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Jule Katz

Drachenflüsterin - Noélias Geschichte

Prolog

Wenn du mit den Tieren sprichst, werden sie mit dir sprechen, und ihr werdet einander kennenlernen. Wenn du nicht mit den Tieren sprichst, wirst du sie nicht kennenlernen, und was du nicht kennst, wirst du fürchten. Was du fürchtest, zerstörst du.   -Indianerweisheit-

Der Mensch glaubt manchmal, er sei zum Besitzer, zum Herrscher erhoben worden. Das ist ein Irrtum. Er ist nur ein Teil des Ganzen. Seine Aufgabe ist die eines Hüters, eines Verwalters, nicht die des Ausbeuters. Der Mensch hat Verantwortung, nicht Macht. -Onondaga-

„Alciru, Sie waren immer einer der Besten. Einer meiner besten Männer, der Klügste. Doch sie haben ihre Weisheit an einen Aberglauben verschwendet! Und nun sehen Sie, wo es Sie hin geführt hat. Ihre wahre Karriere ist am Ende. Mir war selbstverständlich bewusst, dass so ein großer Mann wie Sie nicht einfach damit aufhören würde, trotz dass man Ihnen ihre Lizenz weggenommen hat.“
„Man braucht keine Lizenz, um zu wissen, dass das was Sie tun falsch und barbarisch ist!“ „Nun, Sie haben recht damit, dass wir andere Methoden haben und auch andere Ziele verfolgen. Jedoch würde ich nicht behaupten, dass meine Absichten barbarisch sind, sie dienen nun mal einem höheren Zweck.“
„Höherem Zweck? Sie tun nur das was Ihnen selbst zu Gunsten kommt. An die wirklichen Folgen ihrer Taten, oder auch nur an das Wohl Ihres eigenen Volkes, haben Sie niemals gedacht.“ „Darüber lässt sich wohl ewig streiten. Kommen wir lieber darauf zurück, weshalb Sie überhaupt hier sind. Sagen Sie mir den Namen.“
Stille.
„Wenn Sie mir nicht den Namen verraten, dann wird Ihr Sohn darunter sehr leiden müssen. Albert ist ein sehr cleverer Junge wie ich gehört habe. Hat die besten Noten und strebt ganz nach seinem Vater. Verschmutzen Sie seinen Geist nicht mit Ihren albernen Spinnereien! Sonst endet er noch genauso wie Sie. Und ich muss Sie wohl nicht an das, was sie verloren haben, erinnern, oder Alciru?“
„Nein, das müssen Sie wirklich nicht.“
„Also. Den Namen will ich wissen.“
„Ich werde Ihnen den Namen nicht sagen.“
Bedrohliches Schweigen.
„Alciru, ich habe da ein paar Fragen an Sie. Hören Sie ihre Stimme noch immer? Dieser entsetzliche Schrei, voller Qual und Angst? Plagen Sie nachts Albträume und Schuldgefühle? Denn ich bin davon überzeugt, dass Sie es nicht vergessen haben, Sie wissen zu was ich fähig bin. Und glauben Sie mir, so wenig wie ich bei Ihrer Frau gezögert habe, genauso wenig werde ich auch bei Ihrem Sohn zögern. Hat sie Ihnen eigentlich je ihr kleines Geheimnis verraten?“ „Welches Geheimnis?“
„Sie war schwanger. Sie hören ganz richtig, sie war schon im fünften Monat, wenn ich mich recht erinnere. Ein kleines Mädchen. Wir haben Sie aus ihrem Bauch geschnitten, ja es war wirklich ein Erlebnis, dieses kleine Wesen in meinen Händen zu halten, und zu sehen wie es stirbt. Leider war Gwyndolin nicht mehr im Stande, diesen Moment mit zu erleben. Sie verlor zu schnell das Bewusstsein, welch ein Jammer.“
„Sie Bastard!“
„Na, na, na. Nun wollen wir aber mal nicht unhöflich werden. Sagen Sie mir den Namen oder Sie verlieren den letzten Menschen, der Ihnen wirklich am Herzen liegt. Opfern Sie nicht auch noch Ihren Sohn, für Ihre kranken Überzeugungen.“
„Es ist ein Mädchen.“
„Ein Mädchen? Bitte Alciru, Ihr Humor ist weniger unterhaltsam als sie denken.“
„Es stimmt. Sie besitzt dieselbe Gabe wie - wie Gwyndolin damals. Sie hat diese Gabe, die Weisheit der Drachen.“
„Nur eine alberne Legende!“
„Sie wissen selbst am besten, dass das nicht stimmt! Sie wissen was wir alle Gwyndolin verdanken, und Sie haben es schamlos missbraucht! Für Macht. Sie werden fallen, glauben Sie mir, sie werden nicht ewig so weiter machen können.“
„Es handelt sich dabei also tatsächlich um ein wertloses Mädchen?“
„Ja“
„Wie heißt sie?“
„Noélia.“
„Die Noélia?“
„Ja.“
„Nun, dann werde ich hoffen, dass Constantin den Schmerz seiner plötzlich verschwundenen Tochter übersteht und seine hervorragende Leistung darunter nicht allzu sehr leiden wird.“
„Sie sind der Teufel.“
„Und Sie ein Verräter.“

