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MH

Ein geisterhafter Waschsalon

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Die Geister der Nummer Sieben, Dullahan Square, waren keine gewöhnlichen Geister. Zum einen, weil sie sich nichts daraus machten, in verfallenen Gebäuden herumzuspuken oder in Kathedralen Touristen zu erschrecken. Die Geister verbrachten ihre Tage viel lieber damit, zu lesen. Sie besaßen eine wundervolle, riesige Bibliothek, in der sie zwischen den endlosen Regalen herumstreiften und ihre blassen Nasen in die Bücher steckten. Es waren so viele Bücher, dass man sie gar nicht alle im Laufe eines Lebens lesen konnte. Glücklicherweise waren die Geister von Nummer Sieben, Dullahan Square, eben dies - Geister, was bedeutete, dass sie sich bis in alle Ewigkeit den Geschichten in ihrer Bibliothek widmen konnten. 

Und zum anderen waren sie deshalb weit entfernt davon, gewöhnlich zu sein, weil sie den Menschen halfen, statt sie spukend heimzusuchen. Natürlich halfen sie nicht allen. Die Geister von Nummer Sieben verabscheuten verzogene, habgierige Menschen genau so sehr wie alle Gespenster es von Natur aus tun. Auf ihren nächtlichen Spaziergängen marschierten sie an den Schlafzimmern dieser Sorte Kinder und Erwachsener einfach vorbei. Dafür halfen sie denen, die sie wirklich brauchten, umso mehr. 

Wenn Menschen das Herz zerkratzt worden war, hatten sie manchmal Schwierigkeiten, einzuschlafen. Ihre zerbrechlichen Körper waren so damit beschäftigt, die kleinen Risse zu stopfen und größere Löcher zu flicken, dass die Türen zum Reich des Schlafes noch mitten in der Nacht fest verschlossen waren. Dann zupften die Geister Kopfkissen zurecht, strichen Bettdecken glatt und verschenkten in Seide verpackte Träume, die nach Hoffnung schmeckten. 

Es gab auch schwerere Fälle. Wenn ein Mensch vom Schmerz so zermürbt war, dass er drohte, unter der Last seiner Traurigkeit zu zerbrechen wie ein vertrockneter Zweig, nahm einer der Geister ihn bei der Hand und lief mit ihm leise die Gänge hinab. Er öffnete die Haustür, reichte dem Mensch Mantel und Hut und führte ihn durch die Dunkelheit bis in die Bibliothek der Nummer Sieben, Dullahan Square. Dort ließen die Geister den Menschen all seinen Schmerz aufschreiben, bis die Tinte ihm die Flecken aus dem Herzen wusch. Es war nicht schön, den Grund der eigenen Schwermut zu vergessen, denn oft klebten an der Traurigkeit noch Erinnerungen der Freude und, ganz selten, ein kleines bisschen wahre Liebe. Aber das Vergessen war nötig, um die Nächte zu überstehen. Wenn die Geister dem Menschen das Buch sanft aus der Hand nahmen, hielten sie eine neue Geschichte in den bleichen Fingern, die ihnen die Tage füllen würde. Und an der Wäscheleine des Gartens von Nummer Sieben hing ein frisch gereinigtes Herz und trocknete sanft schwingend im Wind, bis ein verschlafener Mensch es irgendwann vermissen und herunternehmen würde, wenn das Leben wieder bei ihm anklopfte. 

Kommentar

Hund am 24. Juni 2021

Megaaa