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MH

Gestohlene Berge

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Die Berge lagen ordentlich aufgereiht da, wie Perlen an einer Schnur. An manchen Tagen hoben sie sich dunkel und scharfkantig vom Blau des Horizonts ab, an anderen verschwanden sie hinter einem nebligen Vorhang. Als würde der Regen die Alpen wie lästige Flecken unter einer dicken Schicht aus Wolken einweichen und dann aus dem trostlosen Stoff des Himmels waschen.  

Merit fand, es sah aus als wären sie gestohlen worden. Sie hatte Karl von der Geschichte erzählt, die sich ihr eines Morgens in die verschlafenen Gedanken schlich. Sich in ihrem Kopf einnistete, als sie die leere Leinwand betrachtete, auf der sonst am frühen Morgen das Gebirge wuchs. 

“Stell dir vor, ein Riese ist in der Nacht vorbeispaziert, hat die Berge gesehen und sie mitgenommen. Wie ein Kind, das Muscheln und Steine am Strand sammelt und sie sich in die Hosentaschen stopft. Vielleicht stehen die Alpen jetzt auf seinem Kaminsims, oder liegen in einer Schatulle, neben anderen geklauten Dingen, Seen oder Weltmeeren oder sowas.”

Karl hatte nur die Stirn gerunzelt, ihren Einfall weggewischt wie ein lästiges Insekt. 

Jedes mal war es das Gleiche. Fehlende Worte, verpasste Antworten, ungesagte Sätze, in denen Merit erwachte wie in einem einsamen Bett. Sie wachte oft alleine auf. Die Erinnerung an dieses Gefühl überholte sie öfter als die Kinder im Dorf mit ihren Rädern. Sie hatte es dutzend, ach was, hundert mal begrüßt wie einen Gast, den man lieber nicht hereinbitten wollte. Sie trat jedes mal wieder einen Schritt zurück, öffnete die Haustüre ein Stück, nahm der vertrauten Fremde der Einsamkeit Mantel und Hut ab. Vertraut und fremd zugleich, nichts beschrieb Karl dieser Tage treffender. Merit konnte sich nicht einmal an sein letztes Lachen erinnern, nur an die Stille, die auf ihm zu liegen schien wie Schnee auf den höchsten Gipfeln. Schnee, der viel zu lange liegen geblieben war, der noch im Sommer für weiße Kälte sorgte. Schnee, der jedes Geräusch, das sie die steinernen Hänge hinaufrief, unter einer Decke aus gefrorener Ruhe verdeckte. Bedeckte Gipfel, die dem Riesen aus den Händen glitten, die ihn die langen Finger über Merit öffnen ließen, sie mit der Wucht Karls ewig selber Gleichgültigkeit erschlugen. Sie hatte sich damit abgefunden. An manchen Tagen erfüllte Merit seine beständige Ruhe mit stiller Zufriedenheit. An anderen dachte sie, daran ersticken zu müssen. Aber sie betete jeden Tag dafür, dass Karls winterliche Steilhänge weiterhin jeden Morgen abweisend und dunkel am Horizont aufragen würden. Betete, dass nicht auch sie gestohlen werden würden. 

2 Kommentare

MH am 18. Juni 2021

@Motte: Hi, vielen vielen Dank für deine lieben Worte Ich bin 20, aber was das Geschichten stricken angeht fast noch so ungelenk wie ein junges Fohlen, ich schreibe nur selten.

Motte am 11. Juni 2021

Oh was für eine tolle Idee! Irgendwie ist es eine wehmütige aber auch total schöne Vorstellung, dass ein Riese kommt, Berge einsammelt und sie bei sich aufstellt, zumindest so wie du es beschreibst. Wie alt bist du (natürlich nur, wenn du diese Frage beantworten möchtest), denn deine Geschichten sind wirklich unfassbar gut!! LG Motte