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Zoë

Freiheit

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Angeekelte Blicke, weniges, schlechtes Essen, viel Dreck, keine Dusche, um ihn vom Körper zu schrubben und kalte Nächte.
Das war es, woraus Brandons Leben seit anderthalb Monaten bestand.
Anderthalb Monate obdachlos.
Anderthalb Monate, seitdem er seiner sogenannten Familie den Rücken zugekehrt und das Leben auf der Straße begonnen hatte.
Er bereute es nicht.
Es waren nun schon fünf lange Jahre vergangen, seit sein Vater, ein kleiner, alter schwacher Mann, eine neue Frau geheiratet hatte. Ein Jahr darauf war er an Krebs gestorben. Brandon und seine damals vierjährige Schwester waren bei der neuen Frau geblieben, die, ohne über den Verlust ihres Gatten zu trauern, einen neuen Mann angeschleppt hatte. Von da an war das Leben für Brandon und seine Schwester immer schlimmer geworden.
Schon bald hatten die „Eltern“ ihre Arbeit verloren und sich nicht darum bemüht eine neue zu finden. Deshalb war die Familie gezwungen gewesen in eine kleine zwei Zimmer Wohnung mit hellhörigen Wänden, einem tropfenden Wasserhahn und schmutzigen Wänden in einem Wohnblock voller armer Menschen zu ziehen. Danach waren die „Eltern“ Alkoholiker geworden und hatten den Haushalt so sehr schleifen lassen, dass Brandon mit seinen damals elf Jahren schon für seine kleine Schwester sorgen musste. Auch alles andere, was getan werden musste, war in Brandons Hände gefallen. Hatte er etwas nicht getan, falsch gemacht oder einfach übersehen, war er geschlagen worden und da er noch sehr jung, tagsüber in der Schule und am laufenden Bande erschöpft gewesen war, war das sehr häufig, wenn nicht sogar täglich vorgekommen.
Irgendwann schließlich hatte es Brandon nicht mehr ausgehalten. Weder seine Karriere noch seine Schullaufbahn hatten ihn mehr interessiert. So war er mit seiner neunjährigen Schwester davongelaufen. Mit nichts außer etwas zum Essen, das für die Beiden nicht mal zwei Tage reichen würde, warmer Kleidung und dem wenigen Geld, das sie in der Wohnung ihrer Stiefeltern hatten zusammenkratzen können.
Die Geschwister waren mit dem Bus in eine andere Stadt geflüchtet. Jetzt lebten sie auf der Straße.
Doch für das Leben, dass Brandon hinter sich gelassen hatte, ertrug er die angewiderten und mitleidigen Blicke, das wenige, schlechte Essen, das er aus Mülleimern und vom Straßenrand zusammenklaubte und die harten Parkbänke, die ihnen als Betten dienten, mit einem Lächeln.
Er hatte das Gefühl, seit dem Tod seines Vaters das erste Mal wieder wirklich zu leben.
Er liebte dieses neue Leben.
Er konnte gehen, wohin er wollte, tun und lassen, was er wollte und unter dem Zelt der Sterne schlafen.
Auf der Straße war er frei.

3 Kommentare

Zoë am 12. August 2020

@Anna: vielen Dank für deinen Kommentar @Julia Löwenherz: vielen Dank auch für deinen Kommentar, wenn ich jetzt Mal so überlege hab ich auch noch keine Geschichte über einen Obdachlosen gelesen, ist mir gar nicht aufgefallen

Julia Löwenherz am 5. August 2020

Diese kleine Geschichte hat mir sehr gefallen! Du hast gute Wörter benutzt und ich finde super, dass du "aus der Sicht eines Obdachlosen" geschrieben hast! Ich habe bis jetzt noch nie eine Geschichte über einen Obdachlosen gelesen! Wirklich toll! LG Julia

Anna am 5. August 2020

Hallo Zoë, ich finde deine Geschichte mega cool