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Minna

Gen Süden

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Der Wind tanzt mit den Zweigen,
bricht jahrelanges Schweigen,
wenn er durch tiefe Höhlen wischt,
und die Dunkelheit erfrischt.

Und die Berge reden hört er dann,
so dass er garnicht anders kann,
er muss zuhören, ihren Sagen,
von schon lang vergess‘nen Tagen.

Die Berge sprachen laut und klar,
ihre Stimmen klangen wunderbar
und so sprachen sie mit fester Stimm,
und der Wind setzte sich hin.

“Vor langer Zeit in fernem Land,
wo der Flusse fließt als Band,
wo Blümelein so zart und schön
alle Wiesen und Weiden krön’

Da lebten zwei Geschwisterlein
die Haare lockig, golden, fein,
die Augen grün wie junger Wald,
weise und klug und doch nicht kalt.

Eines Tages brachen sie auf
durch frische Wiesen führte ihr Lauf
über Fluss und Bach und Stock und Stein,
weiter in das Land hinein.

Und auch durch dunkle Wälder dicht,
wo kein Weg war mehr in Sicht,
und Düsterniss sie umgab,
am Morgen, Abend, an jedem Tag.

Die Bäume klug, die Bäume alt,
der Bäume Herzen bös und kalt,
der Bäume Seelen Fluch und Gift,
schreibten ihr Schicksal mit roter Schrift.

“Ihr Geschwisterlein, kommt in unsren Wald hinein!
Ihr Geschwisterlein, so klein, so klein.
Ihr Geschwisterlein, so kommt hinein,
Ihr Geschwisterlein, Geschwisterlein.

Und gebannt, gezwungen traten sie ein,
traten sie ein, in den Wald hinein,
und konnten nicht zurück, niemals umdreh‘n,
konnten keinen Weg mehr sehn.

So kletterte die Schwester hoch hinauf,
nahm die Gefahr gerne in Kauf,
damit ihr Bruder nach Hause konnte,
und wieder unter der Sonne wohnte.

Höher und höher, immer weiter,
ohne Seil und ohne Leiter,
bis sie letzten Endes das Blätterdach,
nach Stunden von Klettern durchbrach.

“Gen Süden, gen Süden müssen wir!
Süden ist richtig, sag ich dir!”
So stieg sie in aller Eil hinunter,
die Seel’ befreit und Stimmung munter.

Und der Baum, er erwachte,
er erwachte und lachte,
lachte bis sie fiel,
der Bäume böses Spiel.

“Gen Süden, Gen Süden müssen wir!
Süden ist richtig, fort mit dir!”
flüsterte sie, leis und zart,
und dann kam der Boden, tödlich hart.

Der kleine Bruder war allein,
wär er doch niemals hier hinein!
Und Tränen flossen, und begossen
den Waldboden.”

Die Berge verstummten, wieder Stein,
der Wind war nun ganz allein.
Und so verließ er die Berge schnell,
und besuchte die Sonne, willkommend hell.

Er verließ sie wieder, immer weiter,
die Stimmung weder froh noch heiter,
er suchte jemanden, im Dunklen Wald ,
weise und klug, und nun kalt.

Mit aller Kraft wehte er,
durch das grüne Meer,
aus Bäumen und Schatten und Bitterkeit,
durch den Wald der Ewigkeit.

Die Bäume wichen seinem Toben,
schossen zurück in den Boden,
und da, da lag ein Bübelein,
und weinte um sein Schwesterlein.

Gen Süden, gen Süden flog der Wind,
mit ihm die Seel‘ vom Menschenskind,
und brachte den Buben zur Schwester zurück.
Gen Süden.

3 Kommentare

Goupi am 1. Mai 2020

Wow, ist das lang

Linda am 30. April 2020

Wunderschön! Es hat mich zutiefst berührt. Ich finde, es ist dein schönstes Werk bis jetzt.

Marnie am 30. April 2020

Kann es sein, dass das bis jetzt dein längstes Gedicht ist?