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Zoë

Glänzen

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Sie stierte in den Spiegel, blickte in ihr eigenes erstarrtes Gesicht und folgte den zitternden, schweißnassen Händen, die eine widerspenstige Strähne aus dem weißen Gesicht im Spiegel strichen. Sie schloss die Augen, versuchte sich zusammenzureißen und versagte kläglich. Sie atmete mehrmals tief ein und aus, trank einen Schluck Wasser und zählte langsam von eins bis zehn. Nichts davon half. Ihr Herzschlag beruhigte sich einfach nicht.
Du kannst das! Das hast du schon mindestens eintausend Mal gemacht! Du würdest es im Schlaf schaffen! Stell dich nicht so an! Sagte sie sich immer und immer wieder. Wiederholte es, wie ein Mantra. Doch der Schweiß und das Zittern blieben.
„Helene? Bist du soweit?“.
Im Spiegel sah Helene eine Frau mit High Heels, einem enganliegenden, schwarzen Kleid und einem Pferdeschwanz von hinten auf sich zueilen. Das war ihre Trainerin.
„Bist du fertig? Es ist fast soweit! Du kannst gleich raus!“.
Helene drehte den Kopf langsam zu ihrer Trainerin um und sah diese verzweifelt an: „Amelia, ich glaube ich kann das nicht! Die sind doch alle viel besser als ich. Wir sollten lieber unsere Sachen packen und gehen. Das hier wird doch nichts!“.
Amelia schaute verständnisvoll in Helenes Augen: „Helene, ich weiß genau, wie du dich fühlst. Jeder kennt das. Das ist das Lampenfieber. Aber davon darfst du dich nicht unterkriegen lassen. Ich weiß, dass du das schaffen wirst. Ich habe dich doch die letzten Monate, ...ach was …, Jahre laufen sehen. Du bist ein Naturtalent!“.
Helenes Miene veränderte sich nicht im geringsten: „Aber was ist, wenn ich hinfalle oder einfach alles vergesse?“.
„Du wirst nichts vergessen, das weiß ich und wenn du hinfällst, dann stehst du wieder auf, richtest dein Krönchen und läufst weiter.“
Jetzt zeigte sich die ganz schwache Spur eines Lächelns auf Helenes Gesicht und sie antwortete zögerlich: „Na gut… Ich denke mal, dann werde ich es durchziehen. Ich habe ja auch so gut wie keine Wahl. Aber du musst mir versprechen, dass, wenn es nichts wird, wovon ich ausgehe, ich nie wieder einen der Menschen sehen werde, die mir gleich zugucken!“.
„Das kann ich dir gar nicht versprechen, außer du ziehst auf eine einsame Insel. Aber es ist auch gar nicht nötig dir das zu versprechen, denn es wird mindestens etwas werden“, erwiderte Amelia, warf dann einen Blick auf ihre Uhr und sagte: „Du hast jetzt noch zehn Minuten. Mach dich schnell fertig und dann rockst du das Ding hier. Mach dir keine Sorgen mehr.“
Mit diesen Worten verschwand Amelia und Helene blieb alleine mit dem Spiegel zurück.
„Ich kann das!“, sagte sie ihrer Spiegelung ins Gesicht, obwohl sie davon nicht einmal selbst überzeugt war. Dann zog noch einmal ihren Lippenstift nach, richtete die letzten Spängchen, holte ihre Schlittschuhe aus der Tasche, die neben ihrem Stuhl stand, schlüpfte hinein, band sie zu und stand dann etwas wackelig auf. Mit gesenktem Kopf und immer noch ein wenig zittrig bewegte Helene sich in die Richtung der Eisfläche. Dort angekommen wartete sie aufgeregt darauf, dass es losging. Dann wurde ihr Name angerufen. Helene schritt wie ferngesteuert die letzten zwei Meter vorwärts, dann stand sie auf dem Eis. Sie glitt bis zu dem Punkt, an dem sie beginnen würde und verharrte dort in der Startposition. In dem Moment, in dem die Musik begann, viel ein Großteil der Anspannung von Helene. Sie wirbelte über die Fläche, bewegte sich zur Musik, drehte sich und sprang. Mit jeder Sekunde nahm ihr Selbstvertrauen zu. Nicht einmal fiel sie hin. Es war ganz einfach und sie war gut darin. Warum hatte sie vorhin noch so stark daran gezweifelt?
Viel zu schnell kam das Ende, doch das war nicht schlimm, denn Helene wurde mit einem tosenden Applaus belohnt. Sie fühlte sich, wie ausgewechselt. So als wäre die Person, die vorhin vor dem Spiegel gesessen hatte und voller Verzweiflung gewesen war eine ganz andere und nicht sie selbst gewesen.
Helene verbeugte sich und schwebte strahlend zum Rand der Eisfläche, wo sie bereits von der jubelnden Amelia erwartet wurde.

2 Kommentare

Zoë am 29. August 2020

Danke Colibri! Ich war mir zuerst nicht sicher, ob ihr Stimmungswandel vielleicht zu schnell geht und war mir deshalb etwas unsicher umso mehr freut es mich, dass es dir gefällt

Colibri am 13. August 2020

Wunderschön! Richtig gut beschrieben und gut herausgezögert, was sie vor dem Publikum tun muss!