläche umrundet, um dem Meister ins Gesicht zu sehen.

„Ich habe keine Angst“, sagt er tonlos und sieht dabei auf seine Hände.

„Ach, ist das so? Ich kenne dich gut. Sehr gut sogar. Du hast Angst. Und du weißt auch wovor. Wie sonst könntest du deine Meisterwerke erschaffen? Diese zarten Dinger. Diese Vielfalt. Diese Strahlkraft! Du bist kein Griesgram, kein Verrückter. Du hast dir nur einen Panzer zugelegt. Schon vor langer Zeit. Damit kannst du vielleicht andere auf Distanz halten, damit bloß niemand erfährt was für Schätze du verbirgst, aber dich selber kannst du nicht täuschen. Wenn du nämlich mal ganz genau hinschaust, siehst du, dass dein toller Panzer Risse hat. Ich kann dir auch sagen warum: weil du diesen Panzer eigentlich nicht willst. Nur kannst du dich nicht mehr von ihm lösen, weil du nicht mehr weißt, wie es ohne ihn ist. Ich kann dich sogar verstehen. Begegnungen sind in gewissem Sinne risikobehaftet. Sie leben aber davon, dass man gibt und nimmt. Sonst haben sie keinen Bestand. Und ich sage dir, dass du viele Menschen glücklich machen könntest, könntest du ihnen Einlass gewähren.“

Während der kleinen Ansprache wird das Spiegelbild immer aufgeregter und gestikuliert mit den Händen. Der Zwiebelmeister hält in seiner Arbeit inne.

„Ich bin zufrieden so wie es ist“, beteuert er und guckt weiter auf seine Hände. „Ich wohne in einem großen Haus mit viel Platz, um meiner Arbeit nachzugehen. Ich liebe meine Arbeit und habe sie perfektioniert. Ja, ich habe vielleicht manchmal einen schlechten Tag. Aber das juckt doch niemanden. Ist ja keiner da, den das jucken könnte.“

„Es juckt dich selber! Aber du hörst ja nicht darauf! Du schluckst es runter und es staut sich immer weiter an! Der Druck auf denen Panzer steigt und zwar von innen! Noch kannst du entscheiden, ob er Stück für Stück abfällt oder dir in einer Explosion um die Ohren fliegt!“ schleudert ihm das Spiegelbild ins Gesicht.

Das ist zu viel. Der Meister schlägt mit der flachen Hand klatschend auf die Arbeitsfläche, dreht sich um und stürmt in wehender Arbeitskleidung aus dem Raum.

„Du hast dir ein Gefängnis gebaut!“ brüllt ihm sein Spiegelbild hinterher. „Und du schaust die ganze Zeit neidisch durch die vergitterten Fenster ohne zu merken, dass die Tür nicht abgeschlossen ist!“

Der Meister läuft aufgebracht den Gang entlang, biegt zwei Mal um die Ecke, eine Treppenflucht hoch und macht vor einer Glastür Halt. Der einzige Ort, an dem er wieder zu sich kommen kann, ist hinter dieser Tür. Den dahinter liegenden Raum schildert eine Plakette am Türrahmen als „Glaspalast“ aus. Der Meister stößt die Tür auf und tritt ein in eine große, helle Glashalbkugel. In Terrassen angeordnet präsentieren sich ihm seine Meisterwerke. Seine Schätze. Große und kleine, ihre Kronen ausladend und pompös oder zierlich, aber vor allem in den fantastischsten Farben. Keine wie die andere. Jede fügt sich willig in das Farbenmeer ein und doch buhlen diese Schönheiten um Aufmerksamkeit. Sie wollen betrachtet werden und verzaubern. Sie brauchen Fürsorge und Zuwendung.
Wie vor den Kopf geschlagen steht der Meister inmitten seiner Meisterwerke und starrt mit leerem Blick in das Farbenmeer. Einen Schatz hat er bereits verloren und diesen Verlust hatte er nicht verschmerzen können, nur verbarrikadieren. Die Erinnerung daran taucht jedes Mal auf, wenn er sich streitet. Und sein Spiegelbild musste immer wieder darin stochern. Der Meister weiß, dass es Recht hat und weiß auch, dass die Freude, die ihm seine Schätze bringen, anderen ebenfalls Freude bringen wird. Aber er hat Angst seine Schätze zu verlieren. Stück für Stück. Um am Ende mit nichts dazustehen. Bis ins Mark verletzt.

Ärgerlich wendet er sich ab und geht weiter durch den Raum. Richtet hier eine Krone, betrachtet dort das Spiel des Lichtes in den Farben. Sein Ärger verraucht und wandelt sich in Traurigkeit. Er denkt über das Gespräch nach. Geben und nehmen. Freude. Einlass gewähren. Gefängnis. Die Worte schwirren ihm im Kopf. Nachdenklich schaut er sich um. Dann richtet er sich auf und während er zur Tür geht wird sein Gang schneller und entschlossener. Die bunten Blumenköpfe wiegen sich sanft in seinem Luftstrom und scheinen ihm aufmunternd hinterherzuwinken.

Kommentar

Fee am 17. Mai 2021

Was sind denn seine Schätze?