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Gwin

Die Rückkehr der Feen

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Der Gestaltenwandler

Es war Nacht. Dunkel und kalt. Ja die Nächte wurden kälter, immer kälter.

Raureif bedeckte die eingeknickten Gräser mit einer kühlen Decke wie aus weißem Samt und der Nachthimmel war mit dunklen Wolken bedeckt, sodass man die wenigen Sterne nur als schwache Laternen wahrnahm. Rajan schauderte. Bosco hatte recht, die Nächte wurden noch kälter als im letzten Jahr. Obwohl es im letzten Jahr schon fast die kälteste Firellenzeit seit fast 10 Jahren gewesen war.

Firellenzeit, loganisch, Zeit der Gnome, Rothkrapchen und Kobolde. Loganisch, die alte Sprache der Logons. Logons waren wie zu klein geratene Menschen mit Flügeln, die sie nicht in die Luft heben konnten.
Zurzeit verschwanden viele Menschen, Logons und Zwerge. Verschwunden, wie Rajans Eltern vor 12 Jahren. Viele sagten, sie seien von dem Prikten gefangen worden. Was der Prikte war, das wusste niemand, nicht einmal Morgan, der Gestaltenwandler, wie alle ihn nannten. Den Prikte hatte auch noch niemand gesehen, niemand gehört, niemand gerochen. Er kam und ging, und man bemerkte ihn nur daran, dass Menschen fehlten.

Hinter dem Berrylberg breitete sich ein rotgelber Streifen am kalten Horizont aus und tauchte, wie eine Farbe die zu flüssig geraten war, in das dunkle Blau der Finsternis ein. Es war Zeit aufzubrechen. Die Dorfbewohner durften nicht wissen, dass er hier war. Es schallte schrill zwischen den Hügeln, als Rajan nach seinem Tivo pfiff.

Ein Tivo war ein Tier, welches am gleichen Tag geboren war wie der Logon, dem es gehörte. Rajans Trivo war ein Phönix, den Rajan Palvius getauft hatte. Es wurde schon heller und Rajan machte sich auf den Weg zum Lager. Palvius würde schon irgendwann nachkommen. Er kannte doch den Weg.

Im Dorf regte sich etwas. Es hörte sich an, als würde jemand seinen Nachttopf auslehren.
Ein Billywuupp schwirrte vor Rajans Gesicht herum. Man musste sie fortscheuen. Die kleinen saphierblauen Tierchen stachen zu gern in menschliche Haut. Von den Stichen sah man komische Lichter oder bekam Wahnvorstellungen.
Rajan duckte sich ins Gebüsch, das den Waldrand säumte. Im Wald war es noch kälter, als es auf dem Feld gewesen war. Der Boden des Edminwaldes war bedeckt mit altem Laub und morschem Holz.

In der Firellenzeit hingen die Äste tiefer und manchmal aber ganz selten war der Teich im Dorf mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Rajan schlug sich weiter durch das Unterholz. Er liebte es, barfuß durch den Wald zu laufen. Denn dann spürte er den Boden und alles, auf das er trat. Aber am meisten liebte er es, wenn er den Boden atmen spürte, als würde er leben.

Das welke Laub, unter seinen nackten Füßen knisterte bei jedem von Rajans leichten Schritten und manchmal stach ein kleiner, noch nicht allzu morscher Zweig in seine Fußsohle.
Der Billywuupp schwirrte immer noch in Rajans Nähe umher. Rajan beschleunigte seinen Gang bis er rannte. Etwas trieb Rajan, aber er wusste nicht was. Ein Knacken hier, ein Schlürfen da. Jedes kleine Geräusch trieb ihn zur Eile. "Ach, das ist alles nur Einbildung" sagte er zu sich selbst.

"Hier läuft niemand anderes als du. Bestimmt ein aufgescheuchtes Tier." Leise flüsterte er sich Beruhigungen zu. Die Angst, die sich in sein Herz gebohrt und in seinen Bauch geschnitten hatte, zu verscheuchten wie eine nervige Fliege.
Doch wenige Minuten später wusste er, dass sich nicht täuschte. "Nein, kleiner Rajan, das ist keine Einbildung. Du solltest besser aufpassen." Nicht weit hinter sich vernahm er eine allzu bekannte und vermisste Stimme. "Morgan, der Gestaltenwandler" hauchte Rajan in die Dunkelheit und drehte sich zu seinem alten Freund um.

Die Freude vertrieb die Kälte der Angst und ließ den großen Stein der Angst den Berg der Freude herabrollen und ihn unten zerschellen.
Da waren das zottige weiße Haar und die hochgewachsene Gestalt. Und die drei Narben, mit denen er von seiner letzten Fahrt zurückgekommen war. Er hatte Rajan immer noch nicht erzählt, von wem er die abbekommen hatte. Der braune Mantel und die zerraufte Zipfelmütze sagten Rajan dass er recht hatte.

"Genau der bin ich. Du kannst dich also noch erinnern? Vier Jahre ist es her, dass ich dich gesehen habe. Wie alt bist du jetzt? Siebzehn?" Morgan seufzte und seine Augen wanderten gedankenverloren an Rajan herunter.

"Fünfzehn, Morgan. Ich bin vor einem Monat fünfzehn geworden." Rajan lächelte. Der alte Mann war immer noch so zerstreut wie früher, als er immer Rajans Geburtstage vergessen hatte.
"Aber lass uns lieber ins Dorf gehen. Wir können uns nicht mehr bei den Menschen blicken lassen, weil der Prikte überall seine Spitzel hat, sogar auf unserer Seite des Landes. Aber seit Ma und Pa verschwunden sind, traut sich fast kein Logon mehr aus dem Wald. Also haben wir uns Häuser wie die Menschen gebaut und schließlich sind aus den Häusern Dörfer geworden. Tja, ich wohne in einem von drei geheimen Dörfern. Bosco ist unser als Oberhaupt."

Während Rajan erzählte, hatte sich Morgan in Bewegung gesetzt und ging so zielstrebig durch das Unterholz, dass Rajan glaubte, dass Morgan die Nähe des Dorfes fühlte. Vielleicht war es ja auch so.

"Gut dass die Dörfer geheim bleiben. Die Menschen werden immer gefährlicher. Bald werden sie andere Mittel als Schwerter und Armbrüste finden, um in den Krieg zu ziehen und zu gewinnen." Morgan lachte rau und kein bisschen fröhlich, eher traurig.
Auf einmal blieb der alte Mann so abrupt stehen, dass Rajan zusammenzuckte. Schon wieder musterte Morgan ihn. Aber diesmal war sein Blick den er zwischen seinen schweren Lidern hervorlockte so scharf und durchdringend, dass Rajan meinte, Morgan würde ihm bis auf die Haut sehen.
"Was ist? Stimmt etwas nicht?" Der ernste Ausdruck auf Morgans Gesicht verschwand und ein leises Lächeln umspielte seine alten Lippen. "Nichts, nichts. Oder vielleicht doch. Ich könnte es versuchen."
Das Lächeln verschwand so schnell wie es gekommen war und ein nachdenklicher Ausdruck bekam die Oberhand in seinem alten Gesicht. Langsam schlenderte Morgan weiter durch den dunklen Wald und man konnte denken Morgan wäre die ganze Zeit hier gewesen und nicht etwa vier Jahre auf Reisen, um den Prikten und suchen und zu töten,
Was er wahrscheinlich wieder nicht geschafft hatte. Niemand konnte den Prikten töten. Er war immer da und würde immer bleiben.
"Wie ist deine Mission ausgegangen? Und was möchtest du versuchen?" Wieder kam da das geheimnisvolle Lächeln, das seine rauen Lippen umhüllte wie ein warmer Mantel.
"Immer noch so neugierig, du Rotschopf." Rajan nickte.

Warum spannte er ihn so auf die Folter?
Was gab es so wichtiges was er im Wald nicht erwähnen wollte?
Lag es am Wald oder an den Bäumen, dass er ihm noch nicht sagen wollte was er morgen Nacht mit ihm vor hatte?
Tausend Fragen schwirrten in Rajans Kopf wie ein ganzer Schwarm kleiner, nerviger Elfen. "Aber sag mir doch, wie es dir mit deiner Mission ergangen ist!" bettelte Rajan. Doch Morgan zog nur die Stirn knausrig wie es manchmal Dorto machte, wenn er an Rajan zweifelte oder ihm nicht glaubte.
"Rajan, glaub mir, hier im Wald ist es zu gefährlich. Es gibt war keinen anderen Gestaltenwandler. Dafür genug böse Tiere, Feen und Elfen."

Sie nicht!

Sie rannte.

Alles war verloren. Niemand konnte ihr mehr helfen.
Warum war ausgerechnet er gegangen?
Warum hatte der Tod seine eisigen Finger ausgerechnet nach Jelo ausgestreckt und ihn mit sich ins Totenreich gezogen?
Warum war nicht der Vater statt ihm gestorben.
Der Vater, der sie nur geschlagen hatte. Er war ein Biest gewesen, seine Kinder zu schlagen, die ihm halfen den Lebensunterhalt zu verdienen.
Warum hatte nicht die Mutter gereicht und Koto. Sie lagen doch schon im unendlich kalten Schoß der Erde und schliefen dort ihren unendlichen Schlaf, aus dem sie nie erwachen würden.
Was die Mutter wohl gesagt hätte, Wüsste sie, dass ihr zweiter Sohn jetzt auch schon neben ihr lag?

Er hatte Chriss und ihren Bruder geschlagen, wenn das Geld knapp wurde, weil er so viel davon in den Wirtshäusern ließ, die er fast jeden Abend besuchte. Und kam erst am frühen Morgen stockbetrunken heim. Er hatte sie geschlagen wenn sie mit der Arbeit nicht schnell genug fertig wurden. Er hatte zum Schlagen so viele Gründe gehabt.

Die Mutter war eine starke Frau gewesen. Doch die Rothkäpchengrippe hatte sie wie die anderen die an ihr erkrankt waren, nicht überstanden.
Einmal hatte sie zu Chriss gesagt:
"Sprich nie Böses von einem Menschen, wenn du es nicht gewiss weißt, und wenn du es gewiss weißt , so frage dich "Warum erzähle ich es?"
Chriss hatte nur noch einen Ring von ihr. Der Ring hatte die Mutter immer wenn sie wollte in einen Waschbären verwandelt. Er lag in einer Schublade, als Chriss die Sachen zusammen gesucht hatte, die sie für ihre Flucht brauchte.

Wie sie schauen

Rajan führte ihn durch den Wald. Immer wieder warf der Junge ihm Blicke zu die den Stolz in seiner Brust immer größer werden ließ.
Alle würden sie ihn so anschauen. Die Blicke in Angst und Ehrfurcht. Doch er war es gewöhnt. Es gab nicht viele Gestaltenwandler und einer der besten war auf ihrer Seite und kannte ihre Namen. Doch Rajans Blicke waren anders. Die Neugierde verscheuchte die Angst ganz aus den hellbraunen Augen.

Doch noch etwas konnte Morgan nicht außer Acht lassen: Die feuerrote Lockenpracht auf dem Kopf, die hellbraunen fast orangen Augen und zu guter Letzt der Phönix als Trivo ließen Morgan nur an eines denken. Doch er dachte es nicht gerne. Es machte ihm Angst, dass dem Jungen so eine Aufgabe zugeteilt werden sollte.

Der Junge lächelte ihm zu. "Da vorne ist es" sagte er immer noch lächelnd.

Ein paar Birken säumten den Rand der Lichtung. In der Dunkelheit konnte man nicht alles gut erkennen. Doch Morgan hatte einen geübten Blick in der Dunkelheit.

Auf der Insel, die von einem Bach umgeben war, standen Hütten aus Lehm wie die der Menschen.

Doch die Wege, die um die Hütten herum führten, waren tausendmal sauberer. Im Dorf war es still. Doch man merkte das sich dort noch etwas regte.

Das kleine Volk war in großer Angst vor dem Menschen. Zu viele der Großen hatten schon die Heimat der Logons, im Edminwald zerstört und zu viele kleine Logons waren beim Wiederstand gestorben. Es war nur noch fast ein Viertel des früher so großen Volkes noch übrig.

Eine Brücke führte über den kleinen Bach.

Unter der Brücke war das alte Nest von einem Lupperro. Man fand dort noch einige schwanenartige Federn, Knochen und ein paar Eierschalen, die anscheinend von seinen geschlüpften Kindern waren.

An einer Schale klebte noch etwas Schleim. Der Schleim von diesem schwanenartigen Wesen war sehr lange haltbar, heilte tiefe Wunden, ließ sie zuwachsen als wären sie nie da gewesen. Morgan beugte sich zum Nest hinunter und klaubte das bisschen Speichel von der Schale. Der Schleim war schwer zu beschaffen. Er füllte den Speichel in eine Fangflasche und steckte diese unter den Mantel.
Manche tummelten sich um den großen Kessel, aus dem Suppe ausgegeben wurde. Manche saßen am Feuer und wärmten sich. Andere tollten mit den Kindern. Es war eine schöne Stimmung. Bosco erkannte Morgan sofort. Ja, sein Cousin sah haargenau so aus wie der Großvater der beiden. Das lange graue Haar wallte in Locken bis über die Schultern. Falten, Lachfalten und Sorgenfalten. Alles fand man in dem alten Gesicht. Die himmelblauen Augen wurden grauer von Kurzsichtigkeit. Morgans Cousin, ein Logo, war der weißeste Mann der je ein Dorf geführt hatte, das war sich Morgan sicher.

Bosco drehte sich um.
Der Stolz regte sich wieder in der Brust des Gestaltenwandlers, als sogar Bosco mit Ehrfurcht zu ihm hinaufschaute.

„Morgan, schön dich zu sehen. Was treibst du in dieser verlassenen Gegend?“ Bosco lächelte zu ihm hinauf. "Ich wollte euch besuchen. Meine Mission habe ich längst aufgegeben. Es ist Schwachsinn, den Prikten zu suchen. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte. Was gibt es so Neues im Dorf?" Bosco fuhr sich durch das weiße Haar.

"Bernon wurde nach Dorgriff geschickt. Ein Zentaur. Ich glaube, du kannst dich noch an ihn erinnern. Er hatte das letzte Mal, als du das warst, einen Gnombiss abbekommen." Er lächelte schwach. Der kleine Zentaur. Ein Logon und ein Zentaur eine fabelhafte Mischung. Ja, an den Kleinen konnte er sich erinnern. Bosco winkte ihn mit sich und hinkte zu seinem Haus. Bosco holte sich bei fast allem eine Verletzung, er war der größte Unglücksrabe, den man kannte. Rajan hatte sich entfernt und saß neben einem Jungen in seinem Alter.
"Es gab eine mächtig große Feier im großen Zelt. Man wird ja nicht alle Tage in Dorgriff aufgenommen." Bosco lachte vor sich hin, während er Morgan zu einer Lehmhütte führte. "Wie war es nochmal, bei Dorgriff musste man sich doch selbst anmelden? Bei Horringfort wird einem ein Phönix vermittelt, nicht wahr? Wenn ich an die riesige Bibliothek von Horringfort denke wird mir ganz schwindelig vor Glück." Bosco nickte.

"Ja, diese Bibliothek ist wunderschön. Leider, leider, leider war ich erst einmal dort." sagte er mit leuchtenden Augen. Dann schlug er die Tür zu der Hütte auf und lächelte. "Willkommen im neuen zu Hause." Er betrat die Hütte und bat Morgan mit einer Handbewegung einzutreten.

Das 'neue zu Hause' bestand aus einem Raum. In der Hütte war es kühl und alles war leer bis auf eine Feuerstelle, ein Tisch, zwei Stühle und ein Bett. "Ach so, den Kessel und die Waschschüssel bringe ich dir. Du siehst dreckig aus, genauso wie die Menschen. Und du stinkst nach der Hinterlassenschaft eines Bären.“ Er lachte schallend und Morgan stimmte ein.

Als er sich wieder gefasst hatte, fragte Bosco: "Wo sind eigentlich deine Sachen?" Jetzt war es an Morgan zu lächeln. "Nein, ich habe sie hier. Im Perlmantel." Morgan tippte sich auf den Mantel.

"Ach so ich habe ihn. Ich habe den gefunden, den ich suchen sollte. Keiner weiß, dass ich nie den Prikten gesucht habe. Aber der, den ich suche wollte was die ganze Zeit hier. Die ganze Reise war umsonst."

Sogleich glänzten die Augen von Bosco wieder. "Du hast ihn gefunden? Welchen hast du gefunden? Luft?" Wieder lächelte Morgan.

"Wann hat Rajan den Phönix bekommen?" Bosco stutzte. "Zu seinem 14. Geburtstag. Wir haben ihn untersucht, er hatte 14 Schwanzfedern. Genau wie es verlangt ist. Du meinst doch nicht etwa?"

"Doch, doch ich meine. Alles weist darauf hin, dass er es ist. Schau ihn dir an. Er ist der Feuerkapaje."

6 Kommentare

Gwin am 5. November 2018

Oh thank you

Melissa am 27. Oktober 2018

This story is amazing and your writing style is really good! Do you want to be an author?

Christie am 27. Oktober 2018

Gwin, I translated the whole page from German to English to read your story! I hope you become a writer!

Arya am 7. Oktober 2018

Du schreibst unglaublich gut! Man konnte sich richtig gut in die Geschichte hineinversetzen.

Gwin am 22. April 2018

Danke

Teresa Fünkchen am 13. April 2018

Toll geschriebene Geschichte und gute Idee. Ich mag deinen Schreibstil sehr gern. An manchen Stellen könnte man die Geschichte noch mal überarbeiten. Ist Rajan auch ein Gestaltenwandler? Ich hoffe auf eine Fortsetzung.