Kapitel 1: Erwachen

Die Insel schlummerte noch friedlich zwischen den rauschenden Wellen, während der Mond sanft, und von dunklen Wolken umarmt, auf sie hinab schien. Die Morgendämmerung schlich langsam über den Horizont, doch erreichte die vergoldete Stadt noch immer nicht. Weit am Rande der prachtvollen Stadt, direkt an einer steilen Klippe, befand sich ein großes Haus. Es war aus den kostbarsten Materialien gebaut worden. Die Böden waren aus Marmor, die Vorhänge an den großen Fenstern waren feinste Seide und die Sessel aus teurem Leder. Alles strahlte Ruhm und Reichtum aus. Gewiss, die Herrschaften dieses Gebäudes besaßen viel Geld, doch noch viel mehr als das, besaßen sie Wissen, Talent und Macht. Ein dunkler Schatten schlich sich durch die leeren Flure des Hauses. Flink huschte er durch die große Eingangshalle in Richtung Haustür. Von niemand bemerkt. Wie ein kleiner Geist. In allen Betten ruhten friedlich schlafende Körper, bis auf eines, welches vollkommen leer war und die Bettdecke lag ganz zerknüllt auf dem Boden, was höchst ungewöhnlich war, denn in diesem Haus herrschte Ordnung. Aber nicht nur in diesem Haus, in der ganzen Stadt galt diese Regel. Und man hielt sich daran, wenn man nicht wollte, dass über einen schlechte Dinge gesprochen wurden. Hier kannte jeder jeden, man war sich nicht fremd, man teilte und lebte gemeinsam. Die Stadt war klein, jeder der hier wohnen durfte, führte eine wichtige Aufgabe aus. So lange er dies tat, lebte man in einem wundervollen Haus mit seiner ganzen Familie. Doch war die Aufgabe getan, so musste man zurück in sein Heimatdorf kehren. Aber diese Leute, die in diesem Haus lebten, würden wohl niemals zurückkehren müssen. Sie hatten sich bei dem König Anerkennung erlangt und auch bei all den anderen Bewohnern, selbst bei denen, die sonst niemand mochte und immer grimmig durch die Welt liefen. Wahrlich, sie waren berühmt und beliebt! Und die Aufgabe, welche ihnen aufgetragen wurde, war von enormer Wichtigkeit und großer Verantwortung, keine Frage, sie würden bis zum Tod in diesem Haus leben.

Inzwischen hatte der Schatten das Haus verlassen und lief mit schnellen Schritten einen steilen Hang hinunter in Richtung Dünen. Der Schatten trug keine Schuhe und die nackten Füße spürten den kalten Sand auf ihrer rauen Sohle. Die ersten Sonnenstrahlen erhellten langsam den neuen Tag und gebannt sah der kleine Schatten in Richtung Himmel. Ganz erwartungsvoll blickte sie hinauf. Ob Sie diesmal wieder kommen würden, so wie die letzten Male? Zwar wusste der kleine Schatten, dass Sie jedes Mal kamen, immer wieder aufs Neue. Sie enttäuschten den kleinen Schatten nie, doch die Angst in ihr wuchs mit der Sehnsucht. Was, wenn Sie eines Tages einfach weg waren? Verschwunden? Der kleine Schatten wollte nicht, so wie alle anderen, Ihnen nahe kommen und Sie für sich haben. Es reichte ihr schon, wenn sie Ihnen einfach von weitem zusah. Wie Sie sich bewegten, Fische fingen, durch die eiserne Luft flogen und so anmutig dabei waren, wie kein anderes Wesen, dass sie jemals zuvor gesehen hatte. Nein, der kleine Schatten wollte Sie nur in Freiheit bei sich haben. Aufgeregt ließ sich der kleine Schatten in den feinen Sand fallen und starrte unentwegt zum Himmel. Still und bewegungslos, wie ein Stein, rührte sich der Schatten nicht vom Fleck. Denn der kleine Schatten wusste, dass man ganz still sein musste, wenn man Sie sehen wollte. Und es gab nichts, was der kleine Schatten lieber sah als Sie. Und so verging eine Stunde, und Minute für Minute, Sekunde für Sekunde. Aber der kleine Schatten verlor nicht die Hoffnung. Und tatsächlich sollte ihre Geduld an diesem Morgen belohnt werden.

Zuerst hatte der kleine Schatten Sie nicht kommen sehen, doch dann, huschte einer schneller als der andere, vom Himmel und stürzte schnell wie ein Pfeil ins Wasser und tauchte dann kurz darauf mit einem Fisch im Mund, wieder auf, bevor die großen Flügel Sie schnell zurück in Sicherheit brachten. Sie waren nicht die größten, der kleine Schatten wusste, dass diese zu den eher kleineren ihrer Art gehörten. Die Schuppen schimmerten Ingoblau und die Augen hatten die Farbe eines hellen Saphirs. Der Kopf erschien ihr etwas zu groß und die Flügel zu klein, die Krallen waren abgenutzt und hässliche Narben schmückten ihre Gesichter. Doch trotz alldem waren Sie wunderschön. Der kleine Schatten wusste genau, dass es hier in dieser Bucht die schmackhaftesten Fische gab, aber sie behielt dieses Wissen für sich, denn so konnten Sie früh in sicherer Dunkelheit kommen, um sich ein paar leckere Fische zu fangen. Für den kleinen Schatten war dies die einzige Möglichkeit, Sie friedlich aus nächster Nähe zu sehen. Es war ihr Geheimnis. Wie ein Schatz bewahrte der kleine Schatten dieses Wissen für sich, niemand sollte je von dieser kostbaren Bucht, die so versteckt lag, etwas erfahren.

Nun, da die Sonne den Tag erhellte, waren Sie wieder verschwunden, niemand wusste genau, wo sie sich tagsüber verbargen, doch der kleine Schatten wusste, dass sie morgen früh wieder zum Essen herkommen würden. Die Freude breitete sich tief in ihr aus, so wie immer, wenn der kleine Schatten ihre heimlichen Freunde getroffen hatte. Langsam stand sie auf und rannte schnell zurück, bevor ihr Verschwinden bemerkt werden konnte. Doch als der kleine Schatten wieder durch die edle Haustür trat, wurde sie sofort abgefangen. Eine mollige Frau baute sich vor ihr auf und schimpfte aufbrausend los: „Noélia! Du weißt genau, dass dein Vater deine morgendlichen Ausflüge nicht sonderlich schätzt. Wenn er dich erwischt, wird deine Strafe hart ausfallen.“ Noélia strich sich zaghaft eine blonde Strähne aus dem Gesicht und nickte. Sie wusste wie ihr Vater reagieren würde, wenn er davon erfuhr, dass sie sich jeden Morgen aus dem Bett schlich. Aber selbst, wenn er dahinter kommen würde, irgendwie würde sie die Strafe schon überstehen. Nichts könnte sie von ihren heimlichen Freunden abhalten. Die etwas dicke Haushälterin Enolda funkelte sie zornig an, weil sie spürte, wie wenig ernst Noélia ihre Ansprache nahm. „Hör zu Kleines, ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen, wirklich nicht. Dein Vater hat genug andere Sorgen, aber wenn das so weiter geht, dann kann ich nicht anders als dem Herrn Bescheid zu geben.“ Durchdringlich starrten ihre kugelrunden Fischaugen Noélia an,  so als wollte sie ihr diese Nachricht ins Hirn brennen. Wieder nickte Noélia nur stumm. Enolda seufzte und tätschelte einmal mit ihren runden Wurstfingern über Noélias blondes Haar. „Du lernst wohl nie irgendetwas. Nun husch, ab ins Bett mit dir!“

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2 Kommentare

17 am 10. April 2017

Ja, das lässt sich sehr schön lesen!

Ria am 26. März 2017

Wow, sehr guter Schreibstil!