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Nadine

Einflügel

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Flieg, kleiner Schmetterling, flieg!

Und manchmal ist das so
Wir kommen auf diese Welt
mit nur einem Flügel

Und dann gibt es den Einen
Den Einen, der uns den Flügel gibt
Der uns lehrt zu wachsen
Der uns lehrt zu atmen
Der uns lehrt zu leben

 

Einflügel erinnerte sich noch genau an jenen Tag, an dem sie aus ihrem Kokon geschlüpft war. Sie hatte sich einen warmen Sommermorgen ausgesucht, der verheißungsvoll nach Neuanfang duftete. Ihr Leben als Raupe – vorbei, die Zeit im Kokon – überstanden.
Sie muss nicht viel Kraft aufwenden, es geschieht alles wie von selbst. Die Hülle reißt und sie bewegt sich einfach nach vorne. Das Sonnenlicht blendet sie leicht. Langsam, ganz langsam krabbelt sie heraus. Die Flügel fühlen sich weich an, gefaltet, als gehören sie noch nicht zu ihr.
Sie schaut nach oben. Die Schmetterlinge flattern in spielerischer Leichtigkeit hoch oben in den Lüften und tanzen ihren Grenzenlosigkeitsflug. Er erzählt von ihrer Freiheit, ihrem Ungestümsein, ihrer Lebendigkeit. Der Tanz schwärmt vom Wind, der durch Farne bläst; von Wolken, die pulverartig im nächsten Moment verpuffen; von Blumen, die ihre Körper verlockend auf den Feldern wiegen. Der Tanz der Schmetterlinge erzählt von Seen, die so tief sind, dass keiner sie je durchkämmte und an ihren Grund gelangte; von fernen Sternen, die hoch oben am Himmel ihre Lieder anstimmen und von fremden Welten, die noch nie jemand gesehen und dennoch existieren. Der Tanz heißt das neue Leben willkommen.
„Es ist soweit, es ist soweit“, hört sie Froufrou rufen und seine Stimme überschlägt sich. Sie geht noch ein Stück weiter. Da, dort hängt ein wunderschönes grün schillerndes Blatt, unter das sie sich stellen kann. Weiter, weiter, noch ein Stück. „Du musst jetzt ganz viel Luft und Blut in Deine Flügel pumpen, Kindchen. So wie Du es in der Raupenrunde gelernt hast“, ruft Frau Flügelsturm von oben herunter. Dann nimmt sie all ihre Kraft zusammen, nimmt einen schier endlosen Atemzug und pumpt. Sie fühlt, wie sich die Flügel hinter ihr aufbauschen und bewegt sie leicht. Es ein unbekanntes und doch vertrautes Gefühl. Ihr Körper scheint ihr ungewohnt leicht und schwerelos. So fühlt sich wohl eine Feder im Wind, denkt sie.
Das ist normalerweise der Moment, in dem alle klatschen, doch nichts kommt. Sie schaut nach oben, die Schmetterlinge haben zu tanzen aufgehört. Komisch, jetzt müsste doch die „Willkommen kleines Flügelpaar“-Formation kommen, bei der ihre Artgenossen eine liegende Acht fliegen. Aber sie machen gar nichts. Es scheint, als sei der gesamte Wisperwald mitsamt seinen Bewohner plötzlich stumm geworden und eingefroren.
Sie schaut Froufrou an. Der Tausendfüßler hat Tränen in den Augen. „Aber Froufrou, was ist denn? Schau mal, ich habe Flügel, ich kann fliegen“, sagt sie und blickt leicht nach hinten. „Ich habe Flüüg..“, will sie noch mal lachend sagen und dann sieht sie es. Da sind nicht zwei, sondern nur ein Flügel. Ihr linker Flügel ist groß, im Sonnenlicht leuchtet er lila, blau, aber auch türkis, in der Mitte schimmern dunkle Tupfen. Doch dort, wo ihr rechter sein sollt, ist nichts.
An die nächsten Minuten kann sich Einflügel nicht mehr erinnern. Sie hört Frau Flügelsturm „Armes Kind“ sagen und dann fliegen die Schmetterlinge weg. Jemand, der anders ist, ist nicht gerne gesehen. Anderssein ist nicht gern gesehen. Zwar waren die meisten Schmetterlinge bevorzugt Einzelgänger, doch trafen sie zusammen war es immer ein großes, buntes, lebendiges, flatteriges Wirrwarrfest. Die Flügel des Anderen wurden bestaunt, man tanzte gemeinsam in der Luft, tauschte Neuigkeiten aus, schwärmte über aromatischen Nektar. Dann flog man wieder auseinander. So waren sie: flatterhaft und nicht greifbar, mal hier, mal dort.
Und so bleiben nur Froufrou und Fagott, der Marienkäfer ohne Punkte, zurück. „Ich werde niemals fliegen können. Wie soll ich mich nun fortbewegen?“, weint sie und flattert dabei ein wenig mit ihrem Flügel. „Komm her, mein kleines Einflügelchen“, sagt Froufrou. „Wir kriegen dich schon ans Fliegen, auch wenn ich jetzt noch nicht weiß wie. Wir schaffen alles, das haben wir doch schon getan als du noch eine Raupe warst.“ Und Fagott nickt bekräftigend dazu. Das war der Moment, in dem Einflügel ihren Namen bekam.

Die Reise zur alten Ritterhelm

Waren es Wochen, waren es Monate, die seit ihrer Verwandlung verstrichen waren? Einflügel wusste es nicht und es war ihr egal. Sie hatte sich ein neues Blatt gesucht, unter dem sie nun nachts immer schlief und auch die meiste Zeit des Tages verbrachte sie entweder mit trauern oder träumen. So sehr hatte sie sich als Raupe auf ihre Zeit nach der Verpuppung gefreut. Nun war sie da und es schien ihr wie ein böser Traum. Vor den anderen Schmetterlingen versteckte Einflügel sich aus lauter Scham. Neuerdings wagte sie sich erst nachts aus ihrer Blattbehausung hinaus und suchte Nektar aus sehr tiefhängenden Blüten.
Das hatte sie Froufrou und Fagott erzählt, die daraufhin sehr wütend wurden. „Bist Du ein Nachtfalter oder gar eine Fledermaus“, schimpfte Froufrou. „Du darfst dich nicht hängenlassen.“ „Also ich habe auch keine Punkte so wie es sich eigentlich für einen Marienkäfer gehört“, pflichtete Fagott ihm bei und klopfte sich auf die Brust. „Aber ich habe gelernt damit zu leben und wenn es mir ganz schlecht geht, dann gehe ich zum Regenwurm Herrn Wenigborste, den kennst du doch, und der pinselt mir mit Matsch schnell ein paar Punkte auf den Panzer. Dann fühle ich mich wie neugeboren!“
Fagott drehte sich ein Mal im Kreis und machte eine Verbeugung. „Und Froufrou hat ja auch keine tausend Füße und bewegt sich trotzdem vorwärts.“ „Nun halt den Mund, du Idiot. Nun ärgere ich mich auch noch über dich und dein loses Mundwerk“, meckerte Froufrou und knuffte den Marienkäfer, der auf den Rücken fiel und mit den Ärmchen ruderte. Einflügel musste lachen, seit langem tönte ihr Gekicher durch den Wald und eine Gruppe vorbeigehender Mistkäfer schaute ganz erstaunt. „Ach, mein lieber Fagott“, erwiderte Einflügel, „Dann lass Dir ganz schnell neue Tupfen malen und besuche mich vor dem nächsten Regen. Aber wer soll mir denn schon einen Flügel malen?“
Und so kam es, dass sich die Freunde mit der Zeit große Sorgen um Einflügel machten, denn es schien, als habe sie jegliche Leichtigkeit verloren. „Wir müssen etwas unternehmen“, sagte Fagott eines Abends, als sie gemeinsam in Froufrous Höhle saßen. „So kann es wirklich nicht mehr weitergehen“, stimmte dieser zu und nippte gedankenverloren an seinem Brennesselpunsch. „Wie wäre es, wenn wir beim Specht Holzwurmschreck ein zweites Flügelchen in Auftrag geben. Er ist doch so künstlerisch begabt und will zukünftig nicht mehr nur stupide auf ein Loch hämmern, sondern sich neu entdecken. Das hat er mir erzählt“, schlug Fagott vor und schaute stolz, weil er so begeistert von seinem Vorschlag war.
Froufrou war nicht angetan, das merkte der Marienkäfer ihm sofort an. „Ich denke nicht, dass Einflügel mit einem Holzflügel glücklich wird. Sie braucht etwas leichtes, nichts, was sie noch mehr beschwert. Es ist nicht das Richtige, mein Lieber!“, seufzte er.
Die beiden saßen die ganze Nacht zusammen und beratschlagten. Sie sprachen von einem Besuch bei Doktor Kakerlakakis, planten einen Besuch am Wispersee, um Einflügel auf andere Gedanken zu bringen, sie überlegten noch mal mit den anderen Schmetterlingen zu sprechen, doch so wirklich zufrieden war sie nicht. „Was ist, wenn wir zur Muhme Ritterhelm gehen? Sie weiß doch immer weiter“, gähnte Fagott und streckte knackend seine Beine aus. Froufrou sprang auf und fuchtelte wild mit seinen Ärmchen. „Das ist famos, famooos, famooooos, du bist ein Genie. Die alte Muhme, darauf wäre ich nie gekommen. Morgen werden wir zu ihr gehen!“ Denn immer, wenn die Tiere des Wisperwalds Rat suchten und nicht mehr weiter wussten, gingen sie zur blinden alten Schnecke, die seit über dreißig Jahren ganz tief verborgen am verwitterten Bitterborkenbaum klebte. Dann schliefen die beiden ein.

2 Kommentare

Nadine am 22. August 2019

Vielen Dank, liebe Nada! Das freut mich von Herzen, denn Schriftstellerin zu werden ist mein Traum Die Fortsetzung folgt ganz bestimmt...versprochen

Nada am 13. August 2019

Was für eine wundervolle Geschichte! Sie fasziniert mich sehr. Bitte stell doch auch noch die Fortsetzung rein!! Du bist eine Geschichtenerzählerin, die es versteht, die Worte zum Leben zu erwecken